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Die Affäre mit der Maus
Das Internet hat den Fall Hohmann nicht nur ans Tageslicht gebracht sondern die Debatte auch mächtig beschleunigt
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 14. November 2003, Seite 1 (Kasten). [Original]Was auch immer Martin Hohmanns Tätervolk- Rede noch für Folgen haben mag, eine Fußnote ist dem CDU-Rechtsaußen sicher: Er hat die erste Internet- Affäre der Republik ausgelöst. Denn im Fall Hohmann haben virtuelle Darsteller die heimliche Hauptrolle gespielt Google und seine Verwandten unter den Suchmaschinen.
Das fing schon damit an, dass Hohmanns Rede, am 3. Oktober in der abgelegenen hessischen Provinz gehalten, erst als Manuskript im Word Wide Web eine kritische Leserin fand, die obendrein in den USA lebt. Die weiteren Belege dafür, dass es sich nicht um einen Ausrutscher handelte, ruhten ebenfalls schon im Netz: Hohmanns frühere Reden ebenso wie die Links, die elektronischen Hinweistafeln, zu notorisch Gleichgesinnten lieferte frei Haus die eigene Homepage des MdB.
Wer mehr als einmal die fraglichen Seiten auf seinem Computerbildschirm aufrief, konnte danach Merkwürdiges berichten. Links waren plötzlich gelöscht, Texte verschwunden, Homepages stundenlang nicht erreichbar (under construction) und danach auffällig- unauffällig verändert.
Fast ohne sich vom Schreibtisch zu bewegen, ließ sich der Fortgang der Geschichte verfolgen. Die Anti-Muslim-Sprüche des CDU-Manns Henry Nitzsche, die christdemokratisch korrekten, aber in Verdacht geratenen Sätze des Parteifreunds Axel Fischer, wütende Mails der Basis an die CDU-Spitze alles Funde, die das Treibnetz Google zu Tage förderte, wenn man es nur, mit einschlägigen Stichworten als Köder gefüttert, im Ozean des Internets auswarf.
Der Ozean ist gewaltig; Google zählt in diesem Moment 3.307.998.701 Web-Seiten. Der Affärenfischer muss wissen, wo er sucht. Deshalb haben Telefon, Kamera und die Reporterkunst, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein, nicht ausgedient. Doch vieles, was einst tagelanges Archivstudium forderte oder mühsames Bohren in anonymen Quellen, landet heute mit 3, 4 Mausklicks auf dem Tisch. Das WWW hat die Affäre so mächtig beschleunigt.
Zum Hintergrund: [Rausschmiss statt Rückzug]
Filmwirtschaft will Raubkopien stoppen
[Ed: Bericht aus einer Branche, die die lange voraussehbaren Möglichkeiten der digitalen (Internet-)Welt total verschlafen hat und ihre Produkte nach wie vor viel zu teuer verkauft]
Aus: Yahoo-News, 27. November 2003, 15.24 Uhr (Vermischtes). [Original]BERLIN. Mit einer breiten Kampagne will die Filmindustrie der Flut von Raubkopien in Deutschland Einhalt gebieten. Mit Fernsehspots, Plakaten und Zeitungsanzeigen unter dem Motto "Raubkopierer sind Verbrecher" solle gegen das fehlende Unrechtsbewusstsein beim Kopieren von Filmen vorgegangen werden, teilte die von der Filmwirtschaft beauftragte Zukunft Kino Marketing GmbH (ZKM) mit. Ziel ist dabei vor allem der Download von geschützten Streifen aus dem Internet. Für das vergangene Jahr schätzt die Branche den Schaden auf 800 Millionen Euro.
Von Januar bis August seien in Deutschland von 5,1 Millionen Bundesbürgern bereits 30,3 Millionen CDs und DVDs mit Spielfilmen gebrannt worden, erklärte die ZKM unter Berufung auf eine Studie der Filmförderungsanstalt. Dies sei bereits mehr als im gesamten Jahr 2002, als 27 Millionen Kopien erstellt worden seien. Die Zahl der aus dem Internet heruntergeladenen Filme belief sich der Studie zufolge bis August auf 13,3 Millionen. Damit dürfte nach Einschätzung der Branche die Gesamtzahl des Jahres 2002 mit 15,5 Millionen deutlich übertroffen werden.
Nicht jeder, der einen Film kopiert, ist allerdings ein Verbrecher oder muss mit Schadenersatzforderungen rechnen. Erlaubt sind laut Urhebergesetz einzelne Kopien von Filmen für den privaten Gebrauch, wenn diese nicht kopiergeschützt sind. Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs von 1978 darf dabei die Zahl von sieben Kopien nicht überschritten werden. Der Begriff "privater Gebrauch" ist dagegen nicht genau definiert und immer wieder Gegenstand von Gerichtsverfahren. Kein Problem gibt es, wenn der Film im eigenen Haushalt bleibt. Der Wiesbadener Anwalt Heiko Wiese, der für die Filmwirtschaft tätig ist, sieht auch die Kopie von einem nicht kopiergeschützten Film, die an einen Freund weiterverschenkt wird, noch im Rahmen des Zulässigen.
28.11.2003 (khd). Natürlich ist es Unrecht, mit dem Kopieren von Filmen oder (Schall-) Platten Geschäfte auf Kosten anderer zu machen. Das ist doch keine Frage. Aber wenn hier die etwas schlafmützige Filmbranche meint egal was in irgendwelchen Gesetzen stehen mag, jeder Kopierer einer CD oder DVD sei ein Verbrecher, dann sind ihnen jegliche Maßstäbe abhanden gekommen. Sie haben sich schlicht lächerlich gemacht.
Und wie nennen wir nun die wirklich schweren Verfehlungen, die Politiker im BSE-Skandal, die Kaufleute und Politiker im Nitrofen-Skandal, die Politiker und Manager im Berliner Banken-Skandal begangen haben...?
Die unendliche Geschichte von der deutschen Lkw-Maut
Daimler und Telekom blamieren sich mit anspruchsvoller Digital-Technik / Ein Lehrstück deutscher Arroganz und technischer Überheblichkeit
khd-Page berichtete zum Mautsystem von Telekom und Daimler:
[17.07.2002: Bund entscheidet sich für HighTech-Maut Zuschlag für Daimler + Telekom]
[16.10.2003: Mit HighTech-Maut ins Chaos Deutsche Industrie blamiert sich bis auf die Knochen]
[29.11.2003: Maut-Mängelliste immer länger]
[27.01.2004: Traum vom HighTech-Verkehr Hochmut kam vor Innovation]
[17.02.2004: Deutsche Industrie Innovations-unfähig?]
[22.02.2004: Daimler und die Digital-Technik]
[29.02.2004: Kommt TollCollect doch noch in die Puschen?]
Toll Collect löst Chef ab / Kritik an Telekom-Manager Reiss
Aus: Spiegel-Pressemeldung 6. März 2004, 10.36 Uhr zum Artikel "Toll Collect löst Chef ab" im SPIEGEL 11/2004, 8. März 2004, Seite 83 (Trends).HAMBURG. Der designierte Toll-Collect-Aufsichtsratschef, Konrad Reiss, will die Geschäftsführung des Unternehmens erneut umbauen. Nach dem Rauswurf von DaimlerChrysler- Manager Michael Rummel als Boss des Maut-Konsortiums im Oktober soll nun auch sein Nachfolger, Telekom-Manager Hans-Burghardt Ziermann, seinen Posten räumen. Dem Manager wird vorgeworfen, die Missstände bei Toll Collect zu lange geduldet zu haben. Anders als Rummel soll Ziermann jedoch auf einem anderen Posten in der Geschäftsführung verbleiben. Wer seine Nachfolge antritt, ist noch offen.
Unterdessen wächst auch Kritik an der Entscheidung, Reiss zum Toll-Collect-Oberaufseher zu küren. Grund: dessen Machtfülle. Reiss ist als Chef von T-Systems größter Auftragnehmer von Toll Collect. Als Aufsichtsratschef des Unternehmens, warnten Konzernjuristen vergangene Woche, würde er demnächst seine eigenen Projekte genehmigen und kontrollieren.
