Infos zur Hochwassergefahr – Teil 1 khd
Stand:  15.4.2006   (54. Ed.)  –  File: Sci/Nat/H/Hochwasser_01.html



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Hochwasser-Katastrophen in Deutschland

Die schlimmsten Hochwasser-Katastrophen in Deutschland
Tote und Höhe der Gesamtschäden in Milliarden Euro
Stand: 15. April 2006
Quelle: Spiegel – 35/2002, Seite 24 + Eigene Recherchen im Internet.
Jahr Monat Ort Haupt-
Auslöser
Tote
1)
Gesamt-
Schaden
Davon
versichert
Anm.
1962   Hamburg Sturmflut ??? ?,?? Mrd. Euro % Nordsee-Sturmflut
1988 März Entlang von Donau, Rhein und Mosel   13 Mrd. Euro %  
1991 August Niederbayern und Oberpfalz (Donau)   5 Mrd. Euro %  
1994   Sachsen-Anhalt + Thüringen     0,20 Mrd. Euro 37 %  
1995   Entlang des Rheins     0,30 Mrd. Euro 39 %  
1997   Entlang der Oder   * 5B-Regentief   0,30 Mrd. Euro 9 %  
?   Entlang der Saale     ?,?? Mrd. Euro %  
1999 Mai Baden-Württemberg + Bayern 5B-Regentief 5 0,42 Mrd. Euro 19 % Pfingst-Hochwasser
2002   Schleswig-Holstein + Niedersachsen     0,02 Mrd. Euro ? % Juli-Dauerregen
2002 August Entlang von Elbe und Mulde   * 5B-Regentief >21 25,00 Mrd. Euro ? 20 %  2)  3)
2005 August Gesamter Alpenraum  4 * 5B-Regentief >79 Mrd. Euro % August-Hochwasser
2006 April Entlang der Elbe  * Schneeschmelze   Mrd. Euro % Frühjahrs-Hochwasser
          Mrd. Euro %  
1) Tote in Deutschland und den anderen betroffenen Ländern.
2) Andere Quellen schätzen den volkswirtschaftlichen Gesamt-Schaden auf bis zu 50 Mrd. Euro.
3) Über die gesamte Schadenssumme herrscht auch 2004 noch immer Unklarheit. *
4) Betroffen ist der Alpenraum von der Zentral-Schweiz bis hin zu den Karpaten (Siebenbürgen in Rumänien). *



Satelliten-Foto des Oder-Hochwassers am 21. Juli 1997

Oder-Hochwasser am 21.7.1997



Wasserpegel der Elbe-Flut 2002

Entwicklung der Elbe-Flut vom August 2002
Wasserstände in Zentimeter zur angegebenen Uhrzeit
Stand: Ab 12. August 2002
Quelle: Wetter-Online  1)
Ort Max.
Pegel
12.8. 13.8. 14.8. 15.8. 16.8. 17.8. 18.8. 19.8. 20.8. 21.8. 22.8. 23.8. 24.8. 25.8. 26.8. 27.8. 28.8. Anm.
MO DI MI DO FR SA SO MO DI MI DO FR SA SO MO DI MI
05.00 05.00 05.00 05.00 05.00 16.00 05.00 05.00 16.00 16.00 16.00 16.00 16.00 16.00 16.00 16.00 16.00
Dresden 940           847 761 761 594 490 423 398 362 365     292  
Torgau               945 898 779 672 571 526 480 460        
Wittenberg   489 517 552 616 623 690 696 680 634 626 581 546 529 513     469  
Dessau             710 695 714 674 648 632 593 565       463  
Magdeburg             624 783 816 658 628 601 571 524       399  3)
Tangermünde               672   766 760 738 712            
Wittenberge             531 507   723 713 716 704 689 652     575  
Dömitz               410   614 655 653 656 649 628        
Neu Darchau             730 462   648 716   731 730 719     630  4)
Lauenburg               593   709 829 865 869            2)
1) Ergänzt um Daten aus anderer Quelle.
2) Pegel Hohnstorf.
3) Pegel Rothensee (nordöstlich von Magdeburg).
4) Südlich von Amt Neuhaus am anderen Elbufer.



