Die Arroganz der Macht
Erstpublikation 3.12.1994
(khd).
Nun wissen wir es also ganz genau, ein Konzern meint bei einem Weltmarkanteil von 80 % mit
mündigen Kunden nach Belieben umspringen zu können, Hauptsache die Kasse
stimmt. Intel hat einen Konstruktionsfehler des Pentium-Prozessors, der jeden
Pentium-Computer unzuverlässig rechnen läßt, ein halbes Jahr verschwiegen
und räumte den Defekt erst dann ein, als er
von Anwendern gefunden und in der
weltweiten Öffentlichkeit des Internets bekannt wurde. Nein Intel, das ist
unglaublicher Machtmißbrauch der übelsten Sorte.
Es zeigt sich aber auch, wie wenig Sorgfalt Intel auf die Qualitätskontrolle ihrer
vermeintlichen Hightech-Produkte verwendete. Das war zwar schon in den letzten Jahren
zu beobachten, denn die Fehler-Liste aller Intel-Chips ist inzwischen ellenlang,
länger als die aller Hauptkonkurrenten zusammen.
Von Albert Einstein stammt der Grundsatz Make it as simple as possible, but not
simpler. Intel hat bei der Entwicklung des Pentium-Prozessors eklatant gegen dieses
universelle Prinzip verstoßen. Sie machten den Pentium as complex as
possible. Deshalb konnte Intel den Chip auch nicht einmal mehr vollständig
testen, bevor sie ihn verkauften. Sie versprachen aber dennoch in der Werbung die
absolute Perfektion (Quality
you can count on!). Und unkritische Ingenieure, die es eigentlich hätten
besser wissen können, klatschten dazu auch noch Beifall. Es war der Schweizer
Informatik-Professor Niklaus Wirth, der Erfinder von Modula-2, der immer wieder auch auf
die Gefahren einer ungesunden HighTech- Entwicklung und deren Folgen hingewiesen hat. Er
hat recht behalten.
Der Fall Intel lehrt uns aber auch noch etwas ganz anderes, das große
Hoffnung macht. Die vielfach belächelte schnelle interkontinentale HighTech-
Kommunikation per E-Mail und UseNET- News über das Internet (Information- Highway)
hat eine erste große Bewährungsprobe bestanden. Sie ermöglichte im
zutiefst demokratischen Sinne die sehr schnelle Herstellung von
Öffentlichkeit.
Im Fall Intel reagierten die Massenmedien weltweit viel zu träge und
ungenau, als im November 1994 Internet-Benutzer in weltweiter Kooperation den Pentium-
Defekt entdeckten, verifizierten, nochmals überprüften und dann
höchsten Alarm gaben.
Die Mächtigen auf dieser Erde werden es in Zukunft sehr viel schwerer haben,
Wahrheiten zu verbergen. Liefert doch dieser Skandal inzwischen auch erste Anzeichen
dafür, daß eine sehr schnell, solide und umfassend informierte
(Welt-)Gesellschaft, einen erheblichen Einfluß darauf haben kann, daß z. B.
die unethischen Geschäftspraktiken eines Weltkonzerns sich letztendlich doch nicht
durchsetzen können.