Archiv der Kolumne »Abgeschmackt« – Teil 2 khd
Stand:  2.2.2010   (17. Ed.)  –  File: Food/Ex/Kolumne_Abgeschmackt_02.html




BERLIN – 31.3.2009 (khd). Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist zu beobachten, daß Lebensmittel- Industrie und -Handel immer stärker eine Geschmacks-Diktatur aufbauen. Viele schmackhafte Produkte gibt es nicht mehr, andere schmecken widerlich. Der Trend geht zum Einheitsgeschmack. Aber wollen wir das wirklich? In der Kolumne „Abgeschmeckt | Abgeschmackt“ sollen in lockerer Folge besonders auffällige Beispiele aus dem täglichen (Koch-) Leben aufgespießt werden.

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Abgeschmackt

Von wegen Qualität
Vom Nivellieren des Geschmacks 4
Nepp allerorten / Ernährungsindustrie produziert fast nur noch Illusionen

HAMBURG – 13.10.2009 (khd/sp). Der Verbraucher wird von der Ernährungsindustrie sytematisch getäuscht. Die Aromen-Industrie blüht und soll bereits bei einem Jahresumsatz von 10 Mrd. Euro angelangt sein. Bei immer mehr Produkten schafft heute die Ernährungsindustrie aus unechten „Aromen, Imitaten und sehr viel Werbung eine Geschmacksillusion, die mit ursprünglichen Nahrungsmitteln nicht mehr viel zu tun hat“ . Das ist das erschreckende Fazit der Spiegel-Story „Die Geschmacksillusion“ (Heft 42/2009 vom 12.10.2009, Seite 72).

  Faustregeln
vom US-Autor Michael Pollan
Erstens:
Essen Sie nichts, was Ihre Urgroßmutter nicht als Lebensmittel erkannt hätte.
1) 
Zweitens:
Meiden Sie Lebensmittel, die
a) unbekannte,
b) unaussprechliche,
c) mehr als 5 Zutaten oder
d) fructosereichen Maissirup enthalten.
 
Drittens:
Meiden Sie Produkte, die behaupten, gesund zu sein.
2) 
1) Urgroßmütter, die vor 1970 lebten.
2) Denn meistens ist das gelogen.
An etlichen Beispielen zeigt das Nachrichtenmagazin auf, was für Machenschaften die Industrie betreibt, um hohe Gewinne zu erzielen. Da produzierte die Firma Kuchen-Meister einen Zitronen- Kuchen, der nie eine Zitrone gesehen hatte. Da gibt es noch immer Schinken- Imitate alias „Fleischschlamm“, den die Industrie ‚Formfleisch‘ (zusammengeklebte minderwertige Fleischpartikel) nennt. Buletten werden mit Bräunungsspray behandelt, ums Grillen vorzutäuschen. Und Danone erzählte, daß ihr Zuckertrunk Actimel „die natürlichen Abwehrkräfte steigert“, was so wissenschaftlich nicht belegbar ist.

Da verwundert es dann kaum noch, daß der Chef des Symrise-Konzerns, Deutschlands größter Aromen- Hersteller, unlängst aus dem Nähkästchen plauderte: „Aromen kompensieren, was beim industriellen Prozess verlorengegangen ist.“ [Ed: oder was an natürlichen Zutaten – weil zu teuer – erst gar nicht zugefügt wurde]. Ohne die Geschmacks- Industrie wäre die moderne Lebensmittel- Branche aufgeschmissen.

Was aber kann ein Verbraucher tun, um diesem Treiben Einhalt zu gebieten? Er muß beim Einkauf von Lebensmitteln immer aufpassen und nachdenken. Dazu bietet der Spiegel in seinem Artikel einige Faustregeln an, die Michael Pollan in seiner Aufklärung für US-Bürger „In Defense of Food“ aufgeschrieben hatte. In den USA ist wegen der „labbrigen“ Lebensmittel- Standards die Situation noch unübersichtlicher als hierzulande.



Abgeschmackt

Nix Erdbeeren im Joghurt
Vom Nivellieren des Geschmacks 5
Mit „naturidentischen Aromen“ kann man fast alles zaubern / Nicht nur „Landliebe“ kommt fast ohne Obst aus

      Echte Erdbeeren
^   Echte Erdbeeren.
BERLIN – 9.11.2009 (khd). Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist zu beobachten, daß Lebensmittel- Industrie und -Handel immer stärker eine Geschmacks-Diktatur aufbauen. Viele schmackhafte Produkte gibt es nicht mehr, andere schmecken widerlich. Der Trend geht zum Einheitsgeschmack. Aber wollen wir das wirklich? In der Kolumne „Abgeschmeckt | Abgeschmackt“ sollen in lockerer Folge besonders auffällige Beispiele aus dem täglichen (Koch-) Leben aufgespießt werden. [Zum Archiv der Kolumne]

