Aus: Die alte Schule Nr. 100 Mitteilungen der Vereinigung ehemaliger Schüler der
Walther-Rathenau-Schule (Grunewald-Gymnasium), Dezember 1983, Seite 8390 (Grunewald) von KURT
BARTNECK (Ulm). Der 1905 geborene Autor wuchs in der Herthastraße Nr. 20 auf, arbeitete
später 40 Jahre bei Telefunken und starb 80-jährig im Dezember 1985 in Ulm.
Die webgerechten Zwischentitel, Abbildungen, Links und Anmerkungen [Ed: ...] sind hier
redaktionell zugefügt worden.
Wer von den Ehemaligen [des Grunewald-Gymnasiums] das Glück hatte, in den Gründerjahren
der Gemeinde Grunewald, dort geboren und aufgewachsen zu sein, sowie das damalige Realgymnasium oft bis
zum Abiturienten-Examen besuchen konnte, der ist vielleicht dankbar, wenn er nach vielen Jahrzehnten von
einem Alterskameraden an die Zeit seiner Jugend erinnert wird. Es ist verständlicherweise so vieles
in Vergessenheit geraten, aber, es lohnt sich auch für die Nachwelt, an die glücklichen Zeiten
der Vorfahren und ihre Leistungen zu denken und abzuwägen, was damals gut oder schlecht war.
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Grunewald im Kreis Teltow |
Der heutige Ortsteil Grunewald im Verwaltungsbezirk Wilmersdorf von Berlin, war seit seiner offiziellen
Gründung am 1. April 1899 bis 1920 die Gemeinde Grunewald, Kreis Teltow, im Regierungsbezirk
Potsdam in der preußischen Provinz Mark Brandenburg gelegen. Vom damaligen Grunewalder Rathausturm
in der Herthastraße 18 wehte an Feiertagen, nicht wie später der Berliner Bär, sondern der
Rote Adler von Brandenburg als Fahne und Hoheitszeichen.
Bei der Betrachtung der Zeitabschnitte der Gemeinde Grunewald und seiner Einwohner, muß man diese,
wie überall in Deutschland, in verschiedene Epochen einteilen. Die erste Epoche war wohl für
die damaligen Grundstücksbesitzer, noch Kolonisten genannt und ihre Mitbewohner die sorgenfreieste
und glücklichste Zeit ihres Lebens. Wir konnten als Zeitgenossen den blühenden Aufbau des
Ortes als vermögende Villen-Kolonnie miterleben. Bereits vor der offiziellen Gründung, etwa ab
1891 entstehen schon hölzerne Landhäuser sowie Wege und Straßen.
Durch eine großzügige und zukunftsichere technische Planung erhielten die zahlreichen
Straßen eine unterirdische begehbare hygienische große Abwasser- Kanalisation, die von einer
Pumpstation in der Trabener Straße
mit Frischwasser aus Tiefbrunnen versorgt wurde. Für die Bewässerung der Straßen
über Hydranten für Sprengwagen und Feuerwehr, sorgten parallel verlegte große Wasserrohre
mit hohem Druck, die Charlottenburger Wasserwerke, aus dem Grunewalder Teufelssee. Desgleichen die
Wasserrohre für das gute Trinkwasser zu den Wohnhäusern und zum Bewässern der zahlreichen
Gärten. Dazu hatte fast jede Straße eine vom Wasserwerk unabhängige grundwassergespeiste
Pumpe, zum Tränken der zahlreichen Lieferanten-Pferde.
Nach dem 2. Weltkrieg erwiesen sich diese Berliner Straßenpumpen im Mai 1945 sehr segensreich zur
Trinkwasserversorgung der Berliner Bevölkerung und der vielen Flüchtlinge. Alle Straßen
erhielten am Rande der Gehwege schnellwachsende schattenspendende Laubbäume, deren Wurzeln nach dem
Anbringen einer bewässerungsfähigen Baumscheibe einen Schlauchanschluß mit
Bajonettverschluß für Sprengwagen, deren Wassertank-Inhalt für viele Bäume
ausreichte und vom Strassenhydranten leicht wiedergefüllt werden konnte.
