Infos zur Veränderung des Klimas – Teil 2 khd
Stand:  12.3.2007   (31. Ed.)  –  File: Sci/Nat/K/Klima_02.html



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E R D E R W Ä R M U N G

Die Arktis-Erwärmung ist dramatisch

Die Arktis erwärmt sich dramatisch, die Gletscher schmelzen dahin: Eine neue Studie kommt zu alarmierenden Ergebnissen. Die Staaten, die den Report verfassen ließen, streiten über Gegenmaßnahmen. Die US-Regierung soll gar versucht haben, die Ergebnisse bis zur Präsidentschaftswahl zu unterdrücken.

Aus:
Spiegel Online – 3. November 2004, 17.00 Uhr MEZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

  Die wichtigsten Grafiken des
Klima-Reports 2007 der UN
 
LONDON (AP/dpa). Eigentlich sollte der Report über das schmelzende Arktis-Eis erst am 8. November vorgestellt werden. 250 Wissenschaftler aus 8 Ländern hatten daran mitgearbeitet. Doch dann wurden Auszüge aus der Studie der Presse zugespielt – und die teilweise alarmierenden Ergebnisse gelangten noch kurz vor der US-Wahl an die Öffentlichkeit.

Die Forscher stellten bei ihren Untersuchungen fest, dass sich die Arktis fast doppelt so schnell erwärmt wie der Rest der Welt. Die Eiskappe um den Nordpol habe sich in den vergangenen 30 Jahren um 15 bis 20 % verkleinert. Paal Prestrud, zweiter Leiter des Arctic Climate Impact Assessment Reports (ACIA) machte vor allem Emissionen von Autos, Fabriken und Kraftwerken für den dramatischen Temperaturanstieg verantwortlich, der das Eis immer schneller schmelzen lässt.

Ein Affront für die US-Regierung, die den Einfluss des Klima-Gases CO2 [Ed: Kohlendioxid] immer wieder herunterspielt oder generell in Frage stellt. Im Jahr 2001 hatte Präsident George W. Bush den Ausstieg seines Landes aus dem Kyoto- Protokoll verkündet, in dem sich Staaten weltweit zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes verpflichten. Begründet wurde der Schritt damals unter anderem mit den hohen Kosten und den nicht beteiligten Ländern aus der dritten Welt.

Die Autoren des Reports fürchten, dass die Arktis am Ende dieses Jahrhunderts während der Sommer fast eisfrei sein wird. Dauerfrostböden könnten mehr und mehr verschwinden – mit der Folge, dass Straßen und Gebäude instabil würden. Der Lebensraum von Eisbären und Robben werde buchstäblich wegschmelzen. Die Temperaturen in der Arktis sollen den Berechnungen zufolge in den nächsten Hundert Jahren um vier bis sieben Grad steigen.

Bliebe es danach bei diesem Temperaturanstieg, rechnen die Forscher damit, dass das Arktis-Eis innerhalb von 1000 Jahren vollständig verschwindet und der Meeresspiegel in der Folge um sieben Meter steigt. Dicht besiedelte Küstenregionen weltweit würden überschwemmt. Der Anstieg des Meerespiegels wäre allein eine Folge der verschwindenden Eismassen auf dem arktischen Festland, zu dem der größte Teil Grönlands sowie Teile von Russland, Alaska, Kanada, Lappland und Spitzbergen gehören. Doch es gebe auch positive Effekte steigender Temperaturen, heißt es in der Studie. So ließen sich Gas- und Öllagerstätten leichter anzapfen, die Voraussetzungen für Landwirtschaft im hohen Norden seien besser und die Schifffahrt könne von kürzeren Routen durch die Arktis profitieren.

Nach Berichten von Diplomaten sperren sich vor allem die USA gegen jede drastische Reaktion auf den Arktis-Report. Doch auch unter den anderen sieben Ländern – Russland, Kanada, Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland und Island – herrscht Uneinigkeit über mögliche Konsequenzen.

Die Umweltschutzorganisation WWF warf den 8 Sponsoren des Reports Heuchelei vor. Die Länder hätten das Projekt finanziert und seien gleichzeitig für 30 % des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich. Auch sei es ihnen nicht gelungen, die Emissionen zu verringern. "Das große Schmelzen hat begonnen", sagte Jennifer Morgan, Leiterin der Klimakampagne von WWF. Die Industriestaaten würden die Arktis als Versuchskaninchen für ein unkontrolliertes Experiment über den Klimawandel benutzen.

Am Wochenende hatten 60 Wissenschaftler auf einer internationalen Klimakonferenz in Peking ebenfalls vor den Folgen der globalen Erwärmung gewarnt. Sie lasse das Eis am Nord- und Südpol schneller schmelzen als bisher erwartet. Der Treibhauseffekt löst nach Warnungen der Forscher auch immer mehr Naturkatastrophen wie jüngst die Hurrikane in der Karibik, die Taifune im Westpazifik sowie Dürren und Überschwemmungen aus.

"Es gibt große Gefahren durch Klimaveränderungen, wenn nicht drastische Maßnahmen ergriffen werden", sagte am Sonntag [31.10.2004] der Ozeanexperte und Klimawissenschaftler Stefan Rahmstorf vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung. Er sprach von "alarmierenden Beobachtungen" am Nordpol und in der westlichen Antarktis. Der Meeresspiegel steige schneller als erwartet, auch drohten Veränderungen der Meeresströme. Rahmstorf warnte vor einem "völligen Zusammenbruch des Nordatlantikstroms", der in Europa zu einer abrupten Abkühlung und einem Anstieg des Meeres um einen Meter führen würde. [mehr]

[15.08.2002: Treibhauseffekt – Klimamodelle sind kein Wetterbericht]  (DIE ZEIT)
[04.03.2004: Impacts analysis for inverse integrated assessments of climate change]  (Uni Potsdam)



K L I M A W A N D E L

Tauwetter am Nordpol

Die Arktis schmilzt. Der Klimawandel lässt Kulturen untergehen und macht neue Rohstofflager zugänglich.

Aus:
DIE ZEIT – Nr. 47/2004, 11. November 2004, Seite ?? (Wissen) von DIRK ASENDORPF. [Original]

Hätte es damals schon Menschen gegeben, die Arktis wäre der ideale Ort für ihren Badeurlaub gewesen. Viel frische Luft und 20 Grad warmes Wasser hatte das Nordpolarmeer vor 55 Millionen Jahren zu bieten. Eis gab es nicht. Mit diesem überraschenden Befund warten Wissenschaftler des Integrierten Ozeanbohr-Programms (IODP) auf, die im Sommer mit Eisbrechern Ablagerungen aus dem Grund des Ozeans erbohrten. In den Sedimentschichten des Lomonossow-Rückens, 250 Kilometer vom Nordpol entfernt, hatten sie die Überreste winziger Algen zutage gefördert, die sich nur in subtropischen Gewässern wohlfühlten. Zwar beginnt die Auswertung der insgesamt 339 Meter langen Bohrkerne in dieser Woche gerade erst , doch schon jetzt ist klar: Stabil war das arktische Klima in den vergangenen 80 Millionen Jahren nie.


DIE ZEIT
hat eine Fülle
von Links zum Klimawandel zusammengestellt.


