A R B E I T S M A R K T - S T U D I EMerkel: Innovation ist der Schlüssel zum Wohlstand
Grundsatzrede der deutschen Bundeskanzlerin eröffnet Weltwirtschaftsforum in Davos. In der Schweiz treffen sich 2300 Führungskräfte aus Politik und Wirtschaft.
Aus: Berliner Morgenpost, 26. Januar 2006, Seite ?? (Politik) von JÖRG EIGENDORF und HENNING KRUSE. [Original]DAVOS (BM). Von einem solchen Empfang konnte Altkanzler Gerhard Schröder in Davos nur träumen. Bis auf den letzten Platz gefüllt ist der Kongreßsaal, als Angela Merkel den Raum betritt. Viele Manager, Wissenschaftler und Politiker bekommen nur noch einen Stehplatz oder müssen in Nebenräumen den Auftritt der Bundeskanzlerin verfolgen. Die Erwartungen an Merkels Eröffnungsrede sind enorm. Zunächst müssen sich die gespannten Zuhörer aber noch gedulden. Klaus Schwab, Chef des World Economic Forums, zählt erst einmal 4 Gründe auf, warum mehr als 2000 Mitglieder der globalen Elite erneut in Davos zusammengekommen sind. Dann folgt der Schweizer Bundespräsident Moritz Leuenberger mit einer Zusammenfassung der Erfolgsgeschichte des Forums. Und dann noch einmal Schwab: Angela Merkel sei schon 1993 eine ideale Teilnehmerin des Davoser Gipfels gewesen. "Damals ernannten wir sie zu einem Young Global Leader of Tomorrow, jetzt sind sie ein Global Leader of Today."
Wer die ordnungspolitische Orientierung der Kanzlerin erfahren wollte, wurde nicht enttäuscht. Die CDU-Chefin beschwor in ihrer Rede vor allem die Freiheit: In Deutschland gebe es an vielen Stellen eine selbstverschuldete Lähmung: "Arbeit braucht Wachstum und Wachstum braucht Freiheit." Dabei sieht sich Merkel in der Tradition von Ludwig Erhard. Vor allem den Bürokratieabbau erklärt die Kanzlerin zur Chefsache: "Wir fesseln in Deutschland grandiose Kräfte durch Regularien." 4 bis 6 Prozent des Umsatzes müßten mittelständische Unternehmen für die Bürokratie aufbringen. Dabei peilt Merkel offenbar einen großen Wurf an. "Wir kommen mit der Betrachtung der Einzelregelung nicht mehr voran." Sie plant einen "Normenkontrollrat, der den ganzen Prozeß begleiten soll". Merkel zeichnete ein optimistisches Bild von Deutschlands Chancen in der Weltwirtschaft. "Wir haben grandiose Voraussetzungen: eine stabile Demokratie, bewährte Systeme der Konfliktbewältigung, gute soziale Netze und ökologische Sicherheit. Es wäre fatal, diese Voraussetzungen nicht als Chance zu begreifen." Deutschland müsse wieder zu den besten 3 Volkswirtschaften in Europa gehören.
Voraussetzung sei, daß das Land wieder von seinen Ideen leben könne. Das habe es in der Vergangenheit versäumt: Zwar habe Deutschland das Computer-Zeitalter eingeleitet, aber an der daraus resultierenden Entwicklung nicht ausreichend partizipiert. Innovation stünde ganz oben auf ihrer Agenda. Europa werde es wohl kaum schaffen, wie geplant 2010 die dynamischste Volkswirtschaft der Welt zu sein. Aber es breche eine neue Ära an: "Deutschland und Europa werden im Rückblick sagen: Dies waren für unseren Kontinent Jahre der Innovation."
