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Der Dompteur der Baulöwen
Senatsbaudirektor Stimmann geht in Ruhestand. Kein anderer Beamter prägte das neue Berlin wie er. Sein größtes Werk ist der Potsdamer Platz. Der Tagesspiegel würdigt seine Arbeit mit einem Symposium.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 6. Juni 2006, Seite ?? (Berlin) von FALK JAEGER. [Original]BERLIN (Tsp). Der Senatsbaudirektor und Staatssekretär für Stadtentwicklung Hans Stimmann zieht sich im Herbst nach 15 Jahren zurück. Damit endet eine der aufregendsten Phasen der Berliner Stadtbaugeschichte. Denn der Mauerfall und die Wiedervereinigung der beiden Halbstädte erforderten ein gewaltiges Bauvolumen. Mit einem dreiteiligen Symposium will der Tagesspiegel eine Bilanz ziehen. Anhand dreier markanter Orte soll über Chancen, Gelingen, aber auch versagte Wünsche und Grenzen des Städtebaus diskutiert werden. Teil 1: Der Potsdamer und Leipziger Platz.
Als sich Daimler-Chrysler mit Edzard Reuter an der Spitze schon vor der Wende entschloss, in der mauerbedingten Wüstenei am ehemaligen Potsdamer Platz mit der Debis-Zentrale ein Fanal zu errichten und die Entwicklung der am Rand des Todesstreifens dahindämmernden Stadtbrache voranzutreiben, hatten die Konzernoberen noch ganz eigene Vorstellungen. Als es dann ans Projektieren ging, konnte man sogar das Zusammenwachsen mit Berlin-Mitte einplanen.
TAGESSPIEGEL-SYMPOSIEN
Aus: Der Tagesspiegel, 6.6.2006.POTSDAMER PLATZ
Am Donnerstag, 8. Juni, diskutieren Eberhard Diepgen, einst Regierender Bürgermeister, der Bauherr Hans-Jürgen Ahlbrecht (Daimler-Chrysler) und der Architekt Hans Kollhoff. An diesem wie an den anderen beiden Abenden des Symposiums moderiert der Architekturkritiker Gerwin Zohlen. Beginn jeweils um 19 Uhr im Lichtburgforum der Gartenstadt Atlantic, Behmstraße 13, U/S-Gesundbrunnen. Eintritt frei, Anmeldung: 499 88 151. [mehr]FRIEDRICHSTRASSE
Am Donnerstag, 15. Juni, diskutieren Senatsbaudirektor Hans Stimmann (SPD), Stadträtin Dorothee Dubrau (Grüne) und die Dussmann-Geschäftsführerin Martina Tittel.PARISER PLATZ
Am Donnerstag, 22. Juni, diskutieren die CDU-Bundestags- abgeordnete Monika Grütters, Ex-Stadtentwicklungssenator Volker Hassemer (CDU) und der Stadtplaner Dieter Hoffmann-Axthelm. [mehr]Aber da betrat Hans Stimmann im Mai 1991 die politische Bühne. Die Ausschreibung für den Wettbewerb durch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung war zwar bereits formuliert, doch der neue Senatsbaudirektor brachte die Planungshoheit rasch und entschieden an sich, zunächst durch die gezielte Auswahl von 16 Architektenteams, die im Juni zu dem beschränkten Wettbewerb eingeladen wurden. Stimmanns städtebauliche Grundüberzeugung gebot ihm entschiedene Einflussnahme auf das bedeutendste Bauvorhaben der wiedervereinigten Stadt. Nicht immer mit der vorbehaltlosen Rückendeckung seines eher politisch agierenden Senators Wolfgang Nagel bezog er eine kompromisslose Position, die oft genug im Widerspruch zu jener der Investoren stand. Die haben zu bauen, was die Senatsverwaltung vorgibt, so sein Credo.
Gleich in der ersten Jurysitzung machte er keinen Hehl daraus, dass den milliardenschweren Investoren in diesem Verfahren nur ein Beobachterstatus zugestanden sei. Eloquent und hartnäckig, fachlich beschlagen und allzeit gut vorbereitet, majorisierte er wie in seiner Amtszeit auch dieses erste Preisgericht. Das Ergebnis, der Entwurf von Hilmer und Sattler, entsprach Stimmanns Vorstellungen von der Europäischen Stadt, die er rasch zur Doktrin verfestigt hatte. Es geht dabei um die Rückbesinnung auf den Städtebau des 19. Jahrhunderts, um das Gedächtnis der Stadt, um die Wiedergewinnung der Straßen- und Platzräume durch Blockrandbebauung, um durchgängige, moderate Bauhöhen und um ein urbanes Stadtleben in diesen öffentlichen Straßen.
Den Investoren Debis, Sony, ABB und Hertie behagten die Pläne keineswegs. Zu konservativ, zu uninspiriert und unflexibel, so ihr Urteil. Sie haben hier keine Stimme, musste sich jedoch der Daimler-Benz-Vorstandsvorsitzende Werner Breitschwerdt vom Senatsbaudirektor abkanzeln lassen. Das ganze Vorhaben drohte zu scheitern (nicht zum einzigen Mal). Nun war der Zeitpunkt gekommen, einen geheim gehaltenen Gegenvorschlag von Richard Rogers zu präsentieren, den die Investoren in Auftrag gegeben hatten. Der Druck zeigte Wirkung, neue Gespräche fanden statt und führten zu einer Aufweichung der Planvorgaben von Hilmer und Sattler.
Zunächst schrieb Sony seinen Bauwettbewerb aus und kürte Helmut Jahn aus Chicago als Sieger. Mit Jahns Stahl- und Glas-Architektur, der auftrumpfenden Baugestalt und dem privaten öffentlichen Raum unter dem Zeltdach konnte sich Stimmann nicht anfreunden. Er war dagegen, dass das Sony-Areal von nur einem Architekten gestaltet wird. Gleichwohl waren hier Kräfte am Werk, die sich gegen ihn durchzusetzen vermochten. Renzo Piano gewann den Architekturwettbewerb des Debis-Areals, diesmal eher in Stimmanns Sinn.
Doch kurz darauf entspann sich ein weiterer Disput. Debis und die ECE als Betreiber des geplanten Einkaufszentrums wollten eine geschlossene Passage entwickeln, Stimmann hingegen bestand auf offenen Straßen. Damals malten altlinke Stadttheoretiker den Großinvestoren das Schreckbild vom privatisierten öffentlichen Raum aus, in dem Privatsheriffs rigoros für Ordnung sorgen und für normales Stadtleben mit weniger kaufkräftigem Publikum oder gar Straßenmusikanten kein Platz ist.
