Politik – Fusionitis bei deutschen Banken khd
Stand:  6.10.2008   (39. Ed.)  –  File: Politik/Ex/Banken_Fusionitis.html




Ende der 1990er-Jahre beginnt bei den Banken auch in Deutschland das Fusionieren im großen Stil. Man müsse wachsen und sich konzentrieren, um sich bei den Veränderungen im globalisierten Markt behaupten zu können, heißt es in der Branche.

Ob die Übernahmen aber immer zum Vorteil der Bankkunden sind, muß bezweifelt werden. Reichlich Arbeitsplätze kosten sie in jedem Fall. Aber beispielsweise kumulieren sich bei Fusionen auch die eingegangenen Risiken. Auf dieser Seite wird versucht, eine Übersicht dieser neuen ‚Bündnisse‘ zu geben.

Dazu sind hier dokumentiert und manches mit [Ed: ...] kommentiert. Mit * sind belegende Hinweise verlinkt. Die Links an den Banken verweisen meistens auf Artikel in Wikipedia, der freien Enzyklopädie (LB = Landesbank):

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Wachsen um jeden Preis

Von der Fusionitis deutscher Banken.

September 1998:
Die Bayerische Vereinsbank und die Bayerische Hypotheken- und Wechselbank fusionieren zur Bayerischen Hypo- und VereinsBank (HVB).

Oktober 1999:
Die schwedische Skandinaviska Enskilda Banken (SEB) kauft für umgerechnet 1,6 Milliarden Euro die Bank für Gemeinwirtschaft (BfG) von der französischen Crédit Lyonnais. Die BfG war ursprünglich eine Gründung der deutschen Gewerkschaften, die aber im Zusammenhang mit dem Gewerkschafts-Skandal um die „Neue-Heimat“ sowie durch Mißmanagement in Schieflage geriet und 1992/93 verkauft werden mußte.

2000:
Die Deutsche Postbank kauft die DSL Bank und baut diese zum Geschäftsbereich der Postbank aus.

April 2001:
Der Versicherungskonzern Allianz kauft für 24 Milliarden Euro die Dresdner Bank und will groß ins "Allfinanz"- Geschäft einsteigen. Zuvor waren Fusionsversuche der Dresdner Bank mit der Deutschen Bank und der Commerzbank gescheitert.

Juli 2003:
Die HypoVereinsBank (HVB) verkauft ihre Direktbank-Tochter Norisbank an die genossenschaftliche DZ Bank. Die DZ Bank ist heute Zentralinstitut für über 1.000 Volksbanken, Raiffeisenbanken und SpardaBanken.

1. Januar 2004:
Die Deutsche Postbank übernimmt für die Deutsche Bank und die Dresdner Bank die Abwicklung des Zahlungsverkehrs.

Oktober 2004:
Die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) übernimmt die kleinere Landesbank Rheinland-Pfalz.

Dezember 2004:
Die Kölner Privatbank Sal. Oppenheim erwirbt für rund 600 Millionen Euro den Konkurrenten BHF-Bank, deren Name erhalten bleibt. Die 1798 gegründete Sal. Oppenheim ist heute (2008) die größte europäische Bank in Familienbesitz.

Mai 2005:
Die WestLB übernimmt aus dem Pool der skandalträchtigen BankGesellschaft Berlin (BGB) die auf vermögende Privatkunden spezialisierte Weberbank (Berliner Industriebank). Der Verkauf dieser 95%-igen BGB-Tochter war eine Auflage der EU-Kommission. [Berliner Banken-Skandal]

Juni 2005:
Die italienische Großbank UniCredit kauft für knapp 20 Milliarden Euro die urbayerische HypoVereinsBank (HVB) und ihre Tochter Bank Austria Creditanstalt. Der Name „HypoVereinsBank“ bleibt als Marke erhalten. Das ist die bisher größte grenzüberschreitende Bankenfusion in Europa.

2005:
Die HypoVereinsbank integriert die norddeutsche Vereins- und Westbank.

Oktober 2005:
Die Deutsche Postbank erwirbt für 1,8 Milliarden Euro die Hamelner Bausparkasse BHW (Beamten- Heimstätten-Werk) von den deutschen Gewerkschaften (Gewerkschaftsholding BGAG + Beamtenwirtschaftsbund BWB), wobei die marode BHW-Tochter AHBR (Allgemeine Hypothekenbank Rheinboden) nicht mitgekauft wird.

November 2005:
Die Commerzbank übernimmt für 4,5 Milliarden Euro den Immobilienfinanzierer EuroHypo.

Dezember 2005:
Der US-Finanzinvestor (Heuschrecke) Lone Star ‚rettet‘ die angeschlagene Allgemeine Hypothekenbank Rheinboden (AHBR), die den deutschen Gewerkschaften (BGAG + BWB) gehörte. Aus der AHBR wurde nach der Übernahme die CorealCredit mit einem neuen Geschäftsmodell. [Ed: Es verblüffte, daß die Gewerkschaften nicht selbst in der Lage waren, eigene Unternehmen zu sanieren und sie stattdessen den „Heuschrecken“ ‚zum Fraß‘ vorwarfen].

