Woldenberg (Neumark)   —  Dies & Das – Teil 4 khd
Stand:  4.3.2010   (76. Ed.)  –  File: Heimat/W/Ex/Woldenberg_Dies&Das_04.html



Woldenberg Diese Seite ist Teil eines Woldenberg-Reports. Woldenberg – heute das polnische Dobiegniew – war bis 1945 eine kleine Stadt in der Neumark (Nm), dem damals östlichsten Teil der Mark Brandenburg. Zwar wurde zum 1. Oktober 1938 der Landkreis Friedeberg/Nm mit Woldenberg der Provinz Pommern (Pm) zugeschlagen, dennoch fühlten sich die Einwohner weiterhin als Neumärker. Seit 1945 gehört Woldenberg/Pm zu Polen. [Geschichte Woldenbergs]

   
  W o l d e n b e r g
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freien Enzyklopädie.
 
Auf den „Dies & Das“-Seiten sind kleine Geschichten und Fakten aus der Geschichte der Kleinstadt Woldenberg sowie der Neumark dokumentiert. Sie stammen aus verschiedenen Quellen, die jeweils angegeben sind. [Translation-Service]

I n d e x :


Woldenberg — 600 Jahre Kirche im Jahr 1935


600 Jahre Geschichte 1 2

Von einem Kirchen-Chronisten „pl“, Woldenberg  3

Aus: Woldenberger Ostmärkische Zeitung – Nr. 149/1935, 29. Juni 1935, Seite 1 + 2 (Extrabeilage). Abbildungen, Anmerkungen in [...] bzw. [Ed:...], Zwischentitel und Links wurden hier nachträglich zum besseren Verständnis redaktionell hinzugefügt.


      600 Jahre! Eine lange Frist für uns Menschen. Geschlechter kommen, Geschlechter vergehen. Siedlungen werden gegründet, verfallen und erstehen wieder, Kriegszüge wallen hin und her. Das Grenzland blutet aus tausend Wunden und erringt in harter Arbeit erneute Blüte. — Ein immer während Werden und Vergehen.

Unsummen von Geschehen

      Unverrückt fest und unverändert aber bleiben Ewigkeitswerte. Der Psalmist sagt es: Tausend Jahre sind vor Dir wie ein Tag! Und eine kurze Spanne Zeit sind also diese 600 Jahre vor dem Höchsten. 600 Jahre Kirche zu Woldenberg — ein Baustein in der großen Kirche Gottes — ein lebendiger Quell des Segens für die Glieder der Gemeinde, für die ganze Umgebung. Wieviel Gläubige werden in ihr gekniet haben. Wieviel Kindlein mögen auf den Namen des Höchsten getauft sein, wieviel Hände sich hier für ewig gebunden — und wie oft mögen die Glocken hoch im Turm einen müden Erdenwanderer heim geleitet haben zur ewigen Heimat. — Welche Unsumme von Geschehen, von Glück und Segen in diesem Begriff: 600jähriges Kirchen-Jubiläum!

      600 Jahre lebendige Kirche in Woldenberg. Da ist es wohl angebracht, diesen seltenen Gedenktag festlich zu begehen und im freudigen Dankgebet die Hände zu falten. Ganz von selbst aber drängt sich auch der Wunsch auf, einen kurzen Blick rückwärts zu werfen und das Erleben der Kirche, soweit es bekannt ist, an dem inneren Auge vorrüber ziehen zu lassen.

Woldenbergs Anfänge

      Spärlich sind die Nachrichten über die Vor- und Frühgeschichte der Stadt Woldenberg. Wir wissen, daß dort, wo das Fließ den großen See verläßt, bevor eine deutsche Stadt gegründet wurde, eine slavische Siedlung bestand, vielleicht ein Edelsitz, vielleicht ein Flecken. 1250 erscheint die Herrschaft Dubegneve, unser heutiges Woldenberg, in einer Kirchenstiftung. Um diese Zeit setzte die Kolonisation unseres Gebietes durch deutsche Bauern und Handwerker ein und in diesen Jahren wird auch die germanische Besiedlung Dubegneves begonnen haben.

      Endlich 1303 erscheint unser Ort erstmalig in einer brandenburgischen Urkunde, wenn auch noch unter dem alten slavischen Namen und die Annahme geht kaum fehl, daß Waldemar 1298 dem Ort das brandenburgische Städterecht gab. 1333 erscheint der deutsche Name Waldinborg. Mit Neid fast muß man hier der Orte West- und Mitteldeutschlands gedenken, von denen alte Urkunden viel zahlreicher berichten und wo selbst Dörfer mit einer tausendjährigen Geschichte keine Seltenheit sind.

      Woldenberg -- Alte Oberpfarre
^   Die alte Oberpfarre am Markt- platz Ecke Richtstraße. Sie mußte der neuen Sparkasse weichen. Linolschnitt von Heinz Wohlfeil.   (Repro: 2007 – khd)

Die erste Kirche

      In ähnliches Dunkel ist die Gründung der Woldenberger Kirche gehüllt. Es ist als gewiß anzunehmen, daß der „Apostel der Pommern“, der heiliggesprochene Bischof Otto von Bamberg [1060–1139] auf seinen Pommern-Missionsreisen, die er auf Grund eines pommersch-polnischen Vertrages 1124-25 und 1128 unternahm, auch in unserer Gegend (den Paß von Hochzeit passierte er) den ersten Samen christlicher Religion und Weltanschauung ausstreute und die ersten Taufen vornahm, während die eigentliche Christianisierung erst 100 bis 150 Jahre später durch die deutschen Einwanderer durchgeführt wurde.

