Berlin News & Stories – Teil 6 khd
Stand:  13.9.2008   (20. Ed.)  –  File: Bln/BN//Bln_News_06.html



Diese Seite ist eine Ergänzung zu den Berlin-Reports, in denen über interessante Berliner Ereignisse berichtet wird. Dazu werden hier einige ausgewählte und besonders nützliche Artikel und andere Texte gespiegelt und damit auf Dauer dokumentiert. Manches ist auch mit [Ed: ...] kommentiert. Tipp- und Übertragungsfehler gehen zu meinen Lasten.

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E N D E   D E R   F U - V O R K L I N I K

Sarrazin stellt sich Zorn der Professoren

Diskussion über Zukunft der Charité und Schließung einer [Vor-]Klinik.

Aus:
Berliner Morgenpost, 15. Juli 2006, Seite xx (Berlin). [Original]

STEGLITZ/DAHLEM (BM). Schlagabtausch im Hörsaal Ost der Charité am Steglitzer Campus Benjamin Franklin [UKBF]. Wo sonst Medizinstudenten klinische Vorlesungen hören, haben am Donnerstag abend [13.7.2006] Charité-Professoren Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) die Leviten gelesen. Der unverfängliche Titel der Podiumsdiskussion: "Die Charité auf Kurs: Akademische Freiheit – Unternehmergeist – Finanzielle Zwänge" konnte nicht lange darüber hinwegtäuschen, daß es eigentlich um die vom Senat beschlossene Schließung der Dahlemer Vorklinik ging.

Zur Erinnerung: Die SPD/Linkspartei.PDS-Landesregierung hatte sich mit dem Schließungsbeschluß über das Votum des Charité-Aufsichtsrates und anderer universitärer Ausschüsse hinweggesetzt. Der Senat traf die Sparentscheidung in seiner Funktion als Eigentümer, die Universitätsprofessoren sehen dadurch die Hochschulautonomie gefährdet.

"Sie setzen sich mit einem unglaublichen Selbstbewußtsein ohne jedes Wissen über die Gremien der Universität hinweg", warf der Direktor der Kardiologie am Campus Benjamin Franklin, Professor Heinz-Peter Schultheiß, am Donnerstag abend dem Finanzsenator vor. Das "Ende der Universität" sei eingeläutet, wenn der Senat sich nur noch auf sein Eigentümerrecht berufen brauche, um kurzerhand Entscheidungen der universitären Gremien außer Kraft zu setzten. "Heute schließen Sie die Vorklinik und morgen die Universität!", skizzierte Schultheiß ein Horrorszenario, vor dem sich offenbar viele Ordinarien fürchten. Der Mediziner erntete für seine engagierten Sätze tosenden Applaus.

Berlins oberster Haushälter Sarrazin konterte: Solange der Staat die Universitäten finanziere, habe er das Recht, auch mitzurechnen. "Der Senat wird und muß immer mitreden! Wir sind Eigentümer und Verwalter des Eigentums." Und durch die Aufgabe einer Vorklinik spare der Eigentümer 40 Millionen Euro. "Sie dürfen nicht nur ihre Zahlenwerke sehen", kritisierte ihn ein Professor. Außerdem sei die Einsparsumme eine "politisch gefärbte Zahl". Sarrazin, inzwischen sichtbar um seine Beherrschung bemüht: "Die Senatsvorlage ist abgestimmt mit der Charité. Die 40 Millionen sind belegbar".

Der Prodekan für Studium und Lehre, Professor Manfred Gross, zitierte den Medizinischen Fakultätentag, der für den Erhalt der Dahlemer Vorklinik plädiert. Im neuen Ranking des "Deutschen Ärzteblattes" stehe die Vorklinik in Dahlem auf Platz 3 unter den 36 deutschen Vorkliniken, sagte Professor Rudolf Tauber, Vizepräsident der Freien Universität Berlin. Tauber verweis damit ebenfalls auch auf die Exzellenz der Einrichtung. Die Schließung der Vorklinik am Biocampus Dahlem sei "schädlich", so Tauber, da ein traditioneller gewachsener Wissenschaftsstandort zerstört werde.

Alles Argumente, die für Berlins obersten Finanzchef nicht nachhaltig sind – gemessen an dem Sparbetrag von 40 Millionen Euro [Ed: und eine ebenso begründete Einspar- Rechnung ließe sich vom Finanz-Senator sofort auch für das UKBF selbst aufmachen, womit er aber wohl – gewieft wie er ist – geschickt bis nach den Berliner Wahlen im September 2006 und dem Entscheid des Bundesverfassungsgerichts warten wird: Droht dann der Verkauf des UKBFs an Vivantes?]. Außerdem sei Berlin "ein Standort". Eine 20-minütige S-Bahn-Fahrt von Dahlem nach Mitte könne für Studenten und Lehrer kein unüberwindbares Hindernis darstellen, stellte Sarrazin klar.

Immerhin: Berlins oberster Kassenwart stellte sich dem Zorn der Professoren. Wissenschaftssenator Thomas Flierl (Linkspartei.PDS) war gar nicht erst erschienen. [mehr]



E N D E   D E R   F U - V O R K L I N I K

Sarrazin: Universitätsmedizin behält 4 Standorte

Finanzsenator garantiert Bestand des Benjamin Franklin Klinikums. Er hält aber an der Aufgabe der vorklinischen Ausbildung fest.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 15. Juli 2006, Seite xx (Berlin) von UWE SCHLICHT. [Original]

BERLIN (Tsp). Die Verteilung der Charité auf vier Standorte „wird sich auf absehbare Zeit nicht ändern“. Das erklärte Finanzsenator Thilo Sarrazin auf einer stürmisch verlaufenden Diskussion mit Hochschulmedizinern im Klinikum Benjamin Franklin der Charité. Anlass für die Diskussion war die von Sarrazin und dem Senat durchgesetzte Aufgabe der vorklinischen Ausbildung in Dahlem im Bereich der Freien Universität. Mediziner und Naturwissenschaftler der FU werten diesen Eingriff nicht nur als Tabubruch, sondern auch als Signal, dass als nächster Schritt der gesamte Standort Benjamin Franklin zur Disposition gestellt werde. Sie erinnerten an die ursprünglichen Pläne des Senats von 2001, das damalige Klinikum Benjamin Franklin in ein städtisches Krankenhaus umzuwandeln, weil der Senat 98 Millionen Euro in der Hochschulmedizin sparen wollte.

In der Standortfrage konnte Sarrazin die aufgebrachten Zuhörer beruhigen. „Prinzipiell ändern wir nichts an den 4 Standorten“, versprach der Finansenator. „Über die Frage, welches Gewicht der einzelne Standort haben soll, diskutieren wir.“ Bekanntlich wird die Charité gemeinsam von der Humboldt-Universität und der Freien Universität getragen und verteilt sich auf die Standorte Mitte, Wedding, Steglitz und Buch.

Auch in einem anderen Punkt konnte Sarrazin die Zuhörer beruhigen. Bisher ist die Charité eine Gliedkörperschaft der beiden Universitäten und steht damit in öffentlicher Trägerschaft. Aber wegen der Finanznot des Landes Berlin wird immer wieder über die Frage der Privatisierung diskutiert. Sarrazin äußerte hierzu, er könne keine Antwort für die nächsten 30 Jahre geben, aber für die Zeit bis zum Jahr 2010 „sehe ich weder Vivantes noch die Charité ganz oder teilweise in privater Eigentümerschaft“. Beide Großkliniken würden auf lange Zeit selbstständige Einrichtungen bleiben.

