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]Saftige Geldstrafe für Herzchirurgen
Der Herzklappenskandal gleicht dem Parteispendenskandal. Ein Universitätschirurg nimmt Geld von einem Medizinprodukte- Hersteller. Er habe sich nicht persönlich bereichert, sondern es in die Forschung gesteckt das Gericht verurteilte den Heidelberger dennoch.
Aus: AP-Meldung, 28. März 2001, ??.?? Uhr (Medizin). [Original
HEIDELBERG (AP). Im Heidelberger Herzklappen-Prozess ist der angesehene Herzchirurg Siegfried Hagl zu einer Geldstrafe von 200.000 Mark verurteilt worden. Das Landgericht Heidelberg befand den ärztlichen Direktor der Herzchirurgie am Universitätsklinikum der Untreue und Vorteilsnahme für schuldig. Hagl hatte Anfang der neunziger Jahre Bonuszahlungen des Medizinprodukteherstellers Medtronic in Höhe von 163.000 Mark angenommen, ohne die Gelder an die Universität abzugeben. Hagl hatte sich nicht persönlich bereichert, sondern die Gelder ausschließlich für die Forschung ausgegeben. Er will in Revision gehen. Die Staatsanwaltschaft hatte 240.000 Mark Geldstrafe gefordert.
Bei dem Prozess spielte nicht nur Korruption an Uni-Kliniken eine Rolle, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit der medizinischen Forschung in Deutschland. Hagl argumentierte, dass die deutschen Vorschriften bei der Einwerbung von Drittmitteln zu eng seien. Deswegen sei die Industrie inzwischen nur noch eingeschränkt bereit, Drittmittel an deutsche Hochschulen zu geben. Der Forschungsstandort Deutschland ist gefährdet. Wir brauchen diese Mittel, sagte er.
Viele Kollegen Hagls sind der gleichen Meinung, auch die Universität stand hinter dem prominenten Angeklagten. Nach dem Urteil lehnte die Hochschule eine Stellungnahme ab. Um seinen Posten muss Hagl sich jedoch zunächst keine Sorgen machen.
Persönlich ist der Professor nach den Worten des Vorsitzenden Richters Christian Mühlhoff über jeden Zweifel erhaben. Hagl steckte sogar 220.000 Mark eigenes Geld in seine Forschung. Im Gegensatz zu den meisten Angeklagten wollte Hagl unbedingt vor Gericht erscheinen, um die Vorwürfe wie er hoffte in aller Öffentlichkeit ausräumen zu können. Das gelang ihm jedoch nicht. Die Einstellung des Verfahrens gegen Geldbuße hatte er abgelehnt.
Die Firma Medtronic hatte die Gelder als Umsatzbeteiligung in Höhe von 5 % für Bestellungen von Herzschrittmachern gezahlt. Die Boni flossen auf das Konto eines von Hagl gegründeten privaten Fördervereins, der die Gelder dann in die Forschung steckte. Dieses System der Bonuszahlungen war Anfang der neunziger Jahre weit verbreitet ist jedoch illegal. Bonuszahlungen müssen direkt an die Universitäten gehen. Auslöser des Bonussystems sei der Geldmangel in der Forschung gewesen, meinte Richter Mühlhoff. Das war überall so. Die Medizinproduktehersteller hätten in der Hoffnung auf künftige gute Geschäfte Geld für die Forschung gegeben und mit aggressiven Methoden Marketing betrieben. Von der Universität habe Hagl nicht genug Geld für seine Forschung bekommen.
Die Aufdeckung des Systems führte 1994 zu dem so genannten Herzklappen- Skandal, in dessen Verlauf die Staatsanwaltschaften Ermittlungen gegen führende Mediziner an allen deutschen Universitätskliniken aufnahmen. Die Heidelberger Kammer ging davon aus, dass Hagl von der Unrechtmäßigkeit seines Tuns wusste. Der Professor bestritt das: Das Gericht habe die Tatsachen falsch Interpretiert. Die Staatsanwaltschaft ist anderer Meinung: Er wollte es wissen, und jetzt weiß er es, sagte Ankläger Manfred Münstermann nach dem Urteil.
E R N Ä H R U N GAlles in Butter?
Wer auf fettiges Essen verzichtet, lebt deshalb nicht unbedingt gesünder, behauptet das amerikanische Fachmagazin Science
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 18. April 2001, Seite xxx (Wissen & Forschen) von HARTMUT WEWETZER. [Original]Verlockend sieht er aus, der Hamburger. Und irgendwie sündhaft. Das Brötchen mit Sesamkörnern bestreut, darunter knusprig gebratener Schinken, zwei Scheiben gegrilltes Rinderhack mit geschmolzenen Käse, Zwiebelringe, Tomate, Salatblatt, dazu Pommes frites. Man ahnt nichts Gutes, wenn das amerikanische Wissenschaftsmagazin Science so einen Cholesterin-Bomber abbildet und dazu noch auf der Nachbarseite einen großen Würfel blauschimmelig-würzigen Roquefort präsentiert.
Der Eindruck täuscht. "Die meisten Ernährungswissenschaftler haben das Fett im Essen verteufelt. Aber ein halbes Jahrhundert Forschung und Hunderte von Millionen Dollar an Fördermitteln haben keinen Beleg dafür erbringen können, dass eine fettarme Diät unser Leben verlängern könnte." Mit dieser gewagten These eröffnet die neben Nature führende Wissenschaftszeitschrift einen detaillierten neunseitigen Bericht ihres Reporters Gary Taubes in der Ausgabe vom 30. März (Band 291, Seite 2536). Sein Blick hinter die Fassaden der Ernährungswissenschaft lässt uns an scheinbar unzweideutigen Empfehlungen der Fachleute mindestens zweifeln.
Noch mehr als in Deutschland gilt in Amerika fettarmes Essen als gleichbedeutend mit gesunder Ernährung. Die Geschichte dahinter ist ein halbes Jahrhundert alt. Sie beginnt im prosperierenden, vor Wohlstand und Überernährung strotzenden Nachkriegsamerika und baut auf einer einfachen Indizienkette auf. Gesättigte Fettsäuren, wie sie sich in Fleisch und Milchprodukten finden, erhöhen den Cholesteringehalt des Blutes. Cholesterin wiederum lässt das Risiko für Arterienverkalkung, Arteriosklerose, steigen. Arteriosklerose aber begünstigt Herzinfarkt und vorzeitigen Tod.
