Politik – „Colonia Corrupta“ — Von der Kölner Korruption – Teil 1 khd
Stand:  22.4.2009   (86. Ed.)  –  File: Politik/Ex/Colonia_Corrupta_2003.html




Im folgenden wird wg. der permanenten Link/Anker-Möglichkeit eine im Mai 2003 im Berliner „MieterEcho“ publizierte Buchrezension von Hermann Werle zum Buch „Colonia Corrupta“ von Werner Rügemer in HTML dokumentiert, da diese im Internet nur in PDF verfügbar war.

Hinzugefügt wurden aktuelle (Zeitungs-)Artikel sowie Kommentare zu den Kölner Skandalen: Die Köln-Arena (vor 2004), Technisches Rathaus in Köln-Deutz (vor 2004), Kölner Messe (2005), Müll-Skandal (2006), Sparkassen-Skandal (2008/09), Einsturz des Historischen Stadtarchivs (März 2009), Skandal um den Bau der Nord-Süd-Stadtbahn (U-Bahn).

Die Dokumentationen zum Wirken der Oppenheim-Esch-Holding wurden inzwischen auf eine gesonderte Seite „Köln und der Oppenheim-Esch-Immobilienfonds“ verlagert.

I n h a l t :



„Colonia Corrupta“ — Buch von Werner Rügemer

Nicht nur Berlin ist von dichtem Filz durchzogen. Werner Rügemer, Philosoph und Publizist, vermittelt mit seinem Buch „Colonia Corrupta“ einen Blick hinter die Kulissen des Kölner Establishments.

Aus: Mieter-Echo, Berlin, Nr. 297, Mai 2003, Seite 22–23 (Buchrezension). [Original]

Wie von der „Berliner Luft“ wissen die Berliner und Berlinerinnen auch so manches Lied von der heimischen Kungelwirtschaft zu singen. Ob Berlin allerdings auch die Hauptstadt der Korruption ist, könnte bei der Betrachtung der Kölner Zustände durchaus in Frage gestellt sein. Doch Rügemer geht es keineswegs darum, die Führungsrolle Berlins in Sachen undurchsichtiger Geschäfte anzufechten, sondern vielmehr am Beispiel der Domstadt den Netzwerkcharakter aufzuzeigen, der eben nicht nur in Köln oder Berlin, sondern in vielen Kommunen quer durch die Bundesrepublik Politik bestimmend geworden ist.

  Der Philosoph und Publizist Werner Rügemer, geboren 1941, lebt in Köln. Er ist Mitglied von Transparency International (TI), Business Crime Control (BCC) und dem Deutschen Schriftstellerverband (VS).  
Viele Artikel des Autors, die bislang lediglich in kleineren Zeitungen erschienen waren, werden in dem Buch in aktualisierter Form zusammengefasst. Der Stich in das korrupte Nest war offensichtlich spürbar. Von der Öffentlichkeit zwar kaum wahrgenommen, fühlten sich einige doch soweit entblößt, dass sie Rügemer mit Klagen überzogen.

Nachdem sich über ein Jahr lang kein Verlag finden ließ, der sich den Texten hatte widmen wollen, verhilft nun dankenswerterweise der Verlag „Westfälisches Dampfboot“ einem breiteren Publikum zu neuen Einsichten. Wenngleich diese Erkenntnisse gar nicht so neu sind, wie die zwei letzten Kapitel des Buches anhand von Fällen aus den 20er Jahren und der NS-Zeit belegen.

Die Selbstbedienungsmentalität ist keineswegs eine Erscheinung erst seit der Kohl-Ära und „freies Wohnen“ zum Beispiel ist kein Privileg der derzeit regierenden Stadtfürsten. Schon in den 20er Jahren „erhielt der kaltschnäuzige Gehaltsjäger zu seinem Grundgehalt von 36.000 Mark jährlich 5.250 Mark Orts- und Kinderzuschläge, 10.000 Mark Aufwandsentschädigung und noch sage und schreibe 43.000 Mark „Wohngeld“. Die Rede ist von dem damaligen Oberbürgermeister von Köln, Konrad Adenauer. „Schwarze Kassen“ und „Insidergeschäfte“ gehörten zu Adenauers Bereicherungsaktivitäten, die selbstredend auf Kosten der Bevölkerung gingen.

Kamen Details der dubiosen Geschäfte an die Öffentlichkeit, saß man es auch damals schon aus oder es wurden andere beschuldigt. „Wie sein politischer Enkel Helmut Kohl stellte Adenauer sich als Opfer dar, er spielte die verkörperte Unschuld.“ Auch diverse Bankhäuser hatten damals wie heute eine zentrale Rolle bei der Vermittlung von Geschäften oder der Geldwäsche.

Die Kölner Traditionsbank Oppenheim ist nur ein Beispiel, welches Rügemer anführt. Adenauer verfügte ebenso über enge Kontakte zur Führung dieser Bank, wie der langjährige Kölner SPD-Oberstadtdirektor Ruschmeier. Dieser war in den 90er Jahren das entscheidende Bindeglied zwischen dem nordrheinwestfälischen SPD-Klüngel, der Bauwirtschaft, den Kapitalbeschaffern und den Medien. Ohne diese Vernetzung wären millionenschwere Bauvorhaben wie die völlig überdimensionierte Müllverbrennungsanlage oder die „Köln-Arena“ (angepriesen als „modernster Sport- und Show-Palast Europas“) nicht möglich gewesen.

Rügemer beleuchtet minutiös die Hintergründe der Verstrickungen, verdeckter Subventionen und der diversen Posten in Vorständen und Aufsichtsräten des sozialdemokratischen Spitzenmanns, der sich der Rückendeckung sowohl des Regierungspräsidenten Franz-Josef Antwerpes als auch seines Parteifreunds Wolfgang Clement sicher sein konnte.

Die Versuche von Bürgerinitiativen, unsinnige Bauvorhaben zu stoppen und ein wenig Licht in die abgedunkelten Chefetagen fallen zu lassen, scheiterten nicht zuletzt an der Machtposition des „Medienmonopols Dumont“, dem ein extra Kapitel des Buches gewidmet ist. Die „Hofschranzen“ der auflagenstärksten Zeitungen der Stadt bemühten sich mehr als zehn Jahre lang, die Bevölkerung mit Nebelkerzen auf Nebenschauplätze zu leiten und die Hauptakteure der organisierten Kriminalität zu verschonen.

Erst im Jahr 2002 wurden die Praktiken des Kölner Filzes als der „größte Spendenskandal der SPD“ gewürdigt. Die Schäfchen waren zu diesem Zeitpunkt jedoch längst in trockenen Ställen untergebracht. In einem dieser Ställe darf sich Lothar Ruschmeier seit 1998 über neue wohldotierte Führungsposten erfreuen. Die Oppenheim Bank, über die auch im MieterEcho mehrfach berichtet wurde, da sie den Gehag-Verkauf „erfolgreich“ managte und auch den Verkauf der Wohnungsbaugesellschaft GSW in die Wege leitete, hat sich unter anderem auf die Privatisierung kommunaler Versorgungseinrichtungen spezialisiert und agiert – ähnlich wie die Bankgesellschaft in Berlin – mit geschlossenen, gewinngarantierenden Immobilienfonds.

Auch der Verkauf der Kölner Wohnungsbaugesellschaft GAG-Immobilien geriet unter die Fittiche des Oppenheim- Instituts. „So darf sich also die ‚renommierte‘ Privatbank gegen ein Honorar von mindestens 3 Mio. Euro den besten Käufer aussuchen“, resümiert Rügemer in seinem Kapitel „Städtische Wohnungen als Renditeobjekt“. Wie der GSW-Verkauf in Berlin, stellt sich auch der GAG-Verkauf in Köln bisher als sperriges Geschäft dar. Der Kölner Stadtrat stoppte im Januar den Verkauf seiner Beteiligung, wobei es auch zu diesem Anlass Bestechungsversuche gegeben hat, um das gegenteilige Ergebnis zu erzielen.

