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WHO: Skandalöse Machenschaften der Tabakindustrie
Die internationalen Tabakkonzerne haben angeblich von ihnen bezahlte Experten in die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eingeschleust. Die "Maulwürfe" sollten den Kampf gegen das Rauchen untergraben. Die WHO legte in Genf Dokumente vor, die die Machenschaften der Tabakindustrie beweisen sollen.
Aus: Spiegel Online 2. August 2000, 15.45 Uhr (nur elektronisch publiziert). [Original]GENF. "Die Dokumente enthüllen, dass die Tabakunternehmen die WHO als einen ihrer schlimmsten Feinde betrachteten", sagte Autor Thomas Zeltner, Direktor des Schweizer Bundesamtes für Gesundheit. Er zeigte sich schockiert über die systematische und mit Millionenbeträgen finanzierte Unterwanderung der WHO- Aktivitäten. So habe ein amerikanischer Rechtsanwalt, Paul Dietrich, in den Diensten des WHO-Regionalbüros für Amerika dem Zigarettenhersteller BAT ein monatliches Beraterhonorar in Rechnung gestellt. Dietrich habe dies abgestritten, berichteten die Autoren des Berichts "Die Strategien der Tabakunternehmen, um die Antitabak- Aktivitäten der WHO zu unterlaufen".
Ein Forschungsinstitut der Tabakindustrie, Coresta, platzierte ihren Mitarbeiter als Berater einer WHO-Kommission, die die Krebsgefahr von Pestiziden auf Tabakplantagen untersuchte. Gaston Vettorazzi, der die Pestizide als sicher einstufte, erhielt Anfang der neunziger Jahre mehr als 100.000 Dollar (211.000 Mark) von Coresta.
Die Tabakindustrie spielte die Bedeutung des WHO-Berichts herunter. David Davies, Vizepräsident von Philip Morris International, sagte der "Washington Post": "Obwohl viele dieser Dokumente gegnerische Positionen und oft Konfrontationseinstellungen auf beiden Seiten widerspiegeln, glauben wir nicht, dass sie die Schlussfolgerung beweisen, dass Philip Morris Obstruktionen der WHO-Gesundheitsbotschaften über Tabak oder seine Tabakkontrollinitiativen betrieben hat."
Die von der WHO bestellten Experten haben mehrere tausend vertrauliche Strategiepapiere und interne Mitteilungen der Tabakkonzerne untersucht. Deren Veröffentlichung hatten US-Richter im Rahmen der Milliardenklagen amerikanischer Raucher vor kurzem erzwungen.
Eine Studie über das Passivrauchen, die die WHO-Agentur für Krebsforschung in Lyon erstellte, wurde schon vor ihrer Veröffentlichung 1998 in mehreren Zeitungsartikeln in Frage gestellt. Wie die Dokumente zeigten, hatte Philip Morris seit 1993 daran gearbeitet, die Studie zu unterlaufen. So hätten Wissenschaftler im Sold der Tabakindustrie Kontakt zu den Kollegen aufgenommen, die an der Studie arbeiteten, ohne ihre Auftraggeber zu nennen, heißt es in dem Bericht. Die Studie sei letztendlich nicht beeinflusst worden, doch habe die Tabakindustrie bei Journalisten erfolgreich Zweifel an den Methoden geschürt und damit die kritischen Artikel provoziert.
Die Autoren fanden Beweise, dass die Tabakindustrie bei WHO-Konferenzen angeblich unabhängige Experten gezielt etwa auf Vertreter von Entwicklungsländern ansetzte. Die Botschaft: Anti-Tabak-Kampagnen schaden euren Tabakbauern. Die WHO sollte sich besser um Impfaktionen und Malaria kümmern. Setzt euch für eine Umverteilung der WHO-Ressourcen ein.
"Dass die Tabakindustrie alle Versuche, das Rauchen einzudämmen, bekämpft, ist keine Überraschung. Was aber hier klar wird, sind das Ausmaß, die Intensität und vor allem die Taktik der Kampagnen der Tabakindustrie", heißt es in dem Bericht. Die WHO-Experten empfehlen dringend, den Einfluss der Tabakindustrie in allen Mitgliedsländern zu untersuchen. Für Mitarbeiter der WHO wurde bereits die strikte Anweisung erlassen, alle finanziellen Beziehungen zu Industrieverbänden offen zu legen. [mehr]
N E B E N W I R K U N G E NMedizin: Kampf auf allen Ebenen
Interview mit WHO-Manager Thomas Zeltner über die Unterwanderung der Weltgesundheitsorganisation durch Spione der Zigarettenindustrie
Aus: Der Spiegel 32/2000, 7. August 2000, Seite 202 (Wissenschaft). Das Interview führte RAINER PAUL. [Original]Zeltner, 53, ist Direktor des Schweizer Bundesamts für Gesundheit, Mitglied im Exekutivrat der WHO und Hauptautor der Untersuchung "Strategien der Tabakkonzerne zur Unterminierung der Tabakkontroll- Aktivitäten der Weltgesundheitsorganisation".
