Medizin kontrovers – Teil 6 khd
Stand:  15.2.2010   (38. Ed.)  –  File: Sci/Med/Medizin_kontrovers_6.html




Hier werden einige ausgewählte und besonders interessante Artikel und andere Texte zu medizinischen Themen wie Gesundheitspolitik, Krankheiten, Kosten des Gesundheitswesen, Arzneimittel gespiegelt und damit auf Dauer dokumentiert. Manches ist auch mit [Ed: ...] kommentiert. Tipp- und Übertragungsfehler gehen zu meinen Lasten.

Im 4. bis 7. Teil wird der Dokumentation zum „TeGenero- Skandal“ (markiert mit *) viel Platz eingeräumt, da dieser für die weitere Entwicklung von mit Bio/Gen-Tech hergestellten Medikamenten wegweisende Bedeutung haben wird. Die Nummern ‚nr‘ in den dabei verwendeten HTML- Ankern ‚#TeGenero_nr‘ geben die Reihenfolge der Internet- Recherche an.

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  • Noch mehr Medizin kontrovers   (7. Teil).
  • 01.08.2006: Medikamententest: Dramatische Spätfolgen. *
  • 05.07.2006: TeGenero will nach Insolvenzantrag weiterarbeiten. *
  • 04.07.2006: TeGenero meldet Insolvenz an. *
  • 03.07.2006: Ansatz zur Heilung von Autoimmunkrankheiten entdeckt.
  • 01.06.2006: EU erzwingt kindergerechte Arzneien.
  • 29.05.2006: Antikörperstudie: Britische Behörde entlastet Hersteller. *
  • 16.05.2006: Ärzte erschwindeln sich Milliarden.
  • 05.05.2006: Konsequenzen aus dem Studiendesaster um TeGenero-Antikörper. *
  • 04.05.2006: Opfer fürchtet Amputation. *
  • 28.04.2006: Firma zahlt erste Entschädigungen. *
  • 27.04.2006: Mann stirbt 2 Jahre nach Gentherapie.
  • 27.04.2006: Vier Medikamententester erhalten Entschädigung. *
  • 19.04.2006: Trockene Gangrän durch TeGenero-Antikörper. *
  • 16.04.2006: Horrormedikament: Finger und Zehen fallen ab. *
  • 14.04.2006: Verbesserungen bei der Autorisierung von Phase-1-Studien dringend nötig. * (The Lancet)
  • 11.04.2006: Merck muss weitere Millionen-Strafe zahlen. (VIOXX)
  • 07.04.2006: Dritte VIOXX-Klage in Deutschland eingereicht.
  • 06.04.2006: Fehlerfrei und doch lebensgefährlich. *
  • 06.04.2006: Medikamentenaufsicht entlastet TeGenero. *
  • Ältere Dokumentationen  (5. Teil).
    Made with Mac


    K A T A S T R O P H A L E R   T E S T

    Medikamentenaufsicht entlastet TeGenero

    Vor 3 Wochen führte ein Medikamententest in London beinahe zum Tod von 6 Probanden. Kritik am deutschen Pharma-Unternehmen TeGenero wurde laut, dass die Tests in Auftrag gegeben hatte. Es sei schlampig gearbeitet worden. Doch die staatliche Aufsicht bescheinigt fehlerfreie Arbeit. Dafür stellt sie die heutigen Medikamententests grundsätzlich in Frage.

    Aus:
    Handelsblatt, Düsseldorf, 6. April 2006, 14.55 Uhr MESZ (Industrie). [Original]

    LONDON/WÜRZBURG. (HB). Bei der Vorbereitung und Durchführung des Tests seien keine Fehler festgestellt worden, erklärte die staatliche britische Agentur für Medikamentenprüfung (MHRA) in einem am Donnerstag [6.4.2006] veröffentlichten Bericht.

    Komplikationen waren "unvorhersehbar"

    Die lebensbedrohlichen Komplikationen bei den Männern, denen am 13. März der Wirkstoff TGN 1412 der deutschen Pharmafirma TeGenero aus Würzburg verabreicht worden war, werden in dem Prüfbericht als "unvorhersehbare biologische Aktion der Arznei bei Menschen" bewertet. Der verabreichte Wirkstoff sei nicht kontaminiert gewesen und allen fachlichen Regeln gemäß produziert worden. Auch der US-Firma Parexel, die den Test im Auftrag von Tegenero durchgeführt hatte, seien bei der Versuchsreihe keine erkennbaren Fehler unterlaufen.

    Der Wirkstoff TGN 1412, der eine neue Klasse von Medikamenten gegen rheumatische Arthritis, Leukämie und Multiple Sklerose ermöglichen soll, sei zuvor in weit höheren Dosen ohne besondere Probleme in Tierversuchen getestet worden, hieß es von den staatlichen Prüfern. Bei den 6 menschlichen Probanden seien wesentlich niedrigere Dosierungen verwendet worden als zuvor bei den Versuchsaffen.

    Anwältin kritisiert Prüfbericht

    Das Ergebnis der Untersuchung wirft nach Einschätzung der Experten eine Reihe von Fragen für künftige Tierversuche und den Übergang zu darauf basierenden Tests mit Menschen auf. Zur Klärung berief die britische Gesundheitsministerin Patricia Hewitt eine weitere Expertengruppe, die in 3 Monaten Bericht erstatten soll.

    Die Anwältin Ann Alexander, die 2 der bei dem Versuch geschädigten Probanden vertritt, kritisierte den Prüfbericht als "völlig unzureichend" und forderte eine neue "unabhängige" Untersuchung.

    "Elefantenmann" auf dem Weg der Besserung

    Derweil befand sich auch der sechste Versuchspatient auf dem Wege der Besserung, berichtete die Zeitung Daily Telegraph. Bei ihm hatte das Medikament unter anderem derart starke Körperschwellungen verursacht, dass ihn die Medien als "Elefanten-Mann" bezeichneten. Die 5 anderen Männer hatten das Krankenhaus bereits in den vergangenen Wochen verlassen können.

    TeGenero AG Das Würzburger Unternehmen äußerte sich erfreut über die Besserung des Gesundheitszustands auch bei dem sechsten Patienten und dankte den britischen Ärzten für ihre Arbeit. Man nehme zur Kenntnis, dass die unvorhersehbaren Komplikationen offensichtlich durch die getestete Substanz selbst ausgelöst worden sind. "Für unsere Firma, die sich zum Ziel gesetzt hatte, Medikamente zu entwickeln, die zahlreichen Patienten mit schwersten Erkrankungen helfen sollten, sind diese Vorkommnisse ein schwerer Rückschlag", betonte TeGenero.

    Die geplante Einsetzung einer Expertenkommission, die in Zukunft die klinische Entwicklung der so genannten monoklonalen Antikörper betreuen und überwachen wird, bedeutet TeGenero zufolge für die gesamte Biotech- und Pharmaindustrie eine große Herausforderung, aber auch eine Chance, möglichst sichere Wege für die Entwicklung neuartiger Wirkstoffe zu finden. [mehr]



    M E D I K A M E N T E N T E S T

    Fehlerfrei und doch lebensgefährlich

    Interview mit Susanne Stöcker, Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts.

    Aus:
    Stern, Hamburg, 6. April 2006, ??.?? Uhr MESZ (Wissenschaft + Gesundheit). Das Paul-Ehrlich-Instituts ist in Deutschland für die Genehmigung klinischer Prüfungen zuständig. [Original]

    Stern: Der Expertenbericht zeigt: Bei dem britischen Pharmatest, wo lebensgefährliche Komplikationen auftraten, lief alles nach Plan. Wieviel sagen Tierversuche überhaupt darüber aus, ob ein Medikament für Menschen unbedenklich ist?

    PEI: Drei Wochen nach dem Medikamententest, bei dem in London 6 Probanden lebensgefährlich erkrankten, haben britische Experten den beteiligten Pharmafirmen fehlerfreie Arbeit attestiert. Bei der Vorbereitung und Durchführung des Tests seien keine Fehler festgestellt worden, erklärte die staatliche britische Agentur für Medikamentenprüfung in einem am Donnerstag [6.4.2006] veröffentlichten Bericht.

