Medizin kontrovers – Teil 7 khd
Stand:  22.12.2007   (27. Ed.)  –  File: Sci/Med/Medizin_kontrovers_7.html




Hier werden einige ausgewählte und besonders interessante Texte zu medizinischen Themen wie Gesundheitspolitik, Krankheiten, Kosten des Gesundheitswesen, Arzneimittel dokumentiert und manches auch kommentiert [Ed: ...]. Tipp- und Übertragungsfehler gehen zu meinen Lasten.

Im 4. bis 7. Teil wird der Berichts-Dokumentation zum „TeGenero- Skandal“ (*) viel Platz eingeräumt, da dieser für die weitere Entwicklung von mit Bio/Gen-Tech hergestellten Medikamenten wegweisende Bedeutung haben wird. Die Nummern ‚nr‘ in den dabei verwendeten HTML- Ankern ‚#TeGenero_nr‘ geben die Reihenfolge der Internet- Recherche an.

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  • Noch mehr Medizin kontrovers   (8. Teil).
  • 12.11.2007: Neue Forderungen an Contergan-Firma.
  • 09.11.2007: Merck zahlt 4,85 Milliarden Dollar in VIOXX-Sammelklage.
  • 08.11.2007: Grünenthal gibt kein Geld mehr für Contergan-Opfer. (Contergan-Skandal)
  • 07.11.2007: Gefährliche Zuckerplätzchen. (Contergan-Skandal)
  • 15.10.2007: Contergan-Hersteller kontrolliert Wikipedia-Einträge.
  • 21.09.2007: Contergan-Produzent erwägt neue Entschädigung. (Chemie-Grünenthal)
  • 19.08.2007: AOK kündigt Krankenhaus Vertrag für künstliche Gelenke ausgesetzt.
  • 14.08.2007: Falsche Gelenke: Klinik weist Schuld von sich.
  • 14.08.2007: Klinik wirft US-Firma Mitverantwortung vor.
  • 11.08.2007: Fehlerhafte Kniegelenk-Operation.
  • 08.11.2006: Forscher zweifeln an Grippe-Impfung.
  • 07.10.2006: Klagewelle wegen VIOXX-Schäden beginnt.
  • 30.09.2006: Künstliche Hüftgelenke rosten im Körper.
  • 07.09.2006: Bericht über dramatische Folgen bei Arzneitests. *
  • 07.08.2006: Krebsverdacht bei einem Teilnehmer der TeGenero-Arzneitests. *
  • 06.08.2006: Schock nach Horror-Test: Versuchsperson krebskrank. *
  • Ältere Dokumentationen  (6. Teil).
    Made with Mac


    K R E B S   N A C H   P H A R M A T E S T

    Schock nach Horror-Test: Versuchsperson krebskrank

    Der Mann hatte in London ein Medikament eingenommen, das erstmals an Menschen getestet wurde. Er und die übrigen Probanden schwebten danach tagelang in Lebensgefahr. Jetzt drohen ihnen weitere schwerste Erkrankungen.

    Aus:
    Die Welt, Berlin, 6. August 2006, Seite ?? (Medizin). [Original]

    LONDON (WELT.de/dpa/AFP). Knapp 5 Monate nach dem folgenschweren Medikamententest in Großbritannien ist einer der 6 Versuchsteilnehmer an Krebs erkrankt. Bei dem 35-jährigen David Oakley wurden erste Anzeichen von Lymphknotenkrebs festgestellt, berichteten britische Sonntagszeitungen.

    Außerdem bestehe die Gefahr, dass er unter anderem an der degenerativen Erkrankung des zentralen Nervensystems, Multiple Sklerose, sowie an Lupus und rheumatischer Arthritis erkranke. Lupus erythematodes ist eine Erkrankung, bei der sich das Immunsystem gegen das körpereigene Bindegewebe richtet und dadurch Organe zerstört.

    Es sei wahrscheinlich, dass auch die anderen 5 Testpersonen an Krebs oder einer Autoimmunkrankheit erkranken, heißt es laut Zeitungsberichten in einer unabhängigen Studie des Immunologen Richard Powell, der die Männer untersucht hat.

       
      T G N   1 4 1 2
    From Wikipedia,
    the free encyclopedia.
     
    David Oakley, der bislang nur als Patient A bekannt war, erlitt nach der Verabreichung des Wirkstoffs TGN 1412 starke Kopfschwellungen. „Als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, sagten mir die Ärzte eine vollständige Genesung voraus“, erklärte Oakley.

    „Es ist sehr erschreckend. Ich versuche, mich nicht zu sehr von dem Gedanken herunterziehen lassen, dass ich Chemotherapie machen muss oder vielleicht sterben muss“, sagte Oakley. Seine Freundin und er hätten nach der Hochzeit Kinder kriegen wollen, doch das gehe jetzt nicht mehr. Mit dem Geld für die Teilnahme an dem Arzneimitteltest habe er seine Hochzeit mit der 29-Jährigen bezahlen wollen.

    Nach dem folgenschweren Test zahlte die Versicherung des Würzburger Unternehmens TeGenero, Hersteller des Wirkstoffs, an 4 der Männer eine Summe von jeweils 14.400 Euro. Wegen der schweren gesundheitlichen Folgen fordern die 6 Testpersonen jetzt eine Entschädigung von jeweils 7,2 Millionen Euro.

    Bei dem Versuch Mitte März wurde das Medikament erstmals an Menschen klinisch getestet. Die 6 freiwilligen Versuchspersonen erhielten für ihre Teilnahme jeweils 2.800 Euro. Das in Deutschland entwickelte Mittel sollte gegen rheumatische Arthritis, Leukämie und Multiple Sklerose zum Einsatz kommen. Bei den Testpersonen löste es jedoch Organversagen und starke Kopfschwellungen aus. Zwei von ihnen schwebten tagelang in Lebensgefahr.



    T E G E N E R O - S K A N D A L

    Krebsverdacht bei einem Teilnehmer der TeGenero-Arzneitests

    Aus:
    Deutsches Ärzteblatt, 7. August 2006, ??.?? Uhr MESZ (Medizin). [Original]

    LONDON (rme). Einer der Teilnehmer des missglückten Arzneimitteltests, die im März beinahe zum Tod der Probanden führte, ist an Krebs erkrankt. Dies berichten britische Medien. Eine Bestätigung steht noch aus.

    Der 35-jährige David Oakley war einer von 6 Personen, die Mitte März im Rahmen einer Phase-I-Studie den Antikörper TGN 1412 injiziert bekommen hatten. Der Antikörper war von der Würzburger Firma TeGenero AG entwickelt worden, welche den Wirkstoff von der US-Firma Parexel am Northwick Park Hospital in London erstmals an Menschen testen ließ. Stunden nach der ersten Dosis kam es bei allen 6 Probanden der Phase-I-Studie zu einer lebensgefährlichen Komplikation, die Experten heute als Folge eines Zytokin-Release-Syndroms deuten.

    Der „superagonistische“ Antikörper sollte die Bildung von regulatorischen T-Zellen stimulieren, die bei Krebspatienten die Tumorabwehr fördern und bei Patienten mit Autoimmunerkrankungen das Gleichgewicht zu den autoreaktiven T-Zellen wiederherstellen. Dementsprechend weit gefasst war das angestrebte Indikationsspektrum, das von Krebserkrankungen bis zur rheumatoiden Arthritis und zur multiplen Sklerose reichte.

    Doch die Antikörper induzierten eine Überaktivität des Immunsystems, die binnen Stunden zum Kreislaufschock mit Multiorganversagen führte. Den Intensivmedizinern gelang es zwar, das Leben aller 6 Probanden zu retten. Alle konnten später die Klinik verlassen, einer allerdings mit Gangränen an Fingern und Vorderfüßen.