Ausgerechnet die letzten paar Jahrtausende, in denen sich die menschliche Zivilisation entwickelt hat, sind eine Ausnahme von dieser Regel. Während die arktischen Durchschnittstemperaturen ansonsten innerhalb von 100 Jahren um bis zu 20 Grad schwankten, blieben sie in den vergangenen 10000 Jahren relativ stabil. Doch mit der Ruhe scheint es jetzt vorbei zu sein. Um vier bis sieben Grad, und damit deutlich schneller als der Rest der Erde, könnte sich die Arktis bis zum Ende des Jahrhunderts erwärmen. Um 15 bis 20 % ist die Eisdecke in den vergangenen 30 Jahren bereits zurückgegangen, am Ende des Jahrhunderts wäre ein komplett eisfreier Nordpol in den Sommermonaten wieder vorstellbar. Auch Grönlands Gletscher schrumpfen. Das dabei abfließende Schmelzwasser könnte den Meeresspiegel in den nächsten Jahrzehnten um bis zu 90 Zentimeter ansteigen lassen. All dies hätte globale Folgen für Klima, Flora, Fauna, Wirtschaft und Gesellschaft. Der Abschlussbericht des Arctic Climate Impact Assessments (ACIA), der diese Woche in Islands Hauptstadt Reykjavík vorgestellt und diskutiert wurde, listet sie auf.

Ein internationales Team von 300 Wissenschaftlern hat dafür in den vergangenen 4 Jahren weltweit Forschungsergebnisse ausgewertet und in 10 Thesen zusammengefasst, die spätestens am 24. November politische Wirkung entfachen sollen. Dann wird der Bericht an den Arktischen Rat übergeben, in dem die 8 Anrainerstaaten Kanada, Russland, Dänemark, Norwegen, Finnland, Island, Schweden und die USA zusammengeschlossen sind. Gemeinsam produzieren diese Länder über 30 % des weltweiten Kohlendioxid-Ausstoßes – und Kohlendioxid ist der „dominante Faktor“ für die Erwärmung der Arktis, davon sind die Autoren des ACIA-Berichts überzeugt.

Topaktuell sind ihre Zahlen und Erkenntnisse nicht. Jüngste Forschungsergebnisse – wie etwa die im Sommer mitgebrachte IODP-Klimageschichte – konnten nicht mehr berücksichtigt werden. Dafür ist der ACIA-Bericht vor seiner Veröffentlichung besonders gründlich begutachtet worden, um wissenschaftlich ungesicherte Aussagen zu vermeiden. Entsprechend vorsichtig, fast diplomatisch, sind die Formulierungen. Ausdrücklich verweisen die Forscher darauf, dass die Prognosen auf einem weiteren Anstieg der von Menschen erzeugten Treibhausgas- Emissionen beruhen und die klimatischen Folgen vor allem durch Fortschreibung bereits heute zu beobachtender Trends vorhergesagt wurden. „Aufgrund der Komplexität des irdischen Ökosystems ist es aber auch möglich, dass der Klimawandel sich ganz anders entwickelt“, heißt es unter der Überschrift Potenzielle Überraschungen. Etwa dann, wenn Meeresströmungen sich nicht stetig, sondern sprunghaft verändern. Statt wärmer könnte es dann in der Arktis durchaus auch wieder kälter werden – so wie es in den vergangenen Jahrzehnten gegen den allgemeinen Trend in Teilen Grönlands und Nordnorwegens beobachtet wurde.

Andere Effekte können sich aufschaukeln. Sobald zum Beispiel durch das Abschmelzen der Gletscher in Grönland zunehmend dunklere Erde zum Vorschein kommt, wird die Hitze des Sonnenlichts besser aufgenommen, so dass sich die Erde weiter erwärmt. Aber es gibt auch Gegenbewegungen. Wenn sich durch die Erwärmung Sibiriens Wälder nach Norden ausbreiten, werden sie größere Mengen CO2 binden und damit für eine Abschwächung des Treibhauseffekts sorgen. Jedenfalls dann, wenn nicht gleichzeitig die Waldbrände weiter zunehmen.

Ziemlich widersprüchlich sind auch die wirtschaftlichen Auswirkungen der Arktis-Erwärmung. Einerseits gefährdet der steigende Meeresspiegel und das Auftauen von Permafrostböden die bisherige Lebensgrundlage der arktischen Bevölkerung. Straßen, Pipelines, Industrieanlagen und ganze Städte drohen im Morast zu versinken. Andererseits nimmt die landwirtschaftlich nutzbare Fläche zu. Das Nordpolarmeer wird für Fischerei, Rohstoffabbau und Schifffahrt zugänglich. In Alaska, vor allem aber in der russischen Arktis lagern große Vorräte an Erdgas, Erdöl, Kupfer, Nickel und anderen Bodenschätzen. Zieht sich das Eis zurück, liegen sie zur Erschließung frei. Noch sind die Hoheitsrechte an weiten Teilen des Polarmeeres ungeklärt. „Streit ist deshalb wahrscheinlich“, heißt es im ACIA-Bericht. Der Seeweg zwischen Nordeuropa und Japan, Nordchina oder Korea ist durch das Nordmeer um 40 % kürzer als durch den Suezkanal. Bisher ist die Nordostpassage nur an wenigen Tagen passierbar – geräumt von russischen Eisbrechern. Würde es wärmer, stünde Ende des Jahrhunderts die Abkürzung bis zu 150 Tage lang offen.

Dass es so kommen wird, behauptet der ACIA-Bericht nicht. Klima entsteht aus dem komplexen Zusammenspiel vieler verschiedener Faktoren, von denen die meisten noch nicht einmal in ihrem Istzustand hinreichend bekannt sind. „Messtechnisch ist die Arktis bisher völlig unterbelichtet“, sagt die Ozeanografin Ursula Schauer, die am Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut die Erforschung der arktischen Einflüsse auf das europäische Klima koordiniert und Teile des ACIA-Berichts begutachtet hat. Zwar stehen immer mehr Daten aus der Satellitenbeobachtung zur Verfügung, noch sind aber die Fehlerraten hoch. Messungen der Eisdicke sind zum Beispiel nur brauchbar, wenn sie punktuell mit Hubschraubern kontrolliert werden – und das ist teuer. Das Netz klassischer Wetterstationen ist von Kanada und Russland in den vergangenen Jahren nicht aus-, sondern abgebaut worden. „Uns fehlt ein Beobachtungssystem, das die Daten mit modernster Technik jederzeit online verfügbar macht“, sagt Schauer.

Um die entscheidenden Vergleichswerte aus der Vergangenheit steht es noch schlechter. Die wurden in der Arktis vor allem von sowjetischen Atom-U-Booten gesammelt und unterliegen militärischer Geheimhaltung. „In den ersten Jahren nach der Wende gab es Daten“, sagt Schauer, „inzwischen sind sie wieder unter Verschluss.“ Auch Forschungsgenehmigungen seien für das russische Hoheitsgebiet kaum noch zu bekommen.

Klimatisch herrscht Tauwetter, politisch Eiszeit. Und das gilt nicht nur für Russland. Ursprünglich war die Veröffentlichung des ACIA-Berichts für Ende Oktober geplant – kurz vor der Präsidentschaftswahl in den USA. Doch dann wurde sie auf Mitte November verschoben, aus rein organisatorischen Gründen, wie die isländischen Gastgeber versichern. Unter den beteiligten Wissenschaftlern glaubt das aber kaum jemand. Hartnäckig hält sich bei ihnen das Gerücht, dem amerikanischen State Department habe die schlechte Nachricht vom drohenden Aussterben der Eisbären nicht ins Wahlkampfkonzept gepasst.



Forscher beweisen: Hitzewelle 2003 war selbst verschuldet

Experten befürchten weitere Katastrophen / In den Sommermonaten 35.000 Tote mehr in Europa.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 2. Dezember 2004, Seite 1 (Hauptartikel) von THOMAS DE PADOVA. [Original]

BERLIN. Die extreme Hitzewelle des Sommers 2003 ist aller Wahrscheinlichkeit nach dem vom Menschen verursachten Klimawandel mit zuzuschreiben. Das haben britische Klimaforscher um Peter A. Stott vom Hadley Centre in Reading erstmals glaubhaft belegt. Die Forscher befürchten, dass uns künftig ähnliche Katastrophen bevorstehen.