      Völlig unbekannt ist, wann unsere Ansiedlung die erste Kirche erhielt. In einer Urkunde vom 24. Juni 1335 wird schließlich zum ersten Male die Pfarrkirche Woldenberg erwähnt. Der Markgraf Ludwig der Aeltere übergab durch diese Urkunde das Patronatsrecht über die Kirche der Stadt, zugleich mit dem der Kirche Friedebergs und anderer Städte, dem Domstift Soldin. Diese Urkunde ist, wie erwähnt, das erste, was wir über unsere Kirche und ihre Gemeinde wissen und aus diesem Grunde datieren wir ihr Bestehen von diesem Tage und feiern heute ihr 600jähriges Bestehen.

      Wie mag nun diese erste Woldenberger Kirche ausgesehen haben? Davon spricht keine erhaltene Urkunde und selbst für Vermutungen bietet sich kein Anhalt. Wir wissen auch nicht, wo dieses sicher schlichte Gotteshaus gestanden hat, obwohl zu vermuten steht, daß ihr Platz da war [am Marktplatz], wo noch heute das Wort Gottes verkündet wird. Auch einen besonderen Namen hatte sie nicht. Im ganzen Mittelalter wird sie meistens kurz als Kirche bezeichnet, wenn sich auch die Bezeichnungen Pfarrkirche, Hauptkirche finden. Die Kirche wird, wie der Großteil der deutschen Kirchen, der Maria geweiht gewesen sein [Ed: denn zeitlich sind wir ja noch vor der Reformation (ab 1517)].

Eine Basilika wird gebaut

      Eine Urkunde von 1336 berichtet von einer Altarstiftung zu Ehren der Jungfrau Maria, welche von einem Edlen Dietrich von Born [Ed-2009: vermutlich ein reicher Kaufmann, der später um 1924 sogar auf der 50-Mark-Reichsbanknote (nach einem Gemälde von H. Holbein) abgebildet wurde] und zwei weiteren Woldenberger Bürgern erfolgt. Sonst aber hören wir aus diesem und dem folgenden Jahrhundert [14. und 15. Jahrhundert] nichts mehr von unserem Gotteshaus und seiner Gemeinde.

      Und doch muß in diesen Jahren der Bau der Kirche, wie sie im wesentlichen noch heute besteht, vor sich gegangen sein. Anzunehmen ist, daß sie nicht mit einem Male errichtet, sondern an die zuerst erbaute sog. kleine Kirche (Ostteil) das andere nach und nach angebaut ist. Die Kirche war wahrscheinlich ursprünglich eine dreischiffige Basilika mit ungleich hohen Seitenschiffen und höherem Mittelschiff als heute. Ungewiß jedoch ist, ob der Bau in dieser Form vollendet werden konnte.

      So mancher Sturm ist in dieser Zeit über Woldenberg hinweggebraust. Namenloses Elend brachte vor allem der Hussiteneinfall 1443, bei dem die Stadt vollkommen geplündert, die Männer erschlagen, die Frauen und Kinder mißhandelt, und der Ort, dessen Häuser wohl gänzlich aus Holz gebaut waren, angezündet wurde. Sicher ist bei diesem Überfall auch der Kirche schwerer Schaden zugefügt worden.

      Wenig ist darüber bekannt, in welcher Weise in diesen alten Zeiten die Kirche verwaltet und die Seelsorge durchgeführt wurde. Jedenfalls waren an ihr zu gleicher Zeit mehrere Weltgeistliche tätig, die wahrscheinlich zugleich die zahlreichen Stiftungen (Vikarien), deren erste vorhin erwähnt wurde, verwalteten.

      Woldenberg -- Stadtkirche mit Marktplatz
^   Woldenbergs Stadtkirche mit Marktplatz etwa um 1920. Diese endgültige Form der Kirche wurde erst nach 1850 geschaffen. Insbesondere wurde dieser markante Kirchtrurm bis zum 24. Mai 1857 gebaut.   (Repro: 2006 – khd)

Die Reformationszeit

      Auch aus der Reformationszeit und in welcher Weise in Woldenberg die lutherische Lehre anstelle der katholischen gesetzt wurde, fehlen nähere Angaben. Im Jahr 1539, unter der Regierung des Markgrafen Hans von Küstrin [1513–1571], wurde die Reformation in der Neumark völlig durchgeführt und 1542 wird als evang. Pfarrer Woldenbergs Johann Schumekettel (Schaumkessel) erwähnt. 1543 wurde das Soldiner Domstift säkularisiert und damit ging das Patronat der Stadtkirche, dessen Übertragung 208 Jahre früher wir die erste Nachricht von Woldenbergs Kirche verdanken, auf den Landsherren über. Heute ist die Regierung Patron der 1. Pfarrstelle.

      Im Lauf des Mittelalters verursachten, wie schon erwähnt, große Brände erheblichen Schaden an der Kirche. So vernichtete der große Stadtbrand im Jahr 1618 Kirche, Turm und Pfarrhaus. Die Wiederherstellungsarbeiten wurden durch die Nöte des 30jährigen Krieges [1618–1648], der auch die Mark nicht verschonte, verzögert und durch den erneuten Brand 1641 vollkommen hinfällig. 1652 waren Kirche, Turm und Glocken wieder errichtet, die Höhe des alten Turmes wurde jedoch nicht wieder erreicht. Durch den Eifer der Bürger war die innere Ausgestaltung schneller vorwärts geschritten und nach zeitgenössischen Beschreibungen muß die Kirche eine reiche und freundliche Ausschmückung erhalten haben. Der letzte große Stadtbrand 1710 hatte dem Kirchengebäude weniger Schaden getan.