SPIEGEL: Nach dem letzte Woche erschienenen Bericht, den Sie im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation erstellten, haben Tabakkonzerne die WHO zu ihrem "ärgsten Feind" erklärt. Wie sah der Kampf der Konzerne gegen die WHO aus?
Zeltner: Der Kampf fand auf allen Ebenen statt. Manche der eingeschlagenen Strategien waren durchaus üblich und erwartbar, wie etwa das Überwachen der WHO-Aktivitäten; andere sind schon fragwürdiger, so die versuchte Einflussnahme auf wissenschaftliche Untersuchungen.
SPIEGEL: Sie schreiben, es sei versucht worden, die Ergebnisse zu manipulieren und die Publikation zu hintertreiben.
Zeltner: Wenn die Ergebnisse trotzdem veröffentlicht wurden, wurde eine raffinierte Medienstrategie eingesetzt mit dem Ziel, Experten und Laien zu verunsichern.
SPIEGEL: Wie geschah das?
Zeltner: Vor allem durch Einfluss auf die Fachpresse. Dort wurden Leserbriefe und Stellungnahmen abgedruckt, in denen die Stichhaltigkeit der wissenschaftlichen Untersuchungen in Frage gestellt wurde. Sie stammten oft von Wissenschaftlern, deren Verbindung zur Tabakindustrie nicht bekannt war.
SPIEGEL: Wo verliefen die Fronten zwischen der WHO und der Industrie?
Zeltner: Das Hauptinteresse der Konzerne lag darin, das Tabakkontrollprogramm der WHO möglichst klein zu halten. Zwischen 1990 und 1995 hatte die WHO für dieses Programm nur ein Mini-Budget zur Verfügung, auch die Zahl der dafür abgestellten Mitarbeiter war klein. Schon komisch, dass die Industrie zu eben dieser Zeit die Parole ausgab: Die WHO ist für uns ein ganz gefährlicher Feind.
SPIEGEL: Wie erfolgreich war die Tabakindustrie bei ihren Manipulationen?
Zeltner: Sie hat immer wieder versucht, jeden Aufbau eines größeren Programms zu unterminieren. Wenn man der Tabakindustrie und ihren Dokumenten folgt, dann scheint sie überzeugt gewesen zu sein, dass viele ihrer Bemühungen das Ziel erreichten. Es gab relativ viel Schulterklopfen, so etwa für die Briefeschreiber, nach dem Motto: "Bravo, habt ihr gut gemacht!"
SPIEGEL: Gibt es Entscheidungen der WHO, die revidiert werden müssen?
Zeltner: Ich denke schon. Es gibt alte Entscheidungen, die man überprüfen sollte. Typisches Beispiel ist der so genannte Pestizid-Entscheid, bei dem es um den Einsatz eines Tabakpflanzenschutzmittels mit nachweislich Krebs erregenden Inhaltsstoffen geht. Dies in den USA begrenzt zugelassene Pestizid darf auf Grund einer WHO-Entscheidung die wahrscheinlich ein WHO-Wissenschaftler mitprägte, der zugleich für die Tabakindustrie tätig war im Rest der Welt verwendet werden. Nicht auszuschließen ist, dass es noch eine Reihe ähnlicher Fälle gibt.
SPIEGEL: Sie schreiben, die Tabakindustrie habe Agenten in die WHO-Zentrale eingeschleust, die sich Strategiepapiere und geheime Dokumente beschafften. Wie wurden die Tabakspione enttarnt?
Zeltner: Auf Grund unserer Untersuchung.
SPIEGEL: Wie viele Maulwürfe wurden entdeckt?
Zeltner: Etwa ein halbes Dutzend Leute in der WHO, die willentlich und bewusst mit der Tabakindustrie zusammengearbeitet haben. Über personelle Konsequenzen wird die Generaldirektorin entscheiden.
