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W E S T - C I T YSchwarz-grünes Bündnis in Steglitz-Zehlendorf
Am 15. November soll der bisherige CDU-Fraktionsvorsitzende in der Bezirksverordnetenversammlung, Norbert Kopp, zum neuen Bezirksbürgermeister gewählt werden. Leicht fiel den Grünen die Entscheidung nicht.
Aus: Berliner Morgenpost, 3. November 2006, 13.16 Uhr MEZ (Bezirke). [Original=1097626.html]BERLIN-STEGLITZ (BM). Auf Berliner Bezirksebene gibt es nun doch das erste schwarz-grüne Bündnis in der Hauptstadt: Statt im rot-grünen Charlottenburg-Wilmersdorf etabliert es sich ausgerechnet im konservativen Südwesten Berlins in Steglitz-Zehlendorf. Die Kreisverbände von CDU und Grünen einigten sich mit jeweils großer Mehrheit auf eine Zählgemeinschaft, teilten beide Parteien mit. So soll am 15. November der bisherige CDU-Fraktionsvorsitzende in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV), Norbert Kopp, zum neuen Bezirksbürgermeister gewählt werden.
In Charlottenburg-Wilmersdorf hatten sich die Grünen Ende Oktober doch für eine Fortsetzung der Zählgemeinschaft mit der SPD zur Wahl der Bezirksbürgermeisterin entschlossen. Monika Thiemen (SPD) wurde bereits am 26. Oktober in ihrem Amt bestätigt. Gescheitert war das schwarz-grüne Bündnis vor allem daran, dass CDU und Grüne allein über keine ausreichende Mehrheit verfügten. Die FDP als dritter Partner habe überzogene Forderungen gestellt, an denen eine mögliche Jamaika-Koalition scheiterte, wie es hieß.
An der FDP scheiterte auch in Steglitz-Zehlendorf ein Ampel- Bündnis, sagte BVV-Grünen-Fraktionschefin Irmgard Franke-Dressler. Die Grünen hätten gar nicht mehr die Option gehabt, sich für die SPD zu entscheiden, nachdem die FDP aus der Ampel ausgestiegen sei. Rein rechnerisch ging das nicht mehr, sagte Franke-Dressler. CDU und Grüne hätten aber allein eine komfortable Mehrheit im Bezirksparlament Steglitz-Zehlendorf.
Die Entscheidung für die CDU sei den Grünen nicht leicht gefallen, betonte deren Fraktionschefin. Besonders nach dem Eklat aus dem vergangenen Jahr um Bezirksbürgermeister Herbert Weber (CDU) und das Gedenken um den 60. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs. Weber hatte damals in einer Erklärung die deutschen Opfer von Flucht und Vertreibung mit den Nazi-Opfern gleichgesetzt. Die CDU hat uns versichert, dass sie heute eine andere ist, sagte die Grünen- Politikerin. Außerdem sei man sich mit der CDU einig, vor allem in Jugend und Bildung zu investieren sowie Tempo-30-Zonen auszuweiten. [Die ‚Koalitionsvereinbarung‘ vom 31.10.2006]
W E S T - C I T YAm Ku’damm soll’s moderner werden
Was Politik und Bahn verändern wollen. Senatorin Junge-Reyer will die Entwicklung zur Chefsache machen. Dem Bezirk könnten damit wichtige Planungsverfahren entzogen werden.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 4. November 2006, Seite xx (Berlin) von CHRISTIAN VAN LESSEN. [Original=2876990.html]BERLIN (Tsp). Der Senat will der City-West mehr Aufmerksamkeit schenken. Was dem Pariser Platz und der historischen Mitte zugebilligt wird, könnte nun bald auch für den Kern der westlichen Innenstadt mit Kurfürstendamm, Bahnhof Zoo, Breitscheidplatz und Tauentzienstraße gelten: Die City-West soll zu einem Gebiet von gesamtstädtischer Bedeutung werden, hat die Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) vorgeschlagen.
