Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin,
18. Oktober 2007, Seite 32 (Weltspiegel) von HARALD MAASS.
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PEKING (Tsp). Es sollte Chinas ehrgeizigstes Vorzeigeprojekt werden: Mehr als ein Jahrzehnt bauten
chinesische Ingenieure am Jangtse den Drei-Schluchten-Staudamm das größte Wasserkraftwerk
der Erde. Doch ein Jahr vor der Inbetriebnahme der letzten Turbinen entwickelt sich der Staudamm zu einem
sozialen und ökologischen Desaster. Die Ufer des riesigen Stausees brechen ein, das Wasser ist durch
Abfälle und Industriegifte verpestet. Vier Millionen Menschen müssen nun zusätzlich
umgesiedelt werden, wie die Staatsmedien überraschend ankündigten. Viele der Menschen an dem
663 Kilometer langen Stausee, die von der Massenumsiedlung betroffen sind, müssen damit zum zweiten
Mal dem Staudamm weichen.
Um Platz für den Stausee zu machen, hatten Chinas Behörden seit 1993 insgesamt 13 Städte
und hunderte Dörfer abgerissen und die Bevölkerung in höhere Lagen umgesiedelt. Rund 1,4
Millionen Menschen waren von dieser ersten Umsiedlungswelle betroffen. Chinas Regierung und die
staatliche Propaganda feierten den 180 Milliarden Yuan (18 Milliarden Euro) teuren Staudamm dennoch als
einen technischen und wirtschaftlichen Erfolg. Der Damm soll nicht nur die jährlichen Hochwasser am
Jangtse, dem drittlängsten Fluss der Erde, regeln. Er soll auch riesige Mengen Strom produzieren
so viel wie die Verbrennung von 50 Millionen Tonnen Kohle im Jahr, heißt es in Peking.
Doch nun werden die tatsächlichen sozialen und ökologischen Kosten des Mammutprojektes
deutlich. Chinas Regierung hat für die umgesiedelten Menschen zwar neue Häuser und Städte
gebaut, die gewachsenen Strukturen sind jedoch zerbrochen. Für die Bauern, deren Land im Stausee
versunken ist, gibt es nicht genügend Ackerfläche. Auch andere verloren mit dem Umzug ihre
Existenzgrundlage. Gleichzeitig nehmen die Umweltprobleme immer mehr zu. An 91 Stellen und einer
Länge von 36 Kilometern sei das Ufer des Stausees bereits eingebrochen, erklärte ein Beamter.
Weil in dem Stausee Städte, Industriegebiete und sogar Friedhöfe überschwemmt wurden,
gleicht der Jangtse in diesem Gebiet einer Kloake. Das Wasser sei für Menschen ungenießbar,
meldete die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua und warnte vor einer "Katastrophe". Den Behörden
bleibt offenbar nun nichts anderes übrig, als die Anwohner entlang dem Ufer erneut zu entwurzeln und
in eine andere Region umzusiedeln. Berichten zufolge sollen 4 Millionen Menschen bis 2020 in
Siedlungen am Stadtrand von Chongqing umziehen.
Wissenschaftler und Umweltschützer hatten seit den achtziger Jahren vor massiven sozialen und
ökologischen Folgen gewarnt. Die damaligen KP-Führer ignorierten jedoch die Warnungen. Vor
allem für den früheren Premier Li Peng, ein in Moskau ausgebildeter Wasseringenieur, war der
Drei-Schluchten-Staudamm ein persönliches Prestigeprojekt.
Auf dem derzeit tagenden KP-Parteitag kündigte Staats- und Parteichef Hu Jintao an, dass China sich
künftig nachhaltiger und ökologischer entwickeln solle. Für die mehr als 5
Millionen Menschen entlang dem Jangtse, die für den Staudamm ihr Zuhause verlieren, kommt diese
Einsicht zu spät.