Politik skandalös – Teil 3 khd
Stand:  14.1.2009   (34. Ed.)  –  File: Politik/PSK/Politik_skandaloes_03.html




Hier werden einige ausgewählte und besonders interessante Texte zu politischen Skandalen (Korruption, Obskuritäten und Ungereimtheiten) gespiegelt und damit auf Dauer dokumentiert sowie manches auch mit [Ed: ...] kommentiert. Tipp- und Übertragungsfehler gehen zu meinen Lasten.

Ab dem Teil 15 ist der Dokumentation zur globalen „Finanzkrise“ und deren Folgen viel Platz eingeräumt, da das für die weitere Entwicklung der Wirtschaft von erheblicher Bedeutung ist und die ihr zugrundeliegende Politik der Vergangenheit nur als „skandalös“ bezeichnet werden muß.

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I n h a l t :  [01. Teil]   [02. Teil]   [03. Teil]   [04. Teil]   [05. Teil]   [06. Teil]   [07. Teil]   [08. Teil]   [09. Teil]   [10. Teil]  
[11. Teil]   [12. Teil]   [13. Teil]   [14. Teil]   [15. Teil]   [16. Teil]   [17. Teil]   [18. Teil]   [19. Teil]   [20. Teil]  
[21. Teil]   [22. Teil]   [23. Teil]   [24. Teil]   [25. Teil]   [26. Teil]   [27. Teil]   [28. Teil]   [29. Teil]   [30. Teil]  
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[Translation-Service]  

  • Noch mehr skandalöse Politik   (4. Teil).
  • 30.05.2005: Finanz-Investoren stoßen Firmen schneller ab.
  • 24.04.2005: Das ist "Anarcho-Kapitalismus". (Kritik von Heiner Geißler)
  • 20.12.2004: RWE, Politik und der Fall Meyer.
  • 13.12.2004: Schlechte Noten für Clement. (Energiepolitik zu Gunsten der Konzerne)
  • 11.11.2004: So viel Gier. (Ein Wutanfall von Heiner Geißler)
  • 18.10.2004: Überangebot an Geschäftsflächen in Berlin.
  • 07.10.2004: Und sie schwimmen in Milliarden.
  • 05.10.2004: Vom Leerstand der Dinge.
  • 05.10.2004: Entwicklungshilfe für Berlins Einkaufsstraßen.
  • 05.10.2004: Die Mehrzahl der Berliner Warenhäuser ist profitabel.
  • 28.09.2004: Kaufen tut Not. (Kommentar zum Sanierungsfall Karstadt)
  • 09.09.2004: Cash im Casino. (Vom Zocken der Banken)
  • 03.09.2004: Was verdienen Deutschlands Top-Manager? (+ Gewinne der DAX-Firmen)
  • Ältere Dokumentationen  (2. Teil).

    Zur Leitseite Made with Mac


    Was verdienen Deutschlands Top-Manager?

    Die Manager-Gehälter sind 2003 im Schnitt um satte 11 % gestiegen / Die meisten Bürger wurden hingegen erneut mit einer Nullrunde abgespeist / Neue Arbeitsplätze wurden auch nicht geschaffen / Und bei den meisten DAX-Firmen sprudeln die Gewinne

    Aus: B.Z., Berlin, 3. September 2004, Seite 2 (Politik). Die DAX-Gewinne wurden später aus anderer Quelle zugefügt. [Original]

    Das verdienen die Chefs der 30 DAX-Unternehmen
    Brutto-Gehälter der Vorstandsvorsitzenden der Aktiengesellschaften.
    Stand: Ende 2003 + Mai 2005
    Quelle: Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) + Internet-Recherchen (DAX-Gewinne).
    Nr. Firma Chef Jahres-Gehalt Netto-Gewinne  1) Anm.
    1.Q 2004 1.Q 2005 Veränderung
    1. Deutsche Bank Josef Ackermann 7,7 Mio. Euro 941 Mio. Euro 1.103 Mio. Euro + 17,2 %  
    2. DaimlerChrysler Jürgen Schrempp 5,2 Mio. Euro 412 Mio. Euro 288 Mio. Euro – 30,0 %  
    3. Eon Wulf Bernotat 4,9 Mio. Euro 1.455 Mio. Euro 1.459 Mio. Euro + 0,2 %  
    4. SAP Henning Kagermann 3,4 Mio. Euro 229 Mio. Euro 254 Mio. Euro + 10,9 %  
    5. Siemens Heinrich von Pierer 3,6 Mio. Euro 1.210 Mio. Euro 781 Mio. Euro – 35,5 %  
    6. Schering Hubertus Erlen 2,2 Mio. Euro 131 Mio. Euro 145 Mio. Euro + 11,0 %  
    7. RWE Harry Roels 2,5 Mio. Euro 925 Mio. Euro 975 Mio. Euro + 5,4 %  
    8. Metro Hans-J Körber 2,8 Mio. Euro 25,3 Mio. Euro 27,7 Mio. Euro + 9,4 %  
    9. Deutsche Telekom Kai-Uwe Ricke 2,6 Mio. Euro 632 Mio. Euro 1.010 Mio. Euro + 59,8 %  
    10. Allianz Michael Diekmann 2,8 Mio. Euro 617 Mio. Euro 1.184 Mio. Euro + 91,9 %  
    11. BMW Helmut Panke 2,8 Mio. Euro 523 Mio. Euro 519 Mio. Euro – 0,8 %  
    12. VW Bernd Pischetsrieder 2,7 Mio. Euro 26 Mio. Euro 70 Mio. Euro + 166,6 %  
    13. Henkel Ulrich Lehner 2,2 Mio. Euro 157 Mio. Euro 165 Mio. Euro + 5,1 %  
    14. BASF Jürgen Hambrecht 2,2 Mio. Euro 520 Mio. Euro 861 Mio. Euro + 65,6 %  
    15. Linde Wolfgang Reitzle 2,3 Mio. Euro 78 Mio. Euro 85 Mio. Euro + 9,0 %  
    16. Deutsche Börse Werner Seifert 2,2 Mio. Euro 76 Mio. Euro 109 Mio. Euro + 43,4 %  
    17. Münchner Rückversicherung H.-J. Schinzler 1,9 Mio. Euro 543 Mio. Euro 688 Mio. Euro + 26,7 %  
    18. Deutsche Post Klaus Zumwinkel 1,7 Mio. Euro 446 Mio. Euro 455 Mio. Euro + 2,0 %  
    19. TUI Michael Frenzel 1,9 Mio. Euro –172 Mio. Euro –197 Mio. Euro – 14,4 %  
    20. Infineon Wolfgang Ziebart 1,9 Mio. Euro 39 Mio. Euro –114 Mio. Euro – 192,3 %  
    21. Altana Nikolaus Schweickart 1,7 Mio. Euro 91 Mio. Euro 94 Mio. Euro + 4,0 %  
    22. Continental Manfred Wennemer 1,7 Mio. Euro 138,5 Mio. Euro 174 Mio. Euro + 25,6 %  
    23. Adidas Herbert Hainer 1,6 Mio. Euro 77 Mio. Euro 110 Mio. Euro + 43,1 %  
    24. Commerzbank K.-P. Müller 1,4 Mio. Euro 246 Mio. Euro 395 Mio. Euro + 60,6 %  
    25. Bayer Werner Wenning 1,6 Mio. Euro 419 Mio. Euro 652 Mio. Euro + 55,6 %  
    26. HypoVereinsbank Dieter Rampl 1,4 Mio. Euro 56 Mio. Euro 336 Mio. Euro + 600,0 %  
    27. ThyssenKrupp E. D. Schulz 1,4 Mio. Euro 345 Mio. Euro 1.045 Mio. Euro + 302,9 %  
    28. MAN Rudolf Rupprecht 0,9 Mio. Euro 26 Mio. Euro 56 Mio. Euro + 115,3 %  
    29. Fresenius M. Care Ben J. Lipps 0,8 Mio. Euro 91 Mio. Euro 107 Mio. Euro + 18,0 %  
    30. Lufthansa Wolfgang Mayrhuber 0,8 Mio. Euro 62 Mio. Euro –116 Mio. Euro – 87,1 %  
      Summe: 72,8 Mio. Euro 10.364,8 Mio. Euro 12.720,7 Mio. Euro + 22,72 %  
    1) Quelle der Gewinn-Daten: Der Tagesspiegel, 17.5.2005, Seite 17.
    2) Stand 2007.
     N A C H T R Ä G E  (auch Nicht-DAX)
      Deutsche Bahn Hartmut Mehdorn 3,2 Mio. Euro Euro Mio. Euro % 2



    V O M   Z O C K E N   D E R   B A N K E N

    Cash im Casino

    Um die Flaute zu kompensieren, erhöhen viele große Geldinstitute den Einsatz: Das Zocken auf eigene Rechnung boomt. Die Verzahnung mit den Spekulanten mächtiger Hedgefonds wird dabei immer enger. Zugleich wächst die Anfälligkeit des ganzen Finanzsystems.

    Aus:
    Der Spiegel – 37/2004, 9. September 2004, Seite xxx–xxx (Wirtschaft). [Original]

    N ach seinem quälend langen Untreue-Prozess in Düsseldorf wollte Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann am vergangenen Dienstag endlich – frisch erholt zurück aus dem Urlaub – in die Offensive gehen. Im Hermann Josef Abs Saal ganz in der Nähe seiner Frankfurter Zentrale erläuterte er vor Führungskräften seine Wachstumsstrategie hier zu Lande und im Rest der Welt.

    Doch die Kritik an ihm und seinem Institut war wieder einmal schneller als alle großen Pläne. In diesem Fall allerdings kam sie aus einer Ecke, wo Ackermann bislang wenig Hohn zu befürchten hatte. Ausgerechnet das renommierte britische Wirtschaftsmagazin "The Economist" hatte beklagt, dass die Deutsche Bank inzwischen nichts anderes mehr sei als "ein riesiger Hedgefonds".

    Solche Fonds sind für ihre aggressiven Handelsmethoden bekannt und für höchst spekulative Deals, die manchmal Milliardengewinne abwerfen, manchmal aber auch mit Totalverlusten enden. Selbst ein auf internationale Expansion zielender Schweizer wie Ackermann kann sich dabei nicht wohl fühlen, mit solch schillernden Finanzjongleuren in einen Topf geworfen zu werden.

    Die Vorwürfe des "Economist" seien "unwahre und sinnentstellende Behauptungen", erklärte Ackermann schneidend vor seinen versammelten Managern. Einen bösen Leserbrief hatte er da bereits nach London geschickt.

