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Chronologie des Microsoft-Prozesses
Aus: Heise News-Ticker 2. April 2000 (nur elektronisch publiziert). Ergänzt und fortgeschrieben um die mit * markierten weiteren Fakten. [Original]WASHINGTON (dpa). Microsoft steht seit Jahren unter Druck der US- Kartellbehörden, die einen Missbrauch der monopolartigen Stellung des weltgrößten Softwarekonzerns in Einzelmärkten vermuten. Die wichtigsten Etappen des Streits im vergangenen Jahrzehnt [Stand: 3.11.2002]:
[SPIEGEL 1998: Monster Microsoft?]
- Juni 1990: Das US-Kartellamt beginnt Ermittlungen nach Beschwerden, Microsoft monopolisiere den Markt für PC-Betriebssysteme. Die Federal Trade Commission (FTC) untersucht auch mögliche Absprachen zwischen Microsoft und dem Computer- Hersteller IBM.*
- 17. Juli 1994: Microsoft verpflichtet sich in einer Erklärung gegenüber dem US-Justizministerium, Computer- Herstellern mehr Freiheit für die Installation konkurrierender Betriebssysteme zu geben.
- 12. September 1994: Netscape liefert seinen ersten Internet- Browser aus. Der "Navigator" wird schnell zum Standardinstrument für die Navigation im weltweiten Netz.
- November 1994: Microsoft startet die Entwicklung seines ersten Internet- Browsers "Internet Explorer".*
- 26. Mai 1995: Microsoft-Chef Bill Gates erklärt die Entwicklung von Internet- Software zur Priorität für das Unternehmen.
- 21. Juni 1995: Geheimtreffen der Vorstände von Microsoft und Netscape. Angeblich schlägt Microsoft Marktabsprachen vor und bedroht Netscape mit Sanktionen, falls es nicht zustimmt.
- ??? 1995: US-Bezirksrichter Stanley Sporkin verwirft die Einigung zwischen dem Konzern und dem US-Justizministerium als nicht weitgehend genug. Der Fall Microsoft wird dem Bezirksrichter Thomas Penfield Jackson übertragen. Dieser billigt die Vereinbarung.*
- November 1995: Microsoft führt seinen ersten Internet- Browser "Explorer" ein.
- 1996: Die US-Regierung ermittelt wegen einer möglichen Verletzung der Übereinkunft durch Microsoft.*
- Oktober 1997: Das Justizministerium verklagt Microsoft wegen Verletzung der Verpflichtung zur Marktöffnung von 1994.
- Oktober 1997: Microsoft koppelt nun den "Internet Explorer" mit dem PC-Betriebssystem "Windows 95".*
- 11. Dezember 1997: US-Bundesrichter Thomas Penfield Jackson weist Microsoft in einer einstweiligen Anordnung an, PC-Hersteller nicht mehr zur Installation des "Explorer" zusammen mit Windows zu verpflichten.
- Januar 1998: Die Justiz-Behörden nehmen Ermittlungen gegen Microsoft auf.*
- 18. Mai 1998: Das US-Justizministerium und 20 US-Bundesstaaten reichen Klage gegen Microsoft wegen Verstoßes gegen Kartellgesetze ein. Der Hauptvorwurf: Microsoft missbrauche seine monopolartige Stellung mit dem Betriebssystem Windows, um Netscape vom Browser- Markt zu drängen.
- 23. Juni 1998: Ein Berufungsgericht hebt die einstweilige Anordnung auf.
- 19. Oktober 1998: Der Prozess gegen Microsoft wird eröffnet.
- 24. November 1998: Der weltgrößte Online-Dienst AOL kauft Netscape für zehn Milliarden Dollar.
- 5. November 1999: Schwere Schlappe für Microsoft: In seinen Tatsachenfeststellungen folgt Richter Jackson in allen Punkten der Klage. Microsoft habe seine Marktmacht missbraucht, Konkurrenten rechtswidrig behindert und Verbraucher mit fragwürdigen Geschäftspraktiken geschädigt. Jackson weist Kläger und Microsoft an, nach einem Vergleich zu suchen.*
- 12. Januar 2000: Durch einen Bericht von USA Today werden Pläne der Anklage zur Zerschlagung von Microsoft in mindestens 2 getrennte Unternehmen bekannt.*
- 13. Januar 2000: Bill Gates tritt als Vorstandschef von Microsoft zurück.*
- 28. März 2000: Nach dem Scheitern der Vergleichsverhandlungen will Jackson sein Urteil verkünden. Doch in letzter Minute gibt es neue Vergleichsverhandlungen. Microsoft bietet einen Kompromiß an.*
- 1. April 2000: Die Bemühungen um einen Vergleich platzen. Damit hat nun das Gericht das Wort.
- 3. April 2000: Microsoft ist schuldig. Der Software-Riese unterliegt im Kartellverfahren gegen die US-Regierung und 19 klagenden Bundesstaaten. Nach dem heute ergangenen Urteil (Findings of Law) hat Microsoft seine Marktmacht missbraucht und Konkurrenten wie Netscape rechtswidrig behindert sowie die Verbraucher geschädigt.* [mehr]
- 4. April 2000: Der Virus I LOVE YOU wirft weltweit ein Schlaglicht auf die durch unsichere Microsoft- Software in der PC-Welt entstandene Monokultur.*
- 7. Juni 2000: Nach dem Scheitern der Vergleichsverhandlungen setzt das Washingtoner Bundesgericht die Strafe fest. Microsoft wird danach in 2 Teile zerschlagen, in ein Unternehmen für die Betriebssysteme Windows und eines für Anwendungsprogramme inklusive Internet- Browser und andere Online- Aktivitäten. Richter Jackson erklärte, daß sich Microsoft als nicht vertrauenswürdig erwiesen habe. Microsoft kündigt Berufung an.* [mehr]
- 3. August 2000: Nach langem Zögern leitet die EU-Kommission in Brüssel ein eigenes Wettbewerbsverfahren gegen Microsoft wg. Machenschaften bei der Software für Internet- Server ein.* [mehr]
- 7. Juni 2001: Richter Jackson verurteilt Microsoft zur Aufteilung in 2 getrennte Firmen. Microsoft legt umgehend Berufung ein. Der Bezirksrichter leitet diese direkt an das Oberste US-Gericht weiter.*
- Juni 2001: Das oberste Berufungsgericht hebt die Zerschlagung von Microsoft auf. Die Strafe sei überzogen, auch wenn Microsoft gegen die Kartellgesetze verstoßen habe.*
- 25. Juli 2001: Microsoft beantragt, das Kartellverfahren zurück an ein Berufungsgericht zu übergeben.*
- 2. November 2001: US-Regierung und Microsoft finden einen Kompromiß. PC-Hersteller sollen mehr Freiheiten erhalten, Programme fremder Hersteller an "Windows" zu koppeln. Der Vergleich muß von der Richterin Colleen Kollar-Kotelly gebilligt werden. 9 der 20 mitklagenden US-Bundesstaaten ist der Kompromiß zu lasch.*
- Januar 2002: George W. Bush wird als Nachfolger von Bill Clinton Präsident der USA.*
- 18. März 2002: Das Kartellverfahren geht in eine neue Runde vor Gericht.*
- 19. Juni 2002: Die Kläger-Anwälte fordern nun, daß Microsoft eine abgespeckte Windows- Version auf den Markt bringt, in der der Internet- Browser komplett fehlt.*
- 1. November 2002: Die Richterin Colleen Kollar-Kotelly billigt den Vergleich vom November 2001. Damit könnte der größte Kartellstreit seit der Zerschlagung von Rockefellers Standard Oil (1911) zu Ende gehen. Microsoft hat gewonnen. Ob aber die Verbraucher davon einen Gewinn haben werden, ist eher zweifelhaft.*
- 1. August 2004: [Ed: sorry, ich war es dann leid, hier die vielen Tricks, juristischen Verästelungen des Microsoft-Skandals alle zu notieren, denn irgendwie schaffen es die Behörden nicht, diesen Glibber- Pudding an die Wand zu nageln].