    Die anderen schienen bisher – soweit man das von außen beurteilen kann – ohne Spätfolgen davon gekommen zu sein. Doch jetzt teilte ein anderer Proband der britischen Boulevardzeitung Mail on Sunday mit, die Ärzte hätten bei ihm vor 2 Wochen eine „aggressive lymphoide Krebserkrankung“ festgestellt. Wie genau die Diagnose lautet, bleibt abzuwarten. Nach dem Pressebericht zu urteilen scheint es bisher lediglich einen Laborbefund zu geben, vermutlich eine Veränderung des Blutbildes, die bei einer Routineuntersuchung aufgefallen war. Das hindert die britischen Medien nicht, bereits über eine bevorstehende Chemotherapie gesprochen, welche den Kinderwunsch des frisch verheirateten jungen Mannes gefährden würde.

    Wenn die Meldungen stimmen, dann wäre bei dem Probanden eine der Erkrankungen aufgetreten, gegen die der Antikörper dereinst einmal eingesetzt werden sollte. Damit erscheint denkbar, dass auch die anderen Indikationen als Komplikationen auftreten könnten. Von der Boulevardpresse wurde sogleich das Bild eines Patienten gezeichnet, der nacheinander an multipler Sklerose, Lupus erythematodes und rheumatoider Arthritis erkranken werde, wofür es aber keinen konkreten Hinweis gibt.

    Ein Grund für die sensationelle Berichterstattung ist sicherlich die Tatsache, dass die Probanden von den Medien für ihre Geschichten Geld erhalten, während sie vergeblich auf eine aus ihrer Sicht angemessene Entschädigung der beteiligten Firmen warten. Laut unbestätigten Pressberichten soll TeGenero 10.000 Pfund pro Proband gezahlt haben, bevor die Firma im Juli Insolvenz anmeldete, während die US-Firma Parexel bisher jede Verantwortung abgelehnt haben soll.



    T E G E N E R O - S K A N D A L

    Bericht über dramatische Folgen bei Arzneitests

    Aus: DPA-Meldung, 7. September 2006, 21.26 Uhr MESZ (Wissenschaft). [
    Original]

    LONDON/BOSTON (dpa). Ein halbes Jahr nach den verheerenden Medikamententests in Großbritannien, bei denen 6 Männer tagelang mit dem Tod rangen, haben ihre Ärzte Details des Geschehens veröffentlicht.

    Die Ursachen für das rapide Organversagen der Patienten sei noch immer nicht geklärt, schreiben die Mediziner im New England Journal of Medicine (Bd. 355, Seite 1018) vom Donnerstag [7.9.2006]. Im März hatten die Männer in einer britischen Klinik testweise den neuen Wirkstoff der Würzburger Pharmafirma TeGenero erhalten. Das Mittel mit dem Namen TGN 1412 war für die Bekämpfung von Multipler Sklerose, Blutkrebs und Rheuma gedacht. Der Test wurde nach den katastrophalen Komplikationen eingestellt.

       
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    In Wikipedia,
    der freien Enzyklopädie.
     
    Die 6 Männer erhielten das Mittel aus Antikörpern zur Stimulierung des Immunsystems. Bereits innerhalb der ersten Stunde nach der Infusion zeigten sich massive Unverträglichkeiten bei den Männern, die sich bis zum Versagen mehrerer Organe ausweitete. "Am überraschendsten war die absolut stereotype Reaktion aller sechs Patienten auf das Mittel", schreibt das Team um Ganesh Suntharalingam, das die Männer auf der Intensivstation betreute. Der Krankheitsverlauf lasse sich in Phasen einteilen.

    Phase 1 begann mit starken Kopf- und Muskelschmerzen, Unruhe und Übelkeit. Es folgten Blutdruckschwankungen, Herzrasen und hohes Fieber. Schrittweise entzündete sich der ganze Körper. Mögliche Ursache: Zahlreiche Zellen im Körper schütteten Botenstoffe (Zytokine) aus, mit denen sie untereinander kommunizieren. Es fegte ein so genannter Zytokin- Sturm durch die Körper der Patienten.

    In Phase 2 – von Tag 1 bis 3, bei den 2 besonders schwer Erkrankten sogar bis Tag 8 – versagten einige Organe. Die Nieren arbeiteten nicht mehr richtig, die Atmung war gestört und es bildeten sich Blutgerinnsel im ganzen Körper. Alle Männer wurden an die Blutwäsche angeschlossen und erhielten Transfusionen. Zwei wurden über viele Tage künstlich beatmet. Bei einem schwoll das Gewebe am ganzen Körper derart an, dass ihn die Medien als "Elefanten- Mann" bezeichneten.

    Phae 3: Zwischen Tag 3 und 20 erholten sich die Patienten schrittweise. Ihr Immunsystem bildete neue Abwehrzellen. Alle 6 überlebten den Zwischenfall. Die genauen Ursachen soll eine Expertengruppe erforschen. Die staatliche britische Agentur für Medikamentenprüfung attestierte den beteiligten Firmen fehlerfreie Arbeit. TeGenero meldete inzwischen Insolvenz an.



    F E H L E R   D E S   H E R S T E L L E R S

    Künstliche Hüftgelenke rosten im Körper

    Zahlreiche Patienten mit künstlichen Hüftgelenken müssen sich wohl schneller als gedacht einer neuen Operation unterziehen: Eine österreichische Medizintechnik-Firma hat fehlerhafte Implantate vertrieben – und muss nun mit Schadenersatzprozessen rechnen.

    Aus:
    Spiegel Online – 30. September 2006, ??.?? Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

    WIEN (itz/HB). Die österreichische Firma Falcon Medical hat das künstliches Hüftsystem, das bei bestimmten Patienten im Körper anfängt zu rosten und zerbrechen kann, in den Jahren 2003 bis 2005 vertrieben.

    Nach einem Bericht des Handelsblatts haben sich 2.500 Patienten in Deutschland, Österreich und Italien das schadhafte Implantat einbauen lassen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn hat bereits entsprechende Warnhinweise veröffentlicht.

    Josef Riedel, Geschäftsführer von Falcon Medical, bedauert laut Zeitungsbericht den Fehler: "Die Operation, um das Implantat auszutauschen, dauert in der Regel eine Stunde", sagt er. "Aber für jeden Patienten ist eine weitere Operation natürlich eine große Belastung."

    Er rechnet damit, dass 80 Prozent der Implantate weiter einwandfrei funktionieren werden, da eine "Versprödung des Materials" nur unter bestimmten Konstellationen beobachtet worden sei.

    Das Unternehmen versucht derzeit, sich mit den bisher Betroffenen auf Schadenersatzzahlungen zu einigen. In Deutschland haben Patienten bereits erste Prozesse gegen den österreichischen Hersteller angestrengt.



    S C H A D E N S E R S A T Z

    Klagewelle wegen VIOXX-Schäden beginnt

    Aus:
    Spiegel-Pressemeldung – 7. Oktober 2006, ??.?? Uhr MESZ zum Artikel "Big Business am Pranger" im SPIEGEL – 41/2006, 9. Oktober 2006, Seite 92–94 (Wirtschaft) von UDO LUDWIG und HOLGER STARK.

    HAMBURG. Mehrere hundert Patienten, die sich durch das Schmerzmittel VIOXX geschädigt sehen, werden in diesem Monat Klagen gegen MSD Sharp & Dohme einreichen, der in Haar bei München ansässigen deutschen Tochter des amerikanischen Pharmariesen Merck. Wie der SPIEGEL in seiner neuen Ausgabe berichtet, bearbeiten deutsche Anwälte rund 1.000 Fälle von VIOXX-Kunden, die zumeist Herzinfarkte und Schlaganfälle erlitten hatten. Die Schadenssumme beläuft sich laut Anwälten auf rund 250 Millionen Euro.