    Die Deutsche Bank – eine Zockerbude? Ackermann hält dem entgegen, dass "in den vergangenen 3 Jahren konsequent Risiken abgebaut" wurden. Problemkredite seien um knapp die Hälfte, spekulative Anlagen im Bereich Private Equity um zwei Drittel zurückgefahren worden.

    Das mag stimmen. Es stimmt aber auch, dass ein Teil des Kapitals, das die Bank mit Hilfe einer sehr zurückhaltenden Kreditvergabe freisetzte, als Spielgeld auf den internationalen Kapitalmärkten landete. Vorbei scheinen die Zeiten, in der die vornehmste Aufgabe des Kreditinstituts darin bestand, im Auftrag von Kunden zu handeln. Heute dürfen so genannte Eigenhändler direkt mit dem Geld der Bank Aktien oder Zinspapiere kaufen.

    Rund 30 Prozent der gigantischen Handelspositionen der Deutschen Bank werden inzwischen auf eigenes Risiko gehalten. Das hübscht zurzeit die Bilanzen auf, kann aber höchst gefährlich werden, gerade weil der Frankfurter Branchenprimus mit seiner Strategie nicht allein ist.

    Die 10 größten Investmentbanken waren nach einer aktuellen Studie des Beratungsunternehmens Boston Consulting Group (BCG) bereit, im 2. Quartal mit einem maximalen Tagesverlust von 872 Millionen Dollar zu kalkulieren (siehe Grafik). Immerhin 3 internationale Finanzriesen – Goldman Sachs, UBS und J. P. Morgan – riskierten dabei sogar noch mehr als die Deutsche Bank.

    "Wir haben noch nie eine solche Risikofreude gemessen", sagt der Frankfurter BCG-Geschäftsführer Ludger Kübel-Sorger. Da seit dem Frühjahr Aktienkurse und Zinssätze kaum vom Fleck kamen, erhöhten die Investmentbanker einfach ihre Einsätze. Insbesondere der Handel mit Anleihen, den der Inder Anshu Jain für die Deutsche Bank von London aus zu einem der Weltmarktführer ausgebaut hat, verlangt dabei nach immer mehr Geld. Doch trotz deutlich höheren Kapitaleinsatzes sanken zuletzt die Gewinne im Investmentbanking.

    "Je flacher die Zinskurve, desto höher das eingesetzte Kapital", beschreibt Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller das Prinzip. Um die Risiken einzugrenzen, schaut er sich in seinem Frankfurter Büro ganz oben im mit 258 Metern höchsten Hochhaus der Republik kurz nach 18 Uhr ein paar Zahlen an. Auf dem Bildschirm seines PC erscheinen tagesaktuell die so genannten Value-at-Risk-Ziffern (VAR), die mit einer Wahrscheinlichkeit von 99 Prozent für jeden einzelnen Bankbereich den maximal möglichen Verlust angeben.

    "Das ist der Flash, der mir den Tag abbildet", sagt der Commerzbank-Chef. Wenn seine Händler die Risikolimits überschreiten, klingeln bei Müller "die Schellen". Im Durchschnitt würden diese Grenzen nur zu 40 Prozent ausgenutzt.

    Die Sicherheit der VAR-Werte ist trügerisch. Ihre Ergebnisse "sagen nichts über Restrisiken und die Folgen von Extremsituationen aus", warnt Professor Thomas Heidorn von der Hochschule für Bankwirtschaft in Frankfurt am Main.

    Wenn die Märkte einbrechen, sind plötzlich alle Limits nichts mehr wert. Die Händler sind ebenso wie die bei allen Banken installierten Risikokontrollsysteme bei einem Crash darauf geeicht, möglichst schnell zu verkaufen.

    "Der Trend der Lemminge ist da", warnt Müller. Auch wegen vieler ähnlich ausgerichteter Risikokontrollsysteme bei den Marktteilnehmern wächst nach seiner Ansicht die Gefahr für das gesamte Finanzsystem.

    Die Erfahrung, dass selbst ein vermeintlich überschaubares Risiko sich plötzlich zu einer ernsten Gefahr entwickeln kann, machten Deutsche Bank und Commerzbank gerade bei Wandelanleihen. Die Deutsche Bank verlor viel Geld im Handel mit diesen Unternehmensanleihen, die später in Aktien umgewandelt werden können. Das Investmentbanking der Commerzbank machte zwischen April und Juni ein Minus von 47 Millionen Euro, nachdem im 1. Quartal noch ein Gewinn von 120 Millionen Euro gemeldet wurde.

    Offenbar hatten die Händler beider Banken mit steigenden Aktienkursen und einem größeren Hin und Her bei den Kursen gerechnet und entsprechend spekuliert. Insider berichten, dass die Banker damit die Strategien ihrer wichtigsten Kunden, der Hedgefonds, imitiert haben, die in den vergangenen Jahren mit Wandelanleihen sehr erfolgreich waren.

    Wenn die Spekulation aufgeht, winkt den Händlern ein dicker Bonus. Für die Pleite bei den Wandelanleihen dagegen kassierte Philip Wale, kurzzeitig verantwortlich für den Eigenhandel bei der Commerzbank, die Maximalstrafe: Er musste gehen. Seit Ende August arbeitet er für einen Hedgefonds.

    Spekuliert wird mit allem, was der Markt zu bieten hat. Besonders beliebt sind die hoch komplexen Finanzderivate, von denen allein der US-Ableger der Deutschen Bank Kontrakte im Wert von rund 48 Milliarden Dollar in den Büchern stehen hat.

    Der Trend zu mehr Risiko zeigt sich auch bei eigenen Investitionen der Banken in hochriskante Hedgefonds. Solche Anlagen gelten als längerfristige Investitionen und tauchen meist nicht in der Risikokennziffer VAR auf. Häufig werden sie in den Bilanzen ganz unauffällig wie Unternehmensbeteiligungen behandelt.

    Doch ausgerechnet die eigenen Geschäfte mit den Börsenhasardeuren boomen. Über 800 Milliarden Dollar sind bislang insgesamt in die undurchsichtige Hedgefonds-Industrie geflossen. Davon stammt ein immer größer werdender Anteil aus den Schatullen der Bankiers.

    Und fast jeden Tag entstehen neue Fonds, die mit Hilfe von hohen Krediten, hochgezüchteten Computermodellen und vermeintlich ausgefeilter Finanzinstrumente relativ unkontrolliert Unsummen verschieben. Die Manager stammen nicht selten aus den Handelsabteilungen internationaler Großbanken.

    Dieses Jahr verließen insgesamt 35 Händler die Deutsche Bank, um sich mit eigenen Hedgefonds selbständig zu machen. Sie kommen von DB Advisor, das in Zukunft nur noch den Eigenhandel der Bank, zum Beispiel mit Hedgefonds, organisiert. Die Praxis, in der Abteilung gleichzeitig Gelder für Kunden anzulegen, ist der Bank mittlerweile zu heikel. Doch die Verbindung mit ihrem alten Arbeitgeber bleibt weiterhin eng. Die Deutsche Bank wickelt unter anderem die Börsenaufträge ab und setzt die alles entscheidenden Kreditlimits.

    Neben Investmentbanken wie Goldman Sachs, Morgan Stanley oder Credit Suisse First Boston gehört die Deutsche Bank inzwischen weltweit zu den größten so genannten Prime Brokern. Allein im vergangenen Jahr holte man in Europa rund 10 Prozent aller neuen Hedgefonds-Mandate, heißt es in einer Studie der Bank of England zur Stabilität der Finanzmärkte.

    In diesem Geschäft kämpfen alle Beteiligten mit harten Bandagen. Vor allem US-Fondsmanager lassen sich oft die Aufträge an die Banken teuer bezahlen. "Ohne Gegengeschäfte läuft gar nichts", sagt ein Frankfurter Händler. Die Bank erhalte nur Börsenorders, wenn sie im Gegenzug eigenes Geld in den Fonds investiert.

    Damit nähern sich Banken und Hedgefonds einander gefährlich an, zumal die Banken auch aus purem Renditedenken zusätzliche Eigenmittel in Hedgefonds investieren und damit einen Teil des Eigenhandels auslagern – ohne groß darüber zu reden.

    Als besonders verschwiegen gelten die Manager der HypoVereinsbank-Gruppe (HVB). Der Schlüssel zum Geheimnis um die gigantischen Investitionen in Hedgefonds findet sich nicht im Geschäftsbericht, sondern im Beteiligungsgeflecht ihrer österreichischen Tochter Bank Austria Creditanstalt (BA-CA).

    Über eine Filiale in der karibischen Steueroase Cayman Islands haben die Österreicher bereits vor 4 Jahren angefangen, 600 Millionen Dollar Eigenmittel in den amerikanischen Hedgefonds Ramius Capital Group zu pumpen – benannt nach jenem eigenwilligen russischen U-Boot-Kapitän, der die Hauptfigur im Roman "Jagd auf Roter Oktober" war.

    Damit nicht genug: Den Wienern gehört gleichzeitig auch eine 24,9-prozentige Beteiligung an Ramius, zu dessen Spezialitäten nicht zuletzt der heikle Handel mit Wertpapieren von Pleitekandidaten gehört.

    Inzwischen konnten die amerikanischen Freunde der BA-CA bei der Mutter in München vorsprechen. Nun öffnen sich auch die Geldschleusen der HVB. Mit einer halben Milliarde Euro sind die Bayern derzeit in Hedgefonds investiert.

    "Diese Mittel werden nun sukzessive zu unserem neuen Partner Ramius Capital Group umgeschichtet", bestätigt ein HVB-Sprecher. Am Ende wird die Gruppe also über eine Milliarde Euro in einem einzigen Hedgefonds-Konglomerat geparkt haben.

    Angesichts solcher Dimensionen werden dunkle Erinnerungen an das so genannte Long-Term Capital Management, kurz: LTCM, wach. In der Hoffnung, große und stabile Renditen zu erzielen, hatten mehrere Banken in den neunziger Jahren Milliarden in das Vehikel investiert. Dann kam die Schuldenkrise in Russland, und das kreditbelastete Kartenhaus stürzte in sich zusammen.

    Es folgte eine gigantische Rettungsaktion, die 3,6 Milliarden Dollar kostete. Die involvierten Bankvorstände mussten reihenweise ihre Sessel räumen. LTCM wurde zum Symbol für die immense Gefahr, die von Hedgefonds ausgehen kann.

    Solche Vergleiche lassen die Verantwortlichen der HVB-Gruppe nicht gelten. Ein existenzgefährdendes Absturzrisiko können sie bei Ramius nicht erkennen.