Nachdem sich Debis und ECE soweit durchsetzen konnten, dass doch ein überdachtes Einkaufszentrum, die Potsdamer Platz Arkaden, gebaut wurde, ging es Stimmann nun darum, diesem den Charakter einer überdachten Straße zu verleihen. Nicht das Interieur eines Kaufhauses, sondern eine Flanierstraße war sein Ziel. Damit konnte er sich durchsetzen, sehr zum Vorteil des Quartiers, wie heute alle Beteiligten einräumen.
Inzwischen sind die Kritiker leise geworden. Niemand spricht mehr von einem unorganischen, synthetischen Stück Stadt. 70.000 Besucher täglich stimmen mit den Füßen ab und bezeugen, dass das Quartier zu einem Aktivposten der Stadt und international zu einem Vorzeigeprojekt geworden ist. Senatsbaudirektor Stimmann hat seinen Anteil an diesem Erfolg und der gehört zu den erfreulicheren Resultaten seiner Amtszeit. [mehr] [Berlin-Report zum Potsdamer Platz]
Ruppig, stur und sehr erfolgreich
Senatsbaudirektor Hans Stimmann setzte am Potsdamer Platz seine Ideen durch zum Vorteil Berlins.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 10. Juni 2006, Seite ?? (Berlin) von CHRISTOPH LEMMER. [Original]BERLIN (Tsp). Ohne Senatsbaudirektor Hans Stimmann sähe der Potsdamer Platz und damit die Berliner Mitte heute anders aus. Darüber waren sich rückblickend drei der führenden Planer und Entscheider einig: Der damalige Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen, Bauherr Hans-Jürgen Ahlbrecht von Daimler-Chrysler und der Architekt Hans Kollhoff. Im voll besetzten Saal des Weddinger Lichtburg-Forums in der Gartenstadt Atlantic zogen die 3 auf Einladung des Tagesspiegels eine Bilanz über ein Bauvorhaben, das nach Ansicht des Architekturkritikers Gerwin Zohlen weltweit einmalig ist.
Als Anfang der 90er Jahre die ersten Pläne für die Bebauung des Potsdamer Platzes geschmiedet wurden, reichten die Vorstellungen von gigantischen Hochhauskonzepten bis zu transparenten Glaspalästen. Die Investoren Daimler, Sony, ABB, Hertie wollten gewaltige 8 Milliarden Euro investieren. Stadtplaner beschäftigten sich mit der Frage, wie das brachliegende Areal ästhetisch und funktional gestaltet werden solle. Das Konzept der europäischen Stadt stand gegen Ideen der internationalen Geldgeber, die Hochhäuser und ein überdachtes und fensterloses Einkaufszentrum wollten.
Hans Kollhoff, der am Platz direkt gegenüber dem Sony-Glasturm ein Hochhaus mit einer Backsteinfassade baute, sprach von einem Paradigmenwechsel und entfesselter Dynamik, die dieser leere Platz mitten in Berlin auslöste. Milliardensummen und fantastische Wachstumsprognosen das neue Berlin schien tragfähig für jeden Traum. Die Träume der Geldgeber aber rieben sich an der Berliner Verwaltung. Mehr als einmal habe Daimler ein Ende seines Engagements erwogen, bekannte Ahlbrecht. Man hatte es zu tun mit Beamten, die in West-Berliner Zeiten niemals mit Großprojekten zu tun hatten, bestenfalls dann und wann den Bau einer Gartenlaube genehmigten und mit den anspruchsvollen Plänen für den Potsdamer Platz überfordert gewesen seien.
Teile des Areals seien schlicht schwarz gebaut worden, weil der Bau schneller voranschritt als die Ausstellung der notwendigen Papiere, sagte Ahlbrecht. Und mit Senatsbaudirektor Hans Stimmann gab es jahrelang hitzige Diskussionen, etwa über die Gestaltung der Potsdamer Platz Arkaden, die Stimmann offen, ohne Dach und mit typischen Berliner Alleebäumen wünschte, die sich die Investoren aber eher als geschlossene Shopping-Mall vorstellten. Posemuckel nannten das die Investoren, die in anderen Ländern viel freier agieren konnten, sich aber letztlich doch Stimmanns Idee der europäischen Stadt beugten.
Auch der Senat war mit Stimmann nicht immer glücklich, bekannte Diepgen. Es habe viele Beschwerden gegeben, nicht nur über seine rigide Ablehnung von Hochhausbebauung, seine kompromisslose Verteidigung der Berliner Traufhöhe von 22 Metern, am Potsdamer Platz ausnahmsweise 35 Metern, sondern auch über seinen rauen Ton und diese Erfahrung teilten die Diskutanten seine bisweilen schlechten Manieren. Aus der heutigen Perspektive bewerten die damaligen Entscheider den Einfluss des unbeugsamen Stimmann allerdings anders. Seine Rigidität war notwendig, resümierte Diepgen, weil er es geschafft habe, die Bauherren des Potsdamer Platzes zu einer freundlichen und menschlichen Architektur zu bewegen.
Bauherr Ahlbrecht bekennt, Stimmann habe bei aller Sturheit eine klare Vorstellung besessen, wie die einstige Brache zwischen Kulturforum und Alex aussehen sollte anders als seine Senatoren, die ihre Entscheidungen häufig an tagesaktuellen Umfrageergebnissen ausgerichtet hätten und nicht an städtebaulichen Perspektiven. Der Potsdamer Platz sei gelungen, war sich das Podium einig, wenngleich noch nicht alles fertig sei. Ein Fußweg in die Staatsbibliothek sei vorbereitet, erinnerte Ahlbrecht, nur gebe es bis heute keinen Anschluss in den Scharoun-Bau an der Potsdamer Straße. Hier fehle noch ein Stück, um Kommerz und Kultur zu verbinden. [mehr] [Berlin-Report zum Potsdamer Platz]
Erst hinter der Fassade wird’s schön
Mit Hans Stimmanns Gestaltung des Pariser Platzes sind Architekturexperten nicht zufrieden.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 25. Juni 2006, Seite ?? (Berlin) von FALK JAEGER. [Original]BERLIN (Tsp). Ich habe mit dem Pariser Platz meinen Frieden gemacht, gestand der Stadtplaner Dieter Hoffmann-Axthelm. 1991 hatte er in einem Gutachten eine ganz andere Vision entwickelt. Damit das Brandenburger Tor besser als Wahrzeichen Berlins wirken kann, wollte er es als Solitär herausstellen, die Westseite des Platzes offen lassen und für die Längsseiten nicht mehr als 10 Meter Traufhöhe zulassen. Die Idee einer derartigen Monumentalisierung des Tors wurde seinerzeit von Volker Hassemers Senatsverwaltung für Stadtentwicklung torpediert. Josef Paul Kleihues konnte [Ed: überraschend schnell] seine klassizistischen Etüden Haus Sommer und Haus Liebermann neben dem Tor bauen. Am restlichen Platz wurde den Investoren die übliche Bauhöhe zugestanden.