Der große Umbau im 19. Jahrhundert

      Das nächste Jahrhundert brachte wenig bauliche Veränderung an der Kirche. In neuerer Zeit, 1852-54 wurde das Gebäude so umgebaut, wie wir es heute noch sehen. Die flache Balkendecke des Langschiffes, die bis dahin vorhanden war, wurde durch ein hölzernes Gewölbe ersetzt und dadurch dem Innenraum ein stattliches Aussehen verliehen. Ein Vorbau, der an der Marktseite gestanden hatte, wurde niedergelegt.

      Bereits 1839 hatte man den Turm bis auf das eigentlich massive Mauerwerk abgerissen, da derselbe, er hatte ein Dach wie die Kirche mit Ziegeln gedeckt, baufällig geworden war. In diesem alten Turme war noch die Glöcknerwohnung eingerichtet gewesen. Der Glöckner wohnte hier, der zu den vorgeschriebenen Zeiten die Glocken läuten und [vom Turm] nach Feuer usw. Rundschau halten mußte. Für die Glocken blieb ein Sockel stehen.

Ein neuer Kirchturm muß her

      Jahrelang bemühte sich Stadt und Gemeinde um einen Neubau des Turmes. Nach vielem hin und her, insbesondere über die Kosten, die mit 10.670 Talern berechnet waren, wovon der Staat als Patron 5.390 Taler und Woldenberg den Rest tragen sollte, wurde endlich 1854 mit dem Bau begonnen. Ob der kunstliebende König Friedrich Wilhelm IV., den man auch sonst für den Bau interessiert hatte, selbst am 23. Juni 1854, also vor genau 81 Jahren, die Grundsteinlegung vorgenommen hat, scheint nicht ganz geklärt. Am 24. Mai 1857 war der Turm zu seiner heutigen Höhe fertiggestellt. Der Woldenberger Maurermeister Bosold hat den Bau ausgeführt und zirka 600.000 Mauersteine in ihm vermauert.

      So war das Kirchengebäude fertiggestellt, so, wie es heute unseren Augen erscheint. Insbesondere bildet der Turm mit seinen vier Finalen [Türmchen], obwohl er den Eindruck des nicht ganz fertiggestellten erweckt, in seiner trotzdem markanten und wuchtigen Form das von allen Seiten weithin sichtbare Wahrzeichen der Stadt, jedem ihrer getreuen Kinder fest in das Herz geschrieben.

    Woldenberg -- Glocken-Opfer im 1. Weltkrieg
^   Die Glocken der Woldenberger Marienkirche stehen 1917 geschmückt zum Abtransport bereit. Auch Woldenberg opferte im 1. Weltkrieg (1914–1918) seine Glocken. Sie wurden eingeschmolzen, um daraus todbringende Waffen zu machen. Daß die Ev. Kirche das zuließ, verwundert noch heute (2007) sehr. Aber dieser sinnlose Krieg hatte dann böse Folgen.   (Repro: 2006 – khd)

Von der Seelsorge

      Weniger läßt sich von der allgemeinen Tätigkeit der Pfarrer, von der Seelsorge selbst berichten. Bald hatte es sich eingebürgert, daß zwei Geistliche im Amt waren, der Oberpfarrer und ein Diakonus. Ersterer wurde von dem Konsistorium in Küstrin ernannt, letzterer vom Rat [der Stadt] erwählt.

      Bei dieser Wahl gab es des öfteren Schwierigkeiten durch die eingebürgte Sitte, daß der neue Pfarrer ledig sein mußte, weil er die Tochter oder Witwe seines Vorgängers heiraten sollte, damit diese versorgt seien. Kantor und Organist waren zeitweise gemeinsam, zeitweise einzeln im Kirchendienst tätig [Ed: Eine Liste der Kantoren und Organisten ist nicht überliefert].

Die Kirchhöfe

      Noch ein Wort über die Woldenberger Friedhöfe, denn Kirche und Gottesacker gehören zusammen, wie auch der Name Kirchhof besagt. Bis Ende des 18. Jahrhunderts war der Friedhof rings um die Kirche gelegen. Er war sogar zeitweise mit einer Mauer umgeben, deren Reste erst um 1885 fielen. Mitglieder reicher und vornehmer Familien wurden des öfteren auch direkt in der Kirche beigesetzt.

      Gegen 1790 wurde ein Friedhof hinter [südlich] dem Rittergut angelegt, am heutigen Friedhofsweg [später Scharnhorst Straße|. Einzelne Grabstätten erinnern hier noch an die alte Bestimmung. Jetzt wird dort der Neubau des Wehrbezirkskommandos errichtet werden. Mit der Zeit wurde der Friedhof, immer mehr nach Südosten verlegt. Das Gelände dort wurde früher mit „Rosengarten“ bezeichnet. (Die „Rosengasse“ führte dort hin und trägt daher ihren Namen). Für uns aber ist es gewiß ein schöner Gedanke, daß unsere Toten in einem Rosengarten ruhen.

