Medizin kontrovers – Teil 3 khd
Stand:  2.5.2006   (30. Ed.)  –  File: Sci/Med/Medizin_kontrovers_3.html




Hier werden einige ausgewählte und besonders interessante Texte zu medizinischen Themen wie Gesundheitspolitik, Krankheiten, Kosten des Gesundheitswesen, Arzneimittel dokumentiert und manches auch kommentiert [Ed: ...]. Tipp- und Übertragungsfehler gehen zu meinen Lasten. Der 1. Teil ist wg. grundlegender Überarbeitung derzeit nicht komplett online.

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  • Noch mehr Medizin kontrovers   (4. Teil).
  • 08.02.2006: Tabakkonzerne sollen systematisch getäuscht haben.
  • 16.01.2005: Medizin: Die Zeit ist reif für die Wahrheit.
  • 14.01.2006: Norwegischer Wissenschaftler gesteht Fälschungen.
  • 31.12.2005: EU geht gegen gefährliche Kindermedikamente vor.
  • 30.12.2005: Maßgeschneiderter Schwindel. (Koreanische Wissenschaft)
  • 23.12.2005: Paracetamol unter Allergieverdacht.
  • 03.12.2005: Tabakindustrie manipulierte deutsche Gesundheitsinstitutionen.
  • 10.11.2005: Korruptionsvorwürfe gegen Ratiopharm.
  • 29.10.2005: Ärzte an den Grenzen. (Charité Berlin)
  • 27.10.2005: Manipulation durch Pharmaindustrie.
  • 20.10.2005: Pharma-Industrie und Medizin – Problematische Verflechtungen.
  • 18.10.2005: Indischer Generika-Hersteller will Tamiflu-Kopie anbieten.
  • 03.09.2005: Institut warnt vor Cholesterinsenker Sortis.
  • 29.08.2005: Schattenseite der Medizin.
  • 19.08.2005: Merck zu Millionenstrafe wegen VIOXX verurteilt. (Der VIOXX-Skandal)
  • 16.08.2005: Immer mehr Klagen über Ärztepfusch.
  • 18.06.2005: Mediziner fordern Ehrenkodex für Forschungsgelder.
  • 10.06.2005: Schmerzmittel unter Herzinfarkt-Verdacht.
  • 04.06.2005: Tabakindustrie bezahlte Studien.
  • 20.05.2005: Stammzellen nach Maß. (Durchbruch?!)
  • Ältere Dokumentationen  (2. Teil).
    Made with Mac


    Stammzellen nach Maß

    Koreanischen Forschern gelingt Durchbruch

    Aus:
    Der Tagesspiegel, Berlin, 20. Mai 2005, Seite 28 (Wissen + Forschen). [Original]

      Im Dezember 2005 stellt sich dann heraus, daß Prof. Woo Suk Hwang ein Betrüger ist. Er hat keine einzige menschliche Zelle geklont. Die in „Science“ publizierte Arbeit ist erlogen und erstunken. Hwang hat alle – auch die Peer-Reviewer – hinters Licht geführt. [mehr]  
    SEOUL (dpa). Südkoreanische Forscher haben als Erste weltweit maßgeschneiderte embryonale Stammzellen für schwer kranke Patienten geklont. Damit nahmen sie nur ein Jahr nach ihrem bahnbrechenden Erfolg beim Klonen menschlicher Embryonen [Ed: das merkwürdigerweise nur kein
     

    Erstmals wurden Zellen von Patienten geklont.


    Das glaubte die Wissenschafts- gemeinde und die Öffentlichkeit bis sich im Dezember 2005 alles als ein riesiger Betrug herausstellte.

    Labor reproduzieren konnte] eine weitere entscheidende Hürde zum therapeutischen Klonen. Mit Stammzellen [Ed: Alleskönner-Zellen], die dasselbe Erbgut wie die Patienten enthalten, könnten Mediziner die Abwehrreaktion des Körpers verhindern. Das würde die Heilungschancen nach dem Einpflanzen der Stammzellen erheblich verbessern.

    Ein Team um den Tiermediziner Woo Suk Hwang und den Gynäkologen Shin Yong Moon von der Nationaluniversität in Seoul beschreiben ihre Experimente in der Online- Ausgabe des Wissenschaftjournals Science vom Freitag [20.5.2005].

    Bis zu einer Therapie ist es allerdings noch ein langer Weg. So enthalten die gewonnen Stammzellen wahrscheinlich dieselben genetischen Defekte wie Patienten mit Erbkrankheiten und sind daher bei diesen nicht direkt zur Heilung einsetzbar. Zudem sind noch mehrere Schritte vom Gewinnen der Stammzellen bis zum Einsetzen in die Patienten nötig.

    „Spektakulär“ lobt der Entwicklungsbiologe George Daley von der Havard-Universität in Boston dennoch das Ergebnis der Koreaner. Sein Kollege Gerald Schatten von der Universität Pittsburgh gab zu, „mit einem solchen Durchbruch frühestens in Jahrzehnten gerechnet“ zu haben. Auf jeden Fall müssten die, die das Klonen embryonaler Stammzellen bisher als uneffizient abgetan haben, ihre Meinung nun korrigieren, sagte der deutsch-amerikanische Biologe Rudolf Jaenisch vom Massachusetts Institute of Technology (MIT).

    Das Forscherteam entkernte 185 Eizellen junger Spenderinnen und verschmolz sie mit je einer Hautzelle von 11 Patienten. Diese rangierten im Alter zwischen 2 und 56 Jahren, waren männlich oder weiblich und litten unter einer von 3 bisher unheilbaren Krankheiten: Einer Querschnittslähmung, Typ-1-Diabetes oder dem Immundefekt Hypogammaglobulinämie.

    Hwang und Moon setzten das Erbmaterial aus den Hautzellen in die entkernten Eizellen. Aus ihnen gingen Embryonen im frühen Stadium (Blastozysten) hervor, aus denen die Forscher je eine Stammzell-Linie für ihre Patienten gewannen. Das heißt, jeweils eine Stammzell-Linie hat dasselbe Erbmaterial wie der Kranke, von dem die entsprechende Hautzelle stammte. [mehr]



    D I E    T A B A K - I N D U S T R I E

    Tabakindustrie bezahlte Studien deutscher Gesundheitswissenschaftler

    Aus:
    Spiegel-Pressemeldung – 4. Juni 2005, 12.24 Uhr zum Artikel "Geheime Gesandte" im SPIEGEL – 23/2005, 6. Juni 2005, Seite 156–158 (Wissenschaft).

    HAMBURG. Hochrangige Wissenschaftler aus Deutschland ließen sich Studienprojekte jahrelang von der Tabakindustrie bezahlen. Wie der SPIEGEL berichtet, zeigen firmeninterne Dokumente, wie die Zigarettenkonzerne die Forscher instrumentalisierten, um die Gefahren des Rauchens herunterzuspielen.

    "Es ist besonders verwerflich, dass sich ausgerechnet Gesundheitswissenschaftler von der Tabakindustrie haben kaufen lassen", sagt Martina Pötschke-Langer, Leiterin des Zentrums für Tabakkontrolle der Weltgesundheitsorganisation in Heidelberg, dem SPIEGEL, "damit ignorieren sie den frühzeitigen Tabaktod von Hunderttausenden Deutschen." Nach dem Bericht des SPIEGEL haben führende Gesundheitswissenschaftler Deutschlands bis Anfang der neunziger Jahre zum Teil sechsstellige Beträge bekommen.

    Indirekt über Stiftungen haben die Zigarettenkonzerne etwa Studien des Freiburger Professors Jürgen Freiherr von Troschke oder des hochausgezeichneten Düsseldorfer Professors Johannes Siegrist finanziert. Laut den Dokumenten hat der Münchner Mediziner Karl Überla, der in den achtziger Jahren Präsident des Bundesgesundheitsamtes war, ebenso Forschungsgelder von Tabakfirmen erhalten wie Johannes Gostomzyk, der Ehrenpräsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention. [mehr]

    [02.08.2000: Skandalöse Machenschaften der Tabakindustrie]  (SPIEGEL)



    Schmerzmittel unter Herzinfarkt-Verdacht

    Nach dem Skandal um die Rheuma-Arznei VIOXX geraten nun auch ältere Schmerzmittel, die als Alternativen verschrieben werden, unter Verdacht. Neuen Studien zufolge könnten weit verbreitete Wirkstoffe wie Ibuprofen und Diclofenac ebenfalls das Herzinfarkt-Risiko steigern.

    Aus:
    Spiegel Online – 10. Juni 2005, 16.22 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

    WASHINGTON (ddp). Es war einer der größten Skandale in der Geschichte der modernen Medizin: Bis zu 140.000 Menschen, so das Ergebnis einer Studie der Food and Drug Administration (FDA) in den USA, könnten durch die Einnahme des Arthritis- Medikaments VIOXX schwere Herz-Kreislauf-Krankheiten davongetragen haben. Der Hersteller, die US-Firma Merck & Co., nahm das Medikament im September 2004 freiwillig vom Markt. In der Folge geriet mit den sogenannten Cox-2-Hemmern eine ganze Klasse von entzündungshemmenden Schmerzmitteln unter Generalverdacht.

