Lassen Sie mich einige wenige Bemerkungen zur Villenkolonie Grunewald machen: Sie entstand im
Zusammenhang mit dem Ausbau des Kurfürstendammes zum Boulevard. Fürst Bismarck hatte auf
diesen Ausbau großen Wert gelegt. Da dieser Ausbau privat finanziert werden musste, durfte die
dafür gegründete Kurfürstendamm-Gesellschaft 234 Hektar [gut 2 Quadratkilometer]
Grunewaldgelände für die Anlage einer Villenkolonie erschließen. Dies geschah im Jahr
1889, unter anderem durch die künstliche Anlage von 4 Seen: Dianasee, Koenigssee, Herthasee und
Hubertussee. 1889 wurde auch das Straßennetz angelegt, und die ersten Grundstücke wurden
baureif gemacht und verkauft. 10 Jahre später, 1899 erhielt die Kolonie den Status einer
selbständigen Landgemeinde. Allgemein wurde sie in Berlin die Millionärskolonie
genannt.
Die Anlage der Villenkolonie war höchst umstritten. Das Lied Im Grunewald, im Grunewald ist
Holzauktion war nicht zuletzt Ausdruck des ohnmächtigen Protests gegen das Abholzen der meisten
Bäume.
1920 gab es in der Landgemeinde Grunewald besonders starke Proteste gegen die Bildung der
Einheitsgemeinde Groß-Berlin. Aber diese Proteste nützten nichts. Grunewald mit 6.449
Einwohnern wurde 1920 gemeinsam mit der Gemeinde Schmargendorf und der Großstadt Wilmersdorf zum
Bezirk Wilmersdorf, dem 9. Bezirk von Berlin zusammengefasst.
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Prägende Persönlichkeiten |
In der Kolonie Grunewald ließen sich Bankiers, Unternehmer, Professoren, erfolgreiche Künstler
und Schriftsteller nieder und genossen bis zur Eingemeindung 1920 die Steuervorteile der Landgemeinde
Grunewald. Die weltbekannte Opernsängerin Lilli Lehmann war eine der ersten Bewohnerinnen. Walther
Rathenau, Max Planck, Alfred Kerr, die Familie Bonhoeffer, Gerhard Hauptmann, Samuel Fischer, Franz und
Robert Mendelssohn, die Brüder Ullstein, Vicki Baum, Lion Feuchtwanger und viele andere
Persönlichkeiten ließen sich hier nieder, die Kultur, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft des
ausgehenden Kaiserreichs und vor allem der Weimarer Republik entscheidend prägten. So wurde
Grunewald nicht nur ein Wohnviertel für Millionäre, sondern auch ein kulturelles Zentrum.
In ihren Erinnerungsbüchern haben viele prominente Grunewaldbewohner berichtet von prächtigen
Soireen, Abendgesellschaften, Lesezirkeln, Wohltätigkeitskonzerten usw. in den großen Villen
mitten in ausgedehnten Parkanlagen. Viele davon wurden nach 1945 geteilt und bebaut.
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Deutsch-jüdische Geschichte |
Der jüdische Anteil der Bevölkerung war hier besonders hoch. Ungefähr ein Drittel der
Bewohnerinnen und Bewohner waren jüdischer Herkunft. Viele jüdische Repräsentanten des
neuen, modernen Berlin zog es seit der Jahrhundertwende in den Neuen Westen. Nach 1933
vertrieben die Nationalsozialisten die jüdischen Bürgerinnen und Bürger und
zerstörten damit das kulturelle Zentrum Grunewald [Ed: auch um sich dort selbst einzunisten
Grunewald wurde neben Steglitz zu einer Nazi-Hochburg, was allzuoft verschwiegen wird]. Bei der
historischen Erforschung Grunewalds stößt man auf Schritt und Tritt auf die
deutsch-jüdische Geschichte und die Geschichte ihrer Zerstörung durch die
Nationalsozialisten.
In der Zeit nach 1945 wurde der Charakter der Villenkolonie durch Verdichtung und intensive
‚brutale‘ Bebauung mit Reihenhäusern und Flachbauten an vielen Stellen beschädigt
wenn nicht zerstört. Seit den 1980er Jahren konnte auch durch entsprechende Vorgaben des
Bezirksamtes Wilmersdorf durch modernen Villenbau an die Tradition angeknüpft werden. Um
denkmalgerechte Erhaltung und Restaurierung von alten Villen möglich zu machen, müssen oft
Kompromisse gefunden werden, um eine zeitgemäße Nutzung möglich zu machen.
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Mahnmal an der Rampe zum Güterbahnhof Grunewald für die Berliner Juden, die
von den Nazis zur Vernichtung deportierten worden sind.
(Foto: 2006 wikipedia) |
Dieser Bahnhof wurde 1879 zunächst als Bahnhof Hundekehle eröffnet, 1884 wurde er umbenannt in
Bahnhof Grunewald. Zunächst wurde er vor allem von den Grunewald- Ausflüglern aus
Berlin genutzt, seit der Zeit um 1900 zunehmend auch von den Bewohnern der Villenkolonie. Das
Bahnhofsgebäude wurde 1899 von Karl Cornelius gebaut. Es steht ebenso unter Denkmalschutz wie der
Tunnel (188485), Bahnsteig 1 (1885) und Bahnsteig 2 (1935).
Seit dem 18. Oktober 1941 fuhren von hier und von den Bahnhöfen Putlitzstraße und Lehrter
Stadtbahnhof Deportationszüge nach Lodz, Riga und Auschwitz und brachten insgesamt mehr als 35.000
jüdische Berlinerinnen und Berliner in die Vernichtungslager, wo die meisten von ihnen ermordet
wurden.
