Grunewald (Berlin)   —  Dies & Das – Teil 2 khd
Stand:  18.9.2007   (20. Ed.)  –  File: Heimat/B/Ex/Grunewald_Dies&Das_02.html



Grunewald Diese Seite ist Teil eines größeren Berlin-Reports, der sich mit dem Ortsteil Grunewald beschäftigt. Es verblüffte schon: Internet-Recherchen ergaben im Winter 2006/07, daß im Weltnetz so furchtbar wenig (heimatkundliche) Texte und Fotos über Grunewald verewigt sind. Manches kleine Dorf hat im Internet mehr zu bieten. Mit diesen Seiten soll nun dieses Defizit wenigstens etwas abgebaut werden.

   
  G r u n e w a l d
In Wikipedia, der
freien Enzyklopädie.
 
Auf den „Dies & Das“-Seiten sollen nach und nach einige kleine Geschichten, Begebenheiten, Erinnerungen sowie erläuternde Hinweise zum Berliner Ortsteil Grunewald dokumentiert werden. Die Beiträge stammen aus verschiedenen Quellen, die jeweils angegeben sind. [Translation-Service]

I n d e x :


Grunewald — Erinnerungen 1906–1934


Impressionen eines alten Grunewalders

[Ed: dieser sehr interessante Artikel gehörte unbedingt ins Internet, was aber nur mit sehr guter OCR-Software gelang].

Aus: Die alte Schule – Nr. 100 – Mitteilungen der Vereinigung ehemaliger Schüler der Walther-Rathenau-Schule (Grunewald-Gymnasium), Dezember 1983, Seite 83–90 (Grunewald) von KURT BARTNECK (Ulm). Der 1905 geborene Autor wuchs in der Herthastraße Nr. 20 auf, arbeitete später 40 Jahre bei Telefunken und starb 80-jährig im Dezember 1985 in Ulm. Die webgerechten Zwischentitel, Abbildungen, Links und Anmerkungen [Ed: ...] sind hier redaktionell zugefügt worden.

I n h a l t :


      Wer von den Ehemaligen [des Grunewald-Gymnasiums] das Glück hatte, in den Gründerjahren der Gemeinde Grunewald, dort geboren und aufgewachsen zu sein, sowie das damalige Realgymnasium oft bis zum Abiturienten-Examen besuchen konnte, der ist vielleicht dankbar, wenn er nach vielen Jahrzehnten von einem Alterskameraden an die Zeit seiner Jugend erinnert wird. Es ist verständlicherweise so vieles in Vergessenheit geraten, aber, es lohnt sich auch für die Nachwelt, an die glücklichen Zeiten der Vorfahren und ihre Leistungen zu denken und abzuwägen, was damals gut oder schlecht war.

Mark Brandenburg
Grunewald im Kreis Teltow

      Der heutige Ortsteil Grunewald im Verwaltungsbezirk Wilmersdorf von Berlin, war seit seiner offiziellen Gründung am 1. April 1899 bis 1920 die Gemeinde Grunewald, Kreis Teltow, im Regierungsbezirk Potsdam in der preußischen Provinz Mark Brandenburg gelegen. Vom damaligen Grunewalder Rathausturm in der Herthastraße 18 wehte an Feiertagen, nicht wie später der Berliner Bär, sondern der Rote Adler von Brandenburg als Fahne und Hoheitszeichen.

Alles großzügig geplant

      Bei der Betrachtung der Zeitabschnitte der Gemeinde Grunewald und seiner Einwohner, muß man diese, wie überall in Deutschland, in verschiedene Epochen einteilen. Die erste Epoche war wohl für die damaligen Grundstücksbesitzer, noch Kolonisten genannt und ihre Mitbewohner die sorgenfreieste und glücklichste Zeit ihres Lebens. Wir konnten als Zeitgenossen den blühenden Aufbau des Ortes als vermögende Villen-Kolonnie miterleben. Bereits vor der offiziellen Gründung, etwa ab 1891 entstehen schon hölzerne Landhäuser sowie Wege und Straßen.