    Viele Ärzte griffen daraufhin als Alternative zu älteren Entzündungshemmern wie Ibuprofen oder Diclofenac – in der Hoffnung, dass diese millionenfach verschriebenen Medikamente, auch wenn sie weniger magenschonend sind als die Cox-2-Hemmer, nicht mit einem erhöhten Herzinfarktrisiko behaftet seien.

    Entsprechende Studien waren aber nie durchgeführt worden. Das hat sich unter dem Eindruck des VIOXX-Skandals nun geändert – mit ernüchterndem Ergebnis. Alle sogenannten nicht-steroidalen Entzündungshemmer, also neben den Cox-2-Hemmern auch alte Wirkstoffe wie Ibuprofen oder Diclofenac, steigern das Herzinfarktrisiko, so das Ergebnis zweier aktueller Untersuchungen.

    Auswertung von mehr als 9.000 Krankenakten

    Mediziner der englischen University of Nottingham verfolgten die Entwicklung von 9.218 Herzinfarkt-Patienten über einen Zeitraum von 4 Jahren. Die Studie, jetzt veröffentlicht im renommierten British Medical Journal, ist nach Angaben der Forscher die bisher größte ihrer Art. Und sie habe ein eindeutiges Ergebnis: Wer ein entzündungshemmendes Schmerzmittel verschrieben bekam, habe in den folgenden 3 Monaten ein deutlich höheres Infarktrisiko gehabt als Patienten, die kein solches Medikament eingenommen hätten. Ibuprofen habe die Herzinfarktgefahr um 24 %, Diclofenac gar um 55 % erhöht.

    Auch die neueren Cox-2-Hemmer wie etwa Celecoxib oder der VIOXX-Wirkstoff Rofecoxib waren Teil der Untersuchung. Der Studie zufolge erhöhte Rofecoxib das Infarktrisiko um 32, Celecoxib um 21 %. In der Altersgruppe der über 65-Jährigen habe die Behandlung mit Diclofenac statistisch gesehen einen zusätzlichen Herzinfarkt pro 521 Patienten verursacht. Bei Rofecoxib habe das Verhältnis bei 1 zu 695, bei Ibuprofen bei 1 zu 1005 gelegen.

    VIOXX: Im September 2004 vom Markt genommen"Angesichts der weit verbreiteten Benutzung dieser Medikamente bei älteren Menschen und dem steigenden Infarktrisiko mit zunehmendem Alter könnten diese Zahlen beachtliche Folgen für die öffentliche Gesundheit haben", betonen die britischen Forscher um Julia Hippisley-Cox. Patienten sollten zwar aufgrund der Studie nicht ihre bisherigen Schmerzmittel absetzen, erklärte die Medizinerin. Es bestehe aber "ausreichende Besorgnis", um alle nicht-steroidalen Entzündungshemmer auf ihre Sicherheit zu überprüfen.

    Deutliche Steigerung der Herzinfarkt-Gefahr

    Zu ähnlichen Schlüssen kommt Gurkirpal Singh, Medizinprofessor der amerikanischen Stanford University. "Es ist ziemlich klar, dass Cox-2-Hemmer und nicht-steroidale Entzündungshemmer das Herzinfarktrisiko erhöhen", sagte Singh, der seine Untersuchung beim diesjährigen Europäischen Rheumatologie- Kongress in Wien vorstellte.

    Sing hatte die Daten von mehr als 650.000 Patienten analysiert, die zwischen Januar 1999 und Juni 2004 mit Cox-2-Blockern oder älteren Entzündungshemmern behandelt worden waren. Unter den älteren Wirkstoffen sei Ibuprofen mit einem um 11 % erhöhten Herzinfarktrisiko noch eines der harmloseren Mittel. Meloxicam erhöhe die Infarktgefahr dagegen um 37, Sulindac um 41 und Indomethacin gar um 71 %.

    Bei den neueren Cox-2-Hemmern errechnete Singh für den VIOXX-Wirkstoff Rofecoxib mit einer Risikosteigerung von 32 % das größte Gefahrenpotential. Celecoxib mache einen Herzinfarkt 9 % wahrscheinlicher, bei Valdecoxib konnte Singh keine erhöhte Gefahr feststellen. "Bei hoher Dosierung sorgen sowohl die nicht-steroidalen Entzündungshemmer als auch die Cox-2-Blocker für eine moderate Steigerung des Herzinfarktrisikos", sagte Singh in Wien. Dennoch wollte auch er Medizinern nicht empfehlen, die Medikamente künftig gänzlich zu meiden. "Die Ärzte müssen die individuellen Risiken der Patienten beachten."

    Bestseller unter Verdacht

    Sollten die entzündungshemmenden Schmerzmittel weiterhin in Verruf geraten, könnte dies die Pharmaindustrie vor große Herausforderungen stellen. Denn die nicht-steroidalen Entzündungshemmer gehören zu den meistverordneten Arzneien überhaupt. Von Medikamenten auf Basis von Diclofenac oder Ibuprofen werden allein in Deutschland jährlich rund 900 Millionen Tagesdosen verschrieben.

    Zudem macht sich neben der Herzinfarkt-Risikosteigerung ein weiterer Verdacht gegen die Schmerzmittel breit. Die US-Zeitschrift Journal of the National Cancer Institute berichtete in der vergangenen Woche, dass die langfristige Einnahme von Ibuprofen das Brustkrebsrisiko erhöht. Der tägliche Konsum des Medikaments über mehrere Jahre erhöhe die Gefahr vor allem sogenannter nicht lokalisierter Mammakarzinome, fanden Forscher der University of Southern California heraus.

    Das Team um Sarah Marshall hatte die Daten von knapp 115.000 gesunden Frauen über einen Zeitraum von sechs Jahren ausgewertet – und eigentlich erwartet, dass Ibuprofen vor Krebs schützt. Doch am Ende waren 2400 der Teilnehmerinnen an Brustkrebs erkrankt. [mehr]



    Mediziner fordern Ehrenkodex für Forschungsgelder

    Aus:
    Spiegel-Pressemeldung – 18. Juni 2005, 10.51 Uhr MESZ zum Artikel "Ehrenkodex für Forscher" im SPIEGEL – 25/2004, 20. Juni 2005, Seite 22 (Panorama Deutschland).

    HAMBURG. Um den Einfluss der Industrie auf Wissenschaftler und den Missbrauch von Forschungsergebnissen künftig zu verhindern, wollen Mediziner einen speziellen "Ehrenkodex" entwerfen. Hintergrund sind Enthüllungen über die Finanzierung von Studien deutscher Gesundheitswissenschaftler durch die Tabakindustrie (SPIEGEL 23/2005), um die Gefahren des Rauchens herunterzuspielen.

    Johannes Siegrist, Doyen der Medizinischen Soziologie in Deutschland, fühlt sich nach Einsicht in die Akten der Zigarettenfirmen "getäuscht". Er habe Gelder in dem Glauben angenommen, frei forschen zu können, habe aber nun erkennen müssen, dass die Tabakindustrie ihre Zusicherung "nicht ernst gemeint" habe. Im Rückblick seien sein "Vertrauen naiv" und die Kontakte zur Industrie "ein Fehler" gewesen. Siegrist trat von seinem Amt als einer der Public-Health-Sprecher zurück.

    Auch der Freiburger Professor Jürgen von Troschke bat die Deutsche Gesellschaft für Public Health, ihn von seinen Ämtern zu entbinden. "Ich muss für meine Person zugeben, dass es wirklich zu gutgläubig war", schreibt Troschke, "den potentiellen Missbrauch meiner Arbeit nicht zu bedenken." Wissenschaftler sollen nun einen Kodex erarbeiten, um künftig feste Regeln für die Annahme von Geldern aus der Industrie zu haben.



    Immer mehr Klagen über Ärztepfusch

    Serviceteam der AOK legt Untersuchung von 4300 Fällen vor: 544 Beschwerden waren berechtigt.

    Aus:
    Der Tagesspiegel, Berlin, 16. August 2005, Seite ?? (Berlin) von INGO BACH. [Original]

    BERLIN (Tsp). Wolfgang Schmidt kämpft mit den Tränen. "Ich bin mit meinen Nerven am Ende." Seit fast sieben Jahren streitet Schmidt (Name geändert) um eine Entschädigung, auch wenn der Schaden eigentlich nicht wiedergutzumachen ist. Der 65-jährige Köpenicker verlor 1998 sein Augenlicht, weil sein Arzt einen Fehler gemacht haben soll.

    Krankenkassentarife: Beitragsrechner onlineIm Dezember 1998 kam der Frührentner in eine Berliner Klinik. Seine Nasennebenhöhle war stark entzündet, sollte operativ gereinigt werden. Doch etwas ging schief. Wundflüssigkeit drang in die Augenhöhlen ein und quetschte drei Tage lang die Sehnerven, schädigte sie irreparabel. "Wäre ein Augenspezialist hinzugezogen worden, hätte man das Problem früher entdeckt und mein Mandant könnte noch sehen", sagt Schmidts Anwalt Uwe Simontowitz.

