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Eisige Zeiten
Britische Forscher haben entdeckt, dass sich der Golfstrom dramatisch verlangsamt hat wegen der Klimaerwärmung.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 1. Dezember 2005, Seite 36 (Weltspiegel) von ROLAND KNAUER. [Original]LONDON (Tsp). Die Nachricht war alarmierend. Forscher des Ozeanographischen Instituts der Universität von Southampton haben herausgefunden, dass sich der Golfstrom deutlich verlangsamt und seit 1998 ein Drittel seines damaligen Volumens verloren hat. Der Golfstrom ist die Ursache dafür, dass weite Teile Europas warm und sehr fruchtbar sind. Bekommen wir jetzt eine neue Eiszeit?
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Temperaturverteilung des Atlantik-Meerwassers an der Oberfläche des Golfstroms vor der US-Ostküste (schwarz). Die Leistung der Wärmepumpe für Europa ist durch den Treibhauseffekt bereits erheblich gesunken um etwa 30 %. Denn der Rückfluß kalten Wassers in der Tiefe des Atlantiks von Grönland in Richtung Karibik ist u. a. durch das Schmelzen des grönländischen Eispanzers massiv gestört. Europas Winter werden sehr viel kälter werden. (Foto: 2005 NASA)
Die Forscher haben ihre Ergebnisse in dem britischen Wissenschaftsmagazin Nature [Band 438, Seite 655] veröffentlicht. "Ein Alarmzeichen für die Politik kann man das schon nennen", sagt Detlef Quadfasel vom Institut für Meereskunde der Hamburger Universität. Verändern steigende Temperaturen auf dem Globus die Wasserströme im Meer, könnte die Klima- Änderung auch die Warmwasserheizung Europas ausfallen lassen, warnen schon seit langem die Klimamodelle der Forscher.Um dem Westen und Norden Europas die gewohnten angenehmen Temperaturen zu bescheren, braucht es paradoxerweise die Kälte des Eispanzers, der Grönland bedeckt. Die kalten Winde von diesen Gletschern kühlen das Wasser des Eismeeres kräftig ab. Kaltes Wasser aber ist schwerer als warmes Wasser und sinkt in die Tiefe. Riesige eiskalte Wassermengen sacken in die Tiefe und wandern langsam nach Süden. Nach einer langen Reise fließt das im Süden aufgeheizte Wasser als mächtiger Warmwasserstrom aus dem Golf von Mexiko heraus wieder nach Norden und heizt Westeuropa auf. Diese Warmwasserheizung aber kann ausfallen, signalisieren die Klimamodelle den Forschern. Denn je weniger Salz in der Nähe von Grönland im Wasser gelöst ist, umso weniger kann es abkühlen und umso leichter bleibt das abgekühlte Wasser. Damit sinkt es langsamer oder gar nicht mehr in die Tiefe. Das ist in der Eiszeit passiert, weil damals das Süßwasser schmelzender Gletscher das Salzwasser des Eismeeres verdünnte.
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So funktioniert der Golfstrom im Atlantik. Man beachte die angegebenen Jahresdurchschnitts- Temperaturen der beiden nördlichen Meßorte in Norwegen (Bode) und Alaska (Inuvik). Wg. des Golfstroms ist es in Bode im Mittel um 13,8 Grad wärmer als in Alaska. (Grafik: 11.2005 SPIEGEL)
Im Prinzip könnte ähnliches in Zukunft wieder passieren, sagen die Klimaforscher schon seit einigen Jahren und stützen ihre Vermutung auf Computermodelle. Die behaupten nämlich, steigende Temperaturen lassen mehr Wasser aus den Ozeanen verdampfen und liefern so mehr Wolken und Niederschlag in das Eismeer. Regen- und Schneefälle aber verringern den Salzgehalt genauso effektiv wie schmelzendes Gletschereis.Soweit die Theorie, in der Praxis aber wusste bisher niemand, ob der Tiefenwasserstrom schwächer wird. Bis Harry Bryden und seine Kollegen vom britischen Nationalen Ozeanzentrum in Southhampton zwischen den Bahamas und der Sahara auf dem 25. Breitengrad im
Jahr 2004 nachgemessen haben, wie viel Wasser dort in verschiedenen Tiefen durch den Atlantik strömt. Als sie diese Daten mit anderen Messungen aus den Jahren 1957, 1981, 1992 und 1998 verglichen, fanden sie erst einmal das anscheinend beruhigende Ergebnis, dass der Golfstrom sich kaum verändert hat. In 3000 bis 5000 Meter Tiefe aber hatte sich der Kaltwasserstrom vom nördlichen Eismeer nach Süden praktisch halbiert. Insgesamt wälzt der Nordatlantik heute 30 % weniger Wasser um als noch 1957, rechnen die Autoren aus.
Rauchen fügt Ihnen und den Menschen in Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu.
So warnt der EU-Gesundheitsminister auf Tabakwaren. Aber haben Sie schon mal auf einem Auto gelesen:
Autofahren fügt Ihnen und den Menschen erheblichen Schaden zu.
Denn es begünstigt den rapiden Klimawandel und dessen negative Folgen für die gesamte Menschheit. Natürlich fehlen solche Warnhinweise auch anderswo, z. B. auf den Stromrechnungen der Dreckschleuderer.Sicher ist: Die Klimaerwärmung hat den Tiefenwasserstrom aus dem Eismeer bereits erheblich geschwächt.
Nach Angaben des Nordatlantikspezialisten Detlef Quadfasel sprechen verschiedene Indizien gegen einen Totalausfall des wärmenden Golfstroms. Aber die abgeschwächten Tiefenströmungen seien ein deutliches Warnsignal an die Politik [Ed: u. a. endlich die Autoproduktion zu drosseln und den Verkehr von der Straße auf die Schiene verlagern]. Wenn die gegenwärtige Tendenz anhalte, könne die Durchschnittstemperatur in Nordwesteuropa innerhalb des kommenden Jahrzehnts um rund 4 Grad Celcius sinken, erläuterte Meric Srokosz vom britischen Umweltinstitut, das die Studie begleitete. Den betroffenen Länder könne dies extrem kalte Winter bescheren.
