Internet – Agentur jagt Blogger und Bürger-Journalisten khd
Stand:  30.7.2009   (45. Ed.)  –  File: Misc/AFP_Action.html



      Das Internet wurde bereits um 1969 in den USA erfunden, und in den 1970/80er-Jahren fand es vor allem an den Universitäten und Hochschulen in der westlichen Welt eine große Verbreitung. Anfang der 1990er-Jahre setzte dann mit der Erfindung des „World Wide Web“ (WWW, Web), einer benutzerfreundlichen Internet-Anwendung, ein enormer Boom mit Kommerzialisierung ein. Heute (2005) liegt bereits ein Teil menschlichen Wissens im Internet. Es ist wirklich zum Weltwissensnetz geworden, auch wenn immer noch nicht alles so richtig perfekt und vollständig ist. Aber intelligente Menschen werden dafür sorgen, daß das Internet immer besser werden wird.

      Aber andere – meist weniger intelligente Menschen ohne Durchblick – sehen im Internet „ein Reich des Bösen“, was mit allen Mitteln zu bekämpfen sei. Und so drohen im 21. Jahrhundert nun eine Reihe von Gefahren für die Wissensvernetzung. In Ländern wie China oder Persien (Iran) werden inzwischen Internet-Inhalte massiv durch staatliches Filtern zensiert.

They don't like mirroring       Aber auch hierzulande gibt es ernste Gefahren, die nicht übersehen werden dürfen. So gibt es immer wieder Streit ums CopyRight, weil sich der Gesetzgeber – von den Lobbyisten umgarnt – nicht zu vernünftigen Regeln durchringen konnte. Und solche Defizite haben dann Folgen: Ende Mai 2009 kündigte beispielsweise die Nachrichtenagentur „Agence France Presse“ (AFP) eine große Schnüffelaktion an.

      Dabei wurde schnell deutlich, was so ein News-Lieferant von der Wissensfreiheit und Wissensvernetzung im Informations- Zeitalter tatsächlich hält. Natürlich darf und muß sich eine Nachrichtenagentur gegen die illegale Großstil- Verwertung ihrer Meldungen durch kommerzielle (News- und Such-) Portale wehren. Ob dazu aber eine Massenaktion erforderlich ist, muß doch sehr bezweifelt werden. Darüber soll auf dieser Seite berichtet werden.

      Ein 2. Teil existiert derzeit noch nicht. Links mit dem Symbol * zeigen auf weiterführende Informationen im Internet, die die Aussage belegen. xxx = Text folgt demnächst.

I n h a l t :   [Translation-Service]  


A G E N T U R   A U F   A B W E G E N

Ablaßhandel 2009

Großjagd auf „Text-Diebe“ / AFP und andere wollen sich sanieren

BERLIN – 1.6.2009 (pep/fr). Seit dem es Druckerzeugnisse gibt, gehört auch das Abschreiben von Texten zum Alltag. Und wer einmal in einen Zeitungsbetrieb hereingerochen hat, dem sind immer wieder über den (Fernschreib-)Ticker hereinkommende Agentur-Meldungen aufgefallen: Da hatte Agentur A von der schnelleren Agentur B schlichtweg abgeschrieben. Aber ein echtes Problem sah dabei in den 1950/60er-Jahren eigentlich niemand, denn auch die Zeitungen schrieben untereinander reichlich voneinander ab. Auch wer sich in der klassischen Literatur oder auch der (klassischen) Musik ganz genau umsieht, wird immer wieder ‚Zitate‘ entdecken, ohne das dort schon einmal die Quellen angegeben wurden.

In der digitalen Welt ist die Übernahme von Texten viel einfacher – ein schnelles ‚Cut&Paste‘ reicht aus. Apples Erfindung der „Zwischenablage“ (clipboard) von Anfang der 1980er-Jahre macht es möglich. Dieses moderne Abschreiben kann nun sehr unterschiedlichen Zwecken dienen. Da sind zunächst die geistig Faulen, die mit fremden Texten im Internet glänzen, nicht die Quelle angeben und damit die schnelle Mark (Euro) machen wollen. Schon nach der ‚NETiquette‘ der 90er-Jahre war dieses verpönt, und es herrschte Konsens, daß man das nicht macht. Aber dann gibt es auch im Internet Verwendungen, die man nicht so einfach als verwerflich ansehen kann.