Auf Initiative der Bezirksverordnetenversammlung Wilmersdorf wurde am 18. Oktober 1991 das Mahnmal von
Karol Broniatowski enthüllt. Es zeigt Negativabdrücke von menschlichen Gestalten in einem
Betonblock und informiert daneben auf einer Bronzetafel über die Deportationen. Diese Bronzetafel
ist leider schwer lesbar, aber der Künstler wollte es so: Das Entziffern des Textes soll Mühe
machen. Der Text lautet:
Zum Gedenken
an die mehr als 50.000 Juden Berlins, die zwischen Oktober 1941 und Februar 1945 vorwiegend vom
Güterbahnhof Grunewald aus durch den nationalsozialistischen Staat in seine Vernichtungslager
deportiert und ermordet wurden. Zur Mahnung an uns, jeder Mißachtung des Lebens und der Würde
des Menschen mutig und ohne Zögern entgegenzutreten.
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Mahnmal der Deutschen Bahn |
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Mahnmal Gleis 17 für die von den Nazis seit dem 18. Oktober 1941 vom Güterbahnhof
Grunewald mit Zügen der Deutschen Reichsbahn in die Vernichtungslager deportierten Juden. Allein
nach Auschwitz fuhren etwa 35 Züge mit 17.000 Juden von Grunewald. Und das will damals keine(r)
bemerkt haben?
Denn in seiner Grunewalder Schulzeit (19451956) hat der Herausgeber dieser Webseiten niemals von
diesen Grunewalder Deportationen erfahren auch in den vielen Gedenkreden kam das nicht vor.
Warum? Im Geschichts- Unterricht wurden damals allerdings schon über Nazi- Verbrechen an den Juden
aufgeklärt.
(Foto: 2000 wikipedia) |
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Auch die Deutsche Bahn AG hat sich für die Erinnerung an die Deportationen von diesem Bahnhof
engagiert. Am 27. Januar 1998 wurde das Mahnmal auf der Gleisanlage von der Deutschen Bahn AG
enthüllt. Wir wollen uns jetzt dieses Mahnmal der Deutschen Bahn näher anschauen.
Das Mahnmal der Deutschen Bahn AG wurde von Nicolaus Hirsch, Wolfgang Lorch und Andrea Wandel geschaffen.
Es befindet sich an den Gleisen, von denen die Deportationszüge abgefahren sind. Es besteht aus
Metallplatten auf den ehemaligen Verladebahnsteigen. Auf diesen Metallplatten sind die Daten,
Bestimmungsorte und die Opferzahlen der einzelnen Transporte eingraviert. Wir kennen diese Daten aus den
Transportlisten der Nationalsozialisten.
Sie haben genaue Listen über die Transporte geführt, auf denen allerdings die
Verladebahnhöfe nicht erwähnt sind. Deshalb wissen wir nur von Augenzeugenberichten über
einzelne Transporte vom Bahnhof Grunewald. Die großen Transporte mit meist mehr als 1000 Menschen
gingen zunächst nach Lodz und Riga, seit Ende 1942 bis Juni 1943 nach Auschwitz. Danach gab es noch
bis zum 2.2.1945 kleinere Transporte, zuletzt am 2.2.1945 mit 11 Opfern nach Ravensbrück.
Die Reichsbahn verlangte von der SS pro Person und gefahrenem Schienenkilometer 4 Pfennige, pro Kind 2
Pfennige, nur die Hälfte wenn mehr als 400 Menschen transportiert wurden. Für die ersten
Transporte wurden noch Personenzüge verwendet, später Güterzüge.
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Ein Reichsbahner hat berichtet |
An einem Abend im Winter 1942/43, der sehr kalt war, kam Herr von der Heid vom Dienst nach Hause
und berichtete völlig aufgelöst, daß von seinem Bahnsteig wieder ein Transport abgegangen
sei. (...) Er hatte das schon öfter erlebt (...), war aber froh, als er sah, daß bei dieser
Kälte kleine Eisenöfen auf dem Bahnsteig zum Verladen bereitstanden. (...) Die Waggons wurden
immer voller mit Menschen ‚gepackt‘. (...) Aber die Öfen wurden nicht verladen. (...)
Sie waren nur zur Schau angeliefert worden.
Von den etwa 170.000 in Berlin lebenden Juden wurden 55.000 in Konzentrationslagern ermordet. Von 5000,
die in den Untergrund gingen (wie z. B. Hans Rosenthal oder Inge Deutschkron) haben 1.400 überlebt.
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Typisch architektonische Mischung |
Wir wollen uns jetzt unter anderem Orte in der Villenkolonie Grunewald anschauen, wo bedeutende
Persönlichkeiten jüdischer Herkunft gelebt haben. Sie wurden nicht in die Vernichtungslager
deportiert, weil sie entweder vorher gestorben oder rechtzeitig ins Ausland emigriert waren.
Außerdem werden wir die für die Villenkolonie typische Mischung aus architektonisch
vielfältigen Villen der Ursprungszeit und eher hässlichen Bauten der Nachkriegszeit sehen
[Ed: für diesen ‚Reprint‘ sind zunächst nur einige der vielen beschriebenen
Erinnerungsorte ausgewählt worden].
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Ein Stadtplan-Ausschnitt von 1932 zu diesem informativen Kiezspaziergang von 2003.
(Repro: 2007 khd) |
Die Fontanestraße wurde 1898 nach dem Schriftsteller Theodor Fontane benannt.