Schuldig Das Microsoft-Monopol diente wettbewerbswidrigen Zwecken
Im bedeutendsten US-Kartellprozess seit Jahrzehnten ist gestern das Unternehmen Microsoft wegen wettbewerbswidrigen Verhaltens schuldig gesprochen worden. Microsoft reagierte etwas über eine Stunde nach Verkündung des Urteils: Das letzte Wort sei noch nicht gesprochen.
Hinweis auf: Spiegel Online 4. April 2000, 00.29 Uhr (nur elektronisch publiziert). [Original]WASHINGTON. Richter Thomas Penfield Jackson lastete dem Unternehmen in seinem in Washington veröffentlichten Urteil an, seine Marktmacht beim PC-Betriebssystem Windows zur Verdrängung von Konkurrenten aus dem Internet-Geschäft missbraucht zu haben. In den kommenden Monaten muss Jackson nun über Strafmaßnahmen entscheiden. Microsoft war von der US-Regierung und 19 Bundesstaaten verklagt worden.
Das Urteil besagt, dass Microsoft seine Monopolstellung bei Betriebssystemen für PC zu wettbewerbswidrigen Zwecken benutzt und versucht habe, den Web-Browser-Markt zu monopolisieren. In seinem Urteil sprach Jackson von einer weitreichenden Verletzung der Antitrust-Gesetze. Das Verfahren war auf Betreiben des US-Justizministeriums und 19 US-Staaten eingeleitet worden.
Ob Microsoft zerschlagen werden soll, ist noch nicht geklärt
Richter Jackson ordnete eine neue Runde von Anhörungen an, auf denen die Strafe gegen Microsoft ermittelt und die Frage geklärt werden soll, ob das Unternehmen zerschlagen werden soll. Microsoft hat bereits deutlich gemacht, dass es keine Lösung akzeptieren wird, die eine Aufteilung des Konzerns in verschiedene Zweige wie PC-Betriebssysteme und Büroanwendungen zur Folge hat.Jackson hatte die Parteien wiederholt aufgefordert, sich außergerichtlich zu einigen. Die Gespräche für eine solche Einigung waren am Wochenende gescheitert. Microsoft-Gründer Bill Gates hat erklärt, die Vergleichsverhandlungen seien an Unstimmigkeiten zwischen der Bundesregierung und den 19 klagenden Einzelstaaten gescheitert. Dies wurde vom Generalstaatsanwalt des US-Staates Connecticut, Richard Blumenthal, zurückgewiesen. "Die Unterschiede zwischen den Staaten und dem Justizministerium waren minimal im Vergleich zum Unterschied zwischen unserer Seite und Microsoft", sagte Blumenthal.
Bereits im vergangenen November hatte Richter Jackson Microsoft in seiner 207 Seiten langen "Finding of Facts" bestätigt, dass es in mehreren Fällen seine Monopolstellung auf dem Web-Browser-Markt missbraucht und sich damit eines dem fairen Wettbewerb feindlichen Verhaltens schuldig gemacht habe.
Bereits im Vorfeld der mit Spannung erwarteten Urteilsverkündung in Washington waren die Microsoft-Aktien an der New Yorker Börse am Montag um gut 15 Punkte gefallen. Der Technologie-NASDAQ-Index stürzte um 349 Punkte oder 7,6 Prozent. Microsoft verlor dabei rund 80 Milliarden Dollar, direkte Konkurrenten des Unternehmens gehörten zu den wenigen Gewinnern. Die höchsten Zuwachsraten zeigten einige Linux-Werte.
"Bill Gates nimmt das persönlich"
Als einer der Analysten äußerte sich der Wirtschaftsjournalist Ken Auletta ("New Yorker") gegenüber CNN über Bill Gates' Motive, sich nicht auf eine außergerichtliche Einigung einzulassen, auf die gerade auch die Partner des Softwareunternehmens gedrängt hätten. Auletta: "Gates Fehler ist, dass er die ganze Sache persönlich nimmt. Er folgt den Argumentationen des Gerichtes nicht, fühlt sich stattdessen dämonisiert." Hoffnungen, Microsoft werde nun noch vor der Urteilsverkündigung, die unter Umständen erst in mehreren Monaten ansteht, nach einem Vergleich suchen, widersprach Auletta: "Gates glaubt, dass er im Recht ist. Dieser Mann ist wie ein Vulkan, und manchmal explodiert er."Offensichtlich erfreut stellten sich gegen 23.30 Uhr deutscher Zeit die US-amerikanische Justizministerin Janet Reno und Staatsanwalt Joel Klein der Presse. Reno bedankte sich für das Urteil. Microsoft habe die Rechte der Konsumenten verletzt, es sei zu begrüßen, dass das Unternehmen nun die Verantwortung dafür übernehmen müsse. Reno und Klein betonten, dass dieses Urteil für mehr Konkurrenz auf dem lange monopolisierten Softwaremarkt sorgen werde. Konkurrenz, so Reno, bedeute bessere Produkte zu besseren Preisen.
Analysten zufolge habe der Prozess eine für Microsoft ungünstige Wendung genommen, nachdem es mehrere Male zu spannungsgeladenen Szenen zwischen Richter Penfield Jackson und Bill Gates gekommen sei. Besonders die auf Video aufgezeichnete Zeugenaussage Bill Gates' im Oktober letzten Jahres habe das Gericht irritiert.
Gates entschied sich Anfang Januar, die Leitung des Unternehmens an Steven Ballmer abzutreten. Dabei ging es dem Unternehmen angeblich nicht darum, Gates aus der "Schusslinie" zu bringen: Gates wolle sich einfach wieder auf seine Leidenschaft, die Entwicklung von Software, konzentrieren können.
Gates widerspricht dem Urteil
Microsoft kündigte etwa eine Stunde nach Verkündung des Urteilsspruches an, dass das Unternehmen in Berufung gehen werde, wenn dies nötig sei. Bill Gates äußerte jedoch seinen Willen, doch noch nach einer Lösung "ohne weiteren Rechtsstreit" zu suchen.Gates wandte sich in einer Pressekonferenz an die Öffentlichkeit und widersprach dem Urteil des Gerichtes: Wir sehen gute Gründe für ein Berufungsverfahren". Noch einmal strich er die technologischen Leistungen Microsofts heraus: Das Unternehmen habe dem Markt Produkte von stetig steigender Qualität, zu immer günstigeren Preisen gebracht. Gates kämpferisch: "Wir haben ein Team erstklassiger Anwälte, die sich mit den juristischen Fragen beschäftigen werden. Wir werden fortfahren, das zu tun, was wir am Besten können: Software entwicklen. Und das ist genau, was Microsoft auch in Zukunft tun wird."
Erstmals seit Tagen äußerte sich auch der neue Microsoft-Chef Steve Ballmer in der Öffentlichkeit. Ballmer wörtlich: "Wir erkennen an, das wir eine besondere Verantwortung tragen." Microsoft habe sich seit Anfang der Achtziger Jahre von einem kleinen Start-Up- Unternehmen, das sich aggressiv gegen Industriegiganten habe durchsetzen müssen, selbst zu einem "Großen" entwickelt. Microsofts Philosophie, stets das beste Unternehmen sein zu wollen, sei in der Öffentlichkeit missverstanden worden.
Auf die Frage, ob Microsoft sich nun doch noch um eine außergerichtliche Einigung bemühen werde, sagte Ballmer: "Wir würden die Diskussion über diese Frage gern weiterführen".