Spiegeln garantiert permanente Funktion

Bei nicht kommerziellen Informations-Projekten, die von vornherein auf eine lange Lebensdauer im Internet angelegt sind, sollen auch noch – sagen wir mal – in 100 Jahren alle HyperLinks zu wichtigen Erläuterungen oder zu Aussagen belegenden Texten funktionieren. Dann wurde und wird vor allem im wissenschaftlich orientierten Bereichen noch immer ein Spiegeln (mirroring) fremder Textes im Bereich des Projekts bevorzugt. Damit wird die Funktionsfähigkeit und Verständlichkeit auf Dauer garantiert, auch wenn das Original im Netz nicht mehr zu finden ist. Natürlich wird beim Spiegeln sehr genau die Quelle und ein Link zum Quell-Dokument angegeben, damit keine Mißverständnisse auftreten können. Für jeden Leser ist das eindeutig und verständlich. Als „Textklau“ kann das kaum angesehen werden.

Goldgrube gesucht

Agentur-Meldungen sind sehr teuer – viel zu teuer sagen manche Zeitungsverlage. Und da ihnen in der Weltwirtschaftkrise die Werbeeinnahmen massiv wegbrechen, überlegen sie, auf das eine oder andere Agentur-Abo zu verzichten. So hat unlängst die große WAZ-Gruppe (u. a. Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Westfälische Rundschau) den Vertrag mit der Deutschen Presse-Agentur nicht verlängert. Nun muß es nicht gleich zum großen Agentur-Sterben kommen, aber sie suchen nun alle intensiv nach anderen Einnahmequellen – so auch die Agence France-Presse (AFP), von der man sich in Branchenkreisen erzählt, daß sie 40 Mio. Euro Schulden angehäuft hat.

So ganz genau ist die Geschichte nicht überliefert, aber sie könnte etwa so gelaufen sein: Ein Sales-Mann bei der AFP googelte irgendwas. Dabei kam ihm plötzlich die Idee, sich doch mal von Google die aktuelle Zahl des Vorkommens des Kürzels „AFP“ anzeigen zu lassen. Und er entdeckte allein in der Top-Level-Domain „.com“ fast 36 Millionen AFPs. Hm, sagte er sich, das sind gewiß nicht alles unsere Kunden, die unsere Texte bezahlt haben. Da müßte sich doch etwas machen lassen, das unsere Kasse füllt...

Eine Abmahnwelle rollt

Am 28. Mai 2009 berichtete dann die Frankfurter Rundschau im Artikel „Gegen die Kopier-Mentalität“, daß der deutsche Ableger der Nachrichtenagentur AFP eine „beispiellose Aktion“ gegen Seitenbetreiber gestartet hat. AFP habe das Internet von der Hamburger Firma TextGuard mit spezieller Schnüffel-Software abgrasen lassen, um „Text-Diebe“ aufzuspüren. „Tausende“ sollen nun in der nächsten Zeit kostenpflichtige Abmahnungen von Anwälten erhalten. Die Betroffenen können sich dann durch Zahlung freikaufen. Mit der Massenabmahnung soll auch in der Medienbranche Eindruck geschunden werden, denn die Deutsche-Presse-Agentur liegt mit der AFP wg. in Frankreich kassierter Staatsgelder in Millionenhöhe über Kreuz.

„Sobald der Euro bei AFP & Co klingt, ...“

Das erinnert doch sehr an den lukrativen Ablaß-Handel im Mittelalter, den die römische Kirche zur Vergebung von Sünden betrieb (Tetzel: „Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt!“). Ein Martin Luther protestierte damals massiv gegen den Unsinn solchen Handels – seine Reformation geistigen Denkens sollte die Welt verändern.

