Living in a City  —  Reports aus Berlin     – Teil 3 khd
Stand:  1.5.2008   (53. Ed.)  –  File: Bln/Living_in_a_City_03.html

Auf diesen Seiten habe ich Interessantes aus meiner Heimatstadt Berlin zusammengestellt. Es handelt sich dabei vor allem um Ereignisse und Begebenheiten, die ich selbst erlebt oder beobachtet habe. Meine Reports beginnen 1945 mit dem Ende des 2. Weltkriegs. Manches ist auch noch nicht ganz fertig. So bedeutet: xxx = Text folgt demnächst.

Inhalt:   [1940er] [1950er] [1960er] [1970er] [1980er] [1990er] [2000er] [2006er]  Jahre

  1. 1961 – Bau der Mauer.
  2. 1961 – SFB und die Rundfunk-Stereophonie.
  3. 1963 – John F. Kennedy in Berlin.
  1. 1965 – Die City-West erhält ein "Europa-Center".
  2. 1967 – West-Berlin wird Straßenbahn-frei.



1961 — Der Bau der Mauer durch die DDR

Es war am Sonnabend spät geworden und so schlief ich am Sonntag, den 13. August 1961 aus. Als mich der Radiowecker so gegen 9 Uhr weckte, liefen gerade die Nachrichten. Plötzlich war ich hellwach. Denn da hieß es, daß kurz nach Mitternacht bewaffnete Volkspolizisten und -armisten der DDR Berlins Ostsektor von den Westsektoren abgeriegelt haben. Und man an der Grenze zwischen Ost und West damit beginne, hinter Stacheldrahtverhauen und unter dem Schutz von Panzern eine Mauer zu errichten.

Zwar gab es in den Wochen davor immer wieder Gerüchte, daß die DDR ihre Grenze dicht machen könnte. Immerhin waren bis zum 12. August 1961 täglich Tausende DDR-Bürger über die offene Sektorengrenze von Ost-Berlin nach West-Berlin geflüchtet. Aber eigentlich konnte sich es keiner in Berlin vorstellen, daß mittendurch Berlin eine befestigte Mauer gezogen werden könnte.

Video Auch hatte DDR-Chef Walter Ulbricht (SED) noch am 15. Juni 1961 auf Fragen von Journalisten gesagt: „Ich verstehe Ihre Frage so, daß es in Westdeutschland Menschen gibt, die wünschen, daß wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR mobilisieren, eine Mauer aufzurichten. Mir ist nicht bekannt, daß eine solche Absicht besteht. Die Bauarbeiter unserer Hauptstadt beschäftigen sich hauptsächlich mit Wohnungsbau, und ihre Arbeitskraft wird dafür voll eingesetzt. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“

Cover der Senats-Broschüre „Es begann am 13. August...“ von 1961    
Dokumentiert ist im folgenden der ungekürzte Text und einige Fotos aus einer Broschüre, die der Senat von Berlin im Herbst 1961 unter dem Titel „Es begann am 13. August...“ herausgegeben hat. Mit starken Worten prangert darin der West-Berliner Senat die unmenschliche Teilung der Stadt an. Sie sollte 28 Jahre
bis 1989 Bestand haben.



In der Zeit vom 13. bis zum 23. August 1961 begann in Berlin ein neues Kapitel der Auseinandersetzung zwischen Freiheit und Diktatur, zwischen westlicher Welt und kommunistischem Machtbereich. Die am 27. November 1958 vom Kreml willkürlich vom Zaun gebrochene Krise um Berlin trat in diesen 10 Tagen in ihr akutes Stadium.

In ein Konzentrationslager ...

verwandelten die kommunistischen Machthaber Ostberlin und die Sowjetzone, als sie in den frühen Morgenstunden des 13. August 1961 die Sektoren- und die Zonengrenzen nach West-Berlin unter dem Schutz schwerer Panzer sowie bewaffneter „Volks“-polizisten und -armisten mit Betonpfählen, Stacheldrahtverhauen und Spanischen Reitern abriegelten. Die jeder Menschlichkeit hohnsprechenden und bestehende interalliierte Abmachungen über ganz Berlin brechenden Willkürmaßnahmen wurden mit Rückendeckung der Regierungen der Mitgliedstaaten des Warschauer Paktes unternommen, die in einer am gleichen Tage veröffentlichten Erklärung „vorgeschlagen“ hatten, „an der West-Berliner Grenze eine solche Ordnung einzuführen, durch die (...) rings um das ganze Gebiet West-Berlins, einschließlich seiner Grenze mit dem demokratischen Berlin (Ostberlin), eine verläßliche Bewachung und eine wirksame Kontrolle gewährleistet wird“.

In einem Beschluß des sogenannten Ministerrates der sogenannten DDR unter dem Datum des 12. August wurde mitgeteilt, an den Sektoren- und an den Zonengrenzen West- Berlins werde „eine solche Kontrolle (...) eingeführt, wie sie an den Grenzen jedes souveränen Staates üblich ist“. Der Quasi-Staat „Deutsche Demokratische Republik“, der weder ein Staat noch eine Republik und am allerwenigsten demokratisch ist, hat somit auf fremden Befehl mitten durch Berlin eine „Staatsgrenze“ gezogen.

      Letzte Chance zur Flucht
^   Ein Foto, das um die Welt ging. Ein DDR-Soldat springt über den Stacheldraht in die Freiheit.
Unbarmherzig zugeschlagen ...

wurde den Flüchtlingen aus Ostberlin und aus der Sowjetzone, die bis zum 12. August 1961 täglich zu Tausenden nach Berlin kamen, durch diese kommunistischen Willkürmaßnahmen das Tor zur Freiheit. Menschliche Bindungen, die in dieser ohnehin zweigeteilten Stadt noch existierten, wurden rücksichtslos zerrissen, der durchgehende U- und S-Bahn- Verkehr unterbunden. Bewohnern Ostberlins und der Sowjetzone wurde das Betreten des freien Teiles der Stadt praktisch unmöglich gemacht. Zehntausenden von ihnen wurde verboten, ihrer Arbeit in West-Berlin nachzugehen, die sie in vielen Fällen seit Jahrzehnten schon ausübten. West-Berlinern – jedoch ausschließlich solchen, die den Kommunisten als „friedliche Bürger“ erschienen – wurde das Betreten Ostberlins nur gestattet, wenn sie menschenunwürdige Kontrollen und Durchsuchungen über sich ergehen ließen; das gleiche galt für westdeutsche und ausländische Besucher.