Nach der "Liebes"-Attacke: Kritik an Microsoft
Aus: Heise News-Ticker 5. April 2000, 14.46 Uhr (nur elektronisch publiziert). [Original]HANNOVER (dpa/mst/c't). Dass sich der Internet-Wurm "ILOVEYOU" so schnell ausbreiten konnte, liegt vor allem an der Microsoft- Monokultur, die man insbesondere in Firmennetzwerken vorfindet. Eine solche Monokultur ist extrem anfällig für Attacken dieser Art. Betroffen waren bei der aktuellen Wurmattacke tatsächlich nur die Computeranwender, die voll auf die Produkte Microsofts gesetzt haben. Windows bot die Grundlage für die Schadfunktion des faulen Love-Letters. Das Microsoft E-Mail- Programm Outlook ermöglichte, dass sich der Virus in Windeseile von Asien über Europa nach Nordamerika verbreiten konnte.
Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) sieht deshalb den weltgrößten Softwarekonzern in der Pflicht: "Microsoft muss endlich etwas gegen Schwächen seines Betriebssystems sowie seines Mailprogramms Outlook machen", forderte am Freitag der beim BSI für Viren-Abwehr zuständige Experte Frank Felzmann. "Das Microsoft- Problem ist die enge Verzahnung des Windows- Betriebssystems mit den Office- Programmen wie Word und PowerPoint sowie dem E-Mail- Programm Outlook", kommentierte der c't-Virenexperte Norbert Luckhardt in einem dpa-Interview. In der Kombination mit einfach zu beherrschenden, aber mächtigen Programmiersprachen wie im aktuellen Fall Visual Basic Script werde Viren-Programmieren eine "ideale Plattform" geboten.
Massen-Virus legt weltweit E-Mail-Server und PCs lahm BERLIN 4.5.2000 (t-off). Ein als Liebesbrief getarnter Massen- Virus hat heute per E-Mail lawinenartig das Internet überschwemmt. Zahllose PCs und Netzwerke in aller Welt wurden lahm gelegt. Zeitweise kam es zu schweren Staus im Internet. Betroffen sind viele Unternehmen wie Verlage und Banken sowie Behörden und Regierungen. Im Schneeball- system verschickte sich der Virus selbst weltweit an andere E-Mail- Adressen, sobald der Empfänger die elektronische Post öffnete. Es wird dringend geraten, die Mail mit dem Betreff "I LOVE YOU" nicht zu öffnen und ungelesen zu löschen. Die Herkunft des Virus ist noch unklar. [Erste Hilfe: Software gegen "I love you"]
In diese Kerbe schlägt auch Michael Zboray, der Technologie-Chef des renommierten Marktforschungsinstituts Gartner Group. Er warf Microsoft vor, seine Programmier- Werkzeuge mit einer "falschen Sicherheits- Einstellung" zu verbreiten. "Wir müssen davon weg kommen, dass aggressive Komponenten über Dokumente der Textverarbeitung Word, des Kalkulationsprogramms Exel oder den Internet Explorer verbreitet werden können", forderte Zboray.
Microsoft sieht sich zu Unrecht auf die Anklagebank gesetzt. "Windows und Outlook wurden nur deshalb als Angriffsziele gewählt, weil sie die populärsten Programme auf dem Markt sind", sagte Bernhard Grander von der deutschen Microsoft GmbH. "Der Virus hätte im Prinzip auch für andere Programme wie Lotus Notes von IBM geschrieben werden können." Mit dem Einschalten von Sicherheitsmerkmalen könne verhindert werden, dass Anhänge einer E-Mail in Outlook einfach per Doppelklick geöffnet werden können. "Im Prinzip haben wir es mit dem Konflikt Sicherheit gegen Bequemlichkeit zu tun."
Ein Microsoft-Sprecher in den USA wies die Kritik an den "aktiven Inhalten" in Microsoft-Programmen zurück, die im aktuellen Fall für die Virenattacke missbraucht wurden: "Wir haben die Scripttechnologie in unsere Produkte eingebaut, weil unsere Kunden uns aufgefordert haben, dies so zu tun." Offensichtlich könne diese Technologie missbraucht werden. "Deshalb stellen wir Sicherheitsfunktionen zur Verfügung. Und jeder Kunden von uns kann selbst entscheiden, ob solche Programme laufen sollen oder nicht."
Über diesen Punkt gehen die Meinungen aber ebenfalls weit auseinander. Der Karlsruher Virenexperte Christoph Fischer beschuldigte am Freitag Microsoft, "nur aus Marketinggründen" darauf zu verzichten, die vorhandenen Sicherheitsfunktionen bei der Auslieferung auch zu aktivieren, da strenge Sicherheitseinstellungen Nachfragen der Kunden verursachten. "Wenn alle Schutzmaßnahmen eingeschaltet sind, fallen Support- Anfragen an, und die kosten Geld." Deshalb liefere Microsoft seine Produkte mit einer laschen Voreinstellung aus. "Ein Otto-Normal- Anwender ist total überfordert, wenn er selbst eine angemessene Einstellung der Sicherheitsfunktionen vornehmen soll."
Das Problem beschränkt sich übrigens nicht nur auf Microsoft Outlook. Zwar benötigt "ILOVEYOU" dieses Programm, um sich zu verbreiten, aktiviert werden kann der Wurm aber auch von anderen Windows-Mail-Clients, sofern der Windows Scripting Host installiert ist. Potentiell gefährdet sind also alle, die Windows 98 einsetzen oder den Internet Explorer 5.x auf einer beliebigen Windows- Version installiert haben.
[SPIEGEL-Online: Experten geben Microsoft die Schuld]
[SPIEGEL-Report: Love-Virus: Die Stille war ohrenbetäubend]
Weizenbaum: Das Internet bringt uns nicht weiter
Aus: Heise News-Ticker 19. Mai 2000, 9.05 Uhr (nur elektronisch publiziert). [Original]OBERURSEL (dpa/cp/c't). Computer und Internet haben die Menschheit nicht vorangebracht, glaubt der amerikanische EDV-Pionier Joseph Weizenbaum. Ihr Einsatz habe die Menschen weder schlauer gemacht, noch die Demokratie gefestigt, sagte der ehemalige Professor am Massachusetts Institute of Technologie (MIT) in einem Interview mit der in Oberursel erscheinenden Zeitschrift "Publik-Forum". Die Gesellschaft mache sich von Systemen abhängig, die sie kaum noch beherrschen könne.
"Weder ein Computer noch das Internet enthalten Wissen", sagte Weizenbaum. "Nur wenn ein Mensch die Informationen interpretiert, werden sie zu Wissen." Auch die weit verbreitete Vorstellung, das Internet fördere die Demokratie, weil es von überall aus Zugang zu unzensierten Informationen ermögliche, trägt Weizenbaum nicht mit: "Bei einem Volk, das nicht politisch gebildet und erzogen ist, helfen die Computer auch nicht weiter." Das Internet helfe allerdings Menschen, die das Volk manipulieren wollten.
Weizenbaum warnte davor, dass die Technik außer Kontrolle geraten könnte: "Wir können Systeme ziemlich schnell herstellen, die wir dann nicht mehr beherrschen und auch nicht mehr verstehen können. Wir sind die Zauberlehrlinge", sagte der Wissenschaftler in Anspielung auf Goethes gleichnamiges Gedicht, in dem ein Junge die Geister, die er rief, nicht mehr loswird. Als die ersten Rechner gebaut worden seien, hätten sie ausschließlich militärischen Zielen gedient, sagte Weizenbaum: "Der Computer wurde entwickelt, um den Krieg, den Massenmord effizienter zu machen." Diese Möglichkeiten steckten noch immer in ihm. Daher trage die Gesellschaft eine große Verantwortung: "Wie der Computer verwendet wird, hängt allein vom Zeitgeist ab."
