Schlangen (Lippe)   —  Die Burgruine in Kohlstädt khd
Stand:  3.1.2008   (10. Ed.)  –  File: Heimat/Sch/Ex/Burg_in_Kohlstaedt.html



Schlangen Diese Seite ist Teil eines Schlangen-Reports. Schlangen war ein armes kleines Dorf im Lippischen, das hauptsächlich von der Landwirtschaft am Südwest- Hang des Teutoburger Waldes (Osning) und des Egge-Gebirges lebte. Heute (2007) ist es eine dörfliche Kleinstadt.

   
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Auf dieser Seite erfolgt der ‚Reprint‘ eines interessanten Artikels aus einem alten „Gemeindeboten“ von 1957 über ein markantes Bauwerk im heute zu Schlangen gehörenden Ortsteil Kohlstädt.

Dem ‚Nachdruck‘ zugefügt wurden hier 2 neuere Farbfotos, die dem ‚Flyer‘ des „Naturparks Eggegebirge und südlicher Teutoburger Wald“ vom Dezember 2002 entnommen wurden. Mit [Ed: ...] sind im Artikel aktuelle Hinweise notiert. [Translation-Service]


Kohlstädt — Was hat es mit der alten Ruine aufsich?


Kohlstädt -- Alte Burg-Ruine (Rückseite um 2000)
^   Die Mauerreste der alten Burgruine in Kohlstädt (Rückseite um 2000). Sie sind der Rest einer um 1000 n. Chr. gebauten Kleinen Herrenburg an der Paßstraße über die Egge. Wissenschaftler vermuten heute, daß diese von den Schwalenberger Grafen, den Schutzvögten des Kloster Corvey, erbaut wurde. Die Burg wurde Ende des 14. Jahrhunderts aufgegeben und verfiel dann.   (Repro aus *: 2007 – khd-research)


Die alte Ruine in Kohlstädt


VON

LEO NEBELSIEK

MIT 3 ABBILDUNGEN.


Aus: Der Gemeindebote – Nr. 7, 20. Dezember 1957, Seite 10–11 + 14–16 (Schlangen/Lippe). Links sind redaktionell zugefügt worden.

      Am Westausgang des Dorfes Kohlstädt erhebt sich hart neben der [alten] Bundesstraße 1 ein altersgraues Gemäuer, zum Teil verdeckt von den Wipfeln dunkler Fichten. In diesem eigenartigen Steinhaufen sahen die einen die Reste eines alten Kalkofens, andere deuteten ihn als Eisenschmelze oder als „Heidenkirche“, endlich wollte man hier den Turm der Veleda, einer germanischen Priesterin [Seherin], gefunden haben, von der uns römische Schriftsteller [Ed: u. a. Tacitus] berichten, daß sie um das Jahr 70 nach Christi Geburt „in einem Turm an der Lippe“ gewohnt habe.

Kohlstädt -- Alte Ruine (Straßenseite 1957)      
^   Die alte Ruine in Kohlstädt (Straßenseite 1957).   (Repro: 2004 – khd)
      Um diesen – teils phantastischen – Spekulationen zu begegnen, um Charakter und Alter des Bauwerks zu ergründen, wurde im Jahr 1932 von dem Naturwissenschaftlichen und Historischen Verein für das Land Lippe eine Ausgrabung in die Wege geleitet, die – um es gleich vorweg zu sagen – das jahrhundertelang gehütete Geheimnis des alten Bauwerks mit hinreichender Deutlichkeit gelüftet hat [1].

      Beim Wegräumen der erheblichen Schuttmassen zeigten sich die Reste eines gewaltigen Turmes und eines dazugehörenden Wohnhauses. Der im Nordosten, dem Dorfe zu gelegene Turm ist auf annähernd quadratischer Grundfläche mit einer Seitenlänge von 12 m erbaut. Die Mauern haben die ungewöhnliche Dicke von 2,40 m. Die auf dem kiesigen Untergrund liegenden Fundamente sind durch 2 bis 3 Bankette verstärkt, so daß der Mauerfuß stellenweise eine Breite von über 4 m erreicht. Dieser Befund sowie die gewaltigen Schuttmassen, die das Turminnere füllten, sind ein Beweis dafür, daß der Turm mehrere Geschosse hatte.