A R B E I T S M A R K T R E F O R MKeine Vollbeschäftigung bis 2030
Die Prognose klingt düster: Nach einer neuen Studie wird es in Deutschland in den nächsten Jahrzehnten nur geringes Wachstum und keine Vollbeschäftigung geben. Die Arbeitslosenquote könnte sich allerdings halbieren, wenn die Politiker Niedriglöhne durchsetzten.
Aus: Spiegel Online 2. April 2006, 17.39 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]DÜSSELDORF (jkr/ddp). Globalisierung, Strukturwandel, Rationalisierung die Probleme der deutschen Wirtschaft haben viele Bezeichnungen. Doch die Folge ist immer die gleiche: Die Jobchancen für schlecht ausgebildete Arbeitssuchende sinken stetig. Die Politik müsse deshalb entschieden gegensteuern heißt es in der Untersuchung "Prognos Deutschland Report 2030", die das Handelsblatt in seiner Montagsausgabe [3.4.2006] unter Berufung auf das Schweizer Wirtschaftsforschungsunternehmen Prognos zitiert.
"Langfristig wird die Arbeitslosigkeit dennoch deutlich sinken", sagte Prognos- Geschäftsführer Christian Böllhoff der Zeitung. Der Studie nach werden im Jahr 2030 nur noch 2,3 Millionen Menschen arbeitslos sein. Im Vergleich zur jetzigen Situation hätte sich die Arbeitslosenquote damit mehr als halbiert.
A R B E I T S M A R K TKoalition einigt sich über Finanzierung von Hartz IV
Bei der Finanzierung der Hartz-IV-Reform haben SPD und Union einen Kompromiss gefunden. Das sagte SPD-Fraktionschef Peter Struck nach einem Spitzentreffen von Koalitionspolitikern. Dennoch stellen manche in der Union die Große Koalition in Frage.
Aus: Spiegel Online 30. Mai 2006, ??.?? Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]BERLIN (kaz/AFP/dpa/Reuters). Im Streit um drohende Mehrkosten bei der Arbeitsmarktreform planen Union und SPD in diesem Jahr keine weiteren Einsparungen beim Arbeitslosengeld II (ALG II). Darauf einigten sich heute Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) und sein SPD-Kollege Struck. Beim ALG II würden 2006 zwar Mehrkosten von 1 Milliarde Euro erwartet. Dafür würden aber andere Arbeitsmarkt-Mittel umgeschichtet beispielsweise durch Minderausgaben bei den sogenannten Eingliederungsmaßnahmen.
Dazu sollten rund 1,1 Milliarden Euro der Mittel, die zur Qualifizierung und Wiedereingliederung von Arbeitslosen in den Arbeitsmarkt gedacht sind, mit einer "qualitativen Sperre" versehen werden. Zunächst werde aber die Entwicklung des Jahres abgewartet, hieß es aus Koalitionskreisen.
Struck teilte nach dem Treffen mit Kauder, Finanzminister Peer Steinbrück und Arbeitsminister Franz Müntefering (beide SPD) mit, die Finanzprobleme beim ALG II sollten auch nicht über eine höhere Nettokreditaufnahme gelöst werden. "Wir haben eine Regelung gefunden, die mit dem Haushaltsvolumen auskommt", erklärte Struck, ohne Einzelheiten zu nennen. Struck bekräftigte, dass die SPD auf keinen Fall den Förderbetrag ändern wolle.
In Richtung CDU/CSU verteidigte er die Reform: Die Linie sei "absolut richtig" und man werde diese auch nicht verlassen. "Wir sehen keinen Revisionsbedarf bei den Gesetzen", sondern einen "Korrekturbedarf bei der Umsetzung" der Gesetze. Die Union habe zudem diese Linie im Vermittlungsausschuss mitbeschlossen. Beschwichtigend sagte er, dass Probleme bei einer solch umfassenden Reform normal seien.