Das melancholische Fazit Dieter Hoffmann-Axthelms zog sich wie ein roter Faden durch das Expertengespräch, zu dem der Tagesspiegel ins Lichtburgforum der Gartenstadt Atlantic in Wedding eingeladen hatte. Es war die letzte von drei Veranstaltungen zur Bilanz der Arbeit von Senatsbaudirektor Hans Stimmann. Es diskutierten CDU-Bundestagsabgeordnete Monika Grütters, Ex-Senator Volker Hassemer, Stadtplaner Dieter Hoffmann-Axthelm und Architekturkritiker Gerwin Zohlen. Was den Pariser Platz angeht, waren sie sich einig: Ein großer Wurf ist es nicht geworden, was manche die gute Stube, andere den Salon der Hauptstadt nennen.
Ist Hans Stimmann schuld, der für ganz Mitte Baulinie, Trauf- und Firsthöhe festlegte sowie den Stein als Fassadenmaterial, den prozentualen Anteil an Fensteröffnungen und die Fensterformate vorgeschrieben hat? Frank Gehrys DZ Bank sei der Beweis, dass man mit Stimmanns Festlegung auch großartige Architektur machen kann. Auch darüber ist man sich nicht nur auf diesem Podium einig. Allerdings findet die Architektur im Saale statt, das gilt nicht nur für Gehry, sondern auch für Meinhard von Gerkans Dresdner Bank mit ihrer beeindruckenden Rotunde, für Christian de Portzamparcs Französische Botschaft sowie für Behnischs Akademie der Künste mit ihren dramatischen Treppenkaskaden. Hassemer drückte es so aus: Wenn man die Schwelle überschritten hat und hinter die Fassade gelangt, wird’s schön.
Er wunderte sich darüber, was Stimmann alles entschieden haben soll. Aber es reichte offenbar dafür, dass man in Architektenkreisen verbittert war. Zwar weist der Senatsbaudirektor immer wieder darauf hin, dass es lediglich für den Pariser Platz eine Gestaltungssatzung gegeben habe, doch für das übrige Berlin-Mitte war er die wandelnde Gestaltungssatzung. Wie ehemals Wilhelm II., der sich wichtige Baupläne vorlegen ließ und mit Kommentaren zu versehen pflegte, bestellte auch Stimmann die Architekten ein und las ihnen die Leviten. Unbotmäßigkeit empfahl sich nicht, denn auf Verzögerungen bei der Baugenehmigung reagieren Investoren empfindlich. Berlin sei deshalb dank Stimmann an vielen Stellen unter der Latte durchgelaufen, sagte Hassemer. Die internationalen Stararchitekten hätten vor allem mit der Knebelung in der Materialfrage ihre Probleme gehabt.
Die CDU-Bundestagsabgeordnete und Sprecherin der Stiftung Brandenburger Tor, Monika Grütters, betonte, dass sie damals gemeinsam mit Hassemer als Einzige in der CDU einer Ausnahmegenehmigung von der Satzung für den Akademieneubau zugestimmt habe. Umso mehr stimme sie traurig, dass ausgerechnet Günter Behnisch und Werner Durth mit ihrer Fassade versagt haben.
Grütters wünscht sich einen Kaffeehausplatz und beklagt die Nutzung des Platzes. Die ständigen Events mit den Buden, Plakatwänden und Installationen von der RTL-Sprungschanze bis zum WM-Riesenfußball führten dazu, dass die Touristen Mühe hätten, vom Berliner Wahrzeichen Fotos zu machen. Zwar ist der Platz, wie Moderator Gerwin Zohlen beklagt, durch Stiefmütterchenrabatten als nostalgisches Ambiente der Kaiserzeit kostümiert worden, doch Volker Hassemer sieht darin den Vorteil, dass man ihn sonst noch mehr mit Eventkultur vollstellen würde. [mehr]
Hoch hinaus für das neue Berlin
Daimler-Chrysler baute, Senatsbaudirektor Hans Stimmann entschied mit. Lesertour im Quartier am Potsdamer Platz.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 3. Juli 2006, Seite ?? (Berlin) von CHRISTIAN VAN LESSEN. [Original]BERLIN (Tsp). Das Viertel beeindruckt noch immer, erst recht aus einer Sicht, die bislang streng geheim war. Von der Terrasse im 14. Stockwerk des Debis-Hochhauses am Reichpietschufer machten sich jetzt Tagesspiegel-Leser ein ganz neues Bild vom Quartier Potsdamer Platz. Mit 19 Gebäuden, 2 Plätzen und 10 Straßen ist das von Daimler-Chrysler errichtete Viertel zu einem Begriff des neuen Berlin geworden. Auch zu einer der Orte in der Stadt, die mit dem Wirken von Senatsbaudirektor Hans Stimmann, dessen Amtszeit in Kürze endet, verbunden sind.
Der Tagesspiegel hat in den letzten Wochen diese Orte wie den Pariser Platz oder die Friedrichstraße ausgewählt, um sie im Rahmen von Podiumsdiskussionen und Führungen vorzustellen: Als Abschluss nun mit einer Führung am Potsdamer Platz. Ost und West sind hier zusammengekommen, wie auf neutralem Gelände, sagt Leserin Ingelore Petrasch. Von oben sucht sie das Haus Huth, das als einziges altes Gebäude übrig geblieben ist. Es ist zwischen den neuen Nachbarn kaum noch zu erkennen. Eigentlich wollte Daimler-Chryslers Tochtergesellschaft Debis hier sogar das höchste Büro-Gebäude Europas bauen wollen, erzählt Unternehmenssprecherin Ute Wüest von Vellberg. Die Berliner Stadtplanung wollte es aber etwas flacher und entschied sich für die Planung des italienischen Architekten Renzo Piano. Immerhin wurden für das Quartier 3 hohe Bürotürme genehmigt, 2 von Renzo Piano (so das Debis-Haus), einer von Hans Kollhoff entworfen. Der höchste unter ihnen ist mit 105 Metern der rote Büroriese direkt am Potsdamer Platz.