    Bei dem juristischen Streit mit der Klinik wurde Schmidt auch von seiner Krankenkasse, die AOK Berlin, unterstützt. Seit genau 5 Jahren unterhält die mit rund 750.000 Versicherten größte Krankenkasse der Hauptstadt ein "Serviceteam Behandlungsfehler". Am gestrigen Montag stellte die Kasse die Fünfjahreszahlen vor: Seit August 2000 zählte das sechsköpfige Team 4300 Beschwerden über Ärztepfusch. Bei 544 Fällen haben die Gutachter des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) einen Kunstfehler festgestellt.

    Die Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Helga Kühn-Mengel, nennt das Team der AOK ein "dringend notwendiges niedrigschwelliges" Angebot. Denn das deutsche System zum Schutz der Patientenrechte sei zwar weitläufig, aber eben auch schwer durchschaubar.

    Aber ein MDK-Gutachten ist noch lange keine Garantie für eine Entschädigung vom Arzt. Die Haftpflichtversicherungen erkennen diese Expertisen oft nicht als unparteiisch an, heißt es bei der Berliner Ärztekammer. Im Gegensatz zu den Bewertungen der Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen in Hannover. Doch die Schlichtung ist freiwillig, das heißt Patienten und Arzt müssen zustimmen. Und das Verfahren dauert: im Schnitt vergehen 13,5 Monate, bis ein Urteil feststeht.

    Im vergangenen Jahr wurden in Hannover insgesamt 588 Berliner Beschwerden über angebliche Behandlungsfehler bearbeitet. Die Fachleute erkannten in 73 Fällen einen Kunstfehler an und rieten den Versicherungen, zu zahlen. In Berlin praktizieren rund 18 000 Ärzte.

    An der Spitze der Fehlerstatistik finden sich regelmäßig die chirurgischen Fächer – 2004 kamen 21 der Kunstfehler aus der Unfallchirurgie. Nicht etwa, weil die Operateure besonders fehleranfällig wären, sondern weil ihre Patzer leicht zu erkennen sind. Anhaltende Schmerzen nach einer Operation zum Beispiel, schwere Komplikationen nach einem Routineeingriff oder auch im Bauch vergessene OP-Utensilien. Auf Platz zwei und drei in der Statistik folgen Gynäkologie und Orthopädie. Die Fehler seien breit gestreut. "Besonders auffällige Ärzte oder Kliniken gibt es dabei nicht", sagt Elmar Wille, Vizepräsident der Berliner Ärztekammer.

    Woran liegt es, dass den Doktoren immer öfter Pfusch vorgeworfen wird? "Weil es immer mehr Stellen gibt, die Kunstfehler erfassen", sagt Wille. In Berlin sind das zum Beispiel Krankenkassen, die Patientenbeauftragte oder eben die Schlichtungsstelle. Außerdem sei der Patient eher bereit, einen Kunstfehler zu vermuten, wenn eine Therapie nicht den gewünschten Erfolg hat. "Wir leben in einer Gesellschaft, die dem Wahn unterliegt, alles sei machbar", sagt Wille. Aber der Mensch sei nun mal kein Auto, das man in der Werkstatt einfach reparieren könne. "Und Ärzte machen genauso wie Piloten oder Busfahrer auch Fehler." Deshalb begrüße die Kammer, dass Mediziner sich um eine Kultur bemühten, in der Fehler offen diskutiert und so Wiederholungen vermieden werden können.

    Manchmal aber ist der Arzt ein Getriebener, weil seine Versicherung nicht zahlen will. "Je höher die Schadenssumme, desto eher lassen es die Versicherer auf einen Prozess ankommen", sagt Frank Teipel, Anwalt für Arzthaftungsrecht.

    Das Berliner Landgericht sprach Wolfgang Schmidt jetzt ein Schmerzensgeld von 150.000 Euro und eine monatliche Rente von 200 Euro zu. Doch der Streit ist noch immer nicht zu Ende. Der Anwalt des Arztes hat Revision eingelegt.

    [16.08.2005: Wo Patienten Hilfe bekommen]  (DER TAGESSPIEGEL)
    [16.08.2005: Patient erblindet nach harmloser Nasenoperation]  (BERLINER MORGENPOST)
    [17.08.2005: Wenn der Arzt pfuscht – Mehr als 1.500 Kunstfehler pro Jahr]  (BERLINER ZEITUNG)



    V I O X X - S K A N D A L

    Merck zu Millionenstrafe wegen VIOXX verurteilt

    Im ersten Prozess um das umstrittene Medikament VIOXX hat ein US-Gericht dem Pharmakonzern Merck eine Mitschuld am Tod eines Texaners gegeben. Das Urteil: 253 Millionen Dollar Strafe. Die Entscheidung gilt für die noch ausstehenden mehr als 4.000 Klagen als richtungsweisend.

    Aus:
    Spiegel Online – 19. August 2005, 23.59 Uhr MEZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

    ANGLETON. Mängel beim Medikament wie auch bei dessen Marketing hätten zum Tod des 59-jährigen Texaners beigetragen, befanden die zwölf Geschworenen in Angleton in Texas. Sie sprachen der Witwe Schadenersatz von 24 Millionen Dollar und 229 Millionen Dollar Strafzuschlag zu. Die Witwe hatte erklärt, der Herztod ihres Mannes – ein Marathonläufer – sei auf die Einnahme von VIOXX zurückzuführen. Merck kündigte Berufung an.

    Es gebe bis heute keinen zuverlässigen wissenschaftlichen Beweis, dass VIOXX zu Herzrhythmusstörungen geführt habe, die zusammen mit einer Herzvorerkrankung zum Tode des Patienten führten, sagte Anwalt Jonathan Skidmore. Merck habe jederzeit verantwortlich gehandelt, von der Erforschung des Mittels bis zum freiwilligen Marktrückzug.

    Merck hatte das Atrhitis-Medikament im September vom Markt genommen. Zu diesem Zeitpunkt benutzten es etwa 20 Millionen Menschen. Der Umsatz machte 2003 mit mehr als 2,5 Milliarden Dollar etwa 10 Prozent des Konzernumsatzes aus.

    Merck soll die Risiken von VIOXX jahrelang verheimlicht haben. Durch die vielen Klagen könnte Merck mit Schadenersatzforderungen im Milliarden- Höhe konfrontiert werden. Insgesamt sieht sich das Unternehmen mit mehr als 4.000 Klagen im Zusammenhang mit VIOXX konfrontiert. Händler hatten das Urteil als richtungweisend für die noch ausstehenden Klagen betrachtet. Der Kurs des Pharmaherstellers sackte nach dem Urteil um 7,73 Prozent auf 28,06 Dollar ab. [mehr]

    [20.08.2005: VIOXX-Urteil – Deutsche Opfer hoffen auf US-Gerichte]  (SPIEGEL ONLINE)
    [04.10.2005: Deutsche Vioxx-Opfer klagen]  (BERLINER MORGENPOST)
    [17.03.2006: Zweite deutsche VIOXX-Klage eingereicht]  (BERLINER MORGENPOST)



    Ü B E R T H E R A P I E

    Schattenseite der Medizin

    Systematisch werden Rücken-, Herz- oder Kniepatienten nutzlosen Verfahren ausgesetzt. Viele Therapieversuche beruhen auf Trugschlüssen oder finanziellen Interessen. Deutlich wird dies, wenn Ärzte zu Patienten werden: Sie lassen sich seltener behandeln als der Rest der Bevölkerung.

    Hinweis auf:
    Der Spiegel – 35/2005, 29. August 2005, Seite 132–143 (SPIEGEL-Titel) von JÖRG BLECH. [Artikel]

    Menschen, die mit Beschwerden zum Arzt gehen, hoffen auf eine gründliche Untersuchung, präzise Diagnose und wirksame Therapie. Ob und wie ein Patient behandelt wird, hängt allerdings maßgeblich auch vom Wohnort, von ärztlichen Launen und vom Bildungsstand ab. Schlechtinformierte Bürger werden häufiger operiert – und das ist nicht immer gut für sie. Überraschend viele Diagnosen, Arzneimittelgaben und Operationen bringen den Patienten gar keinen Nutzen. Dabei geht es nicht um Pannen bei Operationen, sondern um Heilversuche, von denen schon vorher klar ist, dass sie sinnlos oder gar abträglich sind - es geht um Schwindel im System. Das ist inzwischen auch etlichen Ärzten und Wissenschaftlern bekannt, die diesen Missstand beheben wollen. [Zum Artikel]



    Institut warnt vor Cholesterinsenker Sortis

    Aus:
    Spiegel-Pressemeldung – 3. September 2005, 10.33 Uhr MESZ zum Artikel "Dämpfer für Pfizer" im SPIEGEL – 36/2005, 5. September 2005, Seite 68 (Trends Wirtschaft).