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Aktuelles Satelliten-Foto der Arktis. Die gelbe Linie gibt die Grenze der Vereisung im September 1979 an (ohne Grönland). Es ist also bereits reichlich Eis geschmolzen und damit Kohlenstoff freigeworden. (Sat-Foto: 2005 NASA)
[30.11.2005: Klimawandel Golfstrom hat sich stark abgeschwächt] (SPIEGEL ONLINE)
[02.12.2005: Frische Erinnerung Eine kleine Eiszeit könnte drohen, wie schon von 15501850] (DER TAGESSPIEGEL)
E R G E B N I S V O N M O N T R É A LDer Bremsweg im Klimaschutz ist lang
Umweltminister Sigmar Gabriel über schwarz-rote Umweltpolitik, die USA und Mitleid der SPD-Genossen.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 4. November 2005, Seite ?? (Politik). Das Interview führten DAGMAR DEHMER und STEPHAN HASELBERGER. [Original]DER TAGESSPIEGEL: Als Umweltpolitiker waren Sie bisher ein unbeschriebenes Blatt. Wollen Sie Ihr Ressort in der Tradition ihrer Vorgängerin Angela Merkel oder ihres Vorgängers Jürgen Trittin führen?
Sigmar Gabriel: (lacht) Meine beiden Vorgänger waren auch nicht für ihre Spezialisierung in der Umweltpolitik bekannt, als sie anfingen. Trotzdem haben beide eine Menge erreicht. Angela Merkel hat das Verhandlungsmandat für das Kyoto- Protokoll zum weltweiten Klimaschutz durchgesetzt eine herausragende Leistung. Und Jürgen Trittin hat Deutschland bei den erneuerbaren Energien und ambitionierten Zielen zum Klimaschutz weitergebracht. Es gibt also Gründe, an beide Traditionen anzuknüpfen.
DER TAGESSPIEGEL: Wird Deutschland unter Schwarz-Rot an den ehrgeizigen Klimazielen von Rot-Grün festhalten?
Gabriel: Wir haben uns im Koalitionsvertrag dazu bekannt, dass Deutschland weiterhin eine führende Rolle im Klimaschutz wahrnehmen wird. Wir werden sicherstellen, dass wir unser anspruchsvolles Kyoto-Ziel, den Ausstoß von Treibhausgasen im Vergleich zu 1990 um 21 % zu senken, erreichen. Und wir sind bereit, die deutschen Emissionen bis 2020 um mehr als 30 % zu senken, wenn sich die EU-Staaten insgesamt mindestens auf eine 30-%-Reduktion verpflichten. Die neue Koalition hält außerdem am EU-Ziel fest, die globale Erderwärmung auf höchstens zwei Grad im Vergleich zum Beginn der Industrialisierung zu begrenzen. Und wir wollen bis 2020 einen Anteil von Strom aus erneuerbaren Energien von 20 % erreichen.
DER TAGESSPIEGEL: Bleibt es auch beim Emissionshandel? Oder wollen Sie den Wünschen einiger Wirtschaftsverbände nach einer unverbindlicheren Klimapolitik nachkommen?
Gabriel: Der Emissionshandel wird fortgesetzt. Wir haben im Koalitionsvertrag sogar beschlossen, den zweiten nationalen Zuteilungsplan für Emissionsrechte an die deutsche Industrie auf der Basis des derzeit gültigen Plans aufzustellen. Überhaupt hat es noch nie einen Koalitionsvertrag gegeben, der so umfangreich und so präzise die Umweltpolitik einer Regierung beschrieben hat.
DER TAGESSPIEGEL: Liegt das nicht vor allem daran, dass Union und SPD in der Umweltpolitik keine natürliche Schnittmenge haben und deshalb alles vertraglich regeln mussten?
Gabriel: Der Grund liegt darin, dass die Umweltprobleme, die auf die Menschheit zurollen, so allgegenwärtig sind, dass ihnen niemand mehr ausweichen kann. Egal welcher Partei er angehört. Das wissen insbesondere die Kanzlerin und der neue SPD-Vorsitzende Matthias Platzeck, die ja beide selber Umweltminister waren.
DER TAGESSPIEGEL: An Beispielen für die negativen Folgen des Klimawandels hat es in diesem Jahr nicht gefehlt. Was heißt das für die Weltklimakonferenz in Montreal, an der Sie kommende Woche teilnehmen?
Gabriel: Zumindest ein Beschluss ist in der ersten Woche der Montreal-Konferenz ja schon gefallen. Es wurden neue Kontrollmechanismen beschlossen, ohne die das Kyoto- Protokoll nicht funktionieren kann. Mich freut besonders, dass damit der Einsatz der so genannten flexiblen Mechanismen ermöglicht wird. Wenn Firmen aus Industriestaaten in Osteuropa gemeinsam mit ihren Partnern Kohlendioxid einsparen, können sie das ihrem Klimakonto gutschreiben. Dasselbe gilt, wenn beispielsweise eine deutsche Firma in Afrika ein Dorf mit Solarenergie versorgt. In Entwicklungsländern kann für wenig Geld oft ein viel größerer Effekt fürs Klima erzielt werden als hier. Vor allem zwischen Industriestaaten und Schwellenländern müssen viel mehr technologische Partnerschaften stattfinden.
DER TAGESSPIEGEL: 2012 läuft das Kyoto-Protokoll aus. Muss der weltweite Klimaschutz in der Zeit danach schon jetzt geregelt werden?
Gabriel: Wir dürfen 2012 nicht in einen vertragslosen Zustand geraten. Wir brauchen unbedingt ein Folgeabkommen. Wir sollten uns in Montreal zumindest auf den Beginn des Gesprächs- und Verhandlungsprozesses festlegen.
DER TAGESSPIEGEL: Die USA haben das Eingehen internationaler Verpflichtungen bisher stets abgelehnt.
Gabriel: Es muss auch darum gehen, Brücken zu schlagen zwischen dem bisherigen amerikanischen Weg, sich auf keine Verpflichtungen einzulassen und ganz auf neue Technologien zu setzen, und internationalen Verträgen nach dem Vorbild von Kyoto. Wir brauchen beides.
DER TAGESSPIEGEL: Das heißt aber auch, dass Sie notfalls auf die Beteiligung der USA verzichten würden, oder?
Gabriel: Es ist besser, einen verbindlichen Kyoto- Pakt II zu bekommen, als ein butterweiches Abkommen zu vereinbaren, mit dem wir fürs Klima nichts erreichen.
DER TAGESSPIEGEL: Sind Sie sich bei Ihrer Forderung nach einem verbindlichen neuen Klimaschutzpakt mit Ihrer Kanzlerin einig?