Der City-Bereich hat zwar die belebtesten Einkaufsstraßen der Stadt, aber baulich wirkt er stellenweise vernachlässigt. In einem Gebiet von gesamtstädtischer Bedeutung kann der Senat wichtige Planungs- und Genehmigungsverfahren an sich ziehen, städtebauliche Ziele besser durchsetzen. So müsste der Bezirk wie es aus der Senatsbehörde heißt nicht alles allein machen. Die Senatorin betont jedenfalls, sie wolle sich mehr um die City-West kümmern, die rot-rote Koalitionsrunde hat dem zugestimmt. Ob das bedeutet, dass man sich in den letzten 5 Jahren zu wenig um dieses Gebiet gekümmert habe, wollte die Senatorin nicht beantworten.
Wie das Kümmern für die West-City im Einzelfall aussehen soll, war von der Senatorin am Freitag nicht zu erfahren. Ihre Sprecherin Petra Rohland erklärte, Einzelheiten müssten noch geklärt werden. Es gehe beispielsweise um die Stärkung des Einzelhandels, der Hotels, der Geschäftsstraßen und der Orte für Kultur. Des weiteren wolle sich der Senat intensiver um die Weiterentwicklung des City-Geländes der Technischen Universität kümmern, den Wissenschaftsstandort weiterqualifizieren. Die TU plant unter anderem an der Müller-Breslau-Straße ein Gründerzentrum. Wichtig sei aber vor allem eine Verbesserung der Situation rund um den Bahnhof Zoo. Die Senatorin wolle bei den angekündigten Umbauplänen der Bahn etwa auch bei der Gestaltung des Hardenbergplatzes mitwirken und sie politisch unterstützen. Dies sei unabhängig von den Riesenrad-Plänen am Zoo, heißt es.
Der Senat will sich auch bemühen, mit Investoren ins Gespräch zu kommen und versuchen, Projekte anzuschieben. Die kürzliche Schließung des Autotunnels am Breitscheidplatz wird als ein erster Schritt bezeichnet. Beispiele für stockende Projekte aber gibt es genug: Seit bald 15 Jahren wird über den Bau des Zoofenster-Hochhauses zwischen Kant-, Hardenberg- und Joachimstaler Straße diskutiert. Das Projekt wurde mehrfach architektonisch verändert, Investoren sprangen ab, neue kamen, doch die Baugrube blieb bis heute leer.
Auch der Hochhaus-Komplex auf dem Gelände des Schimmelpfeng-Hauses kommt seit über 10 Jahren nicht aus der Planungsphase heraus. Der Gebäudekomplex Zoobogen mit dem Hochhaus am Zoo, dem Zoopalast und dem sogenannten Bikini-Haus am Breitscheidplatz müsste dringend modernisiert und umgebaut werden die Bauherren wollen mit den Arbeiten allerdings nicht beginnen, bevor potente Nutzer gefunden sind zumal rund um den Breitscheidplatz fast 70.000 Quadratmeter Bürofläche leer stehen. Sichtbares Beispiel hierfür ist seit Jahren das neue City-Light-House an der Ecke Kant- /Joachimstaler Straße.
Charlottenburgs Bürgermeisterin Monika Thiemen (SPD) sieht in den Koalitonsvereinbarungen ein Signal, den Standort zu verbessern, die City vital zu halten. Dazu gehöre auch der Fernbahnhof Zoo. Sie glaube nicht, dass ihre Verwaltung Zuständigkeiten verliere. Immobilienexperte Boris Kupsch meint, der Senat könne sich gleich am Breitscheidplatz engagieren. Es sei sinnvoll, wenn sich eine höhere Stelle bei der Kirche dafür einsetze, das Budendorf abzubauen. [mehr]
K U ' D A M M - B Ü H N E NSchleichender Niedergang gestoppt
Im Westen Berlins passiert wieder was. Nach der Wende richteten sich alle Augen auf den Osten Berlins. Während im Westen verwahrloste Schmuddelecken jahrelang raffiniert hinter Riesenzäunen mit meterhohen Urlaubsbildern und Werbebotschaften versteckt wurden, flossen Millionen oft einseitig in Richtung Osten.