Vor dem Bau des Quartiers 1994 musste viel Bürokratie überwunden werden. Ute Wüest von Vellberg erzählt, dass zunächst Welten aufeinander gestoßen seien. Die Investoren hätten es zunächst mit unflexiblen Ämtern zu tun gehabt. Das Zwei-Milliarden-Projekt eines neuen Stadtteils soll schon auf der Kippe gestanden haben. Dann aber habe der Senat eine fitte Truppe zusammengestellt, und mit Senatsbaudirektor Stimmann sei gut und konstruktiv zusammengearbeitet worden, sagt die Sprecherin.
Die Teilnehmer der Lesertour erfahren, dass der Autokonzern kurz vor dem Mauerfall eigentlich nur eine Bürozentrale bauen wollte und dafür vom Senat 3 Grundstücksangebote erhielt: Das Klingelhöfer-Dreieck an der Klingelhöferstraße, das Lenné-Dreieck an der Lennéstraße und das Gelände am Potsdamer Platz. Die Verträge waren noch nicht unterschrieben, da fiel die Mauer und das Unternehmen wusste, dass am favorisierten Potsdamer Platz eine Bürozentrale zu wenig ist. So entstand bis 1998 ein ganzer Stadtteil, der sich bewährt hat.
Das Imax-Kino aber rechnete sich nicht, wird nun zum Theater umgebaut. Sonst aber stimmen die Umsätze. Die Arkaden gehören nach Auskunft der Unternehmenssprecherin zu den erfolgreichsten deutschen Shopping Malls. Leserin Ria Krauß will aber auch wissen, ob alle Wohnungen vermietet sind: Kein Problem, heißt es. Aber leider habe man, wie sich herausstellte, zu kleine Wohnungen gebaut. Viele wurden zusammengelegt.
Grüne Dächer, unterirdische Zisternen, die Regenwasser sammeln und dann für die Toilettenspülung nutzen, wassergekühlte Decken statt Klimaanlagen die Leser erfahren, wie bauökologisch fortschrittlich am Platz gebaut wurde. Musterbeispiel ist dafür das Debis-Hochhaus an der Eichhornstraße nähe Reichpietschufer. Und der Piano-See davor ist fischreich, wie die Erbauer es nie erwartet hatten. Dabei wurden anfangs gar keine Fische ausgesetzt. Nun haben sich sogar Flusskrebse angesiedelt. Auch Reiher. Beim Rundgang sonnte sich auf einem Stein im Wasser eine Schildkröte. Drei davon leben hier in freier Wildbahn mitten in der Stadt.
Brandenburger Tor statt Frankfurter Römer
Noch nie war Berlin so selbstverständlich Hauptstadt wie zur WM / [Ed: es wurde ja auch Zeit und wo wohnt eigentlich dieser angestaubte Deutsche Fußball-Bund...]
Aus: Berliner Morgenpost, 11. Juli 2006, Seite ?? (Berlin) von JOACHIM FAHRUN. [Original]Kann sich noch jemand an Leverkusen erinnern? An die beleidigten Reaktionen, als Jürgen Klinsmann sich entschied, sein WM-Team nicht neben dem Bayer-Werk am Rhein, sondern in der deutschen Hauptstadt logieren zu lassen? Kann sich nach dem sonntäglichen Wahnsinn um Klinsis Boy-Group vor dem Brandenburger Tor jemand vorstellen, daß eine erfolgreiche deutsche Fußball-Mannschaft noch einmal vor der rekonstruierten Fachwerk-Kulisse des Frankfurter Römerbergs vom Rathaus-Balkon winkt? [Ed: nein, dort ist ja ‚not open-minded‘ Provinz...]
Was bleibt von der Weltmeisterschaft in Berlin außer einem neuen Spielfeld für Herthas Kicker in der Finalarena und frischem Rasen vor dem Reichstag, wo zum Fest die Adidas-Arena bebte?
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Die WM-Fanmeile am Brandenburger Tor. (Foto: 14.6.2006 mopo)
Fröhlicher Patriotismus
Berlin hat sich im Zuge der fröhlichen Wiedergeburt des deutschen Patriotismus wie nie zuvor als selbstverständliche Hauptstadt etabliert. Das wird über ein freudentrunkenes einig Fußball-Land hinaus Bedeutung behalten.Eher als die Berliner selbst waren es zunächst die Besucher aus dem Ausland und aus anderen deutschen Städten, die zur Party der Superlative in die deutsche Symbolzone zwischen Reichstag, Potsdamer Platz, Siegessäule und Brandenburger Tor strömten. Selbst sachliche Menschen aus dem weltoffenen Hamburg priesen die lockere Atmosphäre und das internationale Flair auf der gigantischen Berliner Fanmeile.
Kein Zufall vielleicht, daß zeitgleich zu diesem fußballbedingten Wandel im Blick vieler Bürger und konservativer Verbandsfunktionäre auf die ungeliebte Metropole im Osten die deutschen Volksvertreter beschlossen haben, die Rolle Berlins im föderalen Staat künftig mit einer Hauptstadtklausel im Grundgesetz zu verankern. Berlin hat als weltweit bewunderte Kulisse für das Selbsterkennungsspektakel der Deutschen tatsächlich erstmals einer breiten Öffentlichkeit deutlich gemacht, was eine teuer bezahlte Hauptstadt auch für andere Landesteile zu leisten vermag. Die Stadt ist das Aushängeschild für jenes feierfreudige, entspannte, freundliche Deutschland, das viele ausländische Beobachter in den vergangenen vier Wochen so verblüffte.
Wertheim-Areal in Berlin steht zum Verkauf
[Ed: und nun besteht die einmalige Chance, daß ein pfiffiger Investor am Leipziger Platz ergänzend zur wunderschönen Shopping-Mall in der benachbarten Daimler-City wieder ein Warenhaus mit vollem Warenangebot in wegweisender Architektur baut das Wertheim fehlt hier sehr]
Aus: Berliner Morgenpost, 11. Juli 2006, Seite ?? (Berlin). [Original]
BERLIN (AP). Das lange vor Gericht umstrittene Wertheim-Areal im Herzen Berlins steht zum Verkauf. Die 3 Fußballfelder große Brache zwischen Leipziger Platz und Bundesrat, die einst der von den Nationalsozialisten enteigneten jüdischen Kaufmannsfamilie Wertheim gehörte, ist die letzte Spitzenimmobilie in der Hauptstadt. In den bisherigen Rechtsstreitigkeiten war das Areal auf 20 Millionen Euro taxiert worden. Die heute unbebaute Fläche von 22.000 Quadratmetern Größe war der Standort des 1897 eröffneten Wertheim-Kaufhauses, das durch Umfang und Architektur in Berlin Maßstäbe setzte. Bei einem Bombengroßangriff im Februar 1945 wurde es fast vollständig vernichtet.