    "Der Fonds arbeitet sehr konservativ, es dürfen zusätzlich nur 50 Prozent der eingelegten Gelder als Fremdkapital aufgenommen werden", verteidigt ein Sprecher der BA-CA das Investment, das bislang zwischen sieben und zehn Prozent Rendite abwarf.

    Dass die Banken in ihrem Eigenhandel oft dieselben Strategien wie Hedgefonds verfolgen und gleichzeitig über Beteiligungen immer enger mit den milliardenschweren Spekulanten verzahnt sind, erhöht das Systemrisiko jedoch nur noch weiter.

    Selbst Top-Bankern treiben die jüngsten Entwicklungen Richtung Casino-Kapitalismus Schweißperlen auf die Stirn. So sorgte Stephen Green, Chef der britischen Großbank HSBC, Anfang August weltweit für Aufsehen: "Die Risiken für Störungen an den Märkten steigen", schockte Green die Börsianer, "weil Finanzdienstleister verstärkt die gleiche Technologie nutzen, um ihre Risiken zu managen." Viele Händler würden sich auf wenige Prime Broker mit ähnlichen Methoden konzentrieren.

    Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller jedenfalls will sich in Zukunft wieder mehr auf die Geschäfte mit den Kunden konzentrieren. "Dann kommen die Risikokennzahlen automatisch herunter", sagt er.



    Kaufen tut Not

    Die Krise bei Karstadt verändert unsere Städte. Denen fehlt es an Konzepten für den Handel

    Aus:
    Der Tagesspiegel, Berlin, 28. September 2004, Seite 8 (Meinung). [Original]

    Der Karstadt-Quelle- Konzern schickt sich an, die deutschen Innenstädte zu verändern – wenn er einen großen Teil seiner Warenhäuser schließt oder andere Betreiber für die Häuser sucht. Dieser Beschluss, der an diesem Dienstag [28.9.2004] öffentlich verkündet werden soll, ist ein Schritt zur Rettung von Karstadt, sagt Aufsichtsratschef Thomas Middelhoff. Er ist ein weiterer Schritt zur Verödung der Innenstädte, werden Regionalpolitiker besorgt zurückrufen.


    Macht das Kaufhaus dicht, ziehen auch andere Geschäfte weg



    Beide haben Recht. Bei Karstadt kann es so wie bisher nicht weitergehen. 300 Millionen Euro Verlust im ersten Halbjahr – und keine Wende in Sicht. Das hält der stärkste Konzern nicht durch, zumal Karstadt nicht der einzige Problemfall im Unternehmen ist: Die Textilkette Sinn- Leffers leidet ebenfalls unter der deutschen Einzelhandelskrise, die Reise-, Fernseh-, Hypothekenbank-, Musik- und Kaffeehaustöchter machen dem Unternehmen im Augenblick auch nicht besonders viel Freude.

    Für Karstadt geht es ums Überleben. Für viele der deutschen Innenstädte aber auch: Dort sind Warenhäuser wie Karstadt und Kaufhof immer noch die Zentren, an denen sich entscheidet, ob eine Innenstadt funktioniert. Kaufhäuser haben städtische Funktionen, die weit über das hinausgehen, was abends in der Ladenkasse ist. Eine Fußgängerzone ohne ein Warenhaus ist schwer zu erhalten. Und zwar nicht, weil heute viele Kunden wegen eines Warenhauses in die Innenstadt fahren – eine der wenigen Ausnahmen dafür ist das Berliner KaDeWe – sondern, weil Kaufhäuser für den Einkaufsmix einer City zentral sind. Kleine Geschäfte, Handelsketten, Apotheken, Lebensmittelhändler und Kinos kommen danach. Und oft ziehen auch sie weg, wenn das Kaufhaus geht. Für diese zentrale Funktion gibt es aber keine unmittelbare Rendite – weder in Itzehoe noch in Berlin.

    Karstadt-Quelle muss seine Krise nach betriebswirtschaftlichen Kriterien lösen: Wenn es dafür nötig ist, Häuser zu schließen, wird dagegen kaum ein Argument stechen. Die Konzepte für die Sanierung der bestehenen Häuser liegen auf dem Tisch: weniger Verwaltung, mehr Beratung, weniger Verwechselbares, mehr Markenshops. Keine Rabattschlachten mehr, dafür Qualitäts- Shopping mit Spaß dabei. So stellen sich die Warenhausmanager die Zukunft vor. Ob und wie das Unternehmen diese Kur übersteht, ist eine Frage der unternehmerischen Leistung und der Bereitschaft der Mitarbeiter, den neuen Weg auch mitzugehen.


    400.000 Quadratmeter neue Einzelhandels- Fläche in Berlin genehmigt


    [ FNP-Bericht 2004 ]

    Die Konzepte für die Bürgermeister, Regionalplaner und Städtebauer dagegen sind noch nicht so deutlich geschrieben [Ed: Gesetzgeber gefragt?]. Zwar ist das Gejammer immer fürchterlich, wenn ein Kaufhaus entscheidet, zu schließen oder in ein Einkaufszentrum vor die Tore der Stadt zu ziehen. Dann wird gegen die Billigmentalität geschimpft und gegen Supermärkte auf der grünen Wiese. Doch eine überzeugende Strategie, wie den Händlern das Bleiben in der Innenstadt schmackhaft zu machen ist, ist bisher noch kaum jemandem eingefallen. Die Stilwerke, Innenstadt- Initiativen und Handelsgemeinschaften machen immer noch einen ein bisschen provisorischen Eindruck. Und wenn es darauf ankommt, weisen die Bürgermeister doch neue Flächen an den Rändern der Städte aus – aus Angst, dass es sonst die Nachbargemeinde tut [Ed: Beispiele].

    Das Land Berlin zum Beispiel, nicht gerade gesegnet mit wohlhabenden Kunden, hat für die nächsten Jahre 400.000 Quadratmeter neue Einzelhandelsfläche in der Stadt genehmigt. Jeder weiß, dass das auf Kosten der bestehenden Flächen gehen wird. Niemand darf sich wundern, wenn noch ein paar mehr Einkaufsstraßen in der Stadt in den nächsten Jahren zu Problemfällen werden. Der Wegzug oder das Schließen von Kaufhäusern ist meist nur der letzte Schritt, wenn eine Einkaufsgegend stirbt. Gerät ein Unternehmen wie Karstadt in die Krise, vollzieht sich dieser Prozess noch schneller.

    Aktuelle Beispiele aus Berlin-Steglitz:
    [20.02.1998:
    Baustadtrat Kopps Bauvorbescheid für den OBI-Baumarkt an der Goerzallee]  (BERLINER ZEITUNG)
    [12.01.2000: Roller-Markt genehmigt]  (BERLINER ZEITUNG)
    [16.05.2000: OVG-Urteil Curtiusstraße]  (Gericht stoppt Einkaufszentrum)
    [25.02.2004: 3. Einkaufszentrum in Giesensdorf]  (DIE WELT)
    [01.08.2004: Dispens-Planung in Lichterfelde]  (khd-Page)
    [15.09.2004: Bauskandal in Giesensdorf]  (khd-Page)
    [17.09.2004: Verbraucher kaufen zu wenig ein]  (BERLINER ZEITUNG)
    [25.09.2004: Marmor und Palmen für die Schloßstraße]  (khd-Page zur Steglitzer Schloßgalerie)



    Die Mehrzahl der Berliner Warenhäuser ist profitabel

    Karstadt plant in Berlin keine Entlassungen / Kritik am Berliner Senat

    Aus:
    Berliner Zeitung, 5. Oktober 2004, Seite xx (Berlin) von PETER NEUMANN. [Original]

    Karstadt will in Berlin kein Warenhaus schließen und plant hier derzeit auch keine betriebsbedingten Kündigungen. Das hat Karstadt-Direktor Holger Grabmeister gestern bekräftigt. Stattdessen will der angeschlagene Einzelhandelskonzern durch eine Änderung der Sortimente auch seinen kleineren Berliner Häusern eine Zukunft geben. "Wir werden unser Angebot mehr als bisher an den lokalen Bedürfnissen ausrichten", sagte der Manager. "Wer einen Mantel kaufen will, fährt meist nicht zum Karstadt-Haus an der Turmstraße, sondern lieber in die Innenstadt. Bei einem Eimer Farbe ist es dagegen umgekehrt: Dieser Artikel wird in unserem Haus in Moabit gut verkauft."

    Die Berliner Warenhäuser des Konzerns seien "in der Mehrzahl profitabel", teilte Grabmeister mit. So wäre das Haus an der Berliner Straße in Tegel erweitert worden, obwohl die Verkaufsfläche weniger als 8.000 Quadratmeter umfasst. Trotzdem müsse Karstadt rentabler werden. Größere Probleme gebe es im Hertie-Warenhaus an der Karl-Marx-Straße. Der Niedergang dieser Neuköllner Einkaufsstraße mache es "nicht einfach", dort Einzelhandel zu betreiben, sagte der Karstadt- Direktor. "Wir werden dieses Haus zu einem Einkaufszentrum profilieren." Der Konzern sei sich seiner Verantwortung für die Stadt bewusst: "Wenn wir dieses Haus zumachen würden, wäre das fatal."

    In Berlin habe Karstadt in der Vergangenheit keine betriebsbedingten Kündigungen ausgesprochen, sagte Grabmeister. Ein Grund dafür sei die hohe Fluktuation der Beschäftigten. Er gehe "im Moment" davon aus, dass Karstadt in Berlin auch auf absehbare Zeit nicht kündigt. Dies stehe aber unter dem Vorbehalt, dass es mit der Gewerkschaft Verdi und den Betriebsräten gelingt, die Kosten zu senken. Grabmeister: "Wir müssen die Arbeitszeiten flexibilisieren." Dies soll bewirken, dass der Personaleinsatz besser dem Kundenaufkommen angepasst werden kann. Auch will Karstadt weiter rationalisieren. Heute leiste sich noch jede Filiale ein Personalbüro.

    Kritik am Senat

    Allerdings nahm der Karstadt-Direktor auch die Berliner Verwaltung in die Pflicht. Sie habe in der Vergangenheit zu viele Einkaufszentren genehmigt und so die wirtschaftliche Basis des übrigen Einzelhandels geschmälert. Ein Beispiel sei die Altstadt Spandau. Sie sei "praktisch tot", seitdem nebenan die Spandau- Arkaden stehen.

    Grabmeister bezeichnete die Entwicklung als "Wahnsinn". Während die Verkaufsfläche von 1993 bis 2003 im Bundesdurchschnitt um 18 % erweitert wurde, betrug der Zuwachs in Berlin 93 % – obwohl die Kaufkraft hier geringer sei als anderswo. Ein Ende des Booms sei nicht absehbar: In Berlin seien 50 weitere Einkaufszentren geplant.