All diese Annahmen waren für sich genommen in den 70er Jahren bereits wissenschaftlich gesichert. "Aber die Richtigkeit dieser Argumentationskette als ganzer ist niemals bewiesen worden", schreibt der Science-Reporter Taubes. Ob eine Niedrigfett- Diät gesunden Amerikanern nütze, müsse mindestens bezweifelt werden. Ob sie nicht sogar mehr Schaden anrichte, weil sie das Umsteigen auf kohlehydratreiche Ernährung fördere, sei ebenfalls zu diskutieren.
Die Furcht vor Fett hat dessen Anteil an der Energieaufnahme der Amerikaner seit den frühen 70ern von mehr als 40 auf 34 % zurückgedrängt. Auch der Cholesterinpegel im Blut sank. Zwar verringerte sich in dieser Zeit auch die Zahl der Herz-Todesfälle, nicht aber die der Herzkrankheiten (wie es zu erwarten gewesen wäre). Möglicherweise wurde einfach die medizinische Versorgung der Herzkranken immer besser. Gleichzeitig jedoch stieg die Zahl der Übergewichtigen von 14 auf 22 %, und damit auch die der Diabeteskranken. Eine unerwartete Nebenwirkung der
Anti-Fett-Propaganda?
Taubes zitiert die über 20 Jahre laufende "Nurses Health Study" und ihre beiden Folgeuntersuchungen. Ernährung und Gesundheitszustand von fast 300.000 Amerikanern wurden von Experten der Harvard School of Public Health unter die Lupe genommen. Das Ergebnis ist alles andere als eindeutig: Die Gesamtmenge des aufgenommenen Fetts steht in keinem Verhältnis zum Risiko, ein Herzleiden zu bekommen. Einfach ungesättigte Fette, wie sie im Olivenöl enthalten sind, senken das Risiko. Ein wenig schlechter sieht es für gesättigte Fette aus, aber auch für Nudeln und andere Kohlehydrate. Ungesund sind Transfettsäuren enthalten in eben jener Margarine, die Amerikaner als Ersatz für Butter (gesättigte Fette) zu sich nehmen.Die Studie konnte das vernichtende Urteil über das todbringende Fett im Essen nicht revidieren, beklagt Taubes. An dessen Entwicklung von der Hypothese zum Dogma hätten Politiker, Bürokraten und Medien mindestens ebenso mitgewirkt wie die Wissenschaftler. Ein Lehrstück dafür, was passiere, wenn die Bedürfnisse der Gesundheitsratgeber und der Öffentlichkeit nach einfachen Ratschlägen der verwirrenden Vieldeutigkeit der Wissenschaft zuwiderlaufe.
Unabhängig von der etablierten Wissenschaft entstand im Amerika der 60er eine Anti-Fett-Bewegung. Vergleichbar mit der Alternativmedizin war auch diese von Misstrauen gegen Wissenschaft und Establishment erfüllt, angetrieben von der puritanischen Idee, dass alles Schlimme auf der Welt seinen Grund in moralischen Fehltritten hat. Die Ursache für die Herzattacke musste folglich in Genussexzessen zu suchen sein. "In Amerika fürchten wir nicht mehr Gott oder die Kommunisten, sondern Fett", sagt der Cholesterin-Forscher David Kritchevsky.
1976 legte das von dem Senator George McGovern geleitete Komitee für Ernährung und menschliche Bedürfnisse einen Bericht zu den "Ernährungszielen der Vereinigten Staaten" vor. Seine Vorgabe: Die Amerikaner sollten den Fettanteil an der Energieaufnahme auf 30 % verringern, wovon allenfalls ein Drittel aus gesättigten Fetten bestehen sollte. Ein wissenschaftlicher Disput über diese Empfehlungen brach los, doch wurden kritische Äußerungen als antiquiert oder industrienah abgetan.
McGoverns Richtlinien mündeten schließlich in Ernährungsempfehlungen für alle Amerikaner, die von einem Komitee der Amerikanischen Gesellschaft für Klinische Ernährung verabschiedet wurden. Drei Monate später veröffentlichte ein Gremium für Essen und Ernährung der Nationalen Akademie der Wissenschaften ebenfalls Richtlinien. Tenor: Entscheidend sei, auf das Körpergewicht zu achten. Alles andere finde sich von selbst. Die Medien zerrissen die Empfehlungen, eine einzige Botschaft triumphierte fortan: Iss weniger Fett lebe länger.
Jetzt galt es nur noch, diese These wissenschaftlich zu belegen. Aber fünf Studien führten nicht zu eindeutigen Ergebnissen. 1984 zeigte eine sechste schließlich gewisse Effekte durch ein cholesterinsenkendes Medikament namens Cholestyramin. Dessen Wirkung wurde einfach auf eine fettarme Diät übertragen, und die Presse hatte ihren Schuldigen. "Schade, es stimmt leider. Cholesterin ist wirklich ein Killer", titelte das Magazin Time. Im Dezember verkündete eine von den Nationalen Gesundheitsinstituten der USA einberufene "Konsenus-Konferenz", dass eine fettarme Ernährung ein wichtiger Schutzfaktor gegen verengte Herzkranzgefäße (koronare Herzkrankheit) sein könnte.
Sehr gut belegt ist mittlerweile, dass cholesterinsenkende Medikamente bei Gefährdeten das Herzrisiko senken können. Ob auch Herzgesunde von der Cholesterinsenkung profitieren, bleibt dagegen ungewiss. Und noch viel schwieriger ist die Frage zu beantworten, ob weniger Fett im Essen das Leben gesünder macht oder gar verlängert.
Denn Fett ist nicht gleich Fett: Im Körper kreisen Fett und Cholesterin in Form von LDL-Klümpchen ("schlechtes" Cholesterin). LDL bringt Fett von der Leber zu jenen Organen, die gerade welches benötigen. HDL ("gutes Cholesterin") bringt Cholesterin zur Leber zurück. Dann sind da noch die aus Fettsäuren bestehenden Triglyzeride und die VLDL-Teilchen, die ihrerseits Triglyzeride enthalten. All diese im Blut kreisenden Fettkügelchen beeinflussen das Herzrisiko, während die Nahrungsbestandteile ihrerseits die Zusammensetzung der Blutfette oft auf vertrackte Weise beeinflussen (siehe Kasten).
Eine französische Untersuchung an Herzkranken, die cholesterinsenkende Mittel bekamen, deutet darauf hin, dass nicht nur die Blutfettwerte entscheidend sind. Wichtig ist auch die Form der Diät, fanden die Ärzte heraus. Sie wiesen die eine Hälfte der Herzkranken an, sich gesund nach den amerikanischen Regeln zu ernähren, die andere aber, eine mediterrane Diät (viel Brot, frisches Gemüse, Salat und Obst, Olivenöl, Fisch, weniger Fleisch) einzuhalten. Obwohl die Blutfettwerte bei den beiden Gruppen praktisch gleich waren, traten bei den mediterran Ernährten zwei Drittel weniger Herztodesfälle oder andere Herzattacken auf. Offenbar ist es nicht das Fett im Essen allein, das aufs Herz schlägt.