    In den USA hatten VIOXX-Geschädigte in erster Instanz zum Teil mehrere Millionen Dollar Schmerzensgeld zugesprochen bekommen. Ende August hatte ein Richter in New Orleans in einem Fall aus Frankreich entschieden, dass Europäer ihre Ansprüche in ihren Heimatländern geltend machen sollen. Deshalb werden deutsche Medizin- und Opferanwälte ihre Klagen nun bei deutschen Gerichten einreichen. Rund ein Dutzend Klagen sind bereits anhängig. MSD hat es wie der amerikanische Mutterkonzern bisher abgelehnt, Schadens- oder Schmerzensgeldzahlungen zu leisten. [mehr]



    Forscher zweifeln an Grippe-Impfung

    Britischer Immunologe behauptet: Alljährliche Kampagnen sind wirkungslos. Studien stützen seine These.

    Aus:
    Berliner Morgenpost, 8. November 2006, Seite ?? (Wissen) von ELKE BODDERAS. [Original]

    BERLIN (BM). Macht es Sinn, sich gegen Grippe zu impfen? Nein – sagt der britische Immunologe Tom Jefferson. Eine Influenza-Impfung habe keine oder fast keine Wirkung, weltweit sei jedenfalls keine belastbare Studie zu finden, die das Gegenteil belege. Jefferson leitet bei der internationalen Cochrane-Vereinigung in Rom den Fachbereich "Impfungen". In der letzten Ausgabe des Fachmagazins British Medical Journal hat er seine Zweifel an den herbstlichen Impfkampagnen der Vereinten Nationen zusammengefasst.

    Gruppen unter 300 Personen sind statistisch nicht aussagekräftig

    Tom Jefferson hat "systematische Reviews" ausgewertet, das sind Übersichtsarbeiten, die Forscher auf der ganzen Welt zum Thema Influenza-Impfung zusammengetragen haben. "Die Studien sind alle von bedrückend schlechter Qualität", kritisiert der Mediziner.

    "Die meisten Studien sind viel zu klein, um aussagekräftig zu sein", sagt Jefferson, "meistens werden Gruppen bis zu 300 Menschen untersucht, das ist statistisch nicht relevant."

    Dass die Spritze besonders ältere Menschen über 65 schützen könne, sei wissenschaftlich nicht haltbar, sagt Jefferson. Die jüngste Studie dazu wurde 2004 verfasst. Ihr Fazit: Wenn 302 Menschen über 60 Jahre geimpft würden, lasse sich ein Todesfall verhindern, berechneten die Epidemiologen (JAMA, Bd. 292, S. 2089, 2004). Eine jährliche Auffrischung reduziere die Sterblichkeit sogar noch weiter.

    Derartige Studien sieht auch Professor Hans-Dieter Klenk skeptisch. Er ist Leiter der Virologie und Influenza-Experte an der Universität Marburg: "Um aussagekräftig zu sein, muss man mindestens 1000 Probanden haben", sagt Klenk.

    Sponsoren haben indirekt einen großen Einfluss auf Studien

    Für Hans-Hermann Dubben reicht selbst das nicht. "Um herauszufinden, ob eine Grippeschutzimpfung hilft, müsste man mindestens 100.000 Menschen untersuchen und zwar weltweit", sagt Dubben. Der Professor für Allgemeinmedizin lehrt an der Universität Hamburg und hat viele Bücher über Irrtümer in der Wissenschaft geschrieben. "Eine derartige Großstudie wäre natürlich extrem aufwendig, aber alles andere sind Laborversuche, die kaum belastbar sind."

    Dubben hat sich viele wissenschaftliche Studien aller Disziplinen angeschaut, die meisten sieht er skeptisch. "Besonders bei Sponsoren aus der Industrie ist der Druck groß, ein positives Ergebnis zu bekommen", sagt Dubben. "Welcher Uni-Forscher kann schon widerstehen, für einen großen Pharmakonzern zu publizieren?" Die Sponsoren der Influenza-Impfstudien sind laut Immunologe Jefferson etwa zu gleichen Teilen in den Gesundheitsbehörden und der Industrie zu finden.

    Für ihn zählt der Impfstoff-Markt zu einem der größten in der Medizin. In Deutschland ist er milliardenschwer. In Deutschland gab das Frankfurter Paul-Ehrlich-Institut diesen Herbst etwa 23 Millionen Dosen frei. Eine Spritze kostet zurzeit zwischen 8 und 21 Euro, dazu kommen die Arztkosten, pro Patient etwa 5,60 Euro. 2005 ließen sich laut Angaben der Arbeitsgemeinschaft Influenza 20,1 Millionen Menschen in Deutschland gegen die Grippe impfen.

    Falsche Prognose der WHO blieb ohne Auswirkungen

    Die Impfung gegen Influenza hat einen mächtigen Haken, das ist unter Experten unumstritten: Sie ist nicht zuverlässig. "Selbst Geimpfte können krank werden und sterben", sagt Alexander Kekulé, Virologe und Mikrobiologe von der Universität Halle-Wittenberg. Die Viren verändern sich ständig, entsprechend stellen die Institute und Konzerne Jahr für Jahr einen neuen Impfcocktail zusammen.

    2005 hat die Impfempfehlung der WHO nichts gebracht, ihre Prognose war katastrophal. Die Experten hatten den Feldzug der Viren Typ "Influenza B/Yamagata" prophezeit. Stattdessen fiel ein anderer Erreger über Deutschland her: "Influenza-B/Victoria". Ausreichend geimpft war also niemand, heftiger als sonst schlug das Virus dennoch nicht zu. [Fragen an Tom Jefferson]



    M E D I Z I N - S K A N D A L

    Fehlerhafte Operation: 47 Berlinern falsches Kniegelenk eingesetzt

    Im katholischen Sankt-Hedwig- Krankenhaus in Berlin-Mitte sind bei 47 Patienten künstliche Kniegelenke falsch eingesetzt worden. Die Prothesen hätten in den Oberschenkelknochen eigentlich fest einzementiert werden müssen. Stattdessen wurde davon ausgegangen, dass es sich bei den künstlichen Gelenken um zementfreie Prothesen handelte.

    Aus:
    Berliner Morgenpost, 11. August 2007, 17.35 Uhr MESZ (xxx) von TANJA KOTLORZ. [Original=1096822.html]

    BERLIN (BM). 47 Berliner Kniepatienten haben kürzlich von ihrem Krankenhaus einen Anruf bekommen, dass sie sich besser noch einmal am Knie operieren lassen sollten. Bei diesen Patienten wurden im katholischen Sankt-Hedwig-Krankenhaus in Berlin-Mitte Knieprothesen falsch implantiert. Die Chirurgen und OP-Krankenschwestern waren davon ausgegangen, dass sie Prothesen einsetzen, die nicht mit Knochenzement fixiert werden müssen. Solche Prothesen sind etwas poröser, so dass der Knochen einwachsen kann und somit dem künstlichen Gelenk Halt gibt. Diese Kunstgelenke werden meist verwendet, wenn der chronische, entzündliche Knochenverschleiß (Arthrose) noch nicht so weit fortgeschritten ist, dass der Knochen noch in die Prothese wachsen kann.

    Aber die Klinikärzte im Sankt-Hedwig-Krankenhaus setzten im Zeitraum von Mai 2006 bis März 2007 Prothesen ohne Knochenzement ein, die aber zementiert werden müssen, um im Knochen die notwendige Festigkeit zu erlangen. Die Folge: "Die Gelenke werden nicht so schön stabil", sagt der Orthopäde und leitende Arzt im Zentrum für Endoprothetik im Krankenhaus Hedwigshöhe, Martin Lilge. Die falsch implantierten Gelenke "wachsen nicht ein", sagt der Arzt. Die "wackelnden" Prothesen verursachten zudem Schmerzen.