    "Die Stadt muss wissen, was sie da tut", sagte der Direktor. Er fürchte, dass die vom Senat angekündigte Fortschreibung des "Stadtentwicklungsplans Zentren" zu spät kommt. Trotzdem will sich Karstadt mit Kaufhof an der Initiative "MittendrIn Berlin" beteiligen, die der Senat sowie die Industrie- und Handelskammer für 2005 planen. "Diese Initiative ist unsere Aufforderung, sich mit der Frage auseinander zu setzen, wie Berlins Zentren attraktiver gestaltet werden können", sagte Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD). Der Senat fördere den Wettbewerb in der ersten Stufe mit 100.000 Euro [Ed: und was passiert am Berliner Stadtrand...].

    6.10.2004 (khd/bz). Die Berliner B.Z. schreibt heute zur Kritik des Karstadt- Direktors am Senat von Berlin: »Christoph Lang, Sprecher der Senatswirtschaftsverwaltung, (...) wehrt sich gegen den Vorwurf von Karstadt- Direktor Holger Grabmeister, der Senat habe in der Vergangenheit zu viele Einkaufszentren genehmigt. „Wir können niemandem verbieten, noch ein Kaufhaus oder noch ein Shopping- Center zu bauen. Das sind alles private Investitionen. In Berlin herrscht eben ein knallharter Verdrängungswettbewerb“, so Lang.«



    Entwicklungshilfe für Einkaufsstraßen

    Berlin ist mehr als Alex, Ku'damm und Potsdamer Platz / Senat will Zentren wie Tempelhofer Damm oder Schönhauser Allee attraktiver machen / [Ed: und anderswo?]

    Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 5. Oktober 2004, Seite 7 (Berlin). [Original]

    Die Stadtentwicklungsverwaltung wendet sich den Problemen der Berliner Einkaufsstraßen zu. Seit dem Mauerfall stand die Entwicklung der Zentrumsmeilen am Alex, Ku'damm oder Potsdamer Platz im Mittelpunkt, jetzt hat die Verwaltung von Senatorin Ingeborg Junge- Reyer (SPD) einen Stadtentwicklungsplan "Zentren" für die anderen Einkaufsstraßen erstellt. Ende Oktober soll der Plan erstmals im Senat diskutiert werden [Ed: 10 Jahre zu spät!]. "Es war richtig, sich in den letzten Jahren der City zu widmen", sagte die Senatorin am Montag [4.10.2004], "aber wir dürfen den Tempelhofer Damm oder die Schönhauser Allee nicht aus dem Blick verlieren."

    Mit der Frage, wie kränkelnde Innenstädte wieder attraktiver werden, befasst sich auch ein zweitägiger Kongress im Roten Rathaus, den Junge-Reyer zusammen mit dem Minister für Städtebau des Landes Nordrhein-Westfalen, Michael Vesper, am Montag eröffnete. Auf der Grundlage des an Rhein und Ruhr seit sechs Jahren praktizierten Programms "Ab in die Mitte" wollen die Stadtplaner über Wege diskutieren, die Innenstädte wieder attraktiver zu machen.

    Der Stadtentwicklungsplan listet anhand von Einkommens- und Bevölkerungsstruktur die Potenziale der Berliner Einkaufsstraßen auf und legt fest, wo noch neue Einzelhandelsflächen entstehen können. Zusammen mit dem Plan will die Verwaltung außerdem einen Wettbewerb der Einkaufsstraßen ausloben. Dabei sollen Projekte prämiert werden, die zur Steigerung der Attraktivität beitragen. "Es geht nicht darum, Dönerbuden und Chinapfannen aneinander zu reihen", erklärt Dietrich Flicke, Abteilungsleiter der Stadtentwicklungsverwaltung, "sondern um ein künstlerische Idee zum Beispiel." Vorbilder hat das "Ab in die Mitte"- Projekt aus Nordrhein-Westfalen genügend geliefert, etwa eine kunstvolle Beleuchtung der Schwebebahn in Wuppertal. Das kann sich die Verwaltung auch für die stadtbildprägende Hochbahn in Kreuzberg oder Prenzlauer Berg vorstellen, um das Image zu stärken. Für den Wettbewerb hat der Senat als Preisgeld 100.000 Euro zur Verfügung gestellt. Wie viel Steuergelder in die konkrete Umsetzung der Ideen fließen wird, steht jedoch noch nicht fest.

    Es hört sich alles ein wenig nach Quartiersmanagement für die bedrohten Einkaufsstraßen an und so ist es auch gemeint. Genauso wie in den Problemkiezen sollen auch in den Einkaufsstraßen alle an einen Tisch. Mit dabei wäre immer auch die Industrie- und Handelskammer (IHK). Ihr Präsident Eric Schweitzer forderte eine "Rückbesinnung auf die Werte der Stadt" und verlangte eine Stärkung der kleinen Läden, die noch vom Inhaber selbst geführt werden: "Sie sind das Salz in der Suppe der Innenstädte."

    Für eine Zusammenarbeit dieser Art gibt es erfolgreiche Beispiele aus New York oder London. Anders als dort laufen die Innenstadt- Projekte hierzulande auf eine Private-Partnership- Finanzierung hinaus, bei der Steuern neben Sponsorengeldern verwendet werden. Ironie dabei: Einer der Partner ist der in Schwierigkeiten geratene Karstadt-Konzern.



    Leerstand der Dinge

    Wo die Hauptstadt verödet: eine Topografie des Scheiterns im Kreuzberger GSW-Hochhaus

    Aus:
    Der Tagesspiegel, Berlin, 5. Oktober 2004, Seite xx (Berlin). [Original]

    Irgendwann konnte Hannes Wanderer die vielen Schilder nicht mehr übersehen, auf denen "Zu vermieten" stand. Auf seinem Weg zum U-Bahnhof kam er jeden Tag an ihnen vorbei: Aufgegebene Geschäfte, leere Läden, für immer geschlossene Kneipen. Wanderer ist Profi in der Beobachtung der Waren- und Konsumwelten. Seit acht Jahren ist der Berliner Fotograf Mitinhaber einer kleinen Werbeagentur. Der Leerstand, die aus allen wirtschaftlichen Verwertungszusammenhängen herausgefallenen Räume mitten in der Stadt, fing an, ihn zu faszinieren.

    "Diese leer stehenden Geschäfte überall, auch in gutbürgerlichen Gegenden, sind wie eine Art Schattenwelt, eine Parallelexistenz im wirtschaftlichen Getriebe der Stadt", sagt er über diese blinden Flecken der Ökonomie. Gemeinsam mit Andreas Göx, einem befreundeten Fotografen, hat Wanderer diese "Schattenwelt" exzessiv dokumentiert. Von April 2003 bis Juni 2004 sind Göx und Wanderer auf hunderten von Recherche-Spaziergängen durch Berlin gestreift und haben verwaiste Geschäfte aufgenommen. Über zweieinhalbtausend leere Läden in allen Bezirken, Größen und Preislagen – eine monomanische Ethnografie des Stadtraums, die mehr über Berlin erzählt als alle Erfolgsmeldungen aus der Wirtschaftsverwaltung und Machbarkeitsstudien von Stadtentwicklern. Entstanden sind über 12.000 Bilder, einige davon sind jetzt im Foyer des GSW-Hochhauses in der Kochstraße zu sehen.


    Aber auch die GSW selbst hat große Probleme mit dem Leerstand von Läden, wie das Beispiel Thermometer-Siedlung zeigt.


    [ Geschäftesterben.pdf ]
    [ Geschäftesterben2.pdf ]
    [ Geschäftesterben3.pdf ]

    Die Langzeitrecherche der beiden Fotografen ist keine Schrulle. Das Ladensterben verändert Berlin. Allein rund um Kurfürstendamm und Tauentzienstraße müssen jeden Monat 30 Läden schließen, hat der Immobilienfachmann Gottfried Kupsch ausgerechnet – Folge schrumpfender Kaufkraft und eines rabiaten Verdrängungswettbewerbs. Keine andere deutsche Stadt hat so viele Einkaufszentren wie Berlin: 50 Shopping- Center mit insgesamt 915.000 Quadratmetern Verkaufsfläche. Allein im größten Einkaufszentrum Berlins, den Neuköllner Gropius- Passagen, werden auf 85.000 Quadratmetern Waren und Dienstleistungen angeboten. Nach Berechnungen der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin hat die Stadt damit die größte zentral gelegene Einzelhandelsfläche im Verhältnis zur Einwohnerzahl. Für kleine Läden ist diese erdrückende Konkurrenz existenzbedrohend. Verschärft wird sie von der trägen Nachfrage. Für 2004 rechnet der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) wegen der anhaltenden Konsumflaute bundesweit mit mindestens 4.500 Firmenpleiten und noch mehr stillen Firmenschließungen. In den Bildern von Wanderer und Göx sind die Spuren der Verlierer im Verdrängungswettbewerb zu besichtigen: Momentaufnahmen aus der Rezession, Reste gefloppter Geschäftsideen, Endmoränen bankrott gegangener Kleinstunternehmen.

    Der Reiz der Fotoserie liegt in ihrem stur dokumentarischen Charakter: Kein Kommentar, keine Inszenierung, kein künstliches Licht. Auch keine Auswahl, die sich auf apart vergammelte Ruinen- Romantik kaprizieren und etwa die sterile Glätte unrentabel gewordener Kaufhäuser, geschlossener Bankfilialen oder einer abgewickelten McDonalds-Filiale verschmähen würde. Wanderer und Göx haben alles fotografiert, immer auf dieselbe Weise: Durch Glastüren oder Fenster hindurch, in der frontalen Draufsicht. Lauter menschenleere Räume, in denen ab und zu ein stehen gelassener Besen, eine Hängelampe, verloren herumstehende Stühle, ein übrig gebliebener Tresen, sinnlos aus der Wand hängende Kabelbündel oder ein halbes Dutzend verstaubter Spielautomaten Spuren menschlichen Lebens und Wirtschaftens andeuten.

    Ein opulenter Bildband, der begleitend zur Ausstellung erschienen ist, dokumentiert hunderte dieser Aufnahmen aus verlassenen Soziobiotopen. Viele von ihnen erzählen Geschichten von improvisierten Inneneinrichtungen, die auf nicht minder abenteuerliche Geschäftsideen und ein bestenfalls semiprofessionelles Wirtschaftsgebaren schließen lassen – eine sehr berlintypische Ökonomie des Durchwurstelns. Daneben finden sich luxuriös ausgestattete Räume, sauber gekachelte Wände, Parkettböden, helle, klar designte Innenräume mit glatten, weißen Oberflächen oder einfach anonym effiziente Funktionsarchitektur. Lauter nicht mehr zu verwendende Geschäftsräume, die von fehlgeschlagenen Investments, nicht aufgegangenen Businessplänen, unterschrittenen Umsatzzielen, zu hohen Nebenkosten erzählen.