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Bereits unterirdische Leitungen |
Unter den Gehwegen, je nach Zeitepoche, Trottoir oder Bürgersteig genannt, wurden frühzeitig
schon Gasrohre für die Straßenbeleuchtung und für die Versorgung der Wohnungen mit
Leucht- und Kochgas verlegt. Gleichzeitig erhielten klugerweise die aufgebuddelten Gehwege,
Mehrfach-Kabelsteine mit Einzugsröhren für Starkstrom- und Telephonkabel und
Einstiegschächte zum späteren Verlegen von Kabeln jeder Art, zu jeder Zeit. So können
heute noch veraltete oder defekte Kabel ohne Erdarbeiten leicht und schnell ausgewechselt werden. Vorher
wurden die wenigen Telephonleitungen noch als Freileitungen mit Dachständern von der Post bzw. dem
Telegraphenamt über die Häuser geführt. Über einen Telephonverteilerkopf
führten Bleikabel zu den Wohnungen der Teilnehmer mit Blitzschutzsicherungen.
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Telephonieren um die Jahrhundertwende 1900 |
Wer telephonieren wollte, mußte mit einem Kurbelinduktor einen Strom erzeugen, der beim
Fernsprechamt am sogenannten Klappenschrank eine Klappe über der Teilnehmer- Nummer fallen
ließ und die Beamtin durch Kabelstöpselung den Teilnehmerwunsch erfragen konnte, der dann
durch weitere Kabelverbindungen hergestellt wurde. Zum Sprechen mit dem Teilnehmer benötigte jeder
Teilnehmer am Telephon eine Ortsbatterie, die von Zeit zu Zeit von einem Telegraphenbeamten ausgewechselt
werden mußte. Später wurden diese durch große Zentralbatterien (Akkumulatoren) beim
Fernsprechamt ersetzt. Die Freileitungen auf den Dächern wurden abgebaut und dicke mehradrige
Bleikabel als Telephonleitungen unterirdisch in die vorhandenen Kabelsteine mit großen
Kabeltrommeln mittels der Einstiegschächte eingezogen.
Elektrischer Strom war seinerzeit noch sehr teuer und wurde von den wenigen Elektrizitätswerken als
Gleichspannung in die Wohnungen der Hausbesitzer geliefert. Als Glühlampen dienten zuerst die
Kohlenfadenlampen mit der schwachen Leuchtstärke von 16 und 32 Hefner-Kerzen. Wer helles Licht
benötigte, z. B. für Ateliers und Schaufenster, mußte sich eine große Bogenlampe
anschaffen, welche durch 2 Hartkohle-Stifte einen grell leuchtenden Lichtbogen erzeugte.
Für die damals aufkommenden elektrischen Haus- und Türklingeln sowie Türöffner
benötigte man Schwachstrom bzw. Niederspannung. Hierfür verwendete man als Stromquelle eine
Batterie aus galvanischen Primär-Elementen System Leclanche von 4 bis 6 Volt.
Später mit der Einführung der Wechselspannung aus Hochspannungs-- Überlandleitungen
über ferne Großkraftwerke wurde auch der elektrische Strom wesentlich billiger. Das
Niederspannungsproblem wurde durch die Einführung der Klingeltransformatoren für die
Hausanlagen einfach und preiswert gelöst.
Aus wirtschaftlichen Gründen war anfangs die wesentlich billigere Gasbeleuchtung für die
Treppen und Wirtschaftsräume sowie die Dienstpersonal-Wohnräume vorgesehen. Oft wurde noch die
alte bewährte Petroleum- Lampe und sogar noch der Kerzenleuchter als Lichtquelle eingesetzt. Sparen
um jeden Preis war damals die Parole.
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Das Mendelssohnsche Privat-Kraftwerk |
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Lage des Mendelssohnschen Anwesens am Hertha-See. Seit 1967 werden die Gebäude vom Johannischen
Sozialwerk als Begegnungsstätte St.-Michaels-Heim genutzt.
(Repro: 2007 khd) |
Was vielen Grunewaldern bis heute nicht bekannt ist, war die Stromversorgung der großen
Villa des
Bankiers Franz von Mendelssohn in der Herthastraße [Ed: traumhaft gelegen am Hertha-See] durch ein
eigenes kleines Kraftwerk von Anfang an, im gegenüberliegenden Garagengebäude. Man hörte
tagsüber nur das stampfende Geräusch aus einem Schornstein der Antriebsmaschine für den
Gleichstrom-Generator zum Aufladen der Akkumulatoren.
