Jammern gilt nicht
Die Autogemeinde muss lernen, mit hohen Spritpreisen zu leben
Aus: DIE ZEIT Nr. 26/2005, 23. Juni 2005, Seite ?? (Wirtschaft) von UWE JEAN HEUSER. [Original]Davon hat Joschka Fischer einst geträumt, und seinem Kanzler ist das Szenario vielleicht im Albtraum erschienen: Der halbe Weg zu fünf Mark pro Liter ist geschafft, Superbenzin kostet schon 1,25 Euro. Bloß hat die Rentenkasse weit weniger davon abbekommen, als es die Ökosteuer- Strategen einst planten. Warum? Weil sie seit 1998 nur insgesamt rund 17 Cent auf den Liter aufschlugen, der damals umgerechnet weniger als
80 Cent kostete. Dazu kam zwar die höhere Mehrwertsteuer, aber der größte Teil des Anstiegs ist dem immer teurer werdenden Rohöl geschuldet. Weil China und seine Nachbarn mehr und mehr davon beanspruchen und die Amerikaner ihrem Ruf als Schluckspechte alle Ehre machen, strebt der Ölpreis von einer Rekordmarke zur nächsten.
  Der Liter Benzin muß 5 Mark kosten. Erst dann werden die Leute beginnen, das Auto nur noch sinnvoll zu nutzen.
Das sagten nicht die Grünen, wie es Journalisten immer wieder erzählen. Zwar haben auch die Grünen viele Jahre später 5 DM/Liter Benzin (heute wären das 2,56 Euro/Liter) gefordert, aber diese BI-Forderung ist 21 Jahre alt.Bereits am 16.6.1984 wies damit im Saal der Evangelischen Matthäus-Gemeinde auf dem berühmten 1. Steglitzer Verkehrskongreß der Bürgerinitiativen der verstorbene Rolf Egbers von der Bürgerinitiative BI B 101 auf die ökologische Bedeutung des Bezinpreises hin.
Jetzt wird laut geklagt. Hatte Gerhard Schröder, der Autokanzler, nicht freie Fahrt versprochen, als er die Ökosteuer deckelte und keine weiteren Erhöhungen zuließ?
Tatsächlich haben sich die Autobauer und ihre Kunden nicht groß um die umlaufenden Warnungen geschert. Zwar hat die Autoindustrie den durchschnittlichen Verbrauch ihrer Fahrzeuge in Deutschland immerfort gesenkt aber seit 1990 nur um gut einen Liter auf 100 Kilometer. Gerade die deutschen Hersteller haben immer effizientere Motoren gebaut und wahre Diesel-Wunderaggregate entwickelt. Doch während sie den Trend zum Hybridantrieb verpassten, wurden ihre Autos schwerer und stärker.
Jede neue Modellgeneration muss opulenter sein als die alte, SUV genannte Kleinlaster sind in Mode, derweil die deutschen Autofahrer das ursprüngliche Mobilitätskonzept des Smart ebenso durchfallen ließen wie die Drei-Liter-Autos von VW und Audi. Stattdessen feiern Konzerne, Autozeitungen und Kunden Mini-Innovationen, die hier einen halben Liter und dort drei Zehntel im Elastizitätswert bringen.
Gut, dass die EU nun die Autosteuer generell ans Abgas koppeln will. Schön, wenn die Hersteller besser über die Verbrauchskosten informieren. Aber die Käufer und Fahrer müssen sich auf das hohe Preisniveau auch einstellen und endlich das tun, was sie im Supermarkt tagein, tagaus machen: rechnen. Alternativ können sie und ihre Verbände einfach aufhören zu klagen.
Deutsche Ausgaben für Ölimporte explodieren
Der steigende Ölpreis kommt die deutsche Wirtschaft teuer zu stehen. In den ersten fünf Monaten des Jahres hat Deutschland 3,5 Milliarden Euro mehr für Ölimporte bezahlen müssen als im Vorjahreszeitraum.
Aus: Spiegel Online 9. Juli 2005, 12.52 Uhr (nur elektronisch publiziert). [Original]HAMBURG. Laut Mineralölwirtschaftsverband in Hamburg kosteten die Einfuhren von Januar bis Ende Mai dieses Jahres 12,3 Milliarden Euro, vor einem Jahr waren es noch 8,8 Milliarden Euro eine Steigerung um rund 40 %.
Die Verteuerung der Energie dürfte auch zum Teil die anhaltende Konsumschwäche im Land erklären. Vergangene Woche stieg der Preis für Rohöl der Sorte "West Texas Intermediate" erstmals über 61 Dollar pro Barrel (159 Liter).
[07.07.2005: Tropenstürme: Cindy und Dennis treiben Ölpreis auf Rekordhoch] (SPIEGEL)
[08.07.2005: Teurer Treibstoff: Benzin und Heizöl so teuer wie nie] (SPIEGEL)
B E N Z I N P R E I SBerlin stöhnt über steigende Energiepreise
Kaum einer will oder kann aber auf das Auto verzichten / Eigenheimbesitzer nutzen verstärkt Holz und Kohle als Heizmaterial.
Aus: Berliner Morgenpost, 14. August 2005, Seite ?? (Berlin) von THOMAS FÜLLING und NICOLE DOLIF. [Original]BERLIN (BM). Der Ölpreis springt von Rekordmarke zu Rekordmarke. Und die Berliner stöhnen unter drastisch steigenden Energiekosten. Ob Tanken, Heizen oder Reisen, fast alles wurde immer mit Verweis auf die steigenden Rohölpreise in den vergangenen Tagen deutlich teurer.
Vor allem die Autofahrer sind über die endlos nach oben drehende Preisspirale frustriert. Am Freitag hatten alle großen Mineralölgesellschaften die Spritpreise erneut kräftig angehoben. Der Preis für einen Liter Superbenzin überschritt dabei an einigen Tankstellen die Rekordmarke von 1,30 Euro. Diesel kostet inzwischen um 1,13 Euro je Liter. Dennoch bleibt kaum ein Auto stehen, doch es wird weniger gefahren und preisbewußter getankt.
"Das ist doch nur noch Abzocke", schimpft Axel Hildebrandt über den jüngsten Preissprung. Inzwischen koste eine Urlaubsfahrt nach Bayern mehr als das Quartier. Doch auch seine Firma, ein mittelständisches Unternehmen, treffe diese Entwicklung hart. "Steigende Spritpreise können wir Kleinen nicht an unsere Kunden weitergeben", sagt der Lichtenberger.
"Einfach weniger fahren", so lautet das Rezept des Neuköllners Kurt Hirschfeld. Früher sei er zwei oder drei Mal zu Verwandten nach Reinickendorf gefahren, jetzt gehe das höchstens noch ein Mal pro Monat. Die absolute Schmerzgrenze liegt für den Rentner bei 1,50 Euro je Liter. "Dann bleibt mein Auto endgültig stehen."