Eine Veränderung unseres unlängst vor allem von der CDU/CSU auf Lobby-Druck verschärften CopyRights ist heute angesagt. Es ist ein Unding, daß Otto Normal, der im Informationszeitalter eine Homepage ohne Geldverdien-Absichten betreibt, von dahergelaufenen Rechtsanwälten kostenpflichtig in 4-stelliger Höhe abgemahnt werden kann. Sollte auf seiner Homepage tatsächlich Verfehlungen zu beanstanden sein, dann reicht zunächst immer ein freundlicher Hinweis vollkommen aus. Das muß endlich in Gesetzesform gegossen werden. Oder wollen die Regierenden verhindern, daß sich zu viele Otto Normals im Internet tummeln und ihre Meinung öffentlich kundtun?

Wahlhilfe für neue Partei?

Eigentlich sollten wir doch im Jahr 2009 das Mittelalter überwunden haben und in einer demokratischen Gesellschaft angekommen sein. Aber wie jetzt das aggressive AFP-Vorgehen gegen vermutlich Hundertausende (wovon nur ein kleiner Bruchteil Texte aus kommerziellen Gründen geklaut haben dürfte) deutlich macht, ist nicht damit zu rechnen, daß Unternehmen wirklich rational agieren. Die schießen schon mal ganz schnell mit Kanonen auf Spatzen.

Es sollte daher am Abend des 27. Septembers 2009 nicht verwundern, wenn sich die Partei der Internet-Entrechteten – die „Piraten-Partei“ – sehr deutlich ins politische Bild schieben sollte. Bei der Europa-Wahl im Juni erreichten sie mit fast 1 % immerhin einen ersten Achtungserfolg. Die so wenig durchdachte AFP-Aktion könnte den Wahlerfolg dieser neuen Partei befördern. [mehr]

Mehr zu diesem Thema:
[26.12.2004:
Vom Alphabet zum Internet]  (khd-research)
[14.09.2007: Raubzug ohne Strafe?]  (BÖRSENBLATT)
[19.01.2009: Nach WAZ-Kündigung: DPA und AFP streiten]  (MEEDIA)
[00.05.2009: Die unerträgliche Seichtigkeit der deutschen Internet-Debatte]  (Blog netzwertig.com )
[28.05.2009: Text-Diebe: Gegen die Kopier-Mentalität]  (FRANKFURTER RUNDSCHAU)
[31.05.2009: Text-Dieben auf der Spur]  (DER TAGESSPIEGEL)
[24.06.2009: Internet noch immer nicht verstanden?]  (khd-Page)
[30.06.2009: „Die Abmahnwelle, die AFP gestartet hat, ist daher in hohem Maße fragwürdig“]  (INTERNET-LAW)
[09.07.2009: Zeitungsverlage rechnen mit schwerer Krise]  (ARD-TAGESSCHAU)
[20.07.2009: „Aufmerksamkeit ist alles“]  (DER SPIEGEL)
[20.07.2009: „Haltet den Dieb“]  (DEUTSCHLAND-RADIO KULTUR)
[26.07.2009: Das Netz nicht verstanden]  (DER TAGESSPIEGEL)



khd-research notiert:

Und so ging’s weiter

Ein Mini-Blog mit im Internet und anderswo Gesammelten zu den Ungereimtheiten bei den Nachrichtenagenturen.

AFP wird staatlich subventioniert

01.06.2009 (pep/net/nan). Insider wissen, daß die Nachrichtenagentur
Agence France Presse (AFP) als „Bösewicht in der Branche“ gilt. Denn der französische Staat subventioniert die AFP mit um die 100 Mio. Euro pro Jahr. Zwar bestreitet AFP, daß das Subventionen seien, aber das wird wohl demnächst in Brüssel geklärt werden. Und es droht dann ein Einnahmeausfall, so daß sich Agence France Presse schon mal nach anderen Einnahmequellen umschauen muß.

Nicht sofort unterschreiben

03.06.2009 (pep/net). Nach dem Lesen des Berichts der Frankfurter Rundschau vom 28.5.2009 warnt Rechtsanwalt Dr. Wachs im Internet: „Nach dem Pressebericht sollen die Abmahnungen nur an gewerbliche Nutzer mit einer Kostennote versehen versandt werden. Allerdings soll auch der ‚private Blogger‘ eine Unterlassungserklärung unterschreiben. Die Gefahren, die beim unbedachten Unterschreiben der Unterlassungserklärung bestehen, können gar nicht hoch genug eingeschätzt werden...“ Wie bei allen Abmahnungen sollte eine solche (Unterwerfungs-) Erklärung immer selbst formuliert werden, wobei meist anwaltlicher Rat erforderlich ist.