Unnachgiebig blieb Sarrazin in der Frage der Aufgabe der Vorklinik. Vor der großen Sparwelle wurden in Berlin zur vorklinischen Ausbildung bis zu 1200 Studienanfänger zugelassen. Heute sind es nur noch 660. Angesichts dieser Halbierung hält Sarrazin eine weitere vorklinische Ausbildung sowohl in Dahlem als auch in Mitte für unwirtschaftlich. Während der Aufsichtsrat der Charité mehrheitlich die vorklinische Ausbildung an beiden Standorten aufrechterhalten wollte, kündigten Sarrazin und Wissenschaftssenator Thomas Flierl an, dass sie den Aufsichtsratsbeschluss nicht akzeptieren und durch einen Senatsbeschluss ersetzen würden.

Einwände aus dem Publikum, dass Sarrazin damit die akademische Selbstverwaltung missachte und die Autonomie verletze, wies Sarrazin als lächerlich zurück. Man könne die universitäre Selbstverwaltung nicht verabsolutieren. Das Land Berlin sei schließlich Eigentümer der Grundstücke. Deswegen „muss der Staat immer in den Universitäten mitreden“. Er habe mit der Charité die Kostenfrage abgestimmt und sei zu dem Ergebnis gekommen, dass die Aufgabe der Vorklinik in Dahlem Ersparnisse in Höhe von 30 bis 40 Millionen Euro bringen werde. Ihm sei nicht zu vermitteln, dass die Wissenschaft durch die Einstellung der Vorklinik in Dahlem bei einer S-Bahn-Entfernung von 20 Minuten Dauer zur Charité beeinträchtigt werde, erklärte Sarrazin.

Einen optimistischen Ausblick in die Zukunft gab der Klinikumsdirektor der Charité, Behrend Behrens. Während vor kurzem noch damit gerechnet worden sei, dass die Charité 260 Millionen Euro bis zum Jahr 2010 einsparen müsse, seien es jetzt nur noch 160 Millionen. Das sei das Ergebnis einer erfolgreichen Sparpolitik, aber auch einer verbesserten Bewertung der Hochleistungsmedizin in den neuen Fallpauschalen (DRG).



Fluggesellschaften wollen klagen

Tempelhofer Airlines: Prognosen der Flughafenbetreiber sind unwissenschaftlich.

Aus:
Berliner Morgenpost, 17. Juli 2006, Seite xx (Berlin). [Original]

BERLIN (BM). Die am Flughafen Tempelhof vertretenen Linienfluggesellschaften fechten die Begründung der Flughafengesellschaft für die angestrebte Schließung des Flughafen Tempelhofs am 31. März 2007 in allen Punkten an. Das geht aus der Stellungnahme der Airlines zum neuen Schließungsantrag der Flughafengesellschaft hervor.

Das Papier liegt dieser Zeitung vor. Danach halten die Airlines die Argumentation der Flughafengesellschaft, der Luftverkehrsbetrieb in Tempelhof sei dauerhaft defizitär, weder für "stichhaltig noch belastbar". Die Airlines weisen darauf hin, daß die Passagierzahlen in Tempelhof von 417.556 im Jahr 2004 auf 526.455 im vergangenen Jahr gestiegen sind. In den ersten 5 Monaten dieses Jahres seien sogar 60 Prozent mehr Passagiere als im Vorjahreszeitraum transportiert worden. Auch seien die Verluste von 14,1 Millionen Euro im Jahr 2004 auf 9,1 Millionen im Folgejahr deutlich gesunken. Von einem dauerhaft defizitären Betrieb könne man somit nicht mehr sprechen.

"Plump", heißt es in der Stellungnahme der Airlines, sei die Methode der Flughafengesellschaft, Verluste bei der Gebäudewirtschaft dem an sich gewinnbringenden Flugbetrieb zuzuschreiben. Daß sich der Tempelhofer Verkehr problemlos nach Schönefeld beziehungsweise nach Tegel – sofern dort das neue Terminal-Ost fertiggestellt wird – verlagern lasse, weisen die Airlines zurück. "An den Standorten Tegel und Schönefeld stehen heute und erst recht ab 2007 keine dauerhaften, zuverlässigen und adäquaten Ersatzkapazitäten – Bahn-Systeme, Parkpositionen, Terminals – für die Verlagerung des gegenwärtigen Tempelhofer Linienverkehrs noch für die General Aviation zur Verfügung", heißt es in der Stellungnahme.

Die Airlines greifen hier insbesondere das von der Flughafengesellschaft vorgelegte Gutachten von Rand Europe zur Verlagerung des Tempelhofer Flugverkehrs an. Dieses hatte die Luftverkehrsbehörde von der Flughafengesellschaft zur Voraussetzung des erneuten Schließungsantrages gefordert.

Die Airlines monieren, daß das Gutachten bei den Verkehrszuwachsprognosen für Tegel inklusive des Tempelhofer Verkehrs von der wissenschaftlichen, gerichtsanerkannten Praxis abweicht: Danach wird bei Verkehrsflughäfen von einem jährlichen Wachstum von 3 bis 5 Prozent ausgegangen. Statt dessen werde für den gesamten Zeitraum von 2007 bis 2011 für Tegel einschließlich des Tempelhofer Verkehrs lediglich ein Verkehrswachstum von insgesamt 6 Prozent – von 12,62 Millionen Passagieren 2007 auf 13,37 Millionen im Jahr 2011 – prognostiziert, um auf diesem Weg verfügbare Kapazitätsreserven in Tegel nachzuweisen, heißt es in der Stellungnahme der Airlines.

Die Fluggesellschaften hingegen erwarten bei einem jährlichen Wachstum von 5 Prozent 15,56 Millionen Passagiere im Jahr 2011. "Bereits in diesem Jahr würden die Kapazitäten des Start- und Landebahnsystems in Tegel zu Spitzenzeiten für die Summe des Tegeler und Tempelhofer Verkehrs nicht ausreichen", sagt Airlines-Sprecher Bernhard Liscutin.

Auch der boomende Flughafen Schönefeld mit bisherigen Wachstumsraten von 30 bis 70 Prozent bietet nach Ansicht der Fluggesellschaften keinen dauerhaften und adäquaten Ersatz, da es spätestens ab 2008 nach Abriß der Nordbahn nur noch eine Start- und Landebahn gebe.

Die Flughafengesellschaft weist den Vorwurf unwissenschaftlicher Verkehrsprognosen zurück. "Die Zahlen basieren auf Erfahrungswerten der Flughafengesellschaft. Von einem jährlichen Verkehrswachstum von 5 Prozent können wir nicht mehr ausgehen", sagt Flughafensprecherin Rosemarie Meichsner. Das Wachstum im Billigfliegersegment sei beendet, hier seien kaum noch Steigerungen zu erwarten.

Die Airlines wollen ihre Stellungnahme heute bei der Luftverkehrsbehörde einreichen. Sollte die Luftverkehrsbehörde nach der Interessenabwägung voraussichtlich im August einen Schließungsbescheid erlassen, haben alle Airlines bereits Klage angekündigt.



Gute Aussichten: Das Ausland baut auf Berlin

Erstmals seit 2 Jahren ist die Einwohnerzahl wieder gestiegen. Die Immobilienbranche freut sich über die angezogene Nachfrage.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 4. August 2006, Seite xx (Berlin). [Original]

BERLIN (Tsp). Die Einwohnerzahl Berlins steigt wieder. Nach Angaben des Statistischen Landesamts wohnten am Ende des letzten Jahres 3.395.200 Menschen in der Stadt, 7.400 mehr als im Jahr zuvor. Zuvor hatten 2 Jahre lang mehr Menschen die Stadt verlassen als herzogen.