Diese Konsequenz hat Hakan Salfak bereits für sich gezogen. Er tauschte seinen Golf gegen einen Motorroller. Nur 5 Liter Super tankte er gestern an der Aral-Tankstelle an der Prinzenstraße in Kreuzberg. "Damit komme ich fast den ganzen Monat hin", sagt der 34jährige. Keinesfalls aufs Auto verzichten will dagegen Rusle Kamaer. "Ich muß damit jeden Tag zur Arbeit fahren." Seine Schlußfolgerung: Künftig weniger Ausgehen.
Einen Umstieg aufs Fahrrad empfiehlt Susanne Gerull allen preisgeschockten Autofahrern. "Da kommt man gerade in der City viel schneller voran", sagt die Kreuzbergerin. Eine weitere Alternative sei die stärkere Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel. "Ich kann aber nicht verstehen, warum umweltbewußte Stammkunden von der BVG bestraft werden", sagt Gerull mit Blick auf die zum 1. August erhöhten Preise für Jahreskarten.
Auf der Suche nach Alternativen sind auch immer mehr Eigenheimbesitzer. Sie leiden vor allem unter hohen Heizkosten. Derzeit kosten 100 Liter Heizöl etwa 60 Euro, für Oktober rechnen die Experten bereits mit 70 Euro. Einige Händler hatten ihre Kunden bereits im Frühjahr auf die Preisentwicklung aufmerksam gemacht. "Doch viele warteten ab, weil sie hofften, daß Öl im Sommer billiger wird", so Frithjof Engelke vom Brennstoffhandel Hans Engelke. Aus Angst vor noch höheren Preisen im Herbst würden nun extrem viele Verbraucher ihr Öl bestellen. "Und diese steigende Nachfrage treibt den Ölpreis noch weiter in die Höhe", sagt Engelke.
Angesichts dieser Entwicklung sind alternative Heizsysteme gefragt. Der Fachhandel berichtet über steigenden Absatz von Kaminöfen. Ebenfalls auf dem Vormarsch sind Heizungen, die mit Holzpellets befeuert werden. Ihr Einbau wird vom Staat mit bis zu 1000 Euro gefördert.
P R E I S S C H O C KExperten sehen Sprit bald bei 1,40 Euro
Deutschlands Autofahrer müssen sich in naher Zukunft mit einer weiteren Erhöhung der Preise an der Zapfsäule abfinden. Vermutlich wird der Preis bald bei 1,40 Euro liegen. Der Grund ist die angespannte Marktlage.
Aus: Spiegel Online 21. August 2005, 18.03 Uhr (nur elektronisch publiziert). [Original]BERLIN. "Die Verbraucher müssen sich darauf einstellen, dass Benzin noch einmal um 5 Cent pro Liter teurer wird. Erst Anfang kommenden Jahres kann man sich wieder Hoffnungen auf sinkende Ölpreise und damit auf billigeres Benzin machen", sagte der Chefvolkswirt von Allianz und Dresdner Bank, Michael Heise, der "Bild am Sonntag". Grund sei die anhaltend hohe Nachfrage, besonders aus China, fügte Heise hinzu. "Auch die politischen Spannungen des Westens mit dem Iran wirken sich negativ aus."
Unterdessen wies Verbraucherschutzministerin Renate Künast (Grüne) Vorwürfe zurück, die Ökosteuer sei Ursache für die Rekordpreise an den Tankstellen. "Für die erneute enorme Steigerung des Erdölpreises sind allein die Mineralölkonzerne verantwortlich, nicht die Ökosteuer", sagte Künast der Zeitschrift Super Illu.
Ähnlich wie Heise erwartet auch Claudia Kemfert, Energie-Expertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) weiter steigende Preise: "Die Benzinpreise werden sich auch in den nächsten Wochen nach oben bewegen. Beim Ölpreis rechnen wir mit einem Anstieg um bis zu 10 %. Der Liter Superbenzin könnte dann mehr als 1,40 Euro kosten."
Jörg Krämer, Chefvolkswirt der HypoVereinsbank, erwartet auch für nächstes Jahr keine Entspannung. "Nach unserer Prognose wird der Ölpreis weiter steigen - von derzeit 63 Dollar pro Barrel auf 74 Dollar bis Mitte nächsten Jahres. Weltweit nimmt die Nachfrage zu, doch in vielen Staaten haben die Ölquellen ihr Fördermaximum bereits erreicht", sagte Krämer. "Als Folge dürfte Benzin in Deutschland um knapp 5 % teurer werden. Das hieße: Ein Liter Super kann bis zu 1,40 Euro kosten." Ein Liter Superbenzin kostete in der vergangenen Woche laut ADAC im Schnitt rund 1,30 Euro, an manchen Tankstellen wurden sogar 1,35 Euro verlangt.
Die hohen Energiekosten werden zu einer immer größeren Last für die Volkswirtschaft: Deutschland hat nach einem im ersten Halbjahr 4,2 Milliarden Euro mehr für Rohöl-Einfuhren bezahlen müssen als vor Jahresfrist, wie DER SPIEGEL unter Berufung auf Zahlen des Zahlen des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle in Eschborn berichtet. Von Januar bis Ende Juni 2005 kostete der importierte Rohstoff rund 15 Milliarden Euro, vor einem Jahr waren es noch 10,8 Milliarden Euro. Das entspricht einer Steigerung von fast 40 %.
H U R R I K A N K A T R I N ASuper-Benzin kostet jetzt 1,42 Euro
Die großen Mineralölkonzerne haben die Spritpreise in Deutschland erneut um mehrere Cent angehoben. Im bundesweiten Durchschnitt kostet Superbenzin an Markentankstellen nun 1,42 Euro und Diesel 1,18 Euro je Liter.
Aus: Spiegel Online 1. September 2005, 16.10 Uhr (nur elektronisch publiziert). [Original]HAMBURG/BERLIN. Zunächst erhöhte Total die Preise um 4 Cent je Liter Benzin und um 2 Cent für Diesel. Im Laufe des Tages zogen Aral, Shell und Esso nach. Erst am Vortag waren die Preise um 8 Cent je Liter Benzin auf neue Rekordstände gestiegen.
Ein Ende des rapiden Preisanstieg an deutschen Tankstellen ist nach Einschätzung von Energieexperten noch nicht absehbar. "Die Preise am Rotterdamer Spotmarkt sind innerhalb einer Woche um 30 % gestiegen", sagte Rainer Wiek vom Energie-Informationsdienst (EID) heute in Hamburg. "Das ist im deutschen Tankstellen-Markt noch gar nicht alles angekommen." Wiek sagte weiter, die Marke von 1,50 Euro je Liter Superkraftstoff sei "nicht mehr außerhalb jeder Realität".