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Das rekonstruierte Oktogon des Leipziger Platzes. In der großen Lücke unten links stand früher das Warenhaus Wertheim. (Foto: um 2004 bztg?)
Seit dem Bau der Mauer 1961 bis zu ihrem Fall 1989 lag das Areal wie der benachbarte Potsdamer Platz im Todesstreifen. Heute sind alle angrenzenden Grundstücke bebaut. So befinden sich auf dem Leipziger Platz in unmittelbarer Nachbarschaft die kanadische Botschaft und das Mosse Palais.
In den Verfahren war es um die Grundstücke an der Leipziger Straße beziehungsweise um deren Verkaufserlös gegangen. Das Landesamt zur Regelung offener Vermögensfragen hatte das Areal bereits 2001 der Jewish Claims Conference (JCC) zugesprochen, die bei Entschädigungs- Verhandlungen NS-Opfer und deren Erben, in diesem Fall die Wertheim- Erben, vertritt. KarstadtQuelle klagte dagegen, zog aber im Dezember 2005 wegen eines Urteils des Bundesverwaltungsgerichtes in einem anderen Fall seine Klage wegen mangelnder Erfolgsaussichten zurück.
Mehr zu diesem Thema:
[05.02.2004: Ein Kaufhaus für die Berliner City Wo sind die attraktiven Einkaufsmöglichkeiten?] (khd-Page)
Die City-West hängt in der Warteschleife
Viele Projekte gibt es seit Jahren auf dem Reißbrett.
Aus: Berliner Zeitung, 11. Juli 2006, Seite ?? (Berlin) von BIRGITT ELTZEL. [Original]CHARLOTTENBURG. Mehr als 118.000 Unterschriften gegen die Schließung des Bahnhofs Zoo als Fernbahnhof hat Helga Frisch bereits gesammelt. Seit dem 28. Mai halten ICE- und Intercity-Züge nicht mehr am Zoo. "Wir fühlen uns abgehängt", sagt die Pfarrerin im Ruhestand. Nicht nur die ortsansässigen Geschäftsleute hätten Einbußen zu beklagen, auch private Investoren würden jetzt überlegen, ob sie in der Gegend um die Gedächtniskirche tätig werden.
Mit der Entwicklung der City-West sollte sich gestern eine Standortkonferenz der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung befassen. Private Investitionen in Milliardenhöhe sind in der westlichen Innenstadt bereits seit Jahren geplant. Doch nur die wenigsten davon wurden bisher realisiert wie das Büro- und Einkaufszentrum Neues Kranzler Eck und das Kudamm Eck an der Joachimstaler Straße mit C&A und dem Hotel Concorde. "Das Problem der City-West ist, dass alle Projekte dort so wahnsinnig lange dauern", sagt Wirtschaftsstadtrat Bernhard Skrodzki (FDP).
Baugrube statt Hochhaus
Schon 1995 hatte der Senat beschlossen, die Citybereiche am Zoo städtebaulich aufzuwerten. Dazu sollte unter anderem der Bereich der Technischen Universität über die Hertzallee geöffnet werden und als "Campus City" am öffentlichen Leben teilnehmen. Zwei Jahre später wurden Pläne für Hochhäuser rund um die Gedächtniskirche präsentiert. Doch an das 1991 von dem britischen Architekten Richard Rogers entworfene "Zoofenster" (118 Meter) erinnert bis heute nur eine tiefe Baugrube umhüllt von Riesenpostern. Das Vorhaben der Unternehmensgruppe Ebertz und Partner wurde 2002 gestoppt, als die Hilton-Gruppe von ihrem Vertrag zurücktrat. Auch das "Neue Schimmelpfenghaus" (119 Meter) der Casia Immobilien-Management GmbH, dem das denkmalgeschützte Schimmelpfenghaus an der Kantstraße weichen soll, ist noch nicht realisiert.Das Projekt "Zoobogen" der Bayerischen Bau- und Immobilien Gruppe lässt ebenfalls auf sich warten. "Gespräche mit dem Senat und dem Bezirk laufen", sagt Firmensprecher Thomas Empt. Wie berichtet, soll das Bikinihaus zu einer Shopping-Mall umgebaut, ein Hotel draufgesetzt werden. Das "Hochhaus" am Zoo wird saniert. Laut Empt will der Investor den Zoo-Palast als Kinostandort erhalten und umbauen Voraussetzung, es findet sich ein langfristiger Mieter.
Den Baubeginn kann Empt nicht nennen: "Für diesen Standort braucht man einen langen Atem." Weil das Unternehmen aber an die City-West glaube, habe es sich an einem Projekt der öffentlichen Hand beteiligt: 500.000 der rund 3,2 Millionen Euro für den Rückbau des Tunnels an der Budapester Straße kamen von Anrainern. Seit Ende Mai ist der Breitscheidplatz dadurch barrierefrei zugänglich [Ed: mit anderen Worten: Das Zuschütten dieses von vornherein unsinnigen Straßentunnels ist also die großartigste Bauleistung in der West-City seit 1990...]. [mehr]
Experten-Debatte: City West als Bürostandort geschwächt
Aus: Berliner Morgenpost, 12. Juli 2006, Seite ?? (Bezirke). [Original]CHARLOTTENBURG (bsm). Die Chancen der City West haben bei einer dreistündigen Standortkonferenz im Neuen Kranzler Eck Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft unter die Lupe genommen. Sie attestierten dem Gebiet große Entwicklungspotentiale, verwiesen aber auch auf die Schwachstellen. So bezeichnete Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD), die zur Debatte eingeladen hatte, die Nutzungsmischung aus Wohnen, Kultur, Flanieren und Einkaufen als hochinteressant. Die Rolle der Universitäten (UdK und TU) käme jedoch viel zu kurz.
Der City West gehe es zwar sehr gut, aber sie habe eine strukturelle Schieflage, konstatierte Gottfried Kupsch, Manager für Gewerbeimmobilien und Vorstandsmitglied der AG City. Das Nebeneinander von Wohnen, Handel, Arbeit, Kultur und Entertainment sei nicht mehr im Gleichgewicht. Als Wohn- und Handelsort sei die City West top, als Bürostandort aber enorm geschwächt. Auch viele Galeristen seien weggezogen. Zwischen Wittenberg- und Rathenauplatz und in den Seitenstraßen insgesamt rund 80 Kilometer gebe es 3.500 Läden, im Bezirk Mitte 1.000.