Energische Schritte ...

gegenüber der Regierung der Sowjetunion zu unternehmen, sei ein Vorschlag, den er den Kommandanten der westlichen Schutzmächte für ihre Regierungen unterbreitet habe; das berichtete der Regierende Bürgermeister Willy Brandt am 13. August 1961 dem Abgeordnetenhaus von Berlin, das in den Abendstunden zu einer Sondersitzung zusammengetreten war. Ferner teilte er mit, daß der Senat in den Morgenstunden des gleichen Tages ebenfalls zu einer Sondersitzung zusammengetreten sei, in der alle erforderlichen Maßnahmen für die Sicherheit der West-Berliner Bevölkerung eingeleitet worden seien. Wörtlich sagte der Regierende Bürgermeister Willy Brandt: „Die Westmächte müssen unserer Meinung nach darauf bestehen, daß die rechtswidrigen Maßnahmen rückgängig gemacht werden und die Freizügigkeit wiederhergestellt wird. (...) Wir werden uns niemals mit der brutalen Teilung dieser Stadt abfinden!“

Über 500.000 Berliner ...

versammelten sich am 16. August 1961 auf dem Rudolph-Wilde-Platz und in den umliegenden Straßen zu der machtvollsten und größten Kundgebung, die je vor dem Rathaus Schöneberg stattgefunden hatte. Dieses Willensbekenntnis der Berliner wurde – abgesehen vom Rundfunk – nicht nur vom Deutschen Fernsehen übertragen, sondern von 13 ausländischen Fernsehgesellschaften in alle Teile der freien Welt ausgestrahlt.

Bürgermeister Franz Amrehn erklärte: „Gegen alle Menschlichkeit sind die natürlichen Bande der deutschen Hauptstadt zerschnitten, Familien auseinandergerissen und ein großer Teil unseres Volkes in ein riesiges Gefängnis gesperrt worden. Das ist ein Verbrechen am deutschen Volk! Wir wissen schon lange, daß Hitler in der Zone weiterlebt. Nicht erst seit dem 13. August wird dort auf den Menschenrechten herumgetrampelt. Aber seit diesem Tage will man diese Rechte völlig auslöschen. Mit dem Stacheldrahtverhau wird der Ostsektor der Stadt gewaltsam aus dem Viermächtegebiet herausgerissen. Die Stationierung zonaler Militärverbände in Berlin ist ein offenkundiger Bruch der Viermächtebestimmungen über den Status unserer Stadt; mehr noch: die Aktion vom 13. August ist ein entscheidender sowjetischer Stoß gegen das vielberufene Potsdamer Abkommen, mit dem uns auch die Sowjetunion die Einheit Deutschlands zugesichert hat. (...) Ihr Völker! Macht das Recht stärker als die Gewalt. Wenn Ihr Frieden wollt, dann gebt dem deutschen Volk endlich die Selbstbestimmung!“

Berlin kapituliert nicht ...

— das rief der Regierende Bürgermeister Willy Brandt der ganzen Welt auf der Kundgebung vor dem Rathaus Schöneberg am 16. August 1961 zu. Wörtlich erklärte er: „Ich halte es in dieser Situation für notwendig, daß vor dem Weltforum der Vereinten Nationen Anklage erhoben wird gegen die Urheber jener Unmenschlichkeit, die sich auf dem Boden Berlins und auf dem Boden des Ulbricht-Staates vollzieht. Dabei geht es nicht um die Rechte der Westmächte in Berlin, sondern es geht darum, daß die Menschenrechte wiederhergestellt werden. (...) Was sich am 13. August ereignet hat, ist ein Anschlag auf die Moral des deutschen Volkes. (...) Es kann keine Stadt in der Welt geben, die den Frieden und die Ruhe und die Sicherheit mehr wünscht als Berlin. Aber noch niemals ist der Frieden durch Schwäche gerettet worden. Es gibt einen Punkt, an dem bekannt werden muß, daß man keinen Schritt mehr zurückweicht. Dieser Punkt ist erreicht. Es geht hier nicht um West-Berlin, es geht hier darum, daß dem Westen eine entscheidende Niederlage beigebracht werden soll. Aber ich sage auch, daß der Frieden seit dem 13. August 1961 unsicherer geworden ist. Was sich in den letzten drei Tagen hier abgespielt hat, das ist – auf einem kleinen Platz, aber nicht weniger bedeutsam – eine neue Auflage der Besetzung des Rheinlandes durch Hitler. Nur heißt der Mann heute Ulbricht. In den vor uns liegenden Wochen und Monaten wird es darum gehen, daß Berlin nicht ein neues München wird.“

Bau der Mauer in der Zimmerstraße      
^   Im ehemaligen Zeitungsviertel in der Zimmerstraße wächst die Mauer.
      Potsdamer Platz
^   12. August 1961: Blick auf den Potsdamer Platz.
18. August 1961: Blick auf die Mauer am Potsdamer Platz.

Endlich die richtige Sprache ...

nannte der Regierende Bürgermeister Willy Brandt die gleichlautenden Protestnoten, die am 17. August 1961 von den drei Westmächten im Moskauer Außenministerium übergeben wurden; zwei Tage zuvor hatten die Westalliierten Stadtkommandanten in Berlin bereits Protestschreiben an den sowjetischen Stadtkommandanten gerichtet. In der amerikanischen Note, die dem Kreml überreicht wurde, hieß es unter anderem: „Die Demarkationslinie zwischen dem Ostsektor und den Westsektoren ist keine Staatsgrenze. Die amerikanische Regierung hält die Maßnahme, die die ostdeutschen Behörden getroffen haben, für illegal. Sie erinnert daran, daß sie den Vorwand, nach dem der Sowjetsektor von Berlin zur »Deutschen Demokratischen Republik« und Berlin zu ihrem Staatsgebiet gehört, nicht akzeptiert. Ein solcher Vorwand ist bereits an sich eine Verletzung des feierlich unterzeichneten Vertrages über die Besatzungszonen in Deutschland und die Verwaltung von Groß-Beriin. Außerdem kann die amerikanische Regierung das Recht der Behörden Ostdeutschlands nicht anerkennen, ihre Streitkräfte in den Sowjetsektor Berlins eindringen zu lassen. Die amerikanische Regierung fordert die Regierung der Sowjetunion auf, diese illegalen Maßnahmen zu beenden. Sie macht sie auf die Tatsache aufmerksam, daß diese einseitige Abänderung des Viermächtestatus die Spannung und die bestehenden Gefahren nur vergrößern kann.“

      Mauer im Fenster
^   Bei dicht an der Grenze stehenden Häusern wurden sogar die Fenster zugemauert.
Eine politische Bankrotterklärung ...