      Kohlstädt -- Alte Ruine (Rückseite 1932)
^   Die alte Ruine in Kohlstädt (Wiesenseite 1932).   (Repro: 2004 – khd)
      Bei der Ausgrabung ergab sich, daß die Erbauer das Innere ihres Turmes bis zu einer Höhe von 3,40 m über der Mauersohle mit einem Gemisch von Kies, Lehm, Steinbrocken und Tuffkalk angefüllt hatten. Auf dieser Füllung lag eine sorgfältig geglättete Lehmtenne, offensichtlich der Fußboden des unteren Turmgeschosses. Dieser Raum hatte als Decke ein mächtiges Kreuzgewölbe, das zwar jetzt eingestürzt, dessen Ansatz aber an der Turmwand noch deutlich festzustellen war. Das Gewölbe erhielt sein Licht durch schmale, nur 15 cm breite und 1 m hohe Mauerschlitze, die gegebenenfalls auch als Schießscharten dienen konnten. An der Straßenseite des Turmes waren noch zwei dieser Scharten in Resten vorhanden, sie liegen 6 m über dem Fundament.

      Als Eingang wird der Turm – wie andere seiner Art – eine kleine Tür gehabt haben, die an der Bachseite in das erste Obergeschoß führte und nur über eine Leiter zu erreichen war. Bei Gefahr wurde die Leiter von den Verteidigern hochgezogen. Das erwähnte Gewölbe hatte von außen keinen Zugang; es war nur von dem ersten Obergeschoß her durch eine in der Westwand des Turmes liegende Wendeltreppe zugänglich.

      Nach Westen schließt sich an den Turm – von diesem durch einen schmalen „Gang“ getrennt – ein 17 m langes und 12 m breites Gebäude an, das durch eine Querwand in zwei Räume unterteilt war. Der größere Raum hatte in einer Ecke eine sorgfältig hergerichtete Feuerstelle und an der Trennwand eine rundliche, etwas erhöhte Plattform mit einem Durchmesser von 3,50 m. Sie diente, mit Teppichen belegt, als Sitzplatz für die Frauen und bevorzugten Gäste. Das kleinere Gemach konnte wegen der hier lagernden gewaltigen Schuttmassen nicht ausgeräumt werden; die Menge dieser Schuttmassen legt jedoch die Vermutung nahe, daß das Gebäude auch ein Obergeschoß hatte.

      Kohlstädt -- Grundriß und Rekonstruktion der Burg
^   Die alte Ruine: Grundriß, senkrechter Schnitt und Rekonstruktion.   (Repro: 2004 – khd)


      Durch die vorbeifließende Strothe ist die Nordseite des Turmes unterspült und endlich zum Einsturz gebracht worden; das Fundament des Nebengebäudes liegt heute zum Teil unter der nördlich sich anschließenden Kunstwiese; es konnte jedoch durch mehrere Querschnitte auch an dieser Stelle einwandfrei nachgewiesen werden.

      Die Ausgrabungen [von 1932] haben klargelegt, daß es sich bei der alten Ruine in Kohlstädt um eine Burganlage handelt, bestehend aus dem festen Wehrturm und einem danebenliegenden Wohnhaus. Hier hielt man sich in ruhigen Zeiten auf; bei Gefahr aber zog man sich in den Turm, die eigentliche Burg, zurück.

      Nach den erhaltenen Bauteilen und den geborgenen Scherben von Tongeschirr muß die Burg um das Jahr 1000 nach Christi Geburt erbaut worden sein. Der Burgcharakter der Ruine wird auch aufs beste bestätigt durch einige im Detmolder Staatsarchiv liegende Urkunden. In dem ältesten Salbuch der Bauernschaft Kohlstädt aus dem Jahre 1645, wo der Zehnte aufgeführt wird, den die Kolonate Nr. 4 (Horst Churdt), Nr. 3 (Hans Vollmar), Nr. 2 (Bernd Moller) und Nr. 6 (Heinrich Nagel) an den Dom in Paderborn zu zahlen hatten, werden u. a. verschiedene Flurnamen aufgeführt, die uns hier interessieren.