Der Druck innerhalb der Union zugunsten grundlegender Änderungen an den Hartz-Reformen bleibt allerdings auch nach der Koalitionsrunde unvermindert hoch. Der CSU-Vorsitzende und bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber kündigte heute nach einer Kabinettssitzung an, mit den anderen unionsregierten Ländern und der CDU/CSU-Bundestagsfraktion eine grundlegende Überholung der Hartz-IV-Gesetze erarbeiten zu wollen. Der CDU-Wirtschaftsrat stellte wegen der Arbeitsmarktpolitik den Fortbestand der Großen Koalition über das kommende Jahr hinaus in Frage. Der Ombudsrat für die Arbeitsmarktreformen wandte sich indes gegen eine Generalrevision der Hartz-Gesetze.
Stoiber erklärte in München: "Es muss in Deutschland wieder der Grundsatz gelten: Wer arbeitet, muss mehr in der Tasche haben." Dazu müssten Missbrauchsmöglichkeiten und "falsche Anreize der Hartz-Reform" beseitigt werden. Bayern wolle gemeinsam mit der Unionsfraktion und anderen unionsregierten Ländern bis zum Sommer grundlegende Änderungen erarbeiten.
H A R T E S U R T E I L D E S O M B U D S R A T SBundestag billigt Verschärfung von Hartz IV
Arbeitsunwilligen Hartz-IV-Empfängern stehen anstrengende Zeiten bevor. Der Bundestag hat die von der Koalition angestrebten Korrekturen der Arbeitsmarktreform verabschiedet. Kernpunkt: Wer nicht arbeiten will, muss künftig damit rechnen, dass ihm die Stütze gestrichen wird.
Aus: Spiegel Online 1. Juni 2006, 23.16 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]BERLIN (ler/AFP/ddp). In namentlicher Abstimmung votierten heute in Berlin 393 Abgeordnete für das sogenannte Fortentwicklungsgesetz zu Hartz IV. 150 Parlamentarier votierten dagegen, 14 enthielten sich.
Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte zuvor erklärt, sie sehe bei den Arbeitsmarktreformen weiteren Handlungsbedarf. Die jetzt beschlossenen Änderungen reichten noch nicht aus [Ed: denn sie werden kaum zum Sinken der Zahl der Arbeitslosen beitragen]. "Wir brauchen eine weitere grundlegende Überholung." Die Kürzungen verteidigte sie als absolut notwendig. "Wer arbeitet, muss mehr haben als der, der nicht arbeitet."
Vor der Verabschiedung des Fortentwicklungsgesetzes hatte es im Bundestag einen heftigen Schlagabtausch gegeben. Die Bundesregierung verteidigte die Verschärfungen beim Arbeitslosengeld II gegen die Kritik aus der Opposition. Beim ALG II handele es sich um eine "steuerfinanzierte und bedürftigkeitsorientierte Leistung", betonte der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium, Franz Thönnes, zu Beginn der Schlussdebatte über das umstrittene Gesetz. Wer einen Anspruch darauf habe, solle diese Leistung auch bekommen, sagte der Sozialdemokrat. Man müsse aber "genau hinschauen, wer bedürftig ist und wem die Leistungen zustehen". Wo das Gesetz "gedehnt" worden sei, müsse es präziser und treffgenauer gestaltet werden.
PDS-Vizechefin Katja Kipping bezichtigte die Große Koalition im WDR einer "Nacht- und Nebelaktion", durch die Arbeitslose sehr schnell in die Obdachlosigkeit getrieben werden könnten. Ihr Fraktionskollege Wolfgang Neskovic kritisierte, es werde eine "Stallpflicht" für Arbeitslose eingeführt.
Dies sei "Stammtischpolitik niederster Güte", erwiderte der SPD-Abgeordnete Klaus Brandner in der Aktuellen Stunde des Bundestages. Er nannte die Äußerungen aus der Linksfraktion "gefährliche Hetze". "Niemand wird verhungern in diesem Land", sagte der arbeitsmarktpolitische Sprecher der SPD-Fraktion. Leistungskürzungen könnten auch künftig teilweise zurückgenommen werden, wenn der betroffene Arbeitslose die angebotene Arbeit annimmt.