seiner 16-jährigen Gewaltherrschaft habe das Ulbricht-Regime gegenüber der gesamten Welt mit der Durchführung seiner Abriegelungsmaßnahmen klar und unmißverständlich abgegeben – so hieß es in der Regierungserklärung, die Bundeskanzler Konrad Adenauer in einer Sondersitzung des Deutschen Bundestages am 18. August 1961 abgab. „Mit diesen Maßnahmen hat das Ulbricht- Regime bestätigt, daß die Ausübung des Selbstbestimmungsrechtes durch das deutsche Volk zur Erhaltung des Weltfriedens unaufschiebbar geworden ist. Die Abmachungen der Sowjetunion mit den drei westlichen Mächten wurden zerrissen; die Panzer der »Volksarmee«, die »Volks«polizei und die »Betriebskampfgruppen«, die in und um Ostberlin zusammengezogen wurden, um einen rechtswidrigen Angriff gegen den Status der Stadt Berlin militärisch zu unterstützen, geben eine Vorahnung dessen, wie die Garantie einer sogenannten Freien Stadt beschaffen wäre. Wie das deutsche Volk über die brutalen Maßnahmen in Ostberlin denkt, wäre leicht zu ermitteln. Es würde genügen, alle Deutschen in der Bundesrepublik, in der sowjetisch besetzten Zone und in ganz Berlin darüber zu befragen. Die Antwort wäre eine leidenschaftliche Verurteilung durch die überwältigende Mehrheit des deutschen Volkes.“

Das Ventil ist geschlossen ...

durch das der Überdruck aus dem Ulbricht-Staat bisher entweichen konnte, denn Berlin ist nicht mehr der Ort, zu dem die Menschen kommen konnten, um die Luft der Freiheit zu atmen, um sich neue Kraft zu holen, bevor sie in ihren grauen Zonenalltag zurückkehren, erklärte der Regierende Bürgermeister Willy Brandt in der Sondersitzung des Deutschen Bundestages am 18. August 1961. „Für die Stadt Berlin ist eine neue Lage entstanden. Man wird der Lage nicht gerecht, wenn man die Unzahl menschlicher Tragödien nicht im Auge hat, die sich in diesen Tagen in Berlin abgespielt haben. Mitten durch eine Stadt (...) sind die Betonpfähle einer Grenze eingerammt worden, die zu einer Art Chinesischen Mauer ausgebaut wird. Es geht nicht um Berlin allein, es geht um das kalte Ungarn, das sich im anderen Teil Deutschlands und im Ostsektor Berlins vollzogen hat. Deshalb ist es die Meinung Berlins, daß vor allem eine Initiative ergriffen werden müßte, um die flagrante Verletzung der Menschenrechte international zu brandmarken. Der Schutz der Menschenrechte ist eine ureigene Aufgabe der Vereinten Nationen. Den Weg vor das Weltforum kann man sich nicht aufheben für den Fall, daß eine Welt zu brennen beginnt. (...) Was in Ostberlin geschehen ist, das ist der Einmarsch einer Armee in ein Territorium, in dem sie nichts zu suchen hat. Die sogenannte Volksarmee mit ihren Nebenorganisationen hat Ostberlin annektiert.“

Ein Spalier jubelnder Berliner ...

begrüßte den Vizepräsidenten der USA, Lyndon B. Johnson, als er in Begleitung von Sonderbotschafter CharIes Bohlen und General Lucius D. Clay am 19. August 1961 im Auftrage von Präsident John F. Kennedy zu einem Besuch in Berlin eintraf. Eine halbe Million Berliner begrüßte ihn während seiner Fahrt vom Zentralflughafen Tempelhof zum Rathaus Schöneberg. Auf der Rathaustreppe sprach er zu über 300.000 Berlinern, die sich auf dem Rudolph-Wilde-Platz versammelt hatten: „Präsident John F. Kennedey, ich selber und die gesamten Vereinigten Staaten möchten Sie wissen lassen, daß die Zusage, die Freiheit West-Berlins und seiner Zugangswege zu verteidigen, fest und bindend ist.“ An die Bewohner Ostberlins wandte er sich in seiner von allen deutschen sowie von vielen ausländischen Rundfunk- und Fernsehstationen übertragenen Ansprache mit folgenden Worten: „Verlieren Sie den Mut und das Vertrauen nicht. Tyranneien sehen immer so aus, als seien sie für die Ewigkeit gemacht. Aber ihre Tage sind gezählt.“

Amerika kennt seine Pflichten ...

und ist entschlossen, sie zu erfüllen – das betonte Vizepräsident Lyndon B. Johnson vor dem Abgeordnetenhaus von Ber!in, das am 19. August 1961 zu einer Sondersitzung zusammengetreten war. Zuvor hatte sich der zweithöchste Repräsentant der USA in das Goldene Buch von Berlin eingezeichnet. „Wir in den Vereinigten Staaten und unsere Verbündeten“, erklärte Vizepräsident Lyndon B. Johnson im Plenarsaal des Abgeordnetenhauses, „haben nicht die Absicht, uns kriegerisch zu gebärden, aber wir lassen uns auch nicht herumschubsen. Wir dürfen keine Furcht zeigen, aber wir müssen bereit sein, immer für die Freiheit und für den Frieden zu kämpfen. (...) Ich komme hierher in einem Moment der Spannung und Gefahr – für Ihr Leben, für das Leben meiner Landsleute und für das gesamte Leben der freien Welt. Eine Stacheldrahtgrenze ist mitten durch Ihre Stadt gezogen worden. Die Grenze hat für Sie und – was noch wichtiger ist – für Ihre Brüder im Osten lebenswichtige menschliche und gesellschaftliche Bande zerschnitten. Bande, die hineingreifen in das Leben der Familien und Freunde und in das Leben dieser großen Stadt. Ich verstehe den Schmerz und die Empörung, die Sie fühlen. Der Stacheldraht ist vorhanden, und er wird durch eine Handbewegung nicht verschwinden. Aber auf lange Sicht gesehen, wird dieses unkluge Vorgehen fehlschlagen. (...) Diese Insel steht nicht allein. Die Berliner sind ein lebenswichtiger Teil der Gemeinschaft aller freien Menschen. Sie sind verbunden mit den Menschen in Hamburg, Bonn und Frankfurt; sie sind ebenso verbunden mit den Menschen in jeder westeuropäischen Stadt, mit den Menschen in Kanada und in den Vereinigten Staaten, ebenso verbunden mit den Menschen in jedem Teil der Welt, die in Freiheit leben und bereit sind, dafür zu kämpfen.“

      Flucht in letzter Minute
^   Flucht mit wenig Habseligkeiten nach West-Berlin.
Wir beugen unsere Nacken nicht ...

