Aus:
Netzeitung, Berlin,
13. November 2003, 8.16 Uhr MEZ (Wirtschaft). Das Gespräch führte LARS BORCHERT.
[
Original]
Die deutsche Wirtschaft stagniert das dritte Jahr in Folge. Wirtschaftsvertreter und führende
Politiker geben vor allem hohen Lohnkosten und überregulierten Märkten die Schuld am geringen
Wachstum und versuchen ihr Glück in Strukturreformen. Dagegen verweist Professor Karl Aiginger vom
Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung auf die mangelnden Investitionen in den
Hochtechnologie-Bereich und die so entstandene ‚Technlogielücke‘.
Netzeitung: Angesichts der schwachen Wirtschaftslage spricht ganz Deutschland über zu hohe
Lohnnebenkosten und die Überregulierung der Märkte. Wovon ist Ihrer Auffassung nach das
Wirtschaftswachstum der Bundesrepublik primär abhängig?
Aiginger: Das Wachstum einer Volkswirtschaft wie Deutschland hängt ganz besonders von ihren
Investitionen in die Zukunft ab gemeint sind Ausbildung, Forschung und die rasche Umsetzung neuer
Technologien.
Netzeitung: Wo sehen Sie unter diesem Gesichtspunkt die Ursachen der deutschen
Wachstumsschwäche?
Aiginger: Deutschland hat schon mindestens 20 Jahre das Problem, sich hauptsächlich auf die
sogenannten mittleren Technologien zu konzentrieren. Technologien, die auf Mechanik und Elektronik
beruhen. Als das Land mit den höchsten Löhnen hat Deutschland nur im Bereich dieser
Technologien den Grad der höchsten Wettbewerbsfähigkeit erreicht. Damit ist es aber nicht auf
das oberste Technologiesegment wie Informations- und Biotechnologie spezialisiert. Das ist schon vor 15
Jahren analysiert worden, wurde aber immer wieder verdeckt, weil Deutschland eine sehr gute Handelsbilanz
vorweisen kann und sehr starke Positionen in der Auto-, Maschinen- und Chemieindustrie hat.
Netzeitung: Aber Deutschland kann doch einige weltweit führende Unternehmen des obersten
Technologie-Segments vorweisen.
Aiginger: Das ist schon richtig, dennoch sind es zu wenige. Das lässt sich eindeutig an den
Indikatoren wie den Anteilen an der Informationstechnologie (IT) und der Produktion messen und der
ist deutlich niedriger als in anderen europäischen Ländern und in den USA.
Netzeitung: Wo genau sehen Sie dann Deutschland im internationalen Vergleich?
Aiginger: Im vorderen Mittelfeld. Es ist sicherlich nicht bei den ersten drei dabei, eher knapp
vor der Mitte. Führend sind gemessen an den Forschungs- und Entwicklungsausgaben
Schweden und Finnland. Deutschland liegt bei der Forschungsquote an dritter oder vierter Stelle, war
hier aber 1980 noch führend. Ein relativ großer Teil der Forschungsgelder fließt
wiederum nicht in die neuen Technologien, sondern ist traditionell aufgeteilt. Deutschland bewertet sich
selbst oft besser, da es einen großen Anteil an der IT-Produktion einnimmt. Aber im höchsten
Technologiesegment verliert das Land laufend an Konkurrenzfähigkeit.
Ich habe 3 Arten von Zukunftsinvestitionen zusammengestellt. Sie basieren auf den Ausgaben einer
Ökonomie in Ausbildung, Forschung und die Verbreitung der Informationstechnologie. Gemessen an
diesem Index liegt Deutschland im europäischem Durchschnitt, und die Dynamik dieser Ausgaben liegt
sogar an letzter Stelle in Europa. Zu Beginn der 90er Jahre war die Bundesrepublik noch relativ weit
oben, hat dann die Investitionen nicht mehr gesteigert. Jahr für Jahr ist Deutschland im
internationalen Vergleich weiter zurückgefallen, die Konkurrenzfähigkeit ging verloren
eine Technologielücke ist entstanden.
Netzeitung: Basis Ihrer Berechnungen ist der Prozentanteil der Ausgaben am Bruttoinlandsprodukt
(BIP). Anders fällt das Ergebnis aus, wenn man die absoluten Zahlen zugrunde legt. Warum
entscheiden Sie sich für die Berechnung mit dem Prozentanteil?
Aiginger: Große Länder machen gerne den Fehler, absolute Zahlen vorzulegen. Aber in
jedem Unternehmen werden die Forschungsanstrengungen im Verhältnis zum Umsatz gemessen. Genauso
müssen auch die Volkswirtschaften ihre Investitionen am BIP messen. Natürlich kann man
zufrieden sein, wenn man einen hohen Weltmarktanteil hat. Aber das bedeutet nicht automatisch, dass man
lange am Markt bestehen kann. Konkurrenzfähigkeit bedeutet, pro Einheit mehr zu haben als die
anderen. Sonst wäre China womöglich das konkurrenzfähigste Land der Welt.