    HAMBURG. Wegen des Cholesterinsenkers Sortis, der weltweit zu den meistverkauften patentgeschützten Präparaten gehört, droht dem amerikanischen Pharmakonzern Pfizer Ärger. In einem Gutachten kommt das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen zu dem Urteil, dass Sortis gegenüber billigeren und längst eingeführten Generika keinen zusätzlichen Nutzen aufweist. Das Kontrollinstitut warnt sogar vor der Einnahme des Medikaments. Es komme dadurch häufiger zu "Therapieabbrüchen wegen unerwünschter Ereignisse", etwa eine Erhöhung der Leberenzym- Werte, heißt es.

    Die Studie hat das von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) ins Leben gerufene Institut im Auftrag des Bundesausschusses von Ärzten, Krankenkassen und Krankenhäusern erstellt. Dieser hatte 2004 entschieden, dass die Kassen den hohen Preis von Sortis nicht voll erstatten müssen. Pfizer hatte daraufhin in einer Anzeigenkampagne behauptet, Millionen Patienten würden schlechter behandelt, wenn sie auf billigere Präparate ausweichen müssten.



    Indischer Generika-Hersteller will Tamiflu-Kopie anbieten

    Konkurrent ignoriert Patentschutz

    Aus:
    Die Welt, Berlin, 18. Oktober 2005, Seite ?? (Wirtschaft). [Original]

    DÜSSELDORF (fs). Dem Schweizer Roche-Konzern droht möglicherweise Konkurrenz bei seinem Grippe- Medikament Tamiflu, das als einer der Hoffnungsträger im Kampf gegen die Vogelgrippe gilt. Der drittgrößte indische Generika-Hersteller Cipla kündigte am Wochenende an, trotz bestehenden Patentschutzes eine günstige Tamiflu-Kopie auf den Markt zu bringen. "Egal, ob es gültige Patente gibt oder nicht, wir werden Oseltamivir herstellen und verkaufen", sagte Cipla-Präsident Yusuf K. Hamied. Oseltamivir ist der Ausgangswirkstoff für Tamiflu. Bereits in Kürze könnte Cipla mit dem Produkt auf den Markt kommen und damit eine "humanitäre Hilfeleistung für die ärmsten der Armen bieten". Roche lehnte einen Kommentar ab und verwies auf die Vereinbarung der WTO zum weltweiten geistigen Eigentum.

    Tamiflu von Roche gilt ebenso wie Relenza von GlaxoSmithKline als die derzeit wirkungsvollsten Präparate im Kampf gegen eine mögliche Grippe-Pandemie mit dem Vogelgrippe-Erreger H5N1.

    Seit Monaten steigen die Verkaufserlöse des Medikaments rapide. Von Januar bis September 2005 sollen neunmal mehr Packungen Tamiflu verkauft worden sein als zur gleichen Zeit im Vorjahr. Verglichen mit einem durchschnittlichen Monat war der Absatz im August und September 25mal höher. Der Hersteller Roche bestätigt diese aus Beobachtungen der Arzneimittelverkäufe gewonnenen Zahlen allerdings nicht. Ein Sprecher bezifferte den Umsatz des Mittels im ersten Halbjahr weltweit aber mit 580 Mio. Franken (374 Mio. Euro), was einer Steigerung von 357 Prozent gegenüber 2004 entspräche. Nach Deutschland sollen insgesamt 13 Mio. Dosen des Grippe-Medikaments geliefert werden. Auf eine entsprechende Bestellung hatten sich die 16 Bundesländer bereits im April geeinigt.

    Ein günstiges Generika-Konkurrenzprodukt würde für Roche in jedem Fall gravierende wirtschaftliche Auswirkungen haben. Doch anscheinend nimmt selbst der Kapitalmarkt die Cipla-Ankündigung nicht sonderlich ernst. Der Aktienkurs von Roche legte an der Londoner Börse sogar zu. "Cipla kann nur schwer eine Tamiflu-Kopie auf den Markt bringen", sagte ein Händler. Der Aufbau entsprechender Produktionsanlagen würde mehr als ein Jahr dauern, dann käme noch einmal eine einjährige Herstellungsphase hinzu. Daher wird am Bankenplatz London auch ein ganz anderer Grund für den Cipla-Angriff vermutet: Roche will in Indien neue Produktionsanlagen aufbauen und damit Cipla Konkurrenz und Aufträge abjagen. Da kann ein wenig Spielen mit den Muskeln nicht schaden.



    Pharma-Industrie und Medizin – Problematische Verflechtungen

    Aus:
    Heise-Newsticker, 20. Oktober 2005, 11.20 Uhr MESZ (Technology Review). [Original]

    LONDON (wst/Technology Review). Das renommierten Fachmagazin Nature geißelt in seiner aktuellen Ausgabe die Verflechtung von Pharma-Industrie und Medizin. Das Fachblatt hatte mehr als 200 so genannte Leitlinien untersucht, die 2004 im US National Guideline Clearinghouse veröffentlicht wurden. In diesen Leitlinien geben medizinische Fachgesellschaften Empfehlungen für die Therapie einzelner Krankheiten – so etwa, mit welchen Mitteln Bluthochdruck oder chronische Schmerzen am besten zu behandeln sind. "In diese Datenbank darf jede medizinische Fachgesellschaft ihre Empfehlungen einspeisen, ohne dass Verbindungen zu Pharma-Unternehmen offen gelegt werden müssten", schreibt Nature-Autor Jim Giles.

    Aber auch wenn diese Interessen offen gelegt werden, offenbart sich ein großes Ausmaß an Abhängigkeiten: In den Publikationen, die eine Verbindung zu Arzneimittelherstellern darlegten, arbeitete in der Hälfte der Fälle wenigstens einer der Autoren als Berater für ein Pharma- Unternehmen. In einem Drittel der Komitees saß wenigstens ein Mitglied, das im Auftrag des Arzneimittelherstellers Seminare und Vorträge hielt. Und schließlich entschied in einem von zehn Gremien ein Gutachter über die Anwendung eines Medikaments, für dessen Hersteller er Aktien hält. "Die Zahlen in dieser Untersuchung sind alarmierend" meint Drummond Rennie, Mitherausgeber des Journal of the American Medical Association gegenüber Nature: "Diese Praxis stinkt zum Himmel". [Die unheilige Allianz]



    Geschönte Botschaften

    Studien zeigen Manipulation durch Pharmaindustrie

    Aus:
    Der Tagesspiegel, Berlin, 27. Oktober 2005, Seite 23 (Forschen) von ROSEMARIE STEIN. [Original]

    Zwei Drittel jener, denen antidepressive Arzneimittel verordnet werden, haben gar keine Depression, also kein unbedingt behandlungsbedürftiges Leiden. Vielleicht sind sie einfach gestresst oder ein wenig unglücklich. Ob ihnen die neueren Antidepressiva vom Typ der SSRI (Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) spürbar helfen können, ist trotz entsprechender Behauptungen wissenschaftlich nicht erwiesen.

    "Die meisten Leute, denen unter solchen Umständen SSRI verschrieben werden, können nur einen bescheidenen Nutzen erwarten, haben aber ein wesentliches Risiko, Schaden zu erleiden." Diese Feststellungen stammen aus einem Bericht über den Einfluss der Pharmaindustrie, mit dem das britische Unterhaus seinen Gesundheitsausschuss beauftragte.

    Eine weitere britische Untersuchung befasste sich mit den Schäden durch übermäßige, fehlerhafte oder unnötige Anwendung an sich wertvoller Arzneimittel. Ungenügend geprüfte, von den Arzneimittelbehörden zu leichtfertig zugelassene Medikamente würden von vielen Ärzten unkritisch und massenhaft verordnet, heißt es. Etwa 5 Prozent aller Krankenhauseinweisungen seien durch Arzneimittel- Nebenwirkungen bedingt.

    Nicht nur die neuen Antidepressiva, auch die Schmerzmittel vom Typ "Cox 2-Hemmer", etwa das Präparat "VIOXX", hätten weit weniger Menschen geschädigt, wäre man sorgsamer damit umgegangen. Die Untersuchungskommission wirft zudem den Behörden vor, die mächtige Pharmabranche mit Samthandschuhen anzufassen, und den Ärzten, ihre Kritikfähigkeit von der allgegenwärtigen Werbung einschläfern zu lassen.

    Der deutsche "Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen" kommt zu ähnlichen Schlüssen wie der britische Report. Das Gremium hält es für notwendig, "die Mechanismen transparent zu machen, die den Arzneimittelmarkt prägen", die Marketingstrategien der Pharmafirmen eingeschlossen. Ärzte und auch Laien sollten "über die Möglichkeiten der Beeinflussung informiert sein, um sich vor ihnen zu schützen und verantwortlich handeln zu können". Auch dieses Gutachten informiert über die Manipulation von Arzneimittelstudien, indem geschönte Botschaften in seriösem Gewand, das eher nach Wissenschaft als nach Werbung aussieht, verbreitet werden.