Gedenktafel
MAX REINHARDT
1873 1943
In dem einst hier stehenden Hause lebte
der berühmte Schauspieler und
Regisseur von 1902 1905
Max Reinhardt war der bedeutendste Theater-Regisseur in Berlin seit der Jahrhundertwende bis zur
Machtübernahme der Nationalsozialisten. Er wurde 1873 als ungarischer Staatsbürger in Baden
bei Wien geboren, ging schon mit 17 Jahren zum Theater und wurde mit 21 von Otto Brahm am Salzburger
Stadttheater entdeckt, als er dort gerade den alten Oberst Schwarze in dem Stück Heimat
von Hermann Sudermann spielte. Brahm engagierte den jungen Schauspieler sofort für das Deutsche
Theater in Berlin, wo der junge Max Reinhardt schnell als hervorragender Darsteller alter Männer
bekannt wurde. 1901 gründete Max Reinhardt das literarische Kabarett Schall und Rauch,
das er später als Kleines Theater unter den Linden führte. Als Regisseur wurde er
schnell berühmt mit Inszenierungen des Sommernachtstraums und anderer Stücke am
Neuen Theater am Schiffbauerdamm.
Am Anfang seiner Berliner Karriere lebte er hier und lernte um die Ecke in der Trabener Straße
Engelbert Humperdinck kennen, den er schon 1905 als Komponisten für seine Bühnenmusik
engagierte. Der Schriftsteller und Dramatiker Hermann Sudermann zog allerdings erst später hier um
die Ecke in die Bettinastraße, als Max Reinhardt bereits wieder umgezogen war.
Als berühmter Theaterregisseur verließ Max Reinhardt 1906 seine Wohnung hier in der
Fontanestraße und zog gegen den Trend der damaligen Zeit vom Neuen in den Alten Westen in ein
großzügiges Palais im Tiergartenviertel. Üblich war der Zug nach Westen, das
heißt die Verlagerung des Wohnsitzes vom alten Berliner Zentrum zunächst ins
Tiergartenviertel, dann nach Charlottenburg oder Wilmersdorf und schließlich nach Grunewald oder
Dahlem.
Max Reinhardt wurde bereits 1906 Nachfolger von Otto Brahm als Regisseur am Deutschen Theater,
gründete bald eine eigene Schauspielschule und wurde weltberühmt. Den Beinahmen Der
Zauberer erhielt er wegen seiner großen Inszenierungen, in denen Regie, Schauspielkunst,
Musik, Bühnenbild und Beleuchtung perfekt aufeinander abgestimmt waren. Der Begriff
Reinhardt-Schauspieler hatte schnell einen magischen Klang und garantierte eine große
Karriere: Adele Sandrock, Tilla Durieux und Albert Bassermann sind vielleicht die bis heute
berühmtesten. Max Reinhardt gründete mehrere Privattheater, darunter 1924 das Theater am
Kurfürstendamm und die Komödie ebenfalls am Kurfürstendamm und schuf so
ein ganzes Theater-Imperium. Von einer Reise in die USA kehrte Reinhardt 1933 nicht mehr nach
Deutschland zurück, nachdem ihn das preußische Kultusministerium am 7. April 1933 von der
künstlerischen Leitung des Deutschen Theaters ausgeschlossen hatte. Er starb 1943 in New York.
1898 benannt nach der Schriftstellerin Bettina von Arnim (17851859).
Villa Ullstein, heute: Gemeindepsychiatrische Klinik Eibenhof des DRK.
Gedenktafel
Hier lebte von 1903 bis 1935
HANS ULLSTEIN
18.1.1859 14.5.1935
Verleger, leitete mit seinen Brüdern
Hermann, Louis, Franz und Rudolf den vom
Vater Leopold gegründeten Ullstein-Verlag.
Nach 1933 vertrieben die Nationalsozialisten die
Verlegerfamilie aus Deutschland und beraubten
sie ihres Vermögens.
Die Gedenktafel wurde 1991 enthüllt. Leider sind die Angaben über die Aufenthaltsdauer von
Hans Ullstein nicht ganz korrekt. Richtig müsste es heißen: Hier lebte Hans Ullstein
von 1913 bis 1935. Darauf hat uns Sten Nadolny aufmerksam gemacht, der Berliner Schriftsteller,
dessen Ullsteinroman vor wenigen Wochen erschienen ist. Er erzählt darin die Geschichte des aus
Fürth stammenden Papierhändlers Leopold Ullstein, der 1877 mit 51 Jahren in Berlin ein neues
Unternehmen gründete: den Ullstein-Verlag. Der Handel mit Papier, mit dem er ein Vermögen
gemacht hatte, war ihm zu langweilig geworden. Mit großem Erfolg machte er bald den großen
Berliner Zeitungshäusern Mosse und Scherl Konkurrenz. Die BZ am Mittag, Berliner
Illustrierte Zeitung und Berliner Morgenpost wurden erfolgreiche Massenblätter.
Die Vossische Zeitung machte zwar nur Verluste, aber sie war das liberale Aushängeschild für
das Bildungsbürgertum, eine Art FAZ der Kaiserzeit und der Weimarer Republik. Ullstein stand
insgesamt für Liberalität und Internationalität, Scherl für Konservatismus und
Provinzialität.
Nadolny schreibt: Alle Ullstein-Zeitungen entsprangen einer bestimmten Mentalität, die beim Leser
den Hunger nach mehr erzeugte, mehr von dieser Mischung aus Ernst und Unernst, fortschrittsgläubig
und optimistisch, selbstsicher und locker, ausgesprochen menschenfreundlich, ja auf schnodderige Art
zärtlich, so nah wie möglich am Geschehen.