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Millionäre kaufen große Grundstücke |
Aktivität, Kreativität, Spontanität, Subtilität und Idealismus waren damals die
hervorstechende Eigenschaft vieler Grunewalder Geschäfts-Magnaten. Aber auch den Leitern der
Gemeindeverwaltung zur Gründerzeit gehört diese Anerkennung. Während schon um die
Jahrhundertwende die Millionäre auf Grund ihres Vermögens das Privileg hatten, sich die
schönsten Grundstücke an den künstlich geschaffenen Seen zu sichern, kauften sich viele
andere ein größeres Grundstück als sie eigentlich für den späteren Bauplatz mit
Garten benötigten. Das vorerst nicht benötigte Grundstück wurde mit Maschendraht als
Kiefernwäldchen eingezäunt.
Nach der Inflation, etwa 19241926 konnten diese wertvollen Baugrundstücke von den oft
verarmten Villenbesitzern sehr günstig verkauft werden und sie hatten wieder ein zinskräftiges
Kapital. Der Jugend sei gesagt, daß vor der Inflation auch die Reichen nicht vom Kapital, sondern
nur von den Zinsen lebten.
Der Bau einer Villa benötigte vom Aushub der Baugrube bis zum Einzug der stolzen Bewohner etwa
2 Jahre. Im ersten Jahr wurde der Bau bis zum Dachstuhl hochgezogen und das Richtfest von allen am Bau
beteiligten Handwerkern mit dem Baumeister und dem Bauherrn gemeinsam gefeiert. Nach der Dacheindeckung
wurde der Bau bis zum nächsten Frühjahr zum Austrocknen stehengelassen.
Ein beim Richtfest knauseriger Bauherr konnte später im Herbst nach dem Einzug erleben, daß
ein Kamin-Schornsteinfeger, der die Ursache des Oualmens nicht kannte, trotz aller Mühe den Fehler
nicht finden konnte. Ein böswilliger Bauhandwerker hatte dem geizigen Bauherrn auf dem Dachboden
einen alten großen Filzhut mit der Krempe so in den Rauchabzug einzementiert, daß kein Rauch
entweichen konnte. Die Reinigungswerkzeuge des Schornsteinfegers gingen beim Prüfen des Kamins
glatt beim umknickbaren Hut vorbei und dieser lag wieder beim Hochziehen der Werkzeuge vom
Schornsteinfeger unbemerkt in waagerechter Sperrposition. Aber so etwas sprach sich unter den Bauherren
am Stammtisch schnell herum.
Das zweite Baujahr diente dem Innenausbau des Hauses. Sofern noch nicht im ersten Baujahr geschehen,
erfolgten zuerst die Rohrlegerarbeiten für die Zentralheizung, Warm- und Kaltwasserversorung sowie
für das Abwasser mit allen notwendigen Einrichtungen, wie Radiatoren, Badezimmer mit Wannen und
Waschbecken sowie WC”s usw. Nach der Verlegung der Gasleitungen kamen die Elektro-Installateure
für die Licht- und Klingelanlagen. Inzwischen hatten auch die Fliesenleger und Glaser ihr
zerbrechliches Handwerk vollzogen. An kühlen Tagen wurde auch schon einmal mit der Zentralheizung
und Warmwasserzubereitung eine Probefeuerung vorgenommen, um ihre Funktion zu überprüfen. Zum
Schluß wurde der Innenausbau der Zimmer durch Parkettleger, Tischler mit Edelhölzern für
Türen und Wandpaneele, Maler, Tapezierer und Dekorateure vollendet.
Inzwischen hatte auch der Gärtner versucht, vor dem Einzug der Bewohner, den Neubau auf einen
grünen Präsentierteller zu stellen. Vorsorglich hatte man einen Teil der schönsten
hochgewachsenen alten Grunewald-Kiefern stehenlassen. Sie sorgten für eine charakteristische
Atmosphäre der Grunewald-Villen [Ed: wie sie noch heute (2007) zu erleben ist]. Je nach
Grundstücksgröße und Vermögen der Eigentümer entstanden bescheidene
Gartenanlagen oder herrliche große Parks mit Gewächshäusern und Gärtner- Wohnungen
sowie oft mit gepflegten Tennisplätzen. Viele Grundstücke besaßen Pferdeställe
für Kutsch- und Reitpferde sowie Wagenremisen.
