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Die Mauerreste der alten Burgruine in Kohlstädt (Rückseite um 2000). Sie sind der Rest einer um
1000 n. Chr. gebauten Kleinen Herrenburg an der Paßstraße über die Egge.
Wissenschaftler vermuten heute, daß diese von den Schwalenberger Grafen, den Schutzvögten des
Kloster Corvey, erbaut wurde. Die Burg
wurde Ende des 14. Jahrhunderts aufgegeben und verfiel dann.
(Repro aus : 2007 khd-research) |
Die alte Ruine in Kohlstädt
VON
LEO NEBELSIEK
MIT 3 ABBILDUNGEN.
Aus: Der Gemeindebote Nr. 7,
20. Dezember 1957, Seite 1011 + 1416 (Schlangen/Lippe). Links sind redaktionell
zugefügt worden.
Am Westausgang des Dorfes Kohlstädt erhebt sich hart neben der [alten] Bundesstraße 1 ein
altersgraues Gemäuer, zum Teil verdeckt von den Wipfeln dunkler Fichten. In diesem eigenartigen
Steinhaufen sahen die einen die Reste eines alten Kalkofens, andere deuteten ihn als Eisenschmelze oder
als Heidenkirche, endlich wollte man hier den Turm der
Veleda, einer
germanischen Priesterin [Seherin], gefunden haben, von der uns römische Schriftsteller
[Ed: u. a.
Tacitus] berichten,
daß sie um das Jahr 70 nach Christi Geburt in einem Turm an der Lippe gewohnt habe.
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Die alte Ruine in Kohlstädt (Straßenseite 1957).
(Repro: 2004 khd) |
Um diesen teils phantastischen Spekulationen zu begegnen, um Charakter und Alter des
Bauwerks zu ergründen, wurde im Jahr 1932 von dem Naturwissenschaftlichen und Historischen Verein
für das Land Lippe eine Ausgrabung in die Wege geleitet, die um es gleich vorweg zu sagen
das jahrhundertelang gehütete Geheimnis des alten Bauwerks mit hinreichender Deutlichkeit
gelüftet hat [
1].
Beim Wegräumen der erheblichen Schuttmassen zeigten sich die Reste eines gewaltigen Turmes und eines
dazugehörenden Wohnhauses. Der im Nordosten, dem Dorfe zu gelegene Turm ist auf annähernd
quadratischer Grundfläche mit einer Seitenlänge von 12 m erbaut. Die Mauern haben die
ungewöhnliche Dicke von 2,40 m. Die auf dem kiesigen Untergrund liegenden Fundamente sind durch 2
bis 3 Bankette verstärkt, so daß der Mauerfuß stellenweise eine Breite von über 4 m
erreicht. Dieser Befund sowie die gewaltigen Schuttmassen, die das Turminnere füllten, sind ein
Beweis dafür, daß der Turm mehrere Geschosse hatte.
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Die alte Ruine in Kohlstädt (Wiesenseite 1932).
(Repro: 2004 khd) |
Bei der Ausgrabung ergab sich, daß die Erbauer das Innere ihres Turmes bis zu einer Höhe von
3,40 m über der Mauersohle mit einem Gemisch von Kies, Lehm, Steinbrocken und Tuffkalk
angefüllt hatten. Auf dieser Füllung lag eine sorgfältig geglättete Lehmtenne,
offensichtlich der Fußboden des unteren Turmgeschosses. Dieser Raum hatte als Decke ein
mächtiges Kreuzgewölbe, das zwar jetzt eingestürzt, dessen Ansatz aber an der Turmwand
noch deutlich festzustellen war. Das Gewölbe erhielt sein Licht durch schmale, nur 15 cm breite und
1 m hohe Mauerschlitze, die gegebenenfalls auch als Schießscharten dienen konnten. An der
Straßenseite des Turmes waren noch zwei dieser Scharten in Resten vorhanden, sie liegen 6 m
über dem Fundament.
Als Eingang wird der Turm wie andere seiner Art eine kleine Tür gehabt haben, die an
der Bachseite in das erste Obergeschoß führte und nur über eine Leiter zu erreichen war.
Bei Gefahr wurde die Leiter von den Verteidigern hochgezogen. Das erwähnte Gewölbe hatte von
außen keinen Zugang; es war nur von dem ersten Obergeschoß her durch eine in der Westwand des
Turmes liegende Wendeltreppe zugänglich.
Nach Westen schließt sich an den Turm von diesem durch einen schmalen Gang
getrennt ein 17 m langes und 12 m breites Gebäude an, das durch eine Querwand in zwei
Räume unterteilt war. Der größere Raum hatte in einer Ecke eine sorgfältig
hergerichtete Feuerstelle und an der Trennwand eine rundliche, etwas erhöhte Plattform mit einem
Durchmesser von 3,50 m. Sie diente, mit Teppichen belegt, als Sitzplatz für die Frauen und
bevorzugten Gäste. Das kleinere Gemach konnte wegen der hier lagernden gewaltigen Schuttmassen
nicht ausgeräumt werden; die Menge dieser Schuttmassen legt jedoch die Vermutung nahe, daß das
Gebäude auch ein Obergeschoß hatte.
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Die alte Ruine: Grundriß, senkrechter Schnitt und Rekonstruktion.