Microsoft zur Spaltung verurteilt
Aus: Heise News-Ticker 7. Juni 2000, 23.14 Uhr (nur elektronisch publiziert). [Original]WASHINGTON (cp/c't). Mit dem Beschluss, Microsoft in zwei unabhängige Unternehmen zu spalten, kam am Mittwoch der seit über zwei Jahren andauernde Kartellprozess gegen den Softwaregiganten zu einem vorläufigen Abschluss. Richter Thomas Penfield Jackson ist mit dem Urteil weitgehend dem Antrag gefolgt, den die US-Regierung und 17 US-Bundesstaaten gestellt hatten. Das Schicksal des Softwareunternehmens, das bereits im April des Verstoßes gegen das US-Kartellrecht für schuldig befunden worden war, ist damit aber noch nicht entschieden. Microsoft will Berufung einlegen, und Bill Gates gab sich in einer eilends verbreiteten Stellungnahme erneut zuversichtlich: "Wir glauben, dass wir in der Berufung gute Chancen haben."
Richter Jackson hat wie erwartet den Vollzug seines Urteils bis zur Entscheidung des Berufungsgerichtes ausgesetzt. Allerdings sollen bis dahin scharfe Restriktionen für Microsoft in Kraft treten, so das Verbot, exklusive Lizenzverträge mit Herstellern auszuhandeln, und die Auflage, allen Softwareherstellern in derselben Weise Einblick in Programmierschnittstellen zu gewähren "wie dem eigenen Personal".
Nach dem abschließenden Urteil von Richter Jackson soll Microsoft binnen vier Monaten einen Plan für die Aufteilung in zwei Unternehmen vorlegen. Wie erwartet soll das eine Teilunternehmen das Betriebssystemgeschäft weiter führen, das andere die Applikationssoftware übernehmen. Den beiden Teilfirmen ist es verboten, sich in irgendeiner Form wieder miteinander zu verbinden oder gegenseitig bei Geschäften zu bevorzugen. Sie dürfen auch keine technischen Informationen, etwa über Programmierschnittstellen miteinander austauschen, die nicht gleichzeitig veröffentlicht oder auch Mitbewerbern zur Verfügung gestellt werden. Über alle Vereinbarungen untereinander müssen sie quartalsweise an die Kläger berichten. [mehr] [Chronik des Prozesses]
Microsoft nicht vertrauenswürdig und ohne Schuldbewusstsein
Aus: Heise News-Ticker 8. Juni 2000, 14.02 Uhr (nur elektronisch publiziert). [Original]WASHINGTON (dpa/jk/c't). Richter Thomas Penfield Jackson, Vorsitzender des Bezirksgerichts von Washington DC, das die Kartell-Klage des US-Justizministeriums und 19 amerikanischer Bundesstaaten gegen Microsoft verhandelte, wirkt mit seinem silbergrauen Haar und seinem rundlichen Gesicht wie ein gemütlicher Rentner. Doch er zeigte sich als knallharter Vorsitzender, der auch offen seinen Ärger über das teilweise selbstsichere Auftreten der Microsoft- Manager oder ihrer Anwälte im Prozess zeigte. So warf er Bill Gates, Übervater von Microsoft, während seiner Zeugenaussage im Kartellprozess vor, er sei ja wohl nicht besonders aussagewillig. Auch vor deftigen Aussagen scheut Jackson, den Freunde als gutmütigen Konservativen mit einer ausgeprägten Schwäche für Underdogs und einer Abneigung gegen Arroganz beschreiben, nicht zurück.
Auch in Memorandum and Order, dem Dokument, das den eigentlichen Urteilsspruch (Final Judgment) begleitet und das man als Urteilsbegründung bezeichnen kann, findet der Richter deutliche Worte. Jackson legt dar, warum er den Antrag der Kläger, Microsoft in zwei Unternehmen aufzuspalten und bis zur Realisierung dieser Zerschlagung mit bestimmten Verhaltensregeln zu belegen, akzeptiert hat und warum er keine weiteren Anhörungen und Verhandlungen zulässt, sieht man von der Berufungsmöglichkeit ab. Und Richter Jackson hofft offensichtlich, dass die Berufungsinstanz diese Urteilsbegründung aufmerksam liest in der Erwartung, dass sie ihm daraufhin Recht gibt.
Auf dem Prüfstand
"Microsoft, so, wie der Konzern bis heute organisiert ist und geführt wird, ist nicht bereit anzuerkennen, dass die Firma das Gesetz gebrochen hat, oder einer Entscheidung zuzustimmen, die das Verhalten der Firma bessert", meinte Jackson in der Urteilsbegründung. Trotz der Tatsachenfeststellungen und ihrer juristischen Bewertung, in denen das Gericht zum Schluss kam, Microsoft habe die Wettbewerbsgesetze verletzt, gebe Microsoft bis heute nicht zu, dass die Geschäftspraktiken der Firma gegen diese Gesetzte verstoßen haben. Microsoft-Offizielle hätten auch in letzter Zeit öffentlich immer wieder betont, der Konzern habe nichts Falsches getan. "Es ist nun an der Zeit, diese Behauptung auf den Prüfstand zu stellen. Falls sie wahr ist, sollte das Berufungsgericht so schnell wie möglich die Chance bekommen, dies zu bestätigen", meint Jackson zur Begründung des von ihm aufgestellten engen Zeitplans, der Microsoft vier Monate Frist gibt, einen Plan zur Aufteilung des Konzerns vorzulegen.Trotz aller Versuche in den letzten Monaten, eine Lösung zu finden, habe Microsoft nur mit der summarischen Zurückweisung aller Vorschläge zur strukturellen Umorganisation der Firma geantwortet und zusätzliche Zeit nur gefordert, um gegen Lösungsvorschläge vorzugehen. "Die von Microsoft gezeigte Überraschung ist nicht glaubwürdig", meint Jackson zu den Kommentaren der Firmen-Anwälte, die Tatsachenfeststellungen und das Urteil des Gerichts würden Microsoft auf dem falschen Fuß erwischen. "Trotz ihrer Überraschung waren Microsofts Anwälte sehr schnell in der Lage, eine 35-seitige Beweisvorlage einzureichen, die Aussagen von 16 Zeugen im Detail zusammenfasste, warum der Antrag der Kläger in seiner Gesamtheit eine schlechte Idee sei", kommentierte Jackson lapidar. Microsoft musste nach Ansicht des Richters davon ausgehen, dass der Antrag der Kläger, sollten die Vergleichsverhandlungen scheitern, kaum zu Gunsten des Konzerns ausfallen würde: "[Microsofts] Versagen, dies vorauszusehen und sich darauf vorzubereiten, begründet in keiner Weise, ihnen jetzt die Gelegenheit zu geben, das nachzuholen."
Oh wie so trügerisch...
Harte Worte findet der Richter für die Vorschläge, die Microsoft selbst für ein abschließendes Urteil im Verfahren eingereicht hat. "Es gibt zuverlässige Beweise in den Dokumenten, dass Microsoft, überzeugt von seiner Unschuld, seine Geschäfte so weiterführen wird wie in der Vergangenheit und sich in anderen Märkten genauso verhalten wird, wie es das schon in den Märkten für PC-Betriebssysteme und Web-Browser getan hat", stellt Jackson fest. Microsoft habe keine Bereitschaft gezeigt, sein Geschäftsgebahren signifikant zu ändern. Der Konzern habe schließlich sogar angekündigt, die bescheidenen Vorschläge, die Microsoft selbst als Lösung für das Verfahren eingereicht habe, vor einem Berufungsgericht anzufechten.Zudem: "Microsoft hat sich schon in der Vergangenheit als nicht vertrauenswürdig erwiesen", heißt es in der Urteilsbegründung von Jackson. In früheren Verfahren, in denen eine vorläufige Entscheidung gefallen war, seien Microsofts angebliche Befolgung der Urteile trügerisch und die Erklärungen unaufrichtig gewesen.