Gabriel: Natürlich. Die Bundeskanzlerin hat in ihrer Zeit als Umweltministerin den Prozess übrigens selbst begonnen. Der Kyoto-Ansatz Emissionsdeckelung und der Einsatz flexibler marktwirtschaftlicher Instrumente muss für die Zeit nach 2012 Kernbaustein der internationalen Klimaschutzpolitik sein. Die Reduktionsziele müssen verbindlich sein und auf jeden Fall anspruchsvoller und härter werden, da der Bremsweg im Klimaschutz sehr lang ist. Was wir heute nicht machen, wird uns in 40 Jahren treffen.
DER TAGESSPIEGEL: Klimaschutz gilt nicht nur in den USA als Jobkiller. Was setzen Sie dem entgegen?
Gabriel: Zuerst einmal, dass es Tausende Menschen auf der Welt gibt, die durch den bereits eingetretenen Wandel des Klimas sterben. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind es schon heute 150.000 jedes Jahr. Noch mehr Kinder verdursten. Der reale Killer ist der Klimawandel. Was wir erreichen müssen, ist die Entkopplung von wirtschaftlichem Wachstum und Klimaschäden, zum Beispiel durch erneuerbare Energien. Wir müssen die Unternehmen dafür gewinnen. Klimaschutz liegt in ihrem ureigenen Interesse. Sie brauchen langfristige Investitionssicherheit. Und die werden sie nicht haben, wenn sich der Klimawandel weiter beschleunigt. Das lässt sich an den Schadensbilanzen der Rückversicherer, die für die Schäden der Naturkatastrophen aufkommen müssen, ja schon heute ablesen.
DER TAGESSPIEGEL: Apropos Planungssicherheit: In Deutschland werden in den kommenden zehn, zwanzig Jahren viele alte Kohle- und Atomkraftwerke vom Netz gehen. Müssen Sie der Industrie nicht jetzt schon sagen, dass nur ein kleiner Teil durch Kohlekraftwerke ersetzt werden kann?
Gabriel: Das kommt darauf an. Ich denke an moderne Kohlekraftwerke und Technologien wie Clean Coal. Dabei wird das schädliche Kohlendioxid eingefangen und beispielsweise in frühere Öl- oder Gaslagerstätten gepumpt.
DER TAGESSPIEGEL: Aber die Technologie gibt es noch gar nicht...
Gabriel: Das stimmt. Aber sie ist in der Entwicklung. Ich bin auch nicht dafür, sämtliche alten fossilen Kraftwerke durch neue Kohlekraftwerke zu ersetzen. Im Gegenteil, ich denke, dass die erneuerbaren Energien in Deutschland aber auch weltweit eine Erfolgsstory werden können. Für Entwicklungsländer sind sie auch deshalb so wichtig, weil sie eine dezentrale Energieversorgung ermöglichen. Damit kann der Strom zum ersten Mal zu einem bezahlbaren Preis auch arme Menschen auf dem Land erreichen. Die erneuerbaren Energien tragen nicht nur zum Klimaschutz, sondern auch zu besseren Lebensbedingungen für die Ärmsten bei.
DER TAGESSPIEGEL: Erneuerbare Energien als schwarz-rotes Projekt?
Gabriel: Wir wollen trotz der Probleme im Haushalt die Forschungsausgaben für die Erneuerbare-Energien-Techniken deutlich erhöhen. Wir wollen wesentlich ambitionierter an das Thema Biokraftstoffe herangehen. Nur mit Rapsöl lässt sich der Bedarf nicht decken. Wir brauchen Technologien, die ganz generell aus Biomasse Treibstoffe herstellen können, und das im industriellen Maßstab. Außerdem legen wir ein Programm zur Wärmedämmung in Altbauten auf, das 1,5 Milliarden Euro umfasst. Aus all dem könnte sich eine ganz neue Zusammenarbeit von Wirtschafts- und Umweltministerium entwickeln.
DER TAGESSPIEGEL: Sie wollen den Gegensatz zwischen Ökonomie und Ökologie auflösen?
Gabriel: Ich bin der festen Überzeugung, dass Umweltpolitik Technologie- und Innovationspolitik ist. Es gibt aber natürlich immer Teile der Wirtschaft, die den Umweltminister in eine ideologische Ecke stellen wollen. Da gehöre ich aber nicht hin. Aus meiner Sicht ist gerade das Umweltministerium ein Zukunftsministerium.
DER TAGESSPIEGEL: Was bedeutet Frau Merkels Credo Mehr Freiheit wagen für die Umweltpolitik?
Gabriel: Es geht auch um die Freiheit der Menschen in Asien und Afrika, die unter den dramatischen Folgen des Klimawandels besonders leiden. Klimaschutz hat etwas mit der Sicherung des Rechts auf Leben zu tun, mit dem jede Freiheit beginnt. Das Credo von Frau Merkel muss in der Umweltpolitik durch den Satz Mehr Fairness wagen ergänzt werden. Fairness auch für Menschen in anderen Teilen der Welt, die bisher ohne Wasser und ohne Strom auskommen müssen. Fairness auch für unsere Enkel, ihnen die Gletscher der Alpen und die Küsten der Nordsee noch zeigen zu können.
DER TAGESSPIEGEL: Die SPD-Fraktion hat auf Merkels Regierungserklärung eher verhalten reagiert. Tut sich die SPD mit dem neuen Bündnis noch schwer?
Gabriel: Das habe ich überhaupt nicht so wahrgenommen.
DER TAGESSPIEGEL: Muss Schwarz-Rot mehr sein als ein Arbeitsbündnis, wenn diese Koalition ein Erfolg werden soll?
Gabriel: Wenn es ein Arbeitsbündnis ist, ist das doch schon mal etwas sehr Gutes. Die Bürger erwarten von uns mit Recht, dass wir arbeiten. Zusammen und zielorientiert.
DER TAGESSPIEGEL: Braucht ein solches Arbeitsbündnis nicht auch einen gemeinsamen Geist?
Gabriel: Der Geist ist doch deutlich geworden. Sich mit Mut und Menschlichkeit an die Aufgaben heranzuwagen! Wir können dabei an die Erfahrungen früherer Generationen anknüpfen. Das Motto lautet: Nicht den Gürtel enger schnallen, sondern die Ärmel aufkrempeln.