Getragen wird der Bevölkerungszuwachs durch den Zuzug. 10.000 Menschen kamen in die Stadt und konnten so das Defizit von 3.000 Menschen mehr als ausgleichen, das entsteht, weil auch 2005 mehr Berliner starben als geboren wurden. Vor allem der Zuzug aus dem Ausland hält nach wie vor an.

Das Interesse der Ausländer an Berlin überschneidet sich mit dem internationaler Investorengruppen. Für sie ist die Stadt ein günstiger Einkaufsmarkt, auf dem sich sichere Renditen erzielen lassen, aber auch einer mit großen Potenzialen – nicht sofort, aber mittelfristig.

Dass die Nachfrage insbesondere ausländischer Investoren anzieht, belegen auch Zahlen des Maklers Aengevelt. Im vergangenen Jahr konnte er in Berlin Gewerbeimmobilien für 1,77 Milliarden Euro verkaufen, im Jahr 2004 waren es 1,38 Milliarden. Während 2004 nur 19 Prozent der Umsätze von ausländischen Investoren getätigt wurden, waren es 2005 schon 67 Prozent. „Ausländer haben bei uns im vergangenen Jahr Berliner Immobilien im Wert von 1,18 Milliarden Euro gekauft“, sagt Aengevelt-Sprecher Thomas Glodek.

Auch er weiß von den Steigerungspotenzialen, die ausländische Investorengruppen in Berlin sehen. „Vor allem im Vergleich mit anderen europäischen Hauptstädten sind die Preise für Immobilien sehr günstig“, so Glodek weiter.

Der Optimismus ausländischer Investoren sei manchmal „fast schon beschämend“, sagt Holger Lippmann, Geschäftsführer des Liegenschaftsfonds Berlin. Er registriert eine deutlich gestiegene Nachfrage, die der Fonds zu bislang ungewöhnlichen Schritten bringt. Erstmals will Lippmann Landesgrundstücke im Paket verkaufen, „so etwas haben wir noch nicht gemacht.“ In diesem Paket seien 50 Immobilien unterschiedlichster Lage und Qualität, freie Grundstücke wie denkmalgeschützte Häuser, die seit langem Leerstehen. Im Herbst soll dieses Paket gegen Höchstgebot verkauft werden, wenn das Abgeordnetenhaus diesem Verfahren zustimmt.

Wie gestern berichtet, konzentriert sich die Nachfrage jetzt auf die leeren Grundstücke rund um den neuen Hauptbahnhof. Immobilien-Fachleute bescheinigen dem Lehrter Stadtquartier hohe Potenziale für Dienstleistungen und auch Wohnen. Aengevelt-Sprecher Glodek führt das auf 4 Faktoren zurück: die Nähe zum größten Kreuzungsbahnhof Europas, zum Kanzleramt, die Lage an der Spree und dem Humboldthafen, und die Nähe zur Charité. „Das ist interessant für Dienstleistungen, Büros und auch Wohnen“, so Glodek. Insbesondere die Nähe zu Charité könne interessant für medizinische Dienstleistungsunternehmen sein. Die Bahn AG will, wie berichtet, bis 2008 die Bügelbauten des Bahnhofs bezogen haben.

Von dem Nachfrageschub profitieren auch bislang nicht so attraktive Grundstücke und Häuser in der Umgebung, die der Liegenschaftsfonds bislang nicht verkaufen konnte. Und es ist mehr Geld da. Konnte der Liegenschaftsfonds 2005 nur 10 Verkaufsverträge im Wert von mehr als 1 Million Euro abschließen, waren es in den ersten 6 Montane dieses Jahres schon 15 Verträge.



„Es ist kein Geld da – gibt's bei mir nicht“

Finanzsenator Thilo Sarrazin zieht die Bilanz seiner Sparpolitik und lobt die PDS und die Grünen.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 12. August 2006, Seite ?? (Berlin). Das Gespräch führten GERD NOWAKOWSKI und ULRICH ZAWATKA-GERLACH. [Original]

Der Tagesspiegel: Wenn Sie 2001 gewusst hätten, welche Probleme auf Sie zukommen, wären Sie trotzdem Finanzsenator geworden?

Thilo Sarrazin: Ja. Seit den achtziger Jahren, als ich im Aufsichtsrat des Flughafens Tegel saß und im Bundesfinanzministerium für den sozialen Wohnungsbau zuständig war, kenne ich die Wirtschaftslage Berlins und die Eckwerte des Landeshaushalts. Seit Anfang der neunziger Jahre war mir bewusst, dass die Stadt auf einem sehr, sehr kritischen Weg war.

Der Tagesspiegel: Wie viel Prozent des Mentalitätswechsels in Berlin geht denn auf Ihr Konto?

Thilo Sarrazin: Nenne ich eine Zahl, gelte ich entweder als zu bescheiden oder als übermäßig arrogant. Ich war als Finanzsenator seit Januar 2002 der Protagonist der Zahlen, aber die Konsolidierung der öffentlichen Finanzen war nur im Team durchsetzbar. Nur so konnte ein gesellschaftliches Einvernehmen über die Sparpolitik hergestellt werden, in einem großen Meinungsbildungsprozess, den auch die Opposition und die Medien mitgetragen haben. Teilweise jedenfalls.

Der Tagesspiegel: Trotzdem halten Sie manche Parteifreunde für eine politische Belastung.

Thilo Sarrazin: Ich kenne keinen, der mir solche Vorwürfe macht. Meine Finanzpolitik hat einen guten Beitrag zu den Wahlaussichten der SPD geleistet. Wir haben gezeigt, dass wir den Willen und die Kraft haben, die großen Probleme zu meistern. Das Thema Finanz- und Haushaltspolitik kommt auf den Wahlkampfplakaten von Regierung und Opposition nicht vor. Das ist ein Zeichen, dass die Konsolidierung gelungen ist. Hätten wir die Finanzprobleme verschleppt, wären die Wahlchancen der SPD schlechter.

Der Tagesspiegel: Einige Senatskollegen sind trotzdem sauer, weil Sie sich öffentlich in deren Arbeit einmischen und alles besser wissen.

Thilo Sarrazin: Ach wissen Sie, in meinen 35 Berufsjahren hatte ich 23 Jahre mit öffentlichen Haushalten zu tun. Ganz früh habe ich entschieden, niemals zu sagen: Wir haben kein Geld. Den Spruch werden Sie nie von mir hören, das gibt's für mich nicht. Es ist die Aufgabe eines vernünftigen Staatswesens, für alles Geld zu haben, für das der Staat Geld haben muss. Im Übrigen ist es meine Pflicht, Unwirtschaftlichkeit und falsche Prioritätensetzungen zu bekämpfen. Als Finanzsenator muss ich Vorschläge machen, wie staatliche Aufgaben besser und kostengünstiger zu erfüllen sind. Das geht aber nur, wenn man sich auch mit den Inhalten der Politik befasst.

Der Tagesspiegel: In aller Öffentlichkeit?

Thilo Sarrazin: Logisch. Finanzpolitik – das sind 30 Prozent Sacharbeit und 70 Prozent Kommunikation. Im Senat, im Abgeordnetenhaus und in den Medien.

Der Tagesspiegel: Dabei erwecken Sie zum Beispiel den Eindruck, dass Sie mehr von den Berliner Schulen verstehen als der Bildungssenator Klaus Böger, was Unmut bei dem Betroffenen hervorruft.