      Durch eine großzügige und zukunftsichere technische Planung erhielten die zahlreichen Straßen eine unterirdische begehbare hygienische große Abwasser- Kanalisation, die von einer Pumpstation in der Trabener Straße mit Frischwasser aus Tiefbrunnen versorgt wurde. Für die Bewässerung der Straßen über Hydranten für Sprengwagen und Feuerwehr, sorgten parallel verlegte große Wasserrohre mit hohem Druck, die Charlottenburger Wasserwerke, aus dem Grunewalder Teufelssee. Desgleichen die Wasserrohre für das gute Trinkwasser zu den Wohnhäusern und zum Bewässern der zahlreichen Gärten. Dazu hatte fast jede Straße eine vom Wasserwerk unabhängige grundwassergespeiste Pumpe, zum Tränken der zahlreichen Lieferanten-Pferde.

      Nach dem 2. Weltkrieg erwiesen sich diese Berliner Straßenpumpen im Mai 1945 sehr segensreich zur Trinkwasserversorgung der Berliner Bevölkerung und der vielen Flüchtlinge. Alle Straßen erhielten am Rande der Gehwege schnellwachsende schattenspendende Laubbäume, deren Wurzeln nach dem Anbringen einer bewässerungsfähigen Baumscheibe einen Schlauchanschluß mit Bajonettverschluß für Sprengwagen, deren Wassertank-Inhalt für viele Bäume ausreichte und vom Strassenhydranten leicht wiedergefüllt werden konnte.

Bereits unterirdische Leitungen

      Unter den Gehwegen, je nach Zeitepoche, Trottoir oder Bürgersteig genannt, wurden frühzeitig schon Gasrohre für die Straßenbeleuchtung und für die Versorgung der Wohnungen mit Leucht- und Kochgas verlegt. Gleichzeitig erhielten klugerweise die aufgebuddelten Gehwege, Mehrfach-Kabelsteine mit Einzugsröhren für Starkstrom- und Telephonkabel und Einstiegschächte zum späteren Verlegen von Kabeln jeder Art, zu jeder Zeit. So können heute noch veraltete oder defekte Kabel ohne Erdarbeiten leicht und schnell ausgewechselt werden. Vorher wurden die wenigen Telephonleitungen noch als Freileitungen mit Dachständern von der Post bzw. dem Telegraphenamt über die Häuser geführt. Über einen Telephonverteilerkopf führten Bleikabel zu den Wohnungen der Teilnehmer mit Blitzschutzsicherungen.

Telephonieren um die Jahrhundertwende 1900

      Wer telephonieren wollte, mußte mit einem Kurbelinduktor einen Strom erzeugen, der beim Fernsprechamt am sogenannten Klappenschrank eine Klappe über der Teilnehmer- Nummer fallen ließ und die Beamtin durch Kabelstöpselung den Teilnehmerwunsch erfragen konnte, der dann durch weitere Kabelverbindungen hergestellt wurde. Zum Sprechen mit dem Teilnehmer benötigte jeder Teilnehmer am Telephon eine Ortsbatterie, die von Zeit zu Zeit von einem Telegraphenbeamten ausgewechselt werden mußte. Später wurden diese durch große Zentralbatterien (Akkumulatoren) beim Fernsprechamt ersetzt. Die Freileitungen auf den Dächern wurden abgebaut und dicke mehradrige Bleikabel als Telephonleitungen unterirdisch in die vorhandenen Kabelsteine mit großen Kabeltrommeln mittels der Einstiegschächte eingezogen.

Elektrischer Strom

      Elektrischer Strom war seinerzeit noch sehr teuer und wurde von den wenigen Elektrizitätswerken als Gleichspannung in die Wohnungen der Hausbesitzer geliefert. Als Glühlampen dienten zuerst die Kohlenfadenlampen mit der schwachen Leuchtstärke von 16 und 32 Hefner-Kerzen. Wer helles Licht benötigte, z. B. für Ateliers und Schaufenster, mußte sich eine große Bogenlampe anschaffen, welche durch 2 Hartkohle-Stifte einen grell leuchtenden Lichtbogen erzeugte.