DER TAGESSPIEGEL: In der SPD ist Ihre Berufung als Umweltminister als Bewährungsprobe verstanden worden. Nach dem Motto: Er soll mal zeigen, ob er auch dicke Bretter bohren kann.
Gabriel: Mir ist relativ egal, was es da an Beurteilungen von außen gibt. In der SPD haben wir gemeinsam die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass wir die Aufgaben unseres Landes lösen und damit auch die Ausgangsbedingungen für die Partei bei den nächsten Wahlen verbessern.
DER TAGESSPIEGEL: Sie sind im ersten Wahlgang nicht in den SPD-Vorstand gewählt worden. Welche Schlüsse ziehen Sie daraus?
Gabriel: Ich bin, glaube ich, nur einmal im ersten Wahlgang in den Vorstand gewählt worden. Das war kurz nach der Wahlniederlage in Niedersachsen, vermutlich aus Mitleid. Die meisten Vorstandsmitglieder werden erst im zweiten Wahlgang gewählt. Ich habe auf einen zweiten Wahlgang verzichtet, weil die Niedersachsen mit einem großen Personalangebot angetreten sind. Womöglich wäre der neue Landesvorsitzende aus Niedersachsen, Garrelt Duin, nicht in den Vorstand eingezogen. Das wollte ich verhindern. Als Minister gehöre ich dem SPD-Vorstand ohnehin an. Ich habe also kein großes Opfer gebracht.
USA lehnen Zusagen zum Klimaschutz weiterhin ab
Umweltschutzorganisationen sprechen von einem Schritt in die richtige Richtung: Die Industrieländer haben sich auf der Weltklimakonferenz in Montréal über das weitere Vorgehen im Kampf gegen die Erderwärmung verständigt allerdings ohne die USA.
Aus: Spiegel Online 10. Dezember 2005, 15.29 Uhr MEZ (nur elektronisch publiziert). [Original]MONTRÉAL. Die USA erklärten, sie wollten mit den anderen Ländern in einen Dialog über Schritte im Kampf gegen den Klimawechsel treten. "Verhandlungen über neue Zusagen" wurden aber ausgeschlossen. Damit ist es dem Gipfeltreffen nicht gelungen, die Differenzen zwischen den USA und den Unterzeichnern des Kyoto-Protokolls über den Klimawandel auszuräumen.
Der Umweltverband WWF bewertete die Konferenz dennoch als Erfolg. "Das ist ein Signal der internationalen Staatengemeinschaft, dass sie gemeinsam auch nach 2012 gegen die große Herausforderung Klimawandel etwas unternehmen will", sagte Regine Günther vom WWF.
Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) sprach von einem "wichtigen Schritt in die richtige Richtung". Die erzielten Ergebnisse zeigten, "dass das Kyoto-Protokoll lebt und wir darauf aufbauen können". Vor dem Hintergrund der immensen Bedrohung durch den Klimawandel gleiche das Tempo der Verhandlungen allerdings "eher dem Gang einer lahmen Ente". "Die progressiven Staaten, und allen voran die EU, müssen jetzt dringend einen Gang hoch schalten", forderte Markus Steigenberger vom BUND in Montréal. Das Verhalten der amerikanischen und russischen Delegierten in Montréal bewertete er als destruktiv.
Umweltminister Sigmar Gabriel bewertete den Abschluss als ein wirklich gutes Ergebnis. Die wichtigste Botschaft sei, dass der Klimaschutzprozess vorangetrieben werde. Es werde nun auch beim Emissionshandel bleiben. Mit Blick auf Deutschland sagte er: "Wir wollen und müssen Vorbild sein, als eine der größten Industrienationen in der Welt, wenn wir wollen, dass uns andere folgen."
Unter Wissenschaftlern gilt es inzwischen als Konsens, dass die von Autos, Kraftwerken und Industrie verursachte Emission von Kohlendioxid und anderen Gasen entscheidend dazu beigetragen hat, dass die globale Temperatur im vergangenen Jahrhundert um 0,7 Grad gestiegen ist und weiter steigt mit unabsehbaren Folgen für die Menschen in Küstenregionen oder in der Arktis. Der Anteil der USA am weltweiten Ausstoß der gefährlichen Treibhausgase liegt bei über 25 %.
Die Teilnehmer des Uno-Klimagipfels wollen nun ohne Beteiligung der Vereinigten Staaten weiter über die Reduzierung der Treibhausgase verhandeln. Diese Verhandlungen sind eine Grundvoraussetzung, damit der Kyoto-Prozess nach Ablauf der ersten Runde des Kyoto-Protokolls im Jahr 2012 weitergehen kann. Die Diskussionen über die Einbindung von ärmeren Staaten sollen 2006 beginnen. Auch über die Weiterführung der Klimarahmenkonvention von Rio de Janeiro 1992 herrschte Einigung.
"Diese Länder sind bereit, die Führung zu übernehmen", sagte der Schweizer Delegierte Bruno Oberle über die mehr als 150 Unterzeichnerstaaten. "Aber sie können das Problem nicht allein lösen. Wir brauchen die Unterstützung der Vereinigten Staaten und auch die der aufstrebenden Staaten." Der Gastgeber, der kanadische Umweltminister Stephane Dion, zeigte sich trotzdem zufrieden mit dem Gipfeltreffen. Man habe sich einigen können auf "eine Karte für die Zukunft, den Montreal Action Plan, MAP", erklärte er.
Wegen anhaltender Meinungsverschiedenheiten hatten die Verhandlungen über ein Nachfolgeabkommen für das Kyoto-Protokoll bis heute Morgen gedauert, obwohl das Treffen eigentlich bereits am Freitag zu Ende gehen sollte. Die USA, die das Klimaschutzprotokoll boykottieren, lehnen verbindliche Festlegungen zur Reduktion der Treibhausgas- Emissionen auch für die Zeit nach 2012 ab. Sie wollten nur einer Abschlusserklärung ohne konkrete Zielvorgaben zustimmen.
Die Konferenz von nahezu 10.000 Delegierten war die erste Klimakonferenz der Vereinten Nationen seit dem In-Kraft-Treten des Kyoto-Abkommens im Februar.