  LANDLIEBE Joghurt auf erlesenen Erdbeeren
Zutatenliste (Jul. 2009)
  • Joghurt aus Vollmilch
  •    
  • Erdbeeren
  • 9 %  
  • Erdbeersaft
  • 3 % 1) 
  • Natürliches Aroma
  •   2) 
  • Rote Beete Saft
  •   1) 
  • Modifizierte Stärke
  •    
  • Verdickungsmittel Pektin
  •    
  • Zucker
  •    
    1) Aus Konzentrat.
    2) Gemeint ist damit synthetisches Aroma.
    Auf dem Joghurt-Becher sind herrliche Erdbeeren abgebildet. Aber sind die auch im Joghurt enthalten? Auf dem Becher „Landliebe Joghurt auf erlesenen Erdbeeren“ ist angegeben, daß dieser neben dem Vollmilch-Joghurt auch 15 % Erdbeer-Zubereitung enthalten und „natürlich frisch“ schmecken soll. Dazu beitragen soll auch, daß dieser Frucht-Joghurt „ohne Zugabe von Konservierungsstoffen“ und „ohne Speisegelatine“ auskommt. Das hört sich doch alles sehr gut an.

    Beim Kosten stellt man dann aber schnell fest: Er schmeckt sehr süß und so intensiv nach Erdbeer, daß da etwas nicht stimmen kann. Die aufgedruckte Zutatenliste verrät dann auch, daß diesem Joghurt zwar Erdbeeren zugefügt worden sind, aber auch (Erdbeer-)Aroma. Am Boden des Bechers wurde dann 1/2 Alibi-Erdbeere gefunden. Diese kann nie und nimmer den Geschmack erzeugt haben. Und die rötliche Farbe der „Erdbeer-Zubereitung“ kam vom angedickten Rote Beete-Saft.

    Immer häufiger steckt in manchem Fertig-Joghurt sogar kein einziges Gramm der abgebildeten Früchte. Der Hersteller hat sie eingespart und total durch künstliche Aromastoffe ersetzt. Das bringt ihm mehr Gewinn, und der Kunde merkt es meist nicht. Das ist sogar legal, solange es in der Zutatenliste angegeben ist. Der neo-liberale Wirtschaftskurs der EU machte es möglich, und deutsche Volksvertreter muckten nicht auf. Das Ergebnis war die Aromen-Verordnung von 2006, unterschrieben vom Ex-Bundesverbraucherminister Horst Seehofer (CSU).

    Nachgetragen:

    Naturidentische Aromen

    BERLIN – 12.11.2009 (khd). Lebensmittel- Chemiker waren in den letzten 20 Jahren extrem fleißig und haben intensiv die Zusammensetzung von natürlichen Aromastoffen erforscht. So genau erforscht, daß sie diese synthetisch erzeugen konnten. Man nennt solche Aromastoffe „naturidentische Aromen“. Sie haben also ein natürliches Vorbild in der Natur, werden aber synthetisch hergestellt. Praktisch alle nur denkbaren Aromen lassen sich heute aus dem ‚Chemiebaukasten des Lebensmittel- Chemikers‘ künstlich herstellen – vom Erdbeer-Geschmack bis hin zum Geschmack von teuren Meeresfrüchten wie Hummer.

    Da bleibt kein Wunsch der profitgierigen Lebensmittel- Industrie unerfüllt. Und es gibt Unternehmen wie Symrise, die im Großstil solche „naturidentischen Aromen“ produzieren und vertreiben. Im Einzelhandel sind solche Aroma-Produkte (mal von den schon fast klassischen Back-Aromen abgesehen) nicht erhältlich — wozu auch.



    Abgeschmackt

    Saure Sahne schmeckt nicht wie früher
    Vom Nivellieren des Geschmacks 6
    Erhebliche Geschmacksmängel durch moderne Produktion? / REWE-Sahne fiel besonders negativ auf

    BERLIN – 2.1.2010 (khd). Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist zu beobachten, daß Lebensmittel- Industrie und -Handel immer stärker eine Geschmacks-Diktatur aufbauen. Viele schmackhafte Produkte gibt es nicht mehr, andere schmecken widerlich. Der Trend geht zum Einheitsgeschmack. Aber wollen wir das wirklich? In der Kolumne „Abgeschmeckt | Abgeschmackt“ sollen in lockerer Folge besonders auffällige Beispiele aus dem täglichen (Koch-) Leben aufgespießt werden. [Zum Archiv der Kolumne]

    „Saure Sahne“ ist eigentlich ein recht einfaches Milchprodukt. Aber unsere Lebensmittel-Industrie hat offensichtlich mit deren Herstellung inzwischen Probleme. Um saure Sahne zu erhalten, werden Sahne (Rahm) Milchsäurebakterien zugesetzt, die die Sahne nach einiger Zeit dick werden lassen. Sie schmeckt dann feinsäuerlich und eignet sich hervorragend, um guten Bratensaucen den letzten Pfiff zu geben. Das klappt heutzutage oft nicht mehr.