      Für die damals aufkommenden elektrischen Haus- und Türklingeln sowie Türöffner benötigte man Schwachstrom bzw. Niederspannung. Hierfür verwendete man als Stromquelle eine Batterie aus galvanischen Primär-Elementen „System Leclanche“ von 4 bis 6 Volt. Später mit der Einführung der Wechselspannung aus Hochspannungs-- Überlandleitungen über ferne Großkraftwerke wurde auch der elektrische Strom wesentlich billiger. Das Niederspannungsproblem wurde durch die Einführung der Klingeltransformatoren für die Hausanlagen einfach und preiswert gelöst.

Gasbeleuchtung

      Aus wirtschaftlichen Gründen war anfangs die wesentlich billigere Gasbeleuchtung für die Treppen und Wirtschaftsräume sowie die Dienstpersonal-Wohnräume vorgesehen. Oft wurde noch die alte bewährte Petroleum- Lampe und sogar noch der Kerzenleuchter als Lichtquelle eingesetzt. Sparen um jeden Preis war damals die Parole.

Das Mendelssohnsche Privat-Kraftwerk

        Mendelssohnsches Anwesen am Hertha-See
^   Lage des Mendelssohnschen Anwesens am Hertha-See. Seit 1967 werden die Gebäude vom Johannischen Sozialwerk als Begegnungsstätte „St.-Michaels-Heim“ genutzt.   (Repro: 2007 – khd)
      Was vielen Grunewaldern bis heute nicht bekannt ist, war die Stromversorgung der großen
Villa des Bankiers Franz von Mendelssohn in der Herthastraße [Ed: traumhaft gelegen am Hertha-See] durch ein eigenes kleines Kraftwerk von Anfang an, im gegenüberliegenden Garagengebäude. Man hörte tagsüber nur das stampfende Geräusch aus einem Schornstein der Antriebsmaschine für den Gleichstrom-Generator zum Aufladen der Akkumulatoren.

Millionäre kaufen große Grundstücke

      Aktivität, Kreativität, Spontanität, Subtilität und Idealismus waren damals die hervorstechende Eigenschaft vieler Grunewalder Geschäfts-Magnaten. Aber auch den Leitern der Gemeindeverwaltung zur Gründerzeit gehört diese Anerkennung. Während schon um die Jahrhundertwende die Millionäre auf Grund ihres Vermögens das Privileg hatten, sich die schönsten Grundstücke an den künstlich geschaffenen Seen zu sichern, kauften sich viele andere ein größeres Grundstück als sie eigentlich für den späteren Bauplatz mit Garten benötigten. Das vorerst nicht benötigte Grundstück wurde mit Maschendraht als Kiefernwäldchen eingezäunt.

      Nach der Inflation, etwa 1924–1926 konnten diese wertvollen Baugrundstücke von den oft verarmten Villenbesitzern sehr günstig verkauft werden und sie hatten wieder ein zinskräftiges Kapital. Der Jugend sei gesagt, daß vor der Inflation auch die Reichen nicht vom Kapital, sondern nur von den Zinsen lebten.

Bau einer Villa

      Der Bau einer Villa benötigte vom Aushub der Baugrube bis zum Einzug der stolzen Bewohner etwa 2 Jahre. Im ersten Jahr wurde der Bau bis zum Dachstuhl hochgezogen und das Richtfest von allen am Bau beteiligten Handwerkern mit dem Baumeister und dem Bauherrn gemeinsam gefeiert. Nach der Dacheindeckung wurde der Bau bis zum nächsten Frühjahr zum Austrocknen stehengelassen.

      Ein beim Richtfest knauseriger Bauherr konnte später im Herbst nach dem Einzug erleben, daß ein Kamin-Schornsteinfeger, der die Ursache des Oualmens nicht kannte, trotz aller Mühe den Fehler nicht finden konnte. Ein böswilliger Bauhandwerker hatte dem geizigen Bauherrn auf dem Dachboden einen alten großen Filzhut mit der Krempe so in den Rauchabzug einzementiert, daß kein Rauch entweichen konnte. Die Reinigungswerkzeuge des Schornsteinfegers gingen beim Prüfen des Kamins glatt beim umknickbaren Hut vorbei und dieser lag wieder beim Hochziehen der Werkzeuge vom Schornsteinfeger unbemerkt in waagerechter Sperrposition. Aber so etwas sprach sich unter den Bauherren am Stammtisch schnell herum.