[09.12.2005: Klimaschutz: Staaten wollen neues Abkommen ohne USA durchsetzen] (SPIEGEL ONLINE)
J A H R E S B I L A N Z 2 0 0 5Vier Hammerschläge besiegeln Klima-Kompromiss
Staatenkonferenz einigt sich auf Weiterentwicklung des Kyoto-Protokolls / USA lenken teilweise ein
Aus: Berliner Zeitung, 12. Dezember 2005, Seite ?? (Politik) von GERD BRAUNE. [Original]MONTREAL. Um 6.03 Uhr am Samstag morgen [10.12.2005] riss Stephane Dion kurz die Fäuste hoch. Kanadas Umweltminister und Präsident des Montrealer Klimagipfels strahlte, dann ließ er sich erschöpft in seinen Sessel zurückfallen. Soeben hatte der Weltklimagipfel die letzte wichtige Entscheidung getroffen die Aufnahme eines umfassenden Dialogs zwischen Entwicklungs- und Industrienationen über den künftigen Klimaschutz. Innerhalb von sechs Minuten hatte Dion bei vier wichtigen Abstimmungen den Hammer fallen lassen. Damit stand fest: Der Gipfel war ein Erfolg.
Am Präsidiumstisch gab es Küsschen, Umarmungen und Schulterklopfen. Stunden vorher hatte es schlecht ausgesehen für die wichtigste Klimakonferenz seit Kyoto. Russland hatte überraschend die Forderung erhoben, die Entwicklungsländer, die sich freiwillig zu Klimaschutzmaßnahmen verpflichten wollen, in den Antrag über die Fortschreibung des Kyoto-Protokolls einzubinden. Da diese das ablehnen, drohte der Prozess zu scheitern. Stundenlang wurde in Krisensitzungen verhandelt. Dann forderten nach und nach andere Delegationen von Jamaika über die EU und Deutschland bis Tuvalu die Russen zum Einlenken auf. Das Kyoto-Protokoll hatte im Februar erst durch Russlands Beitritt in Kraft treten können. Gastgeber Kanada und die Konferenzleitung, so ist später zu erfahren, gelang es, Kontakt mit Offiziellen in Moskau aus der Entourage von Präsident Wladimir Putin aufzunehmen. Als die Konferenz um 5.57 Uhr zusammenkommt, liegt ein Kompromiss auf dem Tisch: Dion wird Gespräche mit den Entwicklungsländern für ihre freiwilligen Verpflichtungen führen und der Vertragsstaatenkonferenz in einem Jahr berichten.
Rätsel um Russlands Haltung
In Minutenabständen fällt dann der Hammer. Beschlossen werden der Kompromiss zum russischen Antrag, dann die Kernfragen der Konferenz: Kyoto wird über 2012 fortgeführt, das ganze Protokoll einer Überprüfung unterzogen und ein umfassender Dialog zwischen Industrie- und Entwicklungsländern zum Klimaschutz begonnen.Gerätselt wird in Montreal, warum Russland sich quer stellte. Es demonstrierte jedenfalls am Ende der Konferenz, in der so viel über die Blockadehaltung der USA gesprochen wurde, dass es ein entscheidender Akteur auf der UN-Bühne ist. Nach Einschätzung von Beobachtern sind die USA der große Verlierer des Treffens. Sie hatten über weite Strecken Totalverweigerung praktiziert, an Versammlungen nicht teilgenommen oder kein Wort gesagt. Von Versuchen der USA, Entscheidungen zu torpedieren und regionale Allianzen aufzubrechen, berichteten regierungsunabhängige Organisationen. In EU-Kreisen hieß es, erst als klar geworden sei, dass die Europäer und die Entwicklungsländer der G 77-Gruppe gemeinsam den Dialog über die künftige Klimapolitik beginnen wollen, hätten die USA die Gefahr der völligen Isolierung erkannt.
Trotz des teilweisen Einlenkens de USA war die Verärgerung über die Vereinigten Staaten in Montreal riesengroß. Dazu trug auch einer ihrer Delegationsleiter bei, der Hardliner Harlan Watson. Er hatte, wie Umweltschutzorganisationen berichteten, in der Nacht zum Freitag in einer Arbeitsgruppe zum Kyoto-Protokoll gesagt, dieses "quakt wie eine Ente, watschelt wie eine Ente und ist eine Ente". Um die US-Amerikaner lächerlich zu machen, waren auf den Gängen des Kongresszentrums am Freitag etliche NGO-Mitglieder mit Quietsche-Entchen zu sehen. Und Watson hatte seinen Spitznamen weg: Duck Watson. [Kommentar]
K L I M A W A N D E L2005 wärmstes Jahr auf Nordhalbkugel
Klimaforscher belegen Temperatursteigerung
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 17. Dezember 2005, Seite 32 (Weltspiegel). Ergänzt um das Fehlende aus der Original- Agenturmeldung (Zeitungen lassen aus Platzgründen schon mal etwas von den News weg).LONDON (dpa). 2005 war britischen Wissenschaftlern zufolge das wärmste Jahr auf der nördlichen Erdhalbkugel seit Beginn der offiziellen Temperaturmessungen im Jahr 1861. Die Jahrestemperatur am Land und im Wasser habe bis Ende November um 0,65 Grad über dem Durchschnittswert der Jahre 19611990 gelegen, berichten die Wissenschaftler des Klimaforschungsinstituts der Universität East Anglia, die auch am Klima-Jahresbericht 2005 der Weltwetterorganisation (WMO) mitgearbeitet hatten.
Auf der südlichen Erdhalbkugel war es den Forschern zufolge im Schnitt um 0,32 Grad wärmer als im Vergleichszeitraum. Die endgültige Wertung werde aber erst im Februar berechnet sein.
Am Donnerstag [15.12.2005] hatte die WMO in Genf berichtet, dass die Temperatur der gesamten Erdoberfläche in diesem Jahr um 0,48 Grad über dem Jahresmittel von 19611990 von 14 Grad lag. 2005 war demnach seit Beginn der Messungen das bislang zweitwärmste Jahr nach 1998. Auch hier rechnet die WMO erst im Februar mit der genauen Gesamtanalyse. Ohnehin waren 9 der vergangenen 10 Jahre die wärmsten bisher gemessenen Jahreszeiträume.
Die Zahl der tropischen Wirbelstürme im Atlantik erreichte 2005 laut WMO-Statistik einen Rekord: 26 wurden registriert, davon 14 Hurrikans. Katrina sei dabei mit rund 1300 Toten der schlimmste Hurrikan in den USA seit 1928 gewesen. Der bisherige Spitzenwert für namentlich erfasste Wirbelstürme stammte mit 21 aus dem Jahr 1933, die meisten Hurrikans waren bislang 1969 mit 12 verzeichnet worden.