Aus: Handelsblatt, Düsseldorf, 4. Juli 2007, Seite ?? (Vermischtes). [Original=xxx]BERLIN (HB). Die Friedrichstraße und mit Verzögerung auch den Alexanderplatz wurden mit Glitzerfassaden belebt, der Potsdamer Platz sowieso. Dagegen hält im Bahnhof Zoologischer Garten kein ICE mehr und den Boulevardbühnen Komödie und Theater am Kurfürstendamm droht die Schließung. Doch jetzt scheint die Welle zurück zu schwappen: Berlins Westen ist wieder im Kommen.
Es ist ein eigentümlicher Zufall: Seit Eisbär Knut da ist und so viele Menschen wie noch nie zuvor glücklich in den Zoologischen Garten strömen, wird in der West-City Berlins vieles wieder gut. Die nächste Attraktion für Mill. kommt mit dem geplanten Riesenrad am Zoo. Im wieder einmal teilrenovierten Europacenter eröffnete vor wenigen Tagen das Elektronikkaufhaus Saturn ein neues Flaggschiff mit 13.000 Quadratmetern Verkaufsfläche. Auch der Senat hat die West-City um Kurfürstendamm, Tauentzien, Gedächtniskirche und Zoo neu entdeckt, das "Planwerk Innenstadt" von 1999 wieder ausgegraben und hoch offiziell einen Beschluss "für Maßnahmen zur Stärkung der City West" gefasst.
Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) setzte persönlich ein Zeichen. Zusammen mit Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) und Wirtschaftssenator Harald Wolf (Die Linke) unternahm er Anfang der Woche einen dienstlichen Stadtbummel nahe der Gedächtniskirche durch die Nürnberger und Budapester Straße. Eine Unternehmer-Initiative will das Areal verschönern. Wowereit lobte: "Ich kann nur sagen, hingehen, ansehen und sich kümmern." Gleichzeitig will er mit seiner West-Präsenz aber niemanden verschrecken: "Das richtet sich nicht gegen Ost-Bereiche."
Die neuen Tendenzen nach Jahren des tatsächlichen oder gefühlten Niedergangs im Westteil Berlins sieht auch die Wirtschaft gern und bestätigt die Entwicklung. "Alexanderplatz und Friedrichstraße als die großen und bekannten Zentren im Osten haben aufgeholt, aber Tauentzien und Kudamm sind unbestritten weiter und ungefährdet die umsatzstärksten Bereiche", sagte kürzlich der Hauptgeschäftsführer des Handels in Berlin und Brandenburg, Nils Busch-Petersen. Indiz für anhaltend stärkere Wirtschaftskraft im Westen sind auch die mit 200 Euro pro Quadratmeter doppelt so hohen Mieten am Tauentzien im Vergleich zum Alexanderplatz. [weiter]
Zukunft verkauft für 1 Million Euro
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 14. Juli 2007, 21.52 Uhr MESZ von SABINE BEIKLER. [Original]BERLIN (Tsp). Das nennt man einen Spitzendeal: Bauunternehmer Rafael Roth kaufte im Jahr 1990 das Grundstück des Ku'damm-Karrees für 30 Millionen DM vom Land. Als er das Ensemble samt Gebäuden 12 Jahre später weiterveräußerte, strich er 194,2 Millionen Euro ein. Schon 1990 sprachen Experten von einem "Spottpreis". Auch in den späten neunziger Jahren zeigte der damalige CDU/SPD-Senat beim Karree wenig Verhandlungsgeschick: 1998 verzichtete er auf so genannte Nutzungsverpflichtungen aus dem Deal von 1990. Für die beiden Bühnen im Ku'damm-Karree bedeutete das: Sie verloren de facto ihren politischen Bestandsschutz, denn Berlin gab sein verbrieftes Mitbestimmungsrecht bei Pacht- und Mietverträgen mit den Theatern auf. Dieser Verzicht war relativ billig: Roth zahlte 2 Millionen DM. Jahre später marschierten CDU- und SPD-Politiker in den Protestzügen vorneweg, als es um die Existenz der Theater ging.