Automobile gab es vor 1910 nur wenige in Grunewald. Wer sich eines anschaffen konnte, benötigte
meist einen gelernten Chauffeur und eine Garage mit Dienstwohnung. Eine der ersten kleinen Benzinkutschen
hatte der Grunewalder Gemeinde-Arzt Dr. Wieck. Es war eine Zyklonette, ein zweisitziges offenes Dreirad
mit aufklappbarem Allwetter-Verdeck. Es hatte einen Vorderrad-Antrieb, der Zweizylinder-Motor saß
vorn über der nach oben verlängerten Radgabel und hatte eine Schwungscheibe mit einer Nut, in
der eine endlose starke Gummischnur als Treibriemen für die Vorderradachse lief. Der Nachteil
dieses ersten Dreirad- Kraftwagens war, daß er infolge der Zentrifugalkraft des schwereren
zweirädrigen Sitzteils des Fahrzeugs, beim rechtwinkligen Abbiegen in einer Kurve, den armen Herrn
Doktor samt Kraftwagen auf die Straße warf und er große Mühe hatte, sein Vehikel wieder
aufzurichten.
Die ersten richtigen Automobile sahen aus wie elegante große Equipagen. Im Fond des Wagens waren
zwei gepolsterte Sitze und gegenüber meist zwei aufklappbare Notsitze. Von einem der hinteren Sitze
führte ein Sprachrohr zum außerhalb des Fonds am Volant freisitzenden Chauffeur. Das
Steuerrad hatte einen Zahnkranz mit 2 Hebeln. Einer diente zur Einstellung der Früh- oder
Spätzündung und der andere für das Handgas, damit beim Anwerfen des Benzin-Motors mit der
Handkurbel unter dem Kühler, das richtigee Gasgemisch und der richtige Zündzeitpunkt vorhanden
waren. Das schwere Motoranwerfen konnte nur ein kräftiger Mann durchführen, es mußte die
Kompression von 6 Zylindern überwunden werden und gleichzeitig durch schnelles Drehen der Handkurbel
die Magnetzündung in Gang gesetzt werden, damit an den Zündkerzen eine ausreichende Spannung
mit kräftigem Zündfunken entstand, mit welchem erst der Motor anspringen konnte. Anlasser gab
es noch nicht.
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Grunewald-Villa mit Automobil.
(Repro: 2006 khd) |
Als Wagenbeleuchtung dienten anfangs kleine Öllämpchen, später die
wesentlich stärkere Karbidgas-Scheinwerferbeleuchtung. Die Automobile hatten auf jeder Wagenseite
ein breites durchgehendes Trittbrett. Auf einer Seite stand in einem geschlossenen Kasten die
Karbidgas-Erzeugungsanlage mit Gasschläuchen zu den Scheinwerfern. Auf der anderen Seite waren 1
bis 2 Reserveräder mit kompletter Bereifung und ein Werkzeugkasten befestigt. Ein großer
1OO-Liter-Benzin-Tank war hinten am Heck des Wagens angebracht. Tankstellen gab es damals noch nicht.
Große Koffer wurden vom Chauffeur auf das Verdeck des Wagens verfrachtet und dort angeschnallt.
Die Reifen, Pneus genannt, standen unter einem hohen Luftdruck von etwa 6 Atü. Sie waren auf den
schlechten Landstraßen besonders wegen der vielen Hufnägel sehr gefährdet. Bei starker
Sonneneinstrahlung platzten die Schläuche leicht wegen des Uberdrucks. Das Einlegen der
verschiedenen Gänge für das Getriebe des Motors erfolgte bei den Wagen mit Rechtssteuerung noch
mit einer senkrechten Kupplungsstange außerhalb der Karosserie, in einer Kulissenschaltung, die
schwer zu bedienen war. Auch die Handbremse lag daneben an einer einrastbaren Hebelstange, die nur durch
Knopfdruck zu lösen war, und die Bremsen durch Stahlseile anzog. Pedale für Gas, Bremse und
Kupplung gab es damals schon. Die Warnhupe bestand aus einem simplen Druckluft-Gummiball mit einem
Signalhorn aus Messing.