Der Villen-Innenausbau

      Das zweite Baujahr diente dem Innenausbau des Hauses. Sofern noch nicht im ersten Baujahr geschehen, erfolgten zuerst die Rohrlegerarbeiten für die Zentralheizung, Warm- und Kaltwasserversorung sowie für das Abwasser mit allen notwendigen Einrichtungen, wie Radiatoren, Badezimmer mit Wannen und Waschbecken sowie WC”s usw. Nach der Verlegung der Gasleitungen kamen die Elektro-Installateure für die Licht- und Klingelanlagen. Inzwischen hatten auch die Fliesenleger und Glaser ihr zerbrechliches Handwerk vollzogen. An kühlen Tagen wurde auch schon einmal mit der Zentralheizung und Warmwasserzubereitung eine Probefeuerung vorgenommen, um ihre Funktion zu überprüfen. Zum Schluß wurde der Innenausbau der Zimmer durch Parkettleger, Tischler mit Edelhölzern für Türen und Wandpaneele, Maler, Tapezierer und Dekorateure vollendet.

      Inzwischen hatte auch der Gärtner versucht, vor dem Einzug der Bewohner, den Neubau auf einen grünen Präsentierteller zu stellen. Vorsorglich hatte man einen Teil der schönsten hochgewachsenen alten Grunewald-Kiefern stehenlassen. Sie sorgten für eine charakteristische Atmosphäre der Grunewald-Villen [Ed: wie sie noch heute (2007) zu erleben ist]. Je nach Grundstücksgröße und Vermögen der Eigentümer entstanden bescheidene Gartenanlagen oder herrliche große Parks mit Gewächshäusern und Gärtner- Wohnungen sowie oft mit gepflegten Tennisplätzen. Viele Grundstücke besaßen Pferdeställe für Kutsch- und Reitpferde sowie Wagenremisen.

Erste Automobile

      Automobile gab es vor 1910 nur wenige in Grunewald. Wer sich eines anschaffen konnte, benötigte meist einen gelernten Chauffeur und eine Garage mit Dienstwohnung. Eine der ersten kleinen Benzinkutschen hatte der Grunewalder Gemeinde-Arzt Dr. Wieck. Es war eine Zyklonette, ein zweisitziges offenes Dreirad mit aufklappbarem Allwetter-Verdeck. Es hatte einen Vorderrad-Antrieb, der Zweizylinder-Motor saß vorn über der nach oben verlängerten Radgabel und hatte eine Schwungscheibe mit einer Nut, in der eine endlose starke Gummischnur als Treibriemen für die Vorderradachse lief. Der Nachteil dieses ersten Dreirad- Kraftwagens war, daß er infolge der Zentrifugalkraft des schwereren zweirädrigen Sitzteils des Fahrzeugs, beim rechtwinkligen Abbiegen in einer Kurve, den armen Herrn Doktor samt Kraftwagen auf die Straße warf und er große Mühe hatte, sein Vehikel wieder aufzurichten.

Autofahren damals

      Die ersten richtigen Automobile sahen aus wie elegante große Equipagen. Im Fond des Wagens waren zwei gepolsterte Sitze und gegenüber meist zwei aufklappbare Notsitze. Von einem der hinteren Sitze führte ein Sprachrohr zum außerhalb des Fonds am Volant freisitzenden Chauffeur. Das Steuerrad hatte einen Zahnkranz mit 2 Hebeln. Einer diente zur Einstellung der Früh- oder Spätzündung und der andere für das Handgas, damit beim Anwerfen des Benzin-Motors mit der Handkurbel unter dem Kühler, das richtigee Gasgemisch und der richtige Zündzeitpunkt vorhanden waren. Das schwere Motoranwerfen konnte nur ein kräftiger Mann durchführen, es mußte die Kompression von 6 Zylindern überwunden werden und gleichzeitig durch schnelles Drehen der Handkurbel die Magnetzündung in Gang gesetzt werden, damit an den Zündkerzen eine ausreichende Spannung mit kräftigem Zündfunken entstand, mit welchem erst der Motor anspringen konnte. Anlasser gab es noch nicht.