  Werner Rügemer: „Colonia Corrupta – Globalisierung, Privatisierung und Korruption im Schatten des Kölner Klüngels“.
Münster: Westfälisches Dampfboot, 2002. ISBN: 3-89691-525-8, Preis: 15,00 Euro.
 
Der von Rügemer vorgelegte Blick über die Berliner Filzgrenzen hinweg ist vielleicht ein kleiner Trost nach dem Motto ‚nicht nur in Berlin herrscht Filz und Korruption‘, aber darüber hinaus – und hier liegt die Stärke des Buchs – verdeutlicht er die Systematik der Plünderung von kommunalen und Landes- Kassen sowie das Zusammenwirken von Politik, Wirtschaft, Justiz und Medien, den Netzwerken der Korruption. Rügemer plädiert in seinem Schlusswort an die „viel beschworene Zivilgesellschaft“, die ihr Gestaltungsrecht einfordern und wahrnehmen müsse. Ohne Menschenrechtsbewegung, so Rügemer, sei der Kampf gegen die Korruption nicht möglich. Zudem sollten die Verantwortlichen zu Schadensersatz durch Vermögenseinziehung und Unternehmenshaftung verpflichtet werden.

„Wer die Korruption nicht bekämpft, soll von menschlicher Würde, Rechtsstaat und Demokratie schweigen.“ [Werner Rügemer zum Kölner U-Bahn-Skandal von 2009]



K Ö L N E R   M Ü L L S K A N D A L

Späte Quittung

Im Kölner Müllskandal erhebt die Staatsanwaltschaft neue Vorwürfe gegen ehemalige Lokalgrößen der SPD.

Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 2. Februar 2006, Seite ?? (Politik). [Original]

KÖLN (Tsp). Die Kölner Staatsanwaltschaft stellt in diesen Tagen 10 Kölner Politikern Anklagen wegen Untreue und Betrug im Zusammenhang mit dem Bau der dortigen Müllverbrennungsanlage zu. Die überwiegend schon aus der SPD ausgetretenen ehemaligen Lokalgrößen müssen demnach nach unseren Informationen gemeinsam auf die Anklagebank und damit rechnen, nicht nur wegen unsauberer Spendenabrechnung, sondern im Zusammenhang mit den Bestechungsvorwürfen rings um den Bau der überteuerten Kölner Müllverbrennungsanlage zur Verantwortung gezogen zu werden. Zu den Hauptangeklagten gehört der ehemalige SPD Chef Norbert Rüther, der frühere Oberstadtdirektor Klaus Heugel sowie der bislang letzte SPD Oberbürgermeister der Domstadt, Norbert Burger.

In den 90er Jahren wurden mehrere 100.000 Mark aus dubiosen Quellen illegal in die Parteikasse geschleust, die entsprechenden Quittungen haben verdiente Genossinnen und Genossen wie Burger erhalten – und meistens auch beim Finanzamt eingereicht. Mit ihren Vorwürfen gehen die Staatsanwälte weit über frühere Anklagepunkte hinaus. Ursprünglich hatten sie im Rahmen der Kölner Parteispendenaffäre "nur" wegen Spendenbetrugs ermittelt und allen Verdächtigen Angebote gemacht, die Sache gegen eine Geldauflage einzustellen. Die meisten der rund 40, die damals im Visier der Ankläger waren, haben davon Gebrauch gemacht und am Ende neben den Zahlungen an das Finanzamt noch Bußen zwischen 1000 und 35.000 Euro an die Staatskasse oder gemeinnützige Einrichtungen geleistet. Sie sind von dem neuen Verfahren nicht betroffen, weil ihre Akte rechtskräftig geschlossen wurde.

Einige hartnäckige Verweigerer wie Burger dürften inzwischen bereuen, diese Angebote der Ankläger nicht angenommen zu haben. In einem weiteren Spendenverfahren war Rüther kürzlich vom Landgericht Köln zu 2 Jahren und 3 Monaten wegen Bestechlichkeit verurteilt worden. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass er 2 Spenden des Müllmultis Hellmut Trienekens über insgesamt 150.000 Mark im Wahlkampf 1999 als Gegenleistung für sein Ja zum Bau der umstrittenen Müllverbrennungsanlage erhalten hatte. Dieses Geld hatte Rüther in den Kreislauf der Partei eingeschleust.

Durch eine neue Aussage im jüngsten Prozess ist bei den Ermittlern der Verdacht gereift, dass die Beteiligten sich nicht nur wegen eines Verstoßes gegen das Parteiengesetz zu verantworten haben, sondern auch von den illegalen Machenschaften durch Rüther und Heugel gewusst haben müssten. Rüther hatte in seinem eigenen Prozess davon gesprochen, dass er bei der Einwerbung der Spenden nur das schon vorher bestehende illegale System von Heugel übernommen habe. Wenn die illegale Spendenpraxis also nicht nur einmalig auf Rüther zurückgeht, so der Verdacht, können sich die anderen Spendensünder nicht auf die Position zurückziehen, die Hintergründe nicht gekannt zu haben. "Diese eine Quittung ist mir durchgerutscht", hatte etwa Burger der Staatsanwaltschaft bisher erklärt. Jetzt muss er neben Rüther und Heugel auf die Anklagebank und die Richter von seiner Unschuld überzeugen.



K Ö L N   2 0 0 9 

Kölner Stadtarchiv eingestürzt

Vom Kölner U-Bahnbau-Skandal / Dumme Stadtverwaltung ignorierte monatelang Vorwarnungen / Schlug wieder mal „Colonia Corrupta“ zu?

   
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KÖLN – 3. März 2009 (khd/phoenix/d-radio). Diesen Tag werden die Kölner nicht so schnell vergessen – wurde doch ihr 1000-jähriges ‚Gedächtnis‘ zerstört. Heute in den Mittagsstunden sackte das große vierstöckige Gebäude des Stadtarchivs an der Severinstraße 222 in der Südstadt wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Das Stadtarchiv sei auf einer Fläche von 50 mal 70 Metern komplett eingestürzt und riß die beiden Nachbarhäuser mit, konstatierte die Polizei. Und dabei handelte es sich um einen soliden Neubau, der erst 1971 eingeweiht worden war. Mehrere Menschen werden noch vermißt. Sie könnten unter dem riesigen Trümmerberg begraben sein.

Kölns Stadtarchiv liegt in Trümmern -- 3.3.2009
^   Kölns historisches Stadtarchiv liegt in Trümmern, weil die Stadt mal wieder alles falsch machte. Im Archiv wurden in 18 Regal-Kilometern neben den Dokumenten der Stadtgeschichte auch der Nachlaß von z. B. Konrad Adenauer, Heinrich Böll und Jaques Offenbach sowie wertvolle Architektur- Zeichnungen aus dem 17. und 18. Jahrhundert aufbewahrt. Vieles davon wird wohl zerstört sein. Der Schaden gilt als unschätzbar.

Offenbar war Kölns Stadtvätern das Bauen einer neuen U-Bahn wichtiger als das sichere Bewahren des Kulturerbes. So eine U-Bahn kostet nur etwa 1 Mrd. Euro – ‚peanuts‘ angesichts des vermuteten Billionen-Schadens. Aber welcher intelligente Mensch ordnet auch den Bau einer 3,6 km U-Bahnstrecke im schwierigen Untergrund des Rheintals im Schildvortrieb plus Grundwasserabsenkung an, noch dazu wo es unter einer alten Stadtbebauung lang ging? Wer eigentlich verdient an diesem bereits pannenreichen U-Bahnbau am meisten?
  (TV-Shot: 3.3.2009 – phoenix)

    Bestände des Stadtarchivs
Das Archiv umfasst Dokumente aus über 1000 Jahren Kölner, rheinischer und preußischer Geschichte. Mit der Ernennung Leonard Ennens zum ersten Kölner Stadtarchivar 1857 wurde der Ausbau des Archivs wesentlich auf den Weg gebracht. Mehr als 65.000 Urkunden aus dem Raum Köln ab dem Jahr 922, 104.000 Karten und Pläne, 50.000 Plakate und rund eine halbe Million Fotos. Zudem sind dort 780 Nachlässe und Sammlungen, unter anderem von Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll gelagert worden.