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Viel (Liefer-)Verkehr auf Grunewalds Straßen |
Der Verkehr auf den Straßen der Gemeinde Grunewald war damals wesentlich lebhafter als heute
[1983]. Zuerst sah man sehr früh den Laternenbetreuer mit seinem Fahrrad, wie er die Gaslaternen in
den Straßen losch, fast zusammen mit den Zeitungsfrauen, welche die Morgen- Zeitungen brachten [Ed:
damals gab es in Berlin außerdem noch Mittags- und Abend-Zeitungen].
Dann kamen per Rad die Friseure, um von Haus zu Haus die zahlreichen Kunden täglich zu rasieren.
Gleichzeitig kamen die Bäckerlehrlinge und brachten frische Brötchen [Ed: die noch richtig
nach Brötchen schmeckten] in die vor
den Türen oder Pforten hängenden, mit Pappetiketten versehenen Leinenbeutel. An
Papiertüten wurde gespart. Milch lieferten verschiedene Molkereien. Als erster kam vor 8 Uhr
früh der Milchwagen mit Säuglings-Vorzugsmilch von der Domäne Dahlem. Eine Stunde
später mit seiner großen Glocke der Bimmel-Bolle aus Moabit oder der Schweizer Hof
aus Zehlendorf, mit ihren großen Milchwagen.
Schon vor 8 Uhr kam der Briefträger mit der ersten Post, dann hieß es aber für die
Schüler, schnell zur Schule rennen. So ging es den ganzen Vormittag weiter, der Fleischer brachte
das bestellte Fleisch, der Kaufmann bzw. der Kolonialwaren-Händler per Dreirad die meist
telephonisch bestellten Waren. Kundendienst wurde damals sehr groß geschrieben, alles wurde frei
Haus geliefert. Ob es die Blumen waren oder die Lieferungen der großen Warenhäuser mit ihren
schmucken mit 2 Pferden bespannten Kastenwagen und den Kutschern in Livree.
Im Herbst wurde der Koks für die Zentralheizungen und die [Braunkohle-]Briketts für die
Warmwasser-Heizungen geliefert. Nicht zu vergessen im Sommer der tägliche Eiswagen mit seinem
Stangeneis, vom dem die Kinder so gern naschten, das Eis war ja nur für den Eisschrank in der
Küche gedacht. Täglich kam auch der große Paketwagen der Post und von der Bahn die
bahnamtlichen Spediteure mit ihren Rollwagen. Sie brachten sowohl Express- wie Stückgut.
Nachmittags erschien dann eine Kolonne der Straßenkehrer und sorgten für saubere Straßen
und Bürgersteige. Die verschiedenen Brauereien lieferten wöchentlich ihre Bierkästen mit
je 30 Flaschen ins Haus.
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Und dann gab’s Mittagessen |
Mittags zwischen 12 und 1Uhr ertönten in vielen Villen von der Köchin in einem gekonnten Wirbel
geschlagen, der Gong. Alles was im Hause war und zur Familie gehörte, versammelte sich im
Speisezimmer an der gedeckten Tafel. Man erschien selbstverständlich adrett und sauber angezogen,
auch die Kinder, zu Tisch und nahm an seiner angewiesenen Stelle Platz. Das Personal nahm, nach dem die
Herrschaften versorgt waren, das gemeinsame Essen in der Küche ein. Das Verhältnis zu den
Bediensteten war meist patriarchalisch und fürsorgend.
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Als die Post noch ‚richtig fleißig‘ war |
Die Postzustellung erfolgte viermal täglich, dazwischen die Depeschenboten per Fahrrad, sie brachten
nicht nur Telegramme, sondern auch Eilboten und Rohrpost. Die Rohrpost erlaubte in Minutenschnelle, fast
in ganz Groß-Berlin, sämtliche Postämter zu erreichen und so konnten eilige Postsendungen
in Berlin am gleichen Tage innerhalb weniger Stunden dem Adressaten zugestellt werden.
Außerdem kam noch der Geldbriefträger, es gab noch keinen bargeldlosen Giroverkehr, daher
wurden alle kleineren und mittleren Beträge in bar über Postanweisungen dem Empfänger
persönlich ins Haus gebracht. Größere Summen erfolgten selbstverständlich durch
Gutschriften auf das entsprechende Konto bei den Bankfilialen. Rechnungen wurden monatlich oder zum
Quartal an die Lieferanten, Handwerker und Vermieter bezahlt. Manche ließen den Betrag für
die eingekauften Waren anschreiben und zahlten erst nach mehrfacher Mahnung oder nach
Belieben.