    Stern: Die Expertenkommission hat bei dem englischen Medikamententest keine Unregelmäßigkeiten festgestellt. Was bedeutet das nun für die Studie und das Präparat?

    PEI: Es ist ja zunächst ein Zwischenbericht. Aber wenn es bei diesen Ergebnissen bleibt, dann muss man sich überlegen, wie man künftig die Sicherheitsspanne noch mehr ausbauen kann bei Präparaten, die so aktiv ins Immunsystem eingreifen.

    Stern: Wie sehen solche Vorkehrungen aus?

    PEI: Schon in diesem Fall hatte man für die Tierversuche bewusst Affen gewählt, deren Immunsystem mit dem des Menschen vergleichbar ist. Nichts in den Tierversuchen wies auf die dramatischen Nebenwirkungen hin, die später beim Menschen auftraten. Zudem war die bei den Testpersonen verwendete Dosis erheblich niedriger als die bei den Tierversuchen: Aus der Wirkstoffmenge, die bei den Affen keine Reaktion ausgelöst hatte, wurde eine "maximal empfohlene Startdosis für Menschen" errechnet, die schon deutlich niedriger liegt als der Wert aus dem Tierversuch. Die Dosis, die schließlich zum Einsatz kam, betrug nur ein 160stel dieser empfohlenen Maximaldosis.

    Stern: Obwohl also alle Sicherheitsvorkehrungen eingehalten wurden, kam es zur Katastrophe. Das lässt Zweifel daran aufkommen, dass Tierversuche wirklich aussagekräftig sind.

    PEI: Man darf jetzt auf keinen Fall sagen: "Tierversuche taugen nichts". Was in England vorgefallen ist, ist ein schrecklicher Einzelfall, aber nichtsdestoweniger nur ein Einzelfall in der langen Geschichte der klinischen Studien. So lange klinische Studien ohne Zwischenfälle ablaufen, wird die Öffentlichkeit nun einmal nicht auf sie aufmerksam. Davon abgesehen gibt es bei neuen Medikamenten keine Alternative zu Tierversuchen: Versuche mit Zellkulturen zu machen und daran direkt klinische Studien mit Menschen anzuschließen, wäre absolut unverantwortlich.

    Stern: Welche Lehre sollte man aus dem Zwischenfall ziehen?

    PEI: In Deutschland wird das Paul-Ehrlich-Institut klinische Studien mit möglicherweise sehr reaktiven monoklonalen Antikörpern nur noch genehmigen, wenn sie zunächst mit einer Person beginnen, nicht mit mehreren gleichzeitig. Alles weitere hängt davon ab, welche Ergebnisse die internationale Expertenkommission erarbeitet, die jetzt in Großbritannien eingesetzt wird. [mehr]



    V I O X X - S K A N D A L

    Dritte VIOXX-Klage in Deutschland eingereicht

    In den USA verliert der Hersteller des Schmerzmittels Merck erneut und soll nun Millionen zahlen.

    Aus:
    Der Tagesspiegel, Berlin, 7. April 2006, Seite 20 (Wirtschaft). [Original]

    BERLIN (Tsp). In Zusammenhang mit dem umstrittenen Schmerzmittel VIOXX ist eine dritte deutsche Klage gegen den US-Hersteller Merck & Co. auf den Weg gebracht worden. Der Berliner Anwalt Jörg Heynemann sagte dieser Zeitung am Donnerstag [6.4.2006], er werde noch am selben Tag die Klage einer 41-jährigen Frau beim Landgericht Köln einreichen. Sie richtet sich gegen die deutsche Merck-Tochter MSD.

    Die Arzthelferin hatte das Schmerzmittel 2 Jahre lang gegen rheumatische Beschwerden in der Schulter genommen und erst einen Herzinfarkt und später einen Schlaganfall erlitten. Die Frau sieht einen Zusammenhang mit der VIOXX-Einnahme und klagt auf mindestens 250.000 Euro Schmerzensgeld. 20 weitere Klagen von Opfern sind nach Angaben Heynemanns in Vorbereitung.

    Der US-Konzern Merck, der VIOXX im Herbst 2004 wegen des Verdachts auf schwerwiegende Nebenwirkungen vom Markt genommen hatte, hat unterdessen eine Niederlage einstecken müssen. Vor einem Gericht im US-Bundesstaat New Jersey sprach eine Jury einem 77-jährigen Kläger ein Schmerzensgeld in Höhe von 4,5 Millionen Dollar zu. Der Mann hatte nach der Einnahme von VIOXX einen Herzinfarkt erlitten. Der Aktienkurs von Merck brach daraufhin ein. In einem weiteren Fall, der auch am Mittwoch entschieden wurde, entschied die Jury dagegen zugunsten des Pharmakonzerns, weil die Jury die Einnahme des Mittels nicht als Ursache des Infarkts ansah. Damit gibt es 2 gewonnene und 2 verlorene Fälle. In den USA wurden bislang fast 10.000 Klagen eingereicht. Die Geschädigten werfen Merck vor, die Risiken des Mittels verschwiegen zu haben.

    Auf die Klagen in Deutschland haben die US-Entscheidungen nach Einschätzung von Anwalt Heynemann keine Auswirkungen. Anfang April entscheidet aber ein US-Gericht, ob auch deutsche Opfer in den USA klagen dürfen. Sie könnten dort ein wesentlich höheres Schmerzensgeld erhalten. Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland rund 7.000 VIOXX-Opfer, davon 1.000 in Berlin.

    Heynemann vertritt auch die beiden anderen deutschen Kläger, einen vor dem Landgericht Neuruppin, den anderen vor dem Landgericht Berlin. [mehr]



    V I O X X - S K A N D A L

    Merck muss weitere Millionen-Strafe zahlen

    Der US-Konzern Merck gerät wegen des Skandals um das Schmerzmittel VIOXX immer stärker unter Druck. Heute verurteilte ein Gericht den Pharmakonzern erneut zur Zahlung von neun Millionen Dollar Schadenersatz. Der Börsenkurs sackte daraufhin ab – denn noch stehen an die 1000 Klagen aus.

    Aus:
    Spiegel Online – 11. April 2006, 17.58 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

    ATLANTIC CITY. Vier Jahre lang hatte John McDarby das Schmerzmittel VIOXX eingenommen, dann erlitt er einen Herzinfarkt. Bereits letzte Woche waren dem Rentner deshalb 4,5 Millionen Dollar Schadenersatz zugesprochen worden. Nun befand die Jury den Pharmakonzern Merck außerdem für schuldig, nicht ausreichend vor den Gefahren des Medikaments gewarnt zu haben. Deshalb muss Merck McDarby nach Auffassung der Richter nun weitere 9 Millionen Dollar zahlen. Der Pharmakonzern kündigte an, gegen beide Urteile Berufung einzulegen.

    In Fachkreisen wird der Richterspruch als schwere Niederlage für Merck gewertet. Die Höhe der Summe signalisiert Analysten zufolge, dass die Jury glaube, Merck habe bewusst Informationen zurückgehalten. "Das ist ein sehr schädliches Urteil für Merck weil die Jury befand, dass das Unternehmen mit seinem Verhalten die öffentliche Sicherheit missachtet, also mehr als nur fahrlässig gehandelt hat", erklärte Rechtsprofessor Franc McClellan von der Temple University, wie der Fernsehsender BBC berichtet.

    Im Jahr 2003 machte Merck mit dem Medikament einen Umsatz von mehr als 2,5 Milliarden Dollar. 2004 allerdings wurde das Präparat vom Markt genommen, nachdem eine Studie ein erhöhtes Risiko von Herzproblemen bei Patienten aufgedeckt hatte, die das Mittel mindestens 18 Monate einnahmen. Inzwischen haben rund 1000 Menschen gegen den Pharmariesen geklagt: Sie argumentieren, das Unternehmen habe über Jahre hinweg nicht ausreichend auf mögliche Risiken hingewiesen.

