Gleich 4 Fernsehkanäle (ARD + ZDF + SAT.1 + RTL) sendeten am Sonntag, den 4. September 2005 um 20.30 Uhr 14 Tage vor der vorgezogenen Bundestagswahl ein faires TV-Duell zwischen der Herausforderin Dr. Angela Merkel (CDU) und dem amtierenden Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD).In gut 90 Minuten befragten gleich 4 Journalisten, wo allemal 2 ausgereicht hätten, die beiden Kandidaten. Auf dieser Seite sind einige Bild-Impressionen dieses politischen Schlagabtausches dokumentiert, die für sich sprechen. Die Reihenfolge der digitalen TV-Shots (DVB-T Empfang der ARD) entspricht dem zeitlichen Ablauf. [Top-Kandidaten zur Bundestagswahl 2005] [TV-Streit von 1980]
Schröder (SPD) Journalisten Merkel (CDU)
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Die fragestellenden Journalisten und Moderatoren des Duells. Von links nach rechts: Peter Kloeppel (RTL), Maybrit Illner (ZDF), Sabine Christiansen (ARD) und Thomas Kausch (SAT.1). (Alle TV-Shots: 4.9.2005 khd)
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And the winner is: Einige Pressestimmen.
- Spiegel Online 5.9.2005 0.52 Uhr MESZ:
Sie [Frau Merkel] hatte diese Interaktion weniger gut in der Hand. Wenn sie etwas zur Sache gesagt hat, hat sie sehr kompetent und sachbezogen reagiert. Aber der Unterschied zum Verhalten als Zuhörerin von Schröder war gravierend: Wenn sie nichts gesagt hat, dann war Merkel deutlich sichtbar schwach und hoch unter Stress. Das konnte man an ihrem non-verbalen Verhalten merken. Dann fielen ihr die Gesichtszüge runter oder sie machte Übersprungshandlungen in Form von Mimiken. Sie verzog stellenweise ihr Gesicht fast zu Grimassen. So wie spätpubertierende Kinder das manchmal machen, wenn sie ihren Eltern zuhören. Und das ist ein Zeichen, das sie nicht in sich geruht hat, sondern sehr gestresst war. (...) Frau Merkel ist als Person sichtbar geworden, nicht aber als Persönlichkeit. Frau Merkel ist eine hervorragende Politikerin der zweiten Reihe, aber sie sitzt nicht am Kopfende. (Kommunikationspsychologe und Politikberater Ulrich Sollmann)
- Spiegel Online 5.9.2005 1.09 Uhr MESZ:
Im ersten und einzigen TV-Zweikampf dieses Wahlkampfs stritten die Kandidaten heftig, zeitweise bis hinein in die kleinsten Details. Zuweilen entstand der Eindruck, zwei Regierungsbeamte würden sich in der Bundestags-Kantine um das richtige Steuersystem zanken, abseits jeder Rücksichtsname auf die Zuschauer. Erst im Laufe des Gesprächs gewann die Diskussion an Konturen, traten die grundsätzlich unterschiedlichen Konzepte der Kontrahenten zum Vorschein.
- Berliner Zeitung 5.9.2005 Seite ??:
Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hat das mit Spannung erwartete TV-Duell gegen seine Herausforderin Angela Merkel (CDU) für sich entschieden. In Umfragen sämtlicher Meinungsforschungsinstitute lag der Kanzler nach dem 90-minütigen Schlagabtausch in den meisten abgefragten Kompetenzfeldern vorn.
- B.Z. 5.9.2005 Seite 1 + IVIII:
Berlins größte (Boulevard-)Zeitung druckt heute den Wortlaut des gesamten TV-Duells auf 8 Extra-Seiten ab damit sie sich wirklich entscheiden können! Das schaffte nicht einmal die FAZ in der Provinz von Frankfurt am Main, die nur beim Gencode stark war.
- Der Tagesspiegel 5.9.2005 Seite 1:
Berlins (Qualitäts-)Zeitung Nr. 1, die noch immer (offensichtlich von Praktikanten) viel zu ‚luftig ‘ layoutet wird, titelt ganz vorsichtig: Schröder gewinnt das Duell in Umfragen.
- Le Figaro 5.9.2005 (Paris):
Eineinhalb Stunden ohne große Dummheiten, aber auch ohne neue Argumente vor Millionen Fernsehzuschauern, die der Arbeitslosigkeit und der Rente genauso viel Aufmerksamkeit schenken wie dem kleinsten Zeichen der Nervosität des Einen oder Anderen. Denn das Ereignis war bereits lang und breit von Experten aller Art, Journalisten, Politologen und Politikern fein seziert worden, bevor es überhaupt stattfand. Selbst wenn manche die neue ‚Amerikanisierung‘ der politischen Sitten beklagen, so dürfte diese Art Fernsehduell fortan zu jeder deutschen Wahl gehören. Das kann in einem Land nicht erstaunen, wo ein Bundestagsabgeordneter die Präsentatorin einer Talk-Show dazu beglückwünschen kann, ‚mehr Einfluß auf die politische Tagesordnung zu haben als der Deutsche Bundestag‘.