Wie heikel eine solche Verquickung sein kann, wurde vor einigen Tagen im Lenkungsausschuss von Toll Collect deutlich. Anders als bisher dargestellt, so dessen Bestandsaufnahme, sind es nicht mehr die On-Board-Units [OBU], die den Ingenieuren die größten Sorgen bereiten. Gravierender sind inzwischen Software- Probleme. Beispielsweise läuft das Abrechnungssystem immer noch so holprig, dass es unter Realbedingungen wohl zusammenbrechen würde. Lieferant der Software: Reiss mit seiner T-Systems.
[29.02.2004: Schröder verkündet Einigung mit Toll Collect] (SPIEGEL)
[01.03.2004: Maut: Berliner Toll-Haus] (SPIEGEL10/2004, Seite 2226)
[10.08.2004: Toll Collects Vorbereitungen fürs Jahresende] (SPIEGEL)
[14.08.2004: Spediteure rechnen mit neuem Mautfiasko] (SPIEGEL)
[16.12.2004: Toll Collect: Die endlose Geschichte letzter Akt?] (DIE ZEIT)
Nach 100 Tagen Lkw-Maut
11.4.2005 (khd). Na es geht doch. Nach 100 Tagen Maut ziehen heute die Beteiligten eine erste Bilanz: Knapp 5 Milliarden registrierte Kilometer, 661 Millionen Euro Einnahmen. Selbst Skeptiker müssen der viel gescholtenen Lkw-Maut nach 100 Tagen Praxis bescheinigen, daß die Bilanz durchaus positiv ausfällt. Jetzt will Maut-Stolpe per Feintuning die vielen Maut-Preller erwischen.[11.04.2005: Erfolgsstory eines Pannensystems] (SPIEGEL ONLINE)
[11.04.2005: LKW-Maut: Bilanz nach 100 Tagen] (HEISE ONLINE)
[12.04.2005: Vom Prellen und Grämen, von LKW und PKW] (HEISE ONLINE)
B E H Ö R D E N - S O F T W A R EJeder 5. Internet-Zugang in den USA ist breitbandig
Aus: Heise News-Ticker 8. April 2004, 16.07 Uhr (nur elektronisch publiziert). [Original]USA (mhe/c't). Inzwischen haben rund 27 Millionen US-Firmen und -Haushalte einen Breitband- Internetanschluss. Dies geht aus einer Studie von In-Stat/MDR hervor und entspricht einer Steigerung um fast 50 % gegenüber dem Vorjahr. Damit ist jeder fünfte Anschluss in den USA breitbandig. Der Verbraucherwünsche nach mehr Home- Entertainment, Online-Spielen und Voice-over-IP (VoIP) sind der Studie zufolge die Hauptgründe für den Wechsel zu einem Breitband-Internetzugang.
Die Marktforscher haben errechnet, dass in den USA Kabelmodem-Anschlüsse (TV-Kabel mit Rückkanal) mit 58 % Verbreitung den größten Markanteil besitzen, gefolgt von DSL-Zugängen mit 35 %. Drahtlose Breitband- Anschlüsse nehmen mit rund 5 % den dritten Platz ein. Andere Techniken wie die Anbindung über Satellit oder Glasfaserkabel (Fiber-to-the-Home, FTTH) spielen dagegen eine Nebenrolle. Bei den Kabelmodem- und den DSL-Anschlüssen kontrollieren jeweils 2 Firmen über die Hälfte und 6 beziehungsweise 5 Firmen über 90 % des Marktes.
In-Stat/MDR sieht die Kabelmodem- und DSL-Anbieter auch mittelfristig bei den Marktanteilen deutlich vor den Drahtlos- Anbietern. Die großen Provider hätten gut eingeführte Marken und setzten verstärkt auf die Kombination von Zusatzdiensten und Anschlüssen. Die drahtlosen Internet- Zugänge sind vor allem für die Abdeckung von schlecht erreichbaren ländlichen Gebieten von Bedeutung. [...und in Deutschland?]
Absturz von Amts wegen
Nach dem Maut-Desaster kommt das Fiscus-Fiasko: Das Computerprogramm für die Finanzämter ist gescheitert. Beim Arbeitslosengeld droht die nächste Software-Pleite [Ed: und dann bei der Gesundheitskarte].
Aus: DIE ZEIT Nr. 30/2004, 15. Juli 2004, Seite xx (Wirtschaft). [Original]Das Begräbnis fand in aller Stille statt. Kaum bemerkt von der Öffentlichkeit, wurde am vergangenen Freitag [9.7.2004] das nächste große deutsche Innovationsprojekt beerdigt: Diesmal traf es das geplante einheitliche Computersystem für die deutschen Finanzämter. 13 Jahre lang hatte die öffentliche Hand versucht, das Föderale integrierte standardisierte computerunterstützte Steuersystem (Fiscus) zum Leben zu erwecken. Am Ende brauchte die Finanzministerkonferenz keine drei Stunden, um zu beschließen: Daraus wird nichts mehr.
Die Pleite ist voller Peinlichkeiten. Ursprünglich sollte Fiscus ab 1997 die veralteten Großrechenverfahren ersetzen, mit denen deutsche Finanzämter kalkulieren. Bereits 1996, fünf Jahre nach dem Entwicklungsstart, warnte der Bundesrechnungshof vor einem Scheitern, später formulierte er seine Warnungen immer schärfer. Doch obwohl bis zu 300 Mitarbeiter im Einsatz waren und je nach Berechnungsweise für die Fiscus-Entwicklung zwischen 330 und 900 Millionen Euro verplempert wurden, liefen am Ende nur zwei winzige Programmteile in Testversionen. Zurück bleiben nun 50.000 Seiten Dokumentation und 1,6 Millionen Zeilen weitgehend nutzloser Programmcode.
Nach dem Debakel um das elektronische Maut-Erfassungssystem, dem Scheitern eines digitalen Polizeifunks und dem Aus für die neue Informationstechnik der Bundeswehr (Herkules) stehen Bund und Länder damit erneut vor einer kapitalen Investitionsruine. Die Frage stellt sich: Ist die öffentliche Hand zu solchen Großprojekten nicht mehr in der Lage? Sind die Behörden schuld, liegt es an den Software-Ingenieuren oder der Komplexität der EDV-Technik? Und wie stehen die Aussichten für das nächste Großprojekt, die Software zur Berechnung des neuen Arbeitslosengelds?
Landauf, landab haben in den vergangenen 20 Jahren Ministerien und Behörden versucht, die Verwaltung elektronisch aufzumöbeln fast immer gab es Probleme. Wie viel Geld dabei insgesamt verpulvert wurde, lässt sich nur grob schätzen. Das Toll-Collect-Trauerspiel hat bisher den Staat um weit über drei Milliarden Euro Einnahmen aus der elektronischen Mauterfassung geprellt; die virtuelle Jobbörse der Arbeitsämter hat Mehrkosten von 100 Millionen Euro erzeugt; und da der digitale Polizeifunk bis zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 nicht realisierbar ist, werden Millioneninvestitionen in das längst überholte analoge Funknetz nötig.
Auch das vorläufige Scheitern des Herkules-Projekts wird teuer. Seit 1999 ist die Anschaffung neuer Informationstechnik (IT) für die Bundeswehr im Wert von 6,6 Milliarden Euro geplant. Dazu sollte eine gemeinsame Beschaffungsfirma des Bundes mit einem Firmenkonsortium um den Rüstungskonzern EADS gegründet werden. Doch Anfang Juli wurden die zweijährigen Verhandlungen darüber abgebrochen. Nun wird in den Dienststuben weiter mit veralteter EDV gekämpft, die nur mit Millionenaufwand vor dem Zusammenbruch bewahrt werden kann.