    Auch die Anwälte des Klägers McDarby argumentierten in dem Verfahren, Merck habe bei der Vermarktung von VIOXX immer die Profite vor die Patientensicherheit gestellt. Merck hingegen hat stets bestritten, Ärzte oder Aufsichtsbehörden über die Risiken des Mittels getäuscht zu haben.

    Jedes Urteil um das umstrittene Schmerzmittel hat Signalwirkung für folgende Verfahren. Die Börse reagierte auf den heutigen Richterspruch denn auch mit Kursverlusten von zwischenzeitlich sechs Prozent für die Merck-Aktie. "Ich bin überrascht, dass Investoren dies nicht mit mehr Pessimismus aufnehmen", kommentierte Analyst Scott Henry von Oppenheimer & Co die Entwicklung sogar. "Die Strafzahlung wird die Anwälte von Klägern wieder motivieren", fügte er hinzu. In den bisher ausgetragenen 4 Verfahren erlitt Merck 2 Niederlagen.



    Verbesserungen bei der Autorisierung von Phase-1-Studien dringend nötig

    Aus:
    Wissenschaft-online, 14. April 2006, ??.?? Uhr MESZ (Pressemeldung). [Original]

    LONDON (The Lancet-306). Die desaströsen Vorkommnisse der TGN 1412-Studie zeigen, dass dringend Veränderungen der Freigabeverfahren und der Regulation von Phase-1-Studien biologischer Stoffe nötig sind, so das Editorial der aktuellen Ausgabe.

    Die Medicines and Healthcare products Regulatory Agency (MHRA) in Großbritannien hatte die Phase-1-Studie (erste Studie im Menschen) des Stoffes TGN 1412 von TeGenero autorisiert, bei der 6 gesunde Freiwillige schwerwiegendste Nebenwirkungen entwickelten. Der Zwischenbericht der MRHA folgert, dass es keinen Hinweis auf einen Mangel bei der Qualität der Testsubstanz, eine Kontamination oder einen Irrtum bei der Dosierung gab und dass die Studie "entsprechend des vereinbarten Protokolls" durchgeführt wurde. 'The Lancet' kommentiert jedoch: "Trotz des bekannten Risikos einer massiven Zytokin- Freisetzung, das im Dossier zu dieser Substanz und in der Prüfarztbroschüre beschrieben wurde, gibt es in den zugänglichen Dokumenten keine Erwähnung einer vorsorglichen Dosierungspause zwischen den Versuchspersonen. Die Academy of Medical Sciences schlägt vor, dass "es sinnvoll wäre, generell zu einem Zeitpunkt nur eine einzige Dosis an einen einzigen Patienten zu verabreichen, der dann für eine bestimmte Zeitspanne beobachtet wird."

    Die Art und Weise, auf die klinische Studien reguliert werden, wird nun nach Veröffentlichung des Zwischenberichts der MRHA überdacht. Personen, die Phase-1-Studien autorisieren, müssen die Unterschiede in der Vorhersagbarkeit der Toxizität aktivierender Antikörper im Vergleich mit konventionellen kleinen Molekülen bedenken, so der Leitartikel [Ed: ganz genau das ist das Problem, und wieso man daran überhaupt nicht vorher dachte, das wäre interessant zu erfahren – man darf nun wohl auf die Schadensersatzprozesse gespannt sein].

    The Lancet folgert: "Die Vorfälle mit TGN 1412 zeigen, dass es dringend nötig ist, die Zulassungsverfahren und die Regulation von Phase-1-Studien biologischer Substanzen zu ändern." [mehr] [Links dazu]



    H O R R O R M E D I K A M E N T

    Finger und Zehen fallen ab

    Der folgenschwere Arzneimitteltest in Grossbritannien wird wahrscheinlich für mindestens einen der Probanden eine dauerhafte Behinderung nach sich ziehen.

    Aus:
    20 Minuten Schweiz, 16. April 2006, 10.40 Uhr MESZ (News von jetzt!). [Original]

          TeGenero AG
    ^   Was nur haben diese TeGenero-Forscher angerichtet.   (Firmen-Logo + Corporate Profile)
    LONDON. Er werde laut Auskunft seiner Ärzte Teile seiner Finger und Zehen verlieren, sagte der 20-jährige Ryan Wilson aus London der britischen Zeitung News of the World. Wilson hatte als eine von 6 gesunden Versuchspersonen im vergangenen Monat ein neues Medikament eingenommen, das unter anderem gegen Leukämie helfen sollte.

    Er habe Herz-, Nieren- und Leberversagen erlitten sowie eine Lungenentzündung und eine Blutvergiftung gehabt, sagte der Student. Alle Probanden hatten kurz nach Einnahme des bis dahin nicht am Menschen getesteten Medikaments schwere Nebenwirkungen gezeigt [Ed: von wegen ‚Nebenwirkungen‘, es waren die Wirkungen...]. "Ich werde definitiv Teile meiner Finger und Zehen verlieren", sagte Wilson. "Mir wurde gesagt, es sei wie bei Erfrierungen, meine Finger würden einfach abfallen." Nach Angaben seiner Ärzte müsse er vermutlich noch ein halbes Jahr im Krankenhaus bleiben. Die anderen 5 erkrankten Versuchspersonen wurden bereits Anfang April aus der Klinik entlassen.

    Die 6 Männer hatten sich am 13. März gegen Zahlung von rund 2.000 Pfund (2.900 Euro) für die Erprobung der Substanz TGN 1412 zur Verfügung gestellt. Das Medikament wurde von der TeGenero AG in Würzburg hergestellt. Das Unternehmen räumte zwischenzeitlich ein, dass im Tierversuch bei Affen eine Schwellung der Lymphknoten aufgetreten sei. [mehr] [Links dazu]

    Mehr zu diesem Thema im Internet:
    [29.06.2005: Corporate Profile der BioTech-Firma TeGenero AG, Würzburg
    [16.04.2006: Drug Trial Man: I'm Losing My Fingers and Toes]  (NEWS OF THE WORLD)
    [16.04.2006: Medikamententests: Brite wird Fingerglieder verlieren]  (SPIEGEL ONLINE)



    Trockene Gangrän durch TeGenero-Antikörper

    Fallbericht in Boulevardzeitung / [Ed: der Bericht in der “News of the World” enthält auch Fotos des Patienten]

    Aus: Deutsches Ärzteblatt, 19. April 2006, ??.?? Uhr MESZ (Medizin-Nachrichten). [Original]

    LONDON (rme). Einem Bericht der britischen “News of the World” zufolge wird einer der 6 Teilnehmer der klinischen Phase-I-Studie zum Antikörper TGN 1412 zumindest mehrere Zehen und Fingerglieder verlieren. Auf den im Internet gezeigten Fotos ist klar eine trockene Gangrän zu erkennen.

    Der 20-jährige Patient wird zurzeit noch am Northwick Park Hospital in London behandelt. Zusammen mit sieben anderen Probanden hatte er am 13. März an einer Phase-I-Studie teilgenommen, in welcher der Antikörper TGN 1412 der deutschen Firma TeGenero erstmals am Menschen getestet wurde. Alle 6 Teilnehmer der Verumgruppe waren daraufhin an einem schweren “Zytokin-Release-Syndrom” erkrankt. Die Behörden haben sich aus Gründen des Datenschutzes geweigert, Einzelheiten aus den Krankenakten zu veröffentlichen.

    Der Patient, den die Boulevardzeitungen in früheren Meldungen wegen eines schweren generellen Ödems als “Elefanten-Mensch” bezeichnet hatten, ist noch immer bettlägerig, aber interviewbereit. Auf den Bildern ist er mit Verbänden an den Füßen zu sehen, welche die gangränösen Vorderfüße nur teilweise verdecken. An den Händen sind mehrere Fingerendglieder ebenfalls schwarz und vermutlich nicht mehr zu retten, so der Patient, der nach eigener Aussage darauf wartet, dass sie abfallen.