    Es gibt auch Räume, die sehen aus, wie nach einem Bombeneinschlag: Marode, einstürzende Decken, abbröckelnde Wände, Trümmerberge in den Ecken, unidentifizierbarer Müll – aufgegebene Orte, an denen nur noch Tauben und Ratten hausen. "Wir haben Orte gesehen, die man in einer Großstadt der ersten Welt, in einem reichen Land wie Deutschland, nicht vermuten würde", sagt Andreas Göx über diese Begegnungen mit zu Müllhalden mutierten Geschäftswohnungen. "Wenn in ganzen Straßenzügen ein Geschäft nach dem anderen schließt, beschleunigt das sicher den Absturz der Gegend."

    Für die beiden obsessiven Stadtforscher zerfällt Berlin seit ihrer Fotorecherche in viele Städte, Segmente, Ökonomien. Neben den Konzernzentralen am Potsdamer Platz und den Hauptquartieren der Unterhaltungsindustrie existieren ausgedehnte Parallelwelten, in denen die Rede von der Boomtown Berlin wie ein bizarrer Witz klingen muss.

    GSW-Haus (Kochstr. 22, Kreuzberg), werktags 10–19 Uhr. Katalog: H. Wanderer, A.Göx: Time Out. Leere Läden in Berlin. 260 Seiten, Verlag Peperoni Books, 35.- Euro.



    I N V E S T I T I O N E N

    Und sie schwimmen in Milliarden

    Weltweit steigen die Gewinne der Unternehmen. Doch statt zu investieren, kaufen sie lieber eigene Aktien zurück. Der Aufschwung ist bedroht.

    Aus:
    DIE ZEIT – Nr. 42/2004, 7. Oktober 2004, Seite xx (Wirtschaft). [Original]

    Investitionen sind wichtig für das Wachstum, weiß der Bundeskanzler. „Wir brauchen mehr Investitionen“, sagt die Oppositionsführerin. Beide, Gerhard Schröder und Angela Merkel, haben Recht: Ohne Investitionen gibt es keinen Aufschwung, keine Innovationen – und damit auch kein Mehr an Wohlstand. Doch in Deutschland wird kaum noch Geld in neue Produktionsanlagen gesteckt.

    Seit vier Jahren weist die Bundesbank Quartal für Quartal einen Rückgang der Investitionen aus: Von 90 Milliarden Euro im zweiten Halbjahr 2000 auf nur noch 71 Milliarden Euro in der ersten Hälfte dieses Jahres – ein Minus von mehr als 20 %. „Der Staat muss die Rahmenbedingungen verbessern, die Unternehmen entlasten“, fordern unablässig die Lobbyisten der Industrie.

    Wirklich?

    Das Gros der Aktiengesellschaften schwimmt in Geld, in Deutschland genauso wie in Amerika oder Japan. Flüssige Mittel von je einer Billion Dollar schieben die börsennotierten Konzerne dies- und jenseits des Atlantiks vor sich her, schätzen Experten der Schweizer Großbank UBS. Aber in keinem der drei größten Länder der Welt setzen die Unternehmen wieder auf Expansion, wie sie es Ende der neunziger Jahre taten. Anstatt zu investieren, schütten sie das Geld an ihre Aktionäre aus – entweder direkt, in Form von Sonderdividenden, oder indirekt, indem sie eigene Aktien zurückkaufen und auf diese Weise den Börsenkurs nach oben treiben.

        Cashflow und Investitionen in D und USA
    ^   In Deutschland klafft bei den DAX-Unternehmen die Schere zwischen Cashflow und Investitionen immer weiter auseinander.   Quellen: ZEIT, Deutsche Bank, Sal. Oppenheim, CDC Ixis.
    Die Deutsche Bank etwa hat seit Mitte 2002 insgesamt 6,2 Milliarden Euro für Aktienrückkäufe ausgegeben, BASF hat an diesem Montag die Summe für das laufende Jahr auf eine Milliarde Euro verdoppelt. Auch die Deutsche Telekom, die Post, die Deutsche Börse, Siemens und der Energieriese E.on weisen so viel Cash in ihren Bilanzen aus, dass sie wohl bald Geld ausschütten dürften.

    Das Vorbild dieser neuen Großzügigkeit heißt Microsoft. Der amerikanische Softwareriese kündigte im Sommer an, insgesamt 75 Milliarden Dollar an die eigenen Aktionäre zu geben. Auch der britische Ölkonzern BP, der in diesem Jahr bereits für 5,5 Milliarden Dollar Aktien von der Börse genommen hat, die französische Telekommunikationsfirma Bouygues oder British Telecom haben ihren Aktionären massive Geldgeschenke in Aussicht gestellt.

    Der angenehme Nebeneffekt für die Vorstände: Sie können sich wahlweise als Gönner gerieren, wenn sie eine Sonderdividende zahlen, oder als Wertsteigerer, wenn sie eigene Aktien zurückkaufen. Gerade Letzteres ist nur Augenwischerei, weil zwar der Aktienkurs steigt, aber der Börsenwert des Unternehmens – die Zahl der Aktien multipliziert mit dem Aktienkurs – gleich bleibt. Doch wen interessiert das gegenwärtig schon? Das Motto lautet: Bloß keine Fehler machen! Und jede Investition birgt nun mal ein unternehmerisches Risiko; jedes Geldgeschenk an die Anteilseigner aber bringt kurzfristig Applaus.

    Vor allem in Deutschland habe sich eine „Kultur der absoluten Fehlervermeidung herausgebildet, die zu einer gewissen Unbeweglichkeit führt“, sagt Andreas Nick, der bei der UBS das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen in Deutschland leitet. Aber auch in Amerika und Japan münden steigende Gewinne nicht mehr automatisch in Investitionen. Das entkräftet zugleich das Argument, die deutschen Unternehmen würden ihr Geld eben nur nicht zu Hause ausgeben, sondern in Osteuropa oder China, wo die Arbeitsstunden billiger sind. Tatsächlich geizen die Konzerne insgesamt mit Investitionen.

    Das beweist die Entwicklung der Investitionen im Vergleich zu den flüssigen Mitteln der Konzerne, dem so genannten Cashflow: Diese Schere geht weltweit immer weiter auseinander (siehe Grafik). „Die Unternehmen verdienen derzeit unverschämt gut“, sagt Rolf Elgeti, Aktienstratege für Europa bei ABN Amro. Nach Berechnungen von UBS erwirtschaften die europäischen Aktiengesellschaften heute wieder reale Kapitalrenditen wie zuletzt in den sechziger Jahren. Das dürfte auch in naher Zukunft so bleiben, schätzt Stefan Bergheim, Makro-Analyst bei Deutsche Bank Research. Denn die Lohnstückkosten, also die Lohnkosten, gemessen an der Produktion der Volkswirtschaft, hinken der Preisentwicklung immer weiter hinterher – in Deutschland, in Amerika und auch in Japan.

    In Deutschland liegen die Lohnstückkosten immer noch unter dem Niveau von 1996, während die inländischen Preise um 7 % gestiegen sind. Die Folge: Die Verteilung des Volkseinkommens zwischen Löhnen und Gewinnen verschiebt sich immer weiter zugunsten der Gewinne. Noch nie seit der Wiedervereinigung entfielen knapp 31 % des deutschen Bruttoinlandsproduktes auf die Gewinneinkommen (siehe Grafik).

    „Besorgniserregend“ nennt Patrick Artus, Chefvolkswirt der französischen Großbank CDC, das neue Phänomen. Wenn Gewinne nicht mehr in profitable Investitionen oder konsumierbares Einkommen fließen, fällt im besten Fall der Aufschwung geringer aus. Im schlechtesten Fall droht erneut eine Rezession.

    Gewinne und Löhne seit 1991    
    ^   Die Gewinne vieler Unternehmen explodieren. Aber sie investieren nicht. Folge: Der Aufschwung bleibt aus, und es stehen keine neuen Arbeitsplätze. Eine Rezession droht.  
    Quellen: ZEIT, Deutsche Bank, Sal. Oppenheim, CDC Ixis.
    Natürlich könnten die Anteilseigner das zusätzliche Geld in neue Unternehmen stecken. Doch für die Pessimisten spricht, dass die von den Unternehmen mit Sonderdividenden beglückten Aktionäre derzeit das Risiko scheuen. „Sie haben die Nase voll von Verlusten“, sagt Kristian Klasen, der für die holländische Bank ABN Amro innovative Kapitalmarktprodukte vertreibt. „Die Cash-Quote in den Depots der deutschen Anleger liegt bei rund 20 %“, hat Klasen ermittelt. Das ist außerordentlich hoch. Kaum anders handeln die professionellen Fondsmanager, deren Cash-Quote mit knapp 5 % ebenfalls überdurchschnittlich hoch ist, wie die monatliche Fondsmanagerumfrage der Investmentbank Merrill Lynch ergeben hat.

    Das freie Kapital findet also nicht in gewohntem Umfang zurück in den Kreislauf. Warum?

    Zu hohe Renditevorstellungen: „Wir finden keine Investitionsobjekte“, stöhnt ein hochrangiger Mitarbeiter des Unternehmens Deutsche Börse. „Alle Ideen scheitern an der internen Vorgabe, dass jedes neue Projekt mindestens 18 bis 20 % Rendite erwirtschaften muss.“ So geht es heute vielen Strategen in den Führungsetagen. Ihre Chefs haben den Aktionären Eigenkapitalrenditen versprochen, die auf Dauer unrealistisch sind.

    „Religiös“ nennt Paul Lerbinger das Verhalten deutscher Vorstandschefs, die sich an einmal festgelegte interne Renditevorgaben klammern. „Aufgrund kurzfristiger Überlegungen wird auf strategisch sinnvolle Übernahmen verzichtet“, kritisiert der Deutschland-Experte für Fusionen und Übernahmen bei der Citigroup.