Netzeitung: Wie gehen die deutsche Industrie und die Regierung mit diesem Thema um?
Aiginger: Ich bin erstaunt, dass es in Deutschland keine Rolle spielt. Die Technologielücke
bei Hightech-Produkten, die schon vor 15 Jahren bekannt war und nie gelöst wurde, ist bei den
aktuellen Debatten untergegangen. Es ist zwar richtig, dass anderen Themen wie Arbeitsmarkt- Reformen
oder die Kosten der Wiedervereinigung auch wichtig sind, aber dieser Teil scheint offensichtlich ganz
ausgeklammert zu werden. Ich habe mir die verschiedenen Wahlkämpfe und die jeweiligen
Parteiprogramme angesehen und die Analysen der deutscher und EU-Wirtschaftsforschungsinstitute studiert.
Ergebnis war, dass das Problem der Technologie-Lücke nie erwähnt wird.
Netzeitung: Wem muss man die Verantwortung dafür zuschreiben?
Aiginger: Ich würde die Schuld gleich verteilen. Fehler der Industrie ist, das Problem
nicht zu thematisieren, sondern sich immer auf den unflexiblen Arbeitsmarkt zu konzentrieren. Die
Regierung wiederum hält sich bei staatlicher Wirtschaftsförderung bewusst zurück. Alle
anderen Länder wollen die Forschungs- und Entwicklungsquote anheben. Deutschland hat das allerdings
nie zu einem Ziel erhoben historisch verständlich, weil es 1980 noch die höchste
Forschungsquote hatte.
Man muss sich klar machen, dass die neuen Technologien an den Hochschulen nur dann zum Tragen kommen,
wenn die Forschungsausgaben steigen. Es ist wahnsinnig schwierig, mit am BIP gemessen
sinkenden Forschungsausgaben neue Richtungen zu produzieren, weil die Universitäten nicht von selbst
die Mittel umschichten. Die Mittelaufteilung bleibt in der Regel weitgehend traditionell. Und je
weniger die Forschungsquote steigt, desto eher bleiben die Forschungsrichtungen von gestern auch die
Studiengänge von morgen.
Die Regierung selbst interveniert laufend in Brüssel gegen die Lissabon-Strategie der EU, die
Stärkung und Förderung der neuen Technologien vorsieht. Sie sagt, man sollte auf die
Traditionsindustrien mehr Wert legen hier werden immer wieder Maschinen, Kfz- und Chemieindustrie
benannt. Die EU fordert hingegen, dass die Forschungsquoten erhöht, die Ausbildungen reformiert und
die Anzahl der Akademiker erhöht werden.
Netzeitung: Aber warum hängt ein Land wie Deutschland immerhin die
drittgrößte Volkswirtschaft weltweit bei den Technologie- und Forschungsausgaben so weit
hinterher?
Aiginger: Das ist schwer zu sagen, aber wahrscheinlich auf Grund der Exzellenz in den mittleren
Technologien. Hier hat Deutschland eine hervorragende Position, die sich in starken
Unternehmensgewinnen, Marktanteilen und auch in starken Exporterfolgen niederschlägt. Dann sieht
man natürlich weniger Grund dazu, seine Schwerpunkte zu verlagern bis es möglicherweise zu
spät ist.
In den skandinavischen Ländern gab es Anfang der 90er Jahre die große Krise. Sie hat zu
grundlegenden Analysen darüber geführt, wie Gesellschaften als Hochlohn-Land mit hohen Umwelt-
und Energiekosten konkurrenzfähig bleiben können. Diese Gesellschaften haben sich in dieser
Situation dazu entschlossen, dass die neuen Technologien ihre einzige Chance sind. Sie haben begriffen,
dass ein Land, das ein hohes Lohnniveau haben will aber sehr hohe Steuern hat, unbedingt
Produktivitätsführer sein muss. Kleinere Länder sind natürlich leichter umzustellen,
und die Krise hat diese Staaten ordentlich dazu angestachelt.
Netzeitung: Wie könnte jetzt der Lösungsansatz für dieses Problem aussehen?
Aiginger: In zwei Schritten. Auf dem aktuellen Stand leerer Kassen muss die Effizienz der
Forschungsausgaben bestmöglich genutzt werden. In dem Moment, wenn die nötigen Mittel
vorhanden sind, muss die Quantität wieder gesteigert werden. Aber es ist natürlich schwierig,
ein Problem zu lösen, dass man zehn Jahre lang nicht angepackt hat gerade angesichts der
finanziellen Krise.