Thilo Sarrazin: Ich erfahre – aus meiner Sicht – mehr Zuspruch als Unmut. Ich bin auch des Lesens mächtig und habe die Pisa-Studie genau gelesen. Berlin hat nun mal 17 Prozent mehr Lehrer als im Bundesdurchschnitt und keine sozioökonomischen Besonderheiten, die das schlechte Abschneiden der Schüler erklären. Daraus ergeben sich Folgerungen, die man öffentlich diskutieren muss. Es gibt keine unaufhebbaren Berliner Besonderheiten, die bestimmte Dinge schlechter oder teurer machen. Diese Alt-Berliner Mentalität werde ich immer erbittert bekämpfen.

Der Tagesspiegel: In welchen anderen Senatsressorts gibt es noch Unwirtschaftlichkeiten, die Sie bekämpfen wollen?

Thilo Sarrazin: An den Berliner Hochschulen herrscht immer noch ein bedauerliches Missverhältnis zwischen der Zahl der Studenten und der Absolventen. Das Thema muss auf der Tagesordnung bleiben. Auch bei den Transferausgaben, hauptsächlich sind das Sozialausgaben, gibt es noch Wirtschaftlichkeitsreserven.

Der Tagesspiegel: Was war für Sie der größte Erfolg in dieser Wahlperiode?

Thilo Sarrazin: Wir haben die Beteiligungsunternehmen des Landes im Wesentlichen saniert. 2002 lag der Gesamtverlust noch bei 1,43 Milliarden Euro, 2005 wurden 721 Millionen Euro Gewinne gemacht. Auf die Sanierungserfolge bei der Bankgesellschaft und den Berliner Verkehrsbetrieben bin ich besonders stolz. Das Primärdefizit im Landeshaushalt, also ohne Zinsausgaben und Vermögensverkäufe, lag 2001 bei 3,7 Milliarden Euro, in diesem Jahr werden es vielleicht noch 500 Millionen Euro sein. 2007 kann Berlin seine ordentlichen Ausgaben erstmals seit der Vereinigung aus den ordentlichen Einnahmen finanzieren. Das ist eine gigantische Verbesserung der Situation.

Der Tagesspiegel: Was war Ihre bitterste Niederlage?

Thilo Sarrazin: Ach, das Leben eines Finanzsenators besteht aus einer stetigen Mischung von Siegen und Niederlagen. Er tut gut daran, sich der Siege nicht zu sehr zu brüsten und die Niederlagen nur vor sich selbst zu beklagen.

Der Tagesspiegel: Dann fragen wir anders: Welche wichtigen Aufgaben sind liegen geblieben?

Thilo Sarrazin: Aufgeschoben wurde nichts. Was wir an großen Vorhaben anstoßen konnten, haben wir angestoßen, aber die Veränderungen brauchen Zeit. Das gilt zum Beispiel für den Abbau des Personalüberhangs im öffentlichen Dienst, aber auch für die Förderung des sozialen Wohnungsbaus, deren Nachfolgekosten uns trotz des Stopps der Weiterförderung noch bis 2019 begleiten werden.

Der Tagesspiegel: Sie haben 5 Jahre lang aufgeräumt in der Stadt, wann wollen sie anfangen zu gestalten? Sparen allein ist keine Politik.

Thilo Sarrazin: Dieser Vorwurf geht ins Leere, weil wir niemals nur gespart haben. Es gibt keinen Gegensatz zwischen Haushaltskonsolidierung und politischer Gestaltung. Der Senat hat gewaltige Akzente gesetzt. Zum Beispiel durch die Bildungsreformen, neue Hochschulverträge, durch die Neuordnung der Opernlandschaft oder der Wirtschaftsförderung. Im Übrigen hängt die Entwicklung der Berliner Finanzen von der Wirtschaftslage in Deutschland ab. Alle Zahlen deuten darauf hin, dass spätestens 2015 das Bruttoinlandsprodukt dauerhaft sinkt, wegen fehlender Arbeitskräfte. Außerdem muss sich Berlin, wie alle ostdeutschen Länder, mit dem kompletten Abbau der Solidarpaktmittel bis 2019 auseinandersetzen. Da entgehen uns 2 Milliarden Euro im Jahr.

Der Tagesspiegel: Vielleicht bringt das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Haushaltsnotlage-Klage Berlins ...

Thilo Sarrazin: ... wahrscheinlich Mitte Oktober ...

Der Tagesspiegel: ... eine nachhaltige Entlastung des Landeshaushalts.

Thilo Sarrazin: Wir können nur dann mit einer teilweisen Entschuldung durch den Bund rechnen, wenn wir glaubwürdig einen dauerhaften Sparkurs in Berlin fahren.

Der Tagesspiegel: Bleiben Sie nach der Abgeordnetenhauswahl am 17. September Finanzsenator?

Thilo Sarrazin: Erst mal gewinnen wir die Wahl und dann wird sich diese Frage im Zuge der Regierungsbildung beantworten.

Der Tagesspiegel: Das ist aber eine sehr zurückhaltende Antwort.

Thilo Sarrazin: Angemessen in der gegenwärtigen Situation.

Der Tagesspiegel: Könnten Sie sich für Berlin auch eine große Koalition vorstellen, um die großen Probleme der Stadt zu lösen?

Thilo Sarrazin: Nach den Umfragen, aber auch nach meinem Zahlengefühl bestehen sehr gute Aussichten, dass es weiterhin reicht für Rot-Rot. Meine Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen von der PDS war sehr gut. Überraschend gut. Als ich 2001 ins Amt kam, hatte ich mehr Bedenken. Aber auch bei den Grünen habe ich für die Grundausrichtung meiner Finanzpolitik viel Verständnis und kompetente Gesprächspartner gefunden.

Der Tagesspiegel: Wir fragten nach der CDU.

Thilo Sarrazin: Bei der CDU habe ich solche Gesprächspartner leider vermisst. Eine fachkundige Kritik der Opposition ist aber nötig, weil man davon lernen kann und keine eingeschlafenen Füße kriegt. Da ist von der Union seit 2001 gar nichts gekommen und ich sehe mit einer gewissen Trauer, dass die wenigen CDU-Abgeordneten, die ich schätzen gelernt habe – Monika Grütters, Peter Kurth, Alexander Kaczmarek – nicht mehr antreten oder sich andere Aufgaben gesucht haben.

Der Tagesspiegel: Es gibt ja noch Friedbert Pflüger, den CDU-Spitzenkandidaten.

Thilo Sarrazin: Herr Pflüger muss sich nach der Wahl seine Mehrheiten suchen, und wenn die Mehrheit so groß ist, dass die SPD weder mit der PDS oder den Grünen oder mit beiden zusammen regieren kann, wird es sicher Gespräche geben über andere Konstellationen. Ich halte das aber für extrem unwahrscheinlich.

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B I L A N Z

Immer mehr Arbeitslose

Aus:
Berliner Zeitung, 23. August 2006, Seite xx (Berlin). [Original]

BERLIN. Die Entwicklung der Unternehmen und damit die der Arbeitsplätze haben in den letzten 5 Jahren den rot-roten Senat sehr viel beschäftigt. Große Firmen wie Samsung, der Elektronikkonzern JVC oder der Baumaschinenhersteller CNH haben hunderte von Arbeitsplätzen abgebaut, nur einige wenige Unternehmen kamen neu nach Berlin. Die Arbeitslosigkeit ist mit 17,5 Prozent höher als zu Beginn der rot-roten Koalition im Januar 2002. Damals betrug die Quote 16,3 Prozent. Fragt man die Opposition, hat der Senat in der Wirtschaftspolitik komplett versagt.