Eigentlich müsste man darüber jubeln, sagt Uwe Busbach-Richard, Informatik-Professor an der Verwaltungshochschule Kehl. Immerhin sei bei Herkules der Fehler vieler anderer öffentlicher IT-Projekte vermieden worden, die dem vielen Geld für jahrelange Planungsphasen noch viel mehr Geld für fruchtlose Entwicklungsarbeiten hinterherwerfen. Ein Fortschritt, denn normalerweise herrsche im öffentlichen Bereich ein Verantwortungs-Nirwana. Niemand sei bereit, ein unsinniges Projekt zu beenden.
Auch Fiscus ist seiner Ansicht nach nicht an technischen Problemen gescheitert, sondern daran, dass sich die 17 Auftraggeber (16 Bundesländer und der Bund) nicht einig waren, welche Software sie eigentlich haben wollten. Die Aussicht, dass eine einheitliche Software unter anderem die Transparenz des Steuersystems erhöht hätte, konnte die Länder-Hoheiten nicht umstimmen, im Gegenteil. Transparenz ist politisch oft gar nicht erwünscht, sagt Busbach-Richard, der selbst einige Monate als Projektplaner für die Fiscus GmbH gearbeitet hat. Und so werden Finanzbeamte auch künftig Akten zu einem Paket schnüren und per Post verschicken, wenn ein Steuerpflichtiger von einem Bundesland in ein anderes zieht.
Weltweite Untersuchungen zeigen, dass in der Privatwirtschaft ein Drittel aller Software-Projekte scheitert. Im öffentlichen Bereich ist die Misserfolgsquote allerdings besonders hoch. Über Ausschreibung und Vergabe großer IT-Projekte entscheiden dort häufig Juristen, denen es einfach an Sachverstand fehlt, sagt Dieter Rombach, Leiter des Fraunhofer-Instituts Experimentelles Software Engineering in Kaiserslautern. Leute, die gerade mal einen PC bedienen können, verhandelten da mit IT-Konzernen über komplexe Millionenaufträge. Ist der Vertrag dann geschlossen, fehlt es am Controlling. Wenn Sie ein Haus bauen und drei Monate vor dem Übergabetermin ist noch nicht einmal die Baugrube ausgehoben, dann sehen Sie, dass etwas schief läuft, sagt Rombach, wenn so etwas bei der Software-Entwicklung passiert, ist es aber nicht so leicht zu sehen. Nur so sei zu erklären, dass Toll Collect noch drei Monate vor dem grandiosen Scheitern unwidersprochen behaupten konnte, man läge gut im Zeitplan.
Ein weiterer Markstein auf dem Weg ins Scheitern ist das öffentliche Vergaberecht. Damit alle Bieter die gleiche Chance haben, darf die Ausschreibung nachträglich nicht geändert werden. Die Verfahren sind aber derart langwierig, und der Fortschritt im EDV-Bereich ist so rasant, dass öffentliche Aufträge häufig nach Lösungen von vorgestern verlangen. IT-Anbieter kennen die Regeln und machen ein möglichst unkonkretes, billiges Angebot. Ist das Projekt einmal gestartet, tauchen allerhand Probleme auf, die zu millionenschweren Nachforderungen führen. Die Behörden sind machtlos, weil sie ihre Projektziele mangels Fachkenntnis oft nur unklar benennen können und das Formulieren des Leistungskatalogs den Unternehmen überlassen. Für Herkules gibt es zwar 2000 Seiten Vertrag, sagt Rombach, inhaltlich steht aber wenig drin.
Nicht immer ist es Unkenntnis, häufig sind die Anforderungen an Behörden-Software auch deshalb unklar, weil es dem Verwaltungshandeln an Klarheit fehlt. Programmierer, die versuchen, Software zur Berechnung von Sozialhilfeleistungen zu erstellen, können ein Lied davon singen. Da geht es um Fälle wie diesen: Eine Sozialhilfeempfängerin wohnt in nichtehelicher Lebensgemeinschaft mit einem Arbeitslosen zusammen. Ihr Sohn aus geschiedener Ehe leistet Zivildienst und zieht zum Vater. Zehn Tage später ist das Kinderzimmer vom trunksüchtigen Onkel bewohnt, der eine Berufsunfähigkeitsrente bezieht. Nun berechnen Sie mal den Sozialhilfeanspruch für diesen Monat, sagt der Richter Wolfgang Golasowski, der sich als Chef des Bremer Rechenzentrums jahrelang an der Sozialhilfe-Software Prosoz die Zähne ausgebissen hat. Fragt man drei Experten, bekommt man vier Antworten. Selbst das weltweit zweitgrößte Software-Unternehmen Oracle brach den Versuch ab, ein Programm für die Berliner Sozialämter zu erstellen.
Zur Not rechnen wir das mit der Hand aus
Das lässt nichts Gutes ahnen für A2LL, die Software, die von T-Systems für die Berechnung des neuen Arbeitslosengeldes II entwickelt wird die größte E-Government-Anwendung Europas, wie Franz-Reinhard Habbel, Sprecher des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, halb bewundernd, halb schaudernd sagt. Ab kommender Woche bekommen über drei Millionen potenzielle Anspruchsberechtigte ein 14-seitiges Formular zugeschickt mit Dutzenden Detailfragen zu den persönlichen und finanziellen Verhältnissen. So werden auf Seite 4 zum Beispiel Angaben über eine kostenaufwändige Ernährung aus medizinischen Gründen verlangt, und auf Zusatzblatt III steht unter Punkt 6 die Frage: Haben Sie oder eine mit Ihnen im Haushalt lebende Person, ggf. gemeinsam, sonstiges Vermögen z. B. Edelmetalle, Antiquitäten, Gemälde? Die Formulare sind nicht maschinenlesbar, und eine automatische Übernahme der in Arbeits- und Sozialämtern bereits vorhandenen Daten ist bei A2LL nicht vorgesehen. Alle Formulare sollen mit den Betroffenen zusammen geprüft und dann von Hand in die EDV übertragen werden. Im Unterschied zu Prosoz tritt A2LL gar nicht erst mit dem Anspruch an, komplizierte Verhältnisse automatisch zu berechnen. Der Sachbearbeiter soll dies in einer Nebenrechnung erledigen und nur das Ergebnis eingeben, sagt Dirk Silber, der seine Kollegen im Berliner Sozialressort auf die neue Software vorbereitet. Die Bundesagentur für Arbeit kalkuliert eine Bearbeitungszeit von durchschnittlich eineinhalb Stunden pro Fall und hat schon einmal 3000 Beamte bei der Telekom ausgeliehen.Ob das A2LL-Programm tatsächlich einen vernünftigen Bescheid ausdrucken wird, weiß noch niemand. Bisher gibt es die Software nur in einer abgespeckten Schulungsversion, und die ist nur für Mitarbeiter der Bundesagentur zugänglich. Tausende Sachbearbeiter, die in den kommunalen Sozialämtern damit arbeiten sollen, haben sie noch nicht einmal gesehen. Auch ist bisher nicht geklärt, welche der 840 Arbeitsämter und welche Dienststellen der 440 deutschen Sozialhilfeträger für die Bearbeitung der Anträge zuständig sein werden. Da alle Anträge zwischen Anfang Oktober und Anfang Dezember bearbeitet werden müssen, wird es mehrere zehntausend gleichzeitige Zugriffe auf das internetgestützte Programm geben. Für den Fall, dass A2LL unter Volllast in die Knie geht, gibt es nur einen Ausweg. Zur Not rechnen wir das mit der Hand aus, sagt Frank-Jürgen Weise, Chef der Bundesagentur für Arbeit.
Augen zu und durch diese Haltung ist weit verbreitet bei öffentlichen Software-Projekten. Es fehlt jede Planung für den Fall eines Scheiterns. Vor 15 Jahren war das noch nicht so dramatisch, sagt der Fraunhofer-Informatiker Rombach. Damals wurde Informationstechnik noch ergänzend eingesetzt. Heute steht der ganze Betrieb still, wenn sie nicht funktioniert. Das gilt auch für die betagten Großrechensysteme. Einst als Unterstützung für die Handarbeit der Beamten entwickelt, sind sie inzwischen unverzichtbar geworden. Nur gibt es heute kaum noch Mitarbeiter in den Rechenzentren, die die Programmiersprachen Cobol und Assembler beherrschen, in denen die Großrechner vor 30 bis 40 Jahren programmiert wurden. An den schwarzen Brettern hängen deshalb Telefonlisten längst pensionierter Kollegen, die im Notfall um Rat gefragt werden.