SPIEGEL: Sind Sie sich sicher, alle Dunkelmänner gefunden zu haben?
Zeltner: Wahrscheinlich nicht.
SPIEGEL: Wird die WHO in Zukunft mit der Industrie zusammenarbeiten können?
Zeltner: Da habe ich erhebliche Zweifel, zumal die Tabakindustrie nun glauben machen will, mit den Gesundheitsbehörden zusammenarbeiten zu wollen. Wir wissen aus den Dokumenten, dass es eine ihrer Strategien ist, das eigene Image aufzupolieren mit Hilfe von Sprüchen wie "Auch wir sind dagegen, dass Jugendliche rauchen". Ich denke, eine Zusammenarbeit zwischen der WHO und den großen Tabakkonzernen ist schwierig, weil dafür ein hohes Maß an gegenseitigem Vertrauen unerlässlich wäre.
SPIEGEL: Für Ihren Report haben Sie mehr als 35 Millionen Dokumente aus der englischen und der US-amerikanischen Tabakindustrie gesichtet. Unterlagen über eventuelle Machenschaften deutscher, französischer oder italienischer Zigarettenhersteller fehlen bislang. Wie wahrscheinlich ist es, dass diese Unternehmen vergleichbare Strategien verfolgten?
Zeltner: Jedes Industrieunternehmen verfolgt bestimmte Lobbystrategien, das ist völlig legitim. Da verhält sich die Tabakindustrie genauso wie die Auto-, Chemie- oder Spielzeugindustrie. Mithin wäre es außerordentlich erstaunlich, wenn deutsche Tabakproduzenten keine vergleichbaren Strategien verfolgen würden.
W I S S E N S C H A F T S F Ä L S C H E RBis zu 16.000 Medikamenten-Tote pro Jahr
An den Nebenwirkungen von Arzneimitteln sterben nach Angaben von Bremer Forschern jedes Jahr doppelt so viele Deutsche wie im Straßenverkehr. Die Pharmalobby kritisiert die Zahlen als "unseriöse Hochrechnung".
Aus: Spiegel Online 12. Oktober 2000, 21.53 Uhr MEZ (nur elektronisch publiziert). [Original]BERLIN. Wie die Wissenschaftler berichten, gebe es in Deutschland mindestens 200.000 schwere Fälle von Medikamenten-Nebenwirkungen pro Jahr. Davon endeten 12.000 bis 16.000 tödlich, so der ehemalige Direktor des Instituts für Klinische Pharmakologie am Zentralkrankenhaus Bremen, Peter Schönhöfer. Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden zählte im vergangenen Jahr 7.772 Verkehrstote.
Außerdem verursachten Nebenwirkungen jährliche Kosten in Milliardenhöhe, berichtete die Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände (AgV) bei der Vorstellung eines neuen "Medikamenten-Kursbuchs". Der Bundesfachverband der Arzneimittel- Hersteller in Bonn kritisierte die Todeszahlen als "unseriöse Hochrechnung".
Schönhöfer hat mit seinem Team seit 1985 die Nebenwirkungen von Medikamenten in den vier Bremer Zentralkrankenhäusern erfasst und auf ganz Deutschland hochgerechnet eine nicht unbedingt ganz exakte Vorgehensweise. "Vier Krankenhäuser des kleinsten Bundeslandes können nicht als repräsentative statistische Grundlage für ganz Deutschland gelten", kritisierte daher auch der Verband der Arzneimittel-Hersteller.
Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern belege die Bundesrepublik einen mittleren Platz, sagte Schönhöfer. "Andere Studien haben gezeigt, dass etwa ein Drittel bis die Hälfte der durch Arzneimittel bedingten Todesfälle durch Aufklärung, Information und sachgerechte Medikamenten-Auswahl vermieden werden könnten."
Nach Angaben von AgV-Gesundheitsreferent Thomas Isenberg gehen Studien zufolge jährlich etwa 300.000 Krankenhaus-Einweisungen in Deutschland auf das Konto von Neben- und Wechselwirkungen von Medikamenten. "Im vergangenen Jahr wären dies immerhin rund 6 Prozent aller Einweisungen mit Folgekosten von bis zu 1,5 Milliarden Mark", so der Verbraucherschützer.