Architekt Hans Kollhoff lenkte in einem persönlichen Foto-"Spaziergang" den Blick auf idyllische Hofsituationen an der Fasanenstraße, kritisierte aber auch bei etlichen Neu- und Umbauten die mangelnde architektonische Qualität [Ed: Paradebeispiel Kranzler Eck]. Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler (CDU) forderte von der Senatorin mehr Geld für die Pflege des Kudamms: "Es kann nicht sein, daß wir für die erste Adresse Berlins genauso viel bekommen wie für die Sonnenallee."
Der Tränenpalast schließt für immer
Berlin hat an seinem Ruin mitgewirkt. Es hat dem Bau-Investor das Denkmal verkauft.
Aus: Berliner Zeitung, 12. Juli 2006, Seite ?? (Feuilleton) von BIRGIT WALTER. [Original]
Ich bin ein guter Vermieter. Vor mir muss sich niemand fürchten." Diesen Satz sagte der Hamburger Investor und Immobilienbesitzer Harm Müller-Spreer im vorigen Jahr und erzählte, dass er auch den Schwarzenraben schon drei Mal an McDonalds hätte verkaufen können. Hat er aber nicht, denn "es geht nicht immer um Gewinnmaximierung." Er könne das Misstrauen der Veranstalter gar nicht verstehen, sie würden doch bleiben selbstverständlich, sagte er. Aber warum nur wollte er den Tränenpalast unbedingt kaufen? Zumal mit Mietern, die dort jeden Abend Künstler auftreten lassen, also einen gewissen Anspruch haben auf Lärm- und Dreckfreiheit. Während der Bauherr nebenan bauen will. Warum nur ist er entschlossen, 915.000 Euro auszugeben für ein Denkmal? Der Investor sagte dazu nur einen Satz: "Ich will es haben".
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Der Tränenpalast am Bhf. Friedrichstr. (Foto: 2004 mopo?)
"Er will uns raus haben", kommentierte das Marcus Herold vom Tränenpalast damals, "denn er braucht Baufreiheit". Herold hatte jahrelang dagegen gekämpft, dass Berlin das Denkmal an einen Bau-Investor verkauft. Er fürchtete das Ende seines Tränenpalastes. Der Verkäufer, das Land Berlin, tat das als Verfolgungswahn, als Paranoia ab. Der damalige Staatssekretär in der Finanzverwaltung Hubert Schulte erklärte dazu, so mieterfreundliche Bedingungen wie für die Tränenpalast-Betreiber habe er noch nie gesehen. Tatsächlich wurde vom Käufer verlangt, dass er ab 19 Uhr nicht mehr lärmen dürfe, dass der Veranstaltungsort ungehindert erreichbar und der Biergarten nutzbar bleiben müssten. Dem Mieter könne also egal sein, wer sein Vermieter sei. Herold wusste immer, dass diese Vereinbarung mit Baubeginn Makulatur würde.
Baubeginn ist am 1. Oktober. Zum 30. September müssen die Betreiber den Tränenpalast räumen. Das verlangt ein Mietvertrag, den der Investor Harm Müller-Spreer ("Vor mir muss sich niemand fürchten.") Herold zuletzt anbot. Für den Fall einer Verspätung droht er mit 200.000 Euro Strafe. Herold unterschrieb diesen Mietvertrag nicht mehr, er hört schon früher auf, noch in diesem Monat. Die Vermieter zunächst Berlin, dann der Bau-Investor haben ihr Ziel erreicht: der Mieter ist zermürbt. Er gibt auf.
Man könnte einwenden, dass das schon vor einem Jahr absehbar war, als Herold für seinen Tränenpalast Insolvenz anmelden musste. Wie konnte das passieren? 15 Jahre lang konnte er sich erfolgreich ohne Fördergeld gegen die subventionierte Konkurrenz behaupten, gegen die Kulturbrauerei, gegen die Ufa-Fabrik, das JazzFest. Dabei bezahlte er seine 30 Mitarbeiter und Lehrlinge immer pünktlich. Herold hatte 1991 ein ruinöses und vermülltes Gebäude mit eingeschlagenen Scheiben vorgefunden und vor dem Abriss bewahrt, später dafür gesorgt, dass es unter Denkmalschutz gestellt wird und nicht das Schicksal des Checkpoint Charlie erlebt. Nach eigenen Schätzungen investierte er hier rund eine Million Euro. In den letzten Jahren aber verbrachte Herold mehr Zeit mit Miet- und Grundstücksverträgen, Rechtsanwälten und sonstigen Kämpfen gegen das Land, als mit der Planung von Veranstaltungen. Es entstanden Anwaltskosten. Wegen der jahrelang unsicheren Situation scheiterten Kooperationen, Tourneegeschäfte, langfristige Verträge. Es passierten Fehler. Und die Behörden behandelten Herold immer wie einen, der stört.
Aber warum? Dass Berlin lausig umgeht mit seinen Kulturunternehmern ist bekannt, aber welchen Grund kann es geben, einen privaten Unternehmer in seinen Aktivitäten so zu behindern, dass sie in die Zerstörung seiner Existenz mündet? Warum wurde der Kulturveranstalter aus seinem angestammten Haus geekelt? Die Sache ist einfach das Land musste einen Millionen-Schaden begrenzen, den es selbst verschuldet hat. Berlin nämlich hat dem Bau-Investor Harm Müller-Spreer im Jahr 2000 ein Stück Land vor dem Bahnhof Friedrichstraße verkauft, das ihm nicht gehörte, jedenfalls nicht vollständig. Auf einem Teil davon es handelt sich unter anderem um einen S-Bahn-Eingang lag ein Restitutionsanspruch der Bahn, der 2001 erwartungsgemäß erfüllt wurde. Berliner Finanzbeamten war also ein unfassbar grober Fehler passiert. Der Sprecher der Verwaltung allerdings spricht nicht von Fehlern, sondern von einer "nicht eindeutigen Vermögenszuordnung".
Doch der Käufer, er ist nicht dumm, erkannte die Schlampigkeit sofort. Er verhielt sich ruhig und wartete ab. Er durfte nicht bauen auf seinem neuen Eigentum. Nach vier Jahren präsentierte er eine Summe: 45 Millionen Euro Schadenersatz standen im Raum für ein Grundstück, das einmal 17 Millionen gekostet hatte Anwaltshonorare, Planungsarbeit, Mietausfälle. Ein finanzielles Desaster drohte, das sich schlecht hätte vertuschen lassen. Das Land war in der Bringeschuld, sofort. Es diente dem Käufer die Rückerstattung des halben Kaufpreises an (8,7 Millionen Euro), dazu die angrenzenden Grundstücke als Geschenk. Auf Kosten des Steuerzahlers, versteht sich.