Natürlich hofften amerikanische Ernährungsfachleute, mit dem Abschied vom Fett würden ihre Landsleute es den Südeuropäern nachmachen und mehr frisches Obst und Gemüse essen. Stattdessen tauschten sie das Fett gegen kohlehydratreiche Ersatzprodukte ein. Ein hoher Anteil an Kohlehydraten im Essen aber kann das "Syndrom X" begünstigen, eine Krankheit, bei der der Körper gegen das blutzuckersenkende Hormon Insulin abstumpft und zugleich das Herzrisiko steigt.
Taubes Science-Beitrag dürfte heftige Reaktionen hervorrufen auch in Deutschland verkünden Experten, man soll den Fettanteil an der Energieaufnahme auf 30 % senken. Aber vielleicht ist die Wirklichkeit unserer Ernährung zu kompliziert, um sie auf eine so einfache Formel zu bringen. [mehr]
Fette Lügen
Streng wissenschaftliche Methoden entlarven Ernährungsempfehlungen.
Aus: DIE ZEIT Nr. 18/2002, Hamburg, 2. Mai 2002, Seite ?? (Wissen) von ULRIKE GONDER. [Original]Sigrid S. ist 40 Jahre alt und hat ein paar Pfunde zu viel auf den Rippen. Ihr Cholesterinspiegel ist leicht erhöht. Deswegen achtet die gesundheitsbewusste Mutter besonders auf das Fett im Essen: Sie kauft Milch nur mit 1,5 % Fett und meidet fette Wurst. Das Salatöl hat sie gegen ein Light-Dressing ausgetauscht, und Butter ist längst tabu. Bei Kartoffeln, Nudeln und Brot langt sie dafür mit gutem Gewissen kräftig zu. Und wenn sie mal nascht, dann kohlenhydrathaltige Fruchtgummis statt fetter Schokolade. Damit folgt sie exakt den Empfehlungen vieler Ernährungsberater und macht womöglich alles nur schlimmer.
Seit 40 Jahren warnen Mediziner und Ernährungsexperten insbesondere vor tierischen Fetten und gesättigten Fettsäuren: Zu viel Fett mache fett und krank so lautet die simple Botschaft. Wer abnehmen oder sich vor Herzinfarkt und Schlaganfall schützen wolle, müsse das böse Fett durch gute Kohlenhydrate ersetzen. Tatsächlich sinkt bei dieser Ernährung das schädliche LDL-Cholesterin. Aber die LDL-Partikel im Blut werden kleiner, was sie gefährlicher für die Gefäßwände macht. Das ist nicht der einzige negative Effekt der Umstellung. Zusätzlich steigen die Blutfette (Triglyceride), das günstige HDL dagegen sinkt. Unterm Strich nimmt das Herzinfarktrisiko damit sogar zu zumindest theoretisch. Besonders gefährdet sind Übergewichtige und Menschen, die auf dem besten Weg sind, an Diabetes zu erkranken. Je fettärmer und stärkereicher ihre Kost, desto schlechter die Blutwerte.
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt bis heute: maximal 30 % Fett im Essen und mehr als 55 % Kohlenhydrate. Wer, wie Nicolai Worm aus Berg am Starnberger See, wissenschaftliche Belege einforderte, erntete bestenfalls Unverständnis. In Büchern und Vorträgen setzt sich der Ernährungswissenschaftler Worm seit Jahren für strikt wissenschaftliche Ernährungsempfehlungen im Sinne der Evidenz-basierten Medizin ein.
Diese Methode, im Bereich der Pharmakotherapie heute selbstverständlich, könnte das essende Volk vor Trugschlüssen und Schäden schützen zumindest aber unnötige Askese abwenden. Eine Evidenz-basierte Vorgehensweise würde sicherstellen, so Worm, dass Ernährungsempfehlungen dem aktuellen Kenntnisstand entsprechen und nicht der Meinung einzelner Ernährungspäpste. Dabei müssen Studien mit akurater Statistik den echten Nutzen für den Patienten belegen.
Die DGE stellte sich Mitte März der Kritik. Anlässlich ihres Kongresses in Jena lud sie Worm aufs Podium. Dieser präsentierte die Daten aller vorliegenden Langzeitstudien zur Behauptung Fett macht fett. Die Mehrzahl der Untersuchungen konnte den Zusammenhang zwischen Fettkonsum und Übergewicht nicht belegen. Studien, in denen eine fettarme Kost zum Abspecken überprüft worden waren, hatten nur magere Erfolge erbracht: Die Auswertung 16 solcher Arbeiten zeigte, dass mithilfe des Fettsparens gerade mal ein Minus von 2,5 Kilo erreichbar ist. Nicht nur, dass weniger Fett nicht zwingend schlank macht, die angeblich viel gesündere Ernährung kann sogar gesundheitsgefährdend sein. So fand die Nurses Health Study der Harvard Medical School in Boston bei rund 80.000 Krankenschwestern keinerlei Zusammenhang zwischen Herzinfarkt und Fettverzehr. Dagegen verdoppelte sich die Infarktrate, wenn besonders viel Kohlenhydrate gegessen wurden. Ernüchternd fiel auch die systematische Übersichtsarbeit der Arbeitsgruppe um Lee Hooper aus Manchester aus. Das Ergebnis einer Zusammenschau von elf Interventionsstudien, die eine fettarme oder fettmodifizierte Kost untersucht hatten, lautete: Weder die Zahl der Herz- und Hirninfarkte noch die Sterblichkeit nahmen signifikant ab.
Auch das amerikanische Paradoxon spricht gegen die simple Hypothese vom Fett als Dickmacher: In den USA sank der durchschnittliche Fettanteil im Essen von 40 auf 34 % der Kalorien. Gleichzeitig verdoppelte sich die Zahl der Übergewichtigen, Herzinfarkte wurden nicht seltener, und Diabetes nahm epidemisch zu. Jüngst wurde in Großbritannien erstmals bei Kindern eine Diabetesform diagnostiziert, die für erwachsene Übergewichtige typisch ist. Was ist das für eine Logik, immer noch weniger Fett zu empfehlen?, wetterte Worm in Jena.