]Kleine Fehler unter Freunden
Die Fälschung wissenschaftlicher Ergebnisse wird immer noch als Kavaliersdelikt behandelt. Was von manchen wissenschaftlichen Publikationen zu halten ist.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 22. November 2000, Seite ?? (Meinung) von ALEXANDER S. KEKULÉ. [Original
Das berühmteste Vorbild aller Fälscher und Falschspieler in der Forschung kam in untadeligem Gewand daher: Der Österreicher Gregor Mendel, Augustinermönch und Begründer der modernen Genetik. Aus unzähligen Kreuzungs- Experimenten mit verschiedenfarbigen Erbsen leitete er 1865 die nach ihm benannten Grundgesetze der Vererbung ab, die bis heute Gültigkeit haben.
Die spätere statistische Überprüfung der von Mendel publizierten Daten war jedoch schockierend: Die Zahlen sind so genau, dass sie gefälscht sein müssen offenbar hatte der Gottesmann nach fast zehn Jahren das Erbsenzählen satt und warf diejenigen Hülsenfrüchte, die nicht zu seiner Theorie passten, kurzerhand auf den klösterlichen Komposthaufen.
Derzeit beschäftigt sich die Staatsanwaltschaft Freiburg mit einem Betrugsskandal, bei dem sich die Täter wieder hinter einer scheinbar untadeligen Profession verbergen diesmal jedoch ist die Tarnfarbe Weiß: In der Klinik des Medizinprofessors Roland Mertelsmann, einem der Stars unter den deutschen Krebsforschern, wurden Forschungsergebnisse jahrelang gefälscht oder sogar frei erfunden.
Seit 1997 waren Manipulationen in Arbeiten von Mertelsmanns ehemaligen Mitarbeitern Friedhelm Herrmann und Marion Brach entdeckt worden: Von 347 durch eine Kommission überprüften Publikationen waren mindestens 94 fehlerhaft, geschönt oder dreist gefälscht. Entdeckt werden konnten nur besonders offensichtliche Manipulationen an Abbildungen oder Tabellen, da sich die Autoren großenteils weigerten, die Originaldaten herauszugeben oder mit der Untersuchungskommission zu kooperieren.
Weitere 121 Arbeiten wurden deshalb in eine Grauzone möglicher, aber nicht bewiesener Fälschungen eingestuft. Herrmann und Brach, mittlerweile ihrerseits zu Ordinarien aufgestiegen, gaben zur Vermeidung öffentlicher Verfahren ihre Universitätslaufbahnen auf Direktor Mertelsmann jedoch ist bis heute im Amt.
Der Verteidigungswall, mit dem der Fall auf die schwarzen Schafe Herrmann und Brach eingegrenzt werden soll, bröckelt jedoch: Die Universität Freiburg erkannte kürzlich zwei weiteren Mertelsmann-Mitarbeitern wegen nachgewiesener Manipulationen die Habilitationen ab. Jetzt wurden darüber hinaus in zwei von fünf zufällig ausgewählten Arbeiten aus Mertelsmanns wissenschaftlichem Kerngebiet, an denen Herrmann und Brach nicht beteiligt waren, fehlerhafte Daten entdeckt: Um gefährliche Nebenwirkungen der umstrittenen Hochdosis- Chemotherapie auf die Blutbildung zu verharmlosen, hatten die Autoren Daten weggelassen und Graphiken verändert.
Zwar sind derartig geschönte Forschungsergebnisse mit den dreisten Fälschungen Herrmanns nicht zu vergleichen. Vielleicht handelten die Ärzte sogar in gutem Glauben an ihre Krebstherapie so wie Mendel im Glauben an seine Vererbungs- Regeln unpassende Erbsen verschwinden ließ. Gerade deshalb muss jedoch die Grauzone zwischen experimenteller Intuition und unseriöser Datenmanipulation beseitigt werden. Dazu sind strenge Regeln für den Umgang mit Forschungsergebnissen unerlässlich; deren Einhaltung muss von Forschungsinstituten, Wissenschaftsorganisationen und Fachzeitschriften kontrolliert werden.
Bisher gibt es kaum rechtliche Mittel gegen Datenfälscher, da sich meistens kein wirtschaftlicher Schaden nachweisen lässt. Auch die deutsche Forschergemeinde hat gegen den mächtigen Kollegen Mertelsmann bisher keine Sanktionen verhängt, obwohl seine indirekte Verantwortung unbestritten und ein erheblicher Teil seiner Publikationsliste nichtig ist. Anderswo ist man weniger zimperlich: In Südafrika wurde vor kurzem ein Wissenschaftler, der manipulierte Daten zur Hochdosis-Chemotherapie veröffentlicht hatte, fristlos gefeuert.
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