Dieses geordnete und verhältnismäßig geruhsame Leben hatte auch plötzlich in der
Gemeinde Grunewald ein Ende, als am 2. August 1914 der 1. Weltkrieg ausbrach. Die aktiven Offiziere
und viele Reserve- Offiziere mußten sofort uniformiert in Garnisonen einrücken. Gediente
Mannschaften und Unteroffiziere erhielten ihre Einberufung in die dafür vorgesehenen Kasernen oder
wurden gleich an die West- oder Ostfront mit Güterzügen verfrachtet.
Fast alle Reit- und Kutschpferde wurden für die Kavallerie requieriert, kräftige Pferde kamen
als Zugpferde zum Train. Mit klingendem Spiel zogen die Berliner Regimenter, zum Teil auch durch die
Grunewalder Hubertus-Allee, zu den Fernbahnhöfen, von Frauen und Bräuten begleitet. Wir Jungen
marschierten mit und trugen einen Teil des Weges die schweren Gewehre. Viele Geschäftsleute in
Halensee verteilten Liebesgaben an die Marschkolonnen. Die Begeisterung der Bevölkerung war
riesengroß. Viele Menschen waren aber auch sehr ernst. So begann die 2. Epoche der noch jungen
Gemeinde Grunewald.
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Die Zeit der Ersatzstoffe |
Alle jungen Lehrer wurden eingezogen, wir bekamen dafür Lehrerinnen. Wir Schüler zogen unseren
Eltern das letzte Goldstück aus der Tasche und opferten es für das Vaterland gegen Papiergeld.
Es wurde jährlich eine Kriegsanleihe gezeichnet mit 5 % Verzinsung. Die Schüler sammelten alle
Metalle, Korken, Staniol, Weinflaschen als Rohmaterial für die Kriegsindustrie. Es begann die Zeit
der Ersatzstoffe, Papier wurde als Leder-Ersatz für Gurte und Riemen verwendet. Die Schuhe
erhielten Holzsohlen.
Alle Nahrungsmittel, besonders Brot und Fett sowie Fleisch gab es nur noch auf [Lebensmittel-]Marken. 2
Tage in der Woche wurden als fleischlos erklärt. Das Brot wurde aus Vollkorn hergestellt. Je
länger der Krieg dauerte, umso knapper wurde alles, bis 1918 eine regelrechte Hungersnot in den
Großstädten ausbrach und die öffentlichen Volksküchen mit ihren
Kohlrüben- Suppen ein kläglicher
Ersatz für die gewohnte Mittagsmahlzeit wurden. Nach über 4 Jahren war auch diese schreckliche
Zeit zu Ende und es kam die 3. Epoche, auch für Grunewald.
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Die Inflation beginnt und macht alle arm |
Am 9. November 1918 erfolgte mit der Abdankung des Kaisers die gleichzeitige Proklamation der Republik.
In das Grunewalder Rathaus zieht eine Abordnung des Arbeiter- und Soldatenrates mit Befehlsgewalt ein.
Streiks und Generalstreiks sowie politische Machtkämpfe haben überall ihre Auswirkungen.
Zurückkehrende Truppen bzw. Freikorps beziehen in leerstehenden Häusern und Villen, sowie
Schulen, Quartier.
Die Halensee-Brücke wird mit Stacheldraht, Soldaten und Maschinengewehren geschützt. Die
Grunewalder Jugend lernt das Soldatenleben auch von der friedlichen Seite kennen und freut sich über
jeden Schlag Essen aus der Gulaschkanone. Aus der Kleiderkammer fällt mangels schlanker
Fähnriche, manches Stück Kleidung für einen armen Schüler ab. Die Inflation beginnt,
auch die Reichen werden arm. Viele Hausbesitzer müssen ihre Villen verkaufen oder vermieten.
Das Geld wird immer weniger wert. Ende Oktober 1923, vor 60 Jahren, haben Regierung und Wirtschaft den
Mut, den deutschen Rundfunk einzuführen. Der Dollar steht in den Börsennotierungen bei 4,2
Billionen, wer hat soviel Geld? Wer keine realen Werte oder harte Devisen besitzt, ist bettelarm.