Woldenberg eine reiche Stadt

      Dann erlebte die Kirche die Gründung des deutschen Kaiserreiches [1871]. Wie werden auch ihre Glocken die deutsche Einheit bejubelt haben. Jahre wirtschaftlichen Aufschwungs folgten. Woldenberg war eine reiche Stadt. [Ed-2009: Und vermutlich waren die gut 40 Jahre bis zum 1. Weltkrieg die schönste Zeit, die Woldenberg und seine Bürger je erlebten. Die Landwirtschaft blühte auf. Mit den hervorragenden bäuerlichen Produkten aus der Neumark ließ sich beispielsweise in Berlin ein ordentliches Stück Geld verdienen. Noch heute schwärmen beispielsweise alte Woldenberger von dem einmaligen Wohlgeschmack der Kartoffeln, die dort auf den ertragreichen Feldern wuchsen].

Der Weltkrieg

Der Weltkrieg rieß das deutsche Volk in flammender Begeisterung empor. Und wieder feierten die Glocken so manchen Sieg. Auch der Prediger Luchterhand rückte als Feldgeistlicher hinaus in das Feld der Ehre. Dann zwang die Not und der Mangel an Metallen dazu, die Kirchenglocken einzuschmelzen, damit sie ihre eherne Stimme nicht mehr zu friedlichem Geläut, sondern als krachende Geschützrohre ertönen ließen [Ed: hm, eine für diese Zeit wohl zutreffende Beschreibung, aber hätte man sich schon damals an die wegweisenden Bibelwort von den „Schwertern zu Pflugscharen“ gehalten, wäre Deutschland (und Woldenberg) sehr viel erspart geblieben].

      Nach letztem gemeinsamen Geläut wurden die beiden großen Glocken, die allerdings erst 1876 beschafft worden waren, und deren eine 1340 kg, die andere 658 kg wog, im Oktober 1917 vom Bahnhof abtransportiert. Wie in den meisten Kirchen rief nunmehr, als sprechendes Sinnbild der allgemeinen Not, nur noch eine Glocke zu Gebet und Gottesdienst, zu Hochzeit, Taufe und Begräbnis. Auch die großen zinnernen Orgelpfeifen der Kirche im Gewichte von etwa 300 kg gingen den gleichen Weg.

    Woldenberg -- Neue Glocken um 1920
^   Woldenberg nach dem 1. Weltkrieg – Die neu gegossenen Glocken für die Marienkirche sind eingetroffen und sollen im Glockenstuhl des markanten Kirchturms aufgehängt werden. Für einige Jahre hatte Woldenberg aufs mehrstimmige Geläut verzichten müssen, da die alten Glocken im 1. Weltkrieg abgenommen worden waren, um daraus „kriegswichtige Waffen“ zu bauen.

Diese neuen Glocken hängen noch heute im Glockenstuhl der Kirche in Dobiegniew. Sie wurden einst im Ruhrgebiet beim Bochumer Verein gegossen. Und es sind auch die Glocken, die gegen Ende des 2. Weltkriegs am 26. Januar 1945 um 24 Uhr den Woldenbergern das Signal zur Flucht vor der Roten Armee gaben.

Da die Personen auf diesem Foto nicht zu erkennen sind, wurden vom vorhandenen Original-Papierfoto 2 Ausschnittsvergrößerungen angefertigt und diese auf der Galerie-Seite 13 plaziert.   (Repro: 2008 – khd)

Neue Glocken kommen...

      Nach dem Kriege (1920?) wurde dann ein neues Geläute, das wiederum aus drei Glocken besteht, [aus preiswerterem Gußstahl vom Bochumer Verein (BVG)] beschafft, während die [alte] kleine Glocke an die Kirchengemeinde Plagow im Arnswalder Kreis verkauft wurde.

      Ein merkwürdiges Geschick hatten die alten von der Kirchenwölbung herabhängenden Kronleuchter, die einstmals von den Innungen und Zünften der Kirche gestiftet waren. Nach dem Weltkrieg (in der Inflation) sollten dieselben verkauft werden. Otto Röhl, als Vorsitzenden des Verschönerungsvereins, gelang es, diesen Kauf rückgängig zu machen, indem er sich mit den Innungsmeistern in Verbindung setzte, die dann Einspruch erhoben. Am Weihnachtsabend 1929 erstrahlte dann die Kirche wieder in der alt-ehrwürdigen Beleuchtung durch diese Leuchter, zur Freude aller Kirchenbesucher.

...und ein Superintendent

      1916 wurde in Woldenberg eine Superintendentur eingerichtet, der Teile der Kirchenkreise Friedeberg und Arnswalde zugeführt wurden. Zum ersten Superintendenten wurde der Oberpfarrer Winkelmann ernannt, nach dessen Tode der jetzige Probst Grell 1928 in das Amt eingeführt. Seit 1934 wird die Superintendentur kommissarisch vom Superintendenten in Friedeberg mitverwaltet.

Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts bahnt sich an

      Nach der Zeit schwersten wirtschaftlichen und geistigen Niederganges, in der vor allem die Kirche Christi in schwerster Gefahr war, (man denke an die herrliche „Freiheit“ Sowjetrußlands) erlebte nun die Kirche den [Ed: vermeintlich] herrlichen Aufschwung des neuen, dritten Reiches am Ende ihres 6. Jahrhunderts.