AFP klaute Text bei Wikipedia

05.06.2009 (wop/net). Im Internet gibt es einen Beweis, daß die AFP zumindest im Oktober 2006 ein fulminantes Plagiat begang. Die Nachrichtenagentur hatte Texte aus der Netz-Enzyklopädie Wikipedia abgeschrieben und das ohne Quellenangabe als ihr ‚Werk‘ ausgegeben. Und es sollte nicht wundern, wenn jetzt Wikipedia von AFP wg. Textklaus kostenpflichtig abgemahnt werden sollte. Denn bei einem computergenerierten Abgleich zwischen dem Internet und den AFP- Textbeständen, müßte auch der alte Wikipedia-Beitrag als Treffer geortet werden. Denn die von AFP eingesetzte Schnüffel- Software „TextGuard“ ist nicht in der Lage, festzustellen, was Original und was Plagiat ist. TextGuard kann nur Text-Ähnlichkeiten aufzeigen.

Inkompetente Ausforschung

06.06.2009 (khd/net). Bei der wöchentlichen Durchsicht der Server-Logfiles meiner Domain „www.khd-research.net“ in Kanada fallen 328 Einträge mit „http://textguard2.dyndns.biz/...“ als Referer auf. Merkwürdig daran ist, daß nur Icons und kleine Bilder (vorwiegend GIFs) untersucht werden sollten. Es wurde aber überall der Fehlercode „404“ (‚file not found‘) notiert, obwohl die Dateien vorhanden sind. Abfordernder Knoten war 91.60.76.161. Was hat das wohl zu bedeuten? Die Antwort war dann sehr einfach: Es ist Dilettantismus oder Internet-Inkompetenz. Denn wollte man beispielsweise das damals aktuelle Deko-Foto meiner Startseite untersuchen, wurde das mit der fehlerhaften Eingabe von „http://www.khd-research.net/index.html/Images/Deko/Gelbe_Tulpen.jpg“ versucht. Das selbstfotografierte Foto liegt aber unter „http://www.khd-research.net/Images/Deko/Gelbe_Tulpen.jpg“. Und da es sich ganz offensichtlich um eine interaktive TextGuard-Sitzung handelte, darf von menschlichem Unvermögen ausgegangen werden...

Kann „TextGuard“ differenzieren?

10.06.2009 (dip/bb). Inzwischen sind offensichtlich die ersten Abmahnungen der AFP bei Seitenbetreibern eingegangen. In Foren wird bereits berichtet, daß die französische Nachrichtenagentur AFP „nicht nur identische Übernahmen von Meldungen“ kostenpflichtig abmahnt. Auch über sehr ähnlichen Meldungen anderer zum selben Thema, die sich aber deutlich von der Version der AFP unterscheiden, wird ein Abmahnen berichtet. Offensichtlich tauge die Schnüffel- Software „TextGuard“ doch nicht so recht zum Plagiat-Nachweis im Internet, wird vermutet.

Hauptsache AFP kommt vor

11.06.2009 (wop/nan). Offensichtlich läßt die Nachrichtenagentur AFP auch Webseiten kostenpflichtig abmahnen, auf denen keiner ihrer Texte vorkommt. Eine Leserin teilte mit, daß auf beanstandeten Seiten das Wort „Strafprozess“ vorkomme, das das Agenturkürzel im Wort-Inneren enthält. Das lasse vermuten, daß die AFP bei ihrer Massenabmahnung „auch auf Ergebnisse von Suchläufen bei Suchmaschinen“ [Ed: vermutlich beim Kooperationspartner Google] zurückgreift und diese nicht sorgfältig prüft, heißt es. Ein solches ‚kreative‘ Vorgehen wäre in der Tat in der Abmahn-Szene bislang einmalig und eine SPIEGEL-Story wert.