Ein tragisches Unglück ist es jedensfall nicht, denn es kündigte sich schon seit einiger Zeit klar und deutlich an. Auch war bereits im Herbst 2004 in der Gegend – nur rund 150 Meter entfernt – der Turm der Kirche Sankt Johann Baptist (948 erbaut) wg. des Tunnelbaus für die U-Bahn in arge Schieflage geraten und konnte nur mit einer 1 Mio. Euro teuren Hydraulik-Aktion vor dem Umkippen bewahrt werden.
Kölns Stadtarchiv von oben      
^   Blick von oben auf das noch intakte 70 m lange Historische Kölner Stadtarchiv an der Severinstraße.   (TV-Shot: 3.3.2009 – phoenix)
Kölns Stadtdirektor erklärt sich -- 3.3.2009
^   Kölns Stadtdirektor Guido Kahlen (SPD) ringt vor der Presse nach Worten. Wußte er von den Vorboten des Unglücks — von bis zu 4 cm breiten Rissen?   (TV-Shot: 3.3.2009 – phoenix)

  Fragen über Fragen
BERLIN – Ab 4.3.2009 (khd-research).
Verfolgt man die Medienberichte über den Einsturz des Kölner Stadtarchivs, dann ergeben sich vielfach weitere Fragen, die von Journalisten leider nicht gestellt wurden. Einige davon sollen hier festgehalten werden:


Wurden beim Bau der Kölner U-Bahn die von der Münchener Rück AG 2005 mitentwickelten "Richtlinien zum Risikomanagement von Tunnelprojekten" beachtet?

Wann wurden im Stadtarchiv an den bereits 2008 aufgetretenen Rissen Gipsmarken angebracht?

Wie oft wurden diese Marken mit welchem Ergebnis beobachtet?

Hatte das Stadtarchiv vorsorglich ein Gesamt- Verzeichnis seiner Bestände außerhalb des Hauses an einer anderen Stelle hinterlegt und auch ständig aktualisiert?

Wer eigentlich verdient an diesem bereits pannenreichen U-Bahnbau am meisten?

Welches sind die am U-Bahnbau beteiligten Firmen? *

Wer sind die Kreditgeber für das umstrittene Nord-Süd-Stadtbahn-Projekt?

Warum wurde im Dezember 2008 kein 2. Gutachter zur Beurteilung der baulichen Situation des Stadtarchivs bestellt?

Welche Gründe haben dazu geführt, daß der Bau der Nord-Süd-Stadtbahn im Schildvortrieb erfolgte?

Haben sich die Planer und/oder Bauausführenden über das Vorgehen beim Bau des Tiefteils des Berliner Hauptbahnhofs sachkundig gemacht?

Hat sich die KVB AG am Cross- Border- Leasing beteiligt?

Im Berliner
DeutschlandRadio Kultur sagte heute Nachmittag der frühere Archiv-Abteilungsleiter Eberhard Illner, daß bereits im Sommer 2008 im Keller des Gebäudes Risse zu beobachten waren, was zu entsprechenden Meldungen an die zuständige Behörde führte. In den letzten Wochen hätten sich diese Setzungsrisse vergrößert, da dort im Untergrund eine U-Bahn-Linie gebaut werde. Dennoch wurden die sehr wertvollen Sammlungen nicht rechtzeitig ausgelagert und das Gebäude gesperrt. Der nun entstandene Schaden sei erheblich größer als beim Brand der Weimarer Anna-Amalia-Bibliothek.

Noch ermittelt die Kölner Staatsanwaltschaft nicht gegen die Verantwortlichen dieses absehbaren Unglücks – aber das kann ja noch kommen. Es sei denn alles wird mal wieder unter den großen Kölner Filz-Teppich des Kölner Klüngels gekehrt.

Das Kölner Unglück erinnert in vielfacher Hinsicht an den Tunnel-Einsturz von Lausanne am 22. Februar 2005. Dort kam es beim Bau einer U-Bahn zu einem plötzlichen Tagbruch im bebauten Gebiet, nur weil die geologische Situation nicht richtig gedeutet worden war (siehe Seite 5 der PDF-Fassung).

Kölns Experten ohne Durchblick?

KÖLN – 04.03.2009 (khd/welt/wdr). Inzwischen hat die Stadt Köln erklärt, sie habe ein Gutachten (wohl aus dem Jahr 2008). Danach soll ein Statiker befunden haben, daß die Risse nicht die Statik des Archiv-Gebäudes gefährden. Im Gutachten vom Dezember 2008 heißt es wörtlich (zitiert aus Die Welt online vom 3.3.2009 – 22.59 Uhr): „Die entstandenen Risse sind unbedenklich. Das Gebäude ist im jetzigen Zustand in statischer Hinsicht ausreichend standsicher. Sicherungsmaßnahmen müssen nicht getroffen werden.“

Na dann ist doch alles klar, und das Haus kann gar nicht eingestürzt sein. Was das Fernsehen auch so alles berichtet... ;–) Oder sollte dieser famose Gutachter vergessen haben, regelmäßig nach den Gipsmarken an den Rissen zu schauen?

Ein riesiges Loch unterm Stadtarchiv tat sich auf

KÖLN – 05.03.2009 (khd/d-radio). Als Ursache für den Einsturz des Stadtarchivs wird nunmehr eine Kavernen-Bildung beim Schildvortrieb des U-Bahn-Tunnels angenommen. In diesen Hohlraum, der sich womöglich durch andere Baumaßnahmen noch vergrößert haben könnte, ist dann das große Stadtarchiv samt wertvollem Inhalt am 3. März um 13.56 Uhr abgestürzt. Das klingt sehr plausibel. Es muß also ein recht großer Hohlraum gewesen sein, der dort entstanden war. Und das soll wirklich keiner bemerkt haben?

Auch an der dem Stadtarchiv gegenüberliegenden Schule, dem Friedrich-Wilhelm-Gymnasium, wurde jetzt im Gemäuer eine deutliche (bis 2 cm) Rißbildung festgestellt. Das Gebäude ist ebenfalls vom Einsturz bedroht und mußte deshalb abgestützt werden.

KVB vergaß, daß man im Rheintal baute

KÖLN – 06.03.2009 (khd/d-radio). Unterdessen wurde bekannt, daß der Bauherr der umstrittenen U-Bahn (eigentlich ist das nur eine unterirdische Stadtbahn), die Kölner Verkehrs- Betriebe AG (KVB), den Untergrund nur in der Bauvorbereitungsphase stichprobenartig hat untersuchen lassen und offensichtlich (in Störzonen) auch keine Vorbereitung des Untergrunds nach dem Stand der Technik vorgenommen wurden. Eine intensive Kontrolle der Bodenverhältnisse während des Tunnelbaus der „Nord-Süd-Stadtbahn“ seit 2004 soll jedoch nicht erfolgt sein, vermutlich um Kosten zu sparen.

Nord-Süd-Stadtbahn-Trasse      
^   Köln – Trasse der seit 2004 im Bau befindlichen Nord-Süd- Stadtbahn.   (Grafik: 2009 – KVB)
Höchst merkwürdig ist auch, daß dem städtischen Bauaufsichtsamt oder dem Amt für Brücken- und Stadtbahnbau offensichtlich auch nichts aufgefallen war. Im Zuge der Bauarbeiten war es aber immer wieder zu Rissen und anderen Veränderungen an vielen Gebäuden entlang der etwa 4 Kilometer langen Trasse gekommen. Die KVB räumte heute ein, daß es in der letzten Zeit Probleme beim Abpumpen des Grundwassers gegeben habe. Es ist noch unklar, was das im Zusammenhang mit dem Einsturz des Stadtarchivs zu bedeuten hat. Im Stadtarchiv soll es aber schon seit längerem immer wieder auch Wasserschäden gegeben haben.

Die KVB AG gehört nur zu 10 % direkt der Stadt Köln und die übrigen 90 % den Stadtwerken Köln, die aber auch der Stadt Köln gehören. Zwar hat die KVB mit Jürgen Fenske seit Januar 2009 einen neuen Chef, aber gefragt ist in diesen Tagen das Wissen von Walter Reinarz, dem ehemaligen Kölner CDU-Chef und heutigen Mietglied des KVB-Vorstands.