    Die Zeitung zitiert einen Experten, der meint, es könnten auch noch mehr als nur die demarkierten Endglieder abfallen. Den Ärzten ist es, soweit man dies von den Fotos her beurteilen kann, bisher gelungen, eine Infektion der Gangrän zu vermeiden, die sicherlich eine sofortige Amputation zur Folge hätte. Jetzt dürften die Ärzte abwarten, bis sich Amputationsgrenzen abzeichnen.

    Der Patient war nach der einmaligen Injektion des Antikörpers mit einem Multiorganversagen in ein Koma gefallen. Nach seinen Aussagen waren Herz, Leber und Nieren ausgefallen, und eine Pneumonie und Sepsis hätten den Verlauf kompliziert. Inzwischen kann er aufrecht im Bett sitzen. Bis er entlassen werde, könnten noch Monate vergehen.

    Eine internationale Expertengruppe unter Leitung des Molekularbiologen Gordon Duff von der Universität Sheffield soll inzwischen ihre Arbeit aufgenommen haben. Sie will in etwa 3 Monaten einen Bericht veröffentlichen.

    In einem Leserbrief in Science (2006: 312, 195) warnen Colin Begg vom Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York und Mitstreiter vor einer Gesetzesinitiative zweier republikanischer US-Senatoren. Die “Access, Compassion, Care and Ethics for Seriously Ill Patients” genannte Vorlage würde es Firmen erlauben, Medikamente ausschließlich auf der Basis von tierexperimentellen Studien und Ergebnissen einer Phase-I-Studie zu vertreiben. Die Autoren befürchten eine Überflutung des Marktes mit unwirksamen und teilweise gefährlichen Medikamenten. [mehr]



    Vier Medikamententester erhalten Entschädigung

    Aus:
    Yahoo-News, 27. April 2006, 15.02 Uhr MESZ (Wissenschaft). [Original]

    LONDON. Nach dem folgenschweren Arzneimitteltest in Großbritannien haben 4 der 6 Männer zunächst 10.000 Pfund (14.350 Euro) Entschädigung vom Hersteller des Medikaments [TeGenero] erhalten [Ed: was vermutlich viel zu wenig ist, denn wer weiß, ob sie in Zukunft nicht noch schwere, lebensverkürzende Krankheiten wie Leukämie oder Krebs bekommen]. Ihr Anwalt Martin Day sagte am Donnerstag [27.4.2006], seine Mandanten wollte darüber hinaus Schadenersatz in noch nicht näher bestimmter Höhe fordern. Die Anwältin der beiden anderen Männer wollte sich nicht dazu äußern, ob auch sie Geld erhielten.

    Alle 6 Versuchspersonen mussten nach dem Test im März mit schweren gesundheitlichen Problemen ins Krankenhaus eingeliefert werden. 5 von ihnen konnten inzwischen entlassen werden. Day erklärte, die Männer seien froh über die Zahlung. Damit verfügten sie über ausreichend Geld für die kommenden Monate. Seine Mandanten wollten sich jetzt immunologischen Untersuchungen unterziehen, um festzustellen, wie stark ihre Gesundheit geschädigt sei. Nach dem Ergebnis werde dann über die Höhe des geforderten Schadenersatzes entschieden [Ed: unklar in der Nachrichtenlage ist bislang, ob die Menschenversuche ausreichend durch Haftpflichtversicherungen abgesichert waren – danach hat offensichtlich noch kein Journalist gefragt...].

    Die 6 Männer hatten sich für die Erprobung der Substanz TGN 1412 zur Verfügung gestellt und dafür rund 2.000 Pfund (2.900 Euro) erhalten. Das Medikament, hergestellt von der TeGenero AG in Würzburg, sollte gegen rheumatische Entzündungen und Autoimmunkrankheiten sowie Leukämie helfen. [mehr]



    R Ü C K S C H L A G

    Mann stirbt zwei Jahre nach Gentherapie

    2004 hatten Mediziner den ersten Erfolg einer Gentherapie bei Erwachsenen gefeiert: Zwei Patienten mit einer seltenen Erbkrankheit bekamen genetisch veränderte Blutzellen und erholten sich zunächst. Jetzt aber ist einer der beiden Männer verstorben.

    Aus:
    Spiegel Online – 27. April 2006, 18.24 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

    FRANKFURT/MAIN. Der 28-Jährige starb vor knapp 2 Wochen in einer Düsseldorfer Klinik an einer Blutvergiftung, wie die behandelnde Ärztin Marion Ott von der Universitätsklinik Frankfurt heute sagte. Ein Zusammenhang mit der Gentherapie sei nicht ausgeschlossen. Es sei aber auch möglich, dass der Mann an seiner Grunderkrankung, einer seltenen Immunschwäche, gestorben sei. Die Studie des deutsch-schweizer Teams aus Ärzten und Wissenschaftlern sei zunächst gestoppt worden.

    Der Patient war an sogenannter chronischer Granulomatose erkrankt. Bei Menschen mit dieser seltenen Erbkrankheit ist ein Gen defekt, so dass Bakterien und Pilze im Körper von den eigentlich dafür zuständigen Fresszellen nicht mehr abgetötet werden. Solche Patienten haben häufig mit Infektionen der inneren Organe zu kämpfen.

    Mediziner aus Deutschland und der Schweiz hatten im Frühjahr 2004 zwei Männern mit der Erbkrankheit Blutstammzellen entnommen und mit Hilfe eines Virus gesunde Gene in sie eingeschleust. Anschließend injizierten die Mediziner die veränderten Zellen den Patienten. Die Gentherapie verlief zunächst bei beiden erfolgreich im April berichteten die Forscher darüber im Fachblatt Nature Medicine.

    Die Ärzte rätseln noch, warum der 28-Jährige jetzt gestorben ist. Untersuchungen von Zellproben sollen für Aufklärung sorgen. Mit ersten Ergebnissen rechnet Dieter Hoelzer, klinischer Leiter der Studie, frühestens in 4 Wochen.

    "Es sah sehr gut aus im ersten Jahr nach der Therapie, aber leider konnten wir dem Patienten nicht dauerhaft helfen", sagte der Frankfurter Molekularvirologe Manuel Grez, der die Studie koordiniert hatte.

    Die Forscher halten es für denkbar, dass der 28-Jährige eine erneute Gentherapie gebraucht hätte, um zu überleben. Dem zweiten Mann, der ebenfalls mit der Gentherapie behandelt wurde, geht es nach Aussage der Ärztin Ott derzeit "sehr gut".



    Firma zahlt erste Entschädigungen

    Eineinhalb Monate nach dem folgenschweren Medikamententest in London haben die ersten Versuchsopfer eine Entschädigung erhalten.

    Aus:
    NEWS.CH, 28. April 2006, 14.22 Uhr MESZ (News). [Original]

    LONDON/WÜRZBURG (fest/sda). Die Versicherung der deutschen Pharmafirma TeGenero zahlte nach Angaben eines britischen Anwalts an vier der Männer eine Summe von jeweils 10.000 Pfund (knapp 22.600 Franken). Bei dem Test waren Mitte März insgesamt sechs Männer schwer erkrankt. Zwei davon schwebten mehrere Tage in Lebensgefahr.

    Opferanwalt Martyn Day berichtete, dass an die Zahlung keine Bedingungen geknüpft seien. "Dies wird es meinen Mandaten ermöglichen, zumindest die nächsten schwierigen Monate zu finanzieren."

    Ursprünglich nur 5.000 Pfund

    Nach britischen Zeitungsberichten wollte TeGenero ursprünglich nur 5.000 Pfund zahlen. Ausserdem hätten sich die Opfer verpflichten sollen, bis auf weiteres keine sonstigen Ansprüche zu erheben [Ed: und das, wo – aller Wahrscheinlichkeit nach – Schadensersatz in Millionen Pfund-Höhe erforderlich werden wird – unglaublich...].