Sein Kontrahent, der Göttinger Ernährungspsychologe und frühere DGE-Präsident Volker Pudel, hatte dem wenig entgegenzusetzen. Er verwies auf zwei Querschnittsstudien, die ergeben hatten, dass Übergewichtige mehr Fett essen als Schlanke. Leider ist nicht unterscheidbar, was hier Ursache und was Wirkung ist. Pudel, der komplexe ernährungsmedizinische Sachverhalte gern auf einfache Formeln bringt, bleibt dabei: Fett mache fett, Kohlenhydrate fit! In der Ernährungsberatung seien nun mal Kompromisse nötig.
Der ernährungswissenschaftliche Mainstream hat das Fett verteufelt. Allerdings gelang es der Forschung selbst in 50 Jahren und mit Hunderten von Millionen Dollar nicht, zu beweisen, dass eine fettarme Kost dabei hilft, länger zu leben, schrieb der Reporter Gary Taubes im März vergangenen Jahres im Fachblatt Science, nachdem er ein Jahr recherchiert und über 150 Interviews geführt hatte. Er beschreibt, wie die Fetthypothese in den fünfziger Jahren in den USA zum Dogma avancierte.
Philip Morris übte Druck auf Pharma-Firmen aus
[Ed: Tabakindustrie bedient sich erneut skandalöser Methoden]
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 14. August 2002, Seite 28 (Weltspiegel). [Original]WASHINGTON (AFP). US-Zigarettenhersteller haben nach einer Studie massiven Druck auf die Pharma- Industrie ausgeübt, damit diese weniger Mittel zum Nikotinentzug verkaufen. So habe Philip Morris Chemikalien bei Dow Chemical gekauft. Daraufhin schränkte Dow die Werbung für sein Entwöhnungs- Kaugummi ein. Die Studie wird heute im Journal of American Medical Association veröffentlicht.
[2.8.2000: WHO: Skandalöse Machenschaften der Tabakindustrie]
G R I P P E - V I R E NTeGenero entdeckt neues Angriffsziel ihres Wirkstoffkandidaten
[Ed: 2006 wird sich daraus ein Skandal entwickeln]
Aus: BioTOP, Berlin-Brandenburg, 25. Juni 2003, ??.?? Uhr MESZ (News) von BIOCOM AG. [Original]
Für ihren zur gezielten Aktivierung humaner T-Zellen konzipierten Wirkstoffkandidaten CD28-SuperMAB hat die TeGenero AG [Würzburg] einen neuen Angriffspunkt identifiziert (J. Exp. Med. 2003 197:955-966). Die neuen Erkenntnisse sollen den Weg zur klinischen Erprobung des Wirkstoffes ebnen.
Der monoklonale Antikörper, der zur Klasse der superagonistischen Peptide gehört, ist gegen eine Region des CD28-Oberflächenmarkers gerichtet, an die herkömmliche anti-CD28-Antikörper nicht binden. Aus diesem Grund ist es dem Wirkstoff, der sich derzeit in der präklinischen Phase befindet, scheinbar möglich, die T-Zelle in vivo und unabhängig von einem Begleitstimulus über den T-Zell-Rezeptor (TCR) zu aktivieren.
]Grippen, Gräber und Gelehrte
US-Virologen rekonstruieren den schlimmsten Erreger aller Zeiten. Ihr Ziel ist eine bessere Bekämpfung der Grippe. Friedensaktivisten warnen, die Forschung fördere ungewollt den Bioterrorismus.
Aus: DIE ZEIT Nr. 43/2003, Hamburg, 16. Oktober 2003, Seite ?? (Medizin) von HANS SCHUH. [Original
Dieser Massenmörder hat schon zig Millionen Menschen getötet. Alljährlich findet er Hunderttausende neuer Opfer. Ständig wechselt er sein Erscheinungsbild. Ein weltweites Netz spezialisierter Fahnder stellt ihm permanent nach. Trotzdem kann er sich frei bewegen. Und fällt nur auf durch neue Spuren des Elends und der Zerstörung.
Von Laien wird der Grippeerreger häufig unterschätzt. Virologen aber halten ihn für einen der gefährlichsten biologischen Feinde der Menschheit. Pocken und Pest sind besiegt, die Grippe nicht. Wechselhaft, wie sie ist, können ihre Seuchenzüge relativ harmlos ausfallen, wie starke Erkältungen eben. Doch plötzlich mutiert das Allerweltsvirus zum Monster, vernichtend wie die Pest. Der Spanischen Grippe erlagen in den Jahren 1918/19 neuesten Schätzungen zufolge weltweit 25 bis 40 Millionen Menschen; der Erste Weltkrieg kostete 8,5 bis 10 Millionen Menschenleben.
Virologen wüssten nur allzu gern, welche Änderungen im Erbgut die spanischen Mikroben so extrem scharf gemacht haben. Denn nur ein Feind, den man gut kennt, lässt sich auch kontrollieren. Auf abenteuerlichen Wegen ist es Forschern in den vergangenen Jahren gelungen, aus uralten Gewebeproben wichtige Teile der Erbmasse des Erregers der Spanischen Grippe zu rekonstruieren. Einer von Ihnen, Jeffery K. Taubenberger vom Institut für Pathologie der US-Streitkräfte AFIP (Armed Forces Institute of Pathology) in Washington, arbeitet am Nachbau des Killers und avancierte durch seine Detektivarbeit bereits zum Helden von Buch- und Magazingeschichten. Wie weit der Viren-Nachbau tatsächlich gediehen ist, bleibt im Dunkeln. In Fachkreisen wird gemunkelt, er stehe kurz vor der Vollendung. Fest steht, dass Taubenberger und seine Mitarbeiter bereits vor einem Jahr harmlose Influenzaviren scharf machen konnten, indem sie ihnen rekonstruierte Gene aus dem Erreger der Spanischen Grippe einpflanzten. Während die ursprünglichen Erreger Mäusen nichts anhaben konnten, erwiesen sich die neuen Viren im Test an den Nagern als tödlich.
Mit ihrer Sorge, Grippeviren könnten von Bioterroristen missbraucht werden,
stehen die Sunshine-Aktivisten nicht allein. So hat kürzlich ein Team der
Stanford University vom Nationalen Institut für Allergien und
Infektionskrankheiten der USA 15 Millionen Dollar erhalten, um den möglichen
terroristischen Missbrauch von Influenzaviren zu studieren und zu prüfen, ob
sich ein Anschlag durch die Entwicklung besserer, möglichst rasch wirkender
Impfstoffe parieren ließe. Die Sorge ist groß, dass die bald
vollständige Gensequenz der Erreger der Spanischen Grippe von Terroristen zum
Schmieden von Biowaffen genutzt wird.