Juni 2006:
Die Deutsche Bank kauft aus dem Pool der skandalträchtigen BankGesellschaft Berlin (BGB) für gut 680 Millionen Euro die Berliner Bank. Der Verkauf dieser BGB-Tochter war eine Auflage der EU-Kommission. [Berliner Banken-Skandal]

August 2006:
Die Deutsche Bank kauft das Filialnetz der Norisbank für 420 Millionen Euro.

Juni 2007:
Der Sparkassenverband DSGV (Deutscher Sparkassen- und Giro-Verband) zahlt gut 5,3 Milliarden Euro, um eine Heuschrecken-Privatisierung (u. a. durch Lone Star) der Landesbank Berlin (LBB = ex-BankGesellschaft Berlin) zu verhindern. Damit besitzt das Land Berlin keine eigene Bank mehr, blieb aber auf den von der BGB produzierten Schrott-Immobilien-Fonds sitzen. [Berliner Banken-Skandal]

Juli 2007:
Die Münchener Immobilienbank Hypo Real Estate (HRE) kauft für gut 5 Milliarden Euro den bereits angeschlagenen Staatsfinanzierer DEPFA (Deutsche Pfandbriefanstalt). Das wurde als Überraschungscoup gefeiert, führte aber 2008 zu einem Desaster: Nur noch mit teilweise staatlich abgesicherten Not-Krediten anderer Banken in Höhe von 50 Mrd. Euro konnte Anfang Oktober 2008 der Fortbestand der Hypo Real Estate samt Tochter DEPFA vorerst gesichert werden. Und dabei hatte HRE-Chef Georg Funke noch am 6.8.2007 vollmundig erkärt: „Die DEPFA ist einer der weltweit größten Staatsfinanzierer. Dieses Geschäft ist langfristig profitabel, sehr solide und mit ganz geringem Risiko.“ [mehr]

26. August 2007:
Die durch die Finanzkrise total ruinierte SachsenLB rettet sich mit reichlich staatlicher Unterstützung (rund 18 Mrd. Euro) in die Arme der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Am 1. April 2008 wird die SachsenLB mit der LBBW verschmolzen und der Name „SachsenLB“ getilgt. Die SachsenLB ist in Deutschland das erste Opfer der US-Finanzkrise. *

Juli 2008:
Die französische Genossenschaftsbank Crédit Mutuel erhält für 5,2 Milliarden Euro den Zuschlag für den deutschen Teil der CitiBank und sticht damit die Deutsche Bank aus. Der Name „CitiBank“ darf für eine Übergangszeit weitergeführt werden. Bis 1991 war das die Kundenkreditbank (KKB), die ein miserables Ansehen hatte. Die Kundenkreditbank wurde bereits 1973 von der First National City Bank of New York gekauft, die 1976 selbst in CitiBank umbenannt wurde.

August 2008:
Der US-Finanzinvestor (Heuschrecke) Lone Star erwirbt für nur 115 Millionen Euro 90,8 % an der angeschlagenen IKB Deutsche Industriebank. Diese Düsseldorfer Mittelstandsbank ist in Deutschland das zweite Opfer der US-Finanzkrise. Für Lone Star liegt der Wert der IKB vor allem in der Nutzungsmöglichkeit der vielfältigen Informationen über deutsche Mittelstandsbetriebe, die Kunden der IKB sind. [mehr]

Ende August 2008:
Bereits 7 Jahre nach dem Einstieg will die Allianz ihre Tochter Dresdner Bank wieder verkaufen. Und so will die Commerzbank die Dresdner Bank für 9,8 Milliarden Euro übernehmen. Der Name „Dresdner Bank“ soll bis Ende 2009 wegfallen. Nach der Zuspitzung der Finanzkrise wird Mitte September 2008 mancherorts vermutet, daß die Dresdner Bank nicht mehr von der Commerzbank gekauft werden könnte.

September 2008:
Die Deutsche Bank kauft 29,75 % der Deutsche Postbank mit der Option, sie mehrheitlich – samt BHW – zu übernehmen. [Ed: Viele Postbank-Kunden sind sehr skeptisch: Wollten sie, die einst ein sehr kostengünstiges Postscheckkonto für den schnellen und zuverlässigen Zahlungsverkehr einrichteten, doch nie ein Bankkonto bei der arroganten Deutschen Bank, die bislang nie viel von (kleinen) Privatkunden hielt – ja, sie zeitweise sogar regelrecht vergraulte].

15. September 2008:
Als Folge der Bank- und Finanz-Krise ‚crashen‘ in den USA die Investment-Banken Lehman Brothers (613 Mrd. $ Schulden) und Merrill Lynch sowie auch noch der weltgrößte Versicherer AIG (American International Group). An der zum Spiel-Casino verkommenen Wall-Street heißt es an diesem Schwarzen Montag: „The giants are falling.“ Inwieweit diese Riesen-Pleiten Auswirkungen auf deutsche Banken haben werden, muß abgewartet werden. [Kommentar] [Weitere Entwicklung]



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