"Es gibt in Deutschland keinen Menschen, der unter eine Existenzsicherung fallen kann", sagte die SPD-Linke Andrea Nahles unter Verweis auf die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts. Nahles wandte sich auch gegen Kritik aus dem konservativen Lager. Es gebe keine Kostenexplosion beim Arbeitslosengeld II, sagte sie im Bundestag. Zu behaupten, die Arbeitslosen lägen faul in der Hängematte, sei Polemik.
Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) beschrieb die Korrekturen als gemäßigt. "Wir kürzen ja nicht die Regelleistungen. Wir kürzen nicht mal die Zuzahlungen", sagte er im TV-Sender N24.
Hartz IV schuf bürokratisches Monster
Gut gedacht, schlecht gemacht: So lautet der Tenor des Urteils über Hartz-IV, zu dem sich ein hochrangig besetzter Ombudsrat nach eineinhalbjähriger Beratung durchgerungen hat. Arbeitsminister Müntefering versuchte zu beschwichtigen: Die Reform sei längst noch nicht zu Ende.
Aus: Spiegel Online 23. Juni 2006, 19.16 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]BERLIN (ase/dpa/ddp/reuters). Der Bericht ist wie immer in Bürokratendeutsch gehalten: "Das gravierende Problem der an sich richtigen Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe liegt in der verfehlten Organisationsentscheidung", heißt es in dem 40seitigen Dokument des Hartz-IV-Ombudsrats. Doch die 3 Mitglieder Ex-Familienministerin Christine Bergmann, der frühere sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf und der frühere Vorsitzende der IG Chemie Hermann Rappe erklärten heute bei der Vorlage mit klaren Worten, was sie meinen. Die bisherige Struktur sei ein "bürokratisches Monster", erklärte Bergmann.
Dabei verteidigte der Ombudsrat, der 2 Jahre lang über 70.000 Eingaben und Beschwerden auswertete, die Reform im Grundsatz. Die Sozialhilfeempfänger seien "aus der dunklen Ecke rausgeholt worden", sagte Rappe. In der Kritik stehen aber vor allem die Arbeitsgemeinschaften der Arbeitsagenturen mit den Kommunen.
Die Verantwortung für die Organisationsmängel schrieb der Rat dem Kompromiss im Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat zu. Union und SPD hatten sich im Dezember 2003 nicht auf ein einheitliches System der Verwaltung verständigt. Auf Drängen der Union gibt es 69 Optionskommunen, die in Alleinregie Langzeitarbeitslose betreuen. In 345 Arbeitsgemeinschaften bilden Agenturen für Arbeit und Kommunen einen Verbund. In 19 Kommunen nehmen beide ihre Aufgaben getrennt wahr.
Der Rat forderte deshalb, bei der Mischverwaltung von Agenturen für Arbeit und Sozialämtern müssten deren Geschäftsführer eigene Personalkompetenzen haben. "Wir sind nicht für eine weitere Kommunalisierung", sagte Rappe. Auf die Erfahrung der Agenturen für Arbeit bei der Vermittlung solle nicht verzichtet werden.
Die Debatte um Leistungsmissbrauch sei zudem überzogen, erklärten die Ombudsleute. Es gebe nicht mehr Missbrauch als bei anderen Leistungs-oder Abgabegesetzen auch. Die explodierenden Kosten beim Arbeitslosengeld II (ALG II) seien so nur teilweise zu erklären. Vielmehr habe die Reform mehr Menschen den Zugang zum Grundsicherungssystem ermöglicht. Das ALG II sei mit 345 Euro im Monat außerdem nicht zu hoch bemessen, sagte Bergmann. Vielmehr bestehe dringender Handlungsbedarf bei der Frage von Kombi- und Mindestlohn, weil mit der Grundsicherung faktisch und ohne politische Steuerung ein Kombilohn entstanden sei.