Doch wie lässt sich überhaupt das Erbgut von Viren gewinnen, die seit 85
Jahren mit ihren Opfern begraben sind? Das Basismaterial für die genetische
Rekonstruktion der tödlichen Erreger lieferten US-Soldaten. Das
Außergewöhnliche an der Spanischen Grippe war nämlich, dass sie nicht
vor allem Kinder und alte Menschen dahinraffte, sondern auffällig viele junge,
gesunde. So starben durch das Virus weit mehr US-Soldaten als in den beiden
Weltkriegen, im Korea- und im Vietnamfeldzug zusammen. Und in Deutschland
konstatierte ein Arzt: In manchen Gebäranstalten gingen fast alle
Schwangeren, die an Grippe mit Pneumonie erkrankten, zugrunde. In Wien
porträtierte der 28-jährige Maler Egon Schiele seine im sechsten Monat
schwangere, grippekranke Frau Edith. Sie starb am 28. Oktober 1918. Drei Tage
später war auch der Maler tot. Stefan Zweig schrieb Mitte Oktober in seinem
Tagebuch in Zürich über die Grippe: Eine Weltseuche, gegen die die
Pest in Florenz oder ähnliche Chronikengeschichten ein Kinderspiel sind. Sie
frißt täglich 20.000 bis 40.000 Menschen weg.
Keiner wusste damals genau, wie brutal die Seuche wütete. Denn wegen des
Krieges wurde der Krankenstand geheim gehalten, der Gegner sollte nicht wissen, wie
geschwächt die eigenen Reihen waren. So kam es auch, dass die ersten Meldungen
über die Seuche in Spanien publik wurden. Das Land war nicht am Weltkrieg
beteiligt und hatte keine Zensur. Dies führte fälschlicherweise zur
Bezeichnung Spanische Grippe. Sehr wahrscheinlich war es jedoch eine
US-Grippe, die Anfang März 1918 im Mittleren Westen ausbrach und sich rasch zu
einer Seuche der Army entwickelte. GIs schleppten dann die Viren nach Europa,
insbesondere nach Brest in der Bretagne. Die erste Grippewelle begann in Frankreich
im April 1918 und schwappte noch im selben Monat über die
Schützengräben nach Deutschland.
Keine Grippelegende, sondern Tatsache ist, dass zwei US-Soldaten Jahrzehnte nach
ihrem Tod zu Gewebelieferanten für moderne Genanalysen wurden. Der Erste
hieß James Downs, war 30 Jahre alt und wurde zusammen mit 33.000 weiteren
Rekruten im September 1918 im Camp Upton, New York, auf den Einsatz in Europa
gedrillt. Dann brach im Camp die Grippe aus. Mehr als 3000 Rekruten landeten im
Lazarett, so auch am 23. September James Downs. Das Fieber trieb ihn
ins Delirium, wegen einer heftigen Lungenentzündung litt er unter Atemnot.
Downs erstickte am 26. September um 4.30 Uhr.
Mehrere hundert Kilometer südlich starb am selben Tag im Camp Jackson, South
Carolina, der 21-jährige Rekrut Roscoe Vaughan. Auch er war wenige Tage zuvor
erkrankt und erstickte jämmerlich an einer entzündeten Lunge voller Wasser.
Gewebeproben der beiden Toten wurden mit Formalin konserviert und in Wachs gegossen.
Die Proben wanderten in das Archiv des Army-Instituts AFIP. Dort gerieten sie, neben
Millionen anderer Proben, in Vergessenheit. Bis rund 80 Jahre später im AFIP
der Pathologe Jeffery Taubenberger und Kollegen auf die Idee kamen, den Erreger mit
den faszinierenden Möglichkeiten moderner Genanalytik aufzuspüren. Wenn
man aus Mumien und stark verwesten Leichen noch Erbgut- Trümmer rekonstruieren
konnte, warum dann nicht aus Gewebeproben im Archiv?
Taubenberger und seine Kollegin Ann Reid ließen sich mehrere Dutzend Proben
kommen beim Rekruten Roscoe Vaughan wurden sie fündig. Allerdings war
das virale Erbgut durch die Konservierung zertrümmert. Es erforderte rund ein
Jahr mühsamer Arbeit, bis Reid und Taubenberger eine erste grobe Identifikation
des Virus gelang: Typus H1N1. Doch von H1N1 gibt es auch relativ harmlose Vertreter.
Die Suche musste also weitergehen. Die Forscher fanden bald auch Virusspuren im
Lungengewebe des Rekruten James Downs. Aber auch dieses Material war bald
verbraucht.
Da kam ihnen ein alter Grippejäger zu Hilfe: Der gebürtige Schwede Johan
Hultin hatte schon 1951 als junger Mikrobiologe an der University of Iowa versucht,
Erreger der Spanischen Grippe zu züchten. Er hatte im Permafrost von Alaska in
einem kleinen Dorf namens Brevig tiefgefrorene Leichen von Grippetoten aus dem Jahr
1918 ausgegraben und ihnen Lungenproben entnommen. Zum Glück misslangen seine
wochenlangen, nur von primitiven Schutzmaßnahmen begleiteten Versuche, den
Killer aus dem Eis wiederzubeleben. Jedes Ethik- und Sicherheitskomitee stünde
heute Kopf ob solcher Hemdsärmeligkeit.
1997 machte sich Hultin dann mit Einverständnis Taubenbergers nach Alaska auf.
In Brevig holte er sich von der Ratsversammlung des Dorfes das Einverständnis,
erneut das Massengrab der Grippetoten öffnen zu dürfen. Nach
viertägigem Graben und einigen Funden bereits verwester Leichen hatte er
schließlich Glück: Eine Inuit-Frau war gut erhalten geblieben, dank ihrer
üppigen Speckschichten. Hultin entnahm ihre Lunge, präparierte und
verfrachtete diese an das Army-Institut zu Taubenbergers Händen. Prompt fand
der Virenjäger dann auch Trümmer von Grippeviren im Gewebe.
Inzwischen hatten auch die Londoner Virologen Alex Elliott, Colin Berry und John
Oxford im Morbid Anatomy Department des Royal London Hospital gestöbert. Dort
sind ebenfalls historische Gewebeproben archiviert. Sie wählten 14
Lungenschnitte von rasch verstorbenen Grippeopfern aus und entdeckten in zwei Proben
genügend Virusmaterial, um Teile des Genoms zu bestimmen. In der Oktoberausgabe
der Zeitschrift Emerging Infectious Diseases vergleichen jetzt die Londoner
Virologen, Ann Reid und Jeffery Taubenberger ihre Daten von insgesamt fünf
Grippeopfern. Mit einem erstaunlichen Ergebnis: Obwohl der Mörder dieser
fünf Menschen ein halbes Jahr und Tausende Kilometer zurücklegen musste,
sind die genetischen Spuren, die er an den Tatorten zurückließ, zu 99
% identisch!