Großen Erfolg hatten auch die Ullstein-Schnittmuster, eine Art Vorläufer dessen, was
Frauenzeitschriften wie Brigitte später anboten. Sie wurden ergänzt durch Ullsteins
Blatt der Hausfrau. Auch der Ullstein-Buchverlag produzierte Qualität und Bestseller. Viele
Bücher erschienen parallel als Fortsetzungsromane in einer der Zeitungen. Einer der großen
Bucherfolge wurde nach dem Ersten Weltkrieg der pazifistische Roman Im Westen nichts Neues
von Erich Maria Remarque.
Gemeinsam mit seinen Ehefrauen Matilda und später Elise hatte er 5 Söhne und 5 Töchter.
Die Söhne führten den Konzern erfolgreich weiter, jeder spezialisierte sich auf ein Teilgebiet:
Louis das Finanzielle, Hermann die politischen Leitlinien, Rudolf die Drucktechnik. Er sorgt dafür,
dass Text und Fotografie in ein und demselben Rotationsvorgang kombiniert werden konnten, eine wichtige
Voraussetzung für die massenhafte Herstellung von Illustrierten und den Abdruck von Fotos in
Zeitungen. Rudolf Ullstein setzte auch den Bau des Druckhauses Tempelhof durch, und er sorgte
dafür, dass die Sportberichterstattung immer mehr ausgebaut wurde. Bei vielen weltbewegenden
Sportereignissen trat Ullstein als Sponsor auf, etwa bei der umjubelten Fahrt des Eisernen
Gustav, eines Droschkenkutschers von Berlin nach Paris und zurück. So entstand ein
Ullstein-Fieber. Ullstein wurde zur Legende, verbunden mit dem Mythos von Sportsgeist und
Höchstleistung.
Hans Ullstein war der erstgeborene Sohn. Er studiert Jura und wird Rechtsanwalt, bis er als Justitiar in
die Firma seines Vaters eintritt. Mit seiner Bescheidenheit wurde er zum ausgleichenden Faktor, der
viele wichtige Entscheidungen vorbereitete und den Konzern unauffällig im Hintergrund steuerte. Zu
vielen brisanten Themen schrieb er ausgewogene Leitartikel. Wie sein Vater engagierte er sich als
einziger der 5 Söhne auch politisch: in der Berliner Stadtpolitik und in der Sozialpolitik. Er
kaufte 1912 dieses Grundstück am Dianasee, das seine Frau Antonie ausgesucht hatte. Als die Familie
ein Jahr später einzog, war er 54 Jahre alt. Er lebte mit seiner Frau hier bis zu seinem Tod 1935.
Wegen einer immer ärgeren Schüttellähmung war er seit den 1920er Jahren an den Rollstuhl
gefesselt und musste sich aus der Verlagsleitung zurückziehen.
Er fehlte als ausgleichender Faktor, und es mag auch daran gelegen haben, dass die vier anderen
Brüder sich heillos zerstritten und schließlich Anfang der 30er Jahre gegeneinander
prozessierten. Um Franz aus dem Verlag zu drängen, intrigierten die anderen gegen dessen Frau Rosie
und konstruierten völlig aus der Luft gegriffene Spionagevorwürfe gegen sie. Als es
schließlich zur Versöhnung kam, hatte Hitler die Macht in Deutschland übernommen, und es
half den Ullsteins nichts, dass sie allesamt evangelisch waren. Ihre jüdische Herkunft reichte, um
sie aus dem Konzern zu drängen. Im Zuge der sogenannten Arisierung erhielten sie nur
Bruchteile des Werts ihres Verlags, und selbst diese Bruchteile wurden ihnen noch abgenommen, bevor sie
schließlich in letzter Minute emigrieren konnten. Aus dem Ullstein-Verlag wurde der Deutsche
Verlag. Die Nazi-Nachfolger versuchten, den Namen Ullstein auszulöschen und dennoch an die
Ullstein-Legende anzuknüpfen: Die Ullstein-Schnittmuster hießen jetzt Ultra-Schnitte, und die
Ullsteinbücher hießen jetzt Uhlenbücher.
Der Sohn von Louis Ullstein, Heinz Ullstein, blieb in Deutschland. Seine Ehe mit seiner
nichtjüdischen Frau Änne schützte ihn zunächst vor der Verfolgung. Aber Anfang 1943
wurde er verhaftet und in ein Sammellager an der Rosenstraße in Berlin-Mitte gebracht. Änne
war eine der mutigen Frauen, die in der Rosenstraße gegen die Verhaftung ihrer jüdischen
Männer protestierten. Änne hatte zwar bereits die Scheidung eingereicht, weil die beiden sich
auseinander gelebt hatten, aber als er in Lebensgefahr geriet, stand sie zu ihm und leugnete
gegenüber der Gestapo ihre Scheidungsabsicht. Er kam frei und überlebte. Auch er wurde
Verleger und arbeitete in der Nachkriegszeit mit Helmut Kindler zusammen.
Der 1893 geborene Sohn von Hans Ullstein, Karl Ullstein, kam in den 50er Jahren nach Berlin zurück
und kämpfte um die Lizenzen für die Morgenpost und die
B.Z. Aber schließlich verkaufte
er 1962 an Axel Cäsar Springer, der auch den Ullstein-Buchverlag übernahm. All das und viel
mehr können Sie nachlesen in dem neuen dokumentarischen Roman von Sten Nadolny.
