Spiegel Online
9.9.2005 00.28 Uhr MESZ:
Wenn die Belastungen der Bürger höher werden, dann darf man nicht noch eins
draufsetzen und die Preisspirale weiter erhöhen, sagte FDP-Spitzenkandidat Guido
Westerwelle bei der Fernsehdiskussion. Er hoffe auf den Verbündeten im Kompetenzteam der
Union, den Finanzexperten Paul Kirchhof, der zwar im Moment ein bisschen ruhiger sei, aber die
FDP-Vorschläge zur Verhinderung einer Mehrwertsteuererhöhung im Geiste
unterstütze.
Eine Ampel-Koalition schloss der FDP-Chef aus. Entweder es gibt einen Neuanfang mit
schwarz-gelb oder wir sind in der Opposition.
Außenminister Joschka Fischer sagte, die Wahl am 18. September entscheide ob
wir in eine neokonservative Richtung gehen oder nicht. Kirchhofs Vorschläge zur
Streichung von Steuersubventionen und die anschließende gleich hohe Steuer für alle
sei sozial ungerecht. Die Besteuerung nach dem Grundsatz der Leistungsfähigkeit sei
für die Grünen ein Grundsatz des Sozialstaats.
Fischer forderte zudem Änderungen bei der Arbeitsmarktreform Hartz IV. Als
erstes müsse die Differenz beim Arbeitslosengeld zwischen Ost und West beseitigt werden.
Sie beträgt 14 Euro. Darüber hinaus müsse es eine Überprüfung der
Anrechnung des Partnereinkommens bei der Berechnung der Höhe des Arbeitslosengeldes geben.
Altersrückstellungen sollten nicht mehr für die Zeit der Arbeitslosigkeit ausgegeben
werden müssen. Auch sollte es für Arbeitnehmer über 50 Jahren künftig
bessere Hinzuverdienstmöglichkeiten zum Bezug des Arbeitslosengeldes geben.
Eine Koalition mit der Linkspartei schloss der grüne Spitzenkandidat aus, da deren
Programm nicht der Realität entspricht. Er kämpfe für eine
neue rot-grüne Mehrheit.
Linkspartei-Spitzenkandidat Oskar Lafontaine sagte zu den Arbeitsmarktreformen: Hartz
IV muss weg, um das in aller Klarheit zusagen. Allerdings könne man über
das eine oder andere bei der Reform reden. Die Mehrwertsteuererhöhung halte er für
grundfalsch. Damit würden die mobilsten und besten in der Gesellschaft
bestraft.
Lafontaine ließ Sympathien für eine große Koalition erkennen. Diese
hätte im Vergleich zu einer schwarz-gelben Regierung den Vorteil von weniger
Abbau von Arbeitnehmerrechten. Während der Sendung distanzierte er sich von
seiner heftig umstrittenen Fremdarbeiter- Äußerung. Wenn der Eindruck
entstanden sei, er habe etwas gegen osteuropäische Arbeiter in Deutschland sagen wollen,
sei dies ein falscher Eindruck. Er habe vielmehr etwas gegen die Ausbeuter
hier zu Lande sagen wollen, die diese Menschen zu Hungerlöhnen beschäftigten.