Texte nicht verifizierbar

12.06.2009 (wop/pm). Leser Ulli P. wies daraufhin, daß AFP nirgends im Internet einen Service bereitstellt, mit dem zweifelsfrei die Echtheit ihrer Agentur-Texte aufgrund von Identifikations- Nummern (ID-No.) sowie genauen Herausgabezeitpunkten überprüft werden könne. Es reiche ja wohl nicht aus, daß beim Text irgendwo im Netz das Agenturkürzel angegeben sei. Das könne jeder (Google?, Yahoo?, Spiegel?, Focus?, ...) dort ohne groß nachzudenken hinzugefügt haben – und sich geirrt haben, mailt Ulli P.

(weiteres soll folgen, sobald interessante Infos eingegangen sind).



Vom Alphabet zum Internet
 

VON

K A R L - H E I N Z   D I T T B E R N E R


   
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TORONTO – 26.12.2004 (
khd). Wer die Entwicklung des Internets seit Mitte der 1980er-Jahre 25 Jahre intensiv begleitet hat, der kann heute nur noch staunen, was daraus geworden ist. Und dabei fallen dem Beobachter nicht nur die vielen Möglichkeiten auf, die heute die Abteilung „World Wide Web“ (WWW, Web) des Internets bietet. Es sind vielmehr auch die vielen Schattenseiten, die ein solches weltweites Medium der Informations- und Wissens-Vermittlung aufweist. Aber negative Einflüsse haben die Entwicklung der Kulturtechniken der Menschheit immer begleitet.

5000 Jahre bis zum Internet

      Vor fast 3000 Jahren haben uns die Phönizier das Alphabet geschenkt, was die Griechen später modifiziert übernahmen. Das war ein sehr wichtiger Schritt der Menschheit, um Wissen in sehr viel flexibler Form, als es Bildschriften (altes Ägypten) leisten konnten, durch aus Buchstaben gebildete Worte und Sätze festzuhalten. Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks im Mittelalter (um 1450) war der nächste Meilenstein, denn er ermöglichte das einfachere Verbreiten von Information und Wissen an viele.

      In dieser Kette von Revolutionen war der nächste große Schritt, die Entwicklung eines globalen Computer- Netzes: Das Internet („The Net“). Damit schuf sich die Menschheit ab 1969 erstmals ein Medium zum weltweiten Abruf und Verteilen von dezentral digital gespeicherten Informationen, das zudem heute (hoffentlich) jeder nutzen kann.

Vernetzen menschlichen Wissens wird möglich

      Mit dem Alphabet (den Wörter und den Sätze), konnte zwar rund 3000 Jahre menschliches Wissen dokumentiert und archiviert werden (Bibliotheken), aber nicht direkt untereinander verknüpft werden, geschweige denn jedermann schnell zugänglich gemacht werden. Das sollte sich nun mit dem Internet allerdings sehr entscheidend ändern.

      Es waren sehr intelligente Menschen, denen es Mitte der 1980 Jahre gelang, diesen Riesensprung menschlicher Kulturtechnik einzuleiten: Zunächst stieß ein Steve Jobs bei Apple Computers um 1985 die Entwicklung von „HyperCard“ an. Damit konnten erstmalig Dokumente auf einem Computer per HyperText vernetzt werden. Mit der weiterführenden Erfindung des Web von 1989 durch Tim Berners-Lee während seiner Zeit bei CERN (Genf) bekam das Internet Anfang der 1990er Jahre dann den ganz besonderen Pfiff. Es bot die Vernetzungsmöglichkeit von Dokumenten (Dateien), die auf beliebigen Computern irgendwo im weltweiten Netz liegen können, per HyperLink.

Hyper-Links eröffnen neue Dimension

      Den meisten Anbietern im Internet ist das auch heute noch immer nicht so ganz klar: Mit dem Web haben wir durch die HyperLinks (durch den Nutzer aktivierbare Querverweise) eine völlig neue Dimension der Wissensvernetzung dazugewonnen. Wissenschaftler nennen das die Hyper- Alphabetisierung der Menschen. Übrigens, die Hyper- Links wurden nicht von Microsoft erfunden, wie das oft erzählt wird. Sie waren bereits Bestandteil bei dem von Apple Computer im August 1987 eingeführten wegweisenden Programm „HyperCard“. Da brauchte Microsoft noch viele Jahre, bis es das Internet verstanden hatte.