unter das Joch einer neuen Diktatur, ganz unabhängig davon, mit welcher Farbe eine Diktatur ausgestattet sein mag, rief der Regierende Bürgermeister Willy Brandt in der Sondersitzung des Abgeordnetenhauses am 18. August 1961 aus. Berlin stehe auf der Seite derer, die alles für den Frieden einsetzten. „Alles, was diese Stadt geworden ist (...), ist das Resultat vertrauensvoller Zusammenarbeit, einer Zusammenarbeit nicht zuletzt, sondern gerade auch mit unseren amerikanischen Freunden. In Berlin stand die Wiege der deutsch-amerikanischen Freundschaft. Wir befinden uns inmitten einer schweren Krise, aber wir werden durch diese Krise hindurchkommen. (...) Ich weiß: Recht und Freiheit werden hier nicht untergehen!“

In einem Triumphzug ...

ohnegleichen wurde eine 1500 Mann starke amerikanische Kampfgruppe von den Berlinern eingeholt, als sie am 20. August 1961 zur Verstärkung der amerikanischen Garnison in West- Berlin eintraf. Die Kampfgruppe wurde von Vizepräsident Lyndon B. Johnson begrüßt, der seinen Landsleuten zurief: „Noch nie hat in der Vergangenheit eine größere Verantwortung auf amerikanischen Truppen als Wächtern des Friedens gelastet als jetzt in Berlin.“ In allen Straßen, durch die diese motorisierte amerikanische Infanterieeinheit anschließend in ihre Quartiere fuhr, winkten ihr Hunderttausende freudig zu. Am gleichen Tage traf in West- Berlin ein Transport britischer Panzerfahrzeuge zur Verstärkung der Berliner Garnison ein. Auch Frankreich kündigte an, daß es seine Garnison in Berlin verstärken werde.

Eine Rundfahrt durch West-Berlin ...

unternahm Vizepräsident Lyndon B. Johnson am 20. August 1961 sowohl in den Vormittags- als auch in den Nachmittagsstunden. Die vorgesehene Fahrtstrecke mußte mehrfach geändert und – zum aufrichtigen Bedauern vieler Beriiner – auch gekürzt werden, da die Herzlichhkeit des Empfanges keine Rücksichten auf Absperrungen und auf das Protokoll nahm. Geradezu enthusiastisch war der Empfang, der dem amerikanischen Gast im Notaufnahmelager Marienfelde bereitet wurde. Eine Rundfahrt durch Ostberlin machten Sonderbotschafter CharIes Bohlen und General Lucius D. Clay ebenfalls am 20. August 1961. Nach ihrer Rückkehr stellte der amerikanische General fest: „lch fand Ostberlin deprimierend. Die Stadt gleicht einem Heerlager. Ich habe dort mehr Soldaten gesehen als im Jahre 1945.“

Ich komme wieder ...

rief Vizepräsident Lyndon B. Johnson den Berlinern zu, als er sich am 21. August 1961 um vier Uhr morgens von ihnen verabschiedete. Trotz der frühen Morgenstunde hatten sich wiederum Hunderte von Berlinern eingefunden, die dem scheidenden Vertreter des amerikanischen Präsidenten Blumen zuwarfen. In seiner Abschiedsbotschaft an das Volk von Berlin hatte Vizepräsident Lyndon B. Johnson erklärt: „lch habe jetzt die Seele einer Stadt gesehen und ein Volk, das sich der Eroberung niemals unterwerfen wird. Ich werde dem Präsidenten und dem amerikanischen Volk sagen, daß die Westmächte – die Vereinigten Staaten, Frankreich und Großbritannien – niemals bessere und treuere Alliierte hatten als die Bürger dieser Stadt. Viele Jahre lang hat diese Stadt, die ihre Leiden wie einen Glorienschein trug, unsere Bewunderung gefunden. (...) Ich werde den Amerikanern sagen, daß ich in West-Berlin (...) die Früchte der Demokratie gesehen habe. (...) Ich grüße mit Hochachtung und Dankbarkeit die großherzige Bevölkerung von West-Berlin, der Stadt der unbesiegbaren Freiheit.“

Einen Tag später ...

– am 22. August 1961 – traf Bundeskanzler Konrad Adenauer in Berlin ein, um sich gleichfalls ein Bild von der Lage in West-Berlin zu machen. Nach einem Besuch im Notaufnahmelager Marienfelde und einer Fahrt zu den Sektorengrenzen wohnte er einer Sondersitzung des Senats bei, nach deren Abschluß mitgeteilt wurde, daß der Regierende Bürgermeister Willy Brandt „ein umfassendes Programm zur Stärkung West-Berlins auf wirtschaftlichem, kulturellem und politischem Gebiet vorgeschlagen“ habe. „Es wurde“, so hieß es in diesem Kommunique weiter, „Einverständnis darüber erzielt, daß der Senat ein entsprechendes Programm in allen Einzelheiten ausarbeiten wird, das dann mit den Dienststellen der Bundesregierung abgestimmt werden soll. Dabei wurde auch die gemeinsame Überzeugung zum Ausdruck gebracht, daß die alliierten Garantien für West-Berlin und den freien Zugang durch die politischen Maßnahmen der letzten Tage bekräftigt und die Verantwortung der drei Mächte klargestellt wurden.“

Weiter verschärft ...

wurde die Lage in Berlin durch neue Willkürmaßnahmen des „Ministeriums des Innern der DDR“, die am 23. August 1961 in Kraft gesetzt wurden. Den West-Berliner Bürgern wurde dadurch der bisher zwar schon erschwerte, aber noch möglich gewesene Zutritt zum Ostsektor praktisch unmöglich gemacht. „Diese neuen Unrechtsmaßnahmen“, so hieß es in einer Verlautbarung nach einer Sondersitzung des Senats vom gleichen Tage, „stehen im Widerspruch zu den Erklärungen, die der Botschafter der Sowjetunion in der Bundesrepublik Deutschland, Andrej Smirnow, vor wenigen Tagen – am 16.August 1961 – dem Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, Konrad Adenauer, abgegeben hat [Botschafter Andrej Smirnow hatte Bundeskanzler Konrad Adenauer im Auftrage seiner Regierung mitgeteilt, Moskau habe nicht die Absicht, die Lage in Berlin weiter zu verschärfen]. Praktisch sind Einwohner West-Berlins beim Betreten des sowjetischen Teils der Stadt den gleichen Bestimmungen unterworfen wie bei der Einreise in die sowjetisch besetzte Zone. Damit sind die Reste der Freizügigkeit innerhalb Berlins zerstört.“

Erste Mauer mit Todesstreifen
^   So sah Ende August 1961 fast überall die erste Mauer aus. Sie wurde von der DDR in späteren Jahren durch hohe Betonplatten ersetzt und durch einen breiten beleuchteten Todesstreifen ergänzt. Niemand hat bislang errechnet, was das alles gekostet hat.   (Alle Repros aus der Senatsbroschüre von 1961: 10.1.2001 – khd)

Alliierte Truppen marschierten ...

am 23. August 1961 in den Mittagsstunden von ihren Quartieren in West-Berlin an die Sektoren- und Zonengrenzen, um dort in Erfüllung gegebener Garantieerklärungen den freien Teil Berlins vor möglichen Übergriffen bewaffneter Streitkräfte der Sowjetzonenmachthaber zu schützen. Diese Schutzmaßnahme erfolgte unter anderem wegen der Aufforderung des sogenannten Innenministers der „DDR“, der Sektoren- beziehungsweise Zonengrenze „in einem Abstand von beiderseits 100 Metern fernzubleiben“. Die alliierten Truppen sicherten die Grenzen mit schweren Panzern.