Gedenktafel
Hier lebten
HERMANN SUDERMANN
1857 1928
DRAMATIKER
PROSASCHRIFTSTELLER
1916 1928
DR. ROLF LAUCKNER
1887 1954
DRAMATIKER
LYRIKER FILMAUTOR
VON 1931 1954
Der Schriftsteller Hermann Sudermann war im Kaiserreich äußerst populär, vor allem als
Theaterautor. Er konnte sich neben seinem Schloss Blankensee bei Trebbin hier seit 1915 die von Otto
March erbaute Villa als Sommersitz leisten. Heute ist hier der Sitz der Hermann-Sudermann-Stiftung, das
Grab des Dramatikers befindet sich auf dem Friedhof Grunewald an der Bornstedter Straße.
Er litt zeitlebens darunter, dass er von der Theaterkritik nicht ernstgenommen wurde.
Alfred Kerr schrieb über ihn:
Von allem, was große und echte Überlieferung in unserer Literatur heißt, ist er
geschieden; mit allem, was Anempfindung und oberflächliche Mode heißt, ist er eng
verknüpft. Wildgewordener Frauenroman ist seine Note. Mit Gerhart Hauptmann (Scherzbolde
vergleichen die Beiden) hat er nichts gemein als die letzte Silbe seines Namens.
Allerdings war Sudermann zu seiner Zeit weitaus populärer und erfolgreicher als Gerhart Hauptmann.
Hier in der Villenkolonie Grunewald war er eng befreundet mit Walther Rathenau, der unweit von hier ein
Haus in der Koenigsallee 65 gebaut hatte.
Sudermann hörte am 24. Juni 1922 von dem Attentat auf Walther Rathenau. Er schrieb in sein
Tagebuch:
Ich, eiskalt vor Entsetzen und hoffend, es sei nicht wahr, renne die paar Schritte zu Rathenaus
Haus. (...) Der Diener packt losweinend meine Hand. Und dann gehen wir ins Arbeitszimmer. Da liegt
vorm Schreibtisch auf der Erde, mit weißem Laken bedeckt, ein längliches Etwas. Schlage das
Laken zurück: Sein Gesicht der rechte Unterkiefer durch eine drei Finger breit klaffende Wunde
gespalten, der weißgewordene Spitzbart durch darüber geronnenes Blut wieder braun. (...) Unser
bester Mann nun haben sie ihn zur Strecke gebracht.
Der 1887 in Königsberg geborene Theater-Schriftsteller Rolf Lauckner ist heute weitgehend vergessen.
Seine Mutter Clara Lauckner hatte nach dem frühen Unfalltod ihres Mannes Hermann Sudermann
geheiratet. Lauckner schrieb überwiegend Dramen und Komödien, die zu ihrer Zeit von
bedeutenden Regisseuren inszeniert wurden, darunter auch von Max Reinhardt. Er litt darunter, im
Schatten seines berühmten Stiefvaters zu stehen und meist nur als Stiefsohn Sudermanns bekannt zu
sein.
Die Winkler Straße wurde 1898 nach dem Weinort Oestrich-Winkel im Rheingau-Taunus benannt. In
diesem Teil Grunewalds wurden einige Straßen nach Weinorten und Weinsorten benannt: zum Beispiel
Trabener, Erdener, Erbacher, Niersteiner. Die Winkler Straße ist eine der besonders reizvollen
Straßen in der Kolonie mit bedeutender Villenarchitektur.
Hier bauen die Vereinigten Arabischen Emirate einen Neubau für ihre Botschaftsresidenz. Das
Grundstück zieht sich hin bis zum Dianasee. Das Bauprojekt wird von der Senatsverwaltung für
Stadtentwicklung betreut, die inzwischen generell die Zuständigkeit für Botschaftsbauten hat.
Der Neubau im arabisch angehauchten Architekturstil gilt als Einfamilienhaus. Es wird wohl eines der
größten Einfamilienhäuser im ganzen Gebiet.
Hier befand sich das 1898 von Alfred Messel gebaute Landhaus Dotti. Alfred Messel hatte unter anderem
das berühmte Kaufhaus Wertheim am Leipziger Platz gebaut und auch hier ein architektonisch
bedeutendes Wohngebäude geschaffen. Es wurde zerstört, und in den 60er Jahren wurde das
Grundstück bis hinunter zum Dianasee dicht bebaut mit terrassenförmig angelegten Flachbauten.
Neubau der norwegischen Botschaftsresidenz, interessanter architektonischer Kontrast, ehemaliges
bezirkliches Grundstück.
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Winkler Straße Nr. 10 (Villa Noelle) |
Die Villa wurde 1901 von Hermann Solf für den Stahlbauunternehmer und Kommerzienrat Ernst Noelle
gebaut. Sie stand ursprünglich auf einem 9.000 qm großen Seegrundstück am Dianasee, das
die heutigen Hausnummern 6a, 8 und 10 umfasste und bis zum Hasensprung reichte. Ernst Noelle wurde 1854
in Mülheim an der Ruhr geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf. Über den Stahlhandel bei Thyssen
kam er nach Berlin und gründete hier mit seinem Freund Steffen die Stahlhandelsfirma Steffen und
Noelle. Die Firma hat unter anderem den Stahl für den Bau des Funkturms geliefert.
Ernst Noelle beauftragte den Architekten Hermann Solf, der bereits einige Villen in Grunewald gebaut
hatte, mit dem Bau eines repräsentativen Hauses. Es wurde im Stil der deutschen Renaissance
ausgeführt und erinnert mit seinen Giebeln, Erkern und Dachaufbauten an den Burgenstil. Der Stein
für die Fassadengestaltung stammte aus Oberdorla bei Mühlhausen in Thüringen. Ernst
Noelle zog 1901 mit seiner Frau und seinen 5 Kindern ein. Er spendierte die Kirchenfenster für die
Evangelische Grunewaldkirche und den jährlichen Tannenbaum für die Weihnachtsgottesdienste. Er
starb 1916. Sein ältester Sohn hat später die Tobis-Filmgesellschaft gegründet, und
dessen Tochter ist die bekannte Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann. Sie steht auch heute noch
in enger Verbindung mit dem jetzigen Besitzer Schulz-Eschbach.