Die Vertragsänderung wurde 1998 von der Finanzverwaltung unter SPD-Senatorin Annette Fugmann-Heesing und ihrem Staatssekretär, dem späteren CDU-Finanzsenator Peter Kurth ausgearbeitet. Dieser Vorgang ging auch an die Kulturverwaltung unter CDU-Senator Peter Radunski und Staatssekretär Lutz von Pufendorf. Radunski sagt heute, er könne sich daran nicht mehr erinnern, ob er das Schreiben überhaupt auf seinem Tisch hatte. Fugmann-Heesing möchte sich zu Details nicht äußern, bevor sie in die alten Akten geschaut habe. Sicher ist aber, dass das Parlament nicht informiert wurde. Das musste es auch nicht: 1993 hatte es selber die Kriterien für beschleunigte Verfahren bei Grundstücksgeschäften beschlossen. Darunter fiel diese Vertragsänderung, bei der Berlin auch auf ein Wiederkaufsrecht verzichtete. Generell wurde der Verzicht als "bedenkenlos" eingestuft mit einer Ausnahme: "Problematisch erscheint der Verzicht auf das Wiederkaufsrecht aber in Bezug auf die Sicherung von 'Theater am Kurfürstendamm' und 'Komödie'", steht in einem internen Verwaltungsschreiben. Doch Folgen hatte das nicht.
"Die gegenwärtig handelnden Personen waren dafür nicht verantwortlich", sagte SPD-Finanzsenator Thilo Sarrazin auf der Abgeordnetenhaus-Sitzung vor 2 Wochen. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) leitete 1998 zwar den Unterausschuss Theater. Doch von dem Deal erfuhr er offenbar erst bei einem Gespräch mit der Deutsche Bank-Tochter DB Real Estate am 7. Dezember 2005, in dem es um die Zukunft der Theater ging. "Da gab es eine Schocksekunde, als von einem Bankvertreter gesagt wurde, dass das Land seine Sonderrechte verkauft habe", erzählt ein Gesprächsteilnehmer. Die DB hatte 2002 das Ku'damm-Karree von Rafael Roth gekauft. Dafür erhielt das Land rund 3 Millionen Euro, weil Roth es vor der vertraglich festgelegten Frist von 2005 weiterverkauft hatte.
Die DB wollte anfangs beide, später dann nur ein Theater abreißen. Doch damit stieß sie 2005/2006 auf heftigen Protest von Schauspielern, Künstlern und auch Politikern. Demonstrativ stellte sich im Dezember 2005 der damalige Vizepräsident des Abgeordnetenhauses Christoph Stölzl (CDU) mit Schauspielern und Regisseuren schützend vor die Theater. Am 20. Februar 2006 demonstrierte Wowereit zusammen mit Prominenten für die Erhaltung. "Da wusste er doch schon, dass das Land den Bestandsschutz aufgegeben hatte", sagt Grünen-Kulturausschussvorsitzende Alice Ströver, die Wowereit "Zynismus und Heuchelei" vorwirft. Auch CDU-Kulturpolitiker Uwe Lehmann-Brauns unterstellt Wowereit einen "scheinheiligen Umgang" mit der Zukunft der Theater. Senatssprecher Michael Donnermeyer weist die Kritik zurück: "Wowereit hatte damals die Rechtslage zur Kenntnis genommen, dass es keine juristische Handhabe gibt, auf die Deutsche Bank Druck auszuüben. Er hat trotzdem für die Theater gekämpft. Und das ist nicht zynisch."
Denkt Theaterdirektor Martin Woelffer an die Solidaritätsbekundungen von Politikern zurück, bekommt er heute ein flaues Gefühl im Bauch. "Da haben sich Leute wie Diepgen oder Wowereit stark gemacht, doch die Suppe war schon gekocht." 2006 hat der amerikanische Hedgefonds Fortress von der Deutschen Bank-Tochter das Ku'damm-Karree gekauft. Über Zukunftspläne gibt Fortress keine Auskunft. Nach Tagesspiegel-Informationen läuft derzeit ein Bieterverfahren für den Weiterverkauf.