      Als lebendiger Teil der Gemeinde Woldenberg, des deutschen Volkes, jubelt auch sie unserem Führer zu und schreitet mit großer Hoffnung hinein in ihr neues, ihr 7. Jahrhundert. [Editor-2005: Aber schon nur 115 Monate später – am 26. Januar 1945 – mußte die Woldenberger Kirche mit ihrem Geläut alle Woldenberger für immer verabschieden. Dieser – auch von der Kirche – so hochgelobte „Führer“ hatte einen unsinnigen Weltkrieg angezettelt und sich als der große Ver-Führer herausgestellt, der die Menschen mit seinem Macht- und Rassenwahn ins Verderben geführt hat].



      Wir stehen am Ende unseres Artikels, der keine erschöpfende wissenschaftliche Abhandlung des Themas „Kirche in Woldenberg“ sein soll, sondern nur einen Überblick über ihr Entstehen, ihr Ergehen in der Zeit ihres Bestehens bringen sollte. Für Einzelheiten, die
Reihe der Prediger zum Beispiel, war darum kein Raum hier.

      Wir schließen mit dem Wunsche, daß die Kirche auch in ihrem neuen Jahrhundert weiter ein Hort christlichen und deutschen Lebens sein möge, ein lebendiges Glied im eigen Werden unseres Volkes und an ihrer nächsten Jahrhundertwende auf ein weiteres gesegnetes Säkulum fleißiger Arbeit im Weinberg des Herrn und christlich-deutschen Schaffens im nationalsozialistischem Geiste zurückschauen kann. — pl


Ein Nachwort


Von KARL-HEINZ DITTBERNER

BERLIN — 24. Mai 2009 (khd). Wir wissen heute, wohin dieser beschworene „nationalsozialistische Geist“ von 1935 bis 1945 uns hingeführt hat. Es wäre vielleicht besser gewesen, wenn gerade die Kirche damals deutlicher einen christlich- humanistischen Geist vertreten hätte – aber es regierten die Anti-Menschen und diese „Deutschen Christen“ (DC) sahen im „Führer“ einen neuen Messias. . .

      Es sollte nach dem brutalen 2. Weltkrieg noch gut 1/2 Jahrhundert dauern, bis wir Menschen in einem (fast) geeinten Europa ohne Grenzen endlich friedlich zusammenleben können – auch wenn das alles noch nicht so ganz richtig demokratisch zugeht (Stichworte: Volksabstimmungen, EU-Parlament, EU-Kommissare). Die Zeit einer nachhaltigen Aussöhnung mit den Völkern Ost-Europas konnte beginnen. Und was mit Frankreich nach 1945 in den ersten 30 Jahren so vorzüglich gelang, sollte nun auch mit Polen gelingen.

      Heute in einem 1/4 Jahrhundert + 1 Jahr + 1 Monat — am Sonntag, den 24. Juni 2035 jährt sich zum 700. Male die Ersterwähnung der Kirche zu Woldenberg. Möge dieser Tag in Dobiegniew festlich von Polen und Deutschen mit einem gemeinsamen ökumenischen Gottesdienst in der alten Woldenberger Kirche aus dem 15. Jahrhundert begangen werden.

      Menschen, die das alte Woldenberg noch aus eigenem Erleben kennen, werden dann zwar schon ausgestorben sein. Aber sicher wird es noch reichlich Nachfahren geben, die sich der kleinen Stadt ihrer Eltern und Großeltern in der früheren Neumark verbunden fühlen und kommen werden.


1)  Am 29. und 30. Juni 1935 beging Woldenberg das 600-jährige Jubiläum der Stadtkirche – nicht des markanten Kirchenbaus der Woldenberger Marienkirche, der erst später entstand. In einer Urkunde von 1335 wurde erstmals eine Woldenberger Stadtkirche erwähnt. Dieser Anlaß wurde 1935 festlich begangen. Die Lokalzeitung hatte ihrer Ausgabe vom 29. Juni 1935 eine Extraseite beigelegt, die noch vorhanden ist. Darin ist dieser interessante Text und ein wunderschönes Gedicht „Unsere Kirche“ von Dr. Martin Schenk sowie verschiedene Grußworte von Würdenträgern enthalten.

Da der Zeitungsdruck bereits sehr stark vergilbt ist und in Fraktur-Schrift erfolgte, ist ein Scannen mit OCR-Transkription nicht möglich, so daß auf das manuelle Übertragen – sprich Abtippen – zurückgegriffen werden muß. Daher wird es einige Zeit dauern, bis dieser Aufsatz hier komplett sein wird. Nun ist er mit der 41. Ed. vom 26.5.2009 endlich fertig.

2)  1935 befinden wir uns mitten in der Nazizeit, und weil das von den Herrschenden erwartet wurde, kamen damals auch in kirchlichen Verlautbarungen schon ‚Lobpreisungen‘ des vermeintlichen ‚Führers‘ sowie der nationalsozialistischen Ideologie vor. Wir werden das im letzten Teil dieser Dokumentation sehen.

3)  Es ist derzeit (2007) unklar, wer sich hinter diesem Namenskürzel „pl“ (PL) verbirgt. Zu keinem der damaligen Pfarrer paßt dieses Kürzel. Es könnte aber auch ein Lehrer geschrieben haben. Vielleicht gibt es ja Leser, die weiterhelfen können.