Die Kinder von Ernst Noelle verkauften die Villa 1920 an den Fabrikanten Johann Heinrich Goetschkes.
1931 wurde sie zwangsversteigert und von dem Geheimen Finanzrat Dr. Fritz Hartmann erworben. Auch er
bekam finanzielle Probleme und beging Selbstmord. 1936 erwarb ein Direktor Reibeholz die Villa und baute
sie um, so dass 6 Wohnungen entstanden. In die große Eingangshalle wurde das Treppenhaus für
die Wohnungen der Hauptgeschosse eingebaut. Das Grundstück wurde 1937 parzelliert und mit
Einfamilienhäusern bebaut. Aber schon 1938 gab es wieder einen Besitzerwechsel:
Regierungspräsident Kurt Schönner wurde neuer Eigentümer. Seine Witwe verkaufte es 1961
an den Kaufmann Johannes Bothe, der es im Oktober 1972 an den Malermeister Uwe Schulz-Eschbach verkaufte.
Er hat das Haus saniert und seine Geschichte sorgfältig dokumentiert. Die Firma Schulz-Eschbach ist
bekannt für ihre kunstvollen Restaurierungen und hat beispielsweise für den symbolischen Preis
eines Preußentalers Schloss Sanssouci mit einem neuen Anstrich versehen.
Die Erdener Straße wurde 1898 nach dem Weinort Erden bei
Bernkastel-Wittlich in Rheinland-Pfalz benannt.
SAMUEL FISCHER
(Gedenkplakette mit Relief)
Der 1859 in Ungarn geborene Samuel Fischer lebte hier seit 1905 bis zu seinem Tod 1934. Er war der
Verleger von Gerhard Hauptmann, Thomas Mann, Hermann Hesse, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler und
vielen anderen deutschen Autoren. Ohne ihn wäre die deutsche Literatur zwischen 1900 und 1933 nicht
denkbar.
Seine Tochter Brigitte Behrmann-Fischer schrieb ein Erinnerungsbuch unter dem Titel Sie schrieben
mir oder Was aus meinem Poesiealbum wurde. Es ist eines der schönsten Dokumente der
Villenkolonie Grunewald als kulturelles Zentrum. Brigitte Behrmann-Fischer schreibt:
‘Leute’ kamen oft und viele in mein Elternhaus, in die schöne und helle,
weitläufige Villa im Grunewald. An ihrer Außenwand zeigte sie das S. Fischer-Signet, den
Fischer mit dem Netz, als Relief. (...)
Brigitte Behrmann-Fischer beschreibt Treffen mit den Berliner
Philharmonikern und mit Albert Einstein, der für jedes Streitgespräch
offen war aber äußerst empfindlich reagierte, wenn sein Geigenspiel nicht
genügend gewürdigt wurde.
Felix Salten, Freund der Familie, schrieb 1910 in Spaziergang in Berlin:
Es hat einen unvergleichlichen Reiz, als bummelnder oder als geschäftiger Fremder in der Stadt
drin zu wohnen, umherzulaufen, sich umklirren und umdröhnen zu lassen von dem siedenden Tumult
dieses Lebens, dann aber mit einem Automobil blitzschnell hinauszurasen, zu dem Haus im Grunewald und
dort still zu sitzen. Es ist, wie wenn man unter dem Wasser geschwommen wäre, bis es einem in den
Ohren braust, bis einem die Schläfen hämmern und ein eherner Druck einem die Brust
umpreßt. Dann aber taucht man auf, und die Luft streicht einem beschwichtigend über die
Wangen, und man hat das himmlische Glück der tiefen Atemzüge.
Otto Flake, schrieb 1912 über das Haus von Samuel Fischer:
Der Haushalt mit Tennisplatz, Gärtner, Chauffeuer, Gesellschafterin, Kinderfräulein,
Köchin und Dienstboten kostete beträchtliche Summen. (...) In dem Haus mit der ausgemalten
Halle, dem angebauten Speisesaal, der großen Bibliothek, dem Klavierzimmer und dem reizenden
Teezimmer, mit den gewählten Teppichen und dem Liebermann, dem Gauguin, dem van Gogh, dem Ludwig von
Hofmann an den Wänden, traf ich mit einer Unmenge von Namensträgern zusammen Hauptmann,
Rathenau, Thomas Mann, Schnitzler, Hofmannsthal, Stefan Zweig, Peter Nansen, Carl Ludwig Schleich,
Kellermann, Franz Blei, Johannes V. Jensen, Wassermann, Hans Reisiger, Lovis Corinth, Irene Triesch,
Gabriele Reuter, Dernburg, Annette Kolb, und im Lauf der Jahre wurde es ein endloser Zug: Meine
Tischdamen allein nähmen eine Seite in Anspruch. Die reizendsten waren Käthe Dorsch und
Brigitte Horney. (...)
Nach 1945 zog Hans Werner Richter in das Haus und organisierte hier Treffen der Gruppe 47, später
richtete sich hier das Literarisches Colloquium ein, bevor es nach Wannsee zog. Heute ist das Haus in
Privatbesitz.