    „Eine Investition oder Übernahme muss zumindest die Kosten des Eigenkapitals verdienen, am besten natürlich mehr“, sagt Bernd Meyer, Aktienstratege für Europa bei der Deutschen Bank. Wie hoch aber sind die Eigenkapitalkosten? Sie setzen sich aus einem risikolosen Zins zusammen, wie ihn Staatsanleihen abwerfen, zuzüglich der Zitterprämie, die jede Aktiengesellschaft ihren Anlegern bieten muss, um das Risiko auszugleichen. Langfristige Risikozuschläge – gemessen an der durchschnittlichen Aktienrendite über fünfzig Jahre – liegen bei 3, maximal 4 %. Wählt man dagegen einen kurzen Zeitraum, etwa die boomenden neunziger Jahre, kommt man locker auf eine Zitterprämie von 10 % und mehr.

    „Viele Vorstandschefs hängen noch an Zahlen, die aus den goldenen neunziger Jahren stammen, als am Aktienmarkt fast risikolos 15 % Kursgewinne und mehr pro Jahr erzielt werden konnten“, sagt UBS-Banker Nick. Die Investitionsflaute als Fluch der Boomjahre.

    Entlohnung anhand des Aktienkurses: Shareholder-Value hieß die Bewegung in den neunziger Jahren. Sie hat den Aktienkurs in den Mittelpunkt der Vorstandsbeschlüsse gestellt. Fast alle Aktiengesellschaften entlohnen mittlerweile ihre Topmanager zum großen Teil gemäß des Aktienkurses. Also werden die Vorstände verleitet, auf kurzfristige Erfolge zu schielen, die sich gleich im Aktienkurs niederschlagen. Außerdem dringen die Wünsche von Aktionären mit kurzem Zeithorizont rascher in die Führungsetage durch, sodass Investitionen unterbleiben, die sich nur langfristig auszahlen. Da kauft man lieber eigene Aktien zurück – schließlich gibt es keine elegantere Entscheidung, die sofort auf den Kurs wirkt.

    So hat die Deutsche Bank seit Mitte 2002 rund 78 Millionen Aktien über die Börse zurückgekauft. Das hat der Rendite je Aktie gut getan, weil der Gewinn auf weniger Anteilsscheine verteilt werden muss – und auch dem Kurs. Wären immer noch 622 Millionen Deutsche-Bank-Aktien im Umlauf, läge der Kurs heute bei 53 Euro anstatt bei 61 Euro.

    „Show me the money“, zeig mir das Geld, überschrieb die Investmentbank Merrill Lynch im August das Ergebnis der monatlichen Umfrage bei internationalen Fondsmanagern. Erstmals seit diese Umfrage durchgeführt wird, votierte die Mehrheit der Fondsmanager für Aktienrückkäufe oder Sonderdividenden an die Anteilseigner.

    Vor zwei Jahren hatten die Vermögensverwalter noch empfohlen, die Schulden zu reduzieren, vor einem Jahr hielten sie Investitionen für die geeignetste Strategie. Die Fondsmanager sind mächtig: Wenn die Vorstände der Unternehmen nicht der Einschätzung den Großinvestoren folgen, können sie sicher sein, dass es dem Aktienkurs ihres Unternehmen erst einmal schlecht gehen wird.

    Überkapazitäten: Es gibt auch volkswirtschaftliche Gründe für die auffallend niedrigen Investitionen. „Die Weltwirtschaft leidet noch immer an Überkapazitäten“, sagt Dieter Wermuth, Chefvolkswirt für Euroland bei der japanischen Großbank UFJ. Der Investitionsboom der späten neunziger Jahre sei noch nicht abgearbeitet. Das gilt für Deutschland und Amerika gleichermaßen. Wenn die Konsumenten weltweit nicht mehr Geld ausgeben als bisher, werde sich daran zunächst wenig ändern, glaubt Wermuth. Doch in Amerika sind die Verbraucher hoch verschuldet und in Deutschland stark verängstigt, weil sie nicht wissen, was sie durch die heimischen Reformen verlieren.

    Woher soll die neue Ausgabenfreude kommen?

    Wenn weder die Vorstandschefs noch die Aktionäre mit den hohen Gewinnen etwas anzufangen wüssten, dann müssten eben die Gewinne reduziert werden, damit die Volkswirtschaft als Ganzes nicht Schaden nimmt, meint CDC-Ökonom Artus. Natürlich ist es utopisch, dass die Chefs um der Gesamtwirtschaft willen die Preise ihrer Produkte senken oder die Löhne ihrer Arbeiter erhöhen – gemeinhin geben Vorstandschefs nicht freiwillig Gewinne aus der Hand.

    Patrick Artus schlägt daher vor, dass die Arbeitnehmer eine variable Gewinnbeteiligung erhalten. Die würde parallel zu den Unternehmensgewinnen steigen oder fallen. In extrem guten Jahren wie dem gegenwärtigen würde dann ein Teil der Überschüsse aus den Bilanzen der Unternehmen in der Volkswirtschaft ankommen – über den höheren Konsum.



    Überangebot an Geschäftsflächen in Berlin

    Stadtteilzentren in Gefahr / Zunehmende "Basarisierung" / Analyse widerspricht Ansicht des Senats

    Aus:
    Berliner Morgenpost, 18. Oktober 2004, Seite xx (Berlin). [Original=story710340.html]

    Der ungehemmte Ausbau der Einzelhandelsflächen in Berlin stößt auch in der Immobilienwirtschaft auf wachsende Skepsis. Während der Senat noch einen Bedarf für weitere rund 400.000 Quadratmeter Verkaufsfläche sieht, kommt eine neue Marktanalyse der HVB Expertise – Immobilienberatungsgesellschaft der Hypovereinsbank Group – zu einem sehr viel kritischeren Urteil. Der Markt sei gesättigt, bisweilen ist sogar bereits "eine Übersättigung zu beobachten", so die HVB-Analyse. "Alle besseren Standorte in der Stadt sind besetzt", urteilt Holger Weber, Einzelhandelsexperte bei HVB Expertise.

    Der weitere Zuwachs an Flächen führe nur zu einem "extremen Verdrängungswettbewerb", der eindeutig zu Lasten der Nicht-Top- Lagen gehe. Als Folge seien 1b- und Nebenlagen "kaum noch zu vermieten" oder nur mit extremen Mietnachlässen, heißt es in der Untersuchung. Selbst in den absoluten Top-Lagen wie am Kudamm habe der scharfe Wettbewerb zu einem deutlichen Rückgang der Mieten von rund 15 % seit der Jahrtausendwende geführt. Begleitet wird diese Entwicklung von weiter fallenden Umsätzen im Berliner Einzelhandel. Seit nunmehr 13 Jahren sinkt dieser kontinuierlich, auch 2004 wird sich das nicht ändern. So wird die Lücke zwischen erzielten Umsätzen und Flächenentwicklung immer größer: Allein seit 1996 ist die Verkaufsfläche in Berlin um rund 70 % gewachsen.

    Dennoch ist der Boom bei der Entwicklung neuer Flächen ungebrochen, obwohl von den aktuell 4,2 Millionen Quadratmetern Verkaufsfläche nach Angaben des Berliner Einzelhandelsverbandes bereits rund 500.000 Quadratmeter leer stehen. Während in den 90er Jahren sehr stark im Ostteil investiert wurde, schlägt nun das Pendel der Investoren wieder in Richtung Westen aus.

    Mit einer Verkaufsflächen-Ausstattung von 1,23 Quadratmetern je Einwohner liegt Berlin laut HVB nur noch knapp unter dem Bundesdurchschnitt. Das starke Wachstum der Shopping-Center und Fachmärkte – mittlerweile gibt es in Berlin mehr als 50 mit Verkaufsflächen von mehr als 5000 Quadratmeter – bringt jedoch viele gewachsene Stadtteilzentren in Bedrängnis. "Einige werden von der Bildfläche verschwinden", ist sich Holger Weber sicher. Diese würden wie etwa die Turmstraße in Moabit sprichwörtlich austrocknen, urteilte jüngst Stadtsoziologe Frank Roost. Auch die Müllerstraße in Wedding ist laut Experten ein Problemkandidat: Der etablierte Handel flüchtet, es bleiben die Discounter. Als "Basarisierung" beschreibt Holger Weber diesen Trend.

    In der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung räumt man zwar einen zunehmenden "Kannibalisierungseffekt" im innerstädtischen Einzelhandel ein. Dennoch will sie an der Entwicklung umstrittener Projekte wie etwa der "Banane" am Alexanderplatz festhalten, denn der sei ein "hochattraktiver Einkaufsplatz". Der Berliner Einzelhandelsverband und viele Geschäftsleute sehen indes in den innerstädtischen Shopping-Centern inzwischen eine viel größere Bedrohung als in den Zentren, die nach der Wende jenseits des Stadtrands gebaut wurden.

    Beate Profé, kommissarische Abteilungsleiterin in der Senatsverwaltung, hält diese Sicht für verkürzt: "Konkurrenz schadet nicht", außerdem könne man nicht staatlich verordnen, was wirtschaftlich tragfähig sei. Die Einzelhändler seien gefordert, selbst auf die neuen Entwicklungen zu reagieren. Es gebe durchaus Beispiele wie etwa in der Kastanienallee (Prenzlauer Berg), wo kleinteiliger Handel sehr erfolgreich agiere, weil er sich den Bedürfnissen der dortigen Käufer angepaßt habe, so Profé.

    Auch für Holger Weber können etablierte Stadteilzentren durchaus konkurrieren, wenn rechtzeitig reagiert wird. Ein positives Beispiel ist für ihn die Schloßstraße in Steglitz, der Erfolg schlage sogar in die Nebenstraßen aus. Auch der Abwärtstrend der Wilmersdorfer Straße sei durch neue Projekte gestoppt worden, lobt Weber.

    Hinsichtlich der Berliner Kaufkraft kommt er zu anderen Einschätzungen als der Einzelhandelsverband. Während diese aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit die Kaufkraft in der Stadt als extrem gering einschätzen, liegt sie für Weber mit 5160 Euro pro Kopf nur knapp unter dem Bundesdurchschnitt. Seine Begründung:"Der Berliner Einzelhandelhandel lebt nicht mehr von der eigenen Bevölkerung, sondern von Touristen und Käufern aus dem Speckgürtel."