Auf die beiden Theater lasten Mietschulden von 380.000 Euro, die Monatsmiete beträgt 40.000 Euro. Außer einmaligen Zuwendungen vor Jahren erhalten die von 240.000 Besuchern pro Jahr frequentierten Bühnen keine Subventionen. "Wenigstens könnten die 4 Millionen Euro, die das Land erhalten hatte, für die Erhaltung fließen. Und die Häuser müssen unter Denkmalschutz gestellt werden", fordern Woelffer, die Charlottenburg-Wilmersdorfer Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen (SPD) und andere.
Das wiederum lehnt Wowereit mit Verweis auf Schadenersatzforderungen ab. Aber: "Es gibt keinen Schadenersatzanspruch. Denkmalschutz muss ein Eigentümer akzeptieren, auch wenn ein Gebäude nach dem Kauf in die Landesdenkmalliste aufgenommen wird", sagt Manfred Kühne, Leiter der Obersten Denkmalschutzbehörde. Ein Denkmalstatus sichert allerdings nicht den Fortbestand als Theater. "Über die wirtschaftliche Nutzung ist damit nicht entschieden." Das Landesdenkmalamt hat mit Verweis auf spätere bauliche Veränderung abgelehnt, die in den zwanziger Jahren für Max Reinhardt errichteten Theaterräume auf die Denkmalliste zu setzen. Darüber streiten inzwischen die Experten.
Ob sich an der Haltung der Denkmalschützer noch etwas ändert? Auf politische Einflussnahmen reagiert das Amt sehr empfindlich. Wolfgang Brauer, Kulturpolitiker der Linken, sagt, Wowereit stehe in der Verpflichtung, den Theatern zu helfen. Jede Landesregierung sei haftbar zu machen für "Vorschäden" anderer Regierungen wie man am Beispiel der Bankgesellschaft sehe.
L E I P Z I G E R P L A T ZDie Stadt hat über die Architektur gesiegt
Der Verleger und Autor zählt zu den bedeutendsten deutschen Publizisten der Nachkriegszeit. Mit WELT ONLINE sprach Wolf Jobst Siedler über das Bauen im neuen Berlin, den Wiederaufbau des Stadtschlosses und die internationale Attraktivität der Hauptstadt.
Aus: Die Welt, Berlin, 5. August 2007, Seite xx (Berlin). [Original]WELT ONLINE: Nach dem Fall der Mauer waren Sie einer der leidenschaftlichsten Streiter für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses. Anderthalb Jahrzehnte später gibt es ein entsprechendes Konzept, einen Bundestags- und einen Kabinettsbeschluss. Glauben Sie jetzt daran, dass es wirklich kommt?
Wolf Jobst Siedler: Ich habe immer daran geglaubt, dass das Schloss kommt.
WELT ONLINE: Seit wann?
Siedler: Ich war von Anfang an überzeugt davon, dass Berlin gar nicht darum herum kommen wird, das Schloss wieder aufzubauen. Mit Wilhelm von Boddien war ich immer optimistisch, dass Berlin durch die Entwicklung der Dinge dazu gezwungen sein würde, es zu rekonstruieren. Die Stadt bliebe sonst ohne Mittelpunkt.
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Simulation des Berliner Stadtschloßes auf der Spree- Insel. Links die Fassade des Zeughauses, das heute das Deutsche Historische Museum beheimatet. (Foto: 2005 mopo)
WELT ONLINE: Aber zwischenzeitlich schien das Schloss völlig außer Reichweite.
Siedler: Aus Kleinmütigkeit. Berlin hat lange nicht begriffen, was dieser Schlosskörper für das Stadtgefüge bedeutete die Nutzung ist dagegen fast zweitrangig. Es gilt nach wie vor mein Satz: Das Schloss lag nicht in Berlin, Berlin war das Schloss. Seine Bedeutung für diese Stadt war viel größer als die vergleichbarer Schlösser für ihre Metropolen. Was für eine abenteuerliche Idee zu Beginn des 18. Jahrhunderts, in einer relativ kleinen nordeuropäischen Stadt so gewaltig zu bauen!