2007 wieder weniger als 4 Millionen Arbeitslose
IW sagt weitere Belebung des Stellenmarktes voraus weil das Wirtschaftswachstum stark bleibt.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 10. Oktober 2006, Seite 17 (Wirtschaft) von CARSTEN BRÖNSTRUP. [Original]BERLIN (Tsp). Die Zahl der Arbeitslosen wird im Zuge des Aufschwungs 2007 erstmals seit 4 Jahren wieder unter die Marke von 4 Millionen sinken. Das erwartet das unternehmernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in seiner neuen Wachstumsprognose, die am Montag [9.10.2006] in Berlin vorgelegt wurde. Die Wachstumsimpulse sind kräftig genug, um dem Arbeitsmarkt neuen Schwung zu geben, sagte IW-Direktor Michael Hüther.
Für dieses Jahr wird die Zahl der Arbeitslosen um 385.000 zurückgehen, im kommenden sollen es 265.000 weniger sein, erwartet das IW. Das Absinken unter die Vier-Millionen-Schwelle sei damit vorübergehend möglich, sagte Hüther. Insgesamt werde die Quote auf 9,7 Prozent sinken, nach 10,3 Prozent in diesem Jahr.
Dabei wirkt sich die Erhöhung der Mehrwertsteuer um 3 Prozentpunkte ab 2007 offenbar deutlich schwächer aus als bislang angenommen. Nach einem um 2,4 Prozent stärkeren Bruttoinlandsprodukt (BIP) werde der Zuwachs im kommenden Jahr bei 1,5 Prozent liegen, sagte Hüther. Bislang hatte das IW ein Plus von 2,0 und 1,4 Prozent angenommen. Nur die Hälfte des schwächeren Wachstums gehe auf die Finanzpolitik zurück, die andere Hälfte sei der etwas schwächeren Weltkonjunktur anzulasten.
Insgesamt stehe der Aufschwung in Deutschland auf einem breiteren Fundament, hieß es. Nicht nur die Investitionen, auch der Bau kämen in Schwung, sagte Hüther. Zudem wachse die Weltwirtschaft das 5. Jahr in Folge mit einem rasanten Tempo. Das wirkt sich auch auf die Finanzpolitik aus: Das Staatsdefizit solle im kommenden Jahr auf nur noch 1,75 Prozent der Wirtschaftsleistung sinken, sagte Hüther.
A U F S C H W U N GHartz IV ist für viele eine Lebenslüge
Teile der SPD machen die Politik für sozialen Abstieg verantwortlich die Union fordert weitere Einschnitte.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 16. Oktober 2006, Seite 1 (Politik) von ANTJE SIRLESCHTOV. [Original]BERLIN (Tsp). In der Debatte um soziale Unterschichten haben mehrere SPD-Politiker die eigene Partei zu mehr Ehrlichkeit aufgefordert. Der stellvertretende SPD-Fraktionschef Stefan Hilsberg bezeichnete die Hartz-IV-Politik der rot-grünen Bundesregierung für viele als eine Lebenslüge. Dem Tagesspiegel sagte Hilsberg, wir haben den Menschen vorgegaukelt, dass mit Fordern und Fördern jeder den ersten Arbeitsmarkt erreichen kann und Steuersenkungen für die Unternehmen die Probleme lösen werden. Für Millionen Menschen sei das jedoch nicht die Realität. Gerhard Schröder hat zu kurz gedacht, sagte Hilsberg. Es gereiche deshalb dem SPD-Chef Kurt Beck zur Ehre, dass er jetzt das Thema Unterschichten in den Fokus der Diskussion gebracht hat. Wir sind eine linke Volkspartei, und es ist unsere Aufgabe, die Ursachen von sozialer Ausgrenzung und Verwahrlosung zu ergründen und dagegen anzukämpfen.