Grunewald-Villa mit Automobil
^   Grunewald-Villa mit Automobil.   (Repro: 2006 – khd)

      Als Wagenbeleuchtung dienten anfangs kleine Öllämpchen, später die wesentlich stärkere Karbidgas-Scheinwerferbeleuchtung. Die Automobile hatten auf jeder Wagenseite ein breites durchgehendes Trittbrett. Auf einer Seite stand in einem geschlossenen Kasten die Karbidgas-Erzeugungsanlage mit Gasschläuchen zu den Scheinwerfern. Auf der anderen Seite waren 1 bis 2 Reserveräder mit kompletter Bereifung und ein Werkzeugkasten befestigt. Ein großer 1OO-Liter-Benzin-Tank war hinten am Heck des Wagens angebracht. Tankstellen gab es damals noch nicht. Große Koffer wurden vom Chauffeur auf das Verdeck des Wagens verfrachtet und dort angeschnallt.

      Die Reifen, Pneus genannt, standen unter einem hohen Luftdruck von etwa 6 Atü. Sie waren auf den schlechten Landstraßen besonders wegen der vielen Hufnägel sehr gefährdet. Bei starker Sonneneinstrahlung platzten die Schläuche leicht wegen des Uberdrucks. Das Einlegen der verschiedenen Gänge für das Getriebe des Motors erfolgte bei den Wagen mit Rechtssteuerung noch mit einer senkrechten Kupplungsstange außerhalb der Karosserie, in einer Kulissenschaltung, die schwer zu bedienen war. Auch die Handbremse lag daneben an einer einrastbaren Hebelstange, die nur durch Knopfdruck zu lösen war, und die Bremsen durch Stahlseile anzog. Pedale für Gas, Bremse und Kupplung gab es damals schon. Die Warnhupe bestand aus einem simplen Druckluft-Gummiball mit einem Signalhorn aus Messing.

Viel (Liefer-)Verkehr auf Grunewalds Straßen

      Der Verkehr auf den Straßen der Gemeinde Grunewald war damals wesentlich lebhafter als heute [1983]. Zuerst sah man sehr früh den Laternenbetreuer mit seinem Fahrrad, wie er die Gaslaternen in den Straßen losch, fast zusammen mit den Zeitungsfrauen, welche die Morgen- Zeitungen brachten [Ed: damals gab es in Berlin außerdem noch Mittags- und Abend-Zeitungen].

      Dann kamen per Rad die Friseure, um von Haus zu Haus die zahlreichen Kunden täglich zu rasieren. Gleichzeitig kamen die Bäckerlehrlinge und brachten frische Brötchen [Ed: die noch richtig nach Brötchen schmeckten] in die vor den Türen oder Pforten hängenden, mit Pappetiketten versehenen Leinenbeutel. An Papiertüten wurde gespart. Milch lieferten verschiedene Molkereien. Als erster kam vor 8 Uhr früh der Milchwagen mit Säuglings-Vorzugsmilch von der Domäne Dahlem. Eine Stunde später mit seiner großen Glocke der Bimmel-Bolle aus Moabit oder der „Schweizer Hof“ aus Zehlendorf, mit ihren großen Milchwagen.

      Schon vor 8 Uhr kam der Briefträger mit der ersten Post, dann hieß es aber für die Schüler, schnell zur Schule rennen. So ging es den ganzen Vormittag weiter, der Fleischer brachte das bestellte Fleisch, der Kaufmann bzw. der Kolonialwaren-Händler per Dreirad die meist telephonisch bestellten Waren. Kundendienst wurde damals sehr groß geschrieben, alles wurde frei Haus geliefert. Ob es die Blumen waren oder die Lieferungen der großen Warenhäuser mit ihren schmucken mit 2 Pferden bespannten Kastenwagen und den Kutschern in Livree.

      Im Herbst wurde der Koks für die Zentralheizungen und die [Braunkohle-]Briketts für die Warmwasser-Heizungen geliefert. Nicht zu vergessen im Sommer der tägliche Eiswagen mit seinem Stangeneis, vom dem die Kinder so gern naschten, das Eis war ja nur für den Eisschrank in der Küche gedacht. Täglich kam auch der große Paketwagen der Post und von der Bahn die bahnamtlichen Spediteure mit ihren Rollwagen. Sie brachten sowohl Express- wie Stückgut. Nachmittags erschien dann eine Kolonne der Straßenkehrer und sorgten für saubere Straßen und Bürgersteige. Die verschiedenen Brauereien lieferten wöchentlich ihre Bierkästen mit je 30 Flaschen ins Haus.

