Aus: Die alte Schule Nr. 109 Mitteilungen der Vereinigung ehemaliger Schüler der
Walther-Rathenau-Schule (Grunewald-Gymnasium), April 1988, Seite 3235 (Grunewald) von
JOACHIM HELLMER (Abitur-Jahrgang 1944).
Die kleinen webgerechten Zwischentitel, Links und Anmerkungen [Ed: ...] sind hier redaktionell
zugefügt worden.
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Berlin-Grunewald, Warmbrunner Straße 4 Freitag, 27. April 1945 |
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Warmbrunner Straße Ort des Geschehens 1945. Die weiße Straße (rechts) ist die
Auguste-Viktoria-Straße.
(Repro: 2007 khd) |
Seit fünf Tagen tobt der Kampf um Berlin. Der Osten der Stadt und das Zentrum sollen schon
weitgehend zerstört sein. Hitler hat befohlen, Berlin bis zum letzten Mann zu verteidigen. Starke
Ersatzverbände seien im Anmarsch. Hier im Westen haben wir bis auf die Flugangriffe, noch nicht viel
gemerkt. Nur Geschützfeuer und manchmal einschlagende Granaten von der ‚Stalinorgel‘.
Wenige hundert Meter von uns entfernt stoßen jetzt die ersten Sowjetpanzer aus der
Auguste-Viktoria-Straße vor. Auch die Infanterie ist schon da. Sie hat bereits die Baracke auf dem
Hubertus- Sportplatz besetzt. Ich stehe mit dem Fernglas auf dem Balkon unserer Wohnung und beobachte
ihre Bewegungen. In den vergangenen Tagen wechselten im Luftschutzkeller die widersprechendsten
Gerüchte. Die einen berichten, der Russe sei eingeschlossen, andere, daß er jede Minute in der
Tür erscheinen könne.
Es kamen dann auch Russen, aber nur Wlassow-Russen, die auf deutscher Seite kämpften. Es kostete
viel Mühe, sie zu überreden, den Keller wieder zu verlassen und woanders Unterschlupf zu
suchen. Todeskandidaten alle, die uns noch mit reinreißen können. Gestern rückte die
deutsche Besatzung des Sportplatzes ab. Gegen Nachmittag sammelte sich im Eckhaus an der Hubertusallee
der Rest der zurückweichenden Fronttruppe, eine Panzergrenadiereinheit mit 8 Panzern. Ein Panzer
blieb zurück, um den Abzug zu decken. Um ihn herum schlugen feindliche Granaten ein.
Unser Nachbar, Herr B., ging hinaus, um den Kommandanten zu bewegen, ebenfalls abzuziehen, damit die
Bewohner der umliegenden Häuser nicht unnötig gefährdet würden. Da zog der Kommandant
seine Waffe und schrie: Mit Euch Defaitisten werden wir schon fertig! und schoß ihn
kurzerhand nieder. Gleich darauf ging auch die Panzerkanone los. Zwei russische Panzer blieben an der
Warmbrunner-, Ecke Auguste-Viktoria-Straße brennend liegen. Der Lärm war unbeschreiblich.
Überhaupt wird der Schlachtenlärm immer lauter: Artillerie, Stalinorgel, Flak, Bomben,
Panzerkanone, Maschinengewehr- und Karabinerfeuer. Dazu wirbeln ungeheure Mengen Staubs durch die Luft.
Die Russen sollen enorme Verluste erlitten haben. Hoffentlich schlägt das nicht auf uns hier
zurück. Wenn es nach uns ginge, wäre der Krieg längst zu Ende.
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Berlin-Grunewald Sonnabend, 28. April 1945 |
Gestern war überhaupt der bisher schlimmste Tag. Die Nazis leisten, obwohl völlig aussichtslos,
noch immer erbitterten Widerstand. Berlin gibt nicht auf! Immer wieder zündende Appelle! Ob die
Nazigrößen, ob Hitler überhaupt noch da ist? Was sind wir eigentlich für diese
Unmenschen? Sachen, Kanonenfutte, damit sie ihr Leben verlängern und Deutschland ganz
und gar zugrunde richten können.