Vor allem in den ersten Augustwochen forderte die Hitze bis zu 35.000 Opfer in Europa und Schäden für die Landwirtschaft in zweistelliger Milliardenhöhe, berichten sie in der heutigen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Nature. In den Alpen schmolzen Gletscher in ungeahntem Ausmaß, in Portugal brannten riesige Waldgebiete ab.

"Die Hauptaussage der Studie ist absolut zuverlässig", urteilt Christoph Schär, Klimaexperte der Eidgenössisch Technischen Hochschule in Zürich, gegenüber dem Tagesspiegel. "Wir haben nun erstmals ein Mittel zur Hand, um den Einfluss des Menschen auf ein einzelnes Klimaereignis zu quantifizieren."

Dass der hohe Ausstoß von Kohlendioxid durch Verkehr, Industrie und private Haushalte so rasch zu derart außergewöhnlichen Wettersituationen führen könnte, hatten Forscher lange nicht für möglich gehalten. Bisherigen Modellen zufolge hätte sich ein Sommer wie 2003 nur etwa alle 10.000 Jahre ereignen dürfen. Inzwischen aber mehren sich die Anzeichen dafür, dass wir künftig mit einem Wechsel von extrem heißen und eher kühlen Sommern rechnen müssen.

Mit schlimmen Folgen. "Was die Zahl der Toten betrifft, schlägt diese Hitzewelle 2003 alle Rekorde des vergangenen Jahrhunderts", sagte Gerhard Berz, Leiter der Georisikoforschung der Münchner Rück, dem Tagesspiegel. In Frankreich habe die Hitze etwa 15.000 Menschen das Leben gekostet, in Deutschland 7000. Insgesamt seien in Europa etwa 35.000 Menschen, vor allem jenseits der 50, an den Folgen gestorben. Frankreich hat entsprechende Maßnahmen für Altenheimbewohner getroffen, die künftig bei ähnlichen Ereignissen vorübergehend in kühleren Turnhallen untergebracht werden sollen. In Deutschland gebe es keine entsprechenden Notfallpläne, bemängelt Berz.

Die Landwirtschaft verzeichnete Schäden von über zehn Milliarden Euro. In Portugal brannten die Wälder wochenlang, das Getreide verkraftete die extreme Trockenheit nicht, junge Bäume erlitten zum Teil direkte Hitzeschäden oder wurden von Ungeziefer befallen. So gab es etwa statt der sonst üblichen drei Generationen Borkenkäfer im Jahr 2003 deren vier.

Es hätte aber alles noch schlimmer kommen können, so Berz: Wenn man wegen Wassermangel die Kraftwerke für mehrere Tage hätte herunterfahren müssen und der Strom ausgefallen wäre. Italien erlebte diesen Notstand einen Tag lang. Flüsse wie der Rhein aber führten wegen der Schneeschmelze noch genug Wasser, um den Betrieb aufrechtzuerhalten.

Ob die jüngsten Erkenntnisse dazu führen, dass die Verursacher der Kohlendioxid- Emissionen künftig auf Schadenersatz verklagt werden können, wird von den meisten Experten bezweifelt. Zwar sehen sich etliche Inselstaaten wegen des Anstiegs des Meeresspiegels in ihrer Existenz bedroht. Doch mehr als das internationale Kyoto-Abkommen zur Reduzierung der Treibhausgase ist nicht in Sicht. [mehr]



CSU lobt Bundesumweltminister Trittins Klimapolitik

Aus:
Spiegel-Pressemeldung – 18. Dezember 2004, 10.37 Uhr zum Artikel "CSU unterstützt Trittin" im SPIEGEL – 52/2004, 20. Dezember 2004, Seite 18 (Panorama Deutschland).

HAMBURG. Die CSU vollzieht in der Klimapolitik den Schulterschluss mit Bundesumweltminister Jürgen Trittin. Auf der Klimakonferenz in Buenos Aires unterstützten der bayerische Umweltminister Werner Schnappauf und der CSU-Bundestagsabgeordnete Josef Göppel Trittins Vorstoß, die Treibhausgas-Emissionen in Deutschland bis 2020 um 40 % gegenüber 1990 zu senken, sofern sich die EU zu einer 30-prozentigen Reduktion verpflichte.

Schnappauf will seinen grünen Bundeskollegen sogar toppen: "Die 40 % reichen eigentlich nicht. Wir müssen noch eine Scheibe drauflegen." Die CSU teile, so Schnappauf und Göppel, die Einschätzung Trittins und der Klimakonferenz: Nur wenn der weltweite Ausstoß von Treibhausgasen bis 2050 um 50 % gegenüber 1990 gesenkt werde, könne eine Temperaturerhöhung von mehr als zwei Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit verhindert werden.



Meere steigen 3 Millimeter pro Jahr

Mit Satelliten konnten Nasa-Forscher jetzt den Anstieg der Meere präzise messen. In den letzten 12 Jahren stieg das Wasser jährlich um 3 Millimeter, in den 40 Jahren zuvor waren es nur knapp 2 Millimeter pro Jahr. Ursache sind steigende Temperaturen.

Aus:
Spiegel Online – 12. Juli 2005, 14.39 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

USA. Drei Millimeter pro Jahr klingt nicht viel, doch auf lange Sicht gefährdet ein solcher Anstieg viele dicht besiedelte Küstenregionen der Welt – zumal er sich durchaus noch deutlich erhöhen könnte. "Schätzungsweise wären 100 Millionen Menschen direkt betroffen, sollte der Meeresspiegel um einen Meter steigen", sagte Waleed Abdalati vom Goddard Space Flight Center der Nasa in Greenbelt.

Abdalati und seinen Forscherkollegen haben die Wasserstandsänderungen in den Weltmeeren mit Satelliten vermessen und konnten so auch eventuelle Auf- und Abwärtsbewegungen des Festlandes herausrechnen. Das Ergebnis: In den letzten 50 Jahren stieg der Meeresspiegel jährlich um 1,8 Millimeter – dies deckt sich mit den Resultaten früherer Berechnungen anderer Wissenschaftler.

In den letzten 12 Jahren habe die Rate jedoch bei jährlich 3 Millimetern gelegen, sagte Steve Nerem vom Colorado Center for Astrodynamics Research der University of Colorado in Boulder. Etwa die Hälfte davon gehe auf die thermische Ausbreitung des Wassers aufgrund erhöhter Temperaturen zurück. Wie Stahlschienen, die im Sommer länger sind als im Winter, dehnt sich auch Wasser mit steigenden Temperaturen aus.

Eine andere Ursache sei schmelzendes Eis. Mit Hilfe von Satelliten sei es möglich, das Ausmaß genau zu bestimmen, mit dem Eis abnimmt und wächst, erklärten die Wissenschaftler.

Laut Eric Rignot, wissenschaftlicher Leiter der Radaruntersuchungen am Jet Propulsion Laboratory (JPL) der Nasa, sind Veränderungen beim Eis der wahrscheinlich wichtigste Faktor, der das Niveau des Meeresspiegels beeinflusst. Das Eis schrumpfe viel schneller als bisher angenommen.

Tauendes Eis bedeutet jedoch nicht automatisch einen Anstieg des Wasserspiegels. Vor allem in der Arktis nimmt der Eispanzer derzeit stark ab. Sofern das Eis aber auf Wasser schwimmt, ändert sich dabei an der Höhe des Meeresspiegels nichts.