(Repro: 2004 khd) |
Durch die vorbeifließende Strothe ist die Nordseite des Turmes unterspült und endlich zum
Einsturz gebracht worden; das Fundament des Nebengebäudes liegt heute zum Teil unter der
nördlich sich anschließenden Kunstwiese; es konnte jedoch durch mehrere Querschnitte auch an
dieser Stelle einwandfrei nachgewiesen werden.
Die Ausgrabungen [von 1932] haben klargelegt, daß es sich bei der alten Ruine in Kohlstädt um
eine Burganlage handelt, bestehend aus dem festen Wehrturm und einem danebenliegenden Wohnhaus. Hier
hielt man sich in ruhigen Zeiten auf; bei Gefahr aber zog man sich in den Turm, die eigentliche Burg,
zurück.
Nach den erhaltenen Bauteilen und den geborgenen Scherben von Tongeschirr muß die Burg um das Jahr
1000 nach Christi Geburt erbaut worden sein. Der Burgcharakter der Ruine wird auch aufs beste
bestätigt durch einige im Detmolder Staatsarchiv liegende Urkunden. In dem ältesten
Salbuch
der Bauernschaft Kohlstädt aus dem Jahre 1645, wo der
Zehnte aufgeführt wird, den die
Kolonate Nr. 4 (Horst Churdt), Nr. 3 (Hans Vollmar), Nr. 2 (Bernd Moller) und Nr. 6 (Heinrich Nagel)
an den Dom in Paderborn zu zahlen hatten, werden u. a. verschiedene Flurnamen aufgeführt, die uns
hier interessieren.
So heißt es bei Horst Churdt an der Borgesgrund 1 1/2 Morgen, bei Hans Vollmar
... Borglenderei 50 Morgen, weiter ein Camp der rove Camp genandt bei der
altten Burg 1/2 Morgen und endlich an der Borgesgrundt 7 Morgen. Auch
bei mehren nicht zehntpflichtigen Kolonaten finden sich unter den Flurnamen Hinweise auf eine alte Burg.
So bei Burges Blasekate (Nr. 5) bei der altten Burg 1/2 Morgen der Custercamp
genandt, bei Hans Althoff in der Burgesgrunde bei Vollmarn 2 Morgen und bei Hans
Roleff (Nr. 24) Lenderei uff der Burgesgrundt 1 1/2 Morgen.
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Burgruine Kohlstädt an der alten B 1 um 2000.
(Repro aus : 2007 khd-research) |
Im Ausgang des
30jährigen Krieges war demnach die Kenntnis von einer alten Burg in Kohlstädt
noch sehr lebendig. Im nächsten Salbuch von 1721 liest man nichts von einer alten Burg, sondern von
einer alten Kirche. Offensichtlich hatte das
Stift Paderborn, dem
die Herrschaft Kohlstädt übertragen worden war, die Burg zeitweilig auch für kirchliche
Zwecke eingerichtet. Im Salbuch von 1782 heißt es dann wieder die alte Burg und 1831
die alte Ruine.
Fassen wir die Ergebnisse der Ausgrabung und die archivalischen Zeugnisse zusammen, so ergibt sich,
daß die Kohlstädter Feste als sog. Kleine Herrenburg zu Anfang des 11. Jahrhunderts
entstanden ist; sie diente einer edlen Familie als Wohnsitz und hatte zugleich die Aufgabe, die wichtige
Paßstraße über die Egge zu überwachen. Sie ist ein typisches Beispiel für
jene Gruppe von kleinen Wohnburgen des frühen Mittelalters, die nach fränkisch-normannischem
Muster erbaut wurden; das Kernstück dieser Anlagen ist stets ein gewaltiger Wehrturm. Die Burgen
nach sächsischem Muster dagegen haben eine mächtige Ringmauer, die alle Gebäude der Burg
umschließt [2].
Zum Schluß sei noch von einer Ausgrabung in unserer Ruine erzählt, die mit einem
gerichtlichen Nachspiel endete. Die Phantasie der Zeitgenossen war schon vor Jahrhunderten durch das
rätselhafte Bauwerk auf das lebhafteste bewegt. Sollten unter den Trümmern nicht vielleicht
unermeßliche Schätze begraben liegen, so fragte man sich. Als dann im Jahre 1703 eine Frau
aus Kohlstädt in der Ruine einen Mistelzweig fand (nach damaliger Auffassung die beste
Wünschelrute zum Auffinden von Schätzen) und zudem von einer aus den Trümmern
plötzlich auftauchenden zwergenhaften Mönchgestalt bedroht wurde, da stand es fest: Der Schatz
war da, wie es hieß: ein Braukessel voll Goldstücke!
Und bald brachte die Frau einige beherzte Männer zusammen, die im Dunkeln der Nacht mit Hacke und
Schaufel daran gingen, den Schatz zu heben. Aber trotz dreimaligem Versuchs blieb die Ausgrabung
ergebnislos. Statt Reichtümer zu erwerben, wurden die Schatzgräber von dem gräflichen
Amtsverwalter in Horn vor Gericht gezogen und zu empfindlichen Geldstrafen verurteilt, die Anstifterin
aber wurde gefänglich zu Wasser und Brot gesetzt und mußte zudem an einem Sonntag und
Montag einige Stunden am Pranger
stehen. So geschehen in Kohlstädt vor rund 250 Jahren
[3].