    Beim Test sollte der Wirkstoff TGN 1412 erstmals an Menschen klinisch erprobt werden. Das Mittel soll gegen rheumatische Arthritis, Leukämie und Multiple Sklerose helfen. Bei den Versuchsteilnehmern löste es jedoch Organversagen sowie starke Kopfschwellungen aus.



    Opfer fürchtet Amputation

    Die Ursache für das Organversagen bei sechs Versuchspersonen ist noch nicht gefunden. Jetzt geht es um die Entschädigung.

    Aus:
    Kölner Stadt-Anzeiger, 4. Mai 2006, 19.35 Uhr MESZ (Panorama). [Original]

    LONDON (KStA). So hatte sich der 20-jährige Ryan Wilson die vergangenen acht Wochen sicher nicht vorgestellt. Mit umgerechnet 3.000 Euro, schnell verdient bei einem Medikamententest, wollte er den Führerschein machen und in Urlaub fahren. Doch der Test mit dem neuartigen Wirkstoff TGN 1412, einem so genannten monoklonalen Antikörper, endete am 13. März nach kurzer Zeit auf der Intensivstation des Northwick-Park-Hospitals im Nordwesten Londons.

    Das Medikament, erstmals an Menschen erprobt, sollte Komponenten des Immunsystems aktivieren und Krankheiten wie rheumatoide Arthritis, Multiple Sklerose und Leukämie heilen helfen. Bei den 6 Teilnehmern – gesunden, jungen Männern zwischen 19 und 35 Jahren – führte es dagegen zu multiplem Organversagen. Ihre Arme und Beine schwollen an. Wilson traf es am schlimmsten. Drei Wochen lang lag er im Koma und schwebte in akuter Lebensgefahr.

    Doch den Ärzten gelang es, alle Patienten zu retten. Anfang April konnten 5 von ihnen entlassen werden. Nur Wilson blieb. Er muss zwar nicht mehr um sein Leben fürchten, wohl aber um seine Zehen und Finger. Sie seien schwarz angelaufen, wie bei Erfrierungen, sagte er in einem Interview. Niemand weiß, ob sie nicht amputiert werden müssen. Die anderen Männer leben wieder zu Hause, in „unterschiedlichen Stadien der Erholung“, wie Anwalt Gene Matthews erklärt. „Einmal die Woche gehen sie ins Krankenhaus zur Blutkontrolle. Sie fühlen sich schwach und geistig langsamer. Keiner sagt von sich, er sei wieder der Alte.“ Arbeiten kann derzeit niemand von ihnen.

    Was zu dem Unglücksfall geführt hat, ist bis heute unklar. Die Würzburger Herstellerfirma TeGenero und das multinationale Unternehmen Parexel, das die Tests durchführte, betonten stets, dass die heftigen Reaktionen völlig unvorhersehbar waren, alle Vorschriften und Vorsichtsmaßnahmen seien eingehalten worden [Ed: aber waren diese Vorschriften für das Testen eines derartigen monoklonalen Antikörpers ausreichend?]. Das bestätigte auch die britische Arzneimittelzulassungsbehörde. Nun soll eine Expertengruppe, angeführt von Gordon Duff, Professor für Molekularmedizin an der Universität Sheffield, den Vorfall weiter untersuchen. Bis zum Sommer erwarten die britische Gesundheitsministerin und die Regierung einen Zwischenbericht. Danach soll entschieden werden, ob solche Tests weiter zugelassen werden.

    Für die 6 Betroffenen hat derweil das Ringen um Entschädigung begonnen, die ihnen auf Grund einer vor Testbeginn unterzeichneten Vereinbarung zusteht. Vier der Männer erhielten vorläufige Übergangshilfen in Höhe von umgerechnet 15.000 Euro. Die Anwälte schätzen, dass bis zur endgültigen Einigung für alle Betroffenen bis zu 2 Jahre vergehen können. „Große Sorge“ bereite ihnen derzeit die Höhe der Versicherungssumme. „Der Test war nur mit umgerechnet etwa 3 Millionen Euro versichert“, sagt Gene Matthews, „das klingt erst einmal viel, aber wenn man bedenkt, dass die 6 möglicherweise ihr Leben lang rund um die Uhr versorgt werden müssen, sollte mindestens das Doppelte oder Dreifache zur Verfügung stehen.“



    Konsequenzen aus dem Studiendesaster um TeGenero-Antikörper

    Aus:
    Deutsches Ärzteblatt, 5. Mai 2006, ??.?? Uhr MESZ (Medizin-Nachrichten). [Original]

    LANGEN (rme). Die schweren Komplikationen, zu denen es während der Phase-I-Studie des monoklonalen Antikörpers TGN 1412 gekommen ist, werden vermutlich Konsequenzen haben. Vertreter des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) fordern in Nature Biotechnology (Maiausgabe) zusätzliche präklinische Studien, die allerdings auf besonders risikoreiche („high-risk“) Produkte beschränkt werden sollen. Im New England Journal of Medicine wird eine Registrierung der Studien in Datenbanken angeregt [Ed: was? – Das hat es bislang nicht gegeben...?].

      TGN 1412
    From Wikipedia,
    the free encyclopedia.
     
    Nach den Angaben von PEI-Leiter Johannes Löwer und Mitarbeitern ist es mehr oder weniger Zufall, dass die Studie zum Antikörper TGN 1412, die den ersten sechs Teilnehmern fast das Leben gekostet hätte, nicht in Deutschland durchgeführt wurde. Der Hersteller, das Würzburger Start-Up-Unternehmen TeGenero, hatte nämlich nicht nur bei der britischen Medicines and HealthCare Products Regulatory Agency (MHRA), sondern auch beim PEI einen Antrag gestellt. Die Zustimmung der MHRA traf allerdings 3 Wochen früher ein als aus Langen, weshalb die Firma grünes Licht für den Studienbeginn in London gegeben hatte.

    Ähnliche Anträge werden die beiden Zulassungsbehörden auch in Zukunft bearbeiten müssen, denn neben den 15 derzeit zugelassenen oder kurz vor der Einführung stehenden monoklonalen Antikörper befinden sich laut PEI noch 150 weitere monoklonale Antikörper in der Entwicklung.

    Über die Regeln, die für die präklinische und klinische Entwicklung dieser monoklonalen Antikörper gelten sollten, müsse jetzt nachgedacht werden. Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) [in Langen] möchte nach eigener Angabe mit seiner Veröffentlichung eine Diskussion zwischen Industrievertretern, Forschern und den für die Genehmigung zuständigen Behörden anregen. Es gelte Wege zu finden, die einerseits erlauben, das enorme therapeutische Potenzial der Produktgruppe der monoklonalen Antikörper weiter zu entwickeln und andererseits das Risiko für Personen, die an einer klinischen Studie teilnehmen, auf das geringste mögliche Maß zu reduzieren.

    Zunächst schlägt das PEI vor, besonders risikoreiche von weniger risikoreichen Produkten zu trennen. Dafür werden 3 Kriterien vorgeschlagen: Als hochrisikoreich sollten monoklonale Antikörper gelten, die einen neuen Wirkungsmechanismus haben (Kriterium 1), für dessen Angriffsziel im Körper es kein Tiermodell gebe (Kriterium 2) und die sich von ihrer Struktur her von den bereits getesteten monoklonalen Antikörpern unterscheiden (Kriterium 3). Für diese („high-risk“) Produkte schlägt das PEI eine erweiterte präklinische Entwicklung vor. Das können zusätzliche Experimente an Zellkulturen, aber auch weitere tierexperimentelle Studien sein. Außerdem fordert das PEI den Verzicht auf ein Kohorten-Design bei der Phase-I-Studie.

    Das Design der TGN 1412-Studie hatte vorgesehen, dass nacheinander mehrere Kohorten aus je 8 Probanden mit dem monoklonalen Antikörper exponiert werden. Jeweils sechs sollten den Antikörper, die anderen beiden ein Placebo erhalten. Die Studie musste nach der ersten Kohorten abgebrochen werden, weil ein „cytokine release syndrome“ bei allen 6 Teilnehmern ein schweres Multiorganversagen ausgelöst hatte. In Zukunft dürfte in jeder Kohorte zunächst nur ein Patient nach dem anderen exponiert werden.