F L U T K A T A S T R O P H E

Deutschlands Dämme brechen

Nicht nur in Sachsen, auch in Bayern, Tschechien und Österreich hieß es Land unter in vielen Städten und Landstrichen. Bereits in den Tagen zuvor hatte das Wetter verrückt gespielt, von den Alpen bis zum Kaukasus, von Barcelona bis Wien, von Salzburg bis Eutin. Eine solche Sintflut hatten die meisten Europäer noch nie erlebt.

Aus:
DIE ZEIT – Nr. 34/2002, 15. August 2002, Seite ?? (Politik) von HANS SCHUH. [Original]

Das Verderben kam aus dem Erzgebirge. Über 300 Liter Regen pro Quadratmeter waren dort stellenweise heruntergeprasselt, ein Jahrhundertrekord. Mehrere Gebirgsbäche schwollen gewaltig an, darunter auch die Weißeritz. Diese verließ in Dresden ihr kanalisiertes Bett und überflutete zusammen mit der Elbe die Innenstadt. Bald darauf bot die frisch renovierte Stadt ein Bild des Jammers. Der Hauptbahnhof glich einer Schwimmhalle. Der prachtvolle Zwinger, die teure Semperoper und der Landtag – metertief versunken. In weiten Gebieten Sachsens herrschte Katastrophenalarm, 17.000 Menschen mussten evakuiert werden. Ähnliches kannte die Nation nur aus TV-Berichten über Katastrophen in Bangladesch.

Nicht nur in Sachsen, auch in Bayern, Tschechien und Österreich hieß es Land unter in vielen Städten und Landstrichen. Bereits in den Tagen zuvor hatte das Wetter verrückt gespielt, von den Alpen bis zum Kaukasus, von Barcelona bis Wien, von Salzburg bis Eutin. Eine solche Sintflut hatten die meisten Europäer noch nie erlebt.

Der viel beschworene Klimawandel, der erste Vorbote der Treibhauskatastrophe: Sieht er so aus? "Wer jetzt noch bestreitet, dass ein Klimawandel stattfindet, dem ist nicht zu helfen", sagt Mojib Latif, Klimaforscher am Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie. Für ihn ist die Ursache klar. In den vergangenen 100 Jahren sei die Durchschnittstemperatur auf der Erde um knapp ein Grad gestiegen. Dieser Anstieg bedeute mehr Energie in der Atmosphäre, dadurch verdunste mehr Wasser, das dann umso kräftiger auf uns herabregne.

Klimaschutz wirkt erst später

Doch ganz so einfach scheint die Klimarechnung nicht. Mehr Wasserdampf bildet verstärkt Wolken – und die wiederum wirken kühlend, denn sie schirmen das Sonnenlicht ab. So froren mitten im Hochsommer die Menschen im verregneten Italien, an der Adria und auf Mallorca blieben die Strände leer. Zwar sind die Rechenmodelle der Klimaforscher inzwischen recht präzise, aber die komplizierte Rolle der Wolken und des Wasserdampfs im atmosphärischen Haushalt der Erde erklären sie immer noch nicht exakt.

Trotz berechtigter Zweifel an der Theorie halten die meisten Wissenschaftler es für richtig, langfristig die Emission von Treibhausgasen zu senken, wie vom Kyoto- Protokoll gefordert. Allerdings sind sich Umweltschützer und Klimaforscher darin einig, dass dieser erste gemeinsame Schritt frühestens in 20 bis 30 Jahren bescheidene Wirkung zeigen wird. Um die befürchtete Aufheizung des Weltklimas gegen Ende des Jahrhunderts zu halbieren, von etwa 4 auf 2 Grad, wäre allerdings eine wesentlich drastischere Senkung der Emissionen in den Industriestaaten notwendig (um 80 % bis 2050, statt der in Kyoto geplanten 5 %). Das bleibt ein utopisches Ziel.