Die jüngste Preisrunde begründen die Mineralölgesellschaften mit Produktionsausfällen durch den Wirbelsturm "Katrina" im Süden der USA. Weil zahlreiche Raffinerien stillstehen, kaufen amerikanische Händler alle verfügbaren europäischen Benzinvorräte auf. Von "völlig abgedreht" bis "heller Wahnsinn" reichen die Kommentare. Die Preise explodierten auf nie zuvor gesehene 850 Dollar je Tonne. Dadurch steige hierzulande der Benzinpreis.
Der Allgemeine Deutsche Automobilclub widerspricht dieser Darstellung. In einigen Nachbarländern sind die Benzinpreise nach Beobachtung des ADAC bei weitem nicht so stark gestiegen wie in Deutschland. In Österreich zum Beispiel habe der Benzinpreis in den vergangenen Tagen in etwa stagniert, sagte ADAC-Experte Jürgen Albrecht in München. "Auch dies zeigt, dass die jüngsten Preisanhebungen nicht gerechtfertigt sind." Der eigentlich unerwünschte Trend zum Tanktourismus werde sich verstärken, wenn die Schere weiter auseinander gehe.
IEA-Chef befürchtet weltweite Energiekrise
Der Chef der Internationalen Energieagentur, Claude Mandil, hält eine globale Energiekrise nach dem Wirbelsturm "Katrina" für wahrscheinlich. In einem Zeitungsinterview warnt er davor, die derzeitigen Öl-Engpässe als ein alleiniges Problem der USA zu betrachten.
Aus: Spiegel Online 3. September 2005, 14.58 Uhr (nur elektronisch publiziert). [Original]BERLIN/PARIS. "Wenn die Krise die Ölprodukte betrifft, dann ist es eine weltweite Krise", sagte Claude Mandil der Tageszeitung "Die Welt". "Keiner sollte denken, dass sich das nur auf die USA beschränken wird. Sie kaufen jetzt schon Benzin in Europa." Wenn die Raffinerien beschädigt sein sollten, werde sich das noch verstärken. Dann könne sich die Situation sehr schnell zu einer globalen Krise ausweiten, so Mandil.
Noch sei allerdings nicht abzuschätzen, welche Schäden der Hurrikan tatsächlich angerichtet habe, sagte der IEA-Chef. Erst Anfang kommender Woche könne man wohl mit Gewissheit sagen, wie stark Förderplattformen und Raffinerien wirklich beschädigt seien.
Eine Prognose über die weitere Entwicklung des Ölpreises wollte Mandil nicht geben. "Das hängt von sehr vielen unsicheren Faktoren ab und auch vom Verhalten der Verbraucher", sagte er der "Welt". "Aber der Preis ist viel zu hoch das war er schon vor 'Katrina'. Das ist ein Risiko für die Wirtschaft der gesamten Welt, vor allem für die Wirtschaft der armen Länder."
Mandil fordert die Regierungen der Industrieländer auf, mehr Geld in die Forschung und Entwicklung der verschiedenen Bereiche der Energiegewinnung zu investieren von den erneuerbaren Energien über die fossilen Brennstoffe bis hin zur Atomenergie. An die Verbraucher richtete er den Appell, Energie zu sparen.
US-Präsident George W. Bush hat derweil die Freigabe von 30 Millionen Barrel Öl aus US-Notreserven angeordnet, um die Benzinknappheit nach dem Hurrikan "Katrina" zu lindern. Dennoch müssten sich Autofahrer darauf einstellen, dass es vorübergehend Probleme bei der Versorgung geben könne, sagte Bush gestern.
Sieben Öl-Raffinerien der USA sind in Folge des Sturms geschlossen, mehrere andere arbeiten nur eingeschränkt. Die Benzin-Produktion ist daher stark eingeschränkt. Es fehlen pro Tag etwa 1 Million Barrel (1 Barrel = 159 Liter), was etwa 10 % des täglichen US-Verbrauchs entspricht. Inklusive Heizöl, Kerosin und anderen Öl-Produkten fehlen pro Tag 2 Millionen Barrel.
Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien hatten sich am Freitag [2.9.2005] bereit erklärt, im Rahmen einer von der Internationalen Energieagentur (IEA) koordinierten Aktion den USA Öl und Ölprodukte zur Verfügung zu stellen. Die IEA kündigte an, für zunächst 30 Tage 2 Millionen Barrel täglich aus Reserven ihrer Mitglieder freizugeben.
B E N Z I NZusammensetzung des Benzin-Preises
[Tabelle in Fakten-Sammlung verlagert]
Experten erwarten weiteren Preisanstieg
Ein Plus von 18 Cent innerhalb von zwei Tagen, und noch immer ist kein Ende in Sicht: Ökonomen rechnen damit, dass der Preis für den Liter Normalbenzin schon bald auf mindestens 1,50 Euro steigt - die Angst vor einer weltweiten Energiekrise wächst.
Aus: Spiegel Online 4. September 2005, 16.51 Uhr (nur elektronisch publiziert). [Original]FRANKFURT/MAIN. Die teilweise Freigabe staatlicher Ölreserven lasse die Preise nicht sinken, sagten Ökonomen laut einem Bericht der Bild am Sonntag. Vielmehr könnte die 1,50-Euro- Marke schon in den kommenden Wochen durchbrochen werden. Die Deutsche Umwelthilfe fürchtet bis Jahresende einen Anstieg auf 1,80 Euro. Derweil wächst die Angst vor einer weltweiten Energiekrise.
In mehreren Schritten erhöhten die Mineralölkonzerne von Mittwoch [31.8.] bis Freitag [2.9.2005] die Preise um 18 Cent. Laut Bild am Sonntag kostete Superbenzin durchschnittlich 1,44 Euro, Normal 1,36, Diesel 1,18. Der Ölpreis sank indes: Der Schlusspreis für ein Barrel der Sorte Light Sweet Crude, lieferbar im Oktober, lag am Freitag in New York bei 67,57 Dollar, 1,90 Dollar weniger als am Vortag.
Anfang 2005 kostete Sprit in Deutschland rund 30 % weniger. Super lag bei 1,10 Euro, Diesel bei 98 Cent und Normalbenzin bei 1,08 Euro. "Dieses Preisniveau werden wir auf lange Sicht nicht wieder erreichen", zitierte die Zeitung den Chefvolkswirt von Allianz und Dresdner Bank, Michael Heise. "Der Liter Normalbenzin könnte schon bald 1,50 Euro kosten."
Der Wirtschaftsweise Wolfgang Franz glaubt nicht, dass die Freigabe der Erdölreserven langfristige Auswirkungen haben wird. "Die teilweise Freigabe der Ölreserven wird keineswegs zu einem Sinken der Benzinpreise führen. Denn Öl ist auf dem Markt ausreichend vorhanden. Es ist durchaus möglich, dass der Preis für einen Liter Normalbenzin in den kommenden Tagen oder Wochen auf über 1,50 Euro steigt."