    Diese Forderung stellt auch Alastair Wood von der Vanderbild Universität in Nashville (NEJM 2006: 354: 1869-1781). Wood geht jedoch noch weiter. Was wäre, wenn sich später herausstellen sollte, dass eine andere der zahllosen kleinen Start-Up- Firmen zu einem früheren Zeitpunkt einen ähnlichen monoklonale Antikörper TGN 1412 getestet hätte (wofür es keinen Hinweis gibt). Dann hätte die TGN 1412- Studie niemals beginnen dürfen. Um einen solchen Fall zu verhindern, müssten alle Studien in einem zentralen Register erfasst werden. Diese ethische Forderung ist nach Wood höher zu bewerten als die Bedenken der Hersteller, die – wie TeGenero – ihre präklinischen Daten vollständig unter Verschluss halten [Ed: hm, was haben sie zu verbergen?].

    Diese Datenbank sollte dann zumindest für die Zulassungsbehörden einsehbar sein. Mit dem Beginn der klinischen Studien sollten die Protokolle in einer öffentlich zugänglichen Datenbank wie ClinicalTrials.gov veröffentlicht werden. Dass die Daten der TGN 1412-Studie nach dem Desaster von der MHRA zunächst noch unter Verschluss gehalten wurden, hält Wood nicht für angemessen. Die MHRA hatte die Einzelheiten der Studie erst am 5. April veröffentlicht, 3 Wochen nach dem Beginn und gleichzeitigen Ende der Studie.



    K O R R U P T I O N

    Ärzte erschwindeln sich Milliarden

    Transparency International Deutschland hat Betrug, Verschwendung und Korruption im deutschen Gesundheitswesen beklagt.

    Aus:
    Focus Online – 16. Mai 2006, 13.22 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original=korruption_aid_109047.html]

    BERLIN. Die dadurch jährlich entstehenden Verluste würden auf einen zweistelligen Milliardenbetrag geschätzt, teilten die Korruptionsbekämpfer am Dienstag in Berlin mit. Die Strukturprobleme im Gesundheitswesen lägen in einem Überangebot an Waren und Dienstleistungen und der Reaktion von Bund und Ländern auf diesen Überfluss – weniger aber in der Überalterung der Gesellschaft. Kostensteigerungen für Behandlungen seien durch strukturelle Mängel wie Korruption hausgemacht.

    Marktmacht der einschlägigen Industrie

    Betrug und Verschwendung hätten sich in das Gesundheitswesen regelrecht eingefressen, heißt es in dem "Jahrbuch Korruption 2006". Die Misswirtschaft sei jedoch angesichts der Marktmacht der einschlägigen Industrie und ihrer Verbände sowie angesichts der intransparenten, verkrusteten Strukturen von Selbstverwaltung und staatlicher Aufsicht vom einzelnen Arzt, Apotheker oder Versicherten sowie vom kleinen Dienstleister kaum zu durchschauen oder gar zu verändern.

    Zu lange habe die Politik der Wirtschaft nachgegeben, kritisierte Transparency. Zu lange hätten sich die öffentlich-rechtlichen Körperschaften des Gesundheitswesens auf der Länderebene sich selbst überlassen, statt nach einem für alle verbindlichen Kontrollinstrumentarium zu suchen. Nun dürfe es kein neuerliches "Herumkurieren an Symptomen" geben. Stattdessen müssten die strukturellen Mängel des Gesundheitssystems behoben werden, forderte die Organisation mit Blick auf die Beratungen der Regierungsparteien zur Gesundheitsreform.

    Nur USA und Schweiz noch teurer

    Die Themenführerin der Arbeitsgruppe "Korruption im Gesundheitswesen", Gabriele Bojunga, forderte weitestmögliche Transparenz für Beitrags- und Steuerzahler. "Für uns ist es nicht akzeptabel, nur durch immer neue Lasten für die Versicherten auf der Arbeitgeber- und der Arbeitnehmerseite oder für alle Steuerzahler zu reagieren." Deutschland sei bei den Gesundheitskosten nach den USA und der Schweiz das drittteuerste Land; die Leistungen und der Gesundheitszustand der Bürger lägen im internationalen Vergleich aber nur im Mittelfeld.

    Konkret forderten die Korruptionsbekämpfer eine "durchgreifende Professionalisierung" der Krankenkassen, kassenärztlichen Vereinigungen und Kammern des Gesundheitswesens, um deren Entscheidungsprozesse transparenter zu machen. Zudem müssten Funktionsträger in wissenschaftlichen oder berufsständischen Organsiationen sowie ehrenamtliche Funktionäre der Selbstverwaltung in Korruptionsfällen wie Amtsträger behandelt werden.

    Offenlegungspflicht empfohlen

    Transparency empfahl zudem eine Offenlegungspflicht von Finanzierungen und Beziehungen zu Sponsoren sowie die Registrierung klinischer Studien. Teure Fehlentscheidungen im Gesundheitswesen durch "gekaufte" medizinische Sachverständige und Studien des Pharmamarketings müssten verhindert werden. Wer gar Studien manipuliere, solle härter bestraft werden. Zudem bedürfe es einer gesetzlichen Regelung zur Durchführung von Regressverfahren seitens der Krankenkassen. Auch die Etablierung von Schwerpunktstaatsanwaltschaften sei sinnvoll.

    Allein mit neuen Gesetzen, Reformen und besserer Strafverfolgung sei der "strukturellen Korruption" aber nicht beizukommen, erklärte Transparency. Es müsse eine Kultur entstehen, die Korruption im Medizinbereich ächte. "Es ist unmoralisch und unanständig, sich an einem System zu bereichern, das Menschen mit geringem Einkommen immer mehr belastet und durch Fehlkalkulation zunehmend Lücken lässt in einer flächendeckenden Gesamtversorgung."



    Antikörperstudie: Britische Behörde entlastet Hersteller

    Aus:
    Deutsches Ärzteblatt, 29. Mai 2006, ??.?? Uhr MESZ (Medizin-Nachrichten). [Original]

    LONDON (rme). Die britische Aufsichtsbehörde „Medicines and Healthcare products Regulatory Agency“ (MHRA) hat ihren Abschlussbericht zu der Phase-I-Studie mit dem monoklonalen Antikörper TGN 1412 vorgelegt, bei der Mitte März alle 6 Teilnehmer der Verumgruppe schwerste Komplikationen erlitten. Der Bericht listet einige Ungereimtheiten auf, entlastet aber im Wesentlichen den Würzburger Hersteller TeGenero und die US-Firma Parexel, die die Tests in einer Klinik in London durchgeführt hatte.

    Am 13. März diesen Jahres hatten alle 6 Probanden einer Phase-I-Studie bereits nach der ersten Injektion des immunmodulatorischen Antikörpers TGN 1412 lebensgefährliche Komplikationen erlitten. Das Präparat, das zur Behandlung von Autoimmunerkrankungen vorgesehen war, löste bei den Patienten eine überschießende Immunreaktion aus, die heute als Zytokin-Release-Syndrom bezeichnet wird und bei den Patienten zu einem Multiorganversagen geführt hat. Fünf Probanden konnten inzwischen die Klinik verlassen, während der sechste in der Klinik auf die Amputation seiner gangränösen Finger und Zehen wartet. Anders als alle anderen Antikörper, die in den letzten Jahren in die Behandlung von Krebs- und Autoimmunerkrankungen eingeführt wurden, war TGN 1412 kein Antagonist, der Stoffwechselreaktionen und Signalwege im Körper stoppt. Stattdessen führte TGN 1412 als „Super-Agonist“, wie die britische Academy of Medical Sciences kürzlich schrieb, zur Expansion von Immunzellen, genauer zur Aktivierung von so genannten regulatorischen T-Zellen.