Mißbräuchliche Benutzung ...

der Luftkorridore nach Berlin wurde Frankreich, Großbritannien und den USA in gleichlautenden Noten vorgeworfen, die den Vertretern dieser Länder am 23. August 1961 in Moskau übergeben worden waren. In diesen Noten wurde behauptet, die drei Luftkorridore seien den Westmächten „zeitweilig zur Gewährleistung der Bedürfnisse ihrer Militärgarnisonen, nicht aber für subversive und revanchistische Zwecke des westdeutschen Militarismus“ zur Verfügung gestellt worden. „Über die
Brandenburger Tor mit Mauer um 1970      
^   Das Brandenburger Tor und Pariser Platz in Ost-Berlin mit Mauer etwa Ende der 60er-Jahre. Die Mauer ist hier wg. befürchteter Panzerangriffe besonders dick ausgefallen.   (Repro: 2004 – khd)
Luftkorridore kommen auch offizielle Vertreter der Regierung und des Bundestages der Bundesrepublik nach West-Berlin, die direkt vom Flugplatz aus demonstrative »Inspektions«-Reisen durch die Stadt unternehmen.“ Die Alliierten wurden aufgefordert, „unverzüglich“ Maßnahmen zu ergreifen, „um den widerrechtlich provokatorischen Handlungen der Bundesrepublik in dieser Stadt einen Riegel vorzuschieben“.

Eine feierliche Warnung ...

richtete das Weiße Haus in Washington am 24. August 1961 in Beantwortung der an die USA gerichteten Note am Vortage an den Kreml. In dieser Verlautbarung hieß es: „Die sowjetische Note (...) ist eindeutig nur ein weiterer Schritt in einer bewußten Kampagne der Täuschung und versuchten Einschüchterung, die zum Ziel hat, (...) die internationalen Spannungen zu verstärken. (...) Diese Beschuldigungen und Behauptungen – in der sowjetischen Note – können daher nicht ernst genommen werden. Was dagegen von der ganzen Welt ernst genommen werden muß, ist die kaum verhüllte Aggressionsdrohung gegen die alliierten Flugrouten von und nach West-Berlin. Die Vereinigten Staaten müssen an die Sowjetunion die ernste Warnung richten, daß jede Störung des freien Zugangs nach West-Berlin durch die sowjetische Regierung oder ihr ostdeutsches Regime ein aggressiver Akt sein würde, für dessen Konsequenzen die sowjetische Regierung die volle Verantwortung zu tragen haben würde.“
[Ed: Soweit der Text der Senats-Broschüre von 1961].



Status West-Berlins unberührt

Wir wissen heute (2002), daß die DDR zwar mit dem Mauerbau die deutsche Teilung zementierte, aber der völkerrechtliche Status von West-Berlin nicht verändert wurde. Mit dem Bau der Mauer war die Berlin-Krise noch nicht beendet. Als im Oktober 1961 Mitarbeiter der amerikanischen Verwaltung an der Einreise in den Ostsektor durch die Volkspolizei gehindert werden, fahren am 21. Oktober (?) am Grenzkontrollpunkt „Checkpoint Charlie“ (in der Friedrichstraße) amerikanische Panzer auf. Wenig später stehen ihnen sowjetische Panzer gegenüber. Nach drei Tagen erfolgte der gegenseitige Rückzug. Die Welt schrammte an einem Krieg vorbei und die Sektorengrenze konnte von den Alliierten am Checkpoint Charlie wieder ungehindert passiert werden.

Damit wurde deutlich, daß die USA auf ihren Rechten in Berlin bestehen, an der Teilung der Stadt jedoch nichts ändern können. Die amerikanische Garantie für die Sicherheit und Freiheit West-Berlins wird von US-Präsident Kennedy am 26. Juni 1963 bei seinem Berlin-Besuch öffentlich bekräftigt („Ich bin ein Berliner!“).

Politik macht tabula rasa

      Kreuze am Checkpoint
^   1065 Kreuze am Checkpoint Charlie.   (Foto: 2004 – mopo)
Nur wenige Monate nach der
Öffnung der Mauer im Herbst 1989 war der „Antifaschistische Schutzwall“ (O-Ton DDR), dem DDR-Chef Honecker gerade noch einen Bestand von 50 oder 100 Jahren vorhergesagt hatte, aus dem Stadtbild Berlins verschwunden. Vor allem in Berlins City bleibt nichts von der unmenschlichen Mauer für die Nachwelt übrig.

Berlins Politiker aller Couleur zeigen wenig Interesse, die Erinnerung an die Mauer wachzuhalten. Sie verkaufen sogar Grundstücke, die für ein nachhaltiges Mauergedenken besonders geeignet wären. Allerdings versprachen sie, den gesamten Verlauf der Mauer quer durch Berlin durch ein in die Straßen eingelassenes Messingband zu markieren, was dann aber nicht passiert. Vermutlich fanden sie keine Sponsoren.