Forscher vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung glauben, dass Veränderungen an den Ozeanströmen viel dramatischere Auswirkungen auf Wasserstände haben könnten als schmelzendes Eis. In einem Szenario untersuchten sie einen möglichen Zusammenbruch der Ozeanzirkulation und fanden dabei heraus, dass der Meeresspiegel an den Küsten des Nordatlantiks um einen Meter steigen würde, während er im Südatlantik sänke. Die Anstiegsrate würde 25 Millimeter pro Jahr erreichen – deutlich mehr als die von der Nasa ermittelten 3 Millimeter.

Die Meeresoberfläche sei nicht flach, erklärten die Potsdamer Forscher. Vielmehr entstünden durch den Einfluss der Ozeanzirkulationen Hügel und Täler, die mit der Corioliskraft in Gleichgewicht stünden. Das Absinken von kaltem Wasser im Nordatlantik – ein Teil der Atlantikzirkulation –, führe zu einem besonders niedrigen Meeresspiegel in Europa.

Eine Abschwächung dieser Zirkulation infolge der globalen Erwärmung wird von vielen Wissenschaftlern erwartet; ein völliger Zusammenbruch, wie in Roland Emmerichs Kinofilm "The Day After Tomorrow", gilt eher als unwahrscheinlich.

[29.04.2005: Meeressonden: Messungen bestätigen Treibhauseffekt]  (SPIEGEL ONLINE)
[30.06.2005: Golfstrom-Simulation: Eiszeit in USA und Europa abgesagt]  (SPIEGEL ONLINE)



Ökonomen warnen vor Klimawandel

Mehr Naturkatastrophen durch global steigende Temperaturen / Gesamtwirtschaftliche Schäden von 200.000 Milliarden Dollar drohen

Aus:
Berliner Zeitung, 11. August 2005, Seite ?? (Wirtschaft) von STEPHAN KAUFMANN. [Original]

BERLIN – 10. August. Angesichts globaler steigender Temperaturen und der Zunahme von Wetterkatastrophen haben Wirtschaftsforscher die Politik eindringlich aufgefordert, mehr gegen den globalen Klimawandel zu tun. "Die ökonomischen Schäden durch extreme Wetterereignisse haben in den letzten 3 Jahrzehnten enorm zugenommen", warnten Forscher des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) am Mittwoch [10.8.2005]. Eine schnell aktiv werdende Klimaschutzpolitik könnte wirtschaftliche Schäden durch Stürme, Überschwemmungen und Dürren von bis zu 200 Billionen Dollar (rund 160.000 Milliarden Euro) bis zum Jahre 2050 abwenden. Zum Vergleich: Das deutsche Bruttoinlandsprodukt beträgt rund 2.000 Milliarden Euro.

Gefährliche Treibhausgase

In den letzten 100 Jahren ist es auf der Erde um bis zu 0,8 Grad Celsius wärmer geworden. Ursache seien vor allem die Industrialisierung und die Emission von Treibhausgasen wie Kohlendioxid, so das DIW. In der Folge der Klimaverschiebung seien extreme Naturkatastrophen nicht nur immer häufiger, sondern auch intensiver. "Versicherer auf der ganzen Welt registrieren in den letzten Jahrzehnten eine drastische Zunahme der Katastrophenschäden", sagte Gerhard Berz von der Münchener Rückversicherung. Drei Viertel der Schäden gingen auf Wetterextreme zurück. Bis zum Jahr 2100 sind laut DIW-Ökonomin Claudia Kemfert weitere Temperaturerhöhungen von 1 bis 5,5 Grad Celsius zu erwarten. Versicherungsexperte Berz rechnet mit "mehr Hitzewellen, Dürren, Sturmfluten und Überschwemmungen". Die finanziellen Risiken seien enorm, so Kemfert. In den letzten 3 Jahrzehnten seien die ökonomischen Schäden extremer Wetterereignisse um das 15-fache gestiegen.

Besonders betroffen werden laut Kemfert die Entwicklungsländer sein. Aber auch in Nordamerika seien vermehrt Stürme und Tornados mit extrem starkem Wind zu erwarten, in Asien wiederum seien Überschwemmungen wahrscheinlicher. In Europa sei künftig neben extremen Hitzeereignisse und Fluten auch mit starken Stürmen wie Tornados und Hurrikanen zu rechnen.

Globale Emissionssteuer

Daher fordern die Forscher eine aktive Klimaschutzpolitik und langfristige Klimaschutzziele. Das Kyoto-Protokoll sei nur ein bescheidener Beginn. Die Kosten eines effektiven Klimaschutzes lägen bei etwa 1 % des weltweiten Bruttosozialproduktes, so die Forscher vom DIW. Dazu müssten Energieeffizienz und der Anteil erneuerbarer Energien bis zur Mitte es Jahrhunderts deutlich steigen und die Kohlendioxid-Emissionen stark sinken.

Notwendig sei auch der Einsatz marktwirtschaftlicher Instrumente, beispielsweise ein internationaler Handel von Emissionsrechten oder eine globale Emissionssteuer in Höhe von bis zu 100 Dollar pro Tonne Kohlenstoff. Durch eine solche Steuer könnten Investitionen in saubere Energien gelenkt werden.



T R E I B H A U S E F F E K T

Neue Argumente für Klimawandel von Menschenhand

Einige Kritiker glauben nach wie vor nicht, dass die globalen Klimaveränderungen vom Menschen mitverursacht werden, oder bestreiten sogar, dass sie überhaupt stattfinden. Neue Forschungsergebnisse entkräften jetzt wichtige Argumente dieser Skeptiker – auch die der US-Regierung.

Aus:
Spiegel Online – 12. August 2005, 15.49 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

USA. An seinem Ende ist der Streit mit Sicherheit noch nicht angelangt. Aber die Verfechter der These, dass der Mensch für den globalen Klimawandel verantwortlich ist, sind sicher: Ihre neuen Argumente "kommen der Wahrheit immer näher". So formulierte es der Klimaforscher Phil Jones, von der britischen University of East Anglia im Gespräch mit dem Nachrichtendienst des Fachblattes "Nature".

Jones ist an keiner der 3 Studien beteiligt, die in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Science" erschienen sind. Aber wie die Autoren dieser Studien und auch die überwiegende Mehrheit der übrigen Experten glaubt er, dass sich die Erdatmosphäre erwärmt, und zwar durch den Einfluss von Treibhausgasen wie CO2. Die Gegner dieser These führten in den vergangenen 15 Jahren immer wieder ein Argument ins Feld: Satellitenmessungen hätten 1990 ergeben, dass sich die Troposphäre, also die unterste Schicht der Erdatmosphäre, langsamer erwärme als von Klimamodellen vorhergesagt.

Die Gegner der These vom menschengemachten Klimawandel betrachteten das als Beleg für die generelle Unzuverlässigkeit solcher Modelle. Jetzt zeigten Carl Mears und Frank Wentz von Remote Sensing Systems in Santa Rosa, dass die Unstimmigkeiten wohl nicht an den Modellen, sondern an den Messdaten lagen. Sie führten eine Korrektur ein, die Ungenauigkeiten ausgleichen soll, die bei Satelliten- Temperaturmessungen auftreten: Theoretisch sollten sich die Messgeräte immer zur gleichen Tageszeit über dem gleichen Punkt befinden, praktisch variieren diese Positionen jedoch leicht.