Dies ist nicht trivial, weil sich Grippeviren ähnlich wie Aids-Viren extrem
rasch verändern können. Der Grund sind häufige Kopierfehler beim
Vermehren des viralen Erbguts. Diese Genlotterie würfelt in jedes fünfte
Grippevirus einen neuen Fehler hinein. Mit der Folge, dass zwar viel Ausschuss
entsteht, aber auch ständig neue Varianten der Killer die Menschheit bedrohen.
Die Influenzaforscher ziehen aus ihren Vergleichsdaten einen vorsichtigen, aber
ermutigenden Schluss: Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass ein
spezifisches antivirales Medikament oder ein Impfstoff in der wichtigen und oft
tödlichen ersten Welle einer Pandemie eine einheitliche Wirkung entfalten
könnte.
Dort konnten sie dann auch zeigen, dass ihre scharfen Hybridviren nicht nur
Mäuse töteten. Sie testeten die Wirkung bekannter Grippemittel auch auf
die gentechnisch konstruierten Killer. Und siehe da, sie bewahrten die Mäuse
vor dem Tod. Zu den erfolgreichen Mitteln zählte übrigens auch Amantadin,
das bestimmte Ionenkanäle (M2) in Grippeviren blockiert. Zufälligerweise
wurde für die Entdeckung, wie Wasser- und Ionenkanäle das Leben von
Mikroben, Pflanzen und Menschen prägen, am vergangenen Mittwoch der
Chemie-Nobelpreis vergeben (siehe oben). Taubenberger und seine Kollegen schlossen
aus ihren Versuchen, dass bei einem Terroranschlag oder bei einer natürlichen
Rückkehr des Spanischen Virus vorhandene Medikamente sehr wahrscheinlich Schutz
vor tödlichen Infektionen bieten.
Rechtfertigen solche Erkenntnisse Experimente, die von Terroristen missbraucht werden
könnten? Alexander Kekulé, Berater der Bundesregierung in Fragen der
Biologischen Sicherheit und Leiter des Instituts für Mikrobiologie in Halle,
hält die Warnungen der Friedensaktivisten für ziemlich
übertrieben. Erstens baue niemand derzeit das Virus von 1918
komplett zusammen. Es gehe immer nur um Teile davon. Zweitens sei dieses
Virus ein unverzichtbares Studienobjekt um endlich zu verstehen,
was solche Mikroben aggressiv macht und wie vorhandene Mittel dagegen wirken.
Drittens könnten Grippeviren, die neu aus dem Tierreich kommen, mehr Schaden
anrichten als das historische Virus. Deshalb würden von der
Weltgesundheitsorganisation und anderen Institutionen Viren aus dem Tierreich im
Labor gezüchtet. Obwohl dies viel gefährlicher ist, wird es nicht
angeprangert, sagt Kekulé. Täglich gingen, etwa auf asiatischen
Tiermärkten, beim Wildern im afrikanischen Busch oder beim Essen von rohem
Fleisch, neue Viren auf Menschen über. Von hier kommt die wirkliche
Gefahr, nicht aus den Laboren, warnt er. Wir haben gegen natürliche
Pandemien oder Terroranschläge nur dann eine Chance, wenn wir mit unserem Wissen
heranbrandenden Katastrophen ein Stück voraus sind.
Die beiden Marburger Virologen Stephan Becker und Hans-Dieter Klenk sehen das
ähnlich. Becker leitet das Hochsicherheitslabor am Klinikum der Uni Marburg,
Klenk ist dort Chef der Virologie und einer der führenden deutschen
Grippeforscher. Beide sehen durchaus die Zweischneidigkeit der Versuche: hier die
Gefahr des terroristischen Missbrauchs, dort die Chance, endlich die hohe
Aggressivität der Viren zu verstehen und sie besser bekämpfen zu
können.
Für Kekulé, Becker und Klenk ist dabei keineswegs ausgemacht, dass ein
wiederbelebter Grippeerreger von 1918 genauso verheerend wirkt. Damals
förderten große Truppenansammlungen und miserable Hygienebedingungen das
Massensterben. Vor allem hatten vermutlich besonders junge Menschen damals kaum eine
natürliche Immunität gegen Grippeviren vom Typ H1N1, was die horrende
Opferzahl in dieser Altersgruppe erklären dürfte. Heute sind die meisten
Menschen zumindest teilweise immun gegen diese Virusgruppe, sei es durch
natürliche Grippeinfektionen, sei es durch Impfungen. Schützend hinzu
kommen Antibiotika, die heftige Lungenentzündungen (oft mit bakterieller
Beteiligung) bekämpfen helfen, und schließlich die modernen Grippemittel,
die die Viren direkt angreifen. Allerdings sollten wir uns keine Illusionen
machen, sagt Klenk. Auch heute noch könnte eine Grippe-Pandemie
verheerend wirken.
Klenk kennt übrigens die Proteste von Biowaffengegnern aus eigener Erfahrung, da
er auch tödliche Marburg- und Ebola-Viren erforscht. Ich habe schon
mehrfach zu hören bekommen, wir seien naive Wissenschaftler, die ungewollt
Bioterroristen in die Hände arbeiten. Er könne solche Sorgen sehr
wohl verstehen, wisse aber auch, wie schnell die Stimmung drehe: Immer wenn in
den Medien die Angst wächst wegen neuer Ausbrüche von Sars oder Ebola.
Dann sind wir Naivlinge plötzlich gefragt als die schlauen Helden.
[26.10.2004:
Spanische Grippe: Gefährliche Versuche mit dem Jahrhundert-Killer]
(SPIEGEL-ONLINE)
HAMBURG. Pharmakonzerne neigen dazu, den Nutzen ihrer Medikamente
schönzureden. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung von Wissenschaftlern
des Instituts für evidenzbasierte Medizin in Köln. Die Experten haben
Broschüren und Werbeprospekte analysiert, die Pharmavertreter an Ärzte in
Nordrhein-Westfalen verteilten. In 94 % der Fälle fanden sie unbelegte,
irreführende oder sogar falsche Produktaussagen.
So bewarb die Firma UCB Pharma ihr Herz-Kreislauf-Medikament
Corifeo mit dem Hinweis auf eine Studie, die dem Mittel eine
Verträglichkeit wie ein Lutschbonbon bescheinigt habe. Tatsächlich aber,
so fanden die Forscher heraus, warnt die zitierte Untersuchung vor schweren
Nebenwirkungen bei Corifeo.