    Deshalb habe die Klinik alle Betroffenen sofort informiert, sagt der Geschäftsführer der Gesellschaft der Alexianerbrüder mbH, zu der das Sankt-Hedwig-Krankenhaus gehört, Reinhard Nieper. Den Patienten sei nahegelegt worden, sich noch einmal operieren zu lassen. Ein Drittel der Betroffenen habe dies bereits getan und sich im selben Krankenhaus noch mal ein neues künstliches Kniegelenk einsetzen lassen. Die Operation dauert etwa zwei Stunden und kostet 6500 Euro. Ferner informierte die Klinik die Betroffenen darüber, dass sie Anspruch auf Schmerzensgeld und Schadenersatz hätten. Bislang habe noch kein Patient Klage eingereicht oder Schmerzensgeld gefordert. Dies zeuge davon, dass die Patienten weiterhin Vertrauen in die Klinik setzten, so Nieper.

    Aufgefallen war der Fehler, als die amerikanische Prothesenfirma plötzlich zusätzliche farbige Aufkleber in deutscher Schrift auf den Prothesenverpackungen anbrachte. Darauf stehen die Zusatzinfos: "CS zementfrei" mit rotem Aufkleber und "CR zementpflichtig" mit blauem Aufkleber. Erst da fiel der Berliner Klinik auf, dass über den Zeitraum von fast einem Jahr zementpflichtige Prothesen im OP-Fach für zementfreie Prothesen einsortiert und offenbar falsch eingesetzt worden waren. Beim Einsortieren hatte das Berliner Klinikpersonal die englischsprachige Aufschrift "Non-Modular Cemented" falsch als "zementfrei" übersetzt. Dabei heißt "Non-Modular Cemented" übersetzt "ohne Schaft zementieren". Auch der Herstellerfirma, die die Einführung der Prothese in der Klinik überwacht hat, sei der Fehler nicht aufgefallen. "Die Firma hat die fehlerhafte Einsortierung sogar bestätigt", sagt Nieper. Deshalb erhebe die Berliner Klinik auch Schadenersatzforderungen gegenüber der Herstellerfirma.

    Optisch unterscheiden sich beide Prothesen kaum voneinander. Bei Kunstgelenken, die einzementiert werden müssen, ist die Oberfläche etwas glatter als bei zementfreien Prothesen.

    "Hier ist ein Fehler passiert, der nicht hätte passieren dürfen. Wir sehen uns als Krankenhaus in der Verantwortung", sagt Nieper. Die Krankenkassen und die Gesundheitsverwaltung seien informiert. Gesundheitsstaatssekretär Benjamin Hoff (Die Linke) bezeichnete den Vorfall als "Tragödie für die Patienten". Er lobte aber auch das "lehrbuchhafte Krisenmanagement" des Sankt-Hedwig-Krankenhauses. [B.Z.: Ich litt 13 Monate höllische Schmerzen] [mehr]

    Man macht sich Gedanken...

    14.8.2007 (khd). Nach einem Bericht des Berliner Tagesspiegel handelt es sich beim Hersteller der Kniegelenk-Prothesen um das britische Medizintechnik-Unternehmen Smith & Nephew. Nach Informationen des InfoRadio Berlin rollen inzwischen die Schadenersatzklagen von falsch behandelten Patienten an.

    Auf der deutschsprachigen Orthopädie-Homepage des Herstellers heißt es heute noch: „Wir von Smith & Nephew sind stolz darauf, Menschen dabei zu helfen, in ihr normales Leben zurückzufinden. Jeden Tag tragen Produkte von Smith & Nephew dazu bei, dass sich Menschen wieder so bewegen können, wie sie es gewohnt waren. Wir machen uns Gedanken um den individuellen Menschen und seine Bedürfnisse – um unsere Kunden, deren Patienten und unsere Mitarbeiter.“ [mehr]



    M E D I Z I N - S K A N D A L

    Klinik wirft US-Firma* Mitverantwortung vor

    Nach der Verpflanzung 47 falscher Kniegelenke am Berliner Sankt-Hedwig-Krankenhaus wirft der Klinik-Geschäftsführer der US-Medizinprodukte-Firma Smith & Nephew nun Fehler und somit eine hohe Mitverantwortung vor. Der Hersteller habe die Verpackungen fehlerhaft beschriftet.

    Aus:
    Die Welt, Berlin, 14. August 2007, 14.56 Uhr MESZ (Berlin) von T. LANINGER, K. SCHOELKOPF und B. SCHMIEMANN.
    * = [Ed: Das ist peinlich für Profi-Journalisten. Es ist eine britische Firma, was mit nur 2–3 Mausklicks feststellbar gewesen wäre] [Original]

    BERLIN (welt.de). Dem Berliner Sankt-Hedwig-Krankenhaus steht eine Sonderprüfung ins Haus: Am Donnerstag [16.8.2007] werden Mitarbeiter des Landesamtes für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit (Lagetsi) Mitarbeitern der Klinik im Bezirk Mitte Fragen stellen und Unterlagen einsehen. "Wir überprüfen, ob richtig und sauber gearbeitet wurde", erklärt Lagetsi-Sprecher Robert Rath. Jede Klinik als Nutzer von medizinischen Produkten habe Verpflichtungen. "Wir untersuchen, wie die Dokumentation der Arbeit, deren Organisation sowie die Einweisung neuer Produkte gehandhabt wurde", so Rath.

    Derweil sieht die Leitung des Krankenhauses im Skandal des falschen Einbaus von 47 künstlichen Kniegelenken sowie um implantierte fehlerhafte Hüftgelenke eine "hohe Mitverantwortung" bei den Herstellern der Prothesen. "Wir sind gezwungen, die Ursache für den Schaden zu benennen, da jetzt von den Herstellern versucht wird, ihre Fehler den Kliniken in die Schuhe zu schieben", sagte der Geschäftsführer der Gesellschaft der Alexianerstiftung, Reinhard Nieper, am Dienstag [14.8.2007]. Im Fall der Kniegelenke, die, obwohl sie hätten einzementiert werden müssen, ohne Zement eingesetzt wurden, sei der Prothesen-Hersteller Smith & Nephew in der Verantwortung. So habe eine akademisch ausgebildete und qualifizierte Mitarbeiterin des Herstellers die letztlich fehlerhafte Einsortierung der Gelenke im OP-Lager durch zwei Krankenhaus-Mitarbeiter abgenommen und diesen bestätigt, dass korrekt einsortiert worden sei. Diese Firmen-Mitarbeiterin sei auch bei der Erst-OP der Gelenke anwesend gewesen und habe den Operateur nicht darauf hingewiesen, dass das Kniegelenk hätte einzementiert werden müssen, sagte Nieper.

    "Fehlerhafte Beschriftung"

    Überdies habe der Hersteller die Prothesen unzureichend gekennzeichnet. So sei die Verpackung der Kniegelenke nur englisch beschriftet gewesen, weitere Komponenten hätten sogar rote Aufkleber mit fehlerhafter deutscher Übersetzung gehabt. Dadurch sei das Produkt als "CS zementfrei" ausgewiesen worden, obwohl auf der Packung in Englisch "for cemented use only" stand. Der Haftpflichtversicherer der Klinik, R&V, will deswegen Regressansprüche gegen Smith & Nephew geltend machen. Das kündigt Sprecherin Stefanie Simon an. "Eine nur englischsprachige Beschriftung ist nicht eindeutig." Die Firma habe sie später selbst auf Deutsch umgestellt. Das erklärt der Hersteller mit "Routine".

    Auch das Lagetsi moniert, dass eine deutschsprachige Betriebsanleitung, zu der auch die Verpackung gehöre, fehlt. "Nach unseren Informationen war das Implantat fehlerhaft deklariert", sagt Rath. Nun schalte das Lagetsi seine Schwesterbehörde am Stammsitz der Firma in Hamburg ein.