Erwärmung doppelt so stark wie zuvor gemessen

Um zwei Zehntel Grad Celsius erwärmt sich die Troposphäre, die 10 bis 18 Kilometer dick ist, nach den neuen Berechnungen innerhalb von zehn Jahren – die umstrittenen Ergebnisse von 1990 hatten eine weniger als halb so große Zunahme ergeben. Ein weiterer Artikel in der gleichen Ausgabe von "Science", verfasst von einer Gruppe um Benjamin Santer vom Lawrence Livermore National Laboratory, vergleicht die Vorhersagen von Mears und Wentz mit 19 unterschiedlichen Modellen für die Temperaturentwicklung in der tropischen Troposphäre – und alle Modelle stimmen mit den korrigierten Daten überein. Es sei plausibel, dass bisherige Diskrepanzen zwischen Messung und Vorhersage auf kleinen "Fehlern in mehreren Datensätzen" beruhten.

Ein dritter Artikel in der gleichen Ausgabe weist auch einer zweiten Methode, mit der Temperaturprofile für die Troposphäre erstellt werden, Fehler nach. Die Arbeitsgruppe von Steven Sherwood von der Yale University zeigt darin, dass Messungen mit Wetterballons ungenau sind, weil sich manche Messgeräte durch Sonneneinstrahlung selbst stärker erwärmen als andere. Bisherige Unstimmigkeiten zwischen Temperaturmessungen am Boden und in der Troposphäre könnten mit diesen Ungenauigkeiten erklärt werden, schreiben die Autoren in "Science".

Die neuen Erkenntnisse entkräften einige der stärksten Argumente, die CO2-Apologeten bislang gegen eine menschengemachten Treibhauseffekt ins Feld führten, darunter auch die US-Regierung. Sie werden also wohl kontrovers diskutiert werden. Gegenüber dem Nachrichtendienst von "Nature" sagte Klimaforscher Carl Mears: "Ich rechne damit, dass bis Dienstag eine Menge Artikel erschienen sein werden, die mich als Betrüger bezeichnen."



BDI fürchtet zu viel Klimaschutz

Subventionen nach US-Vorbild sollen Emissionsziele nach Art des Kyoto-Protokolls ersetzen / [Ed: Wenn die Verursacher-Lobby Stuß aufschreibt und diesen auch noch lauthals fordert]

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 18. August 2005, Seite ?? (Wirtschaft) von HARALD SCHUMANN. [Original]

BERLIN (Tsp). Der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) fordert die Abkehr von weiteren Verpflichtungen zum Klimaschutz nach Art des Kyoto-Protokolls, weil sonst der Verlust von Arbeitsplätzen drohe. Dieser Ansatz sei "gescheitert", heißt es in einem Strategiepapier von Carsten Kreklau, einem der Hauptgeschäftsführer des BDI [Ed: der offensichtlich weder wiss. Papers gelesen noch sich wenigstens im Internet schlau gemacht hat]. In der Politik müsse sich "die Erkenntnis durchsetzen, dass absolute Emissionsminderungsverpflichtungen international nicht durchsetzbar" seien, argumentiert Kreklau unter Verweis auf die USA. Die Regierung Bush lehnt jede Verpflichtung ab, obwohl das Land für ein Viertel der weltweit emittierten Treibhausgase verantwortlich ist.

Folglich führe "Umweltminister Trittins starres Festhalten am Kyoto-Vertrag in die Irre", meint Kreklau. Stattdessen sollten sich Deutschland und die EU der "Klimapartnerschaft" der USA mit China, Indien, Japan, Südkorea und Australien anschließen. Die sechs Staaten hatten im Juli vereinbart, gemeinsam die Entwicklung von Klimaschutztechnologien voranzutreiben. Auf konkrete Ziele oder Ausgaben konnten sich die Partner aber nicht einigen. Die US-Regierung hat angekündigt, in den kommenden fünf Jahren emissionssparende Technologien mit insgesamt 20 Milliarden Dollar zu fördern.

Hintergrund der BDI-Forderung sind die anstehenden Verhandlungen über die Fortsetzung des Kyoto-Protokolls nach dem Jahr 2012. Dies verpflichtet bislang die Industrieländer zur Reduktion ihrer Emissionen um 5,2 % gegenüber dem Stand von 1990. Weil aber die Schwellenländer und die USA bisher nicht einbezogen sind, steigen die Emissionen weltweit trotzdem stark an.

Klimaexperten halten eine Minderung um 50 % bis 2050 für notwendig, wenn die Folgen des Klimawandels beherrschbar bleiben sollen. Darum wollen sowohl die Bundesregierung als auch die Opposition auf die Ausweitung der Verpflichtungen drängen. Kanzlerkandidatin Angela Merkel hatte das Protokoll einst selbst verhandelt und erklärte erst kürzlich, sie sehe keine Alternative. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) wies die Forderung des BDI als unsinnig zurück. Rot-Grün fordert, die EU solle sich auf eine Reduktion um 30 % verpflichten und Deutschland müsse 40 % Minderung erbringen. Der BDI fürchtet dagegen, die deutschen Einsparpotenziale seien "ausgereizt", Vorrang müsse jetzt die "weltweite Verbreitung" energieeffizienter Produkte haben.

Dabei bleibt das BDI-Konzept aber vage und widersprüchlich. So fordert Kreklau den "internationalen Ausbau" des EU-Emissionshandels, der die Lizenzen zum Ausstoß von Kohlendioxid begrenzt und handelbar gemacht hat. Ohne absolute Obergrenzen mache ein Handelssystem für Emissionslizenzen aber "gar keinen Sinn", sagt Hermann Ott, Fachmann für Klimapolitik beim Wuppertal-Institut für Energie und Umwelt. Denn nur durch die Beschränkung erhalten die Lizenzen einen Wert. Vermutlich fürchte die Industrie eher, dass die EU-Staaten durch stete Reduzierung der ausgegebenen Lizenzen innerhalb Europas schnell einen harten Marktdruck zu Gunsten emissionssparender Technologien erzeugen könnten, sagt Ott. Das könne für Unternehmen mit veralteter Technik sehr teuer werden.

So argumentiert auch Regine Günther vom Umweltverband WWF. Benötigt würden "keine Subventionen für neue Technologien", die gebe es längst. Vielmehr müsse man Wege finden, die Klimaschutztechnik "im Markt durchzusetzen". Das gehe nur mit "klaren Vorgaben und Minderungspflichten". Das sei selbst den Staaten des US-geführten Klimapaktes klar. Diese hatten erklärt, ihre Zusammenarbeit solle "das Kyoto-Protokoll nur ergänzen, nicht ersetzen" [Ed: was offensichtlich der Lobbyist BDI nicht verstanden hat].



K L I M A W A N D E L   U N D   F L U T

„Das ist erst der Anfang“

Lange Zeit waren Wissenschaftler höchst vorsichtig, wenn es darum ging, Zusammenhänge zwischen Wetterereignissen wie der Flut in Süddeutschland und dem globalen Klimawandel herzustellen. Das ändert sich gerade – denn die Extremereignisse häufen sich weltweit.

Aus:
Spiegel Online – 24. August 2005, 18.31 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert) von CHRISTIAN STÖCKER. [Original]

Wenn man sich die Datenbank der Münchner Rück ansieht, ist die Sache an und für sich klar: In den Jahren zwischen 1950 und 1959 gab es weltweit 13 große wetterbedingte Katastrophen, zwischen 1990 und 1999 waren es 74. Nicht nur für die Rückversicherer, die ein ganz materielles Interesse an solchen Zahlen haben, ist deutlich: Extremereignisse wie massive Niederschläge oder Stürme häufen sich.