Erst durch eine künstliche Aktion einer privaten Initiative, die 2004 am Ckeckpoint Charlie eine Kreuz- Installation präsentiert, wird im Jahr 2005 deutlich, daß ein Mauer- Mahnmal in Berlins City dringend notwendig ist, und daß das amtliche Mahnmal zum Mauergedenken an der Bernauer Straße – abseits aller Touristenströme – Murks ist. Der Deutsche Bundestag sagt dann im Sommer 2005, daß das Brandenburger Tor der geeignete Ort für ein Mauer- Mahnmal zum Ansehen sei. Immerhin hat der Berliner Senat es schon mal im Juli 2005 geschafft, wenigstens im Internet einen virtuellen Rundgang entlang der ehemaligen Mauer zu organisieren. [Die Mauer fällt]


Quellen und ergänzende Links:  Erinnerungen und Broschüre „Es begann am 13. August...“ des Presse- und Informationsamtes des Landes Berlin vom Herbst 1961 sowie mein Archiv. (Last Update: 20.4.2008)


1961 — SFB – Pionier der Rundfunk-Stereophonie

Es war klanglich schon sehr beeindruckend, was da in den schweren Wochen nach dem Mauerbau am 28. August 1961 aus dem Äther in Berliner Wohnstuben kam – „Musik im Raum“, ein Konzert des Radio- Sinfonie- Orchesters (RSO) unter dem Dirigenten Istvan Kertesz und mit dem Solisten van Cliburn (Piano) aus dem „Haus des Rundfunks“ an der Masurenallee:

Der Sender Freies Berlin (SFB) sendete anläßlich der Rückkehr der Funkausstellung nach Berlin das erste Konzert der Rundfunkgeschichte in Stereophonie (2-Kanaltechnik). Und dabei existierte damals noch kein genormtes Verfahren der Rundfunk- Stereophonie, wie es heute beim analogen Rundfunk benutzt wird.

      SFB im Haus des Rundfunks      
^   Der Sender Freies Berlin (SFB) sendet seit 1958 aus dem vom Architekten Hans Poelzig entworfenen und am 22. Januar 1931 eröffneten „Haus des Rundfunks“ mit dem großen Sendesaal (Mitte) an der Masurenallee in Charlottenburg. In dem im 2. Weltkrieg nur wenig zerstörten Haus wurde seit 1931 Rundfunkgeschichte geschrieben.   (Foto: um 2000 – mopo)

Man nehme 2 UKW-Sender ...

Beim kreativen SFB wußte man sich zu helfen. Man sendete die beiden Tonkanäle Links und Rechts über zwei verschiedene UKW-Sender (SFB 1 + SFB 2). Die Hörer brauchten dann 2 Radios, die sie in einigem Abstand links und rechts im Zimmer aufstellen mußten. Das eine Radio empfing SFB 1, und das andere wurde auf SFB 2 eingestellt. Das funktionierte prima, auch wenn man erst den Klang beider Radios mit Höhen- und Baßregler anpassen mußte. Nachbarn taten sich zusammen, um sich mit 2 Radios das einmalige Hörerlebnis zu gönnen. Denn der SFB hatte seine Hörergemeinde mit Demonstrations- Sendungen des Raumklanges bereits am 2. Weihnachtsfeiertag 1958 sowie an Himmelfahrt 1959 mit großem Erfolg vorbereitet.

SFB-Logo
1963 startete dann die Rundfunk-Stereophonie

Anläßlich der nächsten Funkausstellung begann der SFB am 30. August 1963 mit der regelmäßigen Ausstrahlung von Musik- Sendungen in Rundfunk- Stereophonie nach dem Pilotton- Verfahren. Dabei werden der linke und rechte Tonkanal über einen UKW-Sender ausgestrahlt. Zum Empfang dieser Stereo- Sendungen mußte das Radio nun mit einem speziellen Stereo-Decoder ausgestattet sein. Von der Industrie wurden damals solche Decoder auch zum Nachrüsten angeboten. Es dauerte aber noch etwas, bis sich ab etwa 1966 die Rundfunk- Stereophonie allgemein durchsetzte. Stereo-Schallplatten gab es bereits seit 1958.

Zweikanal-Ton beim Fernsehen

Bis aber auch der Fernsehton stereophonisch wurde, mußte das Publikum noch 20 Jahre warten. Die Industrie versprach sich davon jahrelang kein großes Geschäft. Erst als der Dirigent Herbert von Karajan das Fehlen eines Begleittons in HiFi- Qualität zu den Fernsehbildern seiner Konzerte öffentlich anprangerte, machte die Entwicklung Fortschritte. Und es wurde dafür sogar ein Verfahren erfunden, das eine hohe Kanaltrennung erlaubt. Damit konnte zu den Fernsehbildern entweder ein Stereo-Tonsignal oder 2 getrennte Tonkanäle gesendet werden – beispielsweise bei einem Spielfilm einer in Deutsch und der andere mit der Originalsprache (Zweikanal-Ton). Ab 1981 waren dann Fernseher mit dieser Technik erhältlich. Es dauerte dann aber noch einige Jahre, bis auch alltägliche Sendungen wie Talkshows in Stereo ausgestrahlt wurden. Denn zunächst mußten die Fernsehsender ihre Studio- Einrichtungen auf die Zweikanal- Tontechnik umrüsten.


Quellen und ergänzende Links:  Erinnerungen + mein Archiv. (Last Update: xx.xx.xxxx)


1963 — John F. Kennedy in Berlin

Es war für Berlin ein ganz großer Tag – dieser 26. Juni 1963, als der amerikanische Präsident John F. Kennedy Berlin (JFK) besuchte. Ganz Berlin war auf den
      JFK redet in Berlin
^   JFK redet am 26. Juni 1963 vor dem Rathaus Schöneberg zu den West-Berlinern.   (Repro: 2003 – khd)
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[ Der Text der Rede ]
Beinen, um Kennedy zu sehen und zu hören. Knapp 2 Jahre vorher hatte die DDR quer durch Berlin die
Mauer gebaut. Und die Amerikaner konnten dagegen wenig unternehmen. Insofern hatte Kennedy bei den Berliner noch etwas gut zu machen. Der Anblick von Mauer und Stacheldraht tat dann das Seine.

Eine Sternstunde

Die Berliner bereiteten Kennedy einen begeisterten Empfang. Die Schulen hatten geschlossen, Arbeiter und Angestellte bekamen frei. Das Fernsehen und der Rundfunk übertrugen den Berliner Triumphzug des Präsidenten durch Berlin in einer Direktübertragung in die deutschen Wohnstuben. Der Kennedy-Besuch gilt als eine – als die Sternstunde der deutsch-amerikanischen Beziehungen.

Ein RIAS-Reporter erinnert sich

Jürgen Graf – allen Berliner bekannt als
rollender Nachrichten-Sprecher während der Blockade – hat damals den achtstündigen Besuch komplett als Radio-Reporter des RIAS erlebt. In der Berliner Morgenpost erzählte „Mr. Rias“ am 5. Juni 2003, wie das damals war:

„Für die Berliner war John F. Kennedy nicht nur ein Verbündeter. Er war auch ein toller Typ: Jung, dynamisch, gut aussehend und katholisch – so einen hätten wir damals auch gern gehabt. Als er am Vormittag des 26. Juni 1963 in Tegel ankam, wurde er gleich beim Verlassen des Flughafens von der Bevölkerung mit einem Jubel begrüßt, den ich in dieser Intensität nicht erwartet hatte.“ Dieser Moment hat Jürgen Graf beim Berlin- Besuch des US- Präsidenten am tiefsten beeindruckt. „Das war kein verordneter Applaus – das war Begeisterung.“

Als RIAS-Reporter hat Graf den Kennedy- Besuch in einer siebeneinhalbstündigen Live- Reportage festgehalten. „Vielleicht war es auch der Kontrast zum stillen Flughafengebäude, der mich so überwältigte“, grübelt Graf, denn der Jubel hätte an den weiteren Stationen des Besuchs kaum nachgelassen.