    Der Hersteller weist die Vorwürfe zurück

    Smith & Nephew wies die Vorwürfe am Dienstag zurück. "Sämtliche Knieprothesen sind richtig und unmissverständlich beschriftet und verpackt an die Klinik ausgeliefert worden", sagte Stefan Pickartz, Geschäftsführer von Smith & Nephew in Deutschland. Dies habe eine zügige Überprüfung ergeben. Das betreffende Produkt werde seit rund 15 Jahren in der gleichen unveränderten Ausführung europaweit vertrieben und allein in Deutschland in mehr als 40 Kliniken regelmäßig implantiert. In all den Jahren sei es noch nie zu einer Verwechslung gekommen. "Der fehlerhafte Umgang in Berlin ist ein Einzelfall", so Pickartz.

    Nach Schätzungen Reinhard Niepers von der Alexianerstiftung wird das zu zementierende Knie-Implantat von Smith & Nephew in 5 bis 6 Berliner Kliniken eingesetzt. So auch im Krankenhaus Hedwigshöhe, das ebenfalls zu den Alexianern gehört. Dort wurden die zementpflichtigen Prothesen offensichtlich korrekt erkannt. Die Implantate seien im Mai 2006 richtig einsortiert worden, abgenommen von derselben Smith & Nephew-Mitarbeiterin wie im Sankt-Hedwig-Krankenhaus, sagt Nieper.

    Auch andere Berliner Kliniken verwenden die Implantate

    Auch die Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie der DRK-Kliniken-Westend benutzt genau die gleichen, zu zementierenden Knie-Implantate von Smith & Nephew. "Wir verwenden sie seit Jahren und haben gute Erfahrungen gemacht und gute Ergebnisse erzielt", sagt Leiter Heinz-Helge Schauwecker. Die englische Beschriftung sei nie ein Problem gewesen. Außerdem lasse sich jeder Operateur die Verpackung von der OP-Schwester zeigen und kontrolliere durch Nachlesen, ob es sich um das zum Patienten passende Produkt handele. "Danach schaut jeder Operateur sich die Teile, bevor er sie einsetzt, genau an, schließlich unterscheiden sich die verschiedenen Produkte in ihrer Struktur und Oberflächenbeschaffenheit", so Schauwecker. Der 63-Jährige ist seit mehr als 40 Jahren in der Chirurgie tätig.

    In den Vivantes Kliniken Neukölln, Spandau, Prenzlauer Berg und dem Auguste-Viktoria-Klinikum wird diese Variante des Knie-Implantats nicht eingesetzt, dafür andere Komponenten des Herstellers Smith & Nephew. Vivantes-Sprecher Uwe Dolderer schließt systematische Fehler beim Einsetzen von Knie-Implantaten aus: "Es gibt im Zuge der Operation ein standardisiertes Verfahren, in das mehrere Kontrollstufen eingebaut sind."

    In der Charité-Universitätsmedizin und den Berliner Helios-Kliniken werden und wurden keine Produkte der Firma Smith & Nephew verwendet. Auch gelten andere Prüfkriterien als im Sankt-Hedwig-Krankenhaus. Der stellvertretende Ärztliche Direktor der Charité, Dr. Lutz Fritsche, sagt, dass jeder Operateur vor dem Einsatz selbst die Verpackung der Prothese prüfe, um Verwechslungen auszuschließen. Helios-Sprecherin Brigitte Jochum ergänzt, dass jedes Implantat laserbeschriftet sei und nicht zuletzt durch Augenschein erkennbar sei, ob es sich um ein zementfreies oder zementpflichtiges Gelenk handelt. Auch sie schließt systematische Fehler aus.

    Der Sprecher von Smith & Nephew, Hartmut Vennen, weist den Vorwurf zurück, dass eine Mitarbeiterin des Herstellers die falsche Einsortierung abgesegnet habe. "Das ist überhaupt nicht ihre Aufgabe", so Vennen. Er verwies auf die letzte Verantwortung der Operateure. Sie müssten entscheiden, welche Gelenke sie implantierten.

    Klinik schließt Fehler der Chirurgen aus

    Reinhard Nieper schließt das allerdings aus: "Es liegt kein Verschulden der Operateure vor, davon gehen wir aus." Allerdings, das bestätigte auch er, unterscheiden sich die zementfreien- und -pflichtigen Implantate in der Oberfläche. Die zementpflichtigen haben eine glatte, die zementfreien eine raue Oberfläche. Wie es heißt, waren im Sankt-Hedwig-Krankenhaus drei Operateure an den 47 fehlerhaften Kniegelenk-Eingriffen beteiligt.

    Im anderen Fall, dem der fehlerhaften Hüftprothesen, wies die Klinik Vorwürfe zurück, Patienten nicht umgehend informiert zu haben, nachdem der Hersteller Falcon Medical im Januar 2005 die Prothesen vom Markt genommen hatte. Da im gleichen Monat, am 4. Januar 2005, eine eingebaute Hüftprothese brach, habe die Klinik sofort Falcon aufgefordert, ihr mitzuteilen, ob es sich bei dem Schaden um einen Einzelfall oder einen Serienschaden handele, sagte Nieper am Dienstag. Von Januar 2005 bis Juni 2007 habe es einen Schriftwechsel mit Falcon gegeben, aus dem aber vonseiten der Firma nie hervorging, ob ein Serienfehler vorliege. Daher habe man die Patienten auch nicht benachrichtigt, so Nieper. "Man kann Patienten nicht auf Verdacht informieren."

    "Alles nur Einzelfälle"

    Erst auf Druck der Öffentlichkeit habe Falcon am 26. Juni 2007 der Klinik ein Gutachten zugesandt. Daraufhin seien am 6. Juli 2007 alle Patienten über das fehlerhafte Produkt informiert worden. Vonseiten Falcons hieß es am Dienstag, dass der Klinik bereits am 24. August 2005 ein Gutachten der Bundesanstalt für Materialprüfung zur Verfügung gestellt worden sei. "Daraus ging hervor, dass es sich um Einzelfälle handelte, wobei dies viel Spielraum für Interpretationen lässt", sagte Michael Radel von Falcon.

    Berlins Gesundheitsstaatssekretär Benjamin Hoff (Die Linke) hat ein europäisches Schnellwarnsystem für fehlerhafte Medizinprodukte gefordert. "Wir benötigen hier die gleichen Standards wie bei der Lebensmittelsicherheit", sagte Hoff, der sich am Dienstag im Hedwig-Krankenhaus über die aktuellen Vorgänge informieren ließ. Der Klinik bescheinigte er:"Es bleibt dabei, es gibt kein fehlerhaftes Verhalten des Krankenhauses." Michael Schmidt, der seit 14 Jahren den Regressbereich der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) leitet, kritisierte dagegen, dass die Klinik die Krankenkassen nicht informiert habe. "Wenn das Krankenhaus die Schuld nur beim Hersteller sieht, verkennt es seine eigene Sorgfaltspflicht." [mehr]

    Weiterführende Links:
    [00.00.2007: Neue Vorwürfe nach Skandal um Knie-OP]  (DIE WELT)
    [00.00.2007: Was tun bei Behandlungsfehlern?]  (DIE WELT)
    [00.00.2007: Rentnerin schildert ihren Leidensweg]  (DIE WELT)
    [00.00.2007: 47 Berlinern falsches Kniegelenk eingesetzt]  (DIE WELT)
    [00.00.2007: Anzeige gegen St. Hedwig und Hersteller ]  (DIE WELT)



    M E D I Z I N - S K A N D A L

    Falsche Gelenke: Klinik weist Schuld von sich

    Die Gelenke waren laut Klinikleitung falsch ausgezeichnet.

    Aus:
    RBB, Berlin, 14. August 2007, 17.57 Uhr MESZ (Aktuell). [Original=key=news6286695.html]

    BERLIN. Das Berliner Sankt-Hedwig-Krankenhaus hat die Verantwortung für die Verpflanzung von 47 ungeeigneten Kniegelenken von sich gewiesen. Auch der Hersteller schloss jedoch Fehler im eigenen Haus aus.