Den Vorwurf Microsofts, der Antrag der Kläger auf Zerschlagung des Konzerns in zwei Teile sei "vage und mehrdeutig", hebelt Jackson dagegen geschickt aus. Er weist ihn nicht etwa zurück, sondern erklärt den Managern in Redmond, dies sei doch von Vorteil für sie: Der Antrag sei schließlich laut den Klägern absichtlich so gehalten, um Microsoft die Gelegenheit zu geben, die Details selbst festzulegen, sodass die Geschäfte des Konzerns am wenigsten gestört werden. Außerdem meint Jackson: "Die Kläger haben den Fall gewonnen, und aus diesem Grund allein haben sie einen gewissen Anspruch auf ein Urteil nach ihren Vorstellungen." Die Regierungsbeamten, die das vorgeschlagene Urteil ausgearbeitet hätten, seien zudem allein durch ihre Stellung dazu verpflichtet, besonders das öffentliche Interesse zu beachten und danach zu handeln, Microsoft dagegen nicht.
Programmfehler: Immer mehr Sicherheitsmängel bei Outlook
Zwei unabhängige Experten entdeckten erneut einen Programmfehler im Mail-Client von Microsoft. Konsequenz: Hacker tun sich noch leichter, ihre Ware zu verbreiten.
Hinweis auf: Spiegel Online 19. Juli 2000, 16.50 Uhr (nur elektronisch publiziert). [Original]WASHINGTON. Diese Schwachstelle könnte im Ernstfall folgenschwere Konsequenzen haben: Bei so genannten "Würmer"-Viren ist in Zukunft das Anklicken oder Öffnen des Attachments nicht mehr notwendig allein das Abrufen der Mail kann den zerstörerischen Code aktivieren. Die fatalen Buchstaben- und Zahlenkombinationen sind beispielsweise im Datumsfeld der Mail versteckt, die das System nicht als Fremdkörper erkennt. "Ab diesem Zeitpunkt kann ich als Hacker alles machen," warnte Russ Cooper, Sicherheitsexperte der Mailing-Liste NTBugTraq.
"Natürlich ist das eine ernste Schwäche," gestand Scott Culp, Sicherheitsverantworlicher bei Microsoft, dem Fernsehsender CNN und kündigte die rasche Bereitstellung eines Bugfix an. In der Zwischenzeit werde ein Bulletin zur Sache ausgearbeitet.
Schnee von gestern
Der Australier Aaron Drew hatte seine Erkenntnisse bereits Dienstag [18.7.2000] in der NTBugTraq Liste gepostet. Russ Cooper wies auch darauf hin, dass eine Internet- Sicherheitsfirma (USSR Labs) die Lücke entdeckt hatte. Microsoft gestand daraufhin ein, daß es bereits am 1. Juli davon in Kenntnis gesetzt worden wäre, aber erst nach Vorliegen des Bugfix damit an die Öffentlichkeit gehen wollte. Culp von Microsoft lokalisiert die problematische Komponente nur in der aktuellen Version des Explorer und diese sollte mit der Version 5.01 SP 1 behoben sein. IE 5.5 ist ebenso sicher, außer auf Rechnern mit Betriebssystem Windows 2000. Auch diesen wird der Download des Servicepacks empfohlen.Firmenbenutzer sind nicht betroffen. Nur Einzelplatz-User, die MS Outlook oder Outlook Express verwenden, sollten aufpassen. Auch wenn der potenzielle Opferkreis damit eingeschränkt ist, bleibt dennoch genug über Outlook Express ist im Paket mit Internet Explorer die meist verwendete Mail-Software.
Seit nun das simple Runterladen schon zum Problem werden kann, müssen die Regeln für "sicheres Computing" allerdings neu definiert werden. [Kommentar] [SPIEGEL: MS stopft mal wieder Virenlöcher]
IBM setzt in Europa verstärkt auf Linux
Konzern investiert 200 Millionen Dollar
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 23. Juli 2000, Seite 30 (Interaktiv).ARMONK/BÖBLINGEN (dpa). IBM will bis 2004 in Europa 200 Millionen Dollar in Initiativen zur Verbreitung des alternativen Betriebssystems Linux investieren. Dies kündigten Mitglieder der Geschäftsleitung am Freitag [21.7.2000] in Böblingen an. Geplant sei, in mehreren europäischen Ländern Linux- Entwicklungszentren zu eröffnen. Als Standorte nannte das Unternehmen die IBM- Standorte Böblingen, Paris, Montpellier, Greenock, Hursley, Warschau und Budapest. Zudem sollen kurzfristig 600 Linux- Berater, Hard- und Software- Spezialisten sowie Service-Experten eingesetzt werden.
IBM will damit Kunden und großen europäischen Software- Herstellern eine schnellere Umstellung ihrer Anwendungen und Systeme auf Linux ermöglichen. Einer der wichtigsten Kooperationspartner ist dabei die SuSE Linux AG, die weltweit zu den größten Entwicklern und Vertreibern von Linux zählt. Unterstützt wird die Initiative auch durch Intel. Der Prozessorhersteller stellt Hardware und Know-how zur Verfügung.
Es reicht!
23.7.2000 (khd). Microsoft ist absolut nicht in der Lage, halbwegs sichere Software zu produzieren. Wir Computer- Profis mit jahrzehntelanger Berufserfahrung und Kenntnis vieler Betriebssysteme wissen das schon länger. Die aktuell gefundenen eklatanten Programmfehler im Microsoft Outlook Express nur wenige Wochen nach dem weltweiten Desaster mit dem ILOVEYOU- Virus sprechen aber für alle eine deutliche Sprache. Bills Truppe wird es niemals lernen es geht ihr nur ums Geldmachen. Und so wird es höchste Zeit, sich von den Software- Beglückungen eines Bill Gates zu verabschieden. IBMs Linux- Initiative könnte helfen, daß sich letztendlich statt Murks doch noch Qualität am Markt durchsetzen kann.
EU eröffnet erstmals Wettbewerbsverfahren gegen Microsoft
Aus: Heise News-Ticker 3. August 2000, 15.20 Uhr (nur elektronisch publiziert). [Original]BRÜSSEL (dpa/jk/c't). Die EU-Kommission hat am heutigen Donnerstag in Brüssel ein förmliches Wettbewerbsverfahren gegen Microsoft eröffnet. Der Konzern werde verdächtigt, seine marktbeherrschende Stellung bei der Software für PC-Betriebssysteme missbraucht zu haben, um auch bei Server- Software zu dominieren, sagte eine Sprecherin des obersten Wettbewerbshüters der EU, Mario Monti.
Microsoft habe nach Marktuntersuchungen bei PC-Betriebssystemen mit einem Marktanteil von rund 95 % eine Stellung als Quasi- Monopolist. Microsoft versuche nun, auf dem Markt für größere Unternehmensrechner Fuß zu fassen. Der Kommission liegt nach eigenen Angaben eine Wettbewerbs- Beschwerde des US-Software-Unternehmens Sun Microsystems vom Dezember 1998 vor. Sun habe dabei auch beklagt, Microsoft sei bei der Lizenzvergabe diskriminierend vorgegangen und habe grundsätzliche Informationen über das Windows- Betriebssystem verweigert.
In der Erklärung der Kommission zur Eröffnung des Verfahrens heißt es, die meisten PCs seien heutzutage über Server in Netzwerken miteinander verbunden. Wörtlich führt die Kommission aus:
Die Interoperabilität bildet die Grundlage der Netzwerk- Informatik. Die Interoperabilität ist jedoch nur dann gegeben, wenn die auf dem Server beziehungsweise auf dem PC installierten Betriebssysteme (...) miteinander kommunizieren können. Damit die Wettbewerber von Microsoft Server- Betriebssysteme entwickeln können, die mit der vorherrschenden Windows- Software für PCs kommunizieren können, müssen die Interface- Informationen, das heißt technische Informationen und sogar bestimmte Teile des Windows- Quellcodes, bekannt sein.Ohne interoperable Software und auf Grund der überwältigenden Dominanz von Microsoft auf dem Markt für PC- Betriebssysteme müssen die mit Windows- Betriebssystemen ausgerüsteten Computer de facto Windows- Server-Software verwenden, wenn sie eine vollkommene Interoperabilität erreichen wollen. In der Branche wird dieses Phänomen als "the client dragging the server" beschrieben: Der PC des Kunden bestimmt das Betriebssystem des Servers.