Bislang waren Meteorologen und Klimaforscher aber stets sehr vorsichtig dabei, die extremen Wetterlagen mit dem globalen Klimawandel in Verbindung zu bringen. Von zu vielen Faktoren hängen einzelne Ereignisse ab, zu ungenau sind die Modelle für Zusammenhänge zwischen lang- und kurzfristigen Entwicklungen. Doch die Zurückhaltung schwindet - denn eigentlich ist man in der Forschergemeinde weitgehend überzeugt davon, dass brütend heiße Sommer, sintflutartige Regenfälle und heftige Stürme zumindest mittelbar mit der globalen Erwärmung zusammenhängen. "Der Konsens ist da", sagt Daniela Jacob vom Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Sie leitet dort den Bereich "regionale Klimamodellierung", und gerade da hat sich in den letzten Jahren viel getan. Man arbeite mit neun weiteren Instituten in Europa zusammen, die alle regionales Klimageschehen simulieren. Und alle seien sich einig: "Es gibt eine Intensivierung von Starkregenfällen." Die Wetterlage, die zu der augenblicklichen Flut im Alpenraum geführt hat, genannt "5b" ("Vb") oder "Genua-Tief", sei zu Beginn des Jahrhunderts etwa ein bis zwei Mal in zehn Jahren aufgetreten – in den letzten Jahrzehnten jedoch im Schnitt je vier bis fünf Mal. "In den Beobachtungen sehen wir, dass sich weltweit Extremereignisse häufen", so Jacob.

Die "5b"-Lage entsteht, wenn sich im Golf von Genua ein Tiefdruckgebiet bildet, das dann von West nach Ost über das Mittelmeer zieht und sich mit verdunstetem Wasser vollsaugt. Je wärmer die Atmosphäre ist, desto mehr Flüssigkeit kann sie aufnehmen – also führt ein durchschnittlich wärmeres Klima auch zu durchschnittlich extremeren Regenfällen. Zudem komme diese spezielle Wetterlage durch wachsende Temperaturunterschiede zwischen der Nordpolregion und den Tropen häufiger zustande als früher, erklärt Jacob.

Das "Genua-Tief" kommt immer häufiger

Damit katastrophale Zustände wie jetzt im Süden, das Oder-Hochwasser von 1997 oder das Elbe-Hochwasser von 2002 entstünden, müsse aber noch eine "Störung" hinzukommen, im aktuellen Fall die Alpen. Das "Genua-Tief" ist vom Mittelmeer aus östlich um die Alpen herumgezogen, hat sich ihnen dann von Norden genähert und regnet seine gewaltige Wasserlast jetzt dort ab. Wäre das Tiefdruckgebiet in eine andere Richtung weiter gezogen, hätte sich die Wassermenge womöglich gleichmäßig auf Deutschland verteilt, ohne große Schäden anzurichten.

Auch der Grandseigneur der deutschen Klimaforscher, Mojib Latif vom Institut für Meereskunde der Universität Kiel, findet deutliche Worte. Dass sich Wetterkatastrophen wie die Hochwasser im Alpenvorland oder die Waldbrände in Portugal häuften, habe mit der globalen Erwärmung zu tun, sagte er im NDR. Die Menschen müssten sich darauf einstellen, dass es solche Extremwetterlagen künftig häufiger geben werde.

Zwar gibt es nach Ansicht des Experten keinen offensichtlichen Zusammenhang zwischen dem Hochwasser in Bayern und den Bränden in Portugal. Langfristig sei jedoch erkennbar, dass sowohl Trockenperioden in Südeuropa als auch die sintflutartigen Niederschläge in Mitteleuropa immer mehr zunähmen. "Insofern ist diese Häufung von Extremwettersituationen schon ein allererstes Anzeichen dafür, dass die globale Erwärmung eben auch schon auf das alltägliche Wetter einen gewissen Einfluss hat", sagte Latif.

Weitere Zunahme der Wetterextreme vorausgesagt

In den nächsten 50 bis 100 Jahren werden die Wetterextreme nach Ansicht des Wissenschaftlers noch deutlich zunehmen. "Das, was wir jetzt sehen, ist eigentlich nur der allererste Anfang", sagte er. Es sei jedoch noch möglich, die Erderwärmung im globalen Mittel auf etwa 1,4 Grad zu beschränken, zum Beispiel durch Verringerung des Kohlendioxidausstoßes.

Daniela Jacob ist beim Thema Vorhersage von Flutkatastrophen allerdings vorsichtiger. Man habe in den bisherigen Modellen "keine Indizien dafür, dass diese Extremwetterlagen in den nächsten Jahrzehnten noch häufiger werden".

Eisfreie Ozeane in hundert Jahren?

Im vergangenen Dezember hatten US-Wissenschaftler erstmals von einem konkreten Zusammenhang zwischen einzelnen Wetterphänomenen und dem menschengemachten Klimawandel hingewiesen. Im Fachmagazin "Nature" hatten die Forscher von Berechnungen berichtet, nach denen der mörderische Hitzesommer des Jahres 2003 aller Wahrscheinlichkeit nach auf den Ausstoß von Treibhausgasen zurückzuführen sei. Wissenschaftler vom Meteorologischen Institut der Uni Bonn verglichen kurz darauf die Vorhersagen einer Vielzahl von Klimamodellen – und kamen ebenfalls zu dem Schluss, das die Klimaveränderung vom Menschen hervorgerufen wird, zumindest zum Teil.

Von einem anderen Schauplatz der gewaltigen Umwälzungen, die der menschliche Einfluss überall auf dem Planeten hervorruft, berichtet ein großes Forscherteam, das Arctic System Science Committee der US-amerikanischen National Science Foundation. Das Abschmelzen des Eises in der Arktis nehme zu, berichten die Wissenschaftler in "Eos", der Wochenzeitschrift der American Geophysical Union. Innerhalb eines Jahrhunderts könnte die Entwicklung zu einem im Sommer völlig eisfreien Meer führen – Bedingungen, die in der Region seit einer Million Jahren nicht mehr geherrscht hätten.



H U R R I K A N   " K A T R I N A "

Klimawandel facht Wirbelstürme an

Für viele Bewohner von New Orleans könnte der Hurrikan "Katrina" zur Katastrophe werden. Klimaforscher sehen sich in ihrer Meinung bestätigt: Die globale Erwärmung lässt die Zerstörungskraft von Wirbelstürmen immer größer werden.

Aus:
Spiegel Online – 29. August 2005, 16.14 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert) von MARKUS BECKER. [Original]

NEW ORLEANS. "Katrina" rast so bedrohlich auf New Orleans zu, dass selbst mancher Wissenschaftler Anflüge von Panik zeigt. "Wir könnten kurz davor stehen, unser Pendant zum asiatischen Tsunami zu erleben, was die Schäden und die Zahl der Toten betrifft", sagte Ivor von Heerden, immerhin Direktor des Public Health Research Center an der Louisiana State University. Zur Erinnerung: Der Tsunami in Südasien hat Ende vergangenen Jahres rund 300.000 Menschen getötet und ganze Städte dem Erdboden gleichgemacht.

Was Heerden zu seiner hysterisch anmutenden Warnung trieb, sind weniger "Katrinas" ungeheure Windgeschwindigkeiten von zeitweise mehr als 250 Kilometern pro Stunde, sondern vor allem die meterhohe Flutwelle, die der Wirbelsturm durch New Orleans treiben könnte. Und die könnte in dieser Stadt in der Tat katastrophale Auswirkungen haben, wenn auch nicht mit Hunderttausenden Toten.

New Orleans liegt in einer Senke unter dem Meeresspiegel – eine Stadt zwischen Deichen, die den Lake Pontchartrain im Norden und den Mississippi im Süden und Westen in Schach halten. Ein Hurrikan, der sich gegen den Uhrzeigersinn dreht, könnte den Lake Pontchartrain zu meterhohem Wellengang aufpeitschen. Riesige Mengen Seewasser könnten sich dann über die Schutzmauern in die Stadt ergießen, die durchschnittlich zwei Meter unter dem Meeresspiegel liegt und über keine natürliche Drainage verfügt.