WELT ONLINE: Ist es ein schönes Gefühl, Recht behalten zu haben?
Siedler: Ein schönes Gefühl ist, dass das Schloss gebaut wird, dass die zugrunde liegende Idee realisiert wird.
WELT ONLINE: Sie wollten anfangs, dass der Bundespräsident ins Schloss zieht. Können Sie mit der jetzt beschlossenen Nutzung als Humboldt-Forum leben?
Siedler: Ja, obwohl ich sie nicht ideal finde. Ich hätte mir eine bessere Nutzung vorstellen können. Was ein wenig unglücklich Gemäldegalerie genannt wird, würde ich lieber im einstigen Schloss sehen. Die Sammlung in der Alten Nationalgalerie präsentiert ja ebenfalls Gemälde, sodass die Trennung eine künstliche Zweiteilung ergibt. Die Säle am Kulturforum sind sehr schön, aber als ganzes Bauwerk ist die neue Gemäldegalerie nicht bedeutend obwohl ich die Architekten Hilmer & Sattler schätze. Die grandiose Sammlung der Gemäldegalerie leidet darunter, wie die geringen Besucherzahlen dort zeigen. Der Rang der Sammlung kommt am jetzigen Ort nicht zur Geltung. Sie müsste ins Schloss aber dazu ist es jetzt wohl zu spät.
WELT ONLINE: Als nach dem Fall der Mauer der Potsdamer und Leipziger Platz geplant wurden, haben Sie angesichts der ersten Visionen gesagt, die meisten der dort versammelten Architekten möchte man erschlagen. Angesichts der heutigen Ergebnisse: Bleiben Sie dabei?
Siedler: Der neue Leipziger Platz ist mit 8 bis 10 Geschossen zu hoch geraten, und es fehlt ihm der Zentralbau, den einst das Kaufhaus Wertheim dargestellt hat dessen Grundstück ist ja noch leer. Am besten gefällt mir der Kollhoff-Turm, das Sony-Center dagegen steht dort völlig falsch und ist gesichtslose Architektur wie die meisten Bauten dieses Deutsch-Amerikaners Helmut Jahn. Man versteht nicht, dass dieser Potsdamer Platz die größte architektonische Anstrengung des neuen Berlin ist. Und in der Tat haben ja hier alle bunten Kühe der Moderne zusammengefunden, von Renzo Piano bis zu Rafael Moneo. Aber man muss zugestehen, dass der Platz als Platz funktioniert, und damit soll es sein Bewenden haben. Schließlich war auch der alte Potsdamer Platz architektonisch nicht bedeutend.
WELT ONLINE: Welche neuen Berliner Bauten beeindrucken Sie?
Siedler: Ich sehe kein Bauwerk, das so bedeutend wäre, wie es etwa das eben genannte Kaufhaus Wertheim von Alfred Messel war. Das Bundeskanzleramt finde ich, obwohl ich mit dem Architekten Axel Schultes fast befreundet bin, nicht genial, auch Norman Fosters Reichstagskuppel nicht. Der Pariser Platz geht obwohl Günter Behnischs Akademie der Künste schrecklich geworden ist, völlig misslungen. Aber das Karree ist wiederhergestellt. Auch die Friedrichstraße in ihrer Gesamtwirkung ist besser geworden, als man gedacht hat. Die alten Gebäude dort waren ja im Grunde scheußlich, völlig belanglos, aber das Leben war da. So ist es heute wieder.
WELT ONLINE: Der scheidende Senatsbaudirektor Hans Stimmann nannte Sie in seiner Abschiedsrede als seine wichtigste Inspiration.
Siedler: Das hat mich sehr gefreut. Der verstorbene Architekt Josef Paul Kleihues gab einmal ein Essen für eine Handvoll Architekturtheoretiker und Architekten, die er nach Berlin geholt hatte. Er sagte damals, für ihn seien die zwei wichtigsten Initiatoren des Neuen Berlin Siedler und Stimmann.