    So erklärte ein Experte vor dem britischen Ausschuss, über die Hälfte der Beiträge selbst in renommierten medizinischen Zeitschriften, die unter dem Namen hierfür gut bezahlter Wissenschaftler erscheine, sei in Wirklichkeit von Ghostwritern verfasst. Richard Horton, Chefredakteur des Fachblattes "Lancet", nannte als bestes Beispiel die Antidepressive vom Typ SSRI. Obwohl für Kinder und Jugendliche nicht zugelassen, hätten sich die Ärzte vom aggressiven und scheinwissenschaftlichen Marketing zu zweieinhalb Millionen Verordnungen für unter Achtzehnjährige verleiten lassen – mit dem Ergebnis erhöhter Suizidgefährdung durch diese Mittel.

    Zwar gibt es Richtlinien für das wissenschaftlich und ethisch einwandfreie Publizieren von Studien, aber die wenigsten Pharmafirmen scheinen sich daran zu halten. Dies trifft dem Report zufolge auch auf das Verbot irreführender Werbung zu. [mehr]



    C H A R I T É   B E R L I N

    Ärzte an den Grenzen

    Ärzte und Klinikleitung haben am Freitag ihre Tarifgespräche abgebrochen. Der Streit um weitere Sparmaßnahmen wird härter, ein Streik scheint unausweichlich. Die Patienten leiden schon heute.

    Aus:
    Berliner Zeitung, 29. Oktober 2005, Seite ?? (Tagesthema) von THORKIT TREICHEL. [Original=495901.html]

    BERLIN – 28. Oktober. Ingrid Hegemann sehnt den Tag herbei, an dem Patienten oder Angehörige anfangen, sich über die unerträglichen Zustände zu beschweren, die auf ihrer Station herrschen. "Dann würde sich vielleicht endlich mal was ändern. Aber wahrscheinlich haben die Patienten Angst, dass sie dann noch schlechter versorgt werden", sagt sie. Ingrid Hegemann arbeitet als Stationsleiterin auf der internistischen Intensivstation der Charité in Berlin-Wedding. Sie ist seit 30 Jahren Krankenschwester, doch das, was sie in ihrer Ausbildung gelernt hat, nämlich die kranken Menschen in ihrer Obhut optimal zu pflegen, hat mit ihrem Arbeitsalltag nichts mehr zu tun. "Inzwischen werden wir angewiesen, dass wir nur eine ausreichende Pflege machen sollen."

    Das heißt konkret, dass die Patienten nicht mehr täglich gewaschen werden sollen. "Und wenn wir nachts einen Notfall haben und ein anderer Patient dann zugleich auf den Topf muss, sagen wir ihm, dass er ins Bett machen soll. Die Bettwäsche wechseln wir dann, wenn wir Zeit haben."

    Dies ist das Resultat eines Personalabbaus, der schon seit ein paar Jahren in Europas größtem Universitätsklinikum betrieben wird. Doch nun droht sich die Situation zu verschärfen, da der Vorstandsvorsitzende Detlev Ganten wegen bevorstehender Kürzungen des Senats und einer schlechter gewordenen Vergütung seitens der Krankenkassen weitere Einschnitte durchsetzen will: Noch mehr Stellen sollen gestrichen und die Gehälter gekürzt werden. Dagegen protestieren die Ärzte seit Monaten. Auch die Gewerkschaften wollen nicht länger mitmachen und haben die seit Februar laufenden Tarifverhandlungen am Freitag abgebrochen. Der Vorstandsvorsitzende Ganten droht jetzt sogar mit betriebsbedingten Kündigungen.

    Doch vorher kommt es sehr wahrscheinlich zum Streik. Oliver Peters von der Ärzteinitiative in der Charité hält ihn für unausweichlich. Los gehen werde es vermutlich Mitte November. "Wir werden so lange streiken, bis der Vorstand ein akzeptables Angebot vorlegt", sagt der Arzt. Behandelt werden dann nur noch Notfälle. Operationen, Sprechstunden und Untersuchungen werden verschoben. Auch auf der Intensivstation sind alle für einen Streik, obwohl sie sich dort nicht beteiligen werden, weil in den 40 Betten nur Patienten mit lebensbedrohlichen Erkrankungen versorgt werden. "Natürlich soll keiner sterben", sagt Ingrid Hegemann, "aber den Patienten soll so ein Streik ruhig ein bisschen weh tun. Die Leute ärgern sich ja auch, wenn die Beschäftigten der BVG streiken und sie auf die U-Bahn warten müssen." Aber auch, wenn der Arbeitskampf erfolgreich ist und der Vorstand den Gewerkschaften entgegen kommt, wird es zu einem Tarifabschluss in diesem Jahr sicherlich nicht mehr kommen. Das hat zur Folge, dass von Januar an für die Ärzte das neue Arbeitszeitgesetz gilt, in dem ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs aus dem Jahr 2003 umgesetzt wird, wonach Bereitschaftsdienste wie reguläre Arbeitszeiten einzustufen sind. Bereitschaftsdienste müssten dann abgeschafft und ein Drei-Schicht-System eingeführt werden, die wöchentliche Arbeitszeit würde auf 48 Stunden reduziert.

    Das hört sich zunächst nach einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen an, doch die Krankenhausärzte sind gegen diese Umstellung, und auch für die Patienten würde sich die Lage wohl noch verschlechtern. "Bei einer Kürzung der Arbeitszeit würden in unserer Abteilung 1,5 Arztstellen fehlen", sagt die Ärztin Anne Krüger, die ebenfalls auf der Intensivstation tätig ist. "Doch wir haben schon jetzt keine personellen Reserven mehr, und deswegen würde es darauf hinaus laufen, dass wir noch mehr unbezahlte Überstunden anhäufen als bisher."

    Dreißig Ärzte sind auf der Intensivstation beschäftigt, weil die Betreuung der Patienten besonders viel Aufwand erfordert. "Für Intensivpatienten muss man alles geben, bei ihnen geht es um Leben und Tod. Dienst nach Plan ist da nicht drin", sagt sie. Die Ärzte an der Charité sind jedoch nicht nur für den Klinikbetrieb zuständig, sie unterrichten auch Studenten, sie betreiben Forschung, und sie haben administrative Aufgaben zu erledigen.

    Die Ärztin sitzt in ihrem Dienstzimmer und zeigt auf das Regal. Im obersten Fach türmen sich Berge von Akten. "Das sind alles Arztbriefe, die ich noch schreiben muss", sagt sie. Eine typische Woche sieht bei ihr so aus: 4 Dienste à 8 Stunden plus jeweils 2, 3 Überstunden plus zweimal 18 Stunden am Wochenende, wenn sie Bereitschaftsdienst hat. Auch wenn sie für deren Beibehaltung plädiert, machen ihr die nächtlichen Bereitschaftsdienste keinen Spaß. "Ich mache meinen Job zwar gerne, aber nicht morgens um 4."

    Aber finanziell ist Anne Krüger auf diese Nachtschichten angewiesen. Sie bringen ihr 1.000 Euro monatlich zusätzlich zu ihrem Bruttogehalt von 3.500 Euro. Seit 13 Jahren ist die 37-Jährige schon in der Klinik tätig, immer noch als Assistenzärztin, obwohl sie längst ihren Facharzt gemacht hat. Stellen für Oberärzte gibt es nur wenige. Immerhin hat sie vor ein paar Monaten einen unbefristeten Vertrag erhalten. Allerdings zu schlechteren Konditionen: Urlaubs- und Weihnachtsgeld wurden ihr gestrichen. "Wir haben lange genug unseren Kopf hingehalten", sagt sie. "Wir wollen jetzt endlich mehr Stellen für die gleiche Arbeit und mehr Geld."



    Korruptionsvorwürfe gegen Ratiopharm

    Arznei-Hersteller soll zahlreiche Ärzte und Apotheker bestochen haben.

    Aus:
    Berliner Zeitung, 10. November 2006, Seite ?? (Wirtschaft) von CHRISTIAN LIPICKI. [Original]

    BERLIN – 9. November. Im Gesundheitswesen bahnt sich ein neuer Skandal im Arzneimittelbereich an. Der Pharmakonzern Ratiopharm soll nach einem Bericht des Magazins Stern zahlreiche Ärzte und Apotheker über Jahre hinweg bestochen haben, um höhere Verkaufszahlen zu erzielen. Demnach hätten bis zu 1.000 niedergelassene Ärzte Beträge zwischen wenigen hundert und mehr als 2.000 Euro im Quartal von Ratiopharm erhalten. Das in Ulm ansässige Unternehmen ist mit rund 750 verschiedenen Arzneimitteln und einem Umsatz von gut 670 Millionen Euro in Deutschland einer der größten deutschen Pharmaproduzenten.

    Firma weist Vorwürfe zurück

    Ratiopharm wies die Vorwürfe unmittelbar nach Bekanntwerden zurück. "Diese Darstellung ist falsch", hieß es in einer Stellungnahme des Unternehmens. "Es ist nicht hinnehmbar, dass Einzelfälle aus der Vergangenheit, die bereits abgestellt wurden, als Norm dargestellt werden." Ratiopharm kündigte zugleich an, sich gegen die angeblichen Unterstellungen des Stern juristisch wehren zu wollen.

    Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) wies die Vorwürfe der Bestechlichkeit zurück. Diese entbehrten jeglicher Grundlage. "Bei den Vergünstigungen handelt es sich um Rabatte, wie sie im Geschäftsleben allgemein üblich sind", sagte ABDA-Sprecherin Annette Rogalla. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung wollte sich zu Vorwürfen gegen die Ärzteschaft erst dann äußern, wenn sie die Fakten überprüft habe.

    Der Stern bezieht sich bei seinem Bericht nach eigenen Angaben auf über 4.000 E-Mails, Schecks, interne Dokumente und geheime Sitzungsprotokolle aus den Jahren 1993 bis 2005. Diese dokumentierten "die generöse Geschenk- und Geldverteil- Praxis eines führenden Pharmakonzerns", so das Magazin.

    Konkret soll Ratiopharm bei den Ärzten folgendermaßen vorgegangen sein: Über das Arzneimittel- Programm DocExpert, das viele niedergelassene Ärzte in ihrer Praxis installiert haben, habe Ratiopharm feststellen können, wie viele seiner Präparate ein Arzt im jeweiligen Quartal verschrieben habe. Der Konzern habe die beteiligten Ärzte dafür mit einer Provisionszahlung in Höhe von 2,5 Prozent des Medikamenten-Verkaufspreises belohnt. Neben Ärzten sollen auch Apotheker mit Vergünstigungen bedacht worden sein: Bei Rabattaktionen sollen Apotheker für jedes Medikament eine weitere Packung gratis dazu bekommen haben, die dann bei den Krankenkassen als regulär verkaufte Ware abgerechnet worden sein soll. Über das in der Branche gängige Vorgehen hatte die Berliner Zeitung bereits berichtet. Experten zufolge entstehen den Kassen dadurch jährlich Schäden in Höhe von mehreren hundert Millionen Euro. Der Stern meldet nun, dass Ratiopharm zusätzlich zu Naturalrabatten ausgewählten Apothekern Preisnachlässe bis zu 8 Prozent auf reguläre Bestellungen gewähre.

    Kassen zeigen sich besorgt

    Die ABDA-Sprecherin sagte: "Die Apotheken erhalten jährlich Rabatte von 450 Millionen Euro. Darin sind auch Naturalrabatte enthalten." Gleichzeitig gewähren die Apotheken den Krankenkassen pro Jahr 1,2 Milliarden Euro Verkaufsrabatte. "Damit geben die Apotheker ein Vielfaches weiter, was sie selbst an Vergünstigungen erhalten", sagte die Sprecherin. "Das zeigt, dass die Vorwürfe haltlos sind."

    Die Krankenkassen zeigten sich sehr besorgt. "Wenn das so stimmt, stehen wir am Anfang eines neuen Pharmaskandals", sagte der Sprecher des Bundesverbandes der Betriebskrankenkassen, Florian Lanz. "Nun müssen alle Fakten auf den Tisch. Denn möglicherweise ist das mehr ein Fall für den Staatsanwalt, als für die Gesundheitspolitik." Die Vorwürfe müssten rückhaltlos aufgeklärt werden. Allerdings warnte Lanz auch vor einem Generalverdacht gegen alle Pharma- Hersteller.



    Tabakindustrie manipulierte deutsche Gesundheitsinstitutionen

    Aus:
    Spiegel-Pressemeldung – 3. Dezember 2005, 10.58 Uhr MEZ zum Artikel "Im Würgegriff der Industrie" im SPIEGEL – 49/2005, 5. Dezember 2005, Seite 48–50 (Deutschland) von UDO LUDWIG.

    HAMBURG. Mindestens 80 deutsche Mediziner arbeiteten jahrzehntelang mit der Tabakindustrie Hand in Hand. Wie der SPIEGEL in seiner neusten Ausgabe berichtet, habe ein flächendeckendes Netz bestanden: Klinikprofessoren und Präsidenten von Fachgesellschaften erledigten Auftragsarbeiten, sie ließen sich teure Studien bezahlen und tauschten vertrauliche Informationen mit der Zigarettenbranche aus. Unliebsame Forschungsergebnisse habe die Tabakindustrie unterdrückt, andere Veröffentlichungen manipuliert.

    Die Tabakindustrie wählte sich gezielt jene Wissenschaftler aus, die hohes Ansehen in der Bevölkerung hatten und einen großen Einfluss in politischen Entscheidungsgremien ausübten. Der SPIEGEL bezieht sich in seiner Veröffentlichung unter anderem auf interne Unterlagen der Tabakindustrie und auf eine soeben erschienene Publikation des American Journal of Public Health.

    Der Schaden der Kollaboration von Wissenschaftlern mit der Zigarettenindustrie sei enorm, so das Zentrum für Tabakkontrolle der Weltgesundheitsorganisation in Heidelberg. Die Folgen des Rauchens seien auf diese Weise jahrzehntelang verharmlost worden. Es müssten heute viel weniger Deutsche an den Folgen des Rauchens sterben, wenn die Wissenschaftler unabhängig geblieben wären.



    D A S   Z U M   P H A R M A - T H E M A   " A L L E S   G U T   E R F O R S C H T . . . "

    Paracetamol unter Allergieverdacht

    Aus:
    Yahoo-News, 23. Dezember 2005, 2.06 Uhr MEZ (Gesundheit + Service). [Original]

    OSNABRÜCK (AP). Das Schmerzmittel Paracetamol steht unter Allergieverdacht. Neue Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass es eine Verbindung zwischen der regelmäßigen Einnahme des Wirkstoffs und der Entstehung allergischer Erkrankungen gibt, wie der Mediziner Henning Allmers von der Universität Osnabrück berichtet. Besonders im Blickpunkt steht dabei Asthma.

    Nach Angaben des Experten legen unter anderem Beobachtungen aus Ostdeutschland den Zusammenhang nahe: In der ehemaligen DDR sei der Wirkstoff erst seit 1989 allgemein verfügbar gewesen. Die Zahl der allergischen Erkrankungen sei vor der Wende deutlich niedriger als in der Bundesrepublik gewesen. Mittlerweile haben sich die Zahlen laut Allmers fast an das West-Niveau angeglichen.

    Dem Mediziner zufolge gibt es zudem Hinweise auf eine Verbindung zwischen der Einnahme von Paracetamol im Endstadium der Schwangerschaft und der späteren Entwicklung allergischer Erkrankungen des Kindes bis zum Grundschulalter. Sollte sich die Theorie bestätigen, könnte dies nach seiner Einschätzung weit reichende Folgen haben.

    Doch zugleich warnt Allmers vor voreiligen Schlüssen: „Nun müssen die genauen Zusammenhänge, die zu dem Anstieg von allergischen und Atemwegserkrankungen nach regelmäßiger Einnahme von Paracetamol führen, noch weiter untersucht werden, um die Gründe der Krankheitsentstehung aufzuklären.“



    Maßgeschneiderter Schwindel

    Untersuchungskommission: Der südkoreanische Forscher Hwang Woo-Suk hat seinen spektakulärsten Versuch komplett gefälscht.

    Aus:
    Der Tagesspiegel, Berlin, 30. Dezember 2005, Seite ?? (Wissen + Forschen). [Original]

    SEOUL (bas). Die Studie des südkoreanischen Klonforschers Hwang Woo-Suk, in der er behauptet, maßgeschneiderte Stammzellen für 11 schwer kranke Patienten hergestellt zu haben, ist komplett gefälscht. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchungskommission der Nationalen Universität Seoul. „Wir können derzeit keine Stammzellen finden, deren DNS mit der der Patienten identisch ist“, sagte der Sprecher der Kommission, Roe Jung-Hye, am Donnerstag [29.12.2005] in der südkoreanischen Hauptstadt. „Hwangs Team verfügt nicht über die wissenschaftlichen Daten, um zu beweisen, dass es solche Stammzellen produziert hat.“

    Offen sei noch, ob dem Wissenschaftler die Technik des therapeutischen Klonens überhaupt gelungen ist. Unklar ist auch, ob es sich bei Hwangs Hund „Snuppy“, den er der Öffentlichkeit dieses Jahr als ersten geklonten Hund präsentierte, ebenfalls um eine Fälschung handelt.

    Hwang hatte im Mai im US-Fachmagazin Science mit einer spektakulären Untersuchung für Aufsehen gesorgt: Angeblich hatte er das Erbgut von 11 Menschen, die unter Rückenmarksverletzungen, Diabetes und anderen Krankheiten litten, in zuvor genetisch geleerte Eizellen geschleust und die Zellen zu Embryonen heranwachsen lassen. Den Embryonen hätten sich Stammzellen entnehmen lassen, deren Erbgut mit dem der Patienten übereinstimmten. Diese Technik bezeichnet man als „therapeutisches Klonen“. Stammzellen [Ed: Alleskönner- Zellen] sind jene Urzellen, aus denen sich die unterschiedlichen Gewebetypen entwickeln, wie Herzmuskelgewebe oder Nervenzellen.