Im Herbst 2009 wies dann ein Leser daraufhin, daß es sich beim „pl“ um das Kürzel von „Probst Grell“ handeln könnte. Er hätte dann neben dem Grußwort auch diesen historischen Abriß der Woldenberger Kirchengeschichte geschrieben. Zwar spricht dafür einiges, u. a. die Formulierungen im Schlußteil, aber Grell war es wohl nicht, denn unter einem anderen Artikel zur Woldenberger Stadtsparkasse steht auch das Kürzel „pl“ (Woldenberger Ostmärkische Zeitung, 25.4.1936).

4)  Es gab damals unter den Geistlichen aber auch total überzeugte Nazis. Dazu gehörte auch der für Woldenberg zuständige Probst Johannes Grell (1875–1947) aus Schneidemühl, ein „Mann im Braunhemd mit militärischer Haltung und Kommandostimme“, wie ihn einmal ein Augenzeuge beschrieb. Sein Grußwort zum Kirchen-Jubiläum in der „Woldenberger Ostmärkische Zeitung“ vom 29. Juni 1935 strotzt nur so von konfusem, nationalsozialistischem Gedankengut („... da ein starkes Deutschbewußtsein durch die gottgesandte Bewegung des Nationalsozialismus nach den elenden Tagen eines volksfremden, internationalen Marxismus wieder erwachte ...“).

Probst Grell, der am 30. Juni 1935 anläßlich des Kirchen-Jubiläums auf Woldenbergs altem Schützenplatz eine üble Rede hielt, gehörte später zu den Mitarbeitern und Unterstützern des berüchtigten „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“, das ab 1938 die „Entjudung der Kirchen“ betrieb. Von diesen geistig kranken Leuten wurde dann sogar das „Neue Testament“ umgeschrieben – auf NS-Linie getrimmt. Es ist nicht bekannt, was aus diesem Ex-Probst der Grenzmark Posen-Westpreußen nach 1945 geworden ist, ob er überhaupt noch entnazifiziert werden konnte.

Auch die Evangelische Kirche tat sich sehr schwer mit der Aufarbeitung ihres Wirkens zur NS-Zeit. Es ist schon bezeichnend, daß dieser Grell-Kontext erst 2009 durch eine sorgfältige Internet-Recherche geklärt werden konnte. Übrigens, dabei geht der Dank auch an Google-Books. Mit klassischen Archiv-Methoden wären die belegenden Buchseiten nie gefunden worden – nur das Volltext-Suchen in Büchern machte es möglich!


Woldenberg — Ein Gedicht zum 600jährigen Kirchen-Jubiläum


                  Unsere Kirche
      V on deinen Mauern blickt die Zeit,
Viel hundert Jahre ernst herab.
Und Menschenfreude, Menschenleid,
Sank dir zu Füßen in das Grab.

D u sahst der Bürger stillen Fleiß,
Sahst Feuersbrunst und Kriegsgefahr;
Der Jüngling kam, es ging der Greis,
Und Frühling wurd’ es Jahr um Jahr.

U nd was das Menschenherz bedrängt,
Das nahmst du auf in deine Hut.
Der oben unser Schicksal lenkt,
Der kennt auch dich, mein Kirchlein, gut.

M anch einer zog von Hause aus,
Und kehrte er als Greis zurück,
Dann war dein Turm, dein hohes Haus,
Für ihn ein wundersames Glück.

D enn dich trug er im Herzen mit,
Dich sah er oft in seinem Traum;
Da ward im schneller jeder Schritt,
Sah er den Turm am Himmelssaum. —

D ich hat ein unsichtbares Band,
Mit unsern Herzen fest vereint.
Wer niemals bei dir Freude fand,
Der hat auch nie bei dir geweint.

U nd sieht die Weisheit vieler Jahr,
Auf unser Kommen, unser Gehn —
Auf das, was uns heut wichtig war,
Wirst du nach hundert Jahren sehn!

     
      Dr. M. Schenk — 1935
     

Woldenberg — Das Kriegsgefangenenlager


      Am 1. September 1939 überfiel Hitler-Deutschland Polen. Damit begann bekanntlich der 2. Weltkrieg, der bis zum 8. Mai 1945 dauern sollte und so unendlich viel Leid über Europa und die Welt brachte. Bald darauf wurden vielerorts Kriegsgefangenenlager gebaut. So auch in Woldenberg. Auf dem ehemaligen Exerzierplatz in der Nähe des Geheges auf der Rohrsdorfer Seite der Friedeberger Chaussee entstand in den folgenden Jahren auf einer Fläche von etwa 25 Hektar ein sehr großes Lager – das OfLag II C. Es soll am 21. Mai 1940 eröffnet worden sein.

      Die ersten Gefangenen sollen aus Braunschweig vom OfLag XI B nach Woldenberg verlegt worden sein. Dann füllte sich das Lager mit Fortschreiten des Baues sehr schnell. Die größte Belegung soll bei um 7600 Gefangenen (POW = Prisoner Of War) gelegen haben. Die meisten POWs waren polnische Offiziere. Die Rede ist von etwa 6000 Offizieren, 1000 Unteroffizieren und Mannschaften. Sie lebten in etwa 50 Wohnbaracken aus Steinen. Außerdem gab es dort noch Verwaltungs- und Wirtschaftsgebäude. Von den Gebäuden ist noch heute (2008) vieles vorhanden, und es gibt eine Museum. [Fotos von 2005]

