This is the full text published in the 29. November edition (page 25) of the "Frankfurter Allgemeine Zeitung", Germany: PROBLEME BEIM NEUEN PENTIUM-MIKROPROZESSOR Falsche Ergebnisse durch Rundungsfehler moeglich - Aktien der Intel Corp. unter Druck (c) 1994 by Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt am Main, Germany. hra. SAN FRANCISCO, 28. November. Wenn ein Mathematik- professor esoterische Programme auf einem Computer berechnet und dabei einen Fehler entdeckt, nimmt normaler- weise kaum jemand Notiz davon. Steckt der Fehler aber in der Hardware und dabei womoeglich noch in einem bereits millionenfach verkauften Mikroprozessor, wird nicht nur die Fachwelt hellhoerig. In der vergangenen Woche schlug ein solcher Fehler in einem "Chip" sogar an der New Yorker Boerse Wellen. Der Wert der Aktien der Intel Corp. rutschte ab, nachdem bekanntgeworden war, dass sich der vielgepriesene "Pentium-Mikroprozessor" manchmal verrechnen kann. Mikroprozessoren sind gleichsam die "Gehirne" von Computern und moderner Steuerungselektronik. Solche Chips, wie der Pentium von Intel oder der 68LC040 von Motorola, vereinigen Abermillionen Transistoren auf einem Stueck Silizium, das kaum groesser als ein Zweimarkstueck ist. Die Kunst der Chipdesigner besteht darin, alle Transistoren auf den Mikroprozessoren so zu verbinden, dass die Elektronik viele mathematische Operationen selbstaendig ausfuehren kann, ohne dass sie dazu wie frueher aufwendig programmiert werden muss. Bevor ein Mikroprozessor in die Serienfertigung geht, wird mit ausgekluegelten Computerprogrammen ueberprueft, ob bei der Uebersetzung der Formeln fuer die mathematische Logik in die elektronischen Schaltplaene kein Fehler unterlaufen ist. Dabei vergleichen die Ingenieure unter anderem die Genauigkeit der Berechnungen des neuen Chips mit den von anderen, makellosen Computern berechneten Ergebnissen. Besonders intensiv ist die Kontrolle fuer Chips, die spaeter einmal in Millionenauflage Personalcomputer antreiben sollen. So unterzog auch die Intel Corp. im kalifornischen Santa Clara ihren Flaggschiff-Mikroprozessor Pentium rigorosen Kon- trollen, bevor er vor gut einem Jahr auf den Markt kam. Min- destens fuenf Millionen dieser Chips wurden inzwischen verkauft. In den allermeisten Faellen wurden sie in PCs eingebaut, auf denen Standard-Programme installiert sind, die das Leben von Buchhaltern, Ingenieuren oder Boersenmaklern erleichtern. Ein Teil der mit einem Pentium-Chip ausgeruesteten Computer wurde allerdings an Forschungslaboratorien verkauft, unter anderem auch an das Institut fuer Mathematik des Lynchburg College im amerikanischen Bundesstaat Virginia. Im Sommer begann nun ein Professor dieses Instituts damit, auf einem der neuen Computer Primzahlen nach einer neuen Methode zu berechnen. Als Thomas Nicely sein aufwendiges, besonders rechenintensives Programm auf der Pentium-Maschine laufen liess, stellte er fest, dass der Computer gelegentlich eigenartige Ergebnisse liefert. Als die Mathematiker die Berechnungen ueberprueften, merkten sie, dass einige wenige der Millionen Transistoren auf dem Chip falsch "verdrahtet" waren. Unter ganz bestimmten Umstaenden fuehrte das dazu, dass der Pentium-Chip statt mit den ueblichen 16 Stellen nur mit fuenf stellen Genauigkeit rechnete. Diese sogenannten Rundungsfehler bei den Gleitkomma-Operationen fuehrten zu den fehlerhaften Berechnungen der Primzahlen. Nachdem der Mathematiker den Hersteller informiert hatte, bestaetigten die firmeneigenen Testingenieure den Fehler. Er war ihnen bei den ausfuehrlichen Tests entgangen, weil er nur aeusserst selten und unter ganz besonderen Belastungen des Chips auftritt. Weil der Fehler nur mit einer Wahrscheinlich- keit von "eins zu einer Milliarde" - so sagte ein Unternehmens- sprecher - und ausserdem nicht bei der Anwendung herkoemmlicher Software auftrat, machte das Unternehmen kein grosses Aufhebens darum. Intel korrigierte den Verdrahtungsplan fuer den Pentium und begann kuerzlich damit, die neue Version des Chips herzu- stellen, ohne dass Informationen darueber an die Oeffentlich- keit gelangten. In der vergangenen Woche brach im Silicon Valley aber ein Sturm der Entruestung aus, nachdem ploetzlich bekannt wurde, dass der Pentium-Chip "falsch verdrahtet" war. "Fehlerhafter Chip verpasst Intel ein blaues Auge" ueberschrieb eine serioese kalifornische Zeitung ihren Bericht. Besorgte PC-Benutzer forderten, Intel solle die fehlerhaften Chips so schnell wie moeglich austauschen. Einige vorschnelle Analysten sahen sogar schon den Umsatz - und damit auch den Ertrag - des Unternehmens schwinden. Wall Street reagierte entsprechend und liess die Aktien von Intel in wenigen Tagen um mehrere Prozent abrutschen. Der Vorstand von Intel gestand zwar den Fehler im Pentium ein und verwies auf die Korrekturen. Gemeinsam mit anderen Herstellern von Mikroprozessoren wunderte man sich allerdings ueber das Ausmass der "Entruestung". Mikrochips sind naemlich mittlerweile so komplex geworden, dass es schier unmoeglich ist, sie fuer jeden kuenftigen, bislang womoeglich noch unbe- kannten Anwendungsbereich zu testen. Schon mehrfach haben naemlich erst die Endverbraucher Fehler in der Hardware von Mikroprozessoren entdeckt, nachdem sie sie bis an die Grenze des Moeglichen belastet hatten. Langfristig hatte das bisher in keinem Falle Auswirkungen auf den Umsatz mit den Chips. ----------------------------------------------------------------