    Hätte man Stammzellen mit dem Erbgut des Patienten, so die Hoffnung vieler Forscher, ließe sich eventuell Ersatzgewebe bilden, das vom Immunsystem des Patienten nicht abgestoßen wird. Bei der Parkinson- Krankheit etwa gehen in einer bestimmten Region des Gehirns die Nervenzellen zu Grunde – und rufen Symptome wie Erstarren und Zittern der Muskeln hervor. Mit körpereigenen Nervenzellen könnte man die geschädigten Zellen womöglich ersetzen.

    Der Forscher Hwang hatte nicht nur seinen 11 Patienten, sondern zahlreichen Kranken weltweit Hoffnung auf Ersatzgewebe gemacht. 2004 publizierte er in „Science“ eine erste Studie, in dem er verkündete, ihm sei das therapeutische Klonen erstmals gelungen. 2005 folgte dann die spektakuläre Untersuchung, in der er behauptete, die Technik noch effizienter gemacht zu haben: Hwang brauchte nun angeblich nur noch 17 Eizellen pro Patient – die Vision vom maßgeschneiderten Ersatzgewebe für jedermann rückte in greifbare Nähe.

    DNS-Tests in 3 unabhängigen Labors ergaben nun, dass keine der vorhandenen Stammzellkulturen aus der Studie von 2005 mit dem Erbgut der Patienten übereinstimmten. Noch ist nicht geklärt, ob es sich auch bei Hwangs Forschungsbericht von 2004 um eine Fälschung handelt. Ist das der Fall, stünde das therapeutische Klonen wieder ganz am Anfang.

    Mitte Januar will die Untersuchungskommission ihren Abschlussbericht präsentieren. Letzte Woche hat sie auch Proben von Klonhund „Snuppy“ zur Prüfung an 2 Labors geschickt – sämtliche Studien Hwangs stehen unter Verdacht.

    Hwang selbst behauptet, man hätte die Stammzellen aus seinem Labor gestohlen und durch andere Proben ersetzt. Doch da Hwang schon zuvor wiederholt gelogen hat, glaubt ihm mittlerweile keiner mehr. An der Börse in Seoul knickten die Biotech- Werte ein. Die Wut auf den einstigen Volkshelden wächst [Ed: und auch in Europa/Deutschland vor allem wg. anderer windiger Geschichten – dem Geschäftsgebarens koreanischer ‚Welt‘- Firmen wie Samsung].

    [14.12.2005: Gentechnik: Zweifel an Klon-Pionier wachsen]  (SPIEGEL ONLINE)
    [15.12.2005: Wissenschaftsskandal: Stammzell-Star Hwang soll Studie gefälscht haben]  (SPIEGEL ONLINE)
    [16.12.2005: Klonpionier will nicht gefälscht haben]  (SPIEGEL ONLINE)
    [19.12.2005: Aufstieg und Fall des Dr. Hwang]  (DER TAGESSPIEGEL)
    [23.12.2005: Die Selbstzerstörung des Klon-Helden]  (SPIEGEL ONLINE)
    [23.12.2005: Klon-Star Hwang hat Studie gefälscht]  (SPIEGEL ONLINE)
    [24.12.2005: Klonforscher betrog die Welt]  (BERLINER ZEITUNG)
    [24.12.2005: Kommentar: Der wissenschaftliche Schwindel]  (BERLINER ZEITUNG)
    [24.12.2005: Klon-Skandal: Kritik an der Sensationsgier der Forscher]  (SPIEGEL ONLINE)
    [26.12.2005: Hwang soll keine einzige maßgeschneiderte Zelle geklont haben]  (SPIEGEL ONLINE)
    [27.12.2005: Klonforscher soll alles gefälscht haben]  (DER TAGESSPIEGEL)
    [28.12.2005: Widersprüchliche Gerüchte über Klonforscher Hwang]  (BERLINER MORGENPOST)
    [02.01.2006: Klonforscher bestreitet Fälschungen]  (DER TAGESSPIEGEL)



    EU geht gegen gefährliche Kinder-Medikamente vor

    Aus:
    Spiegel-Pressemeldung – 31. Dezember 2005, 11.12 Uhr MEZ zum Artikel "Riskante Medikamente" im SPIEGEL – 1/2006, 2. Januar 2006, Seite 16 (Panorama).

    HAMBURG. Mit jahrelanger Verzögerung hat die EU jetzt eine Verordnung auf den Weg gebracht, die einen skandalösen Zustand beenden soll: Über die Hälfte aller in Europa bei der Behandlung von Kindern verwendeten Arzneimittel sind für diesen Einsatz weder geprüft noch zugelassen worden. Das geht aus Unterlagen des EU-Parlaments hervor.

    Fehlende oder unpräzise Informationen zur Dosierung erhöhen demnach das Risiko von Nebenwirkungen, gelegentlich mit tödlichen Folgen. Insbesondere in der Intensivbehandlung oder für Früh- und Neugeborene fehlen probate Mittel. Setzt der Arzt ein womöglich lebenswichtiges, aber nicht für Kinder zugelassenes Medikament ein, macht er sich unter Umständen strafbar (SPIEGEL 23/1999). Setzt er es nicht ein, stirbt vielleicht sein Patient, weil es legale Alternativen nicht gibt.

    Der Markt von rund 110 Millionen Kindern in der Europäischen Union ist den Pharmakonzernen bisher nicht groß und profitabel genug, um ein ausreichendes Arzneimittelsortiment für die unter 18-Jährigen anzubieten. Die EU hat 8 Jahre gebraucht, bis nun in Brüssel ein Maßnahmenpaket mit Auflagen und finanziellen Anreizen für die Medikamentenhersteller sowie Förderprogrammen für die wissenschaftliche Forschung und deren Umsetzung geschnürt werden konnte. Das werde "für Innovation bei der Entwicklung von Kinderarzneimitteln" sorgen, so der Vizepräsident der EU-Kommission, Günter Verheugen, "und die Gesundheit der Kinder verbessern". Wenn das Europäische Parlament die Verordnung zügig durch die zweite Lesung bringt, könnte sie 2007 in Kraft treten.



    K R E B S F O R S C H U N G

    Norwegischer Wissenschaftler gesteht Fälschungen

    Nach dem Skandal um den koreanischen Klonforscher Hwang hat jetzt auch die Krebsforschung ein Glaubwürdigkeitsproblem. Nach kritischen Nachfragen musste ein norwegischer Wissenschaftler Fälschungen in einem Artikel einräumen.

    Aus:
    Spiegel Online – 14. Januar 2006, 21.12 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

    STOCKHOLOM. In einem Beitrag für die britische Fachzeitschrift The Lancet habe der Mediziner Daten von angeblichen Patienten mit Mundkrebs frei erfunden, erklärte Stein Vaaler, einer der Leiter des Krebsforschungszentrums in Oslo, am Samstag. Der Name des Wissenschaftlers wurde nicht genannt. In der Veröffentlichung vom Oktober 2005 hieß es unter anderem, ein bestimmtes Medikament könne das Risiko einer Mundkrebs-Erkrankung verringern.

    Dabei wurde auf Forschungsergebnisse verwiesen, die den jüngsten Angaben zufolge überhaupt nicht existierten. "Es handelt sich hier nicht einmal um eine Manipulation, sondern um eine reine Erfindung", erklärte Vaaler. Der betreffende Wissenschaftler habe dies zuzugeben, nachdem sein Artikel Fragen aufgeworfen habe.

    Der Direktor des Krebsforschungszentrums, Aage Danielsson, sprach von einem sehr ernsten Vergehen gegen die wissenschaftliche Ethik.



    M E D I Z I N

    „Die Zeit ist reif für die Wahrheit“

    Alle Kliniken müssen einer Zentralstelle melden, ob eine Operation gelang oder nicht. Funktionäre verhindern die Veröffentlichung des Datenschatzes – wo geschludert wird, soll geheim bleiben.

    Auszug aus:
    Der Spiegel – 3/2006, 16. Januar 2006, Seite 128–131 (Wissenschaft) von CARSTEN HOLM. [Original]

    Die Diagnose war eindeutig: Im Herz von Burckhard Jockel, 62, arbeitete die Aortenklappe nicht mehr richtig, nur eine Operation konnte die Insuffizienz beseitigen. Der Familienvater aus dem schleswig-holsteinischen Elmshorn stand vor einer schwierigen Entscheidung. Welchem Krankenhaus sollte er sich anvertrauen? Und, die wichtigste Frage: In welcher Klinik würde er die größte Chance haben zu überleben?

    Jockel ging online. Im Internet fand er heraus, dass es große Herzzentren unter anderem an der Berliner Charité, in Essen, in Leipzig, in Dresden, im westfälischen Bad Oeynhausen und, in der Nähe seines Wohnorts, in der Hamburger Universitätsklinik Eppendorf (UKE) gibt. Alle schienen in guter Übung zu sein, manche behandeln viele hundert, andere sogar Tausende Herzpatienten pro Jahr. Die Zahlen immerhin fand er in den sogenannten Qualitätsberichten, die alle Spitäler 2005 erstmals veröffentlichen mussten.