Auch die Mineralölkonzerne schließen einen weiteren Preisanstieg nicht aus. Die Sprecherin des Mineralölwirtschaftsverbandes, Barbara Meyer-Bukow, sagte: "Die Reserven sind eigentlich für Versorgungskrisen gedacht. Sie sind nicht geeignet, eine Preiskrise zu beeinflussen. Dieser Effekt wird schnell verpuffen. Wenn es dann zu einer echten Versorgungsstörung kommt, würden diese Reserven fehlen. Dann könnte der Preis noch dramatischer steigen."
Unterdessen sagte der Chef der Internationalen Energie-Agentur (IEA), Claude Mandil, laut einem Bericht der Welt über eine mögliche weltweite Energiekrise: "Wenn die Krise die Ölprodukte betrifft, dann ist es eine weltweite Krise. Keiner solle glauben, "dass sich das nur auf die USA beschränken wird. Sie kaufen jetzt schon Benzin in Europa.
Wenn die Raffinerien beschädigt sein sollten, wird sich das noch verstärken. Dann wird sich das sehr schnell zu einer globalen Krise ausweiten." Die IEA hatte am Freitag [2.9.2005] beschlossen, 30 Tage eine Menge von je rund 2 Millionen Barrel (159 Liter) Öl der strategischen Reserven freizugeben, um die Auswirkungen des Hurrikans "Katrina"" zu bewältigen. Die Regierungen der Industrieländer forderte Mandil auf, mehr Geld in die Forschung und Entwicklung der verschiedenen Bereiche der Energiegewinnung zu investieren. Die Verbraucher rief er zum Energiesparen auf.
B E N Z I N P R E I S EGold im Tank
Schröder und Merkel beschimpfen die Ölkonzerne und kaschieren ihr eigenes Versagen
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 6. September 2005, Seite 8 (Meinung) von HARALD SCHUMANN. [Original]Es geht doch Es geht doch nichts über klare Feindbilder. Das bewies Gerhard Schröder, als er im Schaukampf mit Angela Merkel die Ökosteuer rechtfertigen und die hohen Spritpreise erklären musste. "Unverantwortlich" sei es, so der Kanzler, dass die Ölkonzerne seit 2003 bis zu 35 Cent pro Liter zusätzlich einstreichen, obwohl die hohen Ölpreise auf "reine Spekulation" zurückgingen. Das klang so plausibel, dass auch die Kontrahentin nicht umhin kam, dem Verdikt "ausdrücklich" zuzustimmen. In Sachen Öl war die große Koalition perfekt: Schuld haben die Bosse.
Wenn es doch so einfach wäre. Gewiss, die großen vier der Ölwelt, also Exxon und Chevron (beide USA), sowie BP und Shell (beide EU) scheffeln seit anderthalb Jahren unglaubliche Gewinne. Schließlich verfügen sie für große Mengen ihrer Herstellung von Benzin und anderen Produkten über langfristige Lieferverträge mit den Rohölproduzenten und über eigene Förderkapazitäten von Alaska bis Westafrika. Folglich können sie im Windschatten steigender Weltmarktpreise große Gewinne einstreichen, denn ihre tatsächlichen Kosten folgen allenfalls mit Verzögerung dem Trend. Richtig ist auch, dass die Ölbörse, wie jede andere auch, bei schnellen Preisbewegungen Spekulanten anlockt, die die Preise anheizen. Gedeckt von solchen Übertreibungen erzielte der Exxon-Konzern (Esso) mit 25 Milliarden Dollar schon im vergangenen Jahr den höchsten Gewinn der Unternehmensgeschichte.
Aber so sehr dies auch den Kanzler ärgern mag, so wenig handelt es sich um finstere Machenschaften. Denn Tatsache ist: Wer Rohöl liefern kann, erzielt damit derzeit um die 70 Dollar pro Fass. Aus Sicht der Unternehmen gibt es deshalb keinen Grund, es in Form von Treibstoff billiger herzugeben. Auch kommt die Ölpreisexplosion keineswegs überraschend. Seit Jahren steigt wegen des Wachstums in China, Indien und den USA der Bedarf schneller, als die Förderkapazitäten ausgebaut werden können, allein im vergangenen Jahr um 3,3 %. Das Problem ist nicht, dass die Scheichs wie zu Zeiten der Ölkrise in den 70er Jahren nicht mehr liefern wollen. Vielmehr können sie nicht, zumindest nicht so schnell.
Vor diesem Hintergrund ist der Kanzler-Vorstoß für mehr "ethisches" Konzernverhalten nur ein Entlastungsangriff, der vom eigenen Versagen ablenken soll. Denn der eigentliche Kern der heraufziehenden Energiekrise ist die anhaltende Abhängigkeit von einem Rohstoff, der absehbar nur begrenzt zur Verfügung steht. Mehr als ein Drittel des deutschen Energiebedarfs wird über Ölprodukte gedeckt und daran haben weder Schwarz-Gelb noch Rot-Grün in den vergangenen 15 Jahren etwas geändert. Gleich, ob der Höhepunkt der Ölförderung im nächsten Jahr erreicht wird oder erst zehn Jahre später, wie die Fachwelt derzeit diskutiert: Der Markt wird das Ende der Ölverschwendung erzwingen, und es ist verlogen, den Bürgern eine andere Lösung jenseits von harten Einsparungen und teurer Effizienzsteigerung zu versprechen. "Eins ist klar: Die Ära des billigen Öl ist vorbei", schrieb Chevron-Boss David O'Reilly kürzlich seinen Kunden. Diese Wahrheit müssen Schröder und Merkel wohl erst noch lernen.
B I O S P R I TTrittin fordert Fünf-Liter-Auto bis 2012
Rund 1,40 Euro für einen Liter Super: Die Benzinpreise klettern nach Hurrikan "Katrina" in Schwindel erregende Höhen. Angesichts dieser Rekordpreise fordert Bundesumweltminister Trittin von der Autoindustrie mehr Anstrengungen bei der Entwicklung sparsamer Motoren.
Aus: Spiegel Online 6. September 2005, 16.04 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]CHEMNITZ. Die Automobilbranche solle sich das Ziel setzen, bis 2012 den Durchschnittsverbrauch auf fünf Liter zu senken, sagte Jürgen Trittin der Chemnitzer "Freien Presse". Sollte die Branche dies nicht schaffen, sollte sie nach Vorstellung des Bundesumweltministers in einen Fonds für unterlassenen Umweltschutz einzahlen und damit Klimaschutzprojekte finanzieren.
