Aus: Die alte Schule Nr. 56 Mitteilungen der Vereinigung ehemaliger Schüler der
Walther-Rathenau-Schule (Grunewald-Gymnasium), Juni 1961, Seite 2830 (Grunewald) von
FRIEDRICH WILHELM NEUMANN (Abitur-Jahrgang 1934).
Links und Anmerkungen [Ed: ...] sind hier redaktionell zugefügt worden.
Vor wenigen Wochen hat eines der letzten altbekannten Halenseer Lokale seine Pforte geschlossen,
das Restaurant und Café Engadin. Die Betriebseinstellung einer Gaststätte ist zwar an sich
nichts Besonderes, zumal wir alle gegen das Untergehen des Bestehenden irgendwie abgehärtet sind und
der Krieg allein vielen altvertrauten Gebäuden und Räumen ein jähes Ende gesetzt hat.
Dennoch ist das Verschwinden eines Unternehmens, das einem seit der Kindheit bekannt ist und so viele
schwere Zeiten seit seinem Bestehen überwunden hat, das aus einer alten ruhigen Zeit sich in
konservativer Weise bis in unsere Tage gerettet hatte, etwas Bemerkenswertes.
Hinzukommt, daß für die meisten derjenigen Ehemaligen, die nicht den Vorzug hatten, bei der
Auswahl ihrer Eltern so vorsichtig vorzugehen, daß sie sich inmitten der feudalen Kolonie Grunewald
vom Klapperstorch abliefern ließen, und deshalb von den alten Grunewaldern geringschätzig als
Vorgartenzwerge ihrer Kolonie angesprochen wurden, das Engadin zumindest als markanter Punkt
auf dem Schulweg über den Kurfürstendamm bekannt sein wird.
Noch zu meiner Schulzeit nahm der Kurfürstendamm auf dem Wege von der Halenseebrucke zur Schule
sogleich hinter der Brücke einen stark veränderten Charakter an nd leitete in das Weichbild der
Stadt über. Wenn man auf seiner rechten, der Sonnenseite ging, kam man noch an verschiedenen
Gartenlokalen vorbei. Zunächst am Kurfürsten-Park, in dem voran ein Pavillon mit einer Bar der
Firma Feier-Meyer, und hinten ein Orchesterpavillon sowie verschiedene Schaubuden standen.
Im Tanzsaale des Hauptgebäudes hatte allerdings schon ein Kino, zunächst unter dem Namen
Kurfürstenpark-Lichtspiele, abgekürzt KuParkkintopp, später Rivoli seinen
Einzug gehalten. Hinter dem Kurfürsten-Park kam ein kleines, schmales Gartenlokal, und sodann zur
Ecke Kurfürstendamm/Bornimer Straße wiederum ein größeres, das ursprünglich
den Namen Kaiser-Wilhelm-Garten und nach dem ersten Weltkrieg Rote Mühle
führte.
Im Hauptgebäude, in dem bis etwa 1925 allabendlich Tanz war, wurde sodann ebenfalls ein Kino, die
Rote Mühle eingerichtet. Viele Ehemalige werden sich noch gern der Jugendvorstellungen
dieser beiden Kinos erinnern. Der Krieg hat alle diese Unternehmen zerstört.
Heute steht ein großer Wohnhausblock auf dem gesamten Gelände. Nichts ist wiederzuerkennen
[Ed: aber es sollte in den 1990er-Jahren noch
schlimmer kommen]. Die gegenüberliegende Ecke, Bornimer Straße/Kurfürstendamm
hingegen ist unverändert durch die Jahrzehnte gekommen, hier liegt das Engadin. Es war
nach Errichtung des Hauses, etwa seit 1905 zunächst ein Filiallokal der Firma Aschinger, die aber
alsbald die Bewirtschaftung der Terrassen am Halensee, des späteren
Luna-Parks übernahm. Das
Ecklokal hieß alsdann Café Luna und wurde oft von den aus dem Lunapark
zurückkehrenden Gästen aufgesucht.
Der Ausbruch des ersten Weltkrieges bereitete dem Café Luna, wie den Terrassen, ein jähes
Ende. In das Café zog eine Militärdienststelle ein. Nach dem Kriege meldeten sich
verschiedene Interessenten für das Café, u. a. ein Schweizer, der ihm den Namen "Engadin"
gab, den Betrieb aber nicht aufnahm. Erst die letzte Inhaberin, Gertrud Schlie eröffnete es im
Jahre 1919, erweiterte es wieder auf Restaurantbetrieb und führte es nun 42 Jahre lang mit
gleichbleibendem Geschick und gleichbleibender Liebenswürdigkeit auch in schwersten Tagen.
Späterhin wurde dem Lokal noch ein Verkauf von Back- und Kolonialwaren angeschlossen.
Viele werden sich noch an den langgestreckten Raum des Lokals mit den großen Fensterscheiben, den
gemütlichen Fensterplätzen, der Nische in der Mitte, in der früher eine kleine Kapelle
namens Joost spielte, erinnern, an das Buffet, am hinteren Ende des Lokals, an dem die Inhaberin
residierte und von dem viele Jahrzehnte der Oberkellner namens Prause Speisen und Getränke brachte,
sowie an den Vorgarten mit Marmortischchen und Gartenstühlen, von dem allerdings die
Verkehrsnotwendigkeiten in den letzten Jahren immer ein Stückchen abknabberten.
Unser Engadin ist nun ebenso verschwunden wie die auf der gegenüberliegenden Seite des
Kurfürstendamms gelegen gewesenen Lokale Molkenthin, Café Telschow,
Mampestuben sowie Hobrechteck, die sämtlich der Krieg zerstört hat.
Die Inhaberin hat sich nun in das Privatleben zurückgezogen, des Dankes vieler Gäste, und
sicher auch Ehemaliger gewiß. Das Lokal wird nach völligem Umbau als Speiselokal und
Spezialausschank der Dortmunder Union-Brauerei wieder eröffnet werden.
Friedrich Wilhelm Neumann (34)