Dass es auch ganz anders geht, hat in den letzten zwei Jahren ausgerechnet die Postbank gezeigt. In einem gewagten Projekt wurde mitten in der Umstellungsphase zur Vorbereitung des Börsengangs die komplette Software für knapp fünf Millionen Konten erneuert. Das hat so gut geklappt, dass inzwischen auch Dresdner Bank und Deutsche Bank beschlossen haben, ihren Zahlungsverkehr von dem neuen Postbank-System abwickeln zu lassen. Der Erfolg war nur möglich, weil IT-Leute und Banker bei uns von Anfang an eng zusammengearbeitet und sich von lieb gewonnenen Vorstellungen getrennt haben, sagt Postbank-Sprecher Hartmut Schlegel.
Lassen sich die Blockaden und Missverständnisse zwischen virtueller IT-Welt und Behördenrealität je überwinden? Aus dem Minibundesland Bremen ist eine kleine Sensation zu vermelden: der Innovationsschub durch E-Government. In Bremen wurde tatsächlich ein Gesetz geändert, um den Bürgern einen Behördengang abzunehmen. Die Meldestelle verlangt nun keine Bescheinigung des Vermieters mehr, und Bremer können sich nach einem Umzug demnächst einfach online ummelden. Der Fortschritt endet allerdings an der Landesgrenze. Wer fünf Kilometer aus der Stadt heraus ins niedersächsische Umland zieht, muss für die Ummeldung weiterhin persönlich aufs Amt. [mehr]
Die meisten Software-Kunden sind belogen worden
Salesforce-Chef Marc Benioff gilt als Paradiesvogel der US-Technologiebranche. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der Unternehmensgründer über die Renaissance des Silicon Valley, die Zukunft von Unternehmenssoftware und seine Verachtung für Produkte von SAP und Microsoft.
Hinweis auf: Spiegel Online 22. Oktober 2004, 12.40 Uhr (nur elektronisch publiziert). [Original]
IT-Großprojekte: Pleiten, Pech und Pannen
Schreckgespenst E-Voting: Schon die US-Präsidentschaftswahlen im Jahr 2000 waren ein Debakel. Bürgerrechtler und Wissenschaftler fürchten, dass die überstürzt eingeführten elektronischen Wahlsysteme alles noch verschlimmern. Welche Gefahren dies im einzelnen sind, berichtet c't in der aktuellen Ausgabe 23/04.
Aus: Heise-Newsticker, 30. Oktober 2004, 17.17 Uhr (IT). [Original]HANNOVER (ku/c't). Paradebeispiel LKW-Maut: Verkehrsminister Manfred Stolpe gibt sich zuversichtlich, zum Jahresbeginn 2005 sollen die Brummis mit satellitenunterstützer Mauterfassung über Deutschlands Straßen rollen. Experten des Bundesverbandes Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) befürchten dagegen, dass der Zeitrahmen schon wieder zu knapp bemessen ist. Es sei illusorisch, die benötigten 500.000 On-Board-Units bis zum Jahreswechsel einzubauen, meint Georg Stecker, Berliner Bürochef der Speditionslobby. Die nächste Panne scheint sich anzubahnen, und den Steuerzahler kostet das Maut- Disaster 3,4 Milliarden Euro jährlich, die dann durch Einsparungen oder Beitragserhöhungen ausgeglichen werden müssen.
Tatort Hartz-IV-Software: 40.000 Verwaltungsleute sollen übers Web auf eine Informix-Datenbank zugreifen und dort die Datensätze von über 3,2 Millionen Langzeitarbeitslosen pflegen. Der Pilottest Mitte Oktober in Berlin hinterließ bei vielen Beteiligten jedoch ein flaues Gefühl in der Magengegend. Die Software strotze vor Fehlern, empörte sich eine Berliner Sozialamtsmitarbeiterin, und in der Not helfe das nur 26 Seiten starke Handbuch kaum weiter. IT-Experten der Berliner Behörden treffen Vorbereitungen, im Notfall die alte Prosoz-Amtssoftware wieder zu installieren.
Am Schlamassel bei Toll Collect und der Hartz-IV- Software A2LL lassen sich gleich mehrere Ursachen für das Scheitern von IT-Großprojekten ablesen, analysiert Stefan Krempel in der aktuellen c't.
Zwei der Gründe: Die Komplexität der Projekte werde unterschätzt, von Ehrgeiz getriebene Überdimensionierung treffe auf ein Verantwortungsvakuum. Nicht umsonst heißen von der öffentlichen Hand vergebene Großprojekte in der Wirtschaft "dummes Geld". Wer trägt die Schuld daran und haben Hartz IV, Gesundheitskarte und LKW-Maut noch eine Chance?
Den Report über die IT-Großprojekte und ihr Scheitern bringt c't in der kommenden Ausgabe (ab Montag, den 1. November 2004, im Handel):
- E-Voting in den USA, c't 23/04, Seite 100.
- Das Casino-Prinzip, Warum IT-Großprojekte scheitern, c't 23/04, Seite 218.
- Was Softwaretechnik leisten kann und was nicht, c't 23/04, Seite 224.
IDC-Studie: Linux ist etabliert
Aus: Heise-Newsticker, 16. Dezember 2004, 12.42 Uhr MEZ (Betriebssysteme). [Original]HANNOVER (anw/c't). "Linux is now mainstream." So lautet ein Fazit der jüngsten Studie der Marktforscher von IDC mit dem Titel The Linux Marketplace, die die Open Source Development Labs (OSDL) in Auftrag gegeben haben. Das Betriebssystem habe sich aus seiner Nische weg bewegt. Zudem werde sich der Umsatz mit Linux- Desktops, -Servern und -Softwarepaketen von derzeit geschätzten 15 Milliarden auf über 35 Milliarden US-Dollar im Jahr 2008 steigern. Das OSDL wurde im Jahr 2000 gegründet, um Linux als festen Bestandteil der IT-Infrastruktur in Unternehmen zu etablieren. Mitglieder sind unter anderem Intel, Hewlett-Packard, NEC, Fujitsu, IBM, Red Hat, Suse, Miracle Linux und Montavista Software.
Studien der Marktforscher von IDC wurden in der Vergangenheit auch von Microsoft hergenommen, um die Nutzer von den Vorteilen seiner Software zu überzeugen, zum Beispiel in der Kampagne Get the facts on Windows and Linux. Nun präsentierte OSDL-CEO Stuart Cohen die nach seiner Meinung "erste verlässliche und umfassende Bestandsaufnahme" darüber, wie die Nutzer mit Linux umgehen. Die Ergebnisse würden selbst optimistische Schätzungen übertreffen.
So hat IDC ermittelt, dass der Markt für Linux-Software bei einer jährlichen durchschnittlichen Steigerungsrate von 44,3 % bis zum Jahr 2008 auf 14 Milliarden US-Dollar anwachsen werde. In dem Jahr sollen dann insgesamt 42,6 Millionen PCs mit dem Betriebssystem laufen. Forrester Research hatte vor kurzem in einer anderen Studie vorausgesagt, dass im Jahr 2010 weltweit 1,3 Milliarden PCs in Gebrauch sein werden.
Die Zahl der Server, die mit Linux als Erst- oder Zweitbetriebssystem laufen, wird laut IDC bis 2008 bei einer jährlichen Steigerungsrate von 24,5 % auf 9,7 Millionen anwachsen, der Markt dann ein Volumen von 11 Milliarden US-Dollar haben. Vor zwei Wochen hatte IDC für den Markt der Linux-Server ein Volumen von etwa 9 Milliarden US-Dollar im Jahr 2008 prognostiziert. Die neuen Zahlen weichen ab, da die Marktforscher nun nicht mehr ausschließlich Server berücksichtigen, auf denen Linux als primäres Betriebssystem läuft.