Vier Jungen in Uniform, nur mit Panzerfaust bewaffnet, gerieten vor unserem Keller in russisches
Granatfeuer. Alle vier wurden getroffen, schrien, stöhnten, lagen zerfleischt vor unseren Augen,
ohne daß wir helfen konnten. Drei waren bald tot, schwiegen, gaben nichts mehr von sich. Der vierte
wimmerte noch lange, blutete aus Nase und Mund, die Beine abgerissen. Meine Schwester ging hinaus, trotz
des Granatfeuers, verharrte bei ihm, bis auch er still war.
Abends wurde es ruhiger. Ich stand im Garten, am Fliederbusch, betäubender Duft fuhr herab: Ich
schwor mir, falls ich durchkommen würde, alle meine Kräfte dafür einzusetzen, daß
wir nie mehr eine Waffe in die Hand nehmen, wir Deutschen [Ed: aber Ende des 20. Jahrhunderts
führten uns aus-der-deutschen-Geschichte-nichts-gelernt-habende ‚Neunmalkluge‘
(Politiker) wieder in einen Krieg den Kosovo-Krieg und später sogar in den Krieg um
Afghanistan...]. Unser Maß ist voll. Hießen wir nicht einmal das Volk der Dichter und
Denker? Dies täuschende Wort Freiheit, auf das wir alle hereingefallen sind,
Freiheit vom Weltjudentum, Freiheit vom Bolschewismus, Freiheit von den Plutokraten. Und was ist
jetzt?
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Berlin-Grunewald Sonntag, 29. April 1945 |
Wieder auf dem Balkon Posten bezogen, vorsichtig. Russische Scharfschützen liegen gegenüber auf
dem Sportplatz. Die politische Lage ist weiter verworren. Die Nazis bemühen sich mit Hilfe von
Durchhalteparolen, uns weiter zum Widerstand aufzurufen. Der Amerikaner stoße unseren Truppen, die
sich zum Einsatz nach Berlin durchschlügen, nicht nach. Ja, man spricht sogar von einem
Waffenstillstand und Sonderfrieden mit den Amerikanern. Wollen die mit uns jetzt gemeinsam gegen die
Russen kämpfen? Unmöglich ist nichts: Erst mit den Russen gegen die Deutschen, dann mit den
Deutschen gegen die Russen. Aber ohne uns! Wir haben die Nase voll. Wir wollen endlich Frieden.
Vorhin lag ein Flugblatt im Garten: Deutsche Soldaten! Macht Schluß mit dem verlorenen
Krieg und geht nach Hause! Werdet Ihr weiteren Widerstand leisten und Berlin verteidigen, so werdet Ihr
nicht nur selbst zugrunde gehen, sondern es werden zusammen mit Euch unter den Trümmern Berlins
Hunderttausende Einwohner der Hauptstadt umkommen. Hitler kaputt! Macht Schluß mit dem Krieg!
Das Kommando der 1. Bjelorussischen Front. 21.4.1945.
Seit Tagen leben wir nur noch im Luftschutzkeller. Die Lebensmittelvorräte gehen zu Ende. An
geregeltes Essen ist ohnehin nicht mehr zu denken. Trotzdem ist manchmal alles zum Lachen. Jeder sitzt
eingemummelt im Liegestuhl auf Wartestellung, der Ministerialrat von oben neben dem Hausmeister, und das
Dienstmädchen neben der ‚GnädigenFrau‘, alle schlafen zusammen, soweit von Schlaf
überhaupt die Rede sein kann. Und die Gespräche! Und die Streitereien! Und die politischen
Mutmaßungen! Und der Geruch! Alles wird vom Warten (worauf?) und vom Lärm der Bomben und
Geschütze überdeckt.