    Die Klinikleitung argumentierte am Dienstag [14.8.2007] mit einer irreführenden Beschriftung der Kniegelenk-Verpackungen der US-Medizinprodukte-Firma "Smith & Nephew". An einigen Kartons klebten rote Schildchen des Herstellers mit der Aufschrift "zementfrei". Die englische Beschriftung lautete allerdings "for cemented use only" (nur mit Zement zu benutzen).

    "Das ist ein Fehler des Herstellers", sagte Klinik-Geschäftsführer Reinhard Niebel. Die Ärzte im OP hätten keine Chance gehabt, den Irrtum zu bemerken. Nach Angaben des Krankenhauses hatte eine Mitarbeiterin der Herstellerfirma Verpackungen falsch einsortiert. Dagegen teilte "Smith & Nephew" mit, die Prothesen seien richtig und unmissverständlich beschriftet gewesen und korrekt etikettiert an das Berliner Krankenhaus ausgeliefert worden. In Deutschland würden die künstlichen Kniegelenke in gleicher Ausführung seit 15 Jahren in mehr als 40 Kliniken regelmäßig implantiert. Dabei sei es noch nie zu Verwechslungen gekommen.

    13 der insgesamt 47 betroffenen Patienten haben sich laut Klinik inzwischen in einer erneuten Operation die richtigen Prothesen einsetzen lassen. Sieben weitere Betroffene sind dafür angemeldet. In zwei Fällen wurden Klagen angekündigt. [mehr]



    M E D I Z I N - S K A N D A L

    AOK kündigt Krankenhaus

    Vertrag für künstliche Gelenke ausgesetzt.

    Aus:
    Der Tagesspiegel, Berlin, 19. August 2007, Seite 10 (Berlin). [Original=;art270,2360730]

    BERLIN (Tsp/CS). Berlins größte Krankenkasse, die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK), hat erste einschneidende Konsequenzen aus dem Skandal um falsch eingesetzte Knie- und Hüftgelenke im St.-Hedwig-Krankenhaus in Mitte gezogen. Die Kasse setzte einen sogenannten "integrierten Versorgungsvertrag für Knie- und Hüftgelenke" mit der Klinik vorerst aus und beendete damit ihre Zusammenarbeit auf diesem Gebiet. Die Vereinbarung werde aller Voraussicht nach auch noch aufgehoben, hieß es bei der AOK. Ziel des 2005 abgeschlossenen Vertrages war ein umfassendes Versorgungskonzept zur Verbesserung der Behandlungsqualität.

    Krankenhäuser mit besonders qualifizierten Fachärzten wurden dazu ausgewählt. Die Operateure sollten laut Vertrag mindestens 50 OP's an Knie- und Hüftgelenken pro Jahr vornehmen und sich nachweislich regelmäßig fortbilden. "Hohe Anforderungen" würden zum Wohle der AOK-Patienten gestellt, erklärte damals ein Vertreter des St.-Hedwig-Krankenhauses anlässlich des Vertragsabschlusses. Dazu gehörte, dass die Klinik enger mit den niedergelassenen Orthopäden und Physiotherapeuten zusammenarbeitete und so eine integrierte ganzheitliche Versorgung sicherstellte. Das sollte unnötige Mehrfachuntersuchungen vermeiden. Außerdem übernahm das Krankenhaus im Falle von Behandlungs- und Materialfehlern bei Kniegelenken eine Gewährleistung von 8 Jahren, bei Hüftgelenken von 10s Jahren.

    Gleichlautende Verträge schloss die AOK 2005 mit 4 weiteren Kliniken ab – mit dem Krankenhaus Hedwigshöhe in Treptow, dem Evangelischen Waldkrankenhaus Spandau, dem Martin-Luther-Krankenhaus in Charlottenburg/Wilmersdorf und der Elisabeth Klinik in Mitte. Wie berichtet, hat das St.-Hedwig-Krankenhaus in 47 bekannt gewordenen Fällen falsche Kniegelenksprothesen eingesetzt. Die Zahl der implantierten fehlerhaften Hüftgelenke ist noch unklar. [mehr]



    M E D I K A M E N T E N - S K A N D A L   V O N   1 9 5 7

    Contergan-Produzent erwägt neue Entschädigung

    Am 1. Oktober vor 50 Jahren wurde das Medikament Contergan auf den Markt gebracht, das embryonale Missbildungen hervorrief. Die Produzenten-Familie Grünenthal prüft jetzt offenbar, wie sie den Opfern weiter helfen kann [Ed: hm, hat eigentlich der Hamburger Kinderarzt Widukind Lenz (1919–1995), der 1961 den Contergan-Skandal aufdeckte und daraufhin arg von der Chemie-Grünenthal ‚bedrängt‘ wurde, je eine staatliche Anerkennung (Bundesverdienstkreuz) für seine mutige Leistung erhalten? — Ja, er hat das Bundesverdienstkreuz erhalten].

    Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 21. September 2007, 8.01 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original=xxx]

       
      G r ü n e n t h a l
    In Wikipedia,
    der freien Enzyklopädie.
     
    HAMBURG (Tsp/AFP). Contergan sei "etwas, was meiner Familie sehr leid tut", sagte der Geschäftsführende Gesellschafter von Grünenthal, Sebastian Wirtz, der Financial Times. "Ich denke darüber nach, wie, gegenüber wem, wann, mit welchen Konsequenzen und auf welche Weise eine Entschuldigung möglich ist", fügte Wirtz hinzu. Contergan werde "immer ein wichtiger Teil unserer Geschichte bleiben." Am 1. Oktober jährt sich zum 50. Mal die Markteinführung des Medikaments, das 1961 vom Markt genommen wurde, weil es bei Schwangeren das Risiko embryonaler Missbildungen gesteigert hatte.

       
      T h a l i d o m i d
    In Wikipedia,
    der freien Enzyklopädie.
     
    Wirtz habe angedeutet, dass er über eine angemessene Geste an jene nachdenke, die mit von Contergan hervorgerufenen Beeinträchtigungen leben. Grünenthal hatte 100 Millionen Mark für einen Entschädigungsfonds bereitgestellt, mit dem den Contergan-Opfern geholfen wurde. Ein Strafverfahren gegen mehrere Mitarbeiter des Unternehmens war daraufhin 1970 eingestellt worden. Contergan wurde in rund 50 Länder geliefert und auch unter dem Namen Thalidomid vertrieben. Zu den Schäden, die bei Contergan-Opfern festgestellt wurden, gehören Deformationen von Armen und Beinen, Gehör- und Sichtfehler sowie Schädigungen von inneren Organen. [mehr]



    F I R M E N   S C H R E I B E N   S I C H   W I K I P E D I A   S C H Ö N

    Contergan-Hersteller kontrolliert Wikipedia-Einträge

    Auszug aus:
    WDR, Köln, 15. Oktober 2007, ??.?? Uhr MESZ (Internet) von DAVID OHRNDORF. [Original]

    Der Pharma-Konzern Grünenthal aus Aachen gibt offen zu: "Selbstverständlich kontrollieren wir, ob die Einträge zum Begriff Grünenthal, Contergan, Palliativmedizin, der Familie Wirtz u. a. korrekt sind." Eine Änderung am Wikipedia-Eintrag "Grünenthal" vom 24. Juni 2006 will das Unternehmen aber nicht veranlasst haben. Darin wurde unter anderem ergänzt: "Auch nach neusten Studien ist bewiesen, dass diese Nebenwirkungen" des Beruhigungsmittels Contergan "von der Firma Grünenthal nicht vorhersehbar waren."

    Links:

       
      G r ü n e n t h a l
    In Wikipedia,
    der freien Enzyklopädie.
     