    Dies birgt, wie man heute weiß, mehr Risiken als Vorteile, denn ganz offensichtlich wurde eine für die Probanden äußerst schädliche Immunreaktion angestoßen. Es ist in der britischen Öffentlichkeit in den letzten Wochen intensiv darüber diskutiert worden, ob der „Super-Agonist“ TGN 1412 unter den gleichen Bedingungen wie die anderen antagonistischen Antikörpern hätte getestet werden dürfen oder ob nicht verstärkte Schutzmechanismen nötig gewesen wären. Der Molekularbiologe Gregor Winter, Cambridge, der „Erfinder“ der humanisierten Antikörper, hatte gegenüber einem Radiosender der BBC erklärt, die schweren Komplikationen seien im Prinzip vorhersehbar gewesen, was der Hersteller TeGenero als grobe Vereinfachung zurückwies. Mit Spannung wurde deshalb – auch von den Anwälten der Patienten – der jetzt vorgelegte Abschlussbericht der MHRA erwartet, der Ende letzter Woche vorgelegt wurde.

    Auch wenn die BBC „Regulators slam drug trial firm“ titelte, kann von einer „knallenden“ Kritik an die Verantwortlichen der Studie keine Rede sein. Die MHRA moniert keineswegs, dass der „Super-Agonist“ TGN 1412 bei der Testung den gleichen Regeln unterworfen war wie die antagonistischen Antikörper. Die Untersuchungen betrafen nur die Frage, ob bei der Produktion der eingesetzten Antikörper oder bei der Durchführung der Studie „technische“ Fehler aufgetreten sind oder fahrlässig gehandelt wurde. Aufgelistet werden 6 „Diskrepanzen“. Sie betreffen Verstöße gegen Regeln des Good Manufacturing Practice (GMC) bei der Herstellung, gegen Regeln der Good Laboratory Practice (GLC) bei den chemischen Prüfungen oder gegen Regeln der Good Clinical Practice (GCP) bei den klinischen Prüfungen.

    Es handelt sich aber eher um banale Fehler, wie etwa Unkorrektheiten in der Dokumentation, eine fehlende Überprüfung des Versicherungsschutzes oder die frühzeitige Entlassung der Placebo-Patienten aus der Klinik. Nichts deutet darauf hin, dass die Katastrophe verhindert worden wäre, wenn diese „Diskrepanzen“ vermieden worden wären. Auch die Anwälte der Patienten zeigten sich enttäuscht von dem „völlig unangemessenen“ Bericht, der die Firmen „reingewaschen“ habe. In den nächsten Wochen dürften die Anwälte prüfen, ob sich in den Details des Berichts nicht doch noch Anhaltspunkte für mögliche Schadenersatzforderungen finden, die über jene 5.000 Pfund hinausgehen, die Presseberichten zufolge die Hersteller den Probanden angeboten haben sollen. Ob die Anwälte dabei erfolgreich sind, bleibt abzuwarten. Ganz sicher erscheint jedoch, dass die klinischen Studien zu monoklonalen Antikörpern verschärft werden. Ob jemals ein weiterer „Super-Agonist“ zur klinischen Prüfung kommt, ist eher unwahrscheinlich.



    EU erzwingt kindergerechte Arzneien

    In den USA ist es schon seit Jahren Gesetz, jetzt hat Europa endlich nachgezogen: Alle Medikamente, die künftig zugelassen werden, müssen auch für Kinder getestet werden. Damit soll einer der größten Missstände der modernen Medizin behoben werden.

    Aus:
    Spiegel Online – 1. Juni 2006, 17.26 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

    BRÜSSEL. Es ist bis heute eines der größten Probleme, mit denen Kindermediziner im Alltag zu kämpfen haben: Nur etwa 20 Prozent der Arzneimittel auf dem deutschen Markt sind ausreichend für Kinder und Jugendliche geprüft und für deren Behandlung zugelassen. Nicht selten müssen Ärzte auf Intensivstationen in waghalsigen Spontanversuchen herausfinden, wie Medikamente richtig zu dosieren sind. Oft kommt es dabei zu teils lebensbedrohlichen Nebenwirkungen.

    Im Unterschied zu den USA, wo Hersteller seit 1997 ihre Medikamente in aufwendigen klinischen Studien auch an Kindern testen müssen, gab es in Deutschland bisher keine vergleichbare gesetzliche Regelung. Das wird sich nun ändern: Das Europaparlament billigte am heutigen Donnerstag in Brüssel eine Verordnung, der zufolge künftig alle neuen Medikamente vor der Zulassung auch für Kinder klinisch getestet werden müssen. Die neue – für die Pharmaindustrie verpflichtende – Regelung soll 2007 in Kraft treten. Da Parlament und Ministerrat sich zuvor auf einen Kompromiss verständigt hatten, muss das Gesetz vom Rat nur noch formell verabschiedet werden.

    Die Pharmaindustrie hat ihre bisherige Weigerung, freiwillig Medikamente für Kinder zu testen, mit zu hohen Kosten begründet: Entsprechende klinische Studien seien extrem aufwendig, da 5 verschiedene Altersgruppen zu berücksichtigen seien und viele der Medikamente anschließend nur für kleine Zielgruppen geeignet wären – keine guten Voraussetzungen für gewinnbringende Geschäfte.

    Lukrative Patentschutz-Verlängerung

    Die EU bietet der Pharmaindustrie deshalb finanzielle Anreize: Für alle Arzneimittel, die auf kindgerechte Wirkungen untersucht wurden, wird der 20-jährige Patentschutz um 6 Monate verlängert. Das kann äußerst lukrativ sein, wie das Beispiel USA zeigt: Der US-Konzern Eli Lilly etwa sicherte sich eine sechsmonatige Verlängerung der Schutzrechte für sein Antidepressivum Prozac – und machte einen geschätzten Zusatzgewinn von 700 Millionen US-Dollar. Die US-Gesundheitsbehörde FDA ermittelte, dass Pharmafirmen mit dieser Methode in den kommenden 20 Jahren rund 29 Milliarden US-Dollar zusätzlich verdienen werden.

    Der neuen EU-Verordnung zufolge muss der Antrag auf eine Verlängerung der Patenschutzfristen 6 Monate vor Ablauf des Patents gestellt werden. Die ersten für Kinder geprüften Medikamente könnten so schon 2007, wenn die Verordnung in Kraft tritt, verfügbar sein. Damit auch Arzneimittel untersucht werden können, die schon länger am Markt sind und die keinen Patentschutz mehr haben, soll ein aus öffentlichen Mitteln finanziertes Programm aufgelegt werden.

    "Fürstliche Belohnung" für Pharmaindustrie

    Die Notwendigkeit solcher Subventionen ist allerdings umstritten. Kritiker betonen, dass Pharma-Giganten wie GlaxoSmithKline, Pfizer oder Roche, die jedes Jahr Gewinne in ein- bis zweistelliger Milliardenhöhe einfahren, klinische Studien mit Kindern durchaus bezahlen könnten. Der Grund, warum dies bisher nicht geschehen sei, sei die Furcht vor negativen Folgen für bereits zugelassene, äußerst lukrative Erwachsenen-Medikamente: Todesfälle unter Babys könnten jedem noch so erfolgreichen Blockbuster-Präparat einen potentiell irreparablen Imageschaden zufügen.

    Auch die Hersteller von Nachahmermedikamenten und die Grünen kritisierten die Verlängerung des Patentschutzes. "Es ist inakzeptabel, dass die Pharmaindustrie fürstlich für die Selbstverständlichkeit, ihre Medikamente für die Nutzung durch Kinder zu prüfen, entlohnt wird", erklärte die Grünen-Abgeordnete Hiltrud Breyer. "Obwohl die Pharmaindustrie schon eine der profitabelsten Industriesektoren darstellt, müssen die nationalen Gesundheitshaushalte diese nun dafür subventionieren, dass sie Medikamente für Kinder überprüfen."