      So heißt es bei Horst Churdt „an der Borgesgrund 1 1/2 Morgen“, bei Hans Vollmar „... Borglenderei 50 Morgen“, weiter „ein Camp der rove Camp genandt bei der altten Burg 1/2 Morgen“ und endlich „an der Borgesgrundt 7 Morgen“. Auch bei mehren nicht zehntpflichtigen Kolonaten finden sich unter den Flurnamen Hinweise auf eine alte Burg. So bei Burges Blasekate (Nr. 5) „bei der altten Burg 1/2 Morgen der Custercamp genandt“, bei Hans Althoff „in der Burgesgrunde bei Vollmarn 2 Morgen“ und bei Hans Roleff (Nr. 24) „Lenderei uff der Burgesgrundt 1 1/2 Morgen“.

      Kohlstädt -- Burgruine um 2000
^   Burgruine Kohlstädt an der alten B 1 um 2000.   (Repro aus *: 2007 – khd-research)
      Im Ausgang des 30jährigen Krieges war demnach die Kenntnis von einer alten Burg in Kohlstädt noch sehr lebendig. Im nächsten Salbuch von 1721 liest man nichts von einer alten Burg, sondern von einer „alten Kirche“. Offensichtlich hatte das Stift Paderborn, dem die Herrschaft Kohlstädt übertragen worden war, die Burg zeitweilig auch für kirchliche Zwecke eingerichtet. Im Salbuch von 1782 heißt es dann wieder „die alte Burg“ und 1831 „die alte Ruine“.

      Fassen wir die Ergebnisse der Ausgrabung und die archivalischen Zeugnisse zusammen, so ergibt sich, daß die Kohlstädter Feste als sog. Kleine Herrenburg zu Anfang des 11. Jahrhunderts entstanden ist; sie diente einer edlen Familie als Wohnsitz und hatte zugleich die Aufgabe, die wichtige Paßstraße über die Egge zu überwachen. Sie ist ein typisches Beispiel für jene Gruppe von kleinen Wohnburgen des frühen Mittelalters, die nach fränkisch-normannischem Muster erbaut wurden; das Kernstück dieser Anlagen ist stets ein gewaltiger Wehrturm. Die Burgen nach sächsischem Muster dagegen haben eine mächtige Ringmauer, die alle Gebäude der Burg umschließt [2].

      Zum Schluß sei noch von einer „Ausgrabung“ in unserer Ruine erzählt, die mit einem gerichtlichen Nachspiel endete. Die Phantasie der Zeitgenossen war schon vor Jahrhunderten durch das rätselhafte Bauwerk auf das lebhafteste bewegt. Sollten unter den Trümmern nicht vielleicht unermeßliche Schätze begraben liegen, so fragte man sich. Als dann im Jahre 1703 eine Frau aus Kohlstädt in der Ruine einen Mistelzweig fand (nach damaliger Auffassung die beste Wünschelrute zum Auffinden von Schätzen) und zudem von einer aus den Trümmern plötzlich auftauchenden zwergenhaften Mönchgestalt bedroht wurde, da stand es fest: Der Schatz war da, wie es hieß: „ein Braukessel voll Goldstücke“!

      Und bald brachte die Frau einige beherzte Männer zusammen, die im Dunkeln der Nacht mit Hacke und Schaufel daran gingen, den Schatz zu heben. Aber trotz dreimaligem Versuchs blieb die Ausgrabung ergebnislos. Statt Reichtümer zu erwerben, wurden die Schatzgräber von dem gräflichen Amtsverwalter in Horn vor Gericht gezogen und zu empfindlichen Geldstrafen verurteilt, die Anstifterin aber wurde gefänglich zu Wasser und Brot gesetzt und mußte zudem „an einem Sonntag und Montag“ einige Stunden am Pranger stehen. So geschehen in Kohlstädt vor rund 250 Jahren [3].



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