Und Bayer verwies bei der Werbung
für sein Levitra auf Tests, bei denen das Potenzmittel
nicht nur schnell, sondern besonders nachhaltig (Bis zu fünf
Stunden) gewirkt habe. Unterschlagen wurde, dass der Rekordwert für den
Muntermacher nicht etwa an Männern, sondern an betäubten Hasen ausprobiert
wurde.
GIESSEN (dpa). Ärzte am Gießener Universitätsklinikum sollen
über Jahre hinweg Medikamente an Patienten ohne deren Einwilligung getestet
haben. Die Staatsanwaltschaft Gießen durchsuchte gestern bundesweit Kliniken
und Ärztewohnungen. Das volle Ausmaß der heimlichen Medikamententests am
Universitätsklinikum Gießen ist auch einen Tag nach der bundesweiten
Razzia bei Medizinern noch offen.
Wie viele Patienten seit Anfang der 90er Jahre bei möglicherweise illegalen
Versuchsreihen im Operationssaal Schäden davongetragen hätten, müsse
noch ermittelt werden, sagte Oberstaatsanwalt Volker Kramer gestern. Wir
müssen erst an die Patientenkarteien herankommen. Weil ein Herzpatient
nach der Gabe eines gerinnungsstörenden Medikaments an Blutungen gestorben sein
soll, geht die Anklagebehörde dem Verdacht einer Körperverletzung mit
Todesfolge nach. Dieser Vorwurf verjährt erst nach 20 Jahren.
Dem Narkose-Chefarzt des Klinikums, der für die Testreihen verantwortlich sein
soll, droht möglicherweise die Suspendierung. Heute musste er bei
seinem Vorgesetzten Rechenschaft über die Menschenenversuche ablegen.
Wir werden die Anhörung auswerten und dann entscheiden, ob ein
Disziplinarverfahren eröffnet wird, sagte Universitätspräsident
Prof. Stefan Hormuth. Die Suspendierung des Mediziners könnte eine
mögliche Folge sein. Sie sagt aber überhaupt nichts
über Schuld oder Unschuld aus. Eine Entscheidung soll frühestens am
Freitag [4.6.2004] fallen.
Mit einer bundesweiten Razzia war die Staatsanwaltschaft gestern gegen 10
Narkoseärzte vorgegangen, die sich den Vorwürfen zufolge an den Studien
beteiligt haben. 23 Kliniken, Praxen und Wohnungen unter anderem in Gießen,
Hannover, Köln und Rosenheim wurden durchsucht. Die Daten der Versuchsreihen
sind nach Darstellung der Staatsanwaltschaft in Forschungsarbeiten für
Promotionen und Habilitationen geflossen. Die 10 Mediziner waren oder sind bei dem
Narkose-Chefarzt des Gießener Klinikums beschäftigt. Gegen den Chefarzt
wird auch wegen Abrechnungsbetrugs in Millionenhöhe ermittelt.
Die Auswertung der beschlagnahmten Unterlagen werde Monate dauern, kündigte
Oberstaatsanwalt Kramer an. In den veröffentlichten Studien erfahren wir
ja nicht die Namen der Patienten. Die stehen nur in dem umfangreichen
Grundlagenmaterial zu den Untersuchungen. Es müsse dann einzeln
geprüft werden, ob die Betroffenen ihre Einwilligung zu den Behandlungen gegeben
hätten.
Welche Medikamente verabreicht worden sein sollen, konnte Kramer nicht sagen:
Das wissen wir noch nicht genau. In einer Strafanzeige hatte ein
früherer Mitarbeiter den Chefarzt beschuldigt, Patienten für eine Operation
unnötige Medikamente gespritzt und dann die Konzentration im Blut bestimmt zu
haben. Unter anderem soll es sich um ein gerinnungsstörendes Mittel handeln.
Bei einer weiteren Untersuchungsreihe habe ein Patient einen Krampfanfall erlitten.
Das Universitätsklinikum werde zu den Vorwürfen keine Stellung nehmen,
sagte der Ärztliche Direktor Prof. Klaus Knorpp.
6.6.2004 (info-radio/sp). Der
64-jährige Narkose- Chefarzt Prof. Gunter H. ist inzwischen vom Dienst
suspendiert worden. Gegen ihn wird ein Disziplinarverfahren eingeleitet. Das teilte
der Präsident der Universität mit. Prof. H. weist alle Vorwürfe
entschieden zurück. Zwar seien unter seiner Verantwortung bei
Forschungsarbeiten Patienten Medikamente verabreicht worden. Aber er habe immer
Anweisung gegeben, alle Patienten mündlich aufzuklären und deren
Zustimmung einzuholen, schreibt der Spiegel (24/2004, Seite 52).
Bei den Tests soll Patienten bei Herzoperationen Heparin in hohen Dosen sowie eine
weitere Substanz verabreicht worden sein. Ergebnisse der Versuche wurden u. a. 1994
im British Journal of Anaesthesia publiziert, mit dem Zusatz
Einwilligung der Patienten lag vor. Es soll bei den Testreihen an
Herzpatienten auch zu Todesfällen gekommen sein.
HAMBURG. Das vom Markt genommene Schmerz- und Rheumamittel VIOXX
[Hersteller: Merck (USA/Deutschland)]
hat vermutlich auch in Deutschland zahlreiche Todesfälle verursacht.
Die Einnahme des Präparats habe wohl bei mindestens 2500 Patienten zu
Schlaganfällen, Thrombosen und Herzinfarkten geführt, sagt Peter
Sawicki, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit
im Gesundheitswesen.
Das hat er aus Risikostudien hochgerechnet, wegen deren das Präparat
zurückgenommen wurde: "Ein Teil dieser Menschen wird diese
gefährlichen Nebenwirkungen nicht überlebt haben." Gut 125
Millionen Tagesdosen haben allein die gesetzlichen Krankenkassen 2003
bezahlt, das ergibt mindestens 340.000 deutsche VIOXX- Patienten. Für
die USA kommt eine weitere Studie zu dem Ergebnis, dass hochgerechnet
27.785 Herzattacken und Herztode zwischen 1999 und 2003 hätten
vermutlich verhindert werden können, wenn die Patienten statt VIOXX
ein Alternativmittel geschluckt hätten.
Ende September hatte der Hersteller, die US-Firma Merck, VIOXX
zurückgerufen. In einer Studie war zuvor eine Verdopplung von
Herzattacken und Schlaganfällen nachgewiesen worden. "Wir haben es
hier mit einem groben Versagen von Pharmaunternehmen und
Kontrollbehörden zu tun", sagt Sawicki. Hinweise auf die
Nebenwirkungen hat es schon seit Einführung des Mittels 1999 gegeben.