Kommt jetzt die „brutalstmögliche“ Aufklärung?

KÖLN – 07.03.2009 (khd/d-radio). Die Kölner Verkehrsbetriebe KVB haben ein gerichtliches Beweissicherungsverfahren beantragt. Auch die Kölner Staatsanwaltschaft hat inzwischen Ermittlungen gegen Unbekannt wg. des Verdachts der Baugefährdung und der fahrlässigen Tötung aufgenommen. Von beschlagnahmten Akten wurde aber bis heute nichts bekannt.

Dafür glänzte mal wieder das Nachrichtenmagazin Der Spiegel mit einer wichtigen Vorabmeldung zum bereits 2004 in einem Experten- Gutachten festgestellten Pfusch am Kölner Tunnelbau. Diese Information hatte bislang die KVB zurückgehalten. Beim Schildvortrieb seien auch „bedienungsbedingte vermeidbare Auflockerungen und Hohlraumbildungen“ im Erdreich unter der Kölner Südstadt entstanden, zitiert Der Spiegel aus dem Gutachten von 2004. Der Südabschnitt der unterirdischen Stadtbahn wird von einem Konsortium unter Führung von Bilfinger-Berger gebaut.

Das mag erklären, warum dieses Gutachten bisher nicht im Internet komplett veröffentlicht wurde. Auf einer Pressekonferenz wollte sich die KVB heute nicht zu diesem Sachverhalt äußern. Nach einem Bericht des Kölner Stadt-Anzeigers hat KVB-Chef Jürgen Fenske (SPD) angekündigt, sich nicht mehr zu den „aktuellen Spekulationen“ äußern zu wollen. Die KVB habe bereits alle verfügbaren Unterlagen zur Verfügung gestellt und sei „an lückenloser und zeitnaher Aufklärung in höchstem Maße interessiert“, sagte KVB-Chef Fenske. Das Unternehmen „wird nichts, kann nichts und will nichts verbergen“. Warum hat sie dann aber die wichtige Information zum Tunnelbau aus dem 2004-Gutachten der Öffentlichkeit mehr als 4 1/2 Jahre vorenthalten?

Ignoranz oder Dämlichkeit?

   
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BERLIN – 09.03.2009 (khd/d-radio/sp). Im Spiegel-Artikel „Niedriger Stützdruck“ (Heft 11/2009 vom 9.3.2009, Seite 35) heißt es auch: »Ein Mitarbeiter eines Leverkusener Ingenieurbüros besichtigte im Dezember 2008 8 auffällige Stellen im [Stadtarchiv-] Haus: Eine Dehnungsfuge in der Decke, an der ein handgroßes Stück Beton geplatzt war, und Risse im Fußboden des Heizungskellers. Alles „in statischer Hinsicht unbedenklich“, urteilte der Experte [Ed: zu diesem Zeitpunkt!]. Um „weitere Schäden am Gebäude zu vermeiden“, empfahl er aber, einen zusätzlichen Sachverständigen einzuschalten. Der Kölner Baudezernent Bernd Streitberger (CDU) sah dazu „keine Veranlassung“«.

Diese Gutachter-Aussage im Kontext mit den im Gutachten von 2004 beschriebenen Hohlraumbildungen beim U-Bahnbau hätte aber im Kölner Baudezernat die Alarmglocken schrillen lassen müssen und sofort eine umfangreiche Suche nach den Ursachen der bereits eingetretenen Schäden am Stadtarchiv begonnen werden müssen, zumal das Stadtarchiv sehr sehr wertvolles Kulturgut beherbergte. Warum geschah das nicht im Dezember 2008?

Aber auch noch heute sollten bei der Kölner Bauaufsicht die Alarmglocken schrillen, denn wg. dieser bereits 2004 gutachterlich festgestellten Hohlraumbildungen längs der Tunnel-Trasse, könnte es später während des Bahn-Betriebs durch die dynamische Belastung der Tunnelröhren durchaus zu weiteren Gebäude-Schäden und -Einstürzen kommen. Ein Tiefbau-Experte, der seinen Namen nicht im Internet lesen möchte, befürchtet das.

Der Expertenrat: Eine Kontrolle der gebauten Trasse durch Aufgraben der Tunnelröhren von oben. Es wäre sowieso wg. des unberechenbaren Kies-Sand-Grundwasser-Mixes im Kölner Untergrund besser gewesen, diese U-Bahn komplett in offener Bauweise mit solider Gründung gebaut zu haben. Und wie man so etwas macht, hätte Köln am Bau des unterirdischen Teils (Seite 18) des neuen Berliner Hauptbahnhofs dicht neben der Spree studieren können.

Eine „hervorragende Arbeit“ der KVB

KÖLN – 12.03.2009 (khd/wdr/d-radio). Nach dem Einsturz des Stadtarchivs wurden tausende Tonnen Flüssig-Betons in den Untergrund geschüttet, um den Trümmerberg zu stabilisieren, und damit wurden vermutlich auch reichlich Kulturschätze endgültig vernichtet. Beton ist das richtige Stichwort: Denn mit Beton-Köpfen haben wir es auch in der Kölner Stadtverwaltung und den Kölner Verkehrs-Betrieben (KVB) zu tun, die bislang – trotz vieler Vorwürfe – kaum etwas zur öffentlichen Aufklärung des absehbaren Unglücks beitrugen [mehr].

Das wurde gestern Abend nach einer Sondersitzung des Kölner Stadtparlaments (Stadtrat) noch einmal besonders deutlich. Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) stellte sich nach der Beratung über den Stadtarchiv-Einsturz hin und sagte der Presse, die KVB habe „hervorragende Arbeit“ geleistet. Daran sind aber begründete Zweifel angebracht, denn nach dem gegenwärtigen Erkenntnisstand wurden beim Tunnel-Bau auch von der KVB schwerwiegende Fehler gemacht.

Hätte ein Schramma aber die lange Liste der seit den 1990er-Jahren aufgetretenen Tunnel-Havarien (im Internet) gelesen oder hätte nachlesen lassen, hätte auch ihm wohl schnell klarwerden müssen, daß das Kölner Desaster einmal einen vorderen Rang in den Annalen der Versäumnisse bei Tunnel-Projekten einnehmen wird. Heute Abend im Kölner Politmagazin Monitor wurde das unterstrichen, als der WDR auf Versäumnisse bei der Suche nach alten Brunnen und Hohlräumen im Vorfeld des Tunnel-Baus hinwies:

Danach hat die Stadt bereits bei der Planung der Kölner U-Bahntrasse Fehler gemacht. Das gehe aus einem Dokument des KVB-Vorstands vom August 2007 hervor, heißt es in Monitor. Die Stadt habe bei der Planung der Trassenführung im Jahr 2001 nicht hinreichend geklärt, ob sich noch Hohlräume und alte Brunnen im Untergrund befinden. Dadurch bestanden beim Bohren der Trasse im Schildvortrieb erhebliche Gefahren [Ed: wie sie im Internet ausführlich beschrieben sind]. Nach Erkenntnissen von Monitor gab es unmittelbar an der Baugrube vor dem heutigen Stadtarchiv um 1836 einen Stadtbrunnen. Im KVB-Dokument von 2007 werde bereits ausdrücklich gewarnt vor „großflächigen Deformationen und Absackungen an der Gebäudeoberfläche, evtl. sogar verbunden mit Personen- und Sachschäden“.

Die Kölner U-Bahnbauer haben also die negativen Erkenntnisse aus den Tunnel-Verbrüchen in Portugal (Porto, 2000) und der Türkei (Istanbul, 2001) ganz offensichtlich ignoriert. Bei beiden Havarien waren die Tunnel-Bohrer unerwartet auf alte Brunnen gestossen, die Wassereinbrüche und Einstürze verursachten. Obwohl es in Köln nun 2 Tote gegeben hat, weiß ein OB Schramma alles besser und nennt den Kölner Planungs-Murks „hervorragende Arbeit“. Seine und anderer U-Bahn-Manager Tage dürften gezählt sein. Vielleicht wacht ja die Kölner Opposition doch noch auf.