- Il Messaggero 5.9.2005 (Rom):
Er, der Verteidiger des kleinen Mannes, der Pazifist, der Kanzler, der seine einfachen sozialen Wurzeln nicht vergessen hat und jetzt mit gezogenem Schwert den Sozialstaat und das Steuerrecht verteidigen will. Sie, die Beschützerin des wirtschaftlichen Neoliberalismus, die die ‚deutsche Lokomotive‘ wieder in Schwung bringen und die öffentlichen Konten mit einem zweiten Wirtschaftswunder und neuem Optimismus richten will. Bei dem mit Spannung erwarteten Duell zwischen den beiden Kandidaten auf das Kanzleramt trafen gestern nicht Angela Merkel und Gerhard Schröder aufeinander, sondern zwei Welten, zwei Visionen, zwei Generationen und auch zwei Geschlechter.
- Salzburger Nachrichten 5.9.2005 (Österreich):
Zum Glück dauert der Wahlkampf in Deutschland nur noch zwei Wochen. Mühselig schleppt sich eine Auseinandersetzung dahin, der es an Pfeffer fehlt ganz wie die TV-Debatte zwischen Bundeskanzler Gerhard Schröder und Kanzlerkandidatin Angela Merkel am Sonntagabend. Beide Seiten, die rot-grüne Regierung wie die Opposition in schwarz-gelb, wirken matt. Von SPD und Grünen konnte man derartiges erwarten. (...) Doch auch CDU/CSU und FDP wirken eigenartig matt. Die Kanzlerkandidatin der Union, Angela Merkel, hat zwar schon einen Schatten-Finanzminister aus dem Hut gezaubert, sie hat die Debatte um die Erhöhung der Mehrwertsteuer rasch beendet. Doch sie ist noch immer nicht unumstritten in der Union. (...) Es erstaunt, daß mehr als ein Viertel der Wähler noch nicht wissen, wen sie wählen wollen, obwohl sich angesichts der Misere ein Wechsel aufzudrängen scheint. Vor die Wahl gestellt zwischen einer erfolglosen Regierung und einer Opposition, der nicht viel zuzutrauen ist, müssen einem die Deutschen leid tun. [Ed: hm, es gibt doch noch die Möglichkeit der Großen Koalition, die wenigstens das deutsche Staatsgefüge in Ordnung bringen könnte...]
- Ansonsten sind sich die Morgenzeitung in der Hauptstadt am 5.9.2005 einig, Kanzler Schröder hat das große TV-Duell gewonnen und Kandidatin Merkel hat gepunktet. Das war auch vorher so erwartet worden. Ob sich das in Wählerstimmen für die SPD niederschlägt, muß abgewartet werden.
Aber festzuhalten ist:Im gesamten TV-Duell wurde nicht klar...
Und Lieschen Müller ist nach dem Duell nun restlos klar: Schröder und Merkel wollen nur die Macht nicht aber genau sagen, was sie damit dann wirklich machen wollen.
- wie Deutschland mit einer neuen Verfassung endlich besser organisiert werden soll.
- welche große Linie von SPD und CDU in den folgenden 10 Jahren politisch verfolgt werden soll.
- wie es nun tatsächlich mit Bildung, Innovation und Kreativitätsförderung in Deutschland vorangehen soll.
- wie denn nun 5 Millionen neue Arbeitsplätze hierzulande entstehen sollen.
- wie Deutschland jemals die hohen Staatsschulden tilgen will.
- wie das denn nun mit dem Verarmungs-Faktor, den Wohnungsmieten, den Renten, den Pensionen, der Ökologie, dem Verbraucherschutz, den Abzockern allerorten, der Bürgerversicherung, der Kopfpauschale, der Pkw-Maut, den Ganztagsschulen, den Studiengebühren und vielem anderen werden soll.
Neu war im TV-Duell, daß...
- Kanzler Schröder erstmals wirklich sehr gewichtige und angesichts der vom verirrten Islam ausgehenden Gefahren überzeugende Gründe für die Notwendigkeit des EU-Beitritts der Türkei benannte: Sie [Frau Merkel und die Union] verstehen nicht, welche geostrategische, geopolitische Bedeutung die Einbindung der Türkei in die EU hat. (...) Wenn wir es schaffen, die Türkei so fest an den Westen zu binden, daß sie nicht mehr los kann, wenn wir es dadurch schaffen, in der Türkei einen nicht fundamentalistischen Islam zu verbinden mit den Werten der westlichen Aufklärung, dann haben wir in Deutschland und in Europa einen Sicherheitszuwachs, der gar nicht aufzuwiegen ist.
- Angela Merkel ihr Schluß-Statement fast wörtlich ‚geklaut‘ hat ein Plagiat aus dem Statement von Ronald Reagan, daß dieser vor 25 Jahren im TV-Duell mit Jimmy Carter am 28. Oktober 1980 gab. Herausgefunden hat diese Unions-Peinlichkeit im Umgang mit dem Urheberrecht der SPIEGEL.
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