Die Kommission kommt zu dem Schluss, dass "Microsoft der Verpflichtung zur Offenlegung ausreichender Interface-Informationen über das PC-Betriebssystem nicht nachgekommen ist". Microsoft habe Informationen an Wettbewerber nur nach Gutdünken und auf diskriminierende Weise weitergegeben beziehungsweise sich geweigert, Wettbewerbern Interface- Informationen zur Verfügung zu stellen. Bei den Untersuchungen geht es erst einmal um die Betriebssysteme Windows 95, 98 und NT 4. Allerdings untersuchen die EU-Wettbewerbshüter seit Februar bereits, ob die Bündelung von verschiedenen Varianten des neuen Betriebssystems Windows 2000 im Gegensatz zu den Wettbewerbsregeln der EU stehen könnte dies hat aber noch nicht zur Eröffnung eines förmlichen Verfahrens geführt. "Im Kern geht es um den gleichen Vorwurf", sagte aber ein Sprecher von Monti.
Die Kommission eröffnete mit diesem Schritt erstmals ein förmliches Wettbewerbsverfahren gegen den US-Konzern. Allerdings unterscheide sich dieses Verfahren vom Kartellprozess gegen Microsoft in den USA: Im dortigen Prozess gehe es darum, dass Microsoft seine beherrschende Stellung bei PC-Betriebssystemen durch wettbewerbswidrige Maßnahmen zementieren wolle. Das nun eingeleitete Verfahren der EU behandle dagegen die Ausdehnung der Microsoft- Monopolstellung auf den Server-Bereich, erklärte die EU-Kommission.
Betriebssysteme: China hängt Redmond die "Rote Fahne" ins Fenster
Ein chinesischer PC-Hersteller will das Software-Monopol von Microsoft auf seine Weise brechen und liefert die Geräte mit Linux statt Windows aus.
Hinweis auf: Spiegel Online 6. August 2000, 14.26 Uhr (nur elektronisch publiziert) von BARBARA MAYERL. [Original]PEKING. Der chinesische PC-Hersteller TCL Computer Ltd. wird in Zukunft das Betriebssystem "Rote Fahne 2.0" auf seinen Rechnern installieren, berichtete die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua am Freitag [4.8.2000].
Rote Fahne ist eine chinesische Entwicklung auf Grundlage des alternativen Betriebssystems Linux und arbeitet mit chinesischen Schriftzeichen. Es wurde von der chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften initiiert. Der Vizepräsident der Akademie, Jiang Mianheng, ist der Sohn des Staats- und Parteichefs Jiang Zemin.
Seit längerem ist die chinesische Regierung über die Sicherheit des Betriebssystems Windows besorgt und sucht daher nach Alternativen. Das wohl noch stärkere Motiv für Bemühungen in diese Richtung dürften auch die befürchteten Konsequenzen sein, die ein Microsoft- Monopol auf die Volkswirtschaft haben könnte. Chinesische Medien berichteten, die Regierung werde voraussichtlich noch in diesem Jahr einen Rahmen für die Nutzung von Linux erlassen. Die Firma Legend, Chinas größter Computerhersteller, entwickelt sein eigenes Linux- Betriebssystem.
Zur Vorgeschichte
Microsoft hat in China generell mit einem Problem zu kämpfen: Die meisten Nutzer können sich die Lizenzgebühren schlichtweg nicht leisten. Windows 98 im Original kostet die Hälfte eines durchschnittlichen Monatslohns, und ist für Studenten beispielweise überhaupt nicht leistbar. Von daher ist es nur logisch, dass zu Raubkopien gegriffen wird und das Risiko in Sachen Zuverlässigkeit, Virus-Angriffe und rechtliche Konsequenzen in Kauf genommen wird. Eine Erhebung zum Software-Markt im April dieses Jahres förderte demnach Zahlen zu Tage, die sich seit Jahren kaum ändern: Das Verhältnis Raubkopie zu Originalsoftware steht 78 zu 12 %, die restlichen 10 % entfallen auf freie Software.
Händler greifen zur Selbsthilfe
Bereits im Sommer vergangenen Jahres hatten die beiden PC-Hersteller Great Wall und TCL Computer Ltd beschlossen, die Rechner nicht mehr mit vor-installiertem Windows- Programm auszuliefern. Das Niedrig- Preis Modell "Hurricane 499" von Great Wall wurde ein regelrechter Publikumsrenner und war binnen Tagen ausverkauft. Der erste Hersteller hatte sich gewagt, "nein" zu Microsoft zu sagen. Das quittierte der Softwarekonzern nicht einmal mit Achselzucken, und selbst eine Anfrage des Herstellers, ob man es vielleicht zu einem günstigeren Lizenzpreis installieren würde, wurde ignoriert. TCL Computer kam ebenfalls mit einem Rechner ohne Windows auf den Markt dem "Wonderful 600". Beide Hersteller hatten zwar Verträge mit Microsoft, beriefen sich aber darauf, dass sie primär die Komponenten zusammenstellten und wenn der Benutzer Windows verlange, es selbstverständlich auch bekomme.
Zuckerbrot und Peitsche
Bill Gates erzählte 1998 in einem Interview mit "Fortune", dass die Chinesen kein Geld für Software ausgeben würden, sie würden diese lieber stehlen. "Wenn sie sie schon stehlen müssen, dann hoffentlich unsere," meinte er kokett. Sie würden dann irgendwann davon abhängig und Microsoft könne die Ernte dann eben später einfahren. Diese Aussage wurde in China als zynisch und selbstherrlich aufgenommen und Journalisten berichteten über die zwei Gesichter des Bill Gates, die er auf seinen China- Besuchen zeige. Der "Erlöser" aus Redmond bringe Geschenke mit und lasse dann gegen Software- Piraten mobil machen.Der Wind könnte sich nun drehen und es ist Ironie des Schicksals, dass die Chinesen ihren "Erlöser" nun möglicherweise in der Person Linus Thorvalds gefunden haben.
Studie: Internet überfordert viele EDV-Abteilungen
Aus: Yahoo-News, 9. August 2000, 15.39 Uhr (HighTech). [Original]HAMBURG (Reuters). Die EDV-Abteilungen vieler deutscher Großunternehmen sind laut einer Studie den Anforderungen des Internets nicht gewachsen. Drei von vier Internet- Projekten scheiterten in den Firmen, weil Manager den technischen Aufwand unterschätzten, berichtete die Unternehmensberatung Mummert + Partner am Mittwoch in Hamburg. Aus einer Umfrage unter den 100 umsatzstärksten deutschen Firmen schließt die Unternehmensberatung, dass es in vielen EDV-Abteilungen an dem nötigen Internet-Fachwissen mangele.
Da drei von vier Unternehmen in den nächsten fünf Jahren mit Internet- Projekten den Vertrieb stärken wollten, werde sich das Problem des Fachkräftemangels verschärfen. Da viele Firmen auf eine schnelle Umsetzung von Online- Projekten in allen Unternehmensbereichen drängten, sei eine Internet- Weiterbildung der Computerexperten aus Zeitgründen nicht mehr möglich, hieß es. [Web-Dilettanten]
V E R S C H L Ü S S E L U N GProzessor-Bug: Intel ruft 1,13-GHz-Pentium III zurück
Aus: Heise News-Ticker 29. August 2000, 00.22 Uhr (nur elektronisch publiziert). [Original]SANTA CLARA (cp/c't). Wegen Funktionsstörungen bei bestimmten Code-Sequenzen, die zum Systemabsturz führen können, ruft Intel sein Produktflaggschiff zurück. Die Auslieferung des Pentium III mit 1,13 GHz hatte am 31. Juli in begrenzten Stückzahlen begonnen. Beobachter vermuten, dass Intel seither kaum 10.000 Einheiten verkauft hat. Intel hat bisher keine Zahl genannt.