Kölns Dummheit wird deutlicher — Warum sparte Köln beim U-Bahnbau?

KÖLN – 15.03.2009 (khd/yahoo/sz/d-radio). Das Kölner Umweltdezernat teilte heute mit, daß die bauausführenden Firmen in Kölns Südstadt mehr Brunnen zum Grundwasser-Abpumpen gebohrt haben, als ihnen erlaubt waren. So wurden seit Dezember 2008 (sic!) am Waidmarkt in der Nähe des Stadtarchivs 15 Brunnen statt genehmigter 4 in den kiesigen Boden getrieben (+275 %), und am unweiten Heumarkt waren es 18 statt genehmigter 12 Brunnen (+50 %). Außerdem sei am Stadtarchiv wesentlich mehr Grundwasser als erlaubt dem Boden entnommen worden (756 Kubikmeter/Stunde statt genehmigter 450 Kubikmeter/Stunde), was die Firmen der Behörde nicht mitteilten, heißt es. Das hat natürlich zur Folge, daß die wasserrechtliche Genehmigung automatisch erlischt. Dennoch wurde kräftig weitergepumpt.

Aber daraus läßt sich auch schließen, daß es beim U-Bahnbau sehr erhebliche Grundwasser-Probleme gegeben haben muß. Nicht bekannt wurde bisher, warum diese Verstöße den kontrollierenden Behörden nicht aufgefallen waren, oder warum sie nicht (rechtzeitig) dagegen eingeschritten sind. Auch verwundert, daß es der Opposition nicht gelang, solche Unregelmäßigkeiten (z. B. durch „Kleine Anfragen“) ans Tageslicht zu befördern.

Vorher hatte bereits Kölns Ex-Baudezernent (1997–2003) Béla Dören (CDU/SPD ?) wg. des Vorgehens beim U-Bahnbau in einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung (14.3.2009) schwere Vorwürfe gegen die Stadtspitze und die Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) erhoben. Das Verfahren des Grundwasserabsenkens beim Bau der Nord-Süd-Stadtbahn sei „eindeutig risikobehaftet“ und bei früheren Kölner U-Bahn-Projekten auch nicht angewandt worden. Sie ist bei einem Untergrund aus Kies-Wasser-Sand auch nicht Stand der Technik, weiß jeder Experte.

Er könne nicht verstehen, weshalb die KVB bei den U-Bahn-Arbeiten im Grundwasserbereich nicht die erprobten Verfahren wie Unterwasser-Beton oder Kryo-Techniken angewandt habe. Stattdessen habe sich der Bauherr entschieden, das Grundwasser abzupumpen. Dies aber sei möglicherweise die Ursache für Bodenverschiebungen und einen „hydraulischen Grundbruch“, der mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Archiv-Einsturz geführt habe, sagte Dören der Zeitung.

Die KVB bestätigte inzwischen, daß Unterwasser-Betonage mit Bautauchern oder Gefriertechniken bei der U-Bahn-Baustelle am Kölner Waidmarkt, die unmittelbar an das eingestürzte Archiv angrenzt, „in der Planung nicht vorgesehen gewesen“ seien. Warum nicht? Offensichtlich war das Grundwasserpumpen billiger – aber nur vermeintlich, denn nun wird alles sehr viel teurer, man vernichtete reichlich Kulturerbe und produzierte zudem Straftäter. [Aktueller Kommentar zum Kölschen Klüngel]

Kölner Aufsichts-Verhältnisse — Braucht Köln den Staatskommissar?

    Das Baukonsortium
Quelle: Internet, 16.3.2009.
Die Verantwortung für den Bau der U-Bahnstrecke nahe des eingestürzten Stadtarchivs in Köln tragen nach Angaben des Konzerns Bilfinger-Berger AG [1] alle 3 Unternehmen des Baukonsortiums. „Für die Ausführung ist das Joint Venture gemeinsam verantwortlich“, sagte ein Bilfinger-Berger-Sprecher am 16.3.2009: „Da kann man keinem einzelnen Unternehmen die Verantwortung zuweisen.“

Dem Konsortium unter Führung von Bilfinger gehören ferner Wayss & Freytag AG, eine Tochter des niederländischen Baukonzerns Royal BAM Groep, und die Tochter Züblin AG der österreichischen Strabag an, wie der Sprecher erläuterte. Die 3 Unternehmen seien zu gleichen Teilen an dem Konsortium beteiligt. Sie bauen gemeinsam den südlichen Teil einer neuen U-Bahnstrecke in Köln. Es seien auch Aufträge an Sub-Unternehmen vergeben worden [2].

KÖLN – 16.03.2009 (khd/ksta/rdsch). Im Skandal um den Kölner U-Bahnbau, der zum Einsturz des Historischen Stadtarchivs führte, kommen immer neue Merkwürdigkeiten zu Tage. Nach einem
Bericht der Kölnischen Rundschau sowie dem Leitartikel im Kölnischen Stadt-Anzeiger lag die Bauaufsicht für den U-Bahnbau laut Baudezernent Bernd Streitberger ursprünglich bei der Bezirksregierung Düsseldorf. Diese habe sie an die Stadt Köln delegiert, welche sie im Sommer 2002 der KVB weiter übertragen habe. Streitberger (CDU): „Ich gehe davon aus, daß die KVB sie an die Baufirma weitergegeben haben.“ Das sei hier so „üblich“.

Das bedeutet aber, daß sich Bauherr und die Bau-Unternehmen de facto selbst kontrollierten. Was soll dabei schon herauskommen? Wo bleibt der Anspruch des Staats, durch Kontrollen des Baugeschehens Schaden von der Allgemeinheit abzuwenden? Erklärlich ist ein solches unverantwortliches Vorgehen nur mit diesem stringentem neo-liberalen Denken: Der Staat müsse sich aus allem, was die Wirtschaft behindere, heraushalten. Aber wir erleben seit dem Herbst 2008 (Lehman-Crash) gerade, wohin solch verblendetes, unkritisches Denken führt – immer in die Katastrophe, ob sie nun Finanzmarktkrise oder Stadtarchiv-Einsturz heißt.

Die Bauaufsicht muß schleunigst zum Staat zurückgeholt werden. Und wenn das die Kölner nicht umgehend schaffen, dann muß eben ein Staatskommissar nach Köln geschickt werden, um endlich diesen „Augiasstall auszumisten“ (johannwi im PI-Forum bereits am 3.3.2009).

Brisantes Gutachten aufgetaucht

KÖLN/MÜNCHEN – 18.03.2009 (khd/ksta/sz/d-radio). Ob in der Baugrube am Waidmarkt (am Stadtarchiv) die Tiefe der seitlichen Schlitzwände aus Beton ausreichend war, wurde bereits bezweifelt.

Der entscheidende Hinweis kam jetzt aus München von der Süddeutschen Zeitung (SZ). Diese berichtet heute auf der Seite 2 von einer Studie des Aachener Instituts für Geotechnik im Bauwesen der RWTH, die Ende September 2008 abgeschlossen wurde. Darin warnten die Wissenschaftler vor der Gefährdung von Menschenleben durch falsch dimensionierte Schlitzwände beim U-Bahnbau.


     
„In Köln herrscht nun das fortgesetzte Prinzip der kollektiven Verantwortungslosigkeit:
A verweist auf B, der alle Verant- wortung auf C überträgt, der wiederum hofft, daß er die Schuld wieder bei A abwälzen kann. Mit diesem System der ‚Abschnitts- verantwortung‘ setzen die Verantwortlichen darauf, daß sich die Öffentlichkeit irgendwann entnervt von dem Streit abwendet und dabei die Schuldfrage vergisst.“


Das schreibt die "Süddeutsche Zeitung" am 18. März 2009. Diese technik- ahnungslosen Verantwortlichen vergessen aber, daß wir heute das Internet haben. Und: Das Internet vergißt nichts! Der Dank geht an die immer ausgefeilteren Archiv- und Such- Techniken.