Nach Angaben der WMO hat sich das Ozonloch in diesem Jahr auf dem Größenniveau von 2003 gehalten, liegt damit aber deutlich über dem Durchschnitt von 1995 bis 2004. In der dritten Septemberwoche wurde die größte Ausdehnung mit 24,4 Millionen Quadratkilometern gemessen, was die drittgrößte je beobachtete Ausdehnung nach 2000 und 2003 war.
Die Ausdehnung der arktischen Eismassen hatte Ende September ihren niedrigsten Stand im Mittel der vergangenen 4 Jahre erreicht und lag ein Fünftel unter dem Durchschnitt, der von 1979 bis 2004 gemessen wurde. In den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten hat nach Satelliten- Beobachtungen die Eis-Ausdehnung in der Arktis Ende September um 8 % abgenommen. Dafür seien höhere Durchschnittstemperaturen und ein früherer Beginn der Schmelzsaison auf dem Meer verantwortlich, schrieb die WMO in ihren Jahresbericht.
Eis und heiß
Die Erde wird immer wärmer mit dramatischen Folgen
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 18. Dzember 2005, Seite ?? (Sonderthemen) von DAGMAR DEHMER. [Original]Kleine Eiszeit: Das klingt für Tourismusmanager in den Alpen wie Musik. Dabei dürften die meisten Europäer die Nachricht, dass der Golfstrom und damit die atlantische Wärmepumpe für den Kontinent im Vergleich zu 1957 um 30 % schwächer geworden sei, eher mit einem Frösteln aufgenommen haben. Doch die Aussicht, dass der globale Klimawandel ihnen womöglich eine kleine Eiszeit bescheren könnte, hat die Skigebiete kurzzeitig elektrisiert. Schließlich sind gerade in den Alpen die Auswirkungen der globalen Erwärmung deutlich zu sehen. Die Gletscher schmelzen so schnell, dass selbst in höheren Alpenlagen der Schneetourismus in 100 Jahren nur noch eine ferne Erinnerung sein könnte.
Doch die Hoffnung, dass derselbe Klimawandel durch einen ganz anderen Effekt das Problem der Tourismusmanager lösen könnte, dürfte sich wohl nicht erfüllen. Zwar schwächt sich der Golfstrom tatsächlich ab. Durch das Schmelzen der Gletscher in der Arktis, etwa auf Grönland, gelangt mehr Süßwasser ins Nordmeer. Das kalte Wasser sinkt nicht mehr so leicht an den Meeresgrund, von wo es in Richtung Äquator drängt, sich in der Karibik aufwärmt und als warmer Golfstrom zurück nach Europa fließt. Um wie viel sich der Golfstrom abgeschwächt hat, ist in der Wissenschaft noch umstritten, weil es nur wenige Messungen gibt, und niemand weiß, wie genau sie sein können, sagt Andrey Ganopolski vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Doch wenn die Messung der britischen Forscher, die Anfang Dezember bekannt geworden ist, akkurat wäre, könnte der Golfstrom schon in den kommenden 20 bis 30 Jahren zusammenbrechen. Bisher hatten Klimaforscher angenommen, ein solcher Effekt könnte frühestens in 50 bis 100 Jahren eintreten. Aber dass der Zusammenbruch des Golfstroms den Gletschern in den Alpen helfen könnte, ist nicht zu erwarten. Denn tatsächlich beeinflusst die warme Meeresströmung vor allem das Wetter in Schottland, Schweden und Norwegen.
Dass der Klimawandel in vollem Gang ist, wie der Chef des UN-Umweltprogramms (Unep), Klaus Töpfer, immer wieder betont, daran gibt es allerdings kaum noch plausible Zweifel. Zwar gibt es noch immer eine kleine Minderheit von so genannten Klimaskeptikern, die lange mit amerikanischen Forschungsmitteln finanziert worden sind, doch inzwischen nimmt sie kaum mehr jemand ernst. Die große Mehrheit der seriösen Klimaforscher ist sich sicher, dass der von Menschen verursachte Ausstoß von Treibhausgasen wie Kohlendioxid (CO2) für die aktuelle Erderwärmung eine wesentliche Ursache darstellt. Das vergangene Jahrzehnt war das wärmste, seit es Temperaturaufzeichnungen gibt. Vor allem auf der Nordhalbkugel wird es rasch wärmer. Allein im vergangenen Jahrzehnt stieg die Durchschnittstemperatur hier um 0,4 Grad, ermittelten das britische Metereologische Amt und die Universität East Anglia. Der Grund ist vermutlich, dass die Landmasse im Norden größer ist als auf der Südhalbkugel. Land erwärmt sich schneller als Wasser. Doch im Norden ist auch die Temperatur der Ozeane deutlich gestiegen. So warm wie in diesem Jahr waren sie noch nie. 2005 war nach 1998 das zweitwärmste Jahr seit 1880.
Was der Klimawandel heute schon anrichtet, ist vor allem in der Arktis zu sehen. Die globale Durchschnittstemperatur ist seit dem Beginn der Industrialisierung um 0,7 Grad gestiegen. Eine Erhöhung um zwei Grad halten Wissenschaftler für gerade noch beherrschbar. Doch rund um den Nordpol ist die Durchschnittstemperatur bereits um 3 bis 4 Grad gestiegen. Im September 2005 haben wir ein neues Rekord-Minimum an Eisbedeckung erlebt, sagte Mark Serreze vom nationalen Schnee- und Eisdatenzentrum im Boulder, Colorado, dem britischen Sender BBC. Am 19. September betrug die Eisbedeckung gerade mal noch 5,45 Millionen Quadratkilometer, das sind 20 % weniger als im Durchschnitt der Jahre 1978 bis 2000. Das Max- Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg erwartet deshalb, dass die Arktis bis 2100 im Sommer eisfrei sein wird. Mit dramatischen Folgen für die Inuit und die Eisbären. Für Mensch und Tier wird die Jagd hier immer schwieriger werden.