Geschehen ist in den vergangenen Jahren aber dennoch einiges: Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linkspartei.PDS) hat einen alten Plan der großen Koalition umgesetzt und endlich eine zentrale Anlaufstelle für Investoren geschaffen. Außerdem wurden die Wirtschaftsfördergesellschaft Berlin und die Marketinggesellschaft Partner für Berlin zusammengeführt und so die Kräfte konzentriert. Wolf setzt sich seit einigen Monaten auch stark für die Industriepolitik ein, da man seiner Meinung nach auch künftig noch Industrieunternehmen nach Berlin holen kann – aber nur hochmoderne, innovative Unternehmen. In diesem Punkt wirft auch Wolf dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) vor, zu wenig zu tun. Wowereit gibt dem Industriestandort Berlin nämlich wenig Chancen, er setzt eher auf den Dienstleistungsbereich.

Wirbel um Schering

Streit gab es mit den Wirtschaftsverbänden um die Wassertarife. Die Industrie- und Handelskammer, die Handwerkskammer und die Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg fordern eine Umstellung des Tarifsystems auf einen Grund- und einen Arbeitspreis – ähnlich wie beim Strom oder bei den Telefontarifen. Damit könnte Großkunden, also den Unternehmen, ein Mengenrabatt gewährt werden. Auch Wirtschaftssenator Wolf ist für diese Tarifumstellung, konnte sich aber nicht gegen Wowereit und die SPD durchsetzen. Sollte es zu einer Fortsetzung des rot-roten Bündnisses kommen, will Wolf dies zum Thema in den Koalitionsverhandlungen machen.

Für große Aufregung sorgte die Übernahme des Berliner Chemiekonzerns Schering. Erst drohte eine feindliche Übernahme durch den Darmstädter Konzern Merck, dann aber kam der Pharmariese Bayer zum Zug. So ist zwar erneut mit einem Abbau von Arbeitsplätzen zu rechnen, aber immerhin bleibt der Konzernsitz in Berlin.

Mit Erleichterung hat der Senat in diesem Jahr das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts zum Großflughafen in Schönefeld zur Kenntnis genommen. Der soll nun im Jahr 2011 in Betrieb gehen. Auch die Opposition ist darüber froh. In diesem Punkt sind sich alle einig: Durch den neuen Airport werden tausende Arbeitsplätze entstehen.



W E S T - C I T Y

Jammern auf hohem Niveau

Viele beklagen den Niedergang der City-West – dabei geht es ihr teilweise besser als der City-Ost.

Aus:
Berliner Zeitung, 28. Augut 2006, Seite xx (Berlin). [Original=581373.html]

BERLIN. Das Gedränge am Bahnhof Zoo – es ist weg. Kein Fernzug hält mehr. Die Händler jammern über Umsatzeinbußen. Aber nicht nur sie lamentieren in der westlichen City der Stadt. Gerade in Wahlkampfzeiten ist das Lamento, dass in der City-West alles den Bach runter gehe, populär – wenngleich es so pauschal gar nicht stimmt.

Die Spitzenkandidatin der Grünen, Franziska Eichstädt-Bohlig, sorgt sich, dass die Ost-City immer attraktiver und hochwertiger werde, der Westteil Berlins dagegen an Wert verliere und zur Rummelmeile zu verkommen drohe. Deshalb kämpft sie gegen einen Abriss des ICC. Der Verein Berliner Kaufleute und Industrieller lässt über die Frage diskutieren, ob der Niedergang des Westens "Mär oder Realität" sei und den Ex-Regierenden Eberhard Diepgen (CDU) klagen, dass im Westen einiges im Argen liege und die Schuld daran der rot-rote Senat trage. Antje Vollmer, Bundestagsabgeordnete der Grünen, sieht das ähnlich. Über Parteigrenzen hinweg vermisst sie ebenso wie Diepgen die "Liebe oder zumindest Zuneigung" für die City-West und ein Konzept für diesen Teil der Innenstadt. Die SPD versucht mit Veranstaltungen, zum Beispiel unterm Titel "Probleme und Potenziale der City-West" gegenzusteuern, doch unbestritten sind die Probleme – zumindest in manchen Bereichen.

Das Kinosterben wird gern angeführt, wenn es um den Abstieg der City-West geht, ebenso die drohende Schließung der Bühnen am Kudamm, die Vernachlässigung der Deutschen Oper und das Ende legendärer Restaurants. Aber jene, die dem alten West-Berlin hinterhertrauern und jammern, dass alle in den Osten gehen, übersehen, dass in der City-West der Strukturwandel nicht nur negative Seiten hat. Sicher, abends ist nicht mehr so viel los wie früher, "als auf dem Kudamm Stop und Go herrschte", wie sich Anwalt Peter Raue erinnert.

Das Nachtleben ist zu großen Teilen abgewandert. Seit 1998 haben 17 Kinos in der City-West geschlossen, 8 sind geblieben. Das Schillertheater ist ebenso zu wie das Hansatheater, die Zukunft des Zoopalasts ist ungewiss. In der Gegend rund um den Bahnhof stehen Büros leer. Dass auf Brachen seit Jahren nichts passiert, kaschieren riesige Werbeposter. Und das sei so, weil im Gegensatz zu Mitte hier "keiner ins Blaue hinein investieren will", wie Boris Kupsch vom Portal kurfuerstendamm.de erklärt. Einiges aber spricht für das Fazit der SPD-Politiker im Bezirk, dass "die Potenziale der City-West größer sind als die Probleme".

Der Kudamm ist nach wie vor und unbestritten Berlins Shopping-Meile Nummer eins. Makler Frank Orthen, der Marktuntersuchungen und Standortanalysen erstellt, sagt: "Wenn große Filialisten und Designer die Wahl haben, gehen sie an den Kudamm." Das Kino- und Theatersterben habe keine negative Auswirkungen auf den Einzelhandel gehabt, im Gegenteil: "Für den hatte es positive Effekte, weil jetzt bessere Flächen zur Verfügung stehen", sagt Orthen. Und von der Abkopplung des Bahnhof Zoo vom Fernverkehr seien lediglich die Händler im Bahnhof betroffen, so Kupsch.

Außerdem haben viele Unternehmen mittlerweile gemerkt, dass man "zu Gunsten des Ostens nicht auf den Westen verzichten kann", wie Julia Heinemann, Sprecherin der Fotogalerie Lumas sagt. Diese hat vor zwei Jahren am Hackeschen Markt eröffnet, ein Jahr später folgte dann die Filiale am Kudamm. "Wir haben festgestellt, dass viele, die im Westen wohnen, gar nicht zum Hackeschen Markt kommen", so Heinemann. "Also haben wir uns entschieden, in dieser noch geteilten Stadt zwei Läden zu haben, beide laufen sehr gut." Während in Mitte vor allem Touristen und junge Leute verkehrten, sei der Kudamm nicht nur durchweg sehr stark frequentiert, es gebe dort auch ein besonders kaufkräftiges Publikum.

Neben Läden haben sich auch Hotels und Wirte in jüngster Zeit neu in der City-West angesiedelt. Keiner bereut es: Der Chef des neuen Fünf-Sterne-Hotels Concorde an der Augsburger Straße ist sehr glücklich über den Standort seines Hauses. Vor allem das "Upper End" – so nennt Carsten D. Colmorgen den Kudammabschnitt zwischen Bleibtreustraße und Olivaer Platz – sei ein großer Standortvorteil. Während sich in der Gegend um den Hackeschen Markt Läden mit junger Mode ansiedelten, hat dort in den letzten Jahren ein Luxuslabel nach dem anderen eröffnet.