Der Leiter des RWTH-Instituts, Professor Martin Ziegler, erklärte heute, die in seinem Forschungsvorhaben gewonnenen Erkenntnisse ließen keinerlei konkrete Rückschlüsse auf mögliche Fehler beim Kölner U-Bahn-Bau zu. Aber in der Studie, die vom Deutschen Institut für Bautechnik in Auftrag gegeben worden war, ist indes mehrfach vom Kölner Bauprojekt die Rede. Konkret wurde für die Studie die Baugrube der U-Bahn-Haltestelle „Rathaus“ untersucht.

Die Aachener Wissenschaftler befürchteten einen „hydraulischen Grundbruch“, wie er höchstwahrscheinlich dann am 3. März am Waidmarkt tatsächlich erfolgte, es sei denn die Schlitzwand war dort doch fehlerhaft betoniert worden. Wegen des instabilen Baugrunds (Kies und Sand) und des starken Grundwasserdrucks waren die Wissenschaftler zum Ergebnis gekommen, daß die stabilisierenden Bauschlitzwände an den U-Bahn-Haltestellen 4 m tiefer in der soliden, wasserundurchlässigen Erdschicht verankert werden müßten als in der Ausschreibung (mit nur 2 m) vorgesehen war. Auf die Anfrage der Münchner Zeitung, ob die Gutachter-Empfehlung umgesetzt worden sei, hätten die Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) nicht geantwortet, heißt es.

Zwar ist derzeit noch unklar, ob die Statik der 28 m tiefen Schlitzwand-Baugrube am Waidmarkt, in die das sechsgeschossige Stadtarchiv hineingestürzt war, auf der in der Studie kritisierten fragwürdigen Berechnungs-Methode basiert. Aber es steht schon jetzt fest, daß in Köln Aufträge „nur nach dem Kriterium niedrigster Preis“ vergeben worden sind. Der gesamte Kölner U-Bahnbau sei „wie eine Doppelgarage in einem Hinterhof“ bewertet worden, weiß Peter Dübbert, Präsident der NRW-Bauingenieurkammer. Die Kammer hat inzwischen wg. der eklatanten Verletzung von Sicherheitsstandards das NRW-Bauministerium in Düsseldorf alarmiert.

Unterdessen warf der frühere Kölner Baudezernent Béla Dören der Kölner Stadtspitze vor, mit dem 2002 erfolgten Outsourcing des U-Bahn-Projekts an die KVB die Bauaufsicht für das risikobehaftete Projekt „leichtfertig aus der Hand gegeben“ zu haben. Da die KVB über keinen ausreichenden Sachverstand für den U-Bahnbau verfügt habe, seien die meisten Aufträge an Ingenieurbüros vergeben worden. „Man mußte sich also auf die beauftragten Firmen verlassen, ohne sie kontrollieren zu können“, sagte Dören der SZ.

Fast schon die Aufklärung

KÖLN – 21.03.2009 (khd/ksta/d-radio). Seit gestern Abend wissen wir nun, der Einsturz des Historischen Stadtarchivs hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit vermieden werden können. Anfang September 2008 hat es bereits in der Baugrube am Waidmarkt vor dem Stadtarchiv einen „hydraulischen Grundbruch“ mit Grundwassereinbruch gegeben.

Das wurde bislang von den am U-Bahnbau Beteiligten vertuscht. Ab Herbst 2008 wurde dann über 15 Brunnen (statt bis dahin 4) verstärkt Grundwasser abgepumpt, womit die Tage des Stadtarchivs gezählt waren. Am 5. Februar 2009 war das Gebäude bereits um 20 mm abgesackt, dennoch wurde es nicht evakuiert. [mehr] [noch mehr]

In den Mittagsstunden des 3. März 2009 muß dann ein weiterer stärkerer hydraulischer Grundbruch eingetreten sein, wobei vermutlich (Experten müssen das noch genauer klären) das Grundwasser von unten sowie durch die defekte Beton-Schlitzwand an der Stadtarchiv-Seite in die Baugrube strömte und dabei Sand und Kies mitriß. Damit wurde dem Gebäude der Boden entzogen, und es stürzte samt Nachbarhäusern in die tiefe Baugrube. Das ‚men-made‘ Desaster war perfekt. Und 2 Menschen mußten sterben.

Ingenieure ohne soziale Verantwortung?

   
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BERLIN – 22.03.2009 (khd). Der Kölner Skandal wirft noch eine ganz andere Frage auf. Am U-Bahn-Projekt sind viele Ingenieure von ganz verschiedenen Firmen beteiligt. Es verwundert jetzt sehr, daß offensichtlich keiner dieser Bauexperten, die ja einen ganz besonderen Durch- und Einblick bei einem solchen Großprojekt haben, Verantwortung für die Gesellschaft zeigte und die Courage aufbrachte, rechtzeitig öffentlich Alarm zu schlagen. Natürlich läuft ein solcher Ingenieur Gefahr, seinen Job zu verlieren.

Eine Erklärung fürs Nichtreagieren könnte sein, daß es heute im Rahmen der Ingenieur-Studiengänge de facto ein „Humanistisches Studium“ nicht mehr gibt. Alle Studiengänge wurden seit vielen Jahren immer mehr verschlankt und den Bedürfnissen der Industrie angepaßt. Eine Bildung der Ingenieure zur sozialen Verantwortung blieb da auf der Strecke. Für viele Industrie-Manager war das sowieso (und ist das vermutlich noch immer) nur „überflüssiges Gedöns“.

Und dabei hatte es nach dem 2. Weltkrieg in Berlin so verheißungsvoll begonnen. Denn nach 1945 zogen an der Technischen Hochschule zu Charlottenburg (TH) die ‚Humanities‘ ein. Eine Humanistische Fakultät wurde neu eingerichtet und hervorragende Professoren berufen. Jeder Student mußte zusätzlich zum Fachstudium mindestens 4 verschiedene Nichttechnik-Fächer wie Biologie, Geschichte, Literatur, Philosophie, Wirtschaft oder Recht und eine Fremdsprache studieren und später auch darin ein gesondertes Examen ablegen, bevor er sein Fachdiplom machen konnte.

Die Berliner Technische Hochschule stieg deshalb damals zur Universität (TUB) auf. Wegen der unrühmlichen Rolle der TH in der Nazi-Zeit (es gab sogar eine Fakultät für Wehrtechnik), sollten an der TUB nie wieder beliebig manipulierbare ‚Fachidioten‘ ausgebildet werden. Jeder Ingenieur- Absolvent sollte in der Lage sein, kritisch auf gesellschaftliche Herausforderungen adäquat reagieren zu können.

Anmerkungen:

[1Bilfinger-Berger (Mannheim) ist nach Analystenberichten und Internet-Recherchen in der Branche dafür bekannt, daß schon mal Unglücke und Havarien bei ihren Bauprojekten vorkommen:   Brückenbau über den Maracaibo-See in Venezuela bis 1962, wo 17 Menschen ums Leben kamen * – Brückenbau in den USA am Maumee River 2004, wo 4 Arbeiter ums Leben kamen (Schaden: 50 Mio. Euro) – xxx – xxx – Brückeneinsturz in Diez 1996 * – xxx – xxx – Soll Aufträge in Nigeria mit Schmiergeldern erkauft haben 2008 * – Einsturz des Historischen Stadtarchivs beim Bau der Kölner Nord-Süd-Stadtbahn im März 2009, wobei 2 Menschen ihr Leben verloren (Schaden: noch unbekannt, vielleicht 0,5 Mrd. Euro oder mehr).

[2]  Beispielsweise gingen Aufträge an:   Firma Schüßler-Plan, mit der Oberleitung beauftragt – Brunnenbauspezialist Brunnenbau Conrad aus Thüringen – Baufirma Lauber aus Hessen – Baufirma INGE PNSIngenieurgemeinschaft IBSErdbaulaboratorium EssenZerna Ingenieure – xxx – xxx. Am 31.3.2009 durchsuchte die Staatsanwaltschaft Köln Firmen in: Berlin – Dillenburg – Düsseldorf – Erfurt – Essen – Frankfurt am Main – Hilden – Karlsruhe – Köln (hier u. a. die KVB-Zentrale und die INGE PNS) – Mannheim – München – Ratingen – Stuttgart – Wiesbaden.