      Hurricane Katrina vor New Orleans
^   Hurrikan „Katrina“ zieht auf die Golfküste bei New Orleans zu. In dem Satelliten-Foto in Falschfarben ist deutlich das windstille ‚Auge‘ im Zentrum zu erkennen. Die rötlich eingefärbten Teile des rotierenden Wirbels weisen niedrigere Temperaturen und hohe Windgeschwindigkeiten auf.   (TV-Shot: 29.8.2005 – ard/khd)
In einigen Ortsteilen würde das Wasser anschließend bis zu acht Meter hoch stehen, wie mehrjährige Computersimulationen der Sicherheitsbehörden ergeben haben. Unter Wasser lägen dann auch die lebenswichtigen Pumpen. Wochenlang müssten die Menschen ohne Trinkwasser und Kanalisation auskommen. Mehr als 80 Prozent der Gebäude könnten schwer beschädigt oder zerstört werden, erklärte Heerden dem US-Sender CNN.

Da New Orleans so tief liegt, werden nicht nur die Toten über der Erde bestattet, sondern auch Gas-, Öl- und Dieseltanks oberirdisch installiert. Sollte sich ihr Inhalt zusammen mit giftigen Chemikalien aus überfluteten Industriegebieten über weite Gebiete verteilen, befürchtet Heerden nicht nur enorme Umweltzerstörungen. Da Benzin auf der Wasseroberfläche treibt, könnten auch ausgedehnte Feuersbrünste entstehen.

Wasserdampf verlieh "Katrina" enorme Kraft

Als "Katrina" vergangene Woche über dem Atlantik zum Leben erwachte, sah der Sturm zunächst nicht sehr bedrohlich aus. Die Nasa meldete einen Hurrikan der Kategorie 1 – nicht mehr als ein kräftiger Wind, der für Menschen an Land kaum eine Gefahr darstellt. Doch der Golf von Mexiko wirkt wie ein riesiger Treibsatz für den Wirbelsturm. Bei Oberflächentemperaturen von mehr als 26 Grad verdunsteten große Mengen Wasser und pumpten immer mehr Energie in den Hurrikan.

Die Zugbahn des Hurricane Katrina  
^   Die Zugbahn des zerstörerischen Hurrikans „Katrina“ von den Bahamas über Florida in Richtung New Orleans sowie die gefährdeten Küstenregionen am Golf von Mexiko.   (Grafik: 28.8.2005 – met/khd)
Zeitweise haben US-Meteorologen Windgeschwindigkeiten von mehr als 250 Stundenkilometern gemessen – "Katrina" gehörte damit, wenn auch nur für kurze Zeit, zur Hurrikan-Kategorie 5. Nur dreimal haben US-Wetterforscher jemals derart starke Stürme über Land gemessen. Zwar haben die Behörden "Katrina" mittlerweile wieder auf Kategorie 4 zurückgestuft, doch sicherer fühlen dürfen sich die Bewohner von New Orleans deshalb nicht: Die drei Wirbelstürme mit den meisten Todesopfern in der Geschichte der USA zählten allesamt zur Kategorie 4.

Klimaforscher sehen sich durch "Katrina" bestätigt

Vielen Klimaforschern passt "Katrina" bestens ins Bild. Immer mehr von ihnen glauben, dass sich die Amerikaner wegen der globalen Erwärmung auf eine steigende Zahl katastrophaler Wirbelstürme gefasst machen müssen. Ihr Argument: Je wärmer Atmosphäre und Ozeane werden, desto mehr Wasserdampf gerät in die Luft. "Generell ist dadurch mehr Energie für Wirbelstürme da", bestätigt Ulrich Cubasch vom Institut für Meteorologie der Freien Universität Berlin im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Zwar ist Cubasch vorsichtig, einen direkten Zusammenhang zwischen "Katrina" und der globalen Erwärmung herzustellen. Insgesamt aber ist schon heute eine Zunahme der Intensität von tropischen Wirbelstürmen zu beobachten. Der US-Forscher Kerry Emanuel vom Massachusetts Institute of Technology etwa hat solche Stürme über die vergangenen 30 Jahre analysiert. Windgeschwindigkeit und Sturmdauer seien im Schnitt um 20 Prozent gestiegen, schrieb Emanuel Anfang August im Fachblatt "Nature".

Intensität ausschlaggebend für Zerstörungen

Der Forscher betonte zugleich, dass nicht die viel zitierte Häufigkeit der Wirbelstürme, sondern ihre Intensität ausschlaggebend für ihre Zerstörungskraft sei. Und die ist gewaltig, angesichts der Energiemengen, die ein Hurrikan in sich birgt. Bis zu 500 Kilometer im Durchmesser können die Wirbelstürme erreichen und dabei rund 3,6 Millionen Tonnen Luft bewegen. Erst wenn sie sich über Land bewegen, geht ihnen die Puste aus, weil der Nachschub feuchtwarmer Luftmassen fehlt.

Städte wie New Orleans, die nahe der Küste liegen, können einen Hurrikan deshalb mit nahezu ungebremster Wucht abbekommen. Bei Stärke 2 (154 bis 177 Stundenkilometer) werden Dächer abgedeckt, Türen und Fenster beschädigt. Bei Stärke 3 (178 bis 209 Stundenkilometer) knicken bereits größere Bäume um, sicher sind Menschen nur noch in soliden Häusern. Bei Hurrikans der Stärke 4 und 5 (mehr als 250 Stundenkilometer) können selbst gemauerte Heime oft keinen Schutz mehr bieten, zugleich drohen schwere Flutschäden.

Solche Katastrophen werden die USA künftig immer öfter heimsuchen, warnt Klimaforscher Emanuel – weil die Erwärmung der Erde zumindest mittelfristig nicht mehr zu stoppen ist. Und so werde auch die Zerstörungskraft der Stürme weiter zunehmen [Ed: zumal Amerikas Politiker – allen voran Wissenschaftsverfälscher Gerge W. Bush – seit vielen Jahren nicht bereit sind, energische Maßnahmen zum globalen Klimaschutz in den USA einzuführen]. [mehr]



H U R R I K A N   " K A T R I N A "

"Katrina" wütet weiter

Die volle Wucht des Hurrikans "Katrina" hat New Orleans nicht getroffen. Der Sturm wütete weit heftiger über Mississippi und Alabama. Trotzdem können die Menschen in New Orleans nicht aufatmen - denn jetzt haben sie Angst, dass ihre Stadt im Wasser versinken könnte.

Aus:
Spiegel Online – 30. August 2005, 00.10 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

      Hurricane Katrina Landfall
^   Animierter Landgang des Hurrikans „Katrina“ am Montag, den 29. August 2005 gegen 9.00 Uhr Ortszeit (14.00 Uhr GMT).   (Sat-Fotos: 29.8.2005 – cnn/khd)
NEW ORLEANS. In der historischen Südstaatenmetropole New Orleans standen Stadtviertel bis zu 3,66 Meter unter Wasser. In manchen Stadtvierteln wie Chalmette stieg das Wasser bis zu 3,66 Meter hoch. Der Mississippi stieg bedrohlich um bis zu 4 Meter an. Menschen flohen auf die Dächer ihrer bis unter die Decke gefluteten Hauser. Mindestens bis ins dritte Stockwerk sollten sich die Bewohner von New Orleans retten, lautete der Rat der Behörden.