WELT ONLINE: Wünschen Sie sich bei so viel Harmonie nicht manchmal die Siebzigerjahre zurück, in denen Sie noch mit Verve gegen die Monstrositäten der Nachkriegsmoderne anschreiben konnten? Oder haben Sie wirklich unter der damaligen Architektur gelitten?
Siedler: Ja, das habe ich wirklich. Schauen Sie sich doch die Nachkriegsbauten an, die etwa das alte Steglitz ruiniert haben. Nur durch diesen Leidensdruck konnte ich so scharf und entschieden dagegen Stellung beziehen. Aber das Schreiben hat geholfen, mit dieser großen Enttäuschung fertig zu werden.
WELT ONLINE: Ihre Gegner haben Sie gehasst?
Siedler: Gar nicht so sehr. Man hat mich ja sogar in den Planungsbeirat der Stadt berufen. Ich konnte Berlin angreifen so viel ich wollte, gleich wurde mir wieder eine neue Ehre zuteil. Erst als ich dagegen kämpfte, dass die intakte Fasanenstraße zugunsten einer neuen Schnellstraße abgerissen werden sollte, hat man mich aus dem Beirat herauskomplimentiert.
WELT ONLINE: Wie kommt es, dass die zwei wohl einflussreichsten Bücher zur Stadtentwicklung der Nachkriegszeit von Laien geschrieben wurden: Jane Jacobs' Leben und Tod großer amerikanischer Städte von 1961 und Ihre Gemordete Stadt von 1964?
Siedler: Es ist der Abstand zum Betrieb. Er verändert den Blick. Jane Jacobs war eine exzellente Beobachterin und hat das prägnant aufgeschrieben. Ich habe sie leider nie kennengelernt.
WELT ONLINE: Ist Die gemordete Stadt Ihr wichtigstes Buch?
Siedler: Wahrscheinlich, zumindest was das Reden über Architektur anlangt. Später habe ich mich der Geschichte zugewendet, der Propyläen Weltgeschichte und verschiedenen mehrbändigen Geschichtsunternehmungen wie den 6 Bänden Die Deutschen und ihre Nation und den ebenfalls 6 Bänden der alten Geschichte Das Reich und die Deutschen. Dann habe ich mich den Bewegern von Geschichte selber gewidmet, Willy Brandt, Bruno Kreisky, Franz-Josef Strauss, Helmut Schmidt, Michael Gorbatschow oder Boris Jelzin. Aber Sie haben Recht: Mit 25 oder 30 Jahren denkt und schreibt man leidenschaftlicher, und so gehörte mein Engagement den Büchern meiner Jugend.
WELT ONLINE: Ihre Betrachtungen über Berlin waren immer geprägt von der Wehmut über den verlorenen Rang der Stadt. Heute ist Berlin in Deutschland und international so attraktiv wie selten zuvor.
Siedler: Es ist tatsächlich eine große Faszination zu spüren. Aber mein Eindruck ist, dass sie sich vor allem auf die Lebendigkeit Berlins bezieht, nicht unbedingt auf seine Architektur. Wenn ich mir die Stadt heute anschaue, würde ich es so resümieren: Berlin hat nach dem Krieg kaum große Architektur hervorgebracht, aber es ist eine große Stadt geworden. Die Stadt hat über die Architektur gesiegt.
Das Achteck nimmt Form an
Für das Wertheim-Areal am Leipziger Platz beginnt der Architekten-Wettbewerb. Auch eine weitere Baulücke wird bald geschlossen.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 27. September 2007, Seite xx (Berlin) von RALF SCHÖNBALL. [Original]BERLIN (Tsp). Über die Bebauung des "Wertheim-Areals", einer der drei letzten Lücken am Leipziger Platz, wird ein neuer städtebaulicher Wettbewerb entscheiden. Darauf haben sich Senat, Bezirk und Grundstückseigentümer Orco verständigt. Am kommenden Freitag werden am Leipziger Platz die Unterlagen an die ausgewählten Architekten überreicht.