Doch auch im Süden Afrikas sind die Folgen der Erderwärmung dramatisch. In Sambia, Malawi, Simbabwe und Teilen Mosambiks hat es seit 2002 keine richtigen Regenzeiten mehr gegeben. Seither liegen die Ernten dramatisch unter dem Bedarf. Deshalb ruft das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen seit 2002 jedes Jahr dazu auf, die notwendige Nahrungsmittelhilfe zu finanzieren mit mäßigem Erfolg.
Was wird aus der Erde?
Sturm, Warnung
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 18. Dezember 2005, Seite ?? (Sonderthemen) von PETER VON BECKER. [Original]Die Welt, in der wir leben, ist heute auch die Welt, in der wir beben. Kaum ein Jahr ist es her, dass am zweiten Weihnachtsfeiertag ein Tsunami die Küsten Südostasiens verheerte und 300.000 Menschen in den Tod riss. Viele von uns hatten bis dahin wohl nicht einmal das Wort Tsunami gekannt. Und als sei die Monsterwelle nur ein Vorbote kommender Katastrophen gewesen, wurde 2005 das Rekordjahr der tropischen Wirbelstürme, New Orleans versank, und zu den Stürmen und Fluten kam in den Bergen Pakistans das mörderische Erdbeben. Angesichts solcher Schrecken mag man von Sars und der Vogelgrippe, vom deutschen Waldsterben oder dem jüngsten Schneechaos im Münsterland kaum mehr reden. Wohl aber fragen sich immer mehr Menschen, was mit dieser Erde, unserer einzigen Heimstatt, eigentlich vor sich geht.
Wir haben in den letzten Jahren ungeahnte naturwissenschaftliche Revolutionen und Innovationen erlebt. Doch zugleich scheint sich auch die Natur selbst zu verändern und gegenüber ihren ausbrechenden Gewalten wirkt gerade unsere technisch so hochgerüstete Zivilisation immer verletzlicher. Mancher ruft hier nun schnell und gut gemeint: Wir Menschen sind es, die unsere Flüsse und Meere verseuchen, die Wälder versehrt und Wüsten gesät haben. Das räche sich jetzt, die Natur schlage zurück, die gute alte Erde schüttle und schütze nur ihr dünner gewordenes Kleid.
Leider war die alte Erde schon früher nicht immer die gute alles andere ist eine Fama übergrüner Naturverklärer. See- und Erdbeben beispielsweise sind nicht neu, beim Ausbruch des Vulkans Krakatau ertranken vor 120 Jahren trotz wesentlich dünnerer Besiedlung des indonesischen Archipels schon über 30.000 Menschen in einer Tsunami- Welle; auch die Beben und Brände von Lissabon oder San Francisco sind Geschichte: zwar unvergessen, doch ebenso leicht verdrängt wie die einfache Tatsache, dass Katastrophen und Opferzahlen früherer Epochen noch nicht am selben Tag zum globalen Medienereignis werden konnten.
Heute erfahren wir mehr, und alles viel schneller. Ein paar Dinge wissen wir auch mehr ohne Klimaforscher zu sein oder die Kassandra zu spielen: Das wachsende Ozonloch, die fortschreitende Versteppung von Landstrichen sind Menschenwerk; und je mehr Populationen aus Not und Wirtschaftsbranchen aus logistischen Gründen an die Küsten der Kontinente drängen, desto höher werden bei Überflutungen die Verluste an Leben und die ökonomischen Schäden.
Dass darum, weit über Kyoto-Protokolle hinaus, der Umweltschutz zur Weltüberlebenspolitik gehört auch angesichts des Naturraubbaus der industriellen Schwellenmächte China, Indien und Brasilien: Das ist eine geläufige Einsicht. Doch geraten die zunächst kostspieligen Ziele eines verstärkten Natur- und Klimaschutzes nicht bloß in Konflikt mit weniger gemeinnützigen wirtschaftlichen Interessen. Den Preis nämlich müssten nicht allein luxuriöse oder profitsüchtige Verschwender bezahlen, sondern jeder, der sich an den energieaufwändigen Komfort unserer westlichen Zivilisation gewöhnt hat. Und da wird man selber sehr schnell zum Pharisäer. Oder man verdrängt sie wieder, die Probleme unserer unheimlich gewordenen Welt-Natur. Zumal die möglichen Ursachen und Wirkungen zum Beispiel des Klimawandels noch immer schwer durchschaubar erscheinen.
Tatsächlich braucht es ständig aktualisierte Aufklärung und manchmal, wie in dieser Tagesspiegel-Ausgabe, den Versuch einer zusammenfassenden Orientierung. Die Erkenntnisse der Naturwissenschaft bedürfen heute mehr denn je der seriösen Popularisierung. Damit Politiker und Wähler, sprich: wir alle verstehen, was so scheinbar widersprüchliche Phänomene wie die Klimaerwärmung und eine bereits angedrohte neue Eiszeit miteinander zu tun haben. Damit wir unterscheiden, was Erkenntnis, was nur Hypothese und was gar Hysterie ist. Wissen ist die erste Macht um zu bewahren, was die Welt, trotz aller Ausschläge, im Innersten zusammenhält.
Mehr zum Thema beim Tagesspiegel:
- Frank Schätzing: Wir müssen erst eins auf die Fresse kriegen.
- Zur Person: Frank Schätzing.
- Klimawandel: Eis und heiß.
- Wetterextreme: Wer Wind sät...
- Erdbeben: Wenn die Erde reißt.
- Seuchen: Paradies für Parasiten.
- Meteoriten: Anschlag aus dem All.
- Zukunftsängste: Bange machen gilt.
- Klimaforschung: Von der Wissenschaft, ruhig zu bleiben.
- Mein Feuer.
- Meine Erde.
- Meine Luft.
- Mein Wasser.
Klimaschutz in den USA Ein Reinfall
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 21. Dezember 2005, Seite ?? (Meinung). [Original]BERLIN (deh). Die Klimabilanz der USA sieht düster aus. Neun Tage nach dem Ende des Weltklimagipfels hat das amerikanische Energieministerium neue Zahlen über den Ausstoß von Treibhausgasen in den USA veröffentlicht: Er ist 2004 im Vergleich zum Vorjahr um 2 Prozentpunkte gestiegen. Es fällt schwer zu glauben, dass der amerikanischen Regierung diese Zahlen noch nicht vorgelegen haben, als sie vor 3 Wochen ihr freiwilliges Klimaschutzprogramm für seine Erfolge feierte.