Der Prozessor war bisher nur von wenigen PC-Herstellern angeboten worden, darunter Dell und IBM, die bereits vor Intels Entscheidung die Auslieferung von 1,13-GHz- Rechnern stoppten. Intel-Sprecher Howard High sagte, Intel arbeite mit den Herstellern zusammen und werde ihren Kunden nach deren Wahl Ersatz oder Entschädigung anbieten.
Intel habe bisher keine Fehlermeldungen von Kunden erhalten, versicherte High. Die Störungen seien nur bei Labortests und bei bestimmten Temperaturen allerdings auch im zulässigen Bereich aufgetreten. Im c't-Labor hatte Intels Spitzenreiter beim Linux-Kernel-Benchmark reproduzierbare Fehler gemacht, wie c't bereits in Ausgabe 17/00 berichtete. Zu diesem Zeitpunkt hatte Intel freilich noch beschwichtigt und mitgeteilt, es sei nur ein Microcode- Update für das neue Prozessor- Stepping notwendig.
Mittlerweile ist offiziell die Rede von einem notwendigen Re-Design der Schaltung. Es scheint, als habe sich Intel mit dem neuen cC0-Stepping einen Bug eingefangen, der nicht durch einen Microcode-Patch zu neutralisieren ist. Das cC0-Stepping kam bei dem 1,13-GHz-Chip erstmals zum Einsatz, sollte aber laut Intel sofort auf sämtliche Pentium III der Coppermine- Generation übertragen werden. Damit bleibt noch die Frage zu klären, ob sich der Fehler auch bei neuen Pentium-III-Typen mit niedrigerer Taktfrequenz auswirken wird auch wenn Intel diese Befürchtung vorerst von der Hand gewiesen hat.
30.8.2000 (khd). Zwar ist diesmal der finanzielle Schaden minimal, denn nur sehr geringe Stückzahlen des fehlerhaften Mikroprozessors wurden bislang ausgeliefert. Dafür bedeutet dieser erneute Rückruf eines nicht ausreichend getesteten Chips für Intel einen massiven Imageschaden. Wir erinnern uns noch sehr gut an den Pentium-Bug Nr. 1 von 1994. Warum haben denn Intel & Co noch immer nicht gelernt, ihre Computer- Chips vor dem Release sorgfältig zu testen?
512-Bit-Code geknackt
Der angeblich schwierigste Code der Welt ist dechiffriert worden. Ein schwedisches Computerteam ist hinter das Geheimnis eines 512-Bit-Schlüssels gekommen und wird das Ergebnis veröffentlichen.
Hinweis auf: Spiegel Online 12. Oktober 2000, 16.40 Uhr (nur elektronisch publiziert). [Original]LONDON. Der britische Autor Simon Singh hatte in seinem Bestseller "The Code-Book" eine Belohnung von 10.000 Pfund (rund 32.700 Mark) ausgelobt, wenn es jemand schafft, zehn Codes unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade zu entschlüsseln, die im Buch vorgegeben waren. Die Bandbreite reichte von Chiffren des antiken Griechenlands über viktorianische Geheimkünste und die Enigma-Maschine aus dem Zweiten Weltkrieg bis zum 512-Code der Neuzeit. Nun muss Singh den Preis überreichen. "Der schwierigste Code aller Zeiten ist geknackt worden", so der Autor.
Mehr als ein Jahr hatten Kryptografie-Kracks aus der ganzen Welt an dem so genannten Cipher-Wettbewerb teilgenommen. Auf einer eigens geschaffenen Website beteiligten sich rund 2400 Fans an der Lösungssuche. Einen Betrug bei dem nun eingesandten Ergebnis schließt Singh aus. Er sei beim Schreiben seines Buches sehr sorgfältig umgegangen. Verräterische Skripte habe er verbrannt, und über den Schlüssel habe er nie gesprochen.
Am 7. Oktober schickte ein Team um den Schweden Frederik Almgren die Lösung an Singh. Am 13. Oktober soll das 40-seitige Lösungsmanuskript auf seiner Page veröffentlicht werden. Von dem Schlüssel ist bislang nur wenig durchgesickert: Ein Computer hätte eigentlich 70 Jahre gebraucht, um den einzigartigen Code zu dechiffrieren. Doch das schwedische Team fand einen anderen Weg. Sie schrieben einen speziellen Algorithmus, der auf einem herkömmlichen Rechner das Ergebnis lieferte.
Singh glaubt allerdings nicht, dass mit der Entschlüsslung seines Codes, der vielen Schlüsseln im Internet üblichen ähnelt, der Kriminalität Tür und Tor geöffnet werde. Der zu betreibende Aufwand, um einen anderen 512-Bit- Schlüssel zu knacken, stehe in keinem Verhältnis zum "Erfolg". Ein Dieb einer aus dem Internet abgegriffenen und verschlüsselten Kreditkartennummer müsste nach Ansicht des Physikers mehrere Zehntausend britische Pfund investieren, um letztendlich über ein Kreditvolumen von vielleicht 1000 Pfund zu verfügen.
Singh hofft aber trotzdem, dass das von ihm initiierte Experiment Kryptografie- Experten veranlasst, noch sicherere Codes zu entwickeln. Kurzfristig wäre auch die Umstellung von derzeit üblichen 512-Schlüsseln auf 1024-Codes denkbar.
Microsoft: Hacker knackten geheime Quellcodes
Sie drangen vor bis ins Allerheiligste. Hackern ist es nach Auskunft von Microsoft-Chef Steve Ballmer gelungen, beim US-Softwareriesen die streng geheimen Quellcodes einzusehen. Ein Fall fürs FBI.
Hinweis auf: Spiegel Online 27. Oktober 2000, 20.30 Uhr (nur elektronisch publiziert). [Original]
SEATTLE (AP). "Sie griffen tatsächlich auf den Quellcode zu", räumte Ballmer heute ein. Sie hätten diese aber nicht manipulieren können. Die Codes seien unversehrt geblieben. Das klang anfangs noch anders. Ballmer hatte zunächst beteuert, dass die Hacker keinen Zugang zu wichtigen Microsoft- Programme gehabt hätten. Inzwischen hat der Konzern die US-Bundespolizei FBI eingeschaltet.
Steve Ballmer: Hacker im Allerheiligsten Das Wall Street Journal hatte berichtet, die Hacker hätten Quellcodes der neuesten Versionen des Betriebssystems Windows und des Programmpakets Office gestohlen. Diese Codes sind die von den Software- Herstellern streng gehüteten Grundlagen der fertigen Computer- Programme.
Die Spur führt nach Russland
Laut Wall Street Journal sei der Hackerangriff von Sicherheitsexperten bei Microsoft aufgedeckt worden. Sie hätten zunächst festgestellt, dass Passwörter ferngesteuert an eine E-Mail- Adresse im russischen St. Petersburg weitergeleitet worden seien. Dann hätten sie heraus gefunden, dass diese Passwörter dazu benutzt worden seien, Quellcodes aus dem Microsoft- Netzwerk herauszuschicken. Bei dem Angriff hätten die Hacker ein als Trojanisches Pferd bezeichnetes Programm [Ed: Trojaner QAZ] verwendet.In Anlehnung an den griechischen Mythos wird als Trojanisches Pferd eine scheinbar harmlose Datei bezeichnet, die an unwissende Empfänger geschickt wird. In der Datei ist jedoch ein Programm- Code versteckt, der den Computer des nichts ahnenden Benutzers manipuliert, wenn dieser die Datei öffnet. Über einen solchen verdeckten Zugang können Hacker dann leichter an gespeicherte Informationen herankommen oder sogar unbefugt zerstörerische Programme installieren.