Eben war ein alter Mann aus der Delbrückstraße hier, die bereits russisch ist (300 m
entfernt). Er berichtete, die ‚Iwans‘ kümmerten sich garnicht um sie; sie könnten
ungestört auf ihrem Grundstück hin- und hergehen. Der Ministerialrat war sehr böse.
Unsinn, tobte er. Wenn die kommen, erschieß ich mich und meine ganze Familie.
Diesen Tieren werde ich niemals lebendig in die Hände fallen.
Ich erinnere mich meiner Professoren im gerade zu Ende gegangenen Wintersemester. Der eine, ein netter,
aber naiver Mann, verabschiedete sich mit dem Hinweis auf die Wunderwaffe, die Hitler jetzt einsetzen
würde. Der Endsieg stünde unmittelbar bevor. Wie ist es eigentlich möglich, daß
solche Leute noch immer an den Sieg glauben?
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Berlin-Grunewald Dienstag, 1. Mai 1945 |
Ich sitze im Keller beim Kerzenschein und suche in meinem Gedächtnis die Ereignisse der letzten
beiden Tage zusammen. Erst trat eine unheimliche Ruhe ein. Kein Laut weit und breit, wie auf dem Mond.
Stundenlang, Interregnum zwischen den Zeiten. Ich dachte schon, man hätte uns vergessen. Dann waren
auf einmal die Russen da, die ‚richtigen‘ Russen. Gestern stand der Erste plötzlich in
der Tür, ein Mongole oder Kirgise, die Maschinenpistole im Anschlag.
Als erstes stürzte er gleich auf mich zu, sah meine Schaftstiefel (über die ich wohlweislich
lange Hose gezogen hatte) und schrie: Du SS! Er richtete seine Waffe auf mich, Mutter stellte
sich vor mich und hielt ihm wie in plötzlicher Eingebung ihren goldenen Ehering hin. Er besann sich,
nahm den Ring und ließ die Waffe sinken. Ich mußte meine Stiefel ausziehen und ihm geben.
Dafür ließ er seine harten, schweißigen Knobelbecher da. Weitere drängten hinter
ihm herein. Alles grinsende, asiatische Gesichter, ganz anders als wir uns vorgestellt haben. Nicht
haßerfüllt.
Uhri, Uhri! Wir leben jetzt praktisch ohne Zeit. Aber Vergewaltigungen! Einige wiegten die
Kinder auf dem Arm und teilten aus ihren Gulaschkanonen Essen aus, andere im Keller: Frau
komm. Es ist eine große Verkleidungsaktion im Gange. Frauen unter vierzig binden sich
Kopftücher um und schwärzen ihre Gesichter. Viele verstecken sich auf Böden oder in
unzugänglichen Türmen, die die alten Grunewaldhäuser ja im reichlichen Maße zieren.
Alles Rache, raunte mir der schwerbeschädigte, ehemalige Leutnant, der immer neben mir
sitzt, zu. Was meinst Du, wie wir in Rußland gehaust haben! Da ist das hier noch
garnichts!
Der Krieg ist aus. Gott sei Dank. Ganz egal, was kommt. Wir müssen das beste draus machen. Vor allem
müssen wir aufpassen, daß nicht wieder die Alten, die uns reingerissen haben, an die Macht
kommen. Ich meine nicht Hitler, mit dem ist es sowieso aus, sondern die Masse der Lakaien in den
Minsterien und Behörden und die Generäle: Hitlers gab es überall, aber sie haben in
anderen Völkern keine solche Chance.
Wo ist überhaupt der Ministerialrat geblieben? Auch seine Frau ist auf einmal weg. Hat er sich in
den Westen durchgeschlagen? Ist er in russische oder amerikanische Dienste übergetreten? Alles ist
jetzt möglich. Vom Sportplatz schallt der schwermütige Gesang von Russen herüber. Sie
sitzen an Lagerfeuern. Man hört sogar so etwas ähnliches wie Balalaika.