    Aus Sicht des Unternehmens ist diese Interpretation der Geschehnisse wünschenswert. Allerdings gibt es viele Hinweise darauf, dass Grünenthal frühzeitig Berichte über gravierende neurologische Nebenwirkungen (nicht aber über Schädigungen der Embryos) durch Contergan kannte, den rezeptfreien Verkauf aber nicht eingeschränkt oder gestoppt hat. Die IP-Adresse, die hinter der Änderung bei Wikipedia steckt, gehört zum Unternehmen Grünenthal.



    M E D I K A M E N T E N - S K A N D A L   V O N   1 9 5 7

    Gefährliche Zuckerplätzchen

    Was Pharmafirmen aus dem Contergan-Skandal lernen müssen.

    Aus:
    Der Tagesspiegel, Berlin, 7. November 2007, Seite 8 (Meinung) von ALEXANDER S. KEKULÉ. Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. [Original]

       
      Contergan-Skandal
    In Wikipedia,
    der freien Enzyklopädie.
     
    Das Erste arbeitet heute und morgen Medizingeschichte auf. Der TV-Zweiteiler "Eine einzige Tablette" schildert die Contergan-Affäre der 60er Jahre, die immer noch als schlimmste Katastrophe der modernen Medizin gilt. Zwischen 1958 und 1962 kamen rund 10.000 Kinder mit schweren Missbildungen zur Welt, zusätzlich starb eine unbekannte Zahl von Embryos bereits im Mutterleib. Schuld war das Schlafmittel "Contergan" der Aachener Pharmafirma Grünenthal: Bereits die Einnahme einer einzigen Tablette während der Schwangerschaft konnte zu verkürzten oder fehlenden Gliedmaßen, zu Organschäden oder zum Tod des Embryos führen.

    Grünenthal versuchte bis zuletzt, die Ausstrahlung des Films zu verhindern. Vergangenes Jahr ließ die Firma den Sendetermin per einstweiliger Verfügung platzen. Das Oberlandesgericht Hamburg bestätigte die Verfügung für zwei Szenen, hob das Verbot des restlichen Films jedoch wieder auf. Grünenthal zog dagegen vor das Bundesverfassungsgericht, ohne Erfolg.

    So wird das Fernsehpublikum zwei Abende lang das schwärzeste Kapitel der deutschen Pharmaindustrie nacherleben – und die unglaubliche Selbstüberschätzung, mit der Grünenthal damals seine Wundertabletten bewarb: "verträglich für jedermann" und "harmlos wie ein Zuckerplätzchen". Bis heute weist das erfolgreiche Familienunternehmen jede Schuld von sich und spricht von einer "Tragödie" – also einem schicksalhaften, unvermeidbaren Geschehen.

    Dabei ist die Contergan-Affäre ein historisches Lehrstück dafür, wie Profitgier und kritikloser Fortschrittsglaube zu medizinischen Katastrophen führen können [Ed: wie wir erst im letzten Jahr beim TeGenero-Skandal erneut beobachten durften].

    Bei seiner Markteinführung im Oktober 1957 galt das Schlafmittel als medizinische Sensation: Im Gegensatz zu den damals üblichen Barbituraten hatte Contergan keine erkennbaren Nebenwirkungen. Es senkte nicht den Blutdruck, machte nicht süchtig, und selbst mit 100 Tabletten war Selbstmord unmöglich. Weil es obendrein gegen Morgenübelkeit half, wurde das rezeptfreie Medikament für Schwangere besonders empfohlen. Nach zwei Jahren war Contergan Marktführer in Deutschland und wurde in 48 Länder exportiert.

       
      T h a l i d o m i d
    In Wikipedia,
    der freien Enzyklopädie.
     
    Dass der in Contergan enthaltene Wirkstoff Thalidomid teratogen ist, also die embryonale Entwicklung stört, konnte niemand ahnen. Der Verkauf von Arzneimitteln war in Deutschland kaum reglementiert, man glaubte an den Fortschritt und die Verheißungen der Industrie. Eine derartig schwere Nebenwirkung war auch noch nie bei einem Medikament beobachtet worden. Erst später stellte sich heraus, dass Thalidomid in bestimmten Versuchstieren (Affen, einige Kaninchenarten) teratogen ist – in den damals üblichen Labormäusen zeigte sich die Nebenwirkung nicht. Heute weiß man, dass Thalidomid die Ausbildung von Blutgefäßen hemmt und dadurch das Wachstum der langen Röhrenknochen stoppt.

    Allerdings wusste Grünenthal von einer anderen, ebenfalls gravierenden Nebenwirkung: Bereits zwei Jahre nach der Einführung häuften sich Berichte, wonach Thalidomid schwere Nervenschäden verursachte. In einigen Bundesländern wurde das Mittel deshalb rezeptpflichtig. Die – damals wesentlich strengeren – Behörden der USA haben Thalidomid wegen der Nervenschäden nie zugelassen. Der Hersteller wiegelte jedoch jahrelang ab und verkaufte munter weiter. Erst als im November 1961 die schweren Missbildungen öffentlich bekannt wurden und das zuständige Ministerium Druck machte, nahm Grünenthal seinen Verkaufsschlager vom Markt. Die später eingeleiteten Strafverfahren wurden eingestellt, weil das Gericht das Verhalten des Arzneiherstellers als "branchenüblich" ansah [Ed: was einem Justiz-Skandal gleichkam und damals überall nur empörendes Kopfschütteln hervorrief].

    Dass Pharmafirmen gerade wenig erprobte Neuentwicklungen aggressiv bewerben und Nebenwirkungen so lange wie möglich bestreiten, ist leider bis heute "branchenüblich". Eine gesunde Skepsis gegenüber angeblichen Wundermitteln ist deshalb angebracht: Im Gegensatz zum tragischen Helden kann der Patient sein Schicksal durchaus selbst beeinflussen. [mehr]

    Mehr zu diesem Thema:
    [00.10.2000: Die Contergan-Katastrophe revisited – Ein Lehrstück...]  (Dr. Luhmann, Wuppertal) *
    [21.09.2007: Contergan-Produzent erwägt neue Entschädigung]  (DER TAGESSPIEGEL)
    [15.10.2007: Contergan-Hersteller kontrolliert Wikipedia-Einträge]  (WDR)
    [08.11.2007: Grünenthal gibt kein Geld mehr für Contergan-Opfer]  (DIE WELT)



    M E D I K A M E N T E N - S K A N D A L   V O N   1 9 5 7

    Grünenthal gibt kein Geld mehr für Contergan-Opfer

    Rund 110 Millionen Mark [rund 56 Mio. Euro] hat der Hersteller des Schlafmittels "Contergan" an die Opfer des Medikamentes gezahlt. Die Betroffenen leiden immer noch an den Folgen ihrer Geburtschäden. Nun hat sich das Unternehmen Grünenthal zu weiteren Entschädigungen geäußert.

    Aus:
    Die Welt, Berlin, 8. November 2007, 12.19 Uhr MEZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

       
      G r ü n e n t h a l
    In Wikipedia,
    der freien Enzyklopädie.
     
    AACHEN (dpa/cor). Das Aachener Pharmaunternehmen Grünenthal hat seine Ablehnung bekräftigt, erneut Geld an contergangeschädigte Menschen zu zahlen. Ein wichtiger Grund dafür sei die "stark emotionale Atmosphäre" durch den ARD-Spielfilm "Contergan". Grünenthal sei seiner Verantwortung gegenüber den Betroffenen durch die freiwillige Zahlung von 110 Millionen Mark nachgekommen, hieß es in einer Erklärung des Unternehmens gegenüber dem ARD-Talkmagazin "hart aber fair".

    Wie Anfang der 70er-Jahre mit dem Gesetzgeber vereinbart, übernehme das jetzige "Hilfswerk für behinderte Menschen" die finanzielle Versorgung der Betroffenen und entscheide über die Höhe der Leistungen.