    So viel Gier

    Der Kapitalismus liegt heute genauso falsch wie einst der Kommunismus

    Aus:
    Der Tagesspiegel, Berlin, 11. November 2004, Seite 10 (Positionen) von HEINER GEIßLER. Der Autor war von 1977–89 Generalsekretär der CDU. Diesen Beitrag hat Heiner Geißler für „Die Zeit“ geschrieben, in der heute der ungekürzte Artikel unter dem Titel „Wo bleibt Euer Aufschrei?“ erscheint. Dokumentiert ist hier die Print-Fassung im Tagesspiegel (Original 3). [Original 1] [Original 2] [Original 3]

       „Das Kapital hat die Bevölkerung agglomeriert, die Produktionsmittel zentralisiert und das Eigentum in wenigen Händen konzentriert.“
       „Die Arbeiter, die sich stückweise verkaufen müssen, sind eine Ware wie jeder andere Handelsartikel und daher gleichmäßig allen Wechselfällen der Konkurrenz, allen Schwankungen des Marktes ausgesetzt.“


    (Karl Marx / Friedrich Engels, 1848, „Manifest der Kommunistischen Partei“)
    In Deutschland warten 156 Jahre später – als ob es nie eine Zivilisierung des Klassenkampfes gegeben hätte – zehntausende Arbeiter auf den nächsten Schlag aus den Konzernetagen von General Motors, Aventis, VW und Continental, der sie in die Arbeitslosigkeit und anschließend mit Hilfe der Politik auf die unterste Sprosse der sozialen Stufenleiter befördert.

    Nicht das Gespenst des Kommunismus, die Angst geht um in Europa – gepaart mit Wut, Abscheu und tiefem Misstrauen gegenüber politischen, ökonomischen und wissenschaftlichen Eliten, die ähnlich den Verantwortlichen in der Zeit des Übergangs vom Feudalismus in die Industriegesellschaft offensichtlich unfähig sind, die Globalisierung human zu gestalten.

    Unter Berufung auf angebliche Gesetze des Marktes reden sie einer anarchischen Wirtschaftsordnung, die über Leichen geht, das Wort. 100 Millionen von Arbeitslosigkeit bedrohte Menschen in Europa und den USA und 3 Milliarden Arme, die zusammen ein geringeres Einkommen haben als die 400 reichsten Familien der Erde, klagen an: die Adepten einer Shareholder-Value- Ökonomie, die keine Werte kennt jenseits von Angebot und Nachfrage, Spekulanten begünstigt und langfristige Investoren behindert. Sie klagen an: die Staatsmänner des Westens, die sich von multinationalen Konzernen erpressen und gegeneinander ausspielen lassen. Sie klagen an: ein Meinungskartell von Ökonomieprofessoren und Publizisten, die meinen, die menschliche Gesellschaft müsse funktionieren wie Daimler-Chrysler, und die sich beharrlich weigern, anzuerkennen, dass auch global Regeln einzuhalten sind und Lohndumping die Qualität der Arbeit und der Produkte zerstört.

    Arbeiter in den Industriestaaten und ihre Gewerkschaften fühlen sich anonymen Mächten ausgeliefert, die von Menschen beherrscht werden, deren Gier nach Geld ihre Hirne zerfrisst. Die Menschen leben und arbeiten in einer globalisierten Ökonomie, die eine Welt der Anarchie ist – ohne Regeln, ohne soziale Übereinkünfte, eine Welt, in der Unternehmen und Großbanken unreguliert agieren können. Die globalisierte Ökonomie ist auch eine Welt, in der Kriminelle und Drogendealer ungebunden arbeiten und Terroristen Teilhaber an einer gigantischen Finanzindustrie sind und so ihre mörderischen Anschläge finanzieren.

    Wo bleibt der Aufschrei der SPD, der CDU, der Kirchen gegen ein Wirtschaftssystem, in dem große Konzerne gesunde kleinere Firmen wie Kadus im Südschwarzwald mit Inventar und Menschen aufkaufen, sie dann zum Zwecke der Marktbereinigung oder zur Steigerung der Kapitalrendite und des Börsenwertes dichtmachen und damit die wirtschaftliche Existenz von Tausenden mitsamt ihren Familien vernichten? Den Menschen zeigt sich die hässliche Fratze eines unsittlichen und auch ökonomisch falschen Kapitalismus, wenn der Börsenwert und die Managergehälter umso höher steigen, je mehr Menschen wegrationalisiert werden. Der gerechte, aber hilflose Zorn der Lohnempfänger richtet sich gegen die schamlose Bereicherung von Managern, deren „Verdienst“ darin besteht, dass sie durch schwere Fehler Milliarden von Anlagevermögen vernichtet und Arbeitsplätze zerstört haben.

    Das Triumphgeheul des Bundesverbandes der deutschen Industrie über die Billiglohnkonkurrenz aus dem Osten noch in den Ohren, müssen marginalisierte und von der Marginalisierung bedrohte Menschen sich vom Establishment als Neonazis und Kommunisten beschimpfen lassen, wenn sie radikale Parteien wählen, weil es keine Opposition mehr gibt und sie sich mit einer großen Koalition konfrontiert sehen, die die Republik mit einem Metzgerladen verwechselt, in dem tief ins soziale Fleisch geschnitten wird, anstatt durch Bürgerversicherung und Steuerfinanzierung die Löhne von den Nebenkosten zu befreien. Nur Dummköpfe und Besserwisser können den Menschen weismachen wollen, man könne auf die Dauer Solidarität und Partnerschaft aufs Spiel setzen, ohne dafür irgendwann einen politischen Preis bezahlen zu müssen. Warum wird totgeschwiegen, dass es eine Alternative gibt: eine internationale sozial-ökologische Marktwirtschaft mit geordnetem Wettbewerb?

    Auch in einer globalen Wirtschaft sind Produktion und Service ohne Menschen nicht möglich. Neue Produktionsfaktoren wie Kreativität und Wissen sind hinzugekommen. Aber das Spannungsverhältnis zwischen Mensch und Kapital ist geblieben. Die Kommunisten wollten den Konflikt lösen, indem sie das Kapital eliminierten und die Kapitaleigner liquidierten. Bekanntlich sind sie gescheitert. Heute eliminiert das Kapital die Arbeit. Der Kapitalismus liegt derzeit genauso falsch wie einst der Kommunismus.

    Der Tanz um das Goldene Kalb ist schon einmal schief gegangen. [mehr]



    Schlechte Noten für Clement

    Chef der Monopolkommission: Regierung betreibt Energiepolitik zu Gunsten der Konzerne und zu Lasten der Verbraucher

    Aus:
    Berliner Zeitung, 13. Dezember 2004, Seite xx (Wirtschaft). [Original=403425.html]

    BERLIN – 12. Dezember. Im Streit um die hohen Strom- und Gaspreise in Deutschland hat der Chef der Monopolkommission, Jürgen Basedow, die Politik der Bundesregierung scharf kritisiert. Zu Lasten der Verbraucher vertrete Rot-Grün einseitig die Interessen der Energiekonzerne, sagte Basedow der Berliner Zeitung. "Der Verbraucher soll für die langfristige Sicherung der Energieversorgung zahlen." Sämtliche großen Energieversorger wollen im kommenden Jahr ihre Tarife zum Teil drastisch erhöhen.

    Sündenfall Eon-Ruhrgas

    Basedow sagte, seit der Ministererlaubnis für die Fusion der Versorger Eon und Ruhrgas im Jahr 2002 werde deutlich, dass die Bundesregierung die deutsche Energiewirtschaft stärken wolle, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Dieser Kurs, den der amtierende Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) auch im Streit um die Reform des Energiewirtschaftsrechts fortsetze, sei zugleich ein Votum gegen Wettbewerb und gegen die Verbraucher.

    "Das wird so deutlich nirgendwo gesagt, weil es immer heißt, der Verbraucher habe darunter nicht zu leiden. Aber das stimmt so nicht", sagte Basedow. Der Jurist, der das Max-Planck-Institut für ausländisches und internationale Privatrecht in Hamburg leitet, steht der unabhängigen Monopolkommission seit Juli vor. Das Gremium nimmt im Auftrag der Bundesregierung regelmäßig zu Wettbewerbsfragen Stellung.

    Basedow betonte, dass seiner Ansicht nach der Gegensatz zwischen Wettbewerb und Versorgungssicherheit "nicht so hart vorhanden" sei, wie ihn die Regierung zeichne. Die Energieunternehmen hätten ein Interesse daran, in neue Kraftwerke, moderne Netze und die Erschließung neuer Lagerstätten zu investieren. "Ich kann nicht annehmen, dass unter einem verstärkten Wettbewerb die Versorger aufhören würden, in die eigene Zukunft zu investieren." Im Ministererlaubnis-Verfahren Eon-Ruhrgas hatte seinerzeit das Argument eine wichtige Rolle gespielt, dass nur ein finanzkräftiger Energiekonzern dauerhaft Zugang zu russischen Gasfeldern haben werde. Desgleichen betont die Energiewirtschaft stets, dass sie nur dann investieren könne, wenn die Renditen stimmen.

    Auch Länder sollen regulieren

    Angesichts der Debatte im Bundesrat über die Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes forderte Basedow Minister Clement auf, den Ländern Befugnisse im Bereich der Energiemarkt-Regulierung zu übertragen. Diese könnten lokale Anbieter effektiver überwachen als der Bund.

    Basedow appellierte ebenso an Clement, sich eindeutig für eine Vorab-Genehmigung der Durchleitungstarife durch den Regulierer stark zu machen, um den Wettbewerb anzukurbeln. Notwendig sei auch, dass geltende Gebühren noch einmal überprüft werden können. Bisher hielten sich die Versorger mit Billigung der Regierung durch hohe Netzgebühren Konkurrenten vom Hals. "Auch wenn es zu Missbrauchsverfahren kommt, kann man die im Augenblick noch relativ locker in Kauf nehmen", sagte Basedow.



    RWE, Politik und der Fall Meyer

    Die Stromrechnung

    Aus:
    Der Tagesspiegel, Berlin, 20. Dezember 2004, Seite xx (Politik) von GERD APPENZELLER. [Original]

    Hinter wenigen Buchstaben kann sich viel verbergen. Macht und Einfluss zum Beispiel. Die Kombinationen NRW, RWE und WestLB beschreiben ein Dreieck, in dem sich die ganze Kraft von Rhein und Ruhr konzentrieren. Nordrhein-Westfalen, der Energieriese RWE und die Westdeutsche Landesbank, diese drei bilden seit Jahrzehnten das, was man heute neumodisch privat- public- partnership nennt. Im kraftvollsten und durchsetzungsmächtigsten deutschen Bundesland gibt es von je her ein Grundverständnis. Das lautet: Was gut ist für die RWE, ist auch gut für NRW, und wenn man Hilfe braucht, steht die WestLB bereit. Was für das Land gilt, gilt auch für die Menschen. Deshalb hat die RWE Politiker auf den Gehaltslisten, die einmal nützlich sein könnten.

