BERLIN 31.3.2009 (khd). Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist zu beobachten, daß
Lebensmittel- Industrie und -Handel immer stärker eine Geschmacks-Diktatur aufbauen. Viele
schmackhafte Produkte gibt es nicht mehr, andere schmecken widerlich. Der Trend geht zum
Einheitsgeschmack. Aber wollen wir das wirklich? In der Kolumne Abgeschmeckt | Abgeschmackt
sollen in lockerer Folge besonders auffällige Beispiele aus dem täglichen (Koch-) Leben
aufgespießt werden.
[
Zum Archiv der Kolumne]
| |
|
|
Will die Welt betrogen werden? Mit den meisten Aromastoffen sollen die Verbraucher getäuscht
werden. Seit 1980 hat sich die Produktion dieser völlig überflüssigen Stoffe vervierfacht.
(Grafik: 12.10.2009 khd nach einer
SPIEGEL-Grafik) |
|
Eine solche Kolumne kann vermutlich nur jemand schreiben, der die Entbehrungen des 2. Weltkriegs, der
Nachkriegsjahre und der West-Berliner Blockade geschmacklich sehr bewußt erlebt hat und sich daran
noch gut erinnern kann, wie Kunsthonig, Schlagcreme, dehydrierte Kartoffeln (Trockenkartoffeln), POM und
die vielen anderen ‚Köstlichkeiten‘ damals schmeckten. In den 1950er-Jahren
ging’s dann kontinuierlich auch geschmacklich wieder aufwärts. Das Wirtschaftswunder machte
völlig neue Geschmackserlebnisse möglich. Es gab fast alles wieder zu kaufen die von
Tante Ruth im Krieg so oft beschworenen Friedenszeiten mit ihrem tollen Warenangebot waren
endlich (wieder) da.
Es war auch die Zeit, wo man beim Kauf von Schweinebraten- Aufschnitt beim Fleischer oder im KaDeWe
gefragt wurde, ob man auch etwas von der Schweinekruste mitnehmen möchte natürlich
gratis. Wann wurde Ihnen in der letzten Zeit an der Supermarkt- Fleischtheke diese Frage gestellt?
Sicher noch nie. Und diese Kleinigkeit macht sofort das Problem der Geschmacks- Nivellierung deutlich.
Supermärkte haben heute keine Zeit mehr, Schweineschinken gut zu würzen und abzubraten und den
Kunden knusprige Schwarte als Zugabe zu geben. Schweinebraten wird heute in Plastik eingeblistert von
der Industrie bezogen. Da gibt es keine Knusperkruste mehr und Wohlgeschmack schon gar nicht.
In der Marktwirtschaft sollte die Nachfrage das Angebot bestimmen. Bei Supermärkten oder
Discountern stimmt das schon lange nicht mehr. Hier gilt die ‚Diktatur der Liste‘. Nur was
bei den Handelsunternhmen an Waren auf ihrer generellen Einkaufsliste steht, wird von denen gehandelt.
Da kann der Kunde noch so viel nachfragen. Jeder Tante-Emma-Laden, jeder Fleischer, jeder Bäcker,
jeder Fischhändler bemühte sich selbstverständlich, einen Kundenwunsch zu erfüllen,
wenn immer das möglich war. Nur, diese kundenfreundlichen Läden sind durch die
Supermärkte und Discounter heute weitgehend verdrängt worden. Und die Listen dieser
‚Super-Läden‘, die angeblich alles haben, wurden inzwischen weitgehend angeglichen, so
daß ein Ladenwechsel kaum noch etwas bringt.
Dieser Prozess der Gleichschaltung begann bereits schleichend Ende der 1980er-Jahre und verstärkte
sich in den 90-ern. Davor bemühten sich in Berlin noch Ketten wie Bolle,
Butter-Beck, Carisch, Hefter oder Meyer (alle bereits
gestorben) um die Wünsche der Kunden. Aber mit der Zunahme der Konzentration im Handel und dem
Aufblühen der Ernährungs- Industrie (immer mehr Fertigprodukte) begann auch die Nivellierung.
Und ein Ende oder Umkehr dieser negativen Entwicklung ist nicht absehbar. Es sei denn, mündige
Kunden wachen endlich auf und lassen sich nicht mehr alles gefallen.
Nach dem Ende des Kalten Kriegs zwischen Ost und West begann Anfang der 1990er-Jahre zudem der
‚Krieg‘ der Marktradikalen (Neo-Liberalisten) um immer höhere Profite. Davon blieb auch
die Lebensmittel-Industrie und der Handel mit Lebensmitteln und deren Qualität nicht verschont. Es
hatte zur Folge, daß sich neben der ‚Diktatur der Liste‘ auch noch das ‚Diktat
des Markts‘ breitmachte.
Allzuoft zählte nun nur noch das Angebot, was am meisten Gewinn abwarf egal, ob die
Qualität zu wünschen übrig ließ. Originalton von der Fleischtheke eines Berliner
Supermarkts: Nein, Gulasch haben wir heute nicht, das gibt’s erst zum nächsten
Wochenende wieder. Aber nehmen Sie doch von unserem zarten ‚Krustenbraten‘ (zähe
Schweineschulter!) der ist im Angebot zu 1,99 pro Kilo! Was nachgefragt wird,
spielt kaum noch eine Rolle. Dieses Prinzip des ‚Friß-Vogel-oder-stirb‘ zeitigt
inzwischen solche Auswüchse wie den Kunst-Käse oder das
zusammengeklebte ‚Formfleisch‘, um vom lukrativen Gammelfleisch gar nicht zu reden.
[ Zum Archiv der Kolumne ]