Stenka Rasina tschelnui...
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Berlin-Grunewald Donnerstag, 3. Mai 1945 |
Eine junge Frau, die aus dem Osten der Stadt geflohen ist, geriet gestern in unseren Keller. Sie setzte
sich neben mich, wir haben uns gleich verstanden, ohne Worte. Stunden, als wenn wir uns schon lange
kannten. Sie wollte sich die Pulsadern aufschneiden. Ich riß ihr die Rasierklinge aus der Hand.
Jetzt ist sie weitergezogen. Ob ich sie noch einmal sehe? Ce sont des bons enfants, an dieses
Wort unserer Französin über die Russen muß ich jetzt denken.
Gestern kam, gerade als ich in der Wohnung war (in der alles mit einer klebrigen Masse aus Rotwein,
Käse und Makkaroni überzogen ist), ein russischer Kapitän, hoch aufgeschossen, ruhiges
ernstes Gesicht. Vermutlich Weißrusse (bjelorussisch = weißrussisch). Ich hatte Zutrauen zu
ihm und fragte ihn mit meinen wenigen russischen Brocken, die ich im dreijährigen Unterricht gelernt
habe, ober uns nicht wenigstens eines der sechs Zimmer zur Verfügung stellen könne, für
meine Mutter und die anderen Frauen. Er bejahte und stellte sogar eine Wache zur Verfügung. In der
letzten Nacht schliefen nun sieben Frauen im ehemaligen elterlichen Schlafzimmer. Vor der Tür stand
ein russischer Soldat.
Der alte Opel P4 vom Kaufmann um die Ecke klebt an einem Baum in der Hubertusallee. Vier Russen hatten
ihn ich weiß nicht wie in Gang gebracht. Drei schoben ihn die abschüssige
Straße hinab, der vierte lenkte ihn mit voller Kraft gegen einen Baum. Lachend stieg er aus. Auch
Fahrräder liegen jetzt überall herum. Ich fand ein besonder schönes, wie ich es nie
besessen habe, und bog es mir in stundenlanger Arbeit zurecht. Kaum war ich mit ihm auf der Straße,
kam ein Russe und nahm es mir ab.
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Berlin-Grunewald Sonnabend, 5. Mai 1945 |
Lange Züge von Russen in Panjewagen zuckeln die Hubertusallee entlang. Stundenlang höre ich
schon das Getrappel der kleinen Pferde und das Rumpeln der Wagenräder auf dem Steinpflaster. Was ist
nun? Ist der Krieg aus? Wird noch gekämpft? Wer gegen wen? Man hört, daß Hitler tot ist
(gefallen), die russische Flagge auf dem Brandenburger Tor weht und Russen und Amerikaner
gegeneinander kämpfen. Nazipropaganda noch immer? Aber es ist schon so: Solange der Mensch das
höchste Tier ist und nichts gegen sich hat, wird er den Mitmenschen zu seinem Feind machen.
Intelligenz entwickelt sich an Gegenintelligenz. Wenn dieser Krieg zu Ende ist, werden sich zwei neue
Fronten bilden.
Zu essen gibt es immer noch nichts. Wenn uns die Russen auf dem Hof nichts gäben, wären wir
vielleicht schon verhungert. Da kam heute von irgendwoher das Gerücht auf, im Keller der
Reichsleitung des Arbeitsdienstes am Bismarckplatz würden große Vorräte lagern. Wir also
auf mit Töpfen und anderen Behältnissen, und tatsächlich: Da standen Fässer mit
Speiseöl, säuberlich in Reih’ und Glied und Regale mit Konserven. Es hatte sich schon
eine Verteilungskommission gebildet. Jeder bekam einen Liter Öl und zwei Konserven (deutsche
Organisation, von unten, nicht staatlich!). Reich bedacht kehrten wir zurück. Wenn wir immer so viel
haben werden in Zukunft, können wir froh sein.