Kulturrevolution — Firmen reicht ‚Klicki-Buntes‘

      Diese neue Publikations- Dimension mit Hyper-Links stellt die eigentliche „Kulturrevolution Internet“ dar, nicht die Möglichkeit, auch hier – wie schon im Fernsehen – mit bunten Bildchen Werbung zu betreiben. Natürlich darf und kann man das auch machen, wie ja inzwischen auch die vielen Web-Portale von Unternehmen zeigen. Aber zur Wissensvernetzung der Menschheit tragen diese meistens kaum etwas bei. Denn sie sind allzuoft nur ein digitales Schaufenster für ihre angebotenen Produkte.

Print-Branche war Totalausfall

      Besonders die Verleger-Branche tat sich mit dem Internet sehr schwer. Und dabei sind doch die Fabrikanten von Büchern, Zeitungen und Zeitschriften ganz besonders von der Entwicklung eines völlig neuen Mediums betroffen. Wer mit dem feinen Service „Europäische Medien im Internet“ die Entwicklung seit 1993 sehr genau verfolgte, weiß wie zögerlich sich die meisten Alt-Medien ins Internet trauten. Nur ganz langsam füllte sich die Liste. Viele Verleger hielten das globale Netz für eine reine Spielwiese von spinnerten Akademikern. Eine der letzten deutschen Zeitungen, die ins Netz ging, war dann auch die konservative „Frankfurter Allgemeine Zeitung“.

      Auch die Nachrichtenagenturen taten sich besonders schwer mit eigenen Internet-Präsenzen. Dabei wären doch Archive aller Meldungen so unendlich wichtig fürs Hyper-Verlinken und Belegen eigener Artikel. Mit auf Dauer gültigen Links zu Agentur-Archiven könnte sich das bislang oft noch notwendige Spiegeln von Texten erübrigen. Aber das haben dpa & Co. bis heute noch immer nicht verstanden. Oder sollte ihnen die Wissensvernetzung egal sein?

Hürden beim Recherchieren

      Dauerte früher das (wissenschaftliche) Recherchieren von Quell- Informationen meist Tage oder Wochen (Suche, Gang zur Bibliothek, Ausleihe etc.), erlauben die Hyper- Links in digitalen Publikationen das sofortige Holen, Anzeigen und Lesen der gewünschten Informationen auf dem Computer- Bildschirm. So sollte es sein. Allerdings setzt das voraus, daß das Publizieren und Archivieren im Internet diese Möglichkeiten auch nutzt.

      Daran hapert es heute meist noch, hauptsächlich bei kommerziellen Anbietern. So lag es nah, einmal am praktischen sowie nützlichen Beispiel aufzuzeigen, was die WWW- Digitaltechnik beim Wissensvernetzen tatsächlich schon leisten kann. Das inzwischen nach gut 10 Jahren eingestellte Internet- Magazin »t-off« oder die berühmte »BSE-Page« waren unter vielem anderen das wegweisende Ergebnis solcher Überlegungen von 1992/93. Diese Magazine haben vielerorts Nachahmer gefunden sowie Generationen von Studenten beim Schreiben ihrer Abschlußarbeiten geholfen.

Es bleibt noch viel zu tun

      Beim Wissensvernetzen wird der Zug in Richtung totalem „Open-Access“ fahren. Daran führt kein Weg vorbei. Denn es ist beispielsweise nicht einzusehen, warum die Ergebnisse von mit Steuermitteln finanzierter Forschung die Taschen von Verlegern füllen sollen und dann noch nicht mal für jedermann lesbar sind. Der (EU-) Gesetzgeber muß das endlich in seiner Gesetzgebung berücksichtigen.

      Auch muß jeder, der im Internet Informationen veröffentlicht, diese grundsätzlich Suchmaschinen zugänglich machen. Insbesondere müssen schnell alle alten Buchbestände gescannt und indiziert werden, alle Bestände in (Staats-)Archiven aufgearbeitet und in digitalen Findbüchern niedergelegt werden, so daß die Ergebnisse via Suchmaschinen im Volltext abgesucht werden können. Und kommerzielle Suchmaschinen müssen allein schon wg. der Ungereimtheiten bei der Rangfolge der Suchergebnisse reguliert werden.


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