Und dann gab’s Mittagessen

      Mittags zwischen 12 und 1Uhr ertönten in vielen Villen von der Köchin in einem gekonnten Wirbel geschlagen, der Gong. Alles was im Hause war und zur Familie gehörte, versammelte sich im Speisezimmer an der gedeckten Tafel. Man erschien selbstverständlich adrett und sauber angezogen, auch die Kinder, zu Tisch und nahm an seiner angewiesenen Stelle Platz. Das Personal nahm, nach dem die Herrschaften versorgt waren, das gemeinsame Essen in der Küche ein. Das Verhältnis zu den Bediensteten war meist patriarchalisch und fürsorgend.

Als die Post noch ‚richtig fleißig‘ war

      Die Postzustellung erfolgte viermal täglich, dazwischen die Depeschenboten per Fahrrad, sie brachten nicht nur Telegramme, sondern auch Eilboten und Rohrpost. Die Rohrpost erlaubte in Minutenschnelle, fast in ganz Groß-Berlin, sämtliche Postämter zu erreichen und so konnten eilige Postsendungen in Berlin am gleichen Tage innerhalb weniger Stunden dem Adressaten zugestellt werden.

      Außerdem kam noch der Geldbriefträger, es gab noch keinen bargeldlosen Giroverkehr, daher wurden alle kleineren und mittleren Beträge in bar über Postanweisungen dem Empfänger persönlich ins Haus gebracht. Größere Summen erfolgten selbstverständlich durch Gutschriften auf das entsprechende Konto bei den Bankfilialen. Rechnungen wurden monatlich oder zum Quartal an die Lieferanten, Handwerker und Vermieter bezahlt. Manche ließen den Betrag für die eingekauften Waren „anschreiben“ und zahlten erst nach mehrfacher Mahnung oder nach Belieben.

Der 1. Weltkrieg

      Dieses geordnete und verhältnismäßig geruhsame Leben hatte auch plötzlich in der Gemeinde Grunewald ein Ende, als am 2. August 1914 der 1. Weltkrieg ausbrach. Die aktiven Offiziere und viele Reserve- Offiziere mußten sofort uniformiert in Garnisonen einrücken. Gediente Mannschaften und Unteroffiziere erhielten ihre Einberufung in die dafür vorgesehenen Kasernen oder wurden gleich an die West- oder Ostfront mit Güterzügen verfrachtet.

      Fast alle Reit- und Kutschpferde wurden für die Kavallerie requieriert, kräftige Pferde kamen als Zugpferde zum Train. Mit klingendem Spiel zogen die Berliner Regimenter, zum Teil auch durch die Grunewalder Hubertus-Allee, zu den Fernbahnhöfen, von Frauen und Bräuten begleitet. Wir Jungen marschierten mit und trugen einen Teil des Weges die schweren Gewehre. Viele Geschäftsleute in Halensee verteilten Liebesgaben an die Marschkolonnen. Die Begeisterung der Bevölkerung war riesengroß. Viele Menschen waren aber auch sehr ernst. So begann die 2. Epoche der noch jungen Gemeinde Grunewald.

Die Zeit der Ersatzstoffe

      Alle jungen Lehrer wurden eingezogen, wir bekamen dafür Lehrerinnen. Wir Schüler zogen unseren Eltern das letzte Goldstück aus der Tasche und opferten es für das Vaterland gegen Papiergeld. Es wurde jährlich eine Kriegsanleihe gezeichnet mit 5 % Verzinsung. Die Schüler sammelten alle Metalle, Korken, Staniol, Weinflaschen als Rohmaterial für die Kriegsindustrie. Es begann die Zeit der Ersatzstoffe, Papier wurde als Leder-Ersatz für Gurte und Riemen verwendet. Die Schuhe erhielten Holzsohlen.