Das von Kleihues gebaute Concorde hat zusammen mit dem neuen Kudamm Eck und dem neuen Kranzler Eck die Gegend aufgewertet – auch nach Ladenschluss zieht es inzwischen Leute in die Gastronomie dort. Das Reinhard's eröffnete jüngst im Kempinski-Eck, Jörg Mink zog mit seinem schwäbischen Restaurant Mink's vom Potsdamer Platz in die Uhlandstraße. Das Lokal hat sich seit dem Umzug im Januar zum Promitreff entwickelt. "Die City-West wird vielleicht totgeredet, aber das ist falsch", sagt der Schwabe. "Hier ist es sehr belebt, ich habe sehr treue Gäste und das Tolle im Westen ist: Hier wird noch sehr viel Wert auf Qualität gelegt." [mehr]



Lob der europäischen Stadt

Traufhöhe, Townhouse, Tradition: Senatsbaudirektor Hans Stimmann hinterlässt Berlin nach 15 Jahren Amtszeit in wohlgeordneter Architektur.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 29. August 2006, Seite xx (Kultur) von BERNHARD SCHULZ. [Original]

BERLIN (Tsp). Berlin verdankt seine baugeschichtliche Bedeutung im 19. und 20. Jahrhundert den großen Lenkern, die es an der Spitze der zuständigen Behörde wiederholt hat erleben dürfen. Die Reihe reicht, neben anderen, von Karl Friedrich Schinkel im frühen 19. Jahrhundert über Martin Wagner in der Weimarer Republik bis zu – ja, bis zu Hans Stimmann, der nach 15 Jahren nur kurzfristig unterbrochener Tätigkeit als Senatsbaudirektor und wenige Monate nach seinem 65. Geburtstag nun mit dem Ende der Legislaturperiode im September in den Ruhestand tritt.

Die Geschichte Berlins spielt bei ihm eine Rolle wie bei keinem seiner Vorgänger im alten West-Berlin. Denn Stimmann war es, der die Stadt an ihre Vergangenheit erinnerte, unbeirrbar von Anfang seiner Tätigkeit an. Das brachte ihm keine Sympathien ein, als er am 10. April 1991 sein Amt antrat – mitten in der Euphorie der Nachwende- und Wiedervereinigungszeit, als die Visionen des „neuen Berlin“ buchstäblich in den Himmel schossen. Alles schien möglich. Ausstellungen wurden veranstaltet, Gedankenspiele publiziert, die aus dem Abstand des Heute nur mehr als Fieberträume gelten können. Damals, 1991, rechnete man hochoffiziell mit dem Anschwellen der Stadt auf 5 Millionen Einwohner und der Rückkehr aller durch den Krieg verlorenen Funktionen. New York wurde zum erklärten Vorbild. Doch gerade da steuerte Stimmann entschieden gegen.

„Ich bin ein mächtiger Mann“, behauptete er bald darauf in einem Interview, ganz im Vollgefühl der Macht, das ihm die Vergabe von Grundstücken und Baugenehmigungen verschaffte. Nie ging Stimmann einem Konflikt aus dem Wege, zog vielmehr die Pfeile der Gegner geradezu lustvoll auf sich. Dass seine Macht nicht so weit reichte, wie er sich und anderen gern glauben machte, steht auf einem anderen Blatt. Heute weiß Stimmann ein Lied von den „anderen Akteuren“ – wie er sie gern nennt – zu singen. Dazu zählen Bundesregierung und Parlament, die im Verlaufe des Hauptstadtumzugs weitreichende stadtpolitische Entscheidungen trafen.

Bald kam der Begriff des „steinernen Berlin“ auf, um Stimmanns unerbittliche Gestaltungsvorgaben zu kennzeichnen und mehr noch zu geißeln: Einhaltung der Baufluchtlinien und damit des überkommenen Stadtgrundrisses, Beschränkung der Traufhöhe auf das Altberliner Maß von 22 Metern, steinerne Fassaden mit stehenden Fenstern, Einteilung der Baufronten in Sockel, Hauptzone und Dachabschluss. Das war für die Protagonisten einer vibrierenden Megacity kaum zu fassen. Stimmann, der Mann aus Lübeck, gelernter Maurer mit Promotion zum Dr.-Ing., blieb eisern oder auch stur, wie man will – und setzte sich meist, wenn auch gewiss nicht immer, durch.

Sein Leitbild hieß stets „die europäische Stadt“. Am Erbe der nach festen Regeln gewachsenen europäischen Stadt, wie unterschiedlich sich diese auch ausgeprägt haben mochte, suchte sich Stimmann zu legitimieren. Die sei's auch nur noch in Bruchstücken tradierte Geschichte – das „Gedächtnis der Stadt“, wie Stimmann es nennt – wurde zum Leitbild, was den Städtebau anlangt. In der Architektur selbst folgte Stimmann dem von IBA-Direktor Josef Paul Kleihues geprägten Begriff der „kritischen Rekonstruktion“. Gemeint ist, auf die Vergangenheit eines Ortes Rücksicht zu nehmen, sie aber mit den Mitteln von heute zu interpretieren. Musterbeispiel: die von Kleihues geschaffenen Bauten zu beiden Seiten des Brandenburger Tores.

Gegenbeispiel am selben Platz ist das „Hotel Adlon“, das Geschichte vorgaukelt, obwohl es das historische Vorbild missachtet. Überhaupt lassen sich am Pariser Platz Siege und Niederlagen Stimmanns in konzentrierter Form ablesen. Für das Bankgebäude des wilden Frank Gehry setzte er seine Richtlinien durch – die Gehry freilich ironisch hinterging –, beim unmittelbaren Nachbarn der Akademie der Künste gelang es ihm nicht, die verhasste Glasfassade Günter Behnischs zu verhindern. Die steht für die alte Bundesrepublik mit ihrer simplen Gleichung Transparenz gleich Demokratie, woran Stimmann, vom bloß ästhetischen Widerwillen abgesehen, als ausgefuchster Gremien- und Jury-Strippenzieher in seinem Innersten ohnehin nie geglaubt haben dürfte. Den „Adlon“-Bau konnte er baurechtlich nicht verhindern – das zeigt die Grenzen seiner Gestaltungsmacht.

Deren Denkmal erstreckt sich nicht weit entfernt in Gestalt der neu geschaffenen Friedrichstraße vom Bahnhof bis zum Checkpoint Charlie. Hier hatte Stimmann freie Hand – bis heute, wo an der Ecke Unter den Linden das beinahe letzte Grundstück zugebaut wird, allein aus dem eher doktrinären Grund, die einstige Bebauung sei ebenso dicht gewesen.

Stimmanns Zauberformel der frühen Neunzigerjahre war die Koppelung der Grundstücksvergabe an die Befolgung der jeweils ausgeschrieben Architekturwettbewerbe. Er habe versucht, so Stimmann in einem vergangenes Jahr erschienenen Repräsentationsbuch über seine Tätigkeit, „die Nachwendegeschichte Berlins zu steuern“. Punkt. Die Steuerung erfolgte über Jurys, in denen die Preisrichter wechselweise zu Preisträgern wurden und umgekehrt – ein geschlossener Zirkel, der bereits im Herbst 1991 zum ersten Eklat führte, als der selbstbewusste Niederländer Rem Koolhaas aus der Jury zum Potsdamer Platz davonstürmte. Allein die heimischen Niederlande als Bauherr verschafften Koolhaas mit dem Neubau ihrer Botschaft Jahre später einen Auftrag an der Spree.