      Vieles über das Leben und Leiden im Lager ist in Deutschland bislang nicht bekannt. Es mag zwar vielleicht Bücher geben, wo etwas darüber drinsteht. Aber solche müssen erst gefunden werden, was jedenfallss in den letzten Jahren mit Internet-Mitteln nicht gelang. Und auf der Homepage von Dobiegniew, dem früheren Woldenberg, gibt es eine Seite mit der Geschichte des Lagers aus dem Weltkrieg. Sie ist aber in Polnisch und nicht in Englisch verfaßt, was natürlich für eine internationale Weitergabe von Wissen nicht sehr geschickt ist. Und deutsche Medien interessierten sich auch nicht recht für das, was in diesem doch sehr großen Kriegsgefangenenlager vor 1945 und 1945 geschah. [Infoblatt des OfLag-Museums]

Woldenberg -- POWs im OfLag II C
^   Tausende POWs beim Appell im Kriegsgefangenen-Lager „OfLag II C“ am Gehege, in dem bis 1945 vor allen polnische Offiziere eingesperrt waren. Dieses große POW-Lager befand sich auf der Rohrsdorfer Seite der Friedeberger Chaussee, schräg gegenüber vom Wehrmachts-Standort (Barackenlager). *   [Fotos von 2005]   (Foto: um 1944 – Swiat Polonii)

Ein Fernsehbericht erinnert

      Erst im Vorfeld des 70. Wiederkehr des deutschen
Überfalls auf Polen fuhr ein Fernseh-Team des Rundfunks Berlin Brandenburg (RBB) ins Ex-Ostbrandenburgische nach Dobiegniew, um sich dort vor Ort schlau zu machen und Bilder einzufangen. Zur bereits am 11. Januar 2009 erfolgten Sendung gibt der RBB die folgende Information:

Fast vergessen und doch gegenwärtig

Ein TV-Bericht über das Offiziers-Gefangenenlager bei Woldenberg

Gefunden in: RBB-Online, Berlin, 11. Januar 2009, 18.03 Uhr MEZ (Theodor) von MATTHIAS DAUTZ und ANJA LUDEWIG. [Original]

Video       Als Deutschland vor 70 Jahren Polen überfiel, wurden polnische Offiziere in ein spezielles Gefangenenlager in der Neumark gesperrt. „Theodor“ war als erstes Fernseh-Team im heutigen Museum in Dobiegniew zu Gast.

      1936 war der junge Pole Jan Mickunas gefeierter Turnierreiter bei den Olympischen Spielen in Berlin. Drei Jahre später wurde er als Offizier der Polnischen Armee gefangen genommen. Mit 6.000 anderen Offizieren kam er in ein Lager in der damaligen Neumark.

      Obwohl die Wehrmacht der Welt vorgaukeln wollte, die Gefangenen entsprechend der Genfer Konvention zu behandeln, war der Lageralltag geprägt von Repressalien, Demütigungen und Erschießungen wegen kleinster Vergehen. Der heute 60-jährige Sohn des früheren Olympioniken berichtet von den Erlebnissen seines Vaters, der einen Fluchtversuch wagte.

      Der einzige Kontakt zur Außenwelt wurde über einen selbst gebastelten Rundfunkempfänger hergestellt. Wichtige Nachrichten, wie die verlorene Schlacht von Stalingrad [Anfang 1943], wurden über ein konspiratives System weiter gegeben und nährten die Hoffnung auf eine baldige Befreiung.


Aus einem polnischen Bericht

      Anfang 2010 wurde bei einer erneuten Recherche der folgende Text im Internet gefunden. Er stammt von der Seite „
Das Schicksal der Warschauer Aufständischen in deutschen Gefangenlagern“ der „SPPW 1944“ (Stowarzyszenie Pamiegci Powstania Warszawskiego 1944). Da die deutsche Übersetzung aus dem Polnischen etwas holprig ausgefallen war, wurde diese hier etwas aufpoliert:

      Die aufständischen Offizier [des Warschauer Aufstands von 1944] gerieten aus dem Durchgangslager in das OfLag II C Woldenberg in Pommern und in das OfLag VII A Murnau bei München in Bayern.

      Das für polnische Offiziere und ihrer Ordonanzen bestimmte Lager in Woldenberg war etwa 1 Kilometer von der Stadt (heute: Dobiegniew) gelegen und hatte eine Fläche von 25 Hektar. Sein Bau erfolgte um die Jahreswende 1939/1940 und wurde definitiv in der zweiter Hälfte des Jahres 1941 abgeschlossen. Das Lager wurde von etwa 500 Soldaten, die trotz des harten Winters in Holzbaracken und Zelten untergebracht wurden, gebaut. Es enstanden insgesamt 25 gemauerte Wohnbaracken, die für Quartiere der Gefangenen bestimmt waren. Die Quartiere waren in 2 Teile geteilt, d. h. in einen Schlafbereich und einen primitiven Waschraum.

      In 6 Gebäuden waren Hörsäle, Werkstätten, der Sitz der polnischen Verwaltung usw. untergebracht. Außerdem enstanden 2 Küchen und Gebäude für die Kantine, ein Theatersaal, ein Café, Vortragssäle und ein Heilpflanzeraum [?]. Auf dem Gebiet des Lagers befand sich auch eine Krankenstation, Reparaturwerkstätten verschiedener Art, eine Badeanstalt sowie ein Gefängnis. In einem abgetrennten Teil des Lagers waren die Gebäude der Kommandatur des Lagers.