K Ö L N E R   S T A D T A R C H I V - E I N S T U R Z

Experten warnten früh vor Fehlern beim U-Bahn-Bau

Schon Jahre vor dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs bemerkten Experten "vermeidbare Auflockerungen und Hohlraumbildungen" unter der Südstadt. Das zeigen nach Information des SPIEGEL unveröffentlichte Passagen eines Gutachtens. Die Suche nach Vermissten unter den Trümmern blieb bislang ohne Ergebnis.

Aus:
Spiegel Online – 7. März 2009, ??.?? Uhr MEZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

    Chronologie des Bauprojekts Nord-Süd-Stadtbahn in Köln – Teil 1
Basiert auf: Spiegel online, 5.3.2009.
04. Dezember 2002:
Beginn des Baus an der Nord-Süd-Stadtbahn durch die Kölner Verkehrs- Betriebe (KVB) und die Stadt Köln. Das rund 610 Millionen Euro teure Vorhaben ist das größte Projekt in der Geschichte des Kölner U-Bahn-Baus, der eigentlich immer nur ein unterirdischer Straßenbahn-Bau war. Das neue Projekt soll die Innenstadt mit südlichen Stadtteilen verbinden. In der öffentlichen Ausschreibung hat die KVB „den niedrigsten Preis“ als Zuschlagskriterium genannt. Sie überträgt die Bauaufsicht an die ausführenden Firmen, die ihre Arbeit damit selbst kontrollieren.

18. Oktober 2003:
Die Klage der Walter Bau AG aus Düsseldorf vor der Vergabekammer der Bezirksregierung wird zurück- gewiesen. Das Unternehmen hatte die Kammer angerufen, weil es von den Kölner Verkehrs- Betrieben als Bauherrin des 610 Millionen Euro teuren Projekts für keines der beiden Baulose ausgewählt worden war. Den Zuschlag für jeweils einen Teil der Trasse sollen offenbar die Baukonzerne Bilfinger- Berger sowie Hochtief erhalten. Bei der Walter Bau AG wird überlegt, weitere Rechtsschritte einzuleiten. Die könnten für die KVB erhebliche Risiken und könnte Schadenersatzforderungen in Millionenhöhe nach sich ziehen.

Januar 2004:
Die Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) geben vor der Tunnel- Bohrung bereits zu, daß es durch den Bau der Nord-Süd- Stadtbahn zu Rissen an den Gebäuden entlang der geplanten Tunneltrasse kommen kann.

29. September 2004:
Infolge der Bauarbeiten für die Nord- Süd- Stadtbahn senkt sich in der Nacht die Spitze des 44 Meter hohen Kirchturms der St. Johann- Baptist- Kirche um fast 1 Meter zur Seite, von einem Einsturz gehen Experten allerdings nicht aus. Dennoch werden in der Nacht vorsorglich 65 Menschen aus umliegenden Häusern von der Feuerwehr in Sicherheit gebracht und das Gebiet in der Kölner Südstadt weiträumig gesperrt. Auch der Verkehr über die Severinsbrücke wird vorläufig eingeschränkt. Um weitere Erschütterungen des Bauwerks zu vermeiden, legen die Kölner Verkehrs-Betriebe zeitweise 2 Straßenbahnlinien still.

22. Oktober 2004:
In einem 90-seitigen Gutachten stellt die Wülfrather Ingenieur- Gesellschaft Zorn zum ‚schiefen Kirchturm von Köln‘ fest, daß „ein Urteil über das Verschulden der eingetretenen Schief- stellung“ des 44 Meter hohen Turmes nicht möglich sei.

November 2004:
Risse an Wänden und Decken treten plötzlich im Inneren der Kirche Sankt Maria im Kapitol auf. Aus Sicherheitsgründen wird ein Baugerüst im Inneren installiert, um vor herabfallenden Deckenteilen zu schützen. Sowohl das Erzbistum als auch die Gemeindevertreter vermuten einen Zusammenhang mit dem Bau der Nord-Süd-Stadtbahn, da Sankt Maria im Kapitol an der Strecke der neuen KVB-Linie steht. Die Kölner Verkehrs- Betriebe lehnen nach interner Prüfung jegliche Verantwortung ab, bezahlen jedoch die entstandenen Schäden.

Januar 2005:
Im Rahmen des Baus der Nord-Süd-Bahn beginnen über 100 Archäologen in bis zu 13 Metern Tiefe nach historischen Spuren der Stadt Köln zu suchen. Ziel der Grabungen sind unter anderem weitere Auskünfte über den römischen Rheinhafen und die Bastion St. Severin. Zwischen 12 und 14 Millionen Euro lässt sich die KVB die Grabungsarbeiten kosten.

03. März 2005:
Die KVB reagiert auf die vielen Beschwerden der Anwohner und Geschäftsleute wg. des Baus der Nord-Süd-Stadtbahn und den damit verbundenen Beeinträchtigungen. Die KVB beschwichtigt die Anwohner mit der Benennung von 5 sogenannten „Anlieger- Beauftragten“, die den betroffenen Bürgern als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Vier der Baufachleute betreuen jeweils einen Abschnitt der rund 4 Kilometer langen Strecke.

Mai 2005:
Beginn der Bauarbeiten an der Kirche St. Johann Baptist zur Wiederaufrichtung des 44 Meter hohen Turmes, der sich am 29. September 2004 im Zusammenhang mit den Bauarbeiten für die Nord- Süd- Stadtbahn zur Seite geneigt hatte. Die KVB übertrug die Wiedererrichtung einem Spezialisten aus der Schweiz. Vier Hydraulik- Pressen sollen eine mit dem Turmfundament verbundene Konstruktion um 14 Zentimeter anheben, bis der Turm wieder gerade steht. Die Kosten für die erfolgreiche Aktion betragen 1 Million Euro.

August 2007:
Der Turm des historischen Rathauses sackt um 7 Millimeter ab. Es entstehen Schäden an Gewölbe und Wänden. Die KVB übernehmen die Reparaturkosten.

8. September 2008:
In der 28 Meter tiefen U-Bahn-Baugrube am Kölner Waidmarkt (unmittelbar vor dem Historischen Stadtarchiv) gerät der Grundwasserdruck offenkundig außer Kontrolle. Im Bau- Tagebuch wird vermerkt: „Behinderung infolge erhöhten Wassereintrittes im Bereich des Brunnens B 3“.

9. September 2008:
Die Ingenieurfirmen melden der KVB diesen Grundwasser- Einbruch an der späteren Unglücksstelle Waidmarkt (am Stadtarchiv). Ein solcher „hydrologischer Grundbruch“ bei unterirdischen Bauarbeiten gilt als GAU und kann dazu führen, daß die Fundamente umstehender Gebäude absinken. Aufgrund des Grundbruchs kündigen die Baufirmen bei der KVB „Mehrkosten“ und den Bau von zusätzlich 6 Brunnen zum Abpumpen des Grundwassers an. Die Öffentlichkeit erfährt vom Grundbruch aber erst am Freitag, den 20. März 2009 – ein halbes Jahr später.

30. September 2008:
Das Aachener RWTH-Hochschulinstitut für Geotechnik im Bauwesen warnt in einer 84-seitigen Studie „Sicherheits- nachweise für den Hydraulischen Grundbruch“ vor der Nutzung üblicher Berechnungs- Verfahren für die Statik beim U-Bahn- Bau. Bei heterogenen Bodenverhältnisse und starker Wasser- druckdifferenz – wie in Köln – hätten sich die „üblichen Berechnungsverfahren“ für die Statik beim U-Bahn-Bau als „auf der unsicheren Seite liegend“ erwiesen. Die Anwendung „herkömmlicher Näherungsverfahren“ könne für die Einbindung der die Baugruben stützenden Schlitzwände „viel zu geringe Einbindetiefen“ ergeben. „Dadurch“, so heißt es in der RWTH-Studie, „können Situationen entstehen, welche nicht nur wirtschaftlichen Schaden mit sich bringen, sondern unter Umständen auch Menschenleben gefährden.“ Auch noch Ende März 2009 ist noch immer unklar, ob das laut Studie als unsicher geltende Berechnungsverfahren auch beim U-Bahn-Bau an der Unglücksstelle angewandt worden war.