W3C veröffentlicht "Die Architektur des WWW"
Aus: Heise-Newsticker, 16. Dezember 2004, 14.06 Uhr (Internet). [Original]WASHINGTON? (heb/c't). Das World Wide Web Consortium (W3C) hat nach dreijähriger Arbeit Band 1 der "Architecture of the World Wide Web" veröffentlicht. Das Dokument ist zugleich Bestandsaufnahme und Plan für die Techniken des World Wide Web und für den sinnvollen Umgang damit.
Verfasser ist die W3C Technical Architecture Group (TAG), die sich aus Vertretern der Industrie und des W3C zusammensetzt. Anders als die übrigen "Recommendations" des W3C wendet sich der durch Beispiele aufgelockerte Text an einen breiten Kreis technisch Interessierter. Schwerpunktthemen sind Identifier (URIs) und XML-Datenformate.
Tim Berners-Lee, Leiter des kürzlich 10 Jahre alt gewordenen W3C, sieht das Dokument als Essenz der Erfahrungen der Web-Gemeinde: "Im Architekturdokument betonen [die Autoren], welche Charakteristiken des Webs bewahrt werden müssen, wenn neue Technologie erfunden wird. Sie halten fest, wo die heutigen Systeme nicht gut funktionieren, und zeigen Schwächen auf."
Die TAG trifft sich im Januar und wird dann über weitere Publikationen dieser Reihe beraten.
H I S T O R I S C H E R W E C H S E LWeizenbaum: Die Informationsgesellschaft ist eine Illusion
Aus: Heise-Newsticker, 4. Mai 2005, 12.32 Uhr MESZ (Internet). [Original]PADERBORN. Das Internet ist nach Ansicht des bekannten US-Computerexperten und Philosophen Prof. Joseph Weizenbaum ein "Schrotthaufen" und verführt die Menschen zur Selbstüberschätzung. Weizenbaum, der in den 60er Jahren das Sprachanalyseprogramm ELIZA entwickelte, sprach im Rahmen einer Vortragsreihe beim weltgrößten Computermuseum in Paderborn. Weizenbaum, der sich vom Computerwissenschaftler zum Computerkritiker und folgerichtig zum Kritiker einer Gesellschaft, die solche Computer produziert, entwickelte, erneuerte seine Kritik am Internet: "Das Ganze ist ein riesiger Misthaufen, der Perlen enthält. Aber um Perlen zu finden, muss man die richtigen Fragen stellen. Gerade das können die meisten Menschen nicht." [Ed: denn dazu muß man u. a. auch die Boolesche Algebra (formale Logik) verstanden haben, die allerdings auch allzuoft die Suchmaschinen nicht korrekt beherrschen...].
Weizenbaum sagte weiter: "Wir haben die Illusion, dass wir in einer Informationsgesellschaft leben. Wir haben das Internet, wir haben die Suchmaschine Google, wir haben die Illusion, uns stehe das gesamte Wissen der Menschheit zur Verfügung." Kein Computer könne dem Menschen die eigentliche Information liefern. "Es ist die Arbeit der Interpretation im Kopf, die aus den Zeichen, die Computer anzeigen, eine Information macht. Wir kriegen auch meistens nicht die Zeichen, die wichtig sind für eine Entscheidung." Die wichtigsten menschlichen Errungenschaften seien es, kritisch zu denken und wahrhaft zuzuhören.
Der emeritierte Forscher des Massachusetts Institute of Technology kritisierte auch erneut scharf das frühe Heranführen von Kindern an den Computer: "Computer für Kinder das macht Apfelmus aus Gehirnen." Die Folge sei unter anderem, dass ein Großteil der Studenten nicht mehr kreativ schreiben könne und zum Teil bereits Programmen das Zusammenstellen der Hausarbeit überlasse. "Selbst an den besten Universitäten kann ein Viertel der Studenten nicht schreiben." Weizenbaum sagte weiter: "Das Fernsehen ist die größte kulturelle Katastrophe, die die Erde in der Zeit, an die wir uns erinnern können, erlebt hat." Er ergänzte: "Die höchste Priorität ist es, den Kindern Sprache beizubringen."
Menschen lernten in den Medien eine Handvoll Klischees, die auch in der Politik-Berichterstattung immer wieder aufs Neue auftauchten. Der Mangel an echter Aussage erkläre etwa den knappen Wahlausgang der USA, dessen 50:50-Proporz Ähnlichkeit mit Zufallsexperimenten habe.
[2003: Es gibt Inseln der Vernunft auf dieser Erde] (c't zum 80. Geburtstag von Joseph Weizenbaum)
Apple gibt Deal mit Intel bekannt
Der historische Wechsel ist perfekt: Apple wird seine Macintosh-Computer ab nächstes Jahr mit Prozessoren von weltgrößten Hersteller Intel ausrüsten das Ende einer 21 Jahre langen Ehe mit IBM.
Aus: Spiegel Online 6. Juni 2005, 20.23 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]SAN FRANCISCO. Bis Ende 2007 würden schrittweise alle Macintosh-Computer mit den Halbleitern von Intel bestückt, kündigte Apple-Chef Steve Jobs heute an. Damit bestätigte er bereits seit Wochen kursierende Gerüchte.
"Unser Ziel ist es, den Kunden die besten Personal Computer der Welt anzubieten", sagte Jobs. Intel habe derzeit den leistungsstärksten Entwicklungsplan für seine Computer-Chips. Durch ein spezielles Werkzeug (Developer Kit) sollen Softwarehersteller ihre Programme fit machen können, damit sie sowohl auf Rechnern mit IBMs PowerPC-Chips als auch auf Macs mit Intel-Chips laufen können.
Mit der langjährigen Partnerschaft zwischen Apple und IBM dürfte es damit vorbei sein. Insgesamt 21 Jahre hatte Apple auf Prozessoren von IBM und Motorola gesetzt, um der "Wintel"-Allianz (aus Microsofts Windows und Intel-Chips) Paroli zu bieten.
Wichtigster Grund für den Wechsel dürften bei Apple die größere und bessere Auswahl von Prozessoren sein, sagt Jean-Louis Gassee, Risikokapitalgeber bei Allegis Capital in Palo Alto. Intel bietet vor allem günstigerer Prozessoren an, die außerdem auch weniger Hitze produzieren. Damit sei es Apple möglich, künftig noch kleinere und leichtere Laptops herzustellen, sagte Gassee.
Mit günstigeren Chips könnten Apples Macintosh-Rechner gegenüber Anbietern wie Dell wettbewerbsfähig bleiben. Den Massenmarkt hatte der renommierte Computerbauer und iPod-Hersteller zuletzt mit seinem Mac mini ins Visier genommen, einem Rechner, den Apple erstmals in der Geschichte des Unternehmens für unter 500 Dollar in den Handel brachte.
IBM hatte seit 11 Jahren PowerPC-Prozessoren für Apples Flaggschiff Macintosh geliefert. Nach Informationen des Online-Magazins "Cnet" hatte Apple zuletzt immer wieder Lieferprobleme des Technologiekonzerns beklagt.
Aufruhr gegen Software-Patent
Mittelstand setzt sich gegen geplante EU-Richtlinie zur Wehr / Teurere Computerprogramme und Verlust tausender Arbeitsplätze befürchtet
Aus: Berliner Zeitung, 10. Juni 2005, Seite xx (Wirtschaft). [Original]BERLIN 9. Juni. Eine geplante EU-Richtlinie könnte zum Verlust tausender Arbeitsplätze in Deutschland, erheblichen Preissteigerungen für Computer- Software sowie zur Schließung kompletter Betriebe führen. Das befürchten zumindest mehrere Verbände des deutschen Mittelstands sowie der Informationstechnologie- Industrie. Grund ist der umstrittene Entwurf einer EU-Richtlinie zur Patentierbarkeit "computerimplementierter Erfindungen", der nach dem Willen der Luxemburger Ratspräsidentschaft im Juli das Europäische Parlament passieren soll.