Viele haben sich über Stimmanns Machtbewusstsein beklagt; manche lauter wie Daniel Libeskind – der freilich mit dem Jüdischen Museum geradezu einen Kultbau der jüngsten Jahrhundertwende schaffen konnte –, manche leiser, die dann doch noch einen Auftrag abbekamen, wenn sie sich nur reumütig genug an die Gestaltungsvorgaben hielten. Dass „kreative Potenziale in der Stadt brachgelegt“ wurden, wie eine Gruppe von Nachwuchsarchitekten behauptet hat, wird man angesichts zahlreicher überraschender Bauideen, die sich im Stadtbild verwirklicht finden, kaum behaupten können – es sei denn, man betrachtet die Stadt als Experimentierfeld, als jene tabula rasa, als die sie die zwei Generationen zwischen Weltkrieg und Stimmann verhunzt hatten, hüben wie drüben.

Denn nirgendwo ist so viel zerstört worden wie in Berlin – nicht allein im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs, sondern bereits zur Zeit des Wilhelminismus, als die vormalige preußische Bescheidenheit in Misskredit geriet und imperiale Größe gesucht wurde, und erst recht nach 1945, als die Abrissbagger in West und Ost gleichermaßen darangingen, mit der überkommenen Stadt aufzuräumen. Gerade dieser nur noch in Bruchstücken und am ehesten noch im Stadtgrundriss aufzufindenen Stadt aber galt Stimmanns Sorge. Er spricht gerne vom „Gedächtnis der Stadt“, das er unermüdlich im Stadtplan zu entziffern suchte.

Stimmanns Welt-, pardon Stadtbild mündete dann 1999, als der Boom längst abgeklungen war und die Klagen über den Büroleerstand anschwollen, ins senatsabgesegnete „Planwerk Innenstadt“. Die Kernbereiche der beiden Halbstädte West- und Ost-Berlin über die Brachflächen der einstigen Grenze miteinander verknüpfend, wollte Stimmann hier den überkommenen Stadtgrundriss wiederherstellen. Es gelang ihm nur an wenigen Stellen – weil die auf Wagner zurückgehende Grundidee, die notwendige Infrastruktur über die Veräußerung landeseigenen Bodens zu finanzieren, am Mangel an Investoren scheiterte. Genauso versandete zuvor die Umbauung des Alexanderplatzes mit Hochhäusern, die derzeit niemand benötigt. Diese Planung hält mittlerweile auch Stimmann für verfehlt, jenen Hoffnungen nach der Wiedervereinigung geschuldet, die in grassierende Immobilienspekulation mündeten.

Aber auch Stimmanns ureigene Anliegen wurden von den so radikal ernüchterten Zukunftsprognosen getroffen. Im Wohnbau, bilanzierte er unlängst, wurden quantitativ fast so viele Wohnungen neu geschaffen, wie heute in Berlin leer stehen. Die großflächigen Neubauvorhaben an der Peripherie der Stadt mussten mehr oder minder vollendet abgebrochen werden, als sich das Land Berlin in seiner Finanznot aus dem Sozialen Wohnungsbau verabschiedete. Die jüngste Planungsvorgabe Stimmanns, mit den „Townhouses“ genannten Innenstadt-Privathäusern rings um den Werderschen Markt gut betuchte Bürger durch Eigentumsbindung ins Zentrum zurückzuholen, ist eine Reaktion auf den tiefgreifenden Wandel der Wohnungsnachfrage.

Auch bei den Verkehrsbauten, für die er sich mit Hingabe engagierte, wechselten Erfolge und Rückschläge. So zählt der Hauptbahnhof zu den glorreichen Erfolgen – ungeachtet der Entstellungen, die ihm Bahnchef Mehdorn insbesondere mit der brachialen Verkürzung des Glasdaches zugefügt hat. Den Hauptbahnhof hat Stimmann in einer Blitzentscheidung durchgesetzt, im Gespräch mit zwei Architekturbüros; die Gunst des Augenblicks nutzend, da die Bahn bereit war, Milliarden in den Verkehrsknotenpunkt Berlin zu investieren. Bei den Regionalbahnhöfen jedoch musste er zurückstecken. Zumal Gesundbrunnen, geradezu als Hommage an die Zwanzigerjahre entworfen, blieb ein bescheidener Torso, weil die Bahn keine Aussicht auf profitable Vermarktung der Flächen sah.

Noch schlimmer erging es Stimmann bei der U-Bahn, deren als „Kanzlerbahn“ geschmähte Linie 5 quer durch die Stadt er mit anspruchsvollen Wettbewerben für die einzelnen Stationen beplante. Doch sein vorgesetzter Senator machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Gerade da bewies sich die Loyalität des in der Wolle gefärbten Sozialdemokraten. Nie ließ er sich ein böses Wort über die verantwortlichen SPD-Senatoren entlocken, welche Bocksprünge sie auch machten.

Stimmann erfocht seine Siege vor allem in Mitte. Die Durchsetzung der Vorgabe, 20 Prozent der gebauten Flächen für Wohnungen zur Verfügung zu stellen, bewahrt das alt-neue Zentrum vor Entvölkerung. Zwischen Brandenburger Tor und Alex, zwischen Chausseestraße und Checkpoint Charlie ist „Stimmann pur“ zu besichtigen, und das heißt: die Zähmung des schrankenlosen Investorenkalküls.

Doch nicht alles ist Stimmann, was seit der Wiedervereinigung Berlins im Zentrum entstand. Die Hauptstadt mit Parlament, Regierung und Ministerien schuf sich ihre eigenen Orte, da kam der Senatsbaudirektor als Verfahrensbeteiligter kaum noch mit. Man denke nur an die Spontan-Entscheidung des Bundestages, mit seinen Neubauten längs des Reichstages den „Spreesprung“ zu wagen und damit ein suggestives architektonisches „Bild“ seiner Tätigkeit zu schaffen.

Wesentlich beeinflusst hat er freilich die kopernikanische Wende in der Bundesbaupolitik 1994, als nach langem Sträuben die Nutzung brachliegender Bauten aus DDR- und zahlreicher noch aus NS-Zeiten akzeptiert wurde. Lange zuvor hatte Stimmann nachgewiesen, dass der Flächenbedarf der Hauptstadtfunktionen aus der vorhandenen Substanz gedeckt werden könne. So kamen, als die Ansprüche der Noch-Bonner Minister auf realistisches Maß zurückgestutzt waren, selbst Reichsluftfahrtministerium und Reichsbank aus den Dreißigerjahren, die beiden größten Klötze in der alten Mitte, zu frisch polierten Ehren.

Es „brauchte starke Nerven und eine feste Überzeugung davon, was eine europäische Stadt zu sein hat“, erinnert sich Stimmann an die Jahre der Weichenstellungen. Wie nie ein Vorgänger suchte er gleichwohl alle Beteiligten in unzähligen Gesprächsrunden und Workshops einzubinden, eine gremienförmige Quasi-Öffentlichkeit, die dem medialen Bedürfnis entgegenkam, alles zu bereden, vor allem die ungelegten Eier. Derer gab es einige in Stimmanns Amtszeit, man denke nur an die Geschichte vom Schloss, und auch halb bebrütete wie die erwähnten landeseigenen „Entwicklungsgebiete“, bei denen dem Finanzsenator die Puste ausging.

