Aus:
Die Welt, Berlin,
12. August 2008, Seite xx (Berlin).
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Original]
BERLIN (welt.de). Der vom Senat geplante Neubau einer Nord-Süd-Anbindung des Hauptbahnhofs
mit der S-Bahn ist nach Angaben der Deutschen Bahn "wirtschaftlich und sinnvoll". Nach zum Teil heftiger
Kritik von der Verkehrsexpertin der Grünen, Claudia Hämmerling, und dem Fahrgastverband IGEB
hat die Bahn gestern erläutert, warum deren Vorstellungen technisch nur schwer umsetzbar sind.
Hämmerling und IGEB-Chef Christfried Tschepe hatten die hohen Kosten und die lange
Realisierungsdauer des Vorhabens kritisiert. Ihr Vorschlag: Statt mehr als 300 Millionen Euro für
eine völlig neue Strecke samt Tunnelbau und neuen Bahnhöfen auszugeben, sollte die Bahn die
vorhandene Infrastruktur der Regionalbahn nutzen.
Sogenannte Duo-Bahnen könnten vom Potsdamer Platz durch den Nord-Süd-Tunnel zum Hauptbahnhof
und weiter über die Brückenbauwerke zum Nordring fahren. Die Spezialbahnen können sowohl
mit Gleich- als auch mit Wechselstrom fahren. Damit, so Hämmerling, wären sie auf
Regionalbahn-Strecken und S-Bahn-Strecken gleichermaßen einsetzbar, wie das Beispiel Hamburg
belege, wo die Bahn diese Züge bereits einsetze.
Mit dieser Lösung würde sich Berlin allerdings erhebliche Nachteile einhandeln, hält nun
die Bahn dagegen. Bereits jetzt sei der Nord-Süd-Tunnel zum Hauptbahnhof so stark frequentiert, dass
"ein sauberer S-Bahn-Takt" dort nicht realisierbar sei, sagt Ingulf Leuschel, Bahn-Bevollmächtigter
für Berlin. Schon während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, als Züge aus
München und Hannover die jetzt von den Grünen geforderte Verbindung bedienten, sei der geplante
20-Minuten-Takt nicht einzuhalten gewesen. Wenn zukünftig weitere Regional- und Fernzüge - etwa
zum Großflughafen Berlin Brandenburg International den Tunnel nutzen, würde sich dieses
Problem nach Bahn-Angaben noch verschärfen.
Hinzu kommen laut Leuschel noch andere, technische Gegenargumente. Eine große Stärke der
Berliner S-Bahn sei es eben, dass sie als technisch und fahrplanmäßig vollständig
eigenständiges System unabhängig vom Regionalverkehr fahre. Zudem würden um 20 Zentimeter
unterschiedliche Bahnsteighöhen bei S-Bahn und Regionalbahn zu Problemen für Menschen mit
Behinderungen führen.
Die Duo-Bahnen hätten bei technischen Störungen große Nachteile, weil sie die sonst
unabhängigen Verkehrssysteme komplett lahmlegten, befürchtet auch SPD-Verkehrsexperte Daniel
Buchholz. Verspätungen oder technische Pannen im Fernbahnbereich würden sich dann auf das
gesamte Berliner S-Bahn-Netz mit seinen werktäglich 1,4 Millionen Fahrgästen auswirken.
Nach einer Kosten-Nutzen-Studie im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung könnte der
Bau der geplanten S21 bereits im kommenden Jahr beginnen [Ed: denn für diesen Bauabschnitt liegt bereits
seit dem 17.2.2005 der
Planfeststellungsbeschluß vor].
Der erste Bauabschnitt zwischen Nordring und Hauptbahnhof soll demnach im Jahr 2016 fertiggestellt sein,
die Südanbindung in Richtung Potsdamer Platz voraussichtlich 2023. Für letztere muss ein neuer
Tunnel vom Hauptbahnhof entlang des Reichstages gebaut werden. Die Kosten für das Gesamtprojekt
beziffert die Studie auf 317 bis 330 Millionen Euro.