Die Bauarbeiten zur Schließung des Oktogons werden deshalb nicht vor dem Frühjahr 2009 beginnen. Denn mit der Auslobung des Wettbewerbs ist klar: Die baureifen Pläne, die der frühere Grundstückseigentümer TLG bereits mit dem Senat abgestimmt hatte, sind hinfällig. Stattdessen lässt der Wettbewerb auf spektakuläre neue Entwürfe hoffen. Denn die Orco-Gruppe, Eigentümer des Grundstückes, arbeitet gerne mit Stararchitekten zusammen, in Warschau mit Daniel Libeskind zum Beispiel.
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Kleihues-Plan für die Bebauung des Wertheim- Areals. Mit den Säulen am Leipziger Platz orientiert sich der Architekt am alten Wertheim-Warenhaus von 1904. Längs der Leipziger Straße sollen Arkaden entstehen.
[Ein Kaufhaus für die Berliner City] (Foto: 2008 welt.de)Ob der Architekt des jüdischen Museums in der Jury oder unter den Teilnehmern des Wettbewerbs für den Leipziger Platz sein wird, ist ungewiss. Noch wird fieberhaft an der Fertigstellung der Unterlagen gearbeitet. Im Gespräch sind dem Vernehmen nach etwa die Planer des GSW-Hochhauses, das Büro Sauerbruch Hutton, sowie NPS, die Gestalter des Domaquarées. Beide sollen an Workshops des Investor mitgewirkt haben. In der Jury sollen Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe, Senatsbaudirektorin Regula Lüscher und Architekten vertreten sein.
Noch vor der Orco-Gruppe könnte eine zweite Baulücke am Platze geschlossen werden: Der "Automobilclub von Deutschland" schließt einen Baustart im kommenden Frühjahr nicht aus, "wenn wir einen Schlüsselmieter für rund 2500 Quadratmeter finden", so Geschäftsführer Wolfgang Spinler. Die Chancen stünden gut: Weil der Berliner Markt in Bewegung sei, gebe es eine "ganze Anzahl von Mietinteressenten." Mit der Bauverwaltung abgestimmte Pläne von Baumann-Architekten lägen bereits vor.
Obwohl der Baubeginn bei Orco noch aussteht, werden am Leipziger Platz bereits Gerüste aufgebaut: 36 Meter hoch, so hoch wie die Fassade des Neubaus einmal wachsen wird. Dadurch wolle man "ein Zeichen setzten, um den Platz wieder ins Gedächtnis zu rufen", so Sprecherin Patricia Jaenisch. Branchenexperten wissen, dass man so außerdem gute Einnahmen erzielen kann: Zwei Werbeflächen sollen auf einer silbergrauen Plane geschaffen werden, bestätigt Orco.
Damit folgt der Investor dem Beispiel des "Deutschen Reisebüros", der das dritte der bis heute unbebauten Grundstücke am Oktogon besitzt. Diese Baulücke liegt am nordwestlichen Platzrand, vis-à-vis dem Sony-Center, und ist seit Monaten mit großen Werbeplakaten bestückt. Das "Deutsche Reisebüro" hat das Grundstück bereits zum Verkauf angeboten baureife Pläne gibt es auch hier bereits von den Architekten Rave & Partner.
Grundlage für alle Bauplanungen am Platze ist das im Jahre 1991 preisgekrönte städtebauliche Konzept des Büros Hilmer & Sattler. "Das Oktogon ist vorgegeben, die Höhe am Platz, eine Durchwegung zwischen Leipziger und Voßstraße zum Bundesratsgebäude hin sowie die Nutzungsmischung", sagt Hilmar von Lojewski, Abteilungsleiter Städtebau und Projekte bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Sache der Architekten sei die Verteilung des Bauvolumens innerhalb dieses Rahmens. Dem Vernehmen nach will Orco das Wertheim-Gelände mit rund 80.000 Quadratmetern bebauen zum Vergleich: Das KaDeWe bietet 60 000 Quadratmeter Verkaufsfläche.
Auch die Fassaden der Neubauten am Platz müssen sich strengen Vorschriften beugen: Geregelt ist sogar das Verhältnis von Glas zu Stein, und die Gestaltung von Gesimsen und Balkonen.
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