Der Grünen-Politiker erinnerte daran, dass sich die Autoindustrie freiwillig verpflichtet habe, bis 2008 den Durchschnittsverbrauch bei Benzinmotoren auf 5,5 Liter zu senken. "Davon ist sie mit 6,8 Litern noch weit entfernt", sagte er der Zeitung. Trittin empfahl, den Anteil von beigemischtem Ethanol zum Benzin und von Biodiesel zum Dieselkraftstoff in Europa von gegenwärtig 5 auf 10 % zu erhöhen.
Die Deutsche Umwelthilfe fordert darüber hinaus gesetzliche Höchstwerte für den Spritverbrauch. "Wenn die Autoindustrie ihre Zusage von gestern fast schon demonstrativ missachtet, muss der Staat lenkend eingreifen", erklärten die Umweltschützer.
Seit 1990 sei der Verbrauch im Schnitt um 25 % gesunken, hielt der Präsident des Verbands der Automobilindustrie (VDA), Bernd Gottschalk, dagegen. Damit hätten die deutschen Hersteller dazu beigetragen, die CO2-Emissionen des Verkehrs zwischen 1999 und 2003 um 15 Millionen Tonnen zu senken. Neufahrzeuge aus hiesiger Produktion verbrauchten mit 6,8 Litern Kraftstoff auf 100 Kilometern zwei Liter weniger als noch zu Beginn der 90er Jahre, sagte Gottschalk in Frankfurt am Main. "Wir lassen es nicht zu, dass diese Erfolge, die mit milliardenschweren Investitionen erreicht wurden, klein geredet werden."
Von den 2004 neu zugelassenen Pkw verbrauche jedes zweite Fahrzeug weniger als 6,5 Liter Kraftstoff auf 100 Kilometern. Der Anteil dieser Autos habe sich in den vergangenen zehn Jahren verfünffacht. Von deutschen Marken gebe es zurzeit mehr als 250 Modelle, die zu dieser Kategorie zählten. 48 Modelle benötigten sogar weniger als fünf Liter Kraftstoff. Gottschalk versprach weitere Forschritte. Dazu gehörten neben der weiteren Senkung des Spritverbrauchs auch der verstärkte Einsatz alternativer Kraftstoffe.
Die wirtschaftliche Bedeutung nachwachsender Rohstoffe unterstrich auch Bundesverbraucherministerin Renate Künast. In der Erzeugung seien 130.000 Menschen beschäftigt, weitere 260.000 arbeiteten in Verarbeitung und Logistik. "Wir müssen unsere Forschung ganz konsequent auf nachwachsende Rohstoffe und Biokraftstoffe konzentrieren", sagte die Grünen- Politikerin in Berlin. "Der explodierende Ölpreis und die weltweit zu beobachtenden Klimaveränderungen mit all ihren Folgen zeigen, dass es zu diesem Weg in Zukunft keine Alternative gibt."
Bundesregierung will weg vom Öl
Wahlkampf an der Tankstelle: Die Parteien streiten angesichts der hohen Öl- und Benzinpreise um alternative Kraftstoffe. Die Grünen wollen Tankstellen zu Biodiesel zwingen. Bundesverkehrsminister Stolpe setzt auf Steuervorteile.
Aus: Spiegel Online 9. September 2005, 19.08 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]BERLIN. Um "weg vom Öl" zu kommen, will die Bundesregierung Biokraftstoffe auf Jahre hin weiter massiv steuerlich fördern. "Es wäre höchst fatal, wenn es hier zu Veränderungen käme", sagte Verkehrsminister Manfred Stolpe am Freitag mit Blick auf Pläne der Union. Ziel sei, binnen 15 Jahren 10 % Marktanteil für Biosprit zu erreichen, um unabhängiger vom Öl zu werden. Einen Vorschlag der Grünen, Tankstellen schon jetzt zum Anbieten alternativer Kraftstoffe zu verpflichten, lehnte Stolpe ab.
Verbraucher-Staatssekretär Matthias Berninger (Grüne) hatte in der Berliner Zeitung gefordert: "Alle größeren Tankstellen sollten gesetzlich zu einer grünen Zapfsäule verpflichtet werden." Diese sollten Biodiesel, Biogas oder Bioethanol anbieten. Verbraucher müssten ein flächendeckendes Angebot an Bio-Kraftstoffen vorfinden, um so einen Anreiz zum Kauf eines Wagens mit alternativen Antrieben zu haben, forderte Berninger. Nach seinen Vorstellungen sollte dies für größere Tankstellen ab acht Säulen gelten. Dies beträfe rund 80 % der deutschen Zapfstellen. Derzeit gebe es in Deutschland rund 15.300 Tankstellen, 1.900 bieten Biodiesel als Kraftstoff an. Die Grünen unterstellen der Mineralölwirtschaft, dass sie Biosprit von den Zapfsäulen fern hält.
Benzinpreis: Bundesregierung lehnt "Strafsteuer" ab
Frankreich und Österreich haben den Ölkonzernen mit einer Sondersteuer gedroht, wenn diese die Treibstoffpreise nicht senken. Die Bundesregierung befürchtet rechtliche Probleme
Aus: Berliner Morgenpost, 14. September 2005, 18.59 Uhr MESZ (Aktuell). [Original]BERLIN/HAMBURG (morgenpost.de). Die Bundesregierung lehnt die Androhung einer "Strafsteuer" für Mineralölkonzerne nach französischem Vorbild ab. Was von der französischen und dann auch von der österreichischen Regierung vorgeschlagen worden sei, werde von der Bundesregierung "schlicht nicht angedacht", sagte der Sprecher des Finanzministeriums am Mittwoch [14.9.2005] in Berlin. Hier müßten neben EU-Wettbewerbsfragen auch rechtliche Probleme berücksichtigt werden [Ed: und auch hier versagt ein Hans Eichel, aber die Merkel- Union will nach gewonnener Wahl auch nur einen ‚runden Tisch‘ nach dem Motto Gut, daß wir mal drüber gesprochen haben wo doch nur noch das Zeigen staatlicher Folterinstrumente die Abzocker beeindrucken kann, und natürlich hatte damit Frankreich Erfolg].
Frankreich und Österreich hatten den Ölkonzernen mit einer Sondersteuer gedroht, wenn diese die Benzinpreise nicht senken sollten. Ansonsten würden übermäßige Gewinne abgeschöpft und an die Verbraucher zurückgegeben. Die Ölkonzerne Total und BP hatten daraufhin am Wochenende in Frankreich eine Senkung der Benzinpreise beschlossen. Benzin wurde um drei Cent und Dieselkraftstoff um zwei Cent preiswerter. Österreich hatte zudem eine Erhöhung der Pendlerpauschale und des Kilometergeldes angekündigt.