Das RIAS-Team folgte dem US-Präsidenten als dritter Wagen im Konvoi. „Das war die erste Reportage aus einem fahrenden Auto heraus“, sagt Jürgen Graf, der mit dieser Arbeit Rundfunkgeschichte machte. „Drei Nächte und einen Tag lang hatten wir uns vorbereitet, einen Anhänger mit Verstärker konstruiert und Probefahrten gemacht, um dieses Experiment zu bewältigen“, erzählt Graf. „Dann machte uns der US-Sicherheitsdienst einen Strich durch die Rechnung und hat den Anhänger als zu unschön verboten.“ Auch die zweite Frequenz vom Funkhaus in den Wagen nahmen die Sicherheitsleute dem Radioteam zum eigenen Gebrauch weg. So blieb nur die Sendeleitung und ein hektischer nächtlicher Umbau der Ausrüstung. Mit einem Minisender im Kofferraum, vier Verstärkern an unterschiedlichen Streckenposten und dem unerschütterlichem Glauben des Tontechnikers Herbert Löwe, dass der Beitrag auch im Sender ankommt, absolvierte das Team den Parcours durch die Stadt – Graf bei geöffnetem Schiebedach auf dem Beifahrersitz des Opel Kapitän stehend.

      Kennedy vor dem Rathaus Schöneberg
^   Die berühmte Rede Kennedys vor dem Rathaus Schöneberg, in der er vor Hundertausenden Berlinern sagte: „Ich bin ein Berliner.“   (Repro: 2003 – khd)
Trotz aller Hektik wunderte sich das RIAS- Team immer wieder über die Menschen- massen auf kleinsten Balkonen („Da standen 40, wo eigentlich vier draufpassten“) und die Menschen- trauben an den Fenstern – „wir konnten uns nicht erklären, wie die sich noch festhielten“. Am Rathaus Schöneberg wurde Kennedy von der Menge frenetisch empfangen, dann wurde sie nachdenklich und lauschte seinen Worten, um ihn später jubelnd zu verabschieden, erinnert sich Graf. „Die Stimmung war absolut positiv, bei dieser Rede hätten Störer keine Chance gehabt.“

Frieden in Freiheit

Die Berliner waren glücklich, daß Kennedy da war. Sie hatten verstanden. Er würde den Russen Paroli bieten. Seine Botschaft für die Berliner hieß: Frieden in Freiheit. Und in mehrfacher Hinsicht prophetisch sagte der Präsident auf seinem Rückflug: „Solange wir leben, werden wir niemals wieder einen solchen Tag erleben.“ Ihm blieben nur noch 5 Monate. Im November 1963 wurde Kennedy in Dallas ermordet. Und auch Berlin trauerte um einen Freund.


Quellen und ergänzende Links:  Erinnerungen + Berliner Morgenpost vom 5.6.2003. (Last Update: xx.xx.xxxx)


1965 — Die City-West erhält ein „Europa-Center“

An der Gedächtniskirche um 1962      
^   An der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche um 1962. Das große Gelände für das „Europa-Center“ ist bereits abgeräumt. Im Vordergrund (links) die neugebaute Gedächtniskirche von Egon Eiermann. Im Hintergrund an der Budapester Straße das Hilton-Hotel.   (Repro: 2002 – khd)
Auch nach dem
Mauerbau ließ sich West-Berlin nicht unterkriegen. Besonders zu erkennen war das auch an der Bautätigkeit in der City um die Kaiser-Wilhelm- Gedächtniskirche am Zoo. Waren in den 50er-Jahren bereits die Häuser der Zoorandbebauung mit dem „Bikini-Haus“ und dem Großkino „Zoo Palast“ sowie die vom Architekten Egon Eiermann entworfene neue Gedächtniskirche entstanden (eingeweiht am 17.12.1961), lag Anfang der 60er-Jahre das Areal des im November 1943 im Bombenhagel zerstörten „Romanischen Cafés“ noch immer brach.

Karl Heinz Pepper hat einen Traum

Auf dem Gelände am Breitscheidplatz zwischen Gedächtniskirche, Tauentzienstraße, Budapester und Nürnberger Straße stand damals meist ein Zelt der Catcher und am Rand gab es Schaschlik- Buden (das Schaschlik war die ultimative Fast-food der 50er- Jahre). In einer Kino-Baracke liefen Sittenfilme, wie man damals Erotik- Filme nannte. Und manchmal kam ein Zirkus oder ein Rummel. Dann kam aber
Karl Heinz Pepper, ein erfolgreicher Berliner Geschäftsmann. Der hatte einen großen Traum für diese Stadtbrache: Den Bau eines weltstädtischen Büro- und Einkaufszentrums, wie er es aus Amerika kannte.

1965 eingeweiht

      Das renovierte Europa-Center um 2002
^   Das renovierte Europa-Center um 2002. Aufgenommen vom unteren Ende des Ku'damms.   (Repro: 2003 – khd)
So entstand in den Jahren 1963 bis 1967 an der Gedächtniskirche ein attraktiver Bau – das
„Europa- Center“. Bereits am 2. April 1965 wurde im Beisein von Außenminister und Vizekanzler Willy Brandt die Einweihung des zentralen Teils mit mit den Laden- Passagen, dem Kabarett „Die Stachelschweine“ im Untergeschoß, einer Eislaufbahn, vielen Geschäften und Restaurants gefeiert. Und die Berliner strömten in den ersten Tagen in Massen in ihre City, um den Neubau nach amerikanischem Vorbild zu begutachten. Besonders begehrt waren Plätze im japanischen Restaurant, denn so etwas gab es bislang noch nicht in Berlin.

In das 103 Meter hohe Büro- Hochhaus mit 21 Stockwerken zog später u. a. die Berliner Spielbank ein. Auch residierte hier jahrelang Berlins Umweltsenator. Außerdem wurde das Hotel Palace, ein Großkino „Royal Palast“ und 1.100 Plätze für Autos in einem Parkhaus gebaut. Der gesamte Gebäudekomplex umfaßt rund 80.000 Quadratmeter. Im Shopping- Center sind heute rund 70 Geschäfte angesiedelt. Gekrönt wurde das „Europa- Center“ vom großen, sich drehenden Mercedes- Stern, der weit über die (bis 1989 geteilte) Stadt leuchtete. West- Berlins City hatte ein neues unverwechselbares Gesicht erhalten.