Müller-Spreer fehlte nur noch der Tränenpalast. Der Betreiber hätte lieber selbst gekauft, doch konnte er das war vor der Insolvenz nur die Hälfte des Kaufpreises aufbringen, 450.000 Euro hätten gefehlt. Er wünschte sich als jahrelanger Kulturunternehmer ein einmaliges Entgegenkommen von der Stadt. Die Finanzverwaltung mit ihren selbst verbockten Schäden dachte nicht daran. Auch die Kulturverwaltung winkte ab. Thomas Flierl hat der ohnehin subventionierten Kulturbrauerei zuletzt mehr als eine halbe Million Euro zusätzlich überwiesen, als sie in Not war. Doch der Tränenpalast interessiert ihn nicht. Er ging an Harm Müller-Spreer ("Ich will ihn haben").
Wenn die Bagger von Müller-Spreer am 1. Oktober anrücken, muss der Tränenpalast von innen abgestützt werden. Gerade prüfen Bauspezialisten, ob sich das Bauwerk ein Stück zur Seite rücken lässt. Der Eingangsbereich wird sowieso abgerissen. An dieser Stelle muss noch mal an den Vertrag mit den famosen Lärm-Auflagen erinnert werden. "Natürlich hätte ein Spielbetrieb zu Belästigungen geführt", sagt Müller-Spreer heute.
Er wusste schließlich, dass er das Denkmal nicht kaufte, um Kulturmäzen zu werden, sondern weil er Baufreiheit brauchte. Der Insolvenzverwalter, der den Tränenpalast seit einem Jahr führt, schickte dem neuen Eigentümer diverse Interessenten, die das Haus weiter führen wollten. Müller-Spreer wird herzlich gelacht haben. Natürlich lehnte er alle ab, denn er will jetzt nicht vermieten, er will bauen. Übrigens lieber 12 Stockwerke hoch als 10, wie vorgesehen. Die Bauverwaltung ist nicht amüsiert, sie will keine Aufstockung. Aber in Berlin ist immer alles möglich. Die Sache ist noch nicht entschieden.
Die Mitarbeiter im Tränenpalast sind zum 31. Juli entlassen. Herold fängt irgendwo etwas Neues an, vielleicht als Veranstalter. Nur den Namen Tränenpalast nimmt er mit. Er ist neugierig, ob das Gebäude noch steht, wenn die Bagger wieder abziehen. Man weiß ja, was alles passieren kann auf einer Baustelle. [mehr]
Kurz vorm Beckenbruch
Die Schwimmhalle in der Lichterfelder Finckensteinallee ist geschlossen: Für die Sanierung fehlt das Geld.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 12. Juli 2006, Seite ?? (Berlin) von MATTHIAS OLOEW. [Original]BERLIN (Tsp). Schlechte Zeiten für die Schwimmhalle in der Lichterfelder Finckensteinallee: Das Bad ist marode. Ein Gutachten im Auftrag der Bäderbetriebe garantierte die Sicherheit des Gebäudes nur bis Ende Juni und schätzt die Sanierungskosten auf 6 bis 8 Millionen Euro. Jetzt ist die Halle geschlossen. Wie hoch der Sanierungsbedarf tatsächlich ist, soll nun ein zweites Gutachten feststellen. Vom Ergebnis der Untersuchung ist abhängig, ob wir die Halle wie geplant Ende August wieder öffnen können, sagt Bäderchef Klaus Lipinsky.
Das erste Gutachten geht davon aus, dass die Fundamente und die Betonstützen der Halle morsch sind und ersetzt werden müssen. Das Besondere an der Halle Finckensteinallee ist, dass die Wanne des riesigen Schwimmbeckens von 50 mal 25 Metern Größe auf Dutzenden von Betonpfeilern steht. Es hat sich herausgestellt, dass der Beton der Pfeiler nicht die für diese Last notwendige Dichte aufweist, erklärt Lipinsky. Außerdem seien Eisenteile korrodiert.
Die Schwimmhalle Finckensteinallee ist ein reines Schul- und Vereinsbad. Bliebe sie dauerhaft geschlossen, müssten die Schulen auf Bäder nach außerhalb des Bezirks ausweichen. Das nächste Bad wäre dann in der Götzstraße in Tempelhof, sagt Bäderchef Lipinsky.
Notdürftig haben die Bäderbetriebe bröckelige Pfeiler mit Holzbalken und Metallträgern gestützt. Die Gefahr besteht, dass ein ermüdeter Pfeiler einknickt und die Last dann von den anderen Pfeilern getragen werden muss, erklärt Lipinsky. Die könnten das aber nicht schaffen.
Das zweite Gutachten soll Ende Juli vorliegen. Die Bäderbetriebe rechnen allerdings schon jetzt damit, dass die Halle nicht ohne Sanierung wieder in Betrieb genommen werden kann. Und dann ist die Frage: Wer zahlt's?, sagt Lipinsky. Die Bäderbetriebe haben nach eigenen Angaben für eine derartig aufwändige Sanierung kein Geld.
Die Schwimmhalle Finckensteinallee, zu den Olympischen Spielen 1936 erbaut, ist bis heute ein Bad der Superlative was die Ausmaße angeht. Es ist zwischen 2,50 und über 5 Meter tief. Etwa 5 Millionen Liter Wasser passen hinein, viel mehr als in andere Schwimmbecken. Deshalb sind auch die Betriebskosten enorm hoch. Das Wasser muss umgewälzt, von Zeit zu Zeit ausgetauscht und schließlich beheizt werden.
Die Grünen im Abgeordentenhaus erneuerten nun ihre Forderung nach einem Investitionsprogramm für die Berliner Bäder. 50 Millionen Euro wären dafür einmalig notwendig. So könnte der bauliche Verfall der Bäder gestoppt, zugleich in moderne Technologien investiert und somit der Betrieb billiger werden. Die Bäder wären dann mit den laufenden Zuschüssen gut überlebensfähig und könnten auch die laufende bauliche Unterhaltung wieder eigenständig finanzieren, sagt der Grünen-Haushaltsexperte Oliver Schruoffeneger.
Charité verkauft ihr Tafelsilber
Klinik will 80 Millionen Euro einnehmen / 200 Arztstellen weniger
Aus: Berliner Morgenpost, 13. Juli 2006, Seite ?? (Berlin) von TANJA KOTLORZ. [Original]BERLIN (BM). Die Berliner Universitätsklinik Charité will Teile ihres Tafelsilbers verkaufen. Die Universitätsklinik, deren Immobilien in der ganzen Stadt verteilt sind, will sich von 20 Gebäuden trennen, sagte der Charité- Vorstandsvorsitzende Professor Detlev Ganten gestern im Rahmen der Vorstellung des novellierten Unternehmenskonzepts der Charité. Wichtiger Teil des Sanierungsprogramms der Klinik ist außerdem der Personalabbau. Die Klinikumsleitung geht davon aus, daß bis zum Jahr 2010 auf 1.600 Vollkräfte verzichtet werden kann: 200 Ärzte- und Pflegestellen weniger, 550 Vollkräfte im medizinisch-technischen Dienst fallen weg, 150 Kräfte im Funktionsdienst sowie 500 Vollkräfte im Verwaltungsbereich werden gestrichen. Laut Unternehmenskonzept seien betriebsbedingte Kündigungen "nicht auszuschließen".