18. Dezember 2008:
Gutachter für Tragwerksplanung eines Leverkusener Ingenieurbüros stellen bei einer von der Stadt Köln veranlaßten Begehung des Historischen Stadtarchivs 8 Schäden – so- genannte „Setzrisse“ – an Decken und Wänden des Gebäudes fest.

5. Januar 2009:
Die am Historischen Stadtarchiv festgestellten Schäden seien „in statischer Hinsicht unbedenklich“, erklärt der Leverkusener Diplom-Ingenieur in seiner 3-seitigen „statischen Begutachtung“. Das Gebäude sei in seinem derzeitigen Zustand „ausreichend standsicher“. Ganz sicher scheint sich der Gutachter seines Urteils allerdings nicht zu sein und rät dem Kölner Amt für Gebäudewirtschaft: „Um die genauen Ursachen für das unterschiedliche Setzungsverhalten herauszufinden, empfehle ich Ihnen, einen öffentlich anerkannten Sachverständigen für Bauwerksschäden einzuschalten.“ Das 3-seitige Gutachten verschwindet in den Akten der Stadt. Eine genauere Klärung hielt die Kölner Stadtverwaltung offensichtlich für nicht notwendig.

03. März 2009:
Um 13.56 Uhr fällt das Gebäude des Historischen Stadtarchivs an der Severinstraße auf einer Fläche von 50 mal 70 Metern in sich zusammen und stürzt zusammen mit den benachbarten Wohngebäuden in die Tiefe der angrenzenden U-Bahn-Baustelle am Waidmarkt. Ein 17-Jähriger und ein 24-Jähriger sterben unter den Trümmern. Viele Menschen werden obdachlos. Aber- tausende wertvoller Archivalien der Kölner Geschichte werden verschüttet oder landen im Grundwasser.

HAMBURG/KÖLN. Experten haben schon lange vor dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs Zweifel an der fachgerechten Ausführung von Tunnelarbeiten beim Bau der Nord-Süd-Stadtbahn in der Kölner Severinstraße geäußert. Nach Informationen des SPIEGEL [Heft 11/2009] zeigen das bislang unveröffentlichte Passagen eines Gutachtens des Wülfrather Ingenieurbüros Zorn vom Oktober 2004. Zuvor hatte sich der Kirchturm der Gemeinde St. Johann Baptist in der Kölner Südstadt plötzlich um 77 Zentimeter geneigt.

Der gemessene Stützdruck beim Bau eines Versorgungstunnels sei zum Beispiel zu niedrig gewesen, um die unterirdische Bohrstelle ausreichend zu stabilisieren, heißt es in dem 90-seitigen Papier der Fachleute. Die neu gegrabenen Abschnitte seien nicht immer sofort mit einem schnellhärtenden Ring aus Bentonit umschlossen worden. Dadurch verbleibe "ein Hohlraum, in den sich das umgebende Gebirge absetzen kann". So habe sich der Kirchturm mehr als 15-mal so stark geneigt wie vorher einkalkuliert. Ausdrücklich stellten die Gutachter nicht nur "systembedingte unvermeidbare" Schäden im Untergrund fest, die durch die verwendete Grabetechnik entstanden seien. Beim Führen der Maschinen seien vielmehr auch "bedienungsbedingte vermeidbare Auflockerungen und Hohlraumbildungen" im Erdreich unter der Kölner Südstadt entstanden.

Bislang war aus dem umfassenden Gutachten, das der Versicherer der Kölner Verkehrs-Betriebe zur Schadensregulierung in Auftrag gegeben hatte, nur Entlastendes an die Öffentlichkeit gedrungen – beispielsweise die Einschätzung der Fachleute, es bestehe keine Einsturzgefahr für den Kirchturm. 2004 stellte die Staatsanwaltschaft Köln ihre Ermittlungen wegen Baugefährdung ein. Doch nach der Katastrophe beim Stadtarchiv wollen die Staatsanwälte das Papier nun im Zuge der neuen Ermittlungen gegen unbekannt wegen Baugefährdung und fahrlässiger Tötung noch einmal auswerten.

Mit bloßen Händen trägt die Feuerwehr den Schutt ab

Unterdessen geht die Suche nach den beiden vermissten Männern in den Trümmern des Stadtarchivs weiter – bislang ohne Ergebnis. Die Feuerwehr hatte aus Sicherheitsgründen erst 3 Tage nach dem Unglück, am Freitagabend [6.3.2009], damit begonnen. Suchhunde des Deutschen Roten Kreuzes schlugen an mehreren Stellen an. Gefunden wurde aber zunächst nichts. "Es wird kontinuierlich weitergesucht", sagte ein Feuerwehrsprecher. Die beiden jungen Männer, 17 und 24 Jahre alt, waren vermutlich beim Einsturz des Archivs und zweier benachbarter Wohnhäuser am Dienstag [3.3.2009] verschüttet worden. Ihre Überlebenschancen gelten als äußerst gering [Ed-8.3.2009: Erst heute am Sonntagmorgen wurde das erste Opfer aus den Trümmern tot geborgen. Es war der 17-jährige Bäckerlehrling Kevin][Ed-12.3.2009: Heute Abend wurde das 2. Opfer, der 24-jährige Design-Student, tot geborgen].

Die Suche ist schwierig, weil Trümmerteile wegrutschen können. Feuerwehrleute trugen den Schutt zum Teil mit bloßen Händen ab. Die Einsatzkräfte gehen davon aus, dass es in dem Trümmerberg "mit Sicherheit" Hohlräume gibt. Überwiegend würden die Trümmer aber mit einem Bagger weggeräumt. Unmittelbar an der Suche beteiligt seien zwei Dutzend Einsatzkräfte. Sie achteten auch darauf, Wertgegenstände sicherzustellen, die in den Ruinen gefunden würden.

Die Stadtverwaltung teilte mit, dass durch den Einsturz und Abriss der Wohnhäuser in der Severinstraße nun 33 Personen ohne Wohnung sind. Weitere 22 Bewohner angrenzender Häuser können ihre aus Sicherheitsgründen gesperrten Wohnungen nicht betreten. 65 Personen haben sich an die Anlaufstelle für Hilfsangebote der Stadt im Hotel "Mercure" gewandt.

Probleme mit dem Grundwasser

Die Ursache des Häusereinsturzes in Köln könnte einem Zeitungsbericht zufolge mit dem Abpumpen des Grundwassers in dem U-Bahn-Schacht zusammenhängen. Der "Kölner Stadt-Anzeiger" berichtet, die Kölner Verkehrs-Betriebe und die Baufirmen hätten seit längerem von ernsten Problemen bei der Grundwasserableitung an der Baustelle gewusst. In einem Brunnen in der Nähe des Stadtarchiv ließ sich demnach der Wasserspiegel nicht senken.

Dem Bericht zufolge könnte das ständige Abpumpen des Grundwassers mit großer Leistung Sand und andere Erdteilchen weggeschwemmt haben. So könnten sich Hohlräume gebildet haben, die sich nach und nach vergrößert haben. Die Kölner Verkehrs-Betriebe haben ein gerichtliches Beweissicherungsverfahren beantragt.

Die Stadtwerke Köln kündigten die Einrichtung eines mit einer Million Euro ausgestatteten Hilfsfonds für die am härtesten betroffenen 35 Anwohner an. Er sieht eine Soforthilfe von 10.000 Euro pro Person vor.

Dauerregen und ein steigender Grundwasserspiegel werden zu einer immer größeren Gefahr für die verschütteten Schätze des Historischen Stadtarchivs. "Das Wetter ist nicht auf unserer Seite", sagte Feuerwehrsprecher Daniel Leupold. Immer mehr Archivalien drohten durch Feuchtigkeit beschädigt zu werden. Nach Angaben von Kulturdezernent Georg Quander sind 90 Prozent der Bestände unter den Trümmern begraben. [mehr]



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