      Alle Nahrungsmittel, besonders Brot und Fett sowie Fleisch gab es nur noch auf [Lebensmittel-]Marken. 2 Tage in der Woche wurden als fleischlos erklärt. Das Brot wurde aus Vollkorn hergestellt. Je länger der Krieg dauerte, umso knapper wurde alles, bis 1918 eine regelrechte Hungersnot in den Großstädten ausbrach und die öffentlichen Volksküchen mit ihren Kohlrüben- Suppen ein kläglicher Ersatz für die gewohnte Mittagsmahlzeit wurden. Nach über 4 Jahren war auch diese schreckliche Zeit zu Ende und es kam die 3. Epoche, auch für Grunewald.

Die Inflation beginnt und macht alle arm

      Am 9. November 1918 erfolgte mit der Abdankung des Kaisers die gleichzeitige Proklamation der Republik. In das Grunewalder Rathaus zieht eine Abordnung des Arbeiter- und Soldatenrates mit Befehlsgewalt ein. Streiks und Generalstreiks sowie politische Machtkämpfe haben überall ihre Auswirkungen. Zurückkehrende Truppen bzw. Freikorps beziehen in leerstehenden Häusern und Villen, sowie Schulen, Quartier.

      Die Halensee-Brücke wird mit Stacheldraht, Soldaten und Maschinengewehren geschützt. Die Grunewalder Jugend lernt das Soldatenleben auch von der friedlichen Seite kennen und freut sich über jeden Schlag Essen aus der Gulaschkanone. Aus der Kleiderkammer fällt mangels schlanker Fähnriche, manches Stück Kleidung für einen armen Schüler ab. Die Inflation beginnt, auch die Reichen werden arm. Viele Hausbesitzer müssen ihre Villen verkaufen oder vermieten.

      Das Geld wird immer weniger wert. Ende Oktober 1923, vor 60 Jahren, haben Regierung und Wirtschaft den Mut, den deutschen Rundfunk einzuführen. Der Dollar steht in den Börsennotierungen bei 4,2 Billionen, wer hat soviel Geld? Wer keine realen Werte oder harte Devisen besitzt, ist bettelarm.

Die ‚Goldenen‘ 20er-Jahre

      Nach dieser Zeit der höchsten finanziellen, wirtschaftlichen und politischen Not, folgen wieder Lichtblicke. Auf Vorschlag von Finanzminister Rudolf Hilferding und des Politikers Karl Helfferich, unter Mithilfe des Reichswährungskommissars und späteren Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht, wurde die Rentenbank gegründet und die stabile
Rentenmark eingeführt, der Ruhrkampf beendet.

      Die Erfindung des Lichttonfilms und die Einführung des deutschen Rundfunks brachten Weltgeltung und Wirtschaftserfolge. Alles dies geschah in den Jahren 1923–1924. Auch in der Gemeinde Grunewald wurde wieder gebaut und man spricht heute von den Goldenen 20er Jahren in Berlin. Aber die durch die Inflation erfolgte Umschichtung der Besitztümer bringt politische Machtkämpfe auch in die Gemeinde Grunewald. Das Attentat auf den Publizisten Maximilian Harden gehört dazu [Ed: sowie die vorangehende Ermordung des deutschen Außenministers Walther Rathenau in der Koenigsallee am 24. Juni 1922 durch rechtsradikale Idioten/Terroristen der „Organisation Consul“].

      Der spätere Obergruppenführer der Berliner SA, Karl Ernst, war Schüler der Oberklasse der Grunewalder Gemeindeschule [Ed: in der heutigen Delbrückstraße] und deren Primus sowie mehrmaliger Gewinner des 1. Schiller-Preises in der Schule. Aber seine Neigung zu Schlägereien mit anderen Schülern, war damals schon bekannt. Sein Ende beim Röhm-Putsch [Ed: wie die Nazis die Liquidierung der nach mehr Macht strebenden SA-Führung nannten] am 30. Juni 1934 ist auch in Grunewald bekannt. [Nacht der langen Messer] [Zeit des Nationalsozialismus]

Ein Nachtrag zu Grunewald-Chroniken

      In einigen Grunewald-Chroniken sind Irrtümer entstanden, die leider von Autor zu Autor jahrelang immer weitergeschleppt werden:

Kurt Bartneck, Ulm




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