Die Straße wurde 1898 nach dem Architekten Paul Wallot benannt, dessen wichtigstes Gebäude der
Berliner Reichstag war. 1883 zog er für diesen Bau von Frankfurt/Main nach Berlin um. Fertig gestellt
wurde der Reichstag 1894. Vier Jahre später wurde die Straße bereits zu Lebzeiten Wallots
nach ihm benannt. Er starb 1912 in Langenschwalbach im Taunus.
Wissenschaftskolleg zu Berlin Institute for Advanced Study Berlin.
Das Wissenschaftskolleg wurde 1980 in Form eines privaten Vereins gegründet; Gründungsrektor
war Peter Wapnewski, sein Nachfolger Wolf Lepenies, dessen Rektorat im September 2001 nach
fünfzehnjähriger Amtszeit endete. Neuer Rektor ist der ehemalige Richter am
Bundesverfassungsgericht Dieter Grimm. Bis zu 40 Fellows verfolgen innerhalb eines Akademischen Jahres
selbstgewählte Forschungsvorhaben und bilden eine Wissenschaftlergemeinschaft auf Zeit. Seit Anfang
der 1990er Jahre steht die Vertiefung der kulturellen Verständigung mit osteuropäischen
Ländern im Mittelpunkt.
Die Koenigsallee ist eine der Hauptstraßen der Villenkolonie. Sie wurde 1895 noch zu seinen
Lebzeiten nach dem Bankier und bedeutenden Kunstmäzen Felix Koenigs benannt und wird häufig
fälschlicherweise mit ö geschrieben. Koenigs lebte von 1846 bis 1900 und war einer der
Mitbegründer der Villenkolonie Grunewald. Er besaß einige Grundstücke an der
Koenigsallee.
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Gedenktafel für Walther Rathenau in der Koenigsallee- Kurve.
(Repro: 2006 khd) |
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Rathenau-Gedenkstein
Die Liberal-Demokratische Partei Deutschlands
Dem Andenken an
WALTHER RATHENAU
Reichsaußenminister der deutschen Republik.
Er fiel an dieser Stelle durch Mörderhand
am 24. Juni 1922.
Die Gesundheit eines Volkes
kommt nur aus seinem inneren Leben.
Aus dem Leben seiner Seele und seines Geistes.
Oktober 1946
Walther Rathenau (18671922) übernahm als Sohn des AEG-Gründers Emil Rathenau als Direktor
die Leitung der AEG. Daneben schrieb er philosophische und essayistische Werke. Besonders umstritten war
1896 seine Streitschrift Höre Israel, in der er den deutschen Juden die
vollständige Assimilation empfiehlt. Er war politisch in der liberalen Deutschen Demokratischen
Partei DDP aktiv, organisierte im Ersten Weltkrieg den Nachschub für das Heer und wurde am 1.2.1921
Reichsaußenminister. Seine Politik der Aussöhnung mit Russland im Rapallo-Vertrag machte ihm
Feinde über die antisemitischen Gegener hinaus. Obwohl er wusste, dass er extrem gefährdet
war, lehnte er verschärfte Sicherheitsmaßnahmen für seine Person ab.
Am 24. Juni 1922 wurde er auf dem Weg von seinem Haus in der Koenigsallee 65 ins Außenministerium
hier in der Koenigsallee Ecke Erdener Straße im offenen Wagen ermordet. Die Attentäter
überholten sein Auto in der Kurve, schossen auf ihn und warfen eine Handgranate in seinen Wagen.
Blutüberströmt wurde er in sein Haus zurückgebracht, wo er kurz danach starb.
Seit 1990 geht von diesem Gedenkstein jährlich am 9. November ein von Schülern gemeinsam mit
dem Bezirksamt organisierter Gedenkmarsch zum Bahnhof Grunewald.
Walther Rathenau war lange befreundet mit dem Publizisten
Maximilian Harden, der nicht
weit entfernt in der Wernerstraße 16 wohnte. Am 3.7.1922, nur 9 Tage nach Rathenaus Ermordung,
wurde auf Harden unweit seines Hauses in der Wernerstraße ebenfalls ein Attentat von
Rechtsradikalen verübt, das er nur knapp überlebte. Harden zog danach in die Schweiz, wo er
1927 an den Folgen des Attentats starb.
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Herthastraße (Ecke Lynarstraße) |
Die Herthastraße wurde 1898 nach der angeblichen germanischen Göttin Hertha benannt, die
Lynarstraße im gleichen Jahr nach dem Baumeister des 16. Jahrhunderts, Graf Rochus zu Lynar.
Das pompöse Eingangstor führte früher auf das Grundstück von Robert von Mendelssohn
am Hertha-See.
Dahinter befand sich das ebenfalls sehr große benachbarte Grundstück von Franz
von Mendelssohn. Beide waren Nachfahren Moses Mendelssohns, und beide waren
einflussreiche Bankiers des
Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Bei ihren Wohltätigkeitsveranstaltungen war nicht selten
Kaiser Wilhelm II persönlich zu Gast.
Die Wohnungsbebauung der 60er Jahre auf dem Grundstück von Robert von Mendessohn ist wohl das
hässlichste Beispiel für die Zerstörung des ursprünglichen Charakters der
Villenkolonie durch den so genannten Wiederaufbau [Ed: hm, aber das Bezirksamt Wilmersdorf hat diese
Bauten genehmigt...].