20 Jahre Schutz [Ed: 20 Jahre Monopol!]
Durch das Gesetz würden Computerprogramme einen 20-jährigen Patentschutz erhalten was zu einem Aufruhr in Deutschlands mittelständisch geprägter Software-Industrie geführt hat. Software würde teurer werden, weil viele Anbieter unter dem Druck von Unterlassungsklagen vom Markt verschwinden müssten, erklärt der Chef des Unternehmensverbandes Emcita, Oliver Lorenz. "Damit lässt sich das Wachstum kleinerer Unternehmen zu Konkurrenten von Großkonzernen unterbinden", sagt Lorenz der Berliner Zeitung.Bisher ist der Code von Computerprogrammen per Urheberrecht geschützt. Kupfert jemand Programmzeilen ab, macht er sich zahlungspflichtig. Programmierer können aber die gleiche funktionale Aufgabe mit selbst entwickelten Programmen lösen, ohne damit fremde Rechte zu verletzen. Das soll nun anders werden.
Nach Recherchen des Fördervereins für eine freie informationelle Infrastruktur (FFII) hat das Europäische Patentamt in München trotz fehlender rechtlicher Grundlage bereits rund 30.000 Software- Patente vergeben. Die meisten dieser Schutzrechte wurden von amerikanischen oder asiatischen Konzernen wie Microsoft, IBM oder Sony beantragt. Mit den Patenten werden anders als beim Urheberrecht keine einzelnen Programmzeilen geschützt, sondern komplette Verfahrensabläufe. So hat sich der US-Online- Händler Amazon eine Methode zum Einkauf per Internet patentieren lassen. IBM wiederum ließ sich das Verschieben von grafischen Objekten zwischen zwei Fenstern auf dem Computerbildschirm ("drag and drop") schützen Beispiele, die der Hamburger Unternehmer und Chef einer Initiative gegen Software-Patente, Johannes Sommer, als Trivialpatente bezeichnet. Bisher seien solche Schutzrechte juristisch in Europa kaum durchsetzbar. Das, befürchtet Sommer, könnte sich nun ändern.
Dann könnten US-Verhältnisse in Deutschland Einzug halten, erwarten auch Vertreter des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft. In Amerika kontrollieren kapitalkräftige Konzerne den Markt. Durch angehäufte Patentrechte ließen sich dort missliebige kleinere Wettbewerber ebenso wie die freie Softwareszene rund um das Betriebssystem Linux in Schach halten, so Sommer. Statt für Innovationen sorgten die Patente nur dafür, dass Firmen juristische Besitzstände aufbauten.
Einzelne Firmen scheinen sich sogar auf Abmahnungen zu spezialisieren. So beansprucht das Unternehmen Forgent ein Patent für sich, das angeblich Bestandteile des Bildkompressionsverfahrens JPEG beschreibt und sich zur Goldgrube entwickelte: JPEG ist eines der gebräuchlichsten Bilddaten-Formate. Forgent kassierte Millionen US-Dollar von verängstigten Software-Herstellern.
Dass solche Methoden in Europa Anwendung finden, hat das EU-Parlament bislang verhindert. Es wies 2003 einen ersten Richtlinien- Entwurf zurück. Nun macht der Rat den zweiten Anlauf im Parlament Ausgang ungewiss. [mehr]
Uhr aus elektronischem Papier
Aus: Heise-Newsticker, 19. Juni 2005, 15.42 Uhr MESZ (Innovatives). [Original]USA/JAPAN (cm/c't). Eine erste praktische Anwendung des "elektronischen Papiers" präsentiert der japanische Uhrenhersteller Citizen: Die gebogene Citizen-Digitaluhr soll noch in diesem Jahr auf den (japanischen) Markt kommen. Offenbar hat der Hersteller des elektronischen Papiers, das amerikanische Technologie-Unternehmen E Ink, inzwischen die Lebensdauer-Probleme seiner Tinten im Griff; bislang zeigten die organischen Materialien bereits nach Monaten erste Zerfallserscheinungen und reagierten allergisch auf Umwelteinflüsse, wie etwa eine zu hohe Luftfeuchtigkeit.
Dabei bietet das elektronische Papier (EPD = Electronic Paper Display) gegenüber herkömmlichen Displays enorme Vorteile: Man kann es in jede gewünschte Form bringen, es weist einen extrem hohen, winkelunabhängigen Kontrast auf und speichert die Bildinformation auch ohne angelegte Spannung. Das Material besteht aus einer 0,3 Millimeter dünnen Folie, in deren Mitte sich die so genannte elektronische Tinte befindet mit unterschiedlich "gepolten" schwarzen und weißen Pigmenten gefüllte Mikrokapseln, im Durchmesser etwa so groß wie der Querschnitt eines menschlichen Haares. Legt man eine Spannung an die transparenten Elektroden auf Ober- und Unterseite der Folie an, richten sich die Pigmente ähnlich wie Flüssigkristalle im elektrischen Feld aus. Die Ausrichtung bleibt im Unterschied zu letzteren aber nach Abschalten der Spannung bestehen. Die Mikrokapsel-Tinte soll im Siebdruckverfahren auf fast jedes Material und jede Oberfläche aufgetragen werden können, ebenso die im wahrsten Sinne des Wortes "gedruckte Schaltung" der Elektroden.
S C H E I T E R N D E R S O F T W A R E P A T E N T EDie Patentrichtlinie wackelt
Am Mittwoch [6.7.2005] steht die Abstimmung über die umstrittene Softwarepatentrichtlinie im Europäischen Parlament an. Begleitet von Protesten von Gegnern des Vorschlags scheint sich die Stimmung auch im EU-Parlament zu drehen: Quer durch die Parteien mehren sich die Stimmen der Kritiker.
Aus: Spiegel Online 5. Juli 2005, 18.04 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]STRAßBURG. Die umstrittene Patentierung von Software in der Europäischen Union steht auf der Kippe. Die Fraktion der konservativen EVP tendierte unmittelbar vor der entscheidenden Abstimmung am Mittwoch in Straßburg dazu, die auf dem Tisch liegende Vorlage abzulehnen. Auch Grüne und Sozialdemokraten neigten in diese Richtung, wie es in den Fraktionen am Dienstag [6.7.2005] hieß.
"Die Emotionen sind derzeit so aufgeladen, dass keine rationale Entscheidung möglich ist", hieß es bei der EVP. Der deutsche CDU-Abgeordnete Klaus-Heiner Lehne und seine finnische Kollegin Piia-Noora Kauppi wollten der Fraktion deshalb am Dienstagabend vorschlagen, gegen die gesamte Vorlage zu stimmen.
Die EU-Kommission solle dann einen neuen Vorschlag erarbeiten. Die EVP strebe im Gegensatz zur jetzigen Vorlage an, dass urheberrechtliche Bestimmungen für Software in das seit Jahren geplante EU-Gemeinschaftspatent aufgenommen würden. Das Gemeinschaftspaten liegt derzeit aber auf Eis.
Bei der SPE hieß es, es sei zwar noch nichts entschieden. Die Stimmung gehe aber "in die Richtung der Zurückweisung". Auch die Sozialdemokraten wollten am Abend über ihr Abstimmungsverhalten beraten. Die Grünen erklärten, sie wollten 21 Änderungsvorschläge am vorliegenden Entwurf durchsetzen, um die Rechte von kleineren und mittleren Unternehmen zu sichern. "Das wäre die beste Lösung", sagte Sprecher Helmut Weixler. Er räumte ein, dass Änderungen aber nur schwer durchzusetzen seien, weshalb die Grünen als zweitbeste Lösung die komplette Ablehnung der Vorlage unterstützten.