Ein Europa-Center ist nie fertig

Unterschätzt hatten die Planer des „Europa- Centers“ das Mikroklima, das in einem solchen riesigen Bau herrscht. Schon bald nach der Eröffnung mußten in den offenen Laden- Passagen nachträglich Glastüren eingebaut werden. Denn es zog in dem Gebäude ganz fürchterlich, was fürs Verweilen und Shopping wenig förderlich war. Um den Fußgängern das Erreichen des Centers zu erleichtern, baute man von der Marburger Straße über die Tauentzienstraße eine Stahlbrücke. Diese führte direkt ins Shopping- Paradies. Irgendwann (nach 1969) wurde sie dann aber wieder abgerissen.

Und abgerissen wird demnächst (ab 2005) auch der große „Royal Palast“, denn im Zeitalter der DVD gehen nicht mehr so viele Leute ins Kino. Zudem sind am Potsdamer Platz reichlich neue Kinos gebaut worden. Auch die viel genutzte und beliebte Eislaufbahn im Center gibt es längst nicht mehr. Sie mußte Platz machen für lukrativere Geschäfte. Anfang des 21. Jahrhunderts wurde alles umfassend renoviert, denn ein solches Center ist irgendwie nie ganz fertig. Offensichtlich sind sich da der Dombau und Shopping-Malls sehr ähnlich. Inzwischen ist dem „Europa- Center“ mit vielen anderen Shopping-Malls in der Stadt reichlich Konkurrenz entstanden.


Quellen und ergänzende Links:  Erinnerungen + mein Archiv. (Last Update: 20.4.2008)


1967 — West-Berlin wird Straßenbahn-frei

Es ist keine Frage, die Straßenbahn ist ein umweltfreundliches Verkehrsmittel. Aber das spielte in den 1950er-Jahren noch keine Rolle. Zwar wurde im alten West-Berlin nie ein Beschluß zur Abschaffung der Straßenbahn gefaßt, aber auch mit der Macht des Faktischen kann so etwas durchgesetzt werden. Da machte es auch nichts, daß einst die Straßenbahn von Siemens in Berlin erfunden wurde (die 1. Straßenbahn weltweit fuhr 1881 in Groß-Lichterfelde bei Berlin). Zum Aus für die Straßenbahn in Westteil Berlins kam es dann ab 1952 so.

Berlin setzt auf Autobusse

Im Sommer 1950 wurden nach dem Krieg erstmals einige neue Straßenbahnen gekauft. Fast gleichzeitig kam ein neuer Doppeldecker-Autobus mit Unterflurmotor zum Einsatz, nachdem er auf der 1. Industrie-Ausstellung gezeigt worden war. Sie galten als Prototype für weitere Neuanschaffungen, die dringend benötigt wurden. Zur Finanzierung war von der Berliner Verkehrs-Gesellschaft (BVG) ein Kredit von 12 Millionen DM für den Kauf von 40 Straßenbahnwagen und 20 Autobussen beantragt worden. An der Spitze der BVG wurden immer mehr Bedenken geäußert, denn zum einen seien die Tests für den neuen Straßenbahntyp nicht erfolgversprechend verlaufen und zweitens verwies man auf andere europäische Metropolen, in denen die Straßenbahnen ebenfalls eingestellt wurden.

Die Straßenbahn wurde als überflüssig betrachtet, da Berlin zu dieser Zeit bereits ein gutes U-Bahn-Netz besaß. Der damals stark wachsende Oberflächenverkehr würde die Straßenbahn nur behindern. Auch könne man durch den Verzicht auf Straßenbahn-Trassen mehr Platz für die Autos schaffen. Aufgrund dieser Überlegungen wurde der Kredit schließlich umgewandelt und mit Zustimmung des Berliner Senats für den Kauf von 120 modernen Doppeldecker-Bussen verwendet.

      2. Oktober 1967 -- Die letzte West-Berliner Straßenbahn
^   2. Oktober 1967 – Die letzte West-Berliner Straßenbahn wird von den Berlinern verabschiedet.   (Foto: 2.10.1967 – nn)
Platz für Autos wird geschaffen

Die Konsequenz daraus: Da viele marode Straßenbahnwagen nicht ersetzt wurden, mußten einige Linien aufgegeben werden. Man begann damals mit den Linien 76 und 79, die über den Kurfürstendamm nach Grunewald fuhren. Im Sommer 1954 wurden diese Straßenbahnen durch die neuen Bus-Linien A 19 und A 29 ersetzt. Auf dem Kurfürstendamm wurde danach reichlich
Platz für Autos geschaffen. Und in den folgenden Jahren wurde immer mehr Straßenbahn-Linien stillgelegt – immer mehr Depots konnten geschlossen werden. Ende 1962 fuhren im Westteil der Stadt nur noch 18 Straßenbahn-Linien. Ende 1965 waren es nur noch 8 Linien.

Die letzte Straßenbahn

Im Herbst 1967 war es dann so weit. In West-Berlin wurde die letzte Straßenbahn- Linie für immer eingestellt. Das war die Linie 55, die damals noch zwischen Spandau- Hakenfelde und Bahnhof Zoo verkehrte. Am 2. Oktober 1967 wurde es feierlich, als die letzte Straßenbahn mit den Wagen 3566 und 3556 festlich geschmückt am Zoo eintraf (
Foto). Die Straßen waren damals voller Menschen, die sich von der letzten Bahn verabschieden wollten.

Berlin glaubt damit, das Kapitel Straßenbahn für immer abgeschlossen zu haben. Aber dann kam 1990 die Wiedervereinigung der geteilten Stadt und damit gab es in Berlin wieder reichlich Straßenbahnen. Denn die DDR hatte in Ost-Berlin aus ökonomischen Gründen den Straßenbahn-Verkehr nie aufgegeben. Und so konnte Berlins BVG im Jahr 2006 sogar noch den 125. Geburtstag der Straßenbahn feiern. Dennoch ist die Straßenbahn bei der BVG wenig beliebt. Es werde im Westteil der Stadt „keine Renaissance der Straßenbahn“ geben, stellte ein BVG-Vorstand im Oktober 2005 klar.


Quellen und ergänzende Links:  Erinnerungen + mein Archiv + Straßenbahn-Chronik. (Last Update: 1.5.2008)


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http://www.khd-research.net/Bln/Living_in_a_City_03.html
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