Gestern [7.11.2003] hat die Mendelssohn-Gesellschaft e.V. mit ihrer Vorsitzenden Elke von Nieding
gemeinsam mit dem Berliner Senat unter dem Motto 260 Jahre Familie Mendelssohn in Berlin
den Philosophen Moses Mendelssohn geehrt, der im Herbst 1743 nach Berlin übersiedelte, und
seinen Enkel, den Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy. Am Grab von Moses Mendelssohn auf dem Alten
Jüdischen Friedhof in der Großen Hamburger Straße in Mitte und am Grab von Felix
Mendelssohn Bartholdy auf dem Kirchhof II der Dreifaltigkeitsgemeinde, Kreuzberg wurden Kränze
niedergelegt. Franz und Robert von Mendelssohn waren Nachkommen Moses Mendelssohns in sechster
Generation. [Familie Mendelssohn]
Das frühere Pförtnerhaus, das zum Palais Franz von Mendelssohns gehörte. Daneben befand
sich früher der Hauptzugang zum Haus. Der heutige Hauptzugang an der Bismarckallee 23 wurde erst in
den 1960er Jahren errichtet.
Gedenktafel
Hier lebte von 1899 bis 1935
FRANZ VON MENDELSSOHN
29.7.1865 18.6.1935
Jurist und Bankier.
Mitinhaber des Bankhauses Mendelssohn.
1914 bis 1931 Präsident der Berliner Industrie- und Handelskammer.
1921 bis 1931 Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages.
In einem 23.000 qm großen Landschaftspark am Herthasee baute der kaiserliche Hofbaurat Ernst Ihne
189698 das Wohnhaus für Franz von Mendelssohn. Das schlossartige Anwesen wurde allgemein das
Palais Mendelssohn genannt. Franz von Mendelssohn war begeisterter Kunstsammler und Mäzen. In den
repräsentativen Räumen hingen Gemälde van Goghs, Cezannes und Manets und die Werke alter
niederländischer Maler an den Wänden. Im Palais gab es auch eine private Grundschule, die
außer den Kindern der Familie auch Nachbarskinder besuchten wie die Tochter Maximilian Hardens,
Samuel Fischers Tochter Brigitte, genannt Tutti oder der Sohn des Wirtschaftswissenschaftlers
Werner Sombart. Nicolaus Sombart hat darüber berichtet, wie er eine Privatklasse im
Mendelssohn-Palais besuchte wo ich zwar noch nicht die Rembrandts und van Goghs in der Halle zu
identifizieren wusste, aber sehr beeindruckt war von der Livree der würdigen Diener, die uns in den
Unterrichtssaal führten.
Legendären Ruf hatten die Wohltätigkeitssoireen und die Hauskonzerte im ovalen Musikzimmer der
Mendelssohns. Franz von Mendelssohn spielte hervorragend Geige. Er war Schüler von Joseph Joachim
gewesen, dem wohl berühmtesten Geiger seiner Zeit. Es gab in den Jahren vor 1933 wohl keinen
Künstler von Rang, der in Berlin konzertiert hätte und nicht hier in der Villa Mendelssohn zu
Gast war: Der jugendliche Jehudi Menuhin, Edwin Fischer, Rudolf Serkin und viele mehr.
Bei Wohltätigkeitskonzerten spielten auch schon einmal Franz von Mendelssohn und Albert Einstein
gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern das Konzert von Johann Sebastian Bach für zwei Violinen
und Orchester.
Seit 1914 war Franz von Mendelssohn Präsident der Berliner Handelskammer, seit 1921 außerdem
Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages und damit einer der bedeutendsten
Wirtschaftsrepräsentanten der Weimarer Republik. Robert von Mendelssohn war bereits 1917 gestorben.
Sein Bruder Franz erlebte noch zwei Jahre lang die Nazi-Diktatur, bevor er 1935 im Alter von 70 Jahren
starb.
Am 16.6.1935 würdigte das Grunewald-Echo, das auch zu dieser Zeit noch unter einer liberalen
Redaktion stand, den gläubigen Protestanten aus großer jüdischer Familie in einem
ausführlichen Nachruf:
Was er für die Villenkolonie Grunewald getan hat, mit deren Wachsen, Blühen und Gedeihen
er unvergänglich verbunden war als Begründer und Mäzen der Grunewalder Freiwilligen
Feuerwehr, der er das erste Feuerlöschmobil spendete, als Mitbegründer des Grunewalder
Kriegervereins, dem er die Fahne schenkte, als Mitstifter der Gelder, die der Grunewalder Kirchenbau
erforderte (er schenkte der Kirche auch die Orgel und den Grunewalder Schulen die Flügel in den
Festsälen) all das wird für alle Zeiten mit goldenen Lettern in den Annalen unseres
lieben Grunewalds eingetragen sein!
Die Familie Mendelssohn musste das große Palais am Herthasee bald nach dem Tod Franz von
Mendelssohns verlassen. Die Deutsche Reichspost richtete hier in den 1930er Jahren ein Gästehaus ein.
1943 wurde das Haus bei Bombenangriffen stark beschädigt. Noch in den letzten Kriegswochen
installierte die Waffen-SS hier im Kellergeschoss ein gewaltiges Abhörsystem. Nach dem Krieg nahmen
die Engländer das Gebäude in Besitz und richteten darin eine Schule für die Kinder der
Soldaten der alliierten Besatzungsmächte ein. Im Mai 1957 erwarb die Johannische Kirche das stark
heruntergekommene Anwesen mit dem schwer beschädigten Hauptgebäude. Die Stiftung Johannisches
Aufbauwerk errichtete einen Neubau, bemühte sich aber, das alte Gebäude in einigen
Grundzügen zu erhalten und insbesondere einige Innenräume zu restaurieren.
Heute befinden sich hier eine Kirche, ein Jugendgästehaus, ein als Frommer Löffel
bekanntes Restaurant und soziale Einrichtungen.
[Komplette Beschreibung dieses Kiezspazierganges]
(aber ohne Fotos, Links und Anker)