Am Wochenende hatte SPD-Generalsekretär Hubertus Heil im Tagesspiegel eine neue Philosophie des Sozialstaates angemahnt. Mit einem vorsorgenden Sozialstaat wolle die SPD mehr Lebenschancen für alle schaffen, sagte er. Der SPD-Abgeordnete Ottmar Schreiner hatte seine Partei zum Umsteuern aufgefordert und scharfe Kritik an der Hartz-Arbeitsmarktreform des früheren SPD-Kanzlers Schröder geübt. Der Arbeitsmarktpolitiker Klaus Brandner (SPD), wie Schreiner Mitglied der Parlamentarischen Linken der SPD-Bundestagsfraktion, forderte seine Partei auf: Wenn es um die Probleme der sogenannten Unterschicht geht, dann müssen wir uns ehrlich machen. Es gebe sehr viele Menschen in Deutschland ohne Chance auf sozialen Aufstieg.
Für unter 25-Jährige ohne ausreichenden Schulabschluss forderte Brandner sehr viel mehr Initiativen zur Eingliederung in den Arbeitsmarkt. Wir dürfen uns nicht mit den Sozialhilfekarrieren abfinden, sagte er. Gleichzeitig erneuerte Brandner seine Forderung, einen öffentlichen Arbeitsmarkt zu schaffen, in dem vor allem ältere Langzeitarbeitslose eine Beschäftigung finden. Menschen über Jahre hinweg nur den Lebensunterhalt zu finanzieren, bezeichnete er als inhuman.
In der aktuellen Debatte um Arbeitsmarktreformen drängt die Union die SPD dazu, Einschnitte bei den Regeln zu Hartz IV mitzutragen. CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla forderte den Koalitionspartner auf, weiteren Kürzungen beim Arbeitslosengeld II (ALG II) zuzustimmen. Der wirtschaftspolitische Sprecher, Laurenz Meyer (CDU), sagte, es gibt falsche Anreize, die wir korrigieren müssen.
Experten prognostizieren für 2009 drei Millionen Arbeitslose
Wirtschaftsforscher glauben an einen drastischen Aufschwung am Arbeitsmarkt. Bis 2009 könnte die Zahl der Arbeitslosen nach Ansicht der Experten auf 3 Millionen sinken. Die deutsche Wirtschaft werde schon in diesem Jahr kräftiger wachsen als angenommen.
Aus: Spiegel Online 18. Februar 2007, ??.?? Uhr MEZ (nur elektronisch publiziert). [Original]BERLIN (ffr/ddp/dpa). "Ich halte es durchaus für möglich, dass wir 2009 an die Drei-Millionen-Grenze kommen", sagte der Chefvolkswirt der DZ Bank, Hans Jäckel, dem "Tagesspiegel". Ähnlich zuversichtlich zeigte sich der Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther: "Wenn der Wachstumsprozess nicht gestört wird, kann der Arbeitsmarkt 2009 in Richtung 3 Millionen laufen." Er vermute auch, dass Deutschland 2009 erstmals seit 40 Jahren wieder einen ausgeglichen Staatshaushalt vorweisen kann.
Für das laufende Jahr wollen die Ökonomen ihre Prognosen für das Wirtschaftswachstum nach oben korrigieren. "Es spricht einiges dafür, dass wir bei unserer Prognose Ende April Richtung 2 Prozent gehen", sagte Hüther der Zeitung. Derzeit geht das IW noch von 1,5 Prozent Zunahme des Bruttoinlandsprodukts aus.
Auch die DZ Bank erwartet ein stärkeres Wachstum für 2007. "Wir sind gerade dabei, unsere Prognose von 1,7 auf 2,0 Prozent zu erhöhen", sagte Jäckel. Grund sei vor allem das Wachstum 2006, das mit 2,7 Prozent deutlich höher ausgefallen war als von den Ökonomen erwartet.
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