Derweil sollen die 20 nicht mehr notwendigen Gebäude vom Liegenschaftsfonds des Landes Berlin vermarktet werden. Ganten hofft, daß die Charité mit dem Verkauf der Immobilien 80 Millionen Euro einnimmt. Das Geld soll in die Klinik reinvestiert werden. Nicht aufgeben will die Uniklinik ihre vier Hauptcampi an den Standorten in Steglitz (Benjamin Franklin), Mitte, Virchow Klinikum (Wedding) und Buch. Insgesamt verfüge die Charité über 600.000 Quadratmeter Nutzfläche. Ein Drittel davon also 200.000 Quadratmeter will die Uniklinik aufgeben.
Ganten rechnet damit, daß die Gebäude in den kommenden 3 bis 5 Jahren verkauft sein werden. Ganten: "Der Immobilienmarkt zieht wieder an." Zu den Gebäuden, die durch Zusammenlegungen oder Schließungen von Instituten als nicht mehr betriebsnotwendig eingestuft sind, zählen unter anderem das Zentrum für Experimentelle Medizin an der Monbijoustraße 2 in Mitte. In bester, zentraler City-Lage in Mitte stehen mehrere Gebäude zum Verkauf: Bunsenstraße 1, Dorotheenstraße 96 sowie Wilhelmstraße 67, wo das Institut für Mikrobiologie und Hygiene untergebracht war. Ein solventer Liebhaber wird auch für die Hannoversche Straße 6 in Mitte, einst Sitz des Instituts für Rechtsmedizin, gesucht.
Im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf wird der Heubnerweg 6, 8 und 10 für neue Bewohner frei. Ein Schmuckstück in Premiumlage mit einer Nutzfläche von 4.598 Quadratmetern dürfte die Königin-Luise-Straße Nummer 15 in Steglitz- Zehlendorf sein, einst Sitz des Instituts für Anatomie [Ed: sowie vermutlich die Physiologie und Biochemie an der Arnimallee in Dahlem]. Klinik-Chef Detlev Ganten hofft, daß die neuen Nutzer der Charité-Immobilien einen Bezug zur Hochschulmedizin haben werden. Denkbar seien Business-Schools, private Colleges oder Medizintechnikfirmen.
Der Verkauf der 20 Immobilien ist Teil des langfristigen Sanierungsprogramms der Charité. Die Klinikumsleitung hat 80 Projekte aufgelegt, um mehr Effizienz und Exzellenz zu erzielen und ein drohendes Minus von knapp 200 Millionen Euro bis zum Jahr 2010 abzuwenden. So sind die einst 128 medizinischen Institute der Charité in 17 Zentren mit jeweils budgetverantwortlichen Leitungsteams unterteilt worden. Durch Ausgliederung des gesamten nichtmedizinischen Servicebereichs in die Charité-Tochterfirma Facility Management erhofft der Klinikumsvorstand langfristig Einsparungen von 40 Millionen Euro.
Durch Zusammenführung der Zahnmedizin und durch Reduktion der Studienanfängerzahlen sollen 7 Millionen Euro bis zum Jahr 2010 gespart werden. [mehr]
Ende eines Symbols
Der Tränenpalast schließt Ende September.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 13. Juli 2006, Seite ?? (Berlin). [Original]BERLIN (CvL). Es gibt kein besseres Symbol für den Wandel in der deutschen Hauptstadt so wirbt der Tränenpalast im Internet. Es ist ein Zitat aus einer New Yorker Zeitung und soll den weltweiten Bekanntheitsgrad des Hauses belegen. Ende September ist Schluss mit dem Symbol.
Der Hamburger Investor Harm Müller-Spreer, dem das Gebäude und das umliegende Gelände gehören, teilt mit, dass der Insolvenzverwalter der Veranstaltungsstätte den Mietvertrag gekündigt hat, weil er das Risiko nicht mehr tragen wollte. Müller-Spreer will bis 2008 auf dem Spreedreieck neben dem Bahnhof Friedrichstraße ein zehnstöckiges Bürohaus hochziehen. Die Kündigung des Vertrages, sagt er, sei eigentlich ideal, so könne man während des Baus gleich den benachbarten denkmalgeschützten Tränenpalast für zwei bis drei Millionen Euro komplett sanieren, auch einen Stadtplatz bauen, alles in einem Rutsch.
Das Bauwerk, sagt er, soll dann wieder für die Kultur zur Verfügung stehen, darauf habe er sich vertraglich mit dem Land Berlin verpflichtet. Bei der Neuvermietung könne es durchaus sein, dass auch der bisherige Mieter wieder zum Zug kommt. Betreiber Marcus Herold berichtet, dass er im Oktober ohnehin hätte schließen müssen, weil der Eingangsbereich des Hauses abgerissen werden sollte. Er werde den Namen Tränenpalast aber für Veranstaltungen an anderen Orten weiter nutzen.
Torsten Wöhlert aus der Senatskulturverwaltung spricht vom hohen Symbolgehalt des Hauses. Die Behörde habe sich in den vergangenen Jahren wiederholt für den Betreiber engagiert. Aber wir konnten kein Geld geben. Alice Ströver, Grünen-Abgeordnete, findet, dass der Tränenpalast ausbaden muss, was der Senat verbockt hat. Jeder Bauspekulant werde besser behandelt als eine Kultureinrichtung, die seit 15 Jahren einen wichtigen Platz im nicht öffentlich geförderten Kulturangebot einnimmt.
Müller-Spreer sagt, es gebe Bewerber, aber keiner habe bislang ein tragfähiges Konzept geboten. Der Tränenpalast, dem eine anständige Heizung, eine richtige Verglasung und Schall- und Wärmeschutz fehlten, könne nun so gründlich saniert werden, wie das bei laufendem Betrieb nicht möglich gewesen wäre.
Das Gebäude war 1961/62 als Ost-Berliner Grenzabfertigungsstelle gebaut worden. Viele Familien nahmen hier tränenreich Abschied. Abschied nimmt nun der alte Tränenpalast selbst.
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