In Großbritannien hatten Tausende Tankstellen nach Panikkäufen besorgter Autofahrer am Dienstag vorübergehend Versorgungsprobleme. Hintergrund waren angedrohte Blockaden von Raffinerien und Kraftstoff-Depots. In einigen Teilen des Landes war der Preis für einen Liter Normalbenzin auf mehr als ein Pfund (1,50 Euro) gestiegen. Statt der erwarteten großen Zahl von Demonstranten kamen am Mittwoch aber nur wenige, um ihren Unmut über den teuren Sprit auszudrücken. Die Regierung wurde aufgefordert, den hohen Anteil der staatlichen Abgaben am Benzinpreis zu senken.
Die Deutschen lassen unterdessen ihr Auto angesichts der hohen Benzinpreise öfter stehen, der Benzinabsatz geht weiter stark zurück. Im August wurden nach vorläufigen Zahlen 2,0 Millionen Tonnen Benzin verkauft, das sind 6,3 % weniger als im August 2004, teilte der Mineralölwirtschaftsverband (MWV) in Hamburg mit. Für die ersten acht Monate beträgt das Minus 5,3 % auf 15,85 Millionen Tonnen. Der Dieselabsatz sank um 0,6 % auf 18,74 Millionen Tonnen.
Der Sprecher des Bundesfinanzministeriums verwies darauf, daß in Frankreich und in Österreich die Frage offen gelassen worden sei, inwieweit eine "Strafsteuer" für einzelne Branchen juristisch umsetzbar sei. "Wir sehen auch bei solchen Instrumentarien zuallererst verfassungsrechtliche Hürden, die das erschweren würden." Auch hätten die EU-Finanzminister auf ihrem Treffen in Manchester einhellig festgestellt, daß nationale Alleingänge und isolierte Regelungen wenig tragfähig seien und auch zu Wettbewerbsverzerrungen führen könnten.
Auch die Europäische Zentralbank (EZB) unterstützte die am Wochenende in Manchester vereinbarte Linie der EU, angesichts der hohen Ölpreise auf wettbewerbsverzerrende Steuermaßnahmen zu verzichten. "Das ist die Verantwortung der Regierungen", sagte EZB- Präsident Jean-Claude Trichet in Brüssel. Sein Heimatland Frankreich hatte allerdings erst am Dienstag angekündigt, Landwirte wegen der hohen Ölpreise mit 30 Millionen Euro Treibstoffhilfen zu entlasten. Die EU-Finanzminister hatten vereinbart, Benzin und Öl nicht über Steuersenkungen zu verbilligen. Gezielte Maßnahmen zur Unterstützung armer Bevölkerungsschichten sollen aber akzeptiert werden.
Die amerikanischen Energiepreise sind am Mittwoch [14.9.2005] in Erwartung rückläufiger US-Rohöl- und -Benzinreserven durch die Folgen von Hurrikan "Katrina" gestiegen. Der Rohölpreis legte am New Yorker Warenterminmarkt Nymex im elektronischen Handel um 56 Cent auf 63,67 Dollar je Barrel (159 Liter) zu. Damit lag der Preis allerdings um rund 10 % unter seinem nach dem Hurrikan verbuchten Rekordniveau von 70,85 Dollar.
G - 7 - F I N A N Z M I N I S T E RFrankreich ringt Ölkonzernen Zugeständnisse ab
Finanzminister Thierry Breton hatte zuvor gedroht, zusätzliche Gewinne der Konzerne aufgrund des hohen Ölpreises mit einer Sondersteuer zu belegen.
Aus: Berliner Morgenpost, 16. September 2005, 19.35 Uhr MESZ (Aktuell). [Original]PARIS (morgenpost.de). Frankreich will die Tankstellenpreise künftig überwachen, um Spekulationsgewinne der Ölkonzerne zu Lasten der Verbraucher zu verhindern. Das "Observatorium der Treibstoffpreise" werde so schnell wie möglich eingerichtet, sagte Finanzminister Thierry Breton am Freitag nach einem Spitzengespräch mit den Ölkonzernen in Paris. Die Verbraucher würden wöchentlich über die Entwicklung informiert. Total-Konzernchef Thierry Desmarest sicherte zu, die Weitergabe "starker Erhöhungen der Ölpreise an die Verbraucher über drei Wochen zu strecken". Ölpreissenkungen würden "binnen 3 Tagen weitergegeben".
Breton hatte die Konzerne unter Androhung einer Sondersteuer zu dem Benzingipfel geladen, nachdem die Preise an den Tankstellen im Gefolge des Hurrikans "Katrina" in die Höhe geschossen waren. Er hatte angesichts von erwarteten 100 Milliarden Euro Gewinn der Ölkonzerne 2005 gefordert, Sondergewinne den Verbraucher zu erstatten und mehr in Raffinerien, Erkundung von Ölvorkommen und alternative Energien zu investieren.
Die Ölunternehmen sagten zu, 3,5 Milliarden Euro in Raffinerien zu investieren, um Engpässe auf den Treibstoffmärkten zu vermeiden. In den vergangenen drei Jahren waren nur 800 Millionen investiert worden. Allein Total will seine Raffinerien für drei Milliarden Euro umrüsten und erweitern. Das sind 200 Millionen mehr als bisher geplant und drei Mal so viel wie in den 5 Vorjahren. Shell, BP und ESSO sagten 500 Millionen Euro für den Zeitraum 2006 bis 2008 zu. Wie viel davon bisher schon vorgesehen war, blieb unklar.
Außerdem versprachen die Unternehmen 600 Millionen Euro Investitionen in alternative Treibstoffe. Total will besonders den Einsatz von Bio-Ethanol als Benzinzusatz fördern. Die Bemühungen der Konzerne im Bereich neuer Treibstoffe sollen vom Ministerium koordiniert werden. Total sagte zudem 500 Millionen und Shell 100 Millionen Euro in die Entwicklung erneuerbarer Energiequellen wie Wind- und Sonnenkraft oder Biomasse zu.
Spätestens Anfang 2006 werde es einen weiteren Energiegipfel über die Umsetzung der Pläne geben, sagte Breton. Die angedrohte Steuer auf Extragewinne bleibe als Möglichkeit bestehen, doch das Engagement der Konzerne gehe in die richtige Richtung. Die deutsche Bundesregierung hatte eine solche Strafsteuer mit Hinweis auf "verfassungsrechtliche Hürden" und die Entscheidung des EU-Ministerrats gegen "nationale Alleingänge" abgelehnt.
Supermarktkönig Michel-Edouard Leclerc, mit 475 Tankstellen zweitgrößter Betreiber in Frankreich, forderte die Pariser Regierung auf, Steuermehreinnahmen aus dem Ölpreisanstieg den Bürgern wirklich zu erstatten. Von 1,20 Euro je Liter Super fließen 79 Cent in die Staatskasse; bei 1,06 Euro teurem Diesel sind es 59 Cent. Am Donnerstag hatte Breton ein Gremium eingesetzt, das die Entwicklung der Einnahmen aus den Treibstoffsteuern begutachten soll. Mehrgewinne sollen den Bürgern erstattet werden.