    Ansonsten waren die Berichte für Jockel nutzlos: Die Kliniken müssen etwa darstellen, wie viele Betten sie haben - über die Qualität ihrer Arbeit dürfen sie sich in den vermeintlichen Qualitätsberichten aber ausschweigen. In welcher Klinik selten Komplikationen vorkommen und welche bei Herzklappenoperationen die geringste Sterberate hat, erfuhr Jockel nicht. Die Ärzte dürfen für sich behalten, ob sie zu den Könnern, zum Mittelmaß oder zu den Versagern ihrer Zunft gehören.

    Jockels Kardiologe riet ihm zum UKE, die Herzchirurgie habe einen guten Ruf. Als Jockel im Internet-Forum "Die Herzklappe", in dem Patienten Erfahrungen austauschen, nichts Negatives über die Uni-Klinik fand, ließ er sich im September im UKE operieren – mit Erfolg.

    Der Elmshorner Herzpatient und sein Arzt hätten es bei der Suche nach einem geeigneten Hospital leichter haben können. Es gibt, unter strengster Geheimhaltung, eine Datenbank, die detailliert darüber Auskunft geben kann, in welchem der rund 2100 deutschen Krankenhäuser Eingriffe meistens fehlerfrei gelingen und in welchem oft etwas schiefgeht.

    Überall im Land sitzen Ärzte nach Operationen am Computer und kreuzen an, was sie der in Düsseldorf residierenden Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung (BQS) und deren 16 Landesgeschäftsstellen übermitteln müssen: Überlebte der Patient? Gab es Komplikationen? Kam es zu einer oberflächlichen oder gar zu einer tiefen Wundinfektion? Die Auswertung der Antworten durch die BQS ermöglicht unter anderem einen Überblick über die Behandlung von rund 887.000 Patienten mit Herz- und Kreislauferkrankungen, von rund 405.000 Patientinnen mit Frauenkrankheiten und lässt erkennen, wie viele von 662.000 Neugeborenen und ihren Müttern gut oder schlecht versorgt wurden.

    "Ein in der deutschen Medizingeschichte einmaliger Datenschatz liegt da vor", sagt die frühere Gesundheitsministerin Andrea Fischer (Grüne), die Deutschlands Operateure im Zuge der Gesundheitsreform 2000 zur Rechenschaft über ihre Arbeit verpflichtete.

    Das Problem: Für die Allgemeinheit darf der Schatz nicht gehoben werden. Nur ein paar Qualitätssicherer erfahren, wo gut und wo schlecht operiert wird. Sie dürfen in einem behutsamen Verfahren, das den sanft klingenden Namen "Strukturierter Dialog" trägt, das Gespräch mit Kliniken suchen, denen häufig Fehler unterlaufen. Dabei müssen sie auf die vielerorts noch immer höchst sensiblen Chefarztseelen Rücksicht nehmen, wenn sie vorsichtig versuchen, auf die Operateure einzuwirken – aber auch das geschieht stets unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

    So kommt es, dass Patienten nicht erfahren, um welches Hospital sie besser einen Bogen machen sollten – und wo Deutschlands beste Kliniken residieren. Ärzte-Funktionäre und die Interessenvertreter der Krankenhäuser sorgen dafür, dass die Leistungsbilanz der Operateure gehütet wird wie ein Staatsgeheimnis.

    Ihr Kernargument: Die Wahrheit über die Qualität der Hospitäler würde Patienten verunsichern, negative Daten könnten den Ruf ganzer Häuser ruinieren und in ihrer Existenz bedrohen. Die frühere Ministerin Fischer versteht solche Sorgen: "Viele Kliniken haben Angst, dass grelles Licht in ihre dunklen Ecken fällt, wenn die Daten sofort veröffentlicht werden." Die Gesundheitsexpertin findet jedoch: Nach einer Übergangsfrist, in der die Krankenhäuser Mängel beheben können, sollte die Zahlensammlung frei zugänglich sein. "Die Zeit ist reif für die Wahrheit", sagt Fischer, "in zwei Jahren könnte das machbar sein."

    Auch Christoph Kranich, Leiter der Fachabteilung Gesundheit in der Hamburger Verbraucherzentrale, plädiert für mehr Offenheit. Das Eingeständnis von Fehlern "kann doch auch ein Qualitätsmerkmal einer Klinik sein", sagt Kranich, "wer nichts zu verbergen hat, braucht doch auch nichts zu befürchten". Kranich kennt die Debatte um die Düsseldorfer Daten sehr genau, er gehört dem Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) an, in dem Kassen, Krankenhäuser, Ärzte, Patienten und Pfleger gemeinsam die Richtlinien für die Qualitätskontrolle festlegen. Mit ihrer Forderung nach Transparenz stehen Patientenvertreter wie er oft auf verlorenem Posten.

    Dabei ist das Interesse der Patienten riesengroß. Als rund die Hälfte der Krankenhäuser im Ruhrgebiet 2004 erstmals den Mut hatte, die von der BQS ausgewerteten Daten freiwillig dem neuen "Klinik-Führer Rhein-Ruhr" zur Verfügung zu stellen, waren 32.000 Exemplare innerhalb von 3 Wochen vergriffen. Zudem luden sich 190.000 Internet-User die Informationen herunter.

    Die Wirklichkeit in manchen Operationssälen ist erschreckend. Immer wieder stoßen die Düsseldorfer Qualitätssicherer auf haarsträubende Fehler. Im Zuge einer bundesweiten, anonymisierten Auswertung fanden sie unter anderem heraus: [weiter beim SPIEGEL]



    Z I G A R E T T E N - W E R T E

    Tabakkonzerne sollen systematisch getäuscht haben

    Raucher ziehen an "leichten" Zigaretten automatisch stärker – und atmen dadurch deutlich mehr Schadstoffe ein, als die Angaben auf der Packung glauben lassen. Forscher werfen Tabakkonzernen vor, das systematisch ausgenutzt zu haben, um Raucher in die Irre zu führen.

    Aus:
    Spiegel Online – 8. Februar 2006, 17.47 Uhr MEZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

    LONDON (stx/dpa). Dass sogenannte leichte Zigaretten meist nur in der Theorie leicht sind, gilt schon länger als ausgemacht: Raucher ziehen an den vermeintlich weniger gesundheitsschädlichen Glimmstengeln stärker – was dazu führt, dass sie mehr Teer und Nikotin inhalieren, als die Hersteller auf den Verpackungen angeben.

    Kanadische Forscher werfen zwei Tabakkonzernen nun vor, diesen Effekt zur Täuschung ihrer Kunden eingesetzt zu haben. David Hammond von der University of Waterloo in Kanada und seine Kollegen haben interne Dokumente des Konzerns British American Tobacco (BAT) und seiner kanadischen Tochtergesellschaft Imperial Tobacco Canada Limited analysiert. Sie beweisen den Forschern zufolge, dass die Firmen gezielt Zigaretten hergestellt haben, die in standardisierten Testmaschinen besonders niedrige Teer- und Nikotinwerte erreichen.

    Diese Produkte habe man in der Werbung dann als weniger gesundheitsschädlich angepriesen – obwohl die Hersteller aus eigenen Studien gewusst hätten, dass die Raucher wesentlich höhere Schadstoffwerte abbekommen als von den Maschinen gemessen, schreiben die Wissenschaftler im Fachblatt The Lancet.

    "Die internen Dokumente beschreiben eine Strategie, diese Diskrepanz durch Produktdesign zu maximieren", heißt es in der Studie. Der BAT-Konzern, der in Deutschland die Marken Pall Mall, Lucky Strike und HB verkauft, habe Zigaretten entwickelt, die im Test besonders wenig Schadstoffe abgeben. Die Forscher sprechen von Zigaretten, "die ihre Konsumenten und die Prüfer dahingehend täuschten, dass sie glaubten, diese Produkte seien sicherer oder weniger gefährlich, was sie aber nicht waren".

    Im Zentrum der Kritik steht der Rauchtest mit Maschinen, die den Vorgaben der International Standards Organization (ISO) entsprechen. Teresa La Thangue, Pressesprecherin von BAT in London, verwies auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE darauf, dass viele Regierungen Angaben nach dem ISO-Rauchtest verlangten. Die Kompensation durch tiefere Züge sei ein seit langem bekanntes Phänomen.

    Die Messung mit der ISO-Maschine sei "keine akkurate Messmethode für menschliches Rauchen", erklärte La Thangue. Die Industrie arbeite mit staatlichen Stellen bei der Entwicklung eines neuen Verfahrens zusammen. Hammond hatte den ISO-Standard als "Werkzeug zur Irreführung" bezeichnet.

    Auf den Vorwurf, die Diskrepanz zwischen gemessenen und tatsächlich von Rauchern eingenommenen Schadstoffmengen bewusst in die Höhe getrieben zu haben, ging BAT nicht ein. Die Forscher betonen, die Tabakkonzerne verfolgten diese Strategie bis heute.



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