Die Grünen wollen eine "klare Trennungslinie zwischen Technik und Software ziehen und so jede Möglichkeit von Softwarepatenten ausschließen". Konkret patentiert werden würden dann nur computer-implementierte Innovationen, wie Anwendungen etwa für Autos, Mobiltelefone oder Waschmaschinen, nicht aber die Software selbst. Befürchtet wird, dass mit der derzeit auf dem Tisch liegenden Vorlage ein generelles Software-Patent eingeführt werden könnte.
Ein solches Vorgehen befürworten vor allem die größeren Konzerne der Branche. Freie Software-Entwickler befürchten aber, dass sie nach der Patentierung selbst einfachster Software-Bausteine wie der Darstellung eines "Fortschrittsbalkens" mit finanziellen Ansprüchen von Patentinhabern überhäuft werden. Am Rande der Plenarsitzung kam es am Dienstag deshalb zu Protesten. [Ergebnis: Das EU-Gesetz scheiterte am 6. Juli 2005 im Parlament.]
Erfolg der Bürger Europas
Die Ablehnung des Richtlinienvorschlags zu Softwarepatenten ging zuletzt quer durch alle Parteien des Europaparlaments. In ersten Reaktionen aus Politik und Industrie überwiegt die Freude: Die Gegner der Richtlinie feiern, die Befürworter schweigen düpiert.
Aus: Spiegel Online 6. Juli 2005, 16.46 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]Katja Husen, Mitglied im Bundesvorstand und Reinhard Bütikofer, Vorsitzender von Bündnis 90 / Die Grünen:
"Auch wenn es stimmt, dass keine Richtlinie besser ist als eine schlechte, so besteht kein Grund zum Feiern. Die Kehrtwende der Konservativen und Liberalen zeigt immerhin, dass die beharrliche Kritik an der geplanten Richtlinie Wirkung gezeigt hat. Konservative und Liberale sahen sich gezwungen, darauf zu reagieren.
Aber nationale Patentämter und das europäische Patentamt haben entgegen dem Europäischen Patentübereinkommen bereits Tausende Softwarepatente erteilt, darunter zahlreiche sogenannte Trivialpatente. Auch wenn diese jetzt erst mal nicht durchgesetzt werden können diese Zeitbombe wurde nicht entschärft, sondern tickt weiter! Jetzt muss dringend eine Evaluierung der Erteilungspraxis der Patentämter in die Wege geleitet werden, um die Erteilung neuer und die Durchsetzung alter Softwarepatente einheitlich in Europa zu verhindern."
Jörg Tauss, medienpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, in einer Mail an SPIEGEL ONLINE:
"Die Ablehnung der Richtlinie ist ein großer Tag für den Parlamentarismus. Lobbyisten, Microsoft & Co und Patent- Beamte sind mit ihrem Versuch eines kompromisslosen Durchmarsches kläglich gescheitert. Die überparteiliche gemeinsame Initiative des Deutschen Bundestags mit einer Beratung unsicherer EU-Parlamentarier bis in die letzten Tage hinein bedeutet zugleich auch ein völlig neue Form parlamentarischer Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg.
Der vielgescholtene Parlamentarismus hat einen Sieg errungen gemeinsam mit der mittelständischen europäischen Softwareindustrie."
Matthias Wissmann (CDU), Vorsitzender des Europaausschusses des Deutschen Bundestages:
"Allen mittelständischen Unternehmen, die innerhalb der EU Handel treiben mit Elektronik in Maschinen, Autos und Mobilfunkgeräten kann heute ein Stein vom Herzen fallen."
Alexander Alvaro (FDP), innenpolitischer Sprecher der Liberalen im Europaparlament:
"Bevor eine unüberschaubare Flut von Änderungsanträgen die Richtlinie verwässert hätte, ist es besser, keine Richtlinie als eine schlechte zu haben. Statt Klarheit hätten wir Verwirrung gestiftet und womöglich das Gegenteil von dem erzielt, was wir ursprünglich wollten: Rechtssicherheit für die Bürger."
Mark MacGann, Sprecher des Dachverbandes der europäischen High-Tech-Industrie EICTA:
"Dies ist eine kluge Entscheidung. Damit wird eine Gesetzgebung verhindert, welche die Patentierbarkeit in Europa möglicherweise zu Lasten der Industrie eingeschränkt hätte. Das Parlament hat sich heute für den Status Quo entschieden, der den Interessen unserer 10.000 Mitgliedsunternehmen bisher gut gedient hat.
EICTA wird auch weiterhin europaweit darauf aufmerksam machen, welchen wichtigen Beitrag Patente auf computer-implementierte Erfindungen für Forschung, Innovation und die europäische Wettbewerbsfähigkeit haben."
Oliver Moldenhauer, Sprecher von Attac:
"Für Europa ist die Entscheidung von Straßburg ein guter Tag. Die Bürger Europas haben einen wichtigen Erfolg gegen Softwaremonopole errungen. Trotz massivem Lobbyeinsatz der Softwaregiganten konnte sich diesmal die Partikularinteressen der Großindustrie nicht durchsetzen.
Allerdings ist die Ablehnung der Richtlinie nur die zweitbeste Lösung. Besser wäre ein Beschluss des Parlamentes gewesen, die Richtlinie so zu ändern, dass Softwarepatente effektiv ausgeschlossen werden. Die aktuelle rechtswidrige Patentierungspraxis des Europäischen Patentamtes muss gestoppt werden entweder durch die nationalen Gerichte oder durch eine neue Richtlinie."
Gegenstimmen
Heinz-Paul Bonn, Vizepräsident des Branchenverbandes Bitkom:"Damit wurde die große Chance vertan, die unterschiedlichen Regelungen in den 25 Ländern zu harmonisieren. Es ist ein Trauerspiel, dass in der hitzigen Diskussion zwischen strikten Gegnern und Befürwortern eine ausgewogene rechtliche Einigung nicht mehr möglich war. Mehr als drei Jahre Arbeit sind somit vergebens gewesen."
Der Bitkom zieht allerdings die kategorische Ablehnung des Richtlinienentwurfes einer "Einschränkung des bestehenden Patenschutzes, wie sie durch zahlreiche Änderungsvorschläge bezweckt worden war", vor.
Heinz-Paul Bonn: "Wäre die Richtlinie mit diesen Änderungen durchgesetzt worden, hätte dies der gesamten Industrie schwer geschadet."
Der Branchenverband, in dem auch die großen Konzerne vertreten sind, bleibt damit bei seiner Befürwortung von Softwarepatenten. Diese lägen durchaus auch im Interesse mittelgroßer Unternehmen: "Zudem können sich gerade Mittelständler mit Hilfe von Patenten besser gegenüber größeren Konkurrenten abgrenzen und ihre Produkte leichter vermarkten."
T E X T G E N E R A T O RDFG legt Studie zu Open Access vor
Aus: Heise-Newsticker, 23. Juli 2005, 14.47 Uhr MESZ (Wiss. Publikationen). [Original]KÖLN (bo/c't). Die Verbreitung von Forschungsergebnissen über spezielle, für den Nutzer kostenlos zugängliche Plattformen im Internet (Open Access) wird von einem Großteil der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aller Fachbereiche befürwortet. Trotzdem hat bisher nur etwa jeder Zehnte von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, eigene Beiträge im Open Access verfügbar zu machen. Dies zeigt eine Umfrage zum Publikations- und Rezeptionsverhalten von Wissenschaftlern, deren Ergebnisse die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) jetzt veröffentlichte. Die Studie (PDF) liefert aufschlussreiche Einblicke in einen bislang zwar viel diskutierten, aber kaum mit Daten belegten Wandel auf dem Publikationsmarkt.
Open Access soll den wissenschaftlichen Austausch innerhalb der Scientific Community erleichtern. Da frei zugängliche Publikationen häufiger zitiert werden, steigert Open Access die Sichtbarkeit der Forschungsergebnisse und kann somit das Renommee der Wissenschaftler deutlich erhöhen. Mit der Unterzeichnung der "Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen" hatte sich die DFG bereits am 22. Oktober 2003 verpflichtet, den freien Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen im Internet maßgeblich zu unterstützen und zu propagieren.