      Das ganze Lager war mit doppeltem, 2 Meter breiten und 2,5 Meter hohen Stacheldrahtzaun umgeben. Um das Lager herum waren 8 Wachtürme mit Maschinengewehren, beweglichen Scheinwerfern und Telefonapparaten aufgestellt. Die einzelne Teile des Lagers waren durch Stacheldrahtzäune abgegrenzt.

      Organisatorisch teile sich das OfLag II C Woldenberg in zwei Teile: Lager Ost und Lager West. Jedes von ihnen teilte sich in 3 Bataillone (jedes zählte etwa 1.000 Gefangene), die sich in Kompanien unterteilte (2 Kompanien pro Baracke).

      Der höchste Personenstand in der Geschichte des Lagers waren 6.740 Gefangene, davon 5.944 Offiziere und 796 niedrigere Dienstsgrade. Nach der Kapitulation des Warschauer Aufstands im Jahre 1944 befanden sich hier auch die aufständischen Offiziere der [polnischen] Heimatarmee.

      Angesichts dessen, dass sich die [russische] Front näherte, begannen die Deutschen die Evakuierung des Lagers. Am 25. Januar 1945 wurden die Gefangenen aus dem Lager West, dann aus dem Lager Ost, evakuiert. Die zweite Gruppe wurde von der sowjetischen Armee in Dziedzice-Bauernhof, etwa bei Barlinek [Berlinchen] befreit.

      OfLag II C Woldenberg gehörte zur Kategorie der Mustergefangenenlager, wo es nicht zu groben Verstößen gegen die Genfer Konvention kam.


Polnische Offiziere wurden besoldet

      Zwar hatte Deutschland die
Genfer Konventionen für Kriegsgefangene unterzeichnet, hielt sich aber nur bedingt an diese Regeln. Bei Wikipedia heißt es: Diese Vorschriften besagen unter anderem, daß „an die gefangenen Offiziere in gleicher Höhe Sold zu zahlen ist, wie an die gleichrangigen Offiziere des Gewahrsamsstaates.“

      Die in Woldenberg gefangenen Unteroffiziere und Mannschaften mußten arbeiten, während die Offiziere von der Arbeit verschont wurden. Sie mußten sich aber dafür aus dem erhaltenen Sold (etwa 400 RM, ausgezahlt als Lagermark) selber verpflegen. Im OfLag II C Woldenberg waren Unteroffiziere und Mannschaften zur Bedienung der Offiziere eingeteilt worden, wofür die Offiziere einen Teil ihres ‚Solds‘ abgeben mußten.

Offiziere konnten sich weiterbilden

      In den Akten des Internationalen Roten Kreuzes (IKRK, Genf) heißt es aufgrund von Berichten polnischer Gewährsleute über das Offizierslager II C Woldenberg: „(...) besaß eine Bibliothek, die sich von 10.000 auf 23.000 Bände erweiterte. Eine gut organisierte Universität mit 6 Vorlesungssälen und einem Raum für wissenschaftliche Arbeiten ermöglichte einen vielseitigen Unterricht und Kurse für Fremdsprachen.“

Kinder mußten Feldjäger ‚spielen‘

      Immer wieder gelang es Gefangenen, aus dem Lager zu entkommen. Sie versteckten sich dann in den Wäldern. Und fast jedesmal wurde, nachdem die Flucht aufgefallen war, nach ihnen intensiv gesucht. Dazu wurden auch Woldenberger Kinder eingesetzt, denn das Wachpersonal war in den letzten Kriegsjahren rar geworden. Und so aktivierte man die Hitler-Jugend sowie sogar das „Jungvolk“, die dann systematisch die Wälder abstreifen mußten. Jedes mögliche Versteck im Unterholz mußten die Kinder durchsuchen. Und fanden die Jugendlichen einen Kriegsgefangenen, dann stand allzuoft dessen Todesurteil fest.

Das Ende des Lagers

      Am 21. Januar 1945 wurde um 9 Uhr ein Teil der Lager-Insassen – „Lagerteil West“ genannt – in 6 Kolonnen in Marsch nach Westen gesetzt. Am 21. März 1945 soll eine Gruppe von rund 400 Mann im OfLag VII A in Murnau in Bayern angekommen sein. Der zurückgebliebene größere „Lagerteil Ost“ (etwa 4000 Gefangene) wurde am 30. Januar 1945 auf ihrem Evakuierungsmarsch bei Berlinchen von der Roten Armee befreit. [Infoblatt des OfLag-Museums]

Russische Nachnutzung des Lagers

      Ab etwa März bis offensichtlich Herbst 1945 nutzte dann die Sowjet-Armee das Woldenberger Lager zum Einsperren gefangengenommener deutscher Soldaten. Das geht u. a. aus einigen Beiträgen im Gästebuch sowie einigen Zeitzeugen-Berichten hervor: GB 041 + GB 047 + GB 083 + GB 086.

      Wenn auch das Woldenberger Lager mit Sicherheit kein Vernichtungslager war, sind doch noch sehr viele Fragen zum Woldenberger Kriegsgefangenenlager offen: Das fängt an bei der Frage, wieviel Gefangene in Woldenberg von den Deutschen erschossen worden sind, und hört auf beim Umgang der Roten Armee mit den damals bei den Sowjets unbeliebten Polen (deren große Bestrafung durch Stalin ja schon feststand). Wie wurden die Polen beispielsweise nach ihrer Befreiung versorgt, und wie wurden 1945 die gefangenen Deutschen Soldaten behandelt?

[Weitere Fragen zum Woldenberger Kriegsgefangenenlager]

(more to-be done).




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