Aber auch da steht Stimmann in der ehrenvollen Tradition eines Schinkel oder Wagner. Berlin hat immer viel geplant und verworfen, und stets war es am Ende das Geld, das die Stadt regierte – „mächtiger Mann“ hin oder her. Aber was ihm innerhalb der so gesteckten Grenzen möglich war, hat Stimmann im Großen und Ganzen erreicht. Wenn das keine Erfolgsbilanz ist – in einer Stadt, für die abrupter Wandel stets kennzeichnender war als gelassene Beständigkeit! [Nachfolgerin von Stimmann ist Regula Lüscher]



B E R L I N S   H A L L E N

Die Nächste, bitte

ICC, Velodrom, Arena, Max-Schmeling-, Deutschlandhalle und jetzt der Baubeginn für die O2-World am Ostbahnhof. Hat Berlin nicht genügend Großhallen?

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 27. September 2006, Seite xx (Berlin). [Original=2777593.html]

BERLIN (Tsp). Am 13. September war Baubeginn – symbolisch zumindest und rechtzeitig vor der Wahl. Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister, Veronica Ferres, Schauspielerin und O2-Werbeträgerin, O2-Chef Rudolf Groeger und die Leitenden der Anschutz Entertainment Group, Detlef Kornett und Timothy J. Leiweke, legten den Grundstein für die Multifunktionshalle am Ostbahnhof. Eine mehr für Berlin. Eine mehr, die ausgelastet sein muss.

Doch im Jahr kommen nur schätzungsweise fünf, sechs Stars nach Berlin, die solch eine Halle füllen könnten. Da sind die Kritiker nicht weit. „Es ist grotesk, was hier passiert“, sagt Marek Lieberberg, Deutschlands wichtigster Konzertveranstalter. „Berlin baut eine Halle nach der anderen. Nebeneinander können die nicht überleben. Berlin hat kein Umland, wenig Kaufkraft, die Zuschauer sind schwer zu begeistern.“ Und in den Sommermonaten seien die Waldbühne und die Wuhlheide attraktivere Alternativen für Stars wie Grönemeyer, Metallica oder Robbie Williams. Genügend Auswahl zumindest haben sie.

O2-World
Eröffnung: 10.9.2008
Kapazität: 17.000 maximal
Baukosten: 150 Millionen Euro

Die Bauherren versprechen, die modernste und zugleich vielseitigste Halle zu bauen. Morgens könne ein Eishockeyspiel stattfinden, abends trotz umfangreicher Umbauten ein Popkonzert beginnen. Lieberberg sagt: „Eine moderne Halle in dieser Größenordnung hat Berlin gefehlt“, doch er rechne nicht mit positiven Geschäftszahlen. Für Kongresse kommt die Arena kaum in Frage, weil Unternehmen immer im Frühjahr einladen – nur dann spielen die Eisbären. Und: Mit Waldbühne und Wuhlheide hat die Halle von Mai bis Oktober starke Konkurrenz. Mit der Zuschauerzahl erreicht die Arena eine Größenordnung, die für Top-Acts der Musikbranche notwendig ist – Konzerte also, die bislang an Berlin vorbeigegangen sind. Bauherr ist die Anschutz Entertainment Group, die mit großen Konzertveranstaltern kooperiert oder eigene Künstler unter Vertrag hat.

ICC
Eröffnung: 1979
Kapazität: 9100 Plätze maximal
Baukosten: 465 Millionen Euro

In den Achtzigern rockte noch Sting im ICC, zuletzt klatschten die Fans von Florian Silbereisen begeistert beim „Überraschungsfest der Volksmusik“. Die volle Kapazität könne bei Konzerten nicht genutzt werden, „weil der Künstler dann in zwei Richtungen gucken müsste“, sagt Marek Lieberberg. Damit meint er die spezielle Architektur, nach der 2 Einzelhallen zu einer verschoben werden können. Die Bühne wäre dann in der Mitte. „Wir sind keine Location für Popstars“, sagt auch ICC-Direktor Ralf Kleinhenz. Nur noch zehn Prozent seien Event-Veranstaltungen, „unsere Stärke sind die Kongresse“. So wird beispielsweise die Lufthansa ihre Vollversammlung im ICC abhalten. Ende November steht erst mal das nächste Großereignis an, wer ICC-Karten will, kommt auf eine „Warteliste“. Dann sind die Flippers zu Gast am Messedamm.

Max-Schmeling-Halle
Eröffnung: 1996
Kapazität: 11.950 maximal
Baukosten: 105 Millionen Euro

Für große Popstars ist die Halle zu klein, die enormen Kosten für die aufwendige Technik rechnen sich daher nur schwer. Beispiel Madonna: Als sie 2001 hier gastierte, spielte sie drei Tage hintereinander. So kommen die Kosten herein. Das Problem: Superstars auf Tournee reisen lieber nach einem Konzert weiter in die nächste Stadt. Der größte Nachteil der Schmeling-Halle ist aber ihre Lage. Mitten in einem Wohngebiet in Prenzlauer Berg mit nur ganz wenigen Parkplätzen – alles andere als ideal für große Veranstaltungen. Und Albas Basketballer und die Handballer der Füchse schielen schon zur O2-World – und würden 2008 wohl umziehen. Branchenkenner spotten: „Eine Schulsporthalle hätte man billiger haben können.“

Velodrom
Eröffnung: 1997
Kapazität: 12.000 maximal
Baukosten: 135 Millionen Euro

Das große Hallenrund ist als Arena für Popkonzerte alles andere als ideal. Die markante Dachkonstruktion der Halle ist statisch nicht so belastbar, wie es moderne Konzerthallen erfordern. Hier können nicht so viele Scheinwerfer und Lautsprecher gehängt werden, sodass die aufwendige Technik einer Hallen-Bühnenshow nicht immer Platz findet. Für einmalige Show-Produktionen spielt das aber keine Rolle. Beispiel Robbie Williams: Als er seine aktuelle CD mit einem Konzert im Velodrom präsentierte, wurde die Technik anderswo untergebracht und das Dach in die Lichtshow einbezogen. Lieberbergs Vorschlag: „Für einen symbolischen Euro verkaufen.“

Deutschlandhalle
Eröffnung: 1935
Kapazität: 8500 maximal [Ed: bei Konzerten waren es durchaaus schon mal 17.000]

Mit dem Bau von Velodrom und Max-Schmeling-Halle wurde die bei Konzertveranstaltern sehr beliebte Deutschlandhalle stillgelegt. Der Senat schloss mit der Firma Velomax einen Betreibervertrag für die beiden neuen Sporthallen ab: Kern ist die Zusicherung, dass keine Popkonzerte mehr in der Deutschlandhalle stattfinden dürfen, ein stattlicher Betriebskostenzuschuss. [Ed: In der Deutschlandhalle konnten auch Reitturniere und Zirkusveranstaltungen stattfinden, was in den neueren Hallen offensichtlich nicht mehr möglich ist].

Arena Treptow
Eröffnung: 1927
Kapazität: 7500 maximal

Ehemals die größte freitragende Halle Europas, ist die Arena seit mehr als 10 Jahren die einzige ohne öffentliche Zuschüsse arbeitende Veranstaltungshalle der Stadt. Aus dem früheren Busdepot machten die Betreiber eine Multifunktionsarena für Konzerte, Shows, Partys oder Gala-Diners. Lieberberg schätzt die Arena, vermisst in Berlin jedoch eine „moderne, schickere Konzert-Location im 4000-Zuschauer-Bereich“. Das Tempodrom könne die Lücke nicht schließen.



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