Als Beleg dafür nannte die Regierung den "moderaten Anstieg" der Klimagasemissionen um 0,8 Prozentpunkte von 2000 bis 2003. Nur dass in genau diesen Jahren die Wirtschaft lahmte. 2004 dagegen ist die US-Wirtschaft gewachsen und mit ihr die Treibhausgasemissionen. Die USA haben selbst den Beweis erbracht, dass freiwillige Klimaschutzprogramme keinen Erfolg haben.
Solange der weltgrößte Klimazerstörer keine Verantwortung für sein Handeln übernimmt, wird es der Weltgemeinschaft schwer fallen, Schwellenländer wie China für verbindliche Klimaschutzziele zu gewinnen. Die USA hätten es in der Hand, die Welt zu retten wenn sie zum Kyoto-Protokoll oder zumindest zu verbindlichen Klimazielen zurückkehren würden. [Die Verursacher des Klimawandels]
[21.12.2005: USA scheitern beim Klimaschutz] (DER TAGESSPIEGEL)
[21.12.2005: US-Klimaberater: Ineffizient und politisch ausgeschlossen] (DER TAGESSPIEGEL)
Weitere Aussichten: Noch heißer
Forscher sehen Afrika als Opfer der Klimaerwärmung. Sie prophezeien Kriege ums Wasser, Krankheiten und Millionen von Hungertoten.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 2. Januar 2006, Seite 28 (Weltspiegel) von JOHANNES DIETERICH. [Original]
JOHANNESBURG (Tsp). In 15 Jahren soll es soweit sein. Dann wird Afrikas höchster Berg, der Kilimandscharo, ohne sein weißes Haupt und Ernest Hemingways Kurzgeschichtentitel "Schnee auf dem Kilimandscharo" Schnee von gestern sein. Schon heute hat der majestätische Koloss 85 % seiner einst unwirklich über der heißen Savanne strahlenden Krone eingebüßt: Zunehmende Hitze bringt das Wahrzeichen zum Schmelzen.
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Noch gibt es etwas Schnee auf Afrikas Kilimandscharo. (Foto: 2.2.2005 tsp/dpa)
Der mehr als 6000 Meter hohe Vulkan ist das sichtbarste, längst aber nicht einzige Indiz dafür, dass der ohnehin gleißende Kontinent noch heißer wird. Wissenschaftler entdecken zwischen Kap und Kairo mehr und mehr Anzeichen für die Klimaerwärmung: Nach Auffassung des nigerianischen Forschers Anthony Nyong könnten die Durchschnittstemperaturen Afrikas in den kommenden 45 Jahren um weitere 2 Grad steigen. Die in den meisten Teilen des Erdteils ohnehin schon spärlichen Niederschläge drohen um ein weiteres Zehntel zurückzugehen.
Erste Alarmsignale gibt es aus der Sahelzone südlich der Sahara, dem Süden des Kontinents und im nördlichen Ostafrika. Gerade erst hat Präsident Mwai Kibaki in Kenia wegen der bevorstehenden Hungersnot im Norden und Nordosten des Landes den Katastrophenzustand ausgerufen. Mehr als 20 Kinder sind bereits verhungert. In Somalia bat Übergangspräsident Yusuf Achmed um Millionenhilfe für die hungernde Bevölkerung. In all diesen Regionen haben Dürreperioden deutlich zugenommen: Klimaforscher prophezeien für die kommenden Jahrzehnte eine dramatische Zuspitzung. "Unsere Berechnungen sagen eine extrem trockene Sahel voraus", so Isaac Held von der US-amerikanischen "National Oceanic and Atmospheric Administration": Ausbleibende Niederschläge kosteten hier bereits Millionen Menschen ihr Leben.
In Südafrika gehen heimische Wissenschaftler gar von einer Erwärmung um drei Grad und bis zu 25 % geringeren Regenfällen aus: In diesem Fall wird die Halbwüste Karoo vollends austrocknen, 25 % der einzigartigen südafrikanischen Tierwelt werden aussterben und längst überwachsene Sanddünen vom Kap über Botswana, Sambia bis nach Angola wieder "aktiviert" mit verheerenden Konsequenzen für die Landwirtschaft. Schon heute erlebt das südliche Afrika einen Hitzerekord und ein Dürrejahr nach dem anderen: Zurzeit sind allein in Sambia, Simbabwe und Malawi mehr als 10 Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen.
Geringe Ernteerträge sind die augenfälligste Konsequenz erhöhter Temperaturen. Experten zufolge werden weltweit bis zu 120 Millionen Menschen mehr in den Hunger getrieben 80 % davon in Afrika. Mit seinen ohnehin extremen klimatischen Bedingungen, seinen sozialen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten werde der Krisenkontinent wie kein anderer Erdteil von der Erderwärmung getroffen. "Afrika ist der am schlimmsten in Mitleidenschaft gezogene Kontinent", sagt Sir David King, der Chef-Wissenschaftler des britischen Premiers Tony Blair.
Doch Dürren und Hunger sind nur die spektakulärsten Folgen steigender Temperaturen. Die daraus resultierende Wasser- und landwirtschaftliche Ressourcenknappheit heizt auch innerstaatliche Konflikte an: Schon heute gehört der Sahel, der sich von Somalia über Sudan, Tschad, Niger und Mauretanien erstreckt, zu den unruhigsten Regionen. Viele afrikanische Bürgerkriege haben sich am Streit über Weideflächen, Zugang zu Wasser, Brennholz und fruchtbaren Boden entzündet.
Auch Afrikas schlimmste Geißeln, die Krankheiten, werden von der Klimaerwärmung begünstigt. Nach einer vom Wissenschaftsmagazin Nature in Auftrag gegebenen Studie werden Malaria, Herz- und Atemwegserkrankungen sowie von Viren verursachte Krankheiten von steigenden Temperaturen gefördert: "Die Klimaerwärmung könnte das Risiko für den Ausbruch solcher Krankheiten bis 2030 verdoppeln", meinen die Autoren. Schon heute kostet die steigende Hitze nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation jährlich 150.000 Afrikaner das Leben.
So zahlt Afrika die Zeche für den von den Industrienationen angerichteten Schaden. Nur Nigeria, wo das bei der Erdölgewinnung anfallende Erdgas abgefackelt wird, und Südafrika, das seinen Stromverbrauch vor allem über Kohlekraftwerke deckt, tragen messbar zum weltweiten Kohlendioxid-Ausstoß bei. [mehr]
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