    In den Supermärkten wird heute saure Sahne nur in sehr begrenzter Auswahl angeboten. Und allzuoft ist die Qualität so miserabel, daß sie den Geschmack von Bratensaucen ruiniert. Besonders übel fiel das jetzt bei einem 200-g-Becher der REWE-Eigenmarke „ja!“ auf. Obwohl der Becher (EAN-Nr.: 4-388840-100781, MHD: 8.1.2010) geschlossen war, hatte diese saure Sahne einen Beigeschmack, der sich auch beim Aufkochen der Sauce nicht verlor. Dieser störende Geschmack muß bei der Herstellung entstanden sein, anderes ist kaum vorstellbar.

    Aber wodurch entstand dieser für saure Sahne so untypische Geschmack, der auch schon bei ähnlichen Produkten anderer Hersteller aufgefallen war? Liegt das an der Art der verwendeten Milchsäurebakterien? Liegt es an der Verpackung aus Plastik? Oder wurde doch mit irgendwelchen Zusätzen gearbeitet? Beispielsweise verändert der bei süßer Sahne oft verwendete Stabilisator-Zusatz Carrageen den Geschmack der Sahne. Aber auf dem Becher stand nichts von Zusätzen. Es war nur der Fettgehalt angegeben (10 %) und, daß diese Sahne speziell für die REWE-Handelsgruppe GmbH (Köln) hergestellt wurde durch (DE | NI 053 | EG). Hinter dem Code „NI 053“ verbergen sich die Hochwald Nahrungsmittel-Werke GmbH in Lüneburg (Niedersachsen), wie ein Blick in die amtliche Liste der Milchverarbeitungsbetriebe zeigt.

    Hat man einige Jahrzehnte Kocherfahrung, dann weiß man, daß bis in die 1990er-Jahre saure Sahne fast immer wohlschmeckend war. So lieferte beispielsweise die saure Sahne der Berliner Meierei- Zentrale (MZ) stets gute Kochergebnisse. Auch die saure Sahne, die in 1/2-Liter- Glasflaschen aus Sachsen bis vor wenigen Jahren in den Berliner Handel kam, war hervorragend und hielt sich zudem noch recht lange. Alle solche guten Produkte sind aber aus den Supermarkt-Ketten verschwunden, die offensichtlich nur auf Billig und schlechte Qualität setzen. Ein Dienst am Kunden ist das nicht.



    Abgeschmackt

    Butter verpanscht
    Vom Nivellieren des Geschmacks 7
    Milchstreichfett aus Butter und Rapsöl / KERRYGOLD auf Abwegen

    BERLIN – 22.1.2010 (khd). Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist zu beobachten, daß Lebensmittel- Industrie und -Handel immer stärker eine Geschmacks-Diktatur aufbauen. Viele schmackhafte Produkte gibt es nicht mehr, andere schmecken widerlich. Der Trend geht zum Einheitsgeschmack. Aber wollen wir das wirklich? In der Kolumne „Abgeschmeckt | Abgeschmackt“ sollen in lockerer Folge besonders auffällige Beispiele aus dem täglichen (Koch-) Leben aufgespießt werden. [Zum Archiv der Kolumne]

      KERRYGOLD extra
    Zutatenliste dieses neuen
    Milchstreichfetts (Jan. 2010)
  • Butter
  • 63 % 1) 
  • Raps–l
  • 13 %  
  • Wasser
  •   2) 
  • Emulgator
  •   3) 
  • Meersalz
  • 1 %  
    Gesamtfettgehalt:  65 %
    1) Keine Angabe über Art der Butter.
    2) Bei 250 g müßten das rund 55 ml sein.
    3) Mono- und Diglyceride von Speisefettsäuren.
    In den Regalen der Supermärkte kann man immer wieder Überraschungen finden. War KERRYGOLD bislang als Produzent einer hervorragenden und wohlschmeckenden Süßrahm-Butter aus Irland bekannt (EAN-Nr.: 4-001954-161034), tauchte jetzt in den Regalen ein neues Produkt „KERRYGOLD extra“ auf. Dafür verschwand die Süßrahm-Butter aus den Regalen. Bei „extra“ vermutet man zunächst eine besonders gute Butter. Aber das ist nicht so.

    Bei „KERRYGOLD extra“ handelt es sich um ein Butter-Derivat – quasi eine Mischung aus vermutlich einfacher Butter und etwas Margarine auf Rapsöl-Basis. Und so schmeckt sie auch. Beworben wird dieses „Milchstreichfett“ damit, daß es auch „gekühlt streichzart“ sei. Auch sei das verwendete Rapsöl „wertvoll“, heißt es auf der 250-g-Dose aus Plastik.

    Produziert wird diese Errungenschaft von der Irish Dairy Board (IDB) Deutschland GmbH in Neukirchen (DE | NW 40015 | EG). Auch wenn die Filialleiterin des Supermarkts erzählte, daß es nun die „KERRYGOLD Süßrahm-Butter“ nicht mehr gebe, sieht das eher nach einem Diktat dieser Handelskette aus. Es ist kaum vorstellbar, daß die IDB-Leute auf die Vermarktung ihres Qualit”tsprodukts vezichten, das nur ‚gute Butter‘ und etwas Salz enth”lt. Wir werden sehen, was IDB-KERRYGOLD dazu zu sagen hat.





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