Auszug aus: HELGA FRISCH: Die Villenkolonie Grunewald Häuser und Leute Damals und Heute,
Berlin: xxx-Verlag. ISBN: xxx.
Die Texte wurden fürs Internet neu zusammengestellt, mit Zwischentiteln versehen und andere
Abbildungen mit Bildlegenden hinzugefügt. Links und Anmerkungen in [Ed: ...] wurden ebenfalls
redaktionell ergänzt.
|
Berlins Vergnügungsviertel |
Man kann der Geschichte Berlins nachgehend die Beobachtung machen, daß die
Vergnügungs- und Erholungsstätten der Berliner mit dem Wachstum der Stadt mitgehend stets
weiter nach den Randgebieten zu wanderten. Besonders ist das im Westen Berlins augenfällig.
In früheren Zeiten waren es die Zelte [Ed: in der Nähe des Reichstags], die als
richtige Zelte aus Leinwand (daher der Name für die späteren Restaurants an der Strasse
In den Zelten) 1745 von Friedrich
dem Großen genehmigt worden waren, und zu denen die Berliner bis in die Puppen loofen
also jwd (janz weit draußen) mußten. Daneben bestanden
Gaststätten in der Tiergartenstraße sowie der alte, aus einer Ackerwirtschaft hervorgegangene
Hofjäger an der Allee gleichen Namens. Dann konnten die Berliner weiter zum
Charlottenhof und zum Tiergarten und schließlich mit der Pferdebahn zum Hippodrom am
Knie, dem heutigen Ernst-Reuter-Platz, zur Flora am Schloß Charlottenburg oder zum
Zoologischen Garten fahren (den man damals noch so nannte, weil man sich noch Zeit ließ und weder
Zoo noch Kudamm sagte).
|
Vergnügungsviertel Halensee |
So kam schließlich auch Halensee an die Reihe. Wie einst In den Zelten im Tiergarten
und in Treptow sich ein Vergnügungsviertel durch eine Reihe von Restaurants gebildet hatte, so
entstand ähnliches im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts [Ed: also in den 1890er-Jahren]
hier in Halensee hinter der Brücke. Damit entstand die zweite Keimzelle des Ortes
[
Grunewald], und
wenn man es recht nimmt, eigentlich die älteste. Denn bereits 1882 hatte hier, noch mitten in
waldiger Gegend, der Ökonom Saeger sein
Wirtshaus am Halensee eröffnet.
In seinem 1892 erschienenen Roman Frau Jenny Treibel erwähnte Theodor Fontane diese
Gaststätte, und in einem Essay im Jubiläumsblatt des Grunewald Echo von 1924
erinnert sich der Alt Heidelberg Dichter Wilhelm Meyer Förster des Gasthauses Halensee,
das er früher immer bei seinen Spaziergängen vom Bahnhof Grunewald [Ed: gemeint ist der Bhf.
Halensee, der damals so hieß] aus nach Halensee und dem damals noch unbebauten Kurfürstendamm
streifte. Er schilderte dabei eine Zwergfigur aus Gips, die, schon etwas lädiert, auf einem
Postament ebenfalls aus Gips, im Vorgarten des Wirtshauses stand und den Alten Fritz darstellen sollte.
Nach mehreren Erweiterungsbauten infolge reichen Zuspruchs ließ der Besitzer auf seinem
Gelände Gartenterrassen bis hinunter zum See anlegen. Man nannte dann sein Unternehmen nur kurz
Saeger. Zu den Wirtshausräumlichkeiten gehörte bereits in den neunziger Jahren des
19. Jahrhunderts ein Rummel mit Karussel, Schieß- und Würfelbuden und einer Wasserrutschbahn,
bei der ein pontonähnlicher Kahn den Berg zum See hinunterrollte.
Sein Aufschlagen auf dem Wasser war stets mit hellem Hallo der Männer und dem Geschrei der
Weiblichkeit begleitet. Auch eine kleine Berg- und Talbahn war schon vorhanden, die, sich um den See
herumziehend, nur einen Wagen hatte, der hin und wieder zurück fuhr.
In der Koenigsallee, nicht weit vom Ende des Kurfürstendamms entfernt, gibt es das
Halenseebad. Bei sommerlicher Hitze ist
es stark frequentiert. Aber bis zu 50.000 Besucher strömten Richtung Kolonie Grunewald zum
Halensee und das täglich nach Eröffnung des Luna-Park am ersten Pfingstfeiertag
1904! Staunend standen damals die Berliner vor einem modernen Märchenpalast mit wuchtigen
Türmen und einer Freitreppe zum Halensee, auf dem Halensee lag Emil Remdes Hausboot. Und es gab eine
Wasserrutschbahn in den See hinein. Das umliegende Gelände war in einen riesigen
Vergnügungspark verwandelt worden, in dem es Attraktionen jeder damals bekannten Art für junge
und alte Besucher gab.