    Trotzdem haben die Betroffenen die Hoffnung noch nicht aufgegeben, eine weitere Unterstützung von dem Unternehmen zu bekommen. Der ARD-Zweiteiler "Contergan" verschafft dem Bundesverband Contergangeschädigter nach eigener Einschätzung eine bessere Ausgangsposition bei seinen Forderungen nach weiteren Entschädigungszahlungen der Herstellerfirma Grünenthal. "Der Film kann eine Motivation für Grünenthal sein, den Dialog mit den Betroffenen aufzunehmen", sagte die Vorsitzende Margit Hudelmaier. "Der Film sensibilisiert die Öffentlichkeit für unsere Situation", sagte die 47-Jährige, selbst Geschädigte mit zwei kurzen Armen. Der Film schaffe mehr Aufmerksamkeit, das merke sie selbst.

    "Es grüßen mich wildfremde Menschen auf der Straße. Kollegen sprechen mich offen auf meine Lebenssituation an", sagte sie. Insofern habe der Film massiv etwas verändert. Große Bedeutung habe die Berichterstattung, die den ARD-Zweiteiler flankiere.

    Kaum jemand in der Bevölkerung wisse, dass das Geld aus der Conterganstiftung für behinderte Menschen seit 1997 für Rentenzahlungen aufgebraucht sei. Das Aachener Pharmaunternehmen Chemie Grünenthal und der Bund zahlten nach der Katastrophe jeweils 100 Millionen Mark ein, der Grünenthal- Beitrag erhöhte sich später um weitere 10 Millionen. "Die Stiftung finanziert jetzt der Steuerzahler."

    "Die Menschen sind entsetzt, wenn sie hören, was als Entschädigung gezahlt wird", sagte Hudelmaier. Die Rentenzahlungen beliefen sich auf maximal 545 Euro. Angesichts der Lebensumstände und Folgeschäden sei das viel zu wenig.

    "Ich weiß nicht, wie verbohrt die bei Grünenthal sind und auf was die überhaupt noch reagieren", sagte Hudelmaier. "Aber man muss doch zumindest über ein Problem sprechen können. Das fällt uns auch nicht leicht."

    Das Unternehmen Grünenthal hat seinen Sitz bei Aachen und gehört zur Firmengruppe Wirtz, einem Familienunternhemen. Die Gruppe hat im Jahr 2003 einen Umsatz von rund 1,3 Milliarden Euro gemacht. Das Unternehmen beschäftigt 7000 Mitarbeiter [Ed: na dann kann ja wohl Wirtz/Grünenthal problemlos (notfalls in Raten) die Folgen ihres fahrlässigen und verantwortungslosen Handelns endlich voll bezahlen – Merck hat doch auch verstanden... (und nach Merck- Maßstäben müßte Wirtz/Grünenthal noch mindestens 1 Mrd. Euro bezahlen, zumal beim Contergan der Zusammenhang Ursache — Wirkung eineindeutig ist [mehr] )]. [mehr]



    Merck zahlt 4,85 Milliarden Dollar in VIOXX-Sammelklage

    Aus: AP-Meldung, 9. November 2007, 14.10 Uhr MEZ (Wirtschaft). Ergänz wurde diese AP-Meldung um einige Reuters-Erkenntnisse. [
    Original]

    NEW YORK (AP/Reuters). Der US-Pharmakonzern Merck hat sich zur Beilegung einer Sammelklage wegen möglicherweise schädlichen Wirkungen des Medikaments VIOXX zur Zahlung von 4,85 Milliarden Dollar (3,31 Milliarden Euro) bereiterklärt, wie das Unternehmen am Freitag [9.11.2007] mitteilte. Merck musste das Schmerzmittel VIOXX im Jahre 2004 wegen möglicher Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen vom Markt nehmen. Das Unternehmen sah sich mit rund 26.600 Klagen von 47.000 Klägern sowie 265 möglichen Sammelklagen von betroffenen Personen oder Angehörigen konfrontiert.

    Die Einigung könnte zwar noch scheitern, dies sei aber eher unwahrscheinlich, erklärten Anwälte, die Kenntnis von der Einigung haben, laut New York Times. Die Einigung ist erst dann endgültig, wenn sich 85 Prozent der Kläger bereit erklären, ihre Klage fallenzulassen. Analysten hatten erwartet, dass eine Einigung Merck bis zu 50 Milliarden Dollar (34,1 Milliarden Euro) kosten könnte, nachdem Merck einen ersten Einzelprozess verloren hatte. Danach waren jedoch weitere Einzelklagen abgewiesen und zugunsten von Merck entschieden worden.

          VIOXX-Tabletten
    Merck hatte VIOXX mit Jahresumsätzen von 2,5 Milliarden Dollar 2004 vom Markt genommen, nachdem in Studien ein höheres Herzinfarkt- und Schlaganfall-Risiko bei längerer Einnahme nachgewiesen wurde. Zehntausende ehemalige VIOXX-Patienten und Versicherungen haben deswegen das Unternehmen auf Schadensersatz verklagt. Von der jetzt ausgehandelten Summe entfallen laut Merck 4 Milliarden Dollar auf Herzinfarkt-Fälle und 850 Millionen Dollar auf Klagen im Zusammenhang mit Schlaganfällen.

    Nachdem Merck das umstrittene Präparat vom Markt genommen hatte, gewann der Konzern 11 Gerichtsverfahren in der Sache. In 5 VIOXX-Verfahren wurde zugunsten der Kläger entschieden.

    Das amerikanische Unternehmen Merck hat mit dem in Darmstadt ansässigen Merck-Konzern heute nichts mehr zu tun. Merck in Darmstadt gilt als das älteste pharmazeutische Unternehmen der Welt, Merck & Co. in den USA wurde nach dem Ersten Weltkrieg ein eigenständiges, unabhängiges Unternehmen.



    P H A R M A - S K A N D A L E

    Neue Forderungen an Contergan-Firma

    Aus:
    Der Spiegel – 46/2007, 12. November 2007, Seite 158 (Wissenschaft). [Original suchen]

    Dem Aachener Pharmakonzern Grünenthal droht eine internationale Kampagne zugunsten neuer Entschädigungszahlungen an die Contergan-Opfer. Eine britische Opfergruppe um den Unternehmer Nicholas Dobrik will einen weltweiten Entschädigungsfonds „in Milliardenhöhe“ erzwingen. Dieser würde den noch schätzungsweise 4.000 Menschen zugutekommen, die in den fünfziger und sechziger Jahren mit Behinderungen zur Welt gekommen waren, weil ihre Mütter während der Schwangerschaft das Beruhigungsmittel eingenommen hatten.

    Für den ehemaligen Contergan-Hersteller Grünenthal ist die Forderung brisant: Dobrik war es vor 2 Jahren gelungen, mit einer scharfen Kampagne den Getränkekonzern Diageo (Bailleys, Guinness, Johnnie Walker) zu höheren Zahlungen zu zwingen. Diageo ist die Nachfolgegesellschaft des britischen Contergan-Lizenznehmers. Die Opfer bekommen dort nun durchschnittlich etwa 2100 Euro pro Monat. Dagegen erhalten die Geschädigten in Deutschland nur 121 bis 545 Euro, je nach Schwere ihrer Behinderung.

    „Wir sind fest entschlossen, auch Grünenthal in die Knie zu zwingen“, sagt Dobrik. Grünenthal-Chef Sebastian Wirtz lehne das Gespräch mit Dobrik bisher ab. Eine Konzernsprecherin verweist darauf, dass Grünenthal 1972 bereits 110 Millionen D-Mark [56,2 Mio. Euro] zum deutschen Contergan-Fonds beigesteuert und daher keinerlei Verpflichtungen mehr gegenüber den Opfern habe.



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      Zum Teil 8

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