Die hohen Wasserpegel sind für die Stadt am Mississippi-Delta besonders bedrohlich. Mehr als 70 Prozent des Stadtgebiets liegen unterhalb des Meeresspiegels. Wenn das Wasser zu hoch steigt und die Dämme etwa am Lake Pontchartrain im Norden der Stadt brechen sollten, könnte die Stadt regelrecht geflutet werden. Natürliche Abflüsse fehlen.

Gefährlich ist vor diesem Hintergrund auch die mangelnde Stromversorgung, die im historischen Vergnügungsviertel "French Quarter" ebenso wie in anderen Stadtteilen vollständig zusammenbrach. Ohne Stromversorgung kann auch das Pumpensystem nicht mehr arbeiten, das New Orleans normalerweise trocken legt.

"Katrina" schaltete mehr als 750.000 Haushalten im Bundesstaat Louisiana den Strom ab. Dies ist nach Angaben der Behörden der größte Stromausfall in der Geschichte des Bundesstaates. Genaue Angaben über mögliche Opfer und Schäden des Wirbelsturms lagen zunächst nicht vor, weil die Bergungs- und Rettungsmannschaften wegen der gefährlichen Windspitzen nicht ausrücken konnten. In New Orleans sind nach einer ersten Mitteilung der Polizei "viele Häuser eingestürzt". In der Stadt war am Sonntag [28.8.2005] zum ersten Mal in der Geschichte die Evakuierung der Stadt angeordnet worden. Mehrere hundertausend Menschen flüchteten aus dem Hurrikan-Gebiet. Mehr als 10.000 Menschen suchten in der Stadt Zuflucht, im Fußball- Stadion Superdome. Dort riss das Unwetter zwei große Löcher ins Dach.

New Orleans hatte im Jahr 1965 die bisher schlimmste Sturmkatastrophe erlebt. Damals waren 60.000 Menschen obdachlos geworden.

Katrina wütet weiter über Louisiana und Alabama

Das Auge des Hurrikans drehte kurz vor der Metropole New Orleans nach Osten ab, so dass sich die schlimmsten Befürchtungen nicht erfüllten. Umso heftiger wurden aber die US-Staaten Mississippi und Alabama getroffen. Der Sturm hatte vor seinem Aufprall an der US-Küste ein wenig von seiner zerstörerischen Kraft verloren. Über dem Golf von Mexiko waren noch Geschwindigkeiten von 280 Stundenkilometern gemessen worden. Als "Katrina" schließlich die Küste von Louisiana erreichte, waren es 235 Kilometer, so dass er in die zweithöchste Kategorie 4 herabgestuft wurde. Später waren es dann nur noch rund 200 Kilometer pro Stunde, was der Kategorie 3 entspricht. Auch waren die Flutwellen mit einer Höhe von gut 4 Metern nur etwa halb so hoch wie befürchtet.

Dennoch hatte der Wirbelsturm verheerende Folgen. Eine Frau kam in der Kleinstadt Carthage im Bundesstaat Mississippi ums Leben, als ein entwurzelter Baum auf ihr Auto stürzte, berichtete ein lokaler Fernsehsender. In Alabama kostete der Sturm zwei Menschen das Leben. Sie seien bei sturmbedingten Verkehrsunfällen getötet worden, teilten die Behörden mit. Damit stieg die Zahl der Todesopfer durch den Wirbelsturm auf 13. Angesichts der heftigen Überschwemmungen wurde mit weiteren Todesopfern gerechnet.

Die größte Sturmflut traf mit mehr als 6,70 Metern die St. Louis-Bucht bei Gulfport in Mississippi. Der wichtige Küsten-Highway 90 ist nach Angaben der Behörden unter Wasser gesetzt worden. Auf der vierspurigen Autobahn seien viele Boote aus dem Hafen angespült worden. In Mississippi wurden zahlreiche Gebäude überflutet, in einem Krankenhaus an der Küste wurden die Fensterscheiben herausgedrückt. Elektrizitätspfeiler wurden umgerissen, so dass es zu weit verbreiteten Stromausfällen kam.

In Alabama kam es infolge des Sturms zur Explosion von mehreren Transformatoren, wodurch der Himmel regelrecht erleuchtet wurde, bevor überall die Lichter ausgingen. Boote wurden an Land geschleudert und Straßen überschwemmt.

US-Präsident George W. Bush erklärte Louisiana und Mississippi zu Katastrophengebieten. Damit könnten Bundeshilfen schneller ausgezahlt werden, hieß es aus Washington.

Wie zog Katrina weiter?  
^   Standort von „Katrina“ am 30. August 2005 um 3.28 Uhr MESZ. Das Zentrum des nun zu einem Tropensturm herabgestuften Tiefs von riesigen Ausmaßen liegt über dem US-Bundesstaat Tennessee. Dort und im benachbarten Ohio wird mit erheblichen Niederschlägen gerechnet.   (Sat-Foto: 30.8.2005 – cnn/khd)

Katrina wird langsamer

"Katrina" hat bei dem Zerstörungszug durch Louisiana, Mississippi und Alabama viel Kraft gelassen und sich inzwischen zu einem Hurrikan der Kategorie 1 abgeschwächt. Der Wirbelsturm zieht mit Windgeschwindigkeiten von 153 Stundenkilometern in Richtung Norden zum Bundesstaat Tennessee weiter. Die Ausmaße des Wirbelsturms erreichten zeitweise die doppelte Größe Deutschlands.

Hunderttausende waren vor "Katrina" in kilometerlangen Autokolonnen Richtung Norden und Westen geflüchtet. Vor allem in den Armenvierteln harrten jedoch viele Menschen aus, in den Notrufzentralen gingen Anrufe von Eingeschlossenen aus beschädigten Häusern ein. Die Rettungskräfte konnten wegen der verheerenden Zustände allerdings nicht zu Einsätzen ausrücken.

Katrina wird der kostspieligste Wirbelsturm der USA

Experten rechneten mit extremen Schäden in der Katastrophenregion am Golf von Mexiko. Voraussichtlich wird es der kostspieligste Wirbelsturm, der die USA je getroffen hat. Nach ersten Schätzungen könnte er mehr als 30 Milliarden Dollar (24,5 Milliarden Euro) kosten – und damit mehr als Hurrikan "Andrew", der 1992 in Florida und Louisiana 52 Menschen tötete und 100 000 Häuser zerstörte.

Zugleich verursachte "Katrina" auch einen Sturm auf dem Ölmarkt und trieb den Ölpreis auf neue Rekordhöhen. Wegen des riesigen Wirbelsturms mussten zahlreiche Ölplattformen, Häfen, Raffinerien und petrochemische Werke am Golf von Mexiko geschlossen werden. In der Spitze stieg US-Öl auf 70,80 Dollar je Barrel (159 Liter). Die deutschen Aktien verzeichneten am Montag belastet vom Ölpreis und der Furcht vor Hurrikan-Schäden zumeist Verluste.

Ölkonzerne haben ihre Förderplattformen im Golf von Mexiko geräumt. Das könnte die Preise für Rohöl und Benzin weiter nach oben treiben – zumal es Wochen dauern wird, bis die Produktion wieder normal läuft.

"Katrina" bildete sich über den Bahamas und fegte am Donnerstag [25.8.2005] als Sturm der Kategorie 1 über den Süden Floridas hinweg. Drei Menschen waren am Sonntag bei der Evakuierung von New Orleans gestorben, sieben weitere starben beim Durchzug des Hurrikans in Florida am vergangenen Donnerstag. Über dem Golf von Mexiko gewann der Sturm an Kraft und wurde schnell bis zur Kategorie 5 heraufgestuft. "Katrina" ist der elfte Hurrikan im Atlantik in dieser Saison, die am 1. Juni begann. [mehr]



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