    So etwas Ähnliches gab es vor gut 20 Jahren schon einmal in Deutschland. „Pflege der politischen Landschaft“ nannten die verantwortlichen Herren des Hauses Flick den fürsorglichen Umgang mit Politikern. Mit Hermann-Josef Arentz und Laurenz Meyer stehen nun zwei prominente Christdemokraten als Begünstigte dieser Landschaftspflege im Scheinwerferlicht. Das darf nicht zu dem Trugschluss verführen, CDU-Politiker seien besonders anfällig für Zuwendungen. Zu den Abläufen innerhalb des nordrhein- westfälischen Machtdreiecks gehört auch, dass man sich geldwerte Vorteile permanent über Bande zuspielen kann – es trifft immer den Richtigen. Seit der Flickaffäre hat sich aber die öffentliche Einschätzung solcher Vorgänge geändert. Arentz, der Mann mit dem 60.000-Euro-nebenbei-Job bei der RWE, warf Friedrich Merz am Rande des Düsseldorfer CDU-Parteitags vor, dessen Anwaltstätigkeit sei auch nichts anderes. Der konterte erregt: Meines ist Arbeit, deines ist Korruption.

    Als Angela Merkel im November 2000 den neuen CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer präsentierte, meinte der genauso flapsig wie selbstbewusst, seine Chefin könne sich ja keinen zweiten Fehlgriff leisten. Er spielte damit auf seinen ruhmlos gescheiterten Vorgänger im Amt, Ruprecht Polenz, an. Da hat er wohl Recht. Aber selbst Laurenz Meyer wird doch nicht ernsthaft glauben, dass jetzt Angela Merkel zurücktritt.

    [10.12.2004: Auch Laurenz Meyer bezieht billigen RWE-Strom]  (SPIEGEL ONLINE)
    [11.12.2004: Vergünstigter RWE-Strom für CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer]  (SPIEGEL ONLINE)
    [16.12.2004: Meyer kassierte noch als CDU-Generalsekretär RWE-Gehalt]  (SPIEGEL ONLINE)
    [17.12.2004: RWE zahlte an CDU-General – Öffentlichkeit getäuscht]  (BERLINER ZEITUNG)
    [19.12.2004: Meyer will Einkommen offen legen]  (SPIEGEL ONLINE)
    [20.12.2004: CDU-General in Erklärungsnot]  (BERLINER MORGENPOST)
    [20.12.2004: Laurenz Nimmersatt]  (SPIEGEL ONLINE)
    [20.12.2004: Union ächzt unter der Meyer-Affäre]  (SPIEGEL ONLINE)
    [21.12.2004: Laurenz Meyer und sein Hartz IV]  (BERLINER ZEITUNG)
    [22.12.2004: Merkels Beinahe-Katastrophe]  (SPIEGEL ONLINE)
    [23.12.2004: Meyers Sturz – Merkels Schwäche]  (BERLINER ZEITUNG)
    [01.03.2005: Das große Schweigen des Laurenz Meyer]  (SPIEGEL ONLINE)



    Das ist „Anarcho-Kapitalismus“

    Heiner Geißler (CDU) geht weit über die Kapitalismus-Kritik von Müntefering (SPD) hinaus.

    Aus: Yahoo-News, 24. April 2005, 15.09 Uhr MESZ (Politik). [Original
    ]

    WIEN. In einem heute veröffentlichten Interview des österreichischen Wirtschaftsmagazins Trend, das Dienstag [26.4.2005] erscheint, bezeichnete der langjährige CDU-Generalsekretär die Firmenpolitik weltweit operierender Unternehmen als "Anarcho- Kapitalismus". "Diese Unternehmen können genau so frei agieren wie die Mafia, die Drogendealer, die Terroristen", wetterte Geißler. "Der Kapitalismus ist genau so falsch wie der Kommunismus. Aber im Moment ist dieser Anarcho- Kapitalismus, dieser wieder erstandene Frühkapitalismus die dominierende Ideologie."

    Seit der Aufgabe der Vereinbarungen von Bretton Woods Anfang der siebziger Jahre, das ein System fester Wechselkurse festgelegt hatte, habe sich eine gigantische Finanzindustrie entwickelt. "Osama Bin Laden finanziert seinen Terrorismus mit Hilfe dieser gigantischen Finanzindustrie, an der er im Übrigen mit beteiligt ist", meinte der CDU-Politiker, der sich nachdrücklich für die soziale Marktwirtschaft aussprach: "Richtig ist ein geordneter Wettbewerb, der geordnete Markt. Davon sind wir heute meilenweit entfernt."

    Wie sich diese Ideologie konkret auf die Schicksale der Menschen auswirkt, illustrierte Geißler am Beispiel der Deutschen Bank: "Wegen der Erhöhung der Kapitalrendite auf 25 Prozent, das erleben wir dort jetzt, wird die Existenz von sechstausend Menschen aufs Spiel gesetzt. (...) Ein Wirtschaftssystem, das sich so definiert, dass der Börsenwert eines Unternehmens umso höher steigt, je mehr Menschen entlassen werden, ist zutiefst unsittlich. Und auch ökonomisch falsch."

    Letztlich, so meinte Geißler, könne nur jene Philosophie siegen, die davon ausgehe, dass das Kapital dem Menschen zu dienen, und nicht ihn zu beherrschen habe. "Heute werden für die Kapitalrendite Menschenleben geopfert. Der moderne Kapitalismus ist eine moderne Form des Totalitarismus. Ein ökonomischer Totalitarismus, der über Leichen geht. Er nützt einigen wenigen, die immer mehr verdienen, er schadet immer mehr Menschen."

    Zur Lage in Deutschland warnt der CDU-Politiker, dass nun bereits alle Arbeitnehmer potenzielle Hartz-IV- Kunden seien. Die politischen Eliten entwickelten keine langfristig-strategische Konzeption. Arbeitslosigkeit, so Geißler, sei nicht Schicksal, sondern die Folge von schweren politischen Fehlern und von Dummheit. Und eine Folge der Unfähigkeit der Wissenschaft.

    Die rot-grüne Koalition in Berlin habe ihre Chance vertan, sagte Geißler weiter: "Man kann keine Politik betreiben, die Millionen Menschen ausgrenzt. (...) Es gibt in der Demokratie keine überflüssigen Menschen. Das ist der große Irrtum der neoliberalen Marktfetischisten. Die Menschen werden ihre Stimme nutzen, werden sich bei den nächsten Wahlen der Stimme enthalten oder sie einer radikalen Partei geben."



    Finanz-Investoren stoßen Firmen schneller ab

    Banker befürchten: Beteiligungsmarkt läuft heiß

    Aus:
    Der Tagesspiegel, Berlin, 30. Mai 2005, Seite 15 (Wirtschaft). [Original]

    FRANKFURT AM MAIN (mm/HB). Die von SPD-Chef Franz Müntefering konstatierte „Heuschreckenplage“ nährt sich inzwischen selbst. Immer öfter verkaufen die von Müntefering ins Visier genommenen angelsächsischen Finanzinvestoren ihre Beteiligungen einfach an den nächsten Finanzinvestor, statt sie an die Börse zu bringen oder an ein interessiertes Unternehmen weiterzugeben. Skeptiker warnen, dass die „Kette der Narren“, irgendwann reißen muss und das Geschäftsmodell der Beteiligungsgesellschaften wie eine Blase platzen wird.

    Optimisten wie Andreas Reinert von der Investmentbank Close Brothers gehen hingegen davon aus, dass sich solche Ketten bis ins Unendliche knüpfen lassen. „Wir werden immer mehr Verkäufe von einem Finanzinvestoren an den nächsten erleben“, prognostiziert er. Problematisch findet er das nicht: „Die einzelnen Beteiligungsgesellschaften haben unterschiedliche Kompetenzen. Es gibt Fonds, die sich auf Sanierungen spezialisiert haben, andere haben ihre Stärke bei der Forcierung des Wachstums.“ Da die einen Fonds eher bei den Kosten ansetzten und andere eher an der Steigerung des Umsatzes, ergebe sich eine Dynamik, die auch beim Verkauf von einem Investor an den nächsten für Wertschöpfung sorge.

    Dass diese Diskussion alles andere als akademisch ist, zeigt das Beispiel des Dentalspezialisten Sirona. Erstmals in der deutschen Industriegeschichte wurde ein Großunternehmen zum dritten Mal an einen Finanzinvestor weiterverkauft. Sirona stellt Ausrüstungen für die Zahnbehandlung her und war 1997 als Dental- Sparte von Siemens aus dem Konzern herausgelöst und an die Beteiligungsgesellschaft Permira veräußert worden. Im November 2003 kauften die Beteiligungsfonds von EQT, hinter denen die Wallenberg-Gruppe aus Schweden steht, Sirona von Permira für knapp 420 Millionen Euro. Mit dem Verkauf an den US-Fonds Madison Dearborn vor wenigen Wochen erlöste EQT wiederum 800 Millionen Euro. Rendite: 90 % in 18 Monaten.

    Solche Deals sehen selbst einige Finanzinvestoren kritisch: Sirona zeige, dass sich einzelne Beteiligungsgesellschaften nicht mehr an die Regeln hielten, heißt es. Üblicherweise halten die Investoren ein Unternehmen vier bis sieben Jahre, um es weiterzuentwickeln. Der rasche Weiterverkauf von Sirona durch EQT ist jedoch kein Einzelfall. So hat Blackstone den Chemiekonzern Celanese schon nach elf Monaten in den USA an die Börse gebracht, Permira will Rodenstock offenbar schon knapp zwei Jahre nach dem Einstieg wieder verkaufen. Das Problem an den kurzen Haltefristen: Jeder Finanzinvestor lädt dem Unternehmen in der Regel neue Schulden auf, um den Kaufpreis zu finanzieren. Den Erwerb von Unternehmen finanzieren die Fonds nur zu rund 30 % mit Eigenkapital, den Rest stellen Banken zur Verfügung. Die Tilgung läuft meist über 5 Jahre und länger.

    Angesichts der immer schnelleren Folge von Kauf und Verkauf fürchten Banker, dass der Markt für privates Beteiligungskapital heiß läuft, weil die Fonds im Bieterkampf um interessante Beteiligungen zu hohe Preise bezahlen. „In den vergangenen Monaten wurden für einzelne Objekte deutlich zu viel geboten“, warnt ein Investmentbanker. Die hohen Kaufpreise könnten die Investitionen am Ende in Gefahr bringen. Banker Reinert von Close Brothers sieht hier aber keine dauerhafte Gefahr. Die Beteiligungsfonds müssten ihren Investoren schließlich attraktive Renditen bieten. Und das sorge für die nötige Disziplin beim Einkauf neuer Unternehmen.

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      Zum Teil 4

    © 2004-2009  – Dipl.-Ing. Karl-Heinz Dittberner (khd) – Berlin   —   Last Update: 16.12.2009 05.11 Uhr