An der Befragung hatten über 1000 von der DFG geförderte Wissenschaftler aller Fachrichtungen teilgenommen. Dabei sprach sich der wissenschaftliche Nachwuchs in den Natur-, Lebens- und Ingenieurwissenschaften in etwas stärkerem Maße für eine Förderung von Open-Access-Publikationen aus als ältere Wissenschaftler. Bei Geistes- und Sozialwissenschaftlern war es genau umgekehrt. Vor allem die Sekundärpublikation bereits in renommierten Fachzeitschriften erschienener wissenschaftlicher Beiträge im Open Access, das so genannte self-archiving, wurde überaus positiv bewertet. Dazu eignen sich nach Meinung der Befragten fächerspezifische Server am besten. Bedenken äußerten Wissenschaftler in Bezug auf den Stellenwert von Open-Access-Publikationen in Fachkreisen und hinsichtlich der langfristigen Verfügbarkeit elektronischer Veröffentlichungen. Diese Bedenken werden jedoch in dem Maße geringer, in dem Wissenschaftler über eigene Erfahrungen mit Online-Publikationen verfügen.
In der Studie wurden für das Open-Access-Konzept drei wesentliche Ausprägungen unterschieden: Open-Access-Zeitschriftenartikel, elektronische "Postprints" und elektronische "Preprints". Open-Access-Zeitschriften in ihrem Fach zu kennen, gaben insgesamt knapp vier von zehn Befragten an. Dabei bildeten die Ingenieurwissenschaften das Schlußlicht, denn nur jedem vierten aus diesem Wissenschaftsbereich war die Existenz von Open-Access-Zeitschriften überhaupt bekannt. Preprint-Server kannte jeder zweite befragte Naturwissenschaftler, gut jeder vierte Geistes- und Sozialwissenschaftler, jeder fünfte Ingenieurwissenschaftler und nur jeder zehnte Lebenswissenschaftler.
Noch geringer als der Bekanntheitsgrad der verschiedenen Publikationsformen ist die Zahl der eigenen Open-Access-Veröffentlichungen. Nur jeder zehnte Befragte hatte bereits mindestens einen Aufsatz in Open-Access-Zeitschriften publiziert. Knapp jeder siebte publiziert aber bereits Vorabergebnisse seiner Forschung als "Preprints". Auch dabei schwankt der Anteil in den einzelnen Wissenschaftsbereichen: 35 Prozent der Naturwissenschaftler, aber nur 8 Prozent der Geistes- und Sozialwissenschaftler machen von dieser Möglichkeit Gebrauch. Häufiger wird die Möglichkeit einer Zweitveröffentlichung verfolgt. So hat unter den Befragten jeder vierte mindestens einen Zeitschriftenaufsatz, der zunächst in einem Print-Journal erschien, der breiten Öffentlichkeit durch eine im Internet unentgeltlich zugängliche Archivkopie verfügbar gemacht.
Insgesamt zeigte sich in der Umfrage eine deutliche Unterstützung für das Open-Access-Konzept. Gut zwei Drittel der Befragten sehen darin einen Beitrag zur Verbesserung des Zugangs zu wissenschaftlichen Erkenntnissen; etwa der gleiche Anteil glaubt, dass sich die Publikationslandschaft durch Open Access nachhaltig verändern wird.
Mit Nonsens-Paper zur Fachtagung
Drei Studenten haben eine seriöse Wissenschaftskonferenz vorgeführt. Sie bewarben sich mit einem Artikel, den eine Software automatisch generiert hatte und wurden als Referenten akzeptiert. Jetzt haben sie ihren Auftritt auf Video dokumentiert.
Aus: Spiegel Online 25. Juli 2005, 12.45 Uhr MEZ (nur elektronisch publiziert). [Original]Mit der künstlichen Intelligenz ist das so eine Sache. Computer können zwar Unmengen Daten speichern und wahnsinnig schnell rechnen, an manchen intellektuellen Aufgaben scheitern sie jedoch nach wie vor kläglich. So zu tun, als seien sie intelligent das beherrschen Computer aber mittlerweile ganz gut.
Das wussten auch Jeremy Stribling, Max Krohn und Dan Aguayo, drei Informatik-Studenten am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT), als sie eine Software zum Generieren wissenschaftlicher Artikel entwickelten. Kein völlig aussichtsloses Unterfangen in vielen Publikationen wird zu den immer gleichen Schlagwörtern und Phrasen gegriffen. Lange, mitunter holprige Sätze gelten als Ausweis von Seriosität.
Es kann doch nicht so schwierig sein, den Sound solcher Texte zu imitieren, sagten sich die drei, und entwickelten SCIgen, eine Software zum automatischen Erzeugen von Nonsens-Texten, die irgendwie nach einem wissenschaftlichen Erguss klingen Abbildungen und lange Literaturliste inklusive.
In dem Text geht es um Informatikthemen, klar, da kennen sich die MIT-Studenten besonders gut aus. Auf der Homepage des Projekts kann jeder SCIgen selbst ausprobieren: Einfach einige Namen in das Webformular eintragen, den "Generate"-Button drücken und fertig ist das Informatik-Paper.
Anfang des Jahres reichten die drei zwei ihrer Nonsens-Texte zur Prüfung für die 9. World Multi-Conference on Systemics, Cybernetics and Informatics ein. Einer trägt den bizarren Titel: "Rooter: A Methodology for the Typical Unification of Access Points and Redundancy".
Dass es sich um eine unsinnige Arbeit handelt, ist offensichtlich. Doch die Arbeit wurde prompt akzeptiert, am 13. April bekamen die Spaß-Wissenschaftler eine Bestätigung per E-Mail, dass die Arbeit "non-reviewed", also ungeprüft, angenommen wurde. Unterzeichnet wurde die Nachricht von Professor Nagib Callaos.
Doch der Streich von Stribling, Krohn und Aguayo blieb nicht geheim, auf Slashdot wurde bereits am selben Tag, dem 13. April, über die Geschichte berichtet. So bekamen auch die Organisatoren der IT-Konferenz Wind von der Sache und zogen die Zulassung des Papers einen Tag später zurück. Er schäme sich nicht für den Fauxpas, schrieb Professor Callaos in einer E-Mail. Unter dem hohen Zeitdruck sei es bei Konferenzen üblich, dass ein gewisser Teil der eingereichten Arbeiten ungeprüft angenommen werde. Der Joke-Artikel sei 3 Wissenschaftlern zugesandt worden, diese hätten sich jedoch nicht rechtzeitig dazu geäußert.
Damit ist die Geschichte aber noch nicht zu Ende: Ermutigt von dem Anfangserfolg wollten die drei MIT-Studenten ihr Projekt weiter durchziehen und meldeten sich auf eigene Kosten zur Konferenz an, die vom 10. bis 13. Juli in Orlando (Florida) stattfand. Die Organisatoren nahmen die Anmeldung jedoch nicht an.
Schließlich sammelten Stribling, Krohn und Aguayo Spenden im Web zusammen, um sich im Konferenzhotel einen Raum zu mieten, um ihren Vortrag unabhängig vom offiziellen Programm halten zu können. Binnen 3 Tagen kamen 2400 US-Dollar zusammen das reichte sogar für ein kleines Imbissangebot, wie das jetzt veröffentlichte Video der drei Studenten zeigt.
Ihr Auftritt geriet trotzdem zum Desaster: In den gemieteten Konferenzraum verirrte sich offenbar nur ein Zuhörer, der sich die Vorträge mit zufällig generiertem Präsentationsinhalt anhören wollte. Einer der Studenten hatte sich extra als Albert Einstein verkleidet.
Auf der Rückfahrt sagte einer der drei resigniert: "Wir müssen unser Projekt noch mal neu überdenken." Es habe sich herausgestellt, dass der Markt für zufällig generierte "Paper" doch noch nicht so weit sei. "Die Leute wollen vielleicht doch etwas mit Substanz hören."
Könnte stimmen.
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