Seit Januar ist in Frankreich der Preis für Diesel um 15 Cent und für bleifreies Superbenzin um 20 Cent pro Liter gestiegen. Nach der Androhung der Strafsteuer waren die Preise um 3 Cent gefallen, was die Unternehmen jedoch mit der Marktentwicklung begründen. Am Freitag fiel der Ölpreis in New York um 1 % auf 64,10 Dollar je Barrel (159 Liter). Vor gut 2 Wochen hatte er 70,85 Dollar erreicht.
Ölpreis bedroht Weltwirtschaft
Der hohe Ölpreis ist nach Ansicht der G-7-Staaten eins der größten Risiken für die Weltwirtschaft. Die Frage, wie man den anziehenden Energiekosten entgegenwirken kann, ist deshalb Hauptthema auf dem heutigen Treffen der Finanzminister der sieben führenden Industrieländer.
Aus: Spiegel Online 23. September 2005, 22.13 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]WASHINGTON. Ein weiterer Anstieg des Ölpreises sei in Folge des Hurrikans "Rita" "nicht auszuschließen", hieß es aus deutschen Delegationskreisen. Das könnte "erheblichen Einfluss" auf das Verbrauchervertrauen haben, auch wenn die Weltwirtschaft den bisherigen Anstieg gut verkraftet habe. Bei ihren Beratungen wollten die G-7-Minister deshalb darüber sprechen, wie auf den Preisauftrieb beim Öl reagiert werden soll.
Die deutsche Delegation will die Schwerpunkte auf energischeres Energiesparen, verbesserte Effizienz beim Einsatz der Energie sowie stärkere Transparenz auf den Ölmärkten legen. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) wirbt seit längerem dafür, mehr gesicherte Daten etwa über Nachfrage und Fördermengen zu beschaffen. So will er den Spielraum für preistreibende Spekulationen eindämmen. Aus der deutschen Delegation hieß es allerdings einschränkend, dass derzeit nach Einschätzung der meisten Experten der Anteil der Spekulationen am Preisanstieg eher gering sei.
Die G-7-Finanzminister und -Notenbankchefs treffen sich traditionell vor der Jahrestagung von IWF und Weltbank, die ebenfalls heute begann. Finanzminister Hans Eichel (SPD) nimmt allerdings nach der Wahl aus "terminlichen Gründen" nicht an dem Treffen teil. Deutschland ist deshalb lediglich mit Bundesbank-Chef Axel Weber und Finanzstaatssekretär Caio Koch-Weser vertreten.
Im Fokus des Minister-Treffens stehen neben der Frage der Energiekosten die jüngste Liberalisierung des chinesischen Währungssystems. China hatte am Vormittag einen weiteren Reformschritt angekündigt und die zugelassene Schwankungsbreite des Yuan-Kurses zu Devisen außer dem Dollar etwas ausgedehnt.
Bei dem Treffen des IWF zeichne sich eine umfassende Einigung zur Frage des Schuldenerlasses ab, hieß es weiter aus der deutschen Delegation. Nachdem sich die Finanzminister der G7 und Russlands bereits im Juni auf einen Schuldenerlass von 40 Milliarden Dollar für die ärmsten Länder der Welt verständigt hatten, müssten nun auch andere Industrienationen und Ölländer "zur Kasse gebeten werden". Zugleich wurde betont, dass Deutschland über seinen zugesagten Beitrag nicht hinausgehe werde.
Hoher Spritpreis beschleunigt Suche nach Alternative
Aus: Heise-Newsticker, 28. September 2005, 13.59 Uhr MESZ (Energie). [Original]HANNOVER (sma/Technology Review). Die aktuell hohen Preise für Erdöl, Benzin und Diesel haben auch ihr Gutes: Sie beschleunigen die Forschung an alternativen Kraftstoffen. So hält Gerd Hagenow, Leiter der Kraftstoffentwicklung bei Shell in Deutschland, einen Biosprit-Anteil von 10 bis 20 % bis zum Jahr 2020 für möglich. Das liegt weit über den bisherigen Schätzungen, wie Technology Review in der Titelgeschichte seiner neuen Ausgabe berichtet.
Gearbeitet wird vor allem an synthetischen Treibstoffen, die aus Gas, Biomasse oder auch Kohle gewonnen werden können [Ed: hm, wenn ich mich an den Chemie- Unterricht recht erinnere, wurde bereits bei Leuna im 2. Weltkrieg synthetisches Benzin in großen Mengen nach dem Fischer-Tropsch- Verfahren produziert]. Für sie spricht insbesondere, dass ihre Eigenschaften gezielt beeinflusst werden können. Damit lassen sie sich so aufbauen, dass sie neue Motorkonzepte zur Verbrauchs- und Schadstoffreduzierung unterstützen. Volkswagen ist bereits dabei, eine Software erstellen zu lassen, die das Verhalten künstlicher Treibstoffe im Motor simuliert. Wenn sie fertig ist, sagt VWs Leiter der Antriebsforschung Wolfgang Steiger, "beginnt die Suche nach dem perfekten Kraftstoff."
Eine wichtige Rolle spielt bereits heute Biodiesel aus Pflanzenölen: Er darf zu bis zu 5 % normalem Diesel beigemischt werden und wird von vielen Motoren auch in reiner Form vertragen. Allerdings gilt sein Potenzial wegen des hohen Flächenbedarfs für den Anbau als nahezu ausgereizt. Das Freiberger Unternehmen Choren Industries will die Ausbeute mit einem "BtL" (Biomass to Liquid)-Verfahren um den Faktor drei erhöhen. Die Produktion von einem Liter "Sunfuel" soll in großen Anlagen zu Kosten von 50 bis 70 Cent möglich sein.
Zu diesem Thema siehe auch: "Der Preis ist noch nicht hoch genug" Online-Interview mit dem Öl-Experten Vaclav Smil. Das Oktober-Heft der deutschen Ausgabe von Technology Review ist ab dem 29. September im gutsortierten Zeitschriftenhandel oder online erhältlich.
B R E N N S T O F F Z E L L E N T E C H N I KZucker für Biodiesel
Aus: Heise-Newsticker, 10. November 2005, 8.22 Uhr MEZ (Technology). [Original]TOKIO (wst/Technology Review). Japanische Forscher haben einen Katalysator entwickelt, mit dem der aufwendige Produktionsprozess von Biodiesel sehr viel günstiger und umweltfreundlicher ablaufen könnte. Michikazu Hara und seine Kollegen vom Tokio Institute of Technology beschreiben ihre Arbeit in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Nature (Biodiesel made with sugar catalyst, Nature, Band 438, Seite 178).