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Die ‚Goldenen‘ 20er-Jahre |
Nach dieser Zeit der höchsten finanziellen, wirtschaftlichen und politischen Not, folgen wieder
Lichtblicke. Auf Vorschlag von Finanzminister Rudolf Hilferding und des Politikers Karl Helfferich,
unter Mithilfe des Reichswährungskommissars und späteren Reichsbankpräsidenten Hjalmar
Schacht, wurde die Rentenbank gegründet und die stabile
Rentenmark eingeführt, der Ruhrkampf beendet.
Die Erfindung des Lichttonfilms und die Einführung des deutschen Rundfunks brachten Weltgeltung und
Wirtschaftserfolge. Alles dies geschah in den Jahren 19231924. Auch in der Gemeinde Grunewald
wurde wieder gebaut und man spricht heute von den Goldenen 20er Jahren in Berlin. Aber die durch die
Inflation erfolgte Umschichtung der Besitztümer bringt politische Machtkämpfe auch in die
Gemeinde Grunewald. Das Attentat auf den Publizisten
Maximilian Harden gehört
dazu [Ed: sowie die vorangehende Ermordung des deutschen Außenministers
Walther Rathenau in der
Koenigsallee am 24. Juni 1922 durch rechtsradikale Idioten/Terroristen der
Organisation Consul].
Der spätere Obergruppenführer der Berliner SA,
Karl Ernst, war
Schüler der Oberklasse der Grunewalder Gemeindeschule [Ed: in der heutigen
Delbrückstraße] und deren Primus sowie mehrmaliger Gewinner des 1. Schiller-Preises in der
Schule. Aber seine Neigung zu Schlägereien mit anderen Schülern, war damals schon bekannt.
Sein Ende beim
Röhm-Putsch [Ed: wie die
Nazis die Liquidierung der nach mehr Macht strebenden SA-Führung nannten] am 30. Juni 1934 ist
auch in Grunewald bekannt.
[Nacht der langen Messer]
[Zeit des Nationalsozialismus]
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Ein Nachtrag zu Grunewald-Chroniken |
In einigen Grunewald-Chroniken sind Irrtümer entstanden, die leider von Autor zu Autor jahrelang
immer weitergeschleppt werden:
- Die im Grunewald sehr bekannte Kammersängerin Lilli Lehmann, wohnte nicht im Hause
Herthastraße 20, sondern mit ihrer Schwester Lotte Lehman in ihrer eigenen Villa
Herbertstraße 20. Sie war zu ihrer Zeit eine der bekanntesten Tierschützerinnen. In ihrem
unbebauten Nachbargrundstück in der Hubertusallee ließ sie an einer Kiefer eine große
Holztafel anbringen und von einem Schriftenmaler auf weißem Untergrund ein Tierschutz-Gedicht in
großen Buchstaben malen. Es fing an: Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es
fühlt wie Du den Schmerz.
- In der Trabener Straße ist nie ein Luftschiff oder ein Fesselballon namens
Parzival abgestürzt, sondern ein Pralluftschiff des Erfinders namens
Parseval in den Bäumen sanft notgelandet.
- Wesentlich dramatischer verlief eine kaum bekannte Notlandung von einem Freiballon, der mit einigen
Ballonfahrern besetzt, kurz nach dem Start vom Ostwind gegen den neuerbauten Schornstein des
Elektrizitätswerkes Schmargendorf getrieben wurde. Das Ballonnetz verfing sich am Blitzableiter und
war gefangen. Der Ballonführer riß die Notleine, damit das gefährliche Wasserstoffgas
schnell entweichen konnte, die riesige leere Ballonhülle legte sich wie eine Kappe über die
Öffnung des Schornsteins, der noch nicht in Betrieb war.
Die Grunewalder Freiwillige Feuerwehr versuchte, mit der großen Magirus-Leiter an den Ballonkorb
heranzukommen, aber sie war hierfür noch zu kurz. Erst mit einer zweiten anmontierten Leiter gelang
es nach Stunden, die armen Ballonfahrer mit schwerem Schock aus ihrer gefährlichen Notlage zu
befreien. Dies geschah etwa im Jahre 1913. Kurt Bartneck war als Schüler Augenzeuge (mit seinen
Eltern) dieses Dramas.
Kurt Bartneck, Ulm