    Ansatz zur Heilung von Autoimmunkrankheiten entdeckt

    Aus:
    Heise-Newsticker, 3. Juli 2006, 16.01 Uhr MESZ (Technology Review). [Original]

    BRAUNSCHWEIG (nbo-tr). Mediziner der Gesellschaft für Biotechnologische Forschung in Braunschweig haben eine molekulare Bremse des menschlichen Immunsystems entdeckt, die zur Heilung von Autoimmunkrankheiten führen könnte. Dazu zählen etwa Rheuma, Multiple Sklerose oder Schuppenflechte. Die Krankheiten treten auf, wenn die Zellen des Immunsystems körpereigenes Gewebe angreifen. Zahlreiche Forschungsgruppen arbeiten an der Aufklärung des Phänomens.

    Bei dem entscheidenden Molekül handelt es sich um das Eiweiß GPR 83. Es gehört zu den Rezeptormolekülen, wie sie auf der Hülle von so genannten regulatorischen T-Zellen vorkommen. Diese sind dafür verantwortlich, dass die Aktivität der aggressiven T-Zellen, die eingedrungene Bakterien oder Fremdstoffe bekämpfen, nach einer Immunreaktion wieder zurückgefahren wird – bei Autoimmunkrankheiten fehlt diese Drosselung.

    Wie Laborversuche mit Mäusen zeigten, aktivierten offenbar Stoffe, die von Autoimmunkrankheiten selbst abgesondert werden, den Versuchstieren eingespritzte regulatorische T-Zellen, die mittels Gentechnik um das Protein GPR 83 erweitert worden waren. Daraufhin klang die Aktivität der aggressiven T-Zellen ab. Den genauen Mechanismus haben die Forscher allerdings noch nicht aufgeklärt [Ed: was aber geschehen muß, bevor das Menschen wirklich helfen kann]. [Frieden für die Körperabwehr]



    F O L G E N S C H W E R E R   A R Z N E I T E S T

    TeGenero meldet Insolvenz an

    Vier Monate nach einem fatalen Arzneitest hat der Würzburger Pharmahersteller TeGenero Insolvenz beantragt. Sechs Männer waren nach der Einnahme des geplanten Leukämie-Mittels ins Koma gefallen, zwei von ihnen schwebten zeitweise in Lebensgefahr.

    Aus:
    Spiegel Online – 4. Juli 2006, 21.33 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

    TeGenero will nach Insolvenzantrag weiterarbeiten
    Aus: Frankenpost, 5.7.2006.
    WÜRZBURG. Das mit einem folgen- schweren Medikamententest in die Schlagzeilen geratene Pharmaunternehmen TeGenero will trotz einer möglicherweise drohenden Insolvenz weiter arbeiten. „Die Forschung wird ungehindert fortgesetzt. Die Finanzierung ist gesichert“, sagte der vorläufige Insolvenzverwalter Frank Hanselmann am Mittwoch in Würzburg. Das gelte auch für die Entwicklung des Wirkstoffes TGN 1412, bei dessen Erprobung im März 6 Menschen in einer Londoner Klinik schwer erkrankt waren.
    WÜRZBURG. Wegen des misslungenen Tests und der Ungewissheit über die eigentlichen Ursachen der Nebenwirkungen sei kein Geld mehr für die Weiterführung der Firma aufzutreiben gewesen, teilte das Unternehmen mit. TeGenero war im Jahr 2000 gegründet worden und hat 15 Mitarbeiter.

    Die Schadensersatzansprüche der Versuchspatienten werden nach Angaben von TeGenero weiterhin von der zuständigen Versicherung betreut. Bisher wurde den Betroffenen eine Summe von umgerechnet jeweils 14.400 Euro gezahlt.

    Im März hatten die 6 gesunden Versuchspersonen in London gegen Bezahlung das Mittel TGN 1412 eingenommen. Nach Einnahme des Medikaments, das gegen Autoimmunkrankheiten wie Multiple Sklerose, rheumatische Athritis und bestimmte Krebsarten wirken sollte, versagten den Männern mehrere Organe. Außerdem löste es bei Probanden starke Schwellungen des Kopfes aus.

    Die englischen und deutschen Zulassungsbehörden hätten inzwischen bestätigt, dass die Nebenwirkungen gänzlich unvorhersehbar gewesen seien, teilte die Firma mit. Laut einem offiziellen Untersuchungsbericht sind TeGenero keine Fehler unterlaufen. Die Nebenwirkungen seien auf eine "unvorhersehbare biologische Reaktion" im menschlichen Körper zurückzuführen, bewertete die Aufsichtsbehörde MHRA. Kritisiert wurde allerdings die US-Firma Parexel, die auf solche Tests spezialisiert ist und diese international organisiert: Das Unternehmen habe Verfahrensfehler begangen und Unterlagen der Patienten falsch bewertet.



    Medikamententest: Dramatische Spätfolgen

    Vier Probanden, die nach einem Medikamententest in London vor einem halben Jahr nur knapp überlebt hatten, könnten als Folge Krebs oder ernsthafte Autoimmunerkrankungen entwickeln. Das behauptet jetzt ein wissenschaftlicher Bericht ihrer Anwälte.

    Aus:
    Österreichischer Rundfunk (ORF), Wien, 1. August 2006, ??.?? Uhr MESZ (Medizin + Gesundheit). [Original]

    Im März dieses Jahres hatten sich insgesamt 8 Männer das neue Mittel mit der Bezeichnung TGN 1412 in einer Klinik des US-Konzerns Parexel verabreichen lassen. Der Test war Teil einer klinischen "Phase eins"-Studie, bei welcher Medikamente das erste Mal an einer kleinen Gruppe gesunder Freiwilliger auf ihre Sicherheit geprüft werden.

    Sechs der Testpersonen erlitten nach der Einnahme des Mittels der deutschen Firma TeGenero ein Multiorganversagen.

    Fatale Fehlwirkung

      TGN 1412
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    Das Medikament wurde zur Bekämpfung von Blutkrebs, Multipler Sklerose und Rheuma entwickelt. Der in einer Zellkultur erzeugte Wirkstoff TGN 1412 sollte an bestimmte T-Zellen andocken und so deren Vermehrung anregen.

    Nach Meinung von Experten hat der Wirkstoff aber vermutlich sämtliche T-Zellen aktiviert, was zu einer so genannten Superimmunreaktion führte, bei welcher die Zellen den eigenen Körper attackierten.

    Ernsthafte Konsequenzen

    Die Männer hätten sich zwar langsam erholt, aber müssen jetzt möglicherweise mit ernsthaften medizinischen Konsequenzen rechnen.

    Für die Probanden ist es eher wahrscheinlich, Lymphknotenkrebs oder ernsthafte Autoimmunkrankheiten zu bekommen, behauptet Martyn Day von der Londoner Versicherungsfirma Leigh Day and Co gegenüber dem New Scientist. Einer der Männer zeige bereits erste Anzeichen von Lymphknotenkrebs.

    Immunabwehr nachhaltig beeinträchtigt

    Der Immunologe Richard Powell vom Queen's Medical Centre, Nottingham hat im Auftrag der Firma 4 der Testpersonen über einen längeren Zeitraum beobachtet. Er stellte fest, dass sie nur über eine sehr niedrige Anzahl eines bestimmten Typs weißer Blutzellen verfügen, so genannter regulatorischer T-Zellen.

    Genau deren Vermehrung sollte die Einnahme des getesteten Medikaments bewirken. Bei gesunden Männern variiert ihre Anzahl zwischen 3 und 5 Prozent, bei den 4 Probanden liegt sie bei unter 1 Prozent.

    Suche nach Vergleich

    Die Verringerung dieses Zelltyps, der für die Immunantwort des Körpers wesentlich ist, könnte zu Autoimmunreaktionen oder zu allergischen Problemen führen. Laut Bericht hätten 3 der 4 Männer ein Risiko von über 50 Prozent eine Autoimmunerkrankung zu entwickeln, einer sogar von über 75 Prozent.

    Die Londoner Anwaltsfirma will jetzt versuchen, mit dem verantwortlichen Konzern Parexel zu einer außergerichtlichen Einigung im Sinne der Betroffenen zu kommen. [mehr]



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