Das Mittel ist zunächst mit einer vermeintlich besseren
Verträglichkeit beworben worden.
Dies ist Merck in den USA von der Zulassungsbehörde
FDA untersagt worden. Als der Konzern
die Kampagne weiterführte, ist Merck von der FDA im September 2001
abgemahnt worden. Der Bremer Pharmakologe Peter
Schönhöfer kritisiert, dass die deutsche Zulassungsbehörde
Bfarm sowie die für den
Verbraucherschutz zuständigen Landesbehörden auf die Berichte der
US-Kollegen nicht adäquat reagiert hätten: "Eine Kontrolle von
Präparaten nach erteilter Zulassung durch das Bfarm findet praktisch
nicht statt; das Amt ist unfähig, qualifizierte Sicherheitsbewertungen
von Arzneien vorzunehmen."
Auch andere Pharma-Unternehmen könnten laut Sawicki und
Schönhöfer in den Strudel des VIOXX- Skandals geraten: Die gesamte
Wirkstoffgruppe der so genannten Cox- 2-Hemmer steht im Verdacht,
Herzschäden zu verursachen. "Bislang sieht es danach aus, dass nicht
nur VIOXX ein Nebenwirkungsproblem hat", sagt Bruno Müller-
Oerlinghausen von der Arzneimittelkommission der deutschen
Ärzteschaft. Mediziner haben 1011 Meldungen über Komplikationen
mit VIOXX an die Ärztekammer geschickt (Stand: vergangene Woche),
davon 198 über Herz- und Kreislaufprobleme. In 28 Fällen wird
über ein Herzversagen bei VIOXX-Patienten berichtet.
[mehr]
[11.10.2004:
11.000 VIOXX-Patienten in Berlin] (DER TAGESSPIEGEL)
Der Dämon aus der Flasche
Die Forschung an neu konstruierten tödlichen Viren gerät jetzt in die
Kritik von Friedensaktivisten. Die Wiederbelebung des Erregers der Spanischen
Grippe ist ein Rezept für Katastrophen. Sie könnte jede angenommene
Attacke mit Milzbrand- oder Pesterregern in den Schatten stellen, warnt Jan van
Aken, Leiter der deutschen Sektion des internationalen Sunshine Project. Die
Nichtregierungsorganisation hat sich der Ächtung von Biowaffen verschrieben und
verfolgt mit Argusaugen weltweit den Einsatz von Bio- und Gentechnik in der
Biowaffen-Abwehrforschung. Die bisherigen Versuche seien nur der erste Schritt
auf dem Weg, den Erreger der Spanischen Grippe vollständig wiederzubeleben. Der
Dämon ist fast schon aus der Flasche, mahnt van Aken. Aus Sicht der
Waffenkontrolle sei es besonders heikel, dass sich ein Militärforschungsinstitut
wie das AFIP an einem Projekt zur Herstellung gefährlicher Krankheitserreger
beteilige. Wenn Jeffery Taubenberger in einem chinesischen, russischen oder
persischen Labor arbeitete, dann würde dies bei der Indiziensuche für ein
offensives Biowaffenprogramm als der berühmte rauchende Colt bewertet,
meint van Aken.Ein deutscher Terroranschlag?
Als die Epidemie nicht mehr zu verheimlichen war, interpretierte die US-Armee sie
rasch als Folge einer bioterroristischen Attacke. So schreibt die amerikanische
Wissenschaftsjournalistin Gina Kolata in ihrem Buch Influenza, Die Jagd nach dem
Virus (S. Fischer, 2001), den Grippeerreger habe man in den USA zuerst für
eine schreckliche neue Kriegswaffe gehalten. Die Krankheitserreger, hieß
es, seien in Aspirintabletten injiziert worden, die der deutsche Pharmakonzern Bayer
hergestellt habe. Eine andere Variante verbreitete die Zeitung Philadelphia
Inquirer unter Berufung auf einen hochrangigen Arzt der Navy namens Philip S.
Doane: Deutsche hätten sich per U-Boot in den Hafen von Boston geschlichen und
von dort aus Ampullen voller Keime in Theater und große Menschenansammlungen
geschmuggelt.Spiel mit dem Feuer
Genau mit diesem Argument der möglichen Bekämpfung einer globalen Seuche
verteidigen die Virologen ihre Forschung. Als Taubenberger und seine Kollegen
Christopher Basler und Peter Palese von der New Yorker Mount Sinai School of Medicine
in harmlose Influenzaviren zwei rekonstruierte Gene des Virus der Spanischen Grippe
einfügten, wussten sie, dass sie mit dem Feuer spielten, und verlegten ihre
Experimente in ein Hochsicherheitslabor.
D I E
P H A R M A - I N D U S T R I E
Ä R Z T E
Wissenschaftler kritisieren irreführende Werbung der
Pharmabranche
Aus:
Spiegel-Pressemeldung 20. Februar 2004, 17.08 Uhr zum Artikel
"xxx" im SPIEGEL 9/2004,
23. Februar 2004, Seite xxx (xxx).
V I O X X - S K A N D A L
Illegale Medikamenten-Tests an Gießener Uniklinik
Aus: Yahoo-News,
3. Juni 2004, 18.12 Uhr MESZ (Vermischtes).
[Original]
Todesfälle in Deutschland durch das Rheumamittel VIOXX?
Aus:
Spiegel-Pressemeldung 9. Oktober 2004, 10.53 Uhr zum Artikel
"Versagen der Kontrolle" im SPIEGEL 42/2004,
11. Oktober 2004, Seite 154 (Prisma Wissenschaft).
[12.10.2004:
VIOXX-Skandal: "Alle haben geahnt, daß es knallt"] (SPIEGEL-ONLINE)
[14.10.2004:
VIOXX-Skandal: Erste deutsche Strafanzeige gegen Merck eingereicht] (SPIEGEL-ONLINE)
[19.10.2004:
VIOXX-Skandal: Operation Flatline Eine Anti-Merck-Aktion] (SPIEGEL-ONLINE)
[22.10.2004:
Der skrupellose Kampf um die Vioxx-Patienten] (SPIEGEL-ONLINE)
[05.11.2004:
Hat Merck das VIOXX-Risiko jahrelang verschwiegen?] (SPIEGEL-ONLINE)
[09.11.2004:
Kardiovaskuläres Risiko von VIOXX seit 4 Jahren bekannt] (Deutsches Ärzteblatt)
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