Der Hack dauerte über Wochen
Dem Wall Street Journal zufolge sollen die Hacker drei Monate lang die Möglichkeit besessen haben, auf den Quelltext zuzugreifen. Ein Informant berichtete hingegen der Nachrichtenagentur AP, es habe sich höchstens um einen Zeitraum von fünf Wochen gehandelt. Inzwischen, so Microsoft, hätten die Hacker ihre Angriffe gestoppt. "Wir versuchen immer noch herauszufinden, was genau geschehen ist", sagte Firmensprecher, Rock Miller. "Dies ist ein bedauerlicher Akt von Industriespionage und wir werden alles tun, um unser geistiges Eigentum zu schützen." [mehr]
Microsoft-Hack: Ein Fall fürs FBI
Hacker haben sich nach Auskunft von Microsoft Zugriff auf einen Quellcode wichtiger Software-Projekte verschafft. Die Spur führt nach Russland. Das FBI ermittelt
Hinweis auf: Spiegel Online 28. Oktober 2000, 19.55 Uhr (nur elektronisch publiziert). [Original]
WASHINGTON. Die amerikanische Bundeskriminalpolizei FBI fahndet nach den russischen Hackern, die in einen Rechner des Software- Konzerns Microsoft eingedrungen sind. Der Einbruch war nach jüngsten Angaben allerdings nicht so schlimm wie zunächst befürchtet. Die Hacker hätten nur die Quellcodes von Produkten gesehen, die noch in der frühen Entwicklungsphase seien, sagte ein Sprecher des Unternehmens in Seattle im Bundesstaat Washington. Die geheimen Codes für die neuesten Windows-Versionen und Office- Software hätten sie nicht einsehen können.
Steve Ballmer: Hacker im Allerheiligsten
Quellcodes nicht manipuliert
Microsoft-Chef Steve Ballmer hatte zuvor in Stockholm bestätigt, dass der Softwaregigant Opfer eines groß angelegten Hacker- Angriffs geworden ist. Ballmer versicherte, dass die Verbraucher aber sicher sein könnten, dass der Quellcode nicht manipuliert worden sei. Der Quellcode von Programmen wie "Windows 2000" besteht aus Millionen von Programmzeilen, die der Softwareriese bislang sorgfältig vor öffentlichen Zugriffen geschützt hat.Russische Hacker waren nach Angaben Microsofts mit Hilfe eines so genannten "Trojanischen Pferdes" in das System eingedrungen. Das Programm mit dem Namen "QAZ" habe heimlich Passwörter von Microsoft- Mitarbeitern protokolliert und zu einem E-Mail- Postfach in St. Petersburg geschickt [Ed: was aber nichts bedeuten muß, denn von dort kann die E-Mail weltweit weitergeleitet worden sein]. So hätten sie drei Monate lang Zugriff auf interne Microsoft- Rechner gehabt. "In drei Monaten kann man theoretisch jedes Geheimnis in einer Organisation herausbekommen", sagte Graham Satchwell, ein ehemaliger Microsoft- Sicherheitsberater.
Die Quellcodes des Microsoft-Betriebssystems "Windows" und des Büro- Programms "Office" gehören zu den am besten gehüteten Betriebsgeheimnissen der Industriegeschichte. Detaillierte Kenntnisse über den Quellcode könnten es künftig Hackern erleichtern, in Windows- Systeme einzubrechen oder Computer- Viren für Office- Programme zu schreiben.
Bill Gates: Fanatische Gegner in Russland?
Die russische Tageszeitung "Kommersant" zitierte heute einen namentlich nicht genannten Computerexperten der russischen Militäraufklärung GRU mit den Worten: "Vor allem dürften diese Quellcodes die Konkurrenten von Microsoft Oracle und Netscape interessieren. Auf dem Petersburger Server kann jeder Beliebige ein E-Mail- Postfach einrichten."Von St. Petersburg aus war bereits vor Jahren das Kreditinstitut Citibank von Hackern heimgesucht worden. Laut "Kommersant" gibt es in der russischen Stadt offenbar fanatische Gegner des Microsoft- Gründers Bill Gates. [mehr]
Microsoft-Hack: Sagt Microsoft die Wahrheit?
Microsoft versucht den Einbruch in sein Computer-Netzwerk herunterzuspielen. "Alles halb so schlimm", heißt es aus der Zentrale in Redmond. Doch Experten haben ihre Zweifel.
Hinweis auf: Spiegel Online 29. Oktober 2000, 19.05 Uhr (nur elektronisch publiziert). [Original]SEATTLE. Microsoft-Sicherheitsexperte Howard Schmidt legte neue Details der Hackerattacke vor. Demnach verschafften sich die Täter über den Privatcomputer eines Angestellten Zugang in das Microsoft- Netzwerk. Auch ein russischer E-Mail- Server soll im Spiel gewesen sein.
"Die Untersuchungen haben keinen Beweis erbracht, dass die Einbrecher Zugang zum Quellcode von Windows ME, Windows 2000 oder Office hatten. Das sind sehr gute Nachrichten", frohlockte Microsoft-Sprecher Mark Murray. Sein Chef, Steve Ballmer, teilte bei einem Kongress in Stockholm verbales Valium aus: Die Attacke habe "kaum Schaden angerichtet". Zwar seien die Hacker bis zu den Quellcodes im Firmennetz vorgedrungen, aber sie hätten nur marktunreife Projekte zu Gesicht bekommen.
Steven Vaughan-Nichols, Fachautor bei ZDNet mag daran nicht glauben: "Wenn Ballmer sagt, dass der Einbruch kaum Schaden angerichtet hat, ist das so glaubwürdig wie Clintons Zitat in der Lewinsky- Affäre: 'Ich hatte niemals Sex mit dieser Frau'. Wer das Microsoft-Netz knacken kann, hat den größten Computer-Einbruch aller Zeiten begangen."
Auch Steve Fallin vom Unternehmen Watchguard Technologies in Seattle ist gegenüber der Microsoft-Version skeptisch. Es wäre auch schon ein großer Zufall, wenn die Hacker wirklich nur die Quellcodes der neuesten Produkte ausgekundschaftet und die Hauptsoftware ignoriert hätten.
Selbst wenn der Windows-Quellcode vor den Hackern verborgen blieb, muss sich Microsoft unangenehme Fragen stellen lassen: Ist die von Microsoft entwickelte und selbst eingesetzte Technologie wirklich so einfach zu überlisten? Warum sind Microsoft-Programme anfälliger gegen Attacken wie durch den Virus "I love You" als Konkurrenzprodukte wie Lotus Notes oder Unix-Systeme?
Wie sicher ist Microsofts Software? Noch drängender wird die Frage angesichts der Mittel, die die Täter einsetzten. Das Trojanische Pferd "QAZ", dass das Netzwerk des Softwareriesen von Innen heraus geknackt haben soll, ist unter Virenkennern kein Unbekannter. Seit rund drei Monaten ist das Spion-Programm bekannt in der Computerbranche eine halbe Ewigkeit. Aktuelle Anti-Virus- Software wäre in der Lage gewesen, "QAZ" zu erkennen und auszuschalten.
Robert Graham, Technologie-Chef der Computer- Sicherheitsfirma Network Ice, zeigte sich besorgt. Der Einbruch beweise, wie lax Firmen mit dem Thema Sicherheit umgingen. "Egal ob nun Microsoft gehackt wird, Web-Sites manipuliert oder ungeschützte Laptops von Firmenchefs gestohlen werden. Sie halten Sicherheit nicht für besonders wichtig."
Vaughan-Nichols stimmt dem zu: "Microsoft konnte durch ein Zusammenspiel von schlechter Sicherheitspraxis und dem Einsatz eigener Software sein Netz nicht vor Hackern schützen. Es ist Zeit für alle, die Microsoft- Produkte einsetzen, konkret zu überprüfen, was sie zum Schutz ihrer eigenen Kronjuwelen unternehmen."
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