Die Wissenschaftler ließen Zucker- und Zellulosemoleküle bei rund 300 Grad Celsius zu einem engmaschigen Gitter aus Kohlenwasserstoffen vernetzen (Pyrolyse). Dieses Trägermaterial behandelten sie für mehrere Stunden bei etwa 150 Grad mit konzentrierter Schwefelsäure. Dabei entsteht ein schwarzes Pulver, das als fester, unlöslicher Katalysator die Fettsäuren des Öles bei 80 Grad Celsius mit einer vergleichbar hohen Ausbeute wie flüssige Schwefelsäure verestert. Der fertige Treibstoff lässt sich jedoch deutlich leichter vom festen Katalysator trennen als die bislang verwendete Schwefelsäure. Da die Ausgangsprodukte für den festen Katalysator aus Ernteabfällen gewonnen werden können und die Reinigung des Endprodukts leichter ist, lockt hier ein günstigeres Produktionsverfahren für Biodiesel.
Biodiesel, hergestellt aus Pflanzenölen, vorzugsweise Raps, boomt wie nie zuvor: 2004 wurden in Deutschland 1,2 Millionen Tonnen Rapsmethylesther (RME), wie der Treibstoff chemisch korrekt genannt wird, produziert und an inzwischen 1900 Tankstellen abgesetzt. Das waren 50 % mehr als im Jahr zuvor und immerhin 4 % des Dieselverbrauchs von 30 und mehr als 2 % des gesamten Kraftstoffverbrauchs von 55 Millionen Tonnen. [Der perfekte Kraftstoff]
Auf dem Weg in die Wirklichkeit
Beim Auto der Zukunft schaut alle Welt auf den Hybridantrieb. Doch die Brennstoffzelle ist noch nicht abgehakt. Im Gegenteil: Fortschritte bei der Entwicklung machen die "kalte Verbrennung" von Wasserstoff endlich greifbar.
Aus: Spiegel Online 17. November 2005, 12.10 Uhr MEZ (nur elektronisch publiziert) von TOM GRÜNWEG. [Original]Angekündigt wird die Brennstoffzelle schon seit Jahren. Doch über einige kleine Flotten von Forschungsfahrzeugen ist die "kalte Verbrennung" von Wasserstoff, mit der im Auto frei von Schadstoffen der Strom für einen Elektromotor gewonnen wird, noch nicht hinausgekommen. Zwar steht derzeit der Hybridantrieb im Mittelpunkt des Interesses, doch den Brennstoffzellen-Entwicklern sind zuletzt deutliche Fortschritte bei Format, Leistung und Temperaturbeständigkeit gelungen. Der Weg in die Wirklichkeit für diese Technik wird gangbarer. Mercedes-Forschungsvorstand Thomas Weber wagt sogar eine konkrete Zeitangabe und kündigt die Marktreife der Technologie für "2012 bis 2015" an.
Dabei schließen sich das Engagement für den Hybridantrieb und die Brennstoffzelle nicht aus. Die Kombination von Verbrennungs- und Elektromotor scheint allenfalls eine Brückentechnologie, weil für Prius & Co. noch fossile und damit endliche Kraftstoffe benötigt werden. "Langfristig gilt für uns die Brennstoffzelle nach wie vor als aussichtsreiche Lösung", sagt Mercedes-Chef Dieter Zetsche. Nur mit ihr, so die vorherrschende Meinung, kann sich die mobile Gesellschaft irgendwann vom Mineralöl lösen zumindest wenn der Wasserstoff in Zukunft zum Beispiel mit Solarenergie hergestellt wird und der Preis für den Antrieb auf ein bezahlbares Niveau fällt.
Der neue Optimismus und die feste Zeitangabe fußt bei Mercedes vor allem auf dem vor wenigen Wochen in Tokio enthüllten Forschungsfahrzeug F600 Hy-Genius, in dem bereits die neue Generation der Brennstoffzelle steckt. Sie ist nach Webers Angaben nicht nur 40 % kleiner als die bisherigen Aggregate, sondern nimmt zudem 16 % weniger Energie auf, gibt aber dafür 30 % mehr Leistung ab. Weil überschüssiger Strom wie bei einem Hybridauto in einer Batterie zwischengespeichert wird, stehen bei Bedarf eine Leistung von 115 PS (85 kW) und ein Drehmoment von 350 Newtonmeter zur Verfügung.
Nissan rechnet erst in 20 Jahren mit der Serienreife
Ähnliche Fortschritte machen Honda und Nissan. Honda bringt beim jüngsten Prototypen die Brennstoffzelle im Mitteltunnel unter dem Wagenboden unter. Und die Renault-Schwester Nissan, die mit dem Geländewagen X-Trail experimentiert, hat den Platzbedarf mehr als halbiert und zudem einen neuen Wasserstoff-Speicher entwickelt, der bei gleichem Format 35 % mehr Treibstoff fasst. Damit steigt die Reichweite der Forschungsautos von 350 auf alltagstaugliche 500 Kilometer. Das sollen bald auch die ersten Flottenkunden in einem Pilotprojekt testen. Den Optimismus von Mercedes teilt Nissan trotzdem nicht: Die Japaner rechnen mit mindestens 20 Jahren, ehe ein Auto mit Brennstoffzellenantrieb beim Händler steht.Toyota entwickelt um die Brennstoffzelle herum offensichtlich ein neues Antriebskonzept. So haben die Japaner zur Tokio Motor Show die Studie Fine-X entworfen, die gleich von vier Elektromotoren angetrieben wird. Sie sind direkt in den Radnaben montiert, können einzeln angesteuert werden und machen das Fahrzeug damit besonders agil und wendig. Zusammen mit der Allradlenkung kann der Van deshalb quasi auf der Stelle wenden.
Doch nicht nur wer Ende Oktober mit einer neuen Studie nach Tokio gekommen ist, macht Fortschritte bei der Brennstoffzelle. Denn es forschen teilweise kaum im Blickfeld der Öffentlichkeit fast alle Hersteller an diesem Antriebskonzept. So stromert längst auch ein Opel Zafira mit Wasserstoff im Tank durch Europa, im Forschungszentrum Aachen trimmt Ford den Focus auf die Zukunft, und auch in Wolfsburg laufen längst entsprechende Prototypen. Dabei haben die Konzerne, ähnlich wie bei der Hybrid- Technologie, schon vor Jahren Kooperationen geschmiedet, durch die Kosten geteilt und Stückzahlen erhöht werden sollen. So arbeitet etwa General Motors zusammen mit Toyota, und DaimlerChrysler kooperiert mit Ford. Nur BMW geht einen eigenen Weg und verbrennt den Wasserstoff direkt im umgebauten Otto-Motor.
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