Klimaschutz ist ein langwieriges Unterfangen. Auf die drängende Frage, wie sich verheerende Unwetterschäden wie jetzt in Sachsen, Bayern oder Österreich künftig begrenzen lassen, geben die Beschlüsse von Kyoto keine Antwort. Neben dem in Jahrzehnten rechnenden Klimaschutz, der globale Folgen haben soll, benötigen wir dringend einen effektiveren, regional wirkenden Unwetterschutz.

Versicherungsgesellschaften beklagen, dass die Kosten von Naturkatastrophen drastisch zugenommen hätten. Die Gesamtschäden haben sich seit den sechziger Jahren verachtfacht, die versicherten Schäden sind sogar um das Vierzehnfache gestiegen. Woran liegt das?

Moderne Gesellschaften sind auf reibungslose Produktions- und Dienstleistungsabläufe angewiesen. Darum konzentrieren sie Know-how und Produktionsstätten in engen Ballungszentren. Das steigert ihre Verwundbarkeit. Schon fürchten die Versicherer gewaltige Naturkatastrophen mit wirtschaftlichen Folgekosten, die vergleichbar sind mit jenen des Terroranschlags auf das World Trade Center: Wenn erst einmal ein Hurrikan durch New York pflügt, wenn ein schweres Erdbeben, "the big one", Kalifornien erschüttert, drohe der Weltwirtschaft ein schwerer Infarkt.

Hilflos sind die Städte nicht

Auch in Europa würden Orkane in Ballungsräumen oder Überflutungen von Großstädten wie Hamburg oder Rotterdam verheerende Folgen haben. Das Ausmaß der aktuellen Hochwasserschäden in Mitteleuropa steht noch nicht fest, wird aber Milliarden Euro übersteigen.

Was tun? Erdbebenschäden können durch sichere Bauten begrenzt werden. Gegen Überflutungen schützen stärkere Dämme und Deiche und eine bessere Flussregulierung – Überlaufflächen inklusive. Auch der Häuserbau in gefährdeten Regionen muss besser kontrolliert werden. Noch sind wassernahe – und damit überschwemmungsbedrohte – Grundstücke wegen ihres hohen Freizeitwertes besonders beliebt und teuer. Längst sind die meisten Küstenregionen Europas zugebaut. Wesentlich häufigere Fehlplanungen sind Tiefgaragen, Keller oder Unterführungen in überschwemmungsgefährdeten Zonen. Die veraltete und oft zu schwach ausgelegte Entwässerung von Straßen und Häusern verkehrt sich ins Gegenteil: Aus Gullys und Sanitäranlagen quillt immer öfter das Wasser. Nach Stürmen blockieren umgestürzte Baumriesen regelmäßig Schienen und Straßen, beschädigen Häuser und Autos. Von unzureichend gesicherten Dächern und Fassaden stürzen Ziegel und Verkleidungen auf Fahrzeuge und Passanten.

Die Frage, wie sehr der Mensch das globale Klima beeinflusst, wird die Forscher noch lange beschäftigen. Dass er für viele Unwetterschäden selbst die Verantwortung trägt, ist dagegen heute schon unzweifelhaft. Gehandelt wird viel zu wenig. Peinlich sind die Wahlkampfauftritte besorgter Landesväter in den Katastrophengebieten. Noch vor wenigen Jahren hielten sie die Sorgen der Ökologen für typische deutsche Untergangsängste. Worauf es jetzt ankommt, ist die praktische Vorsorge; denn nicht alles, was wie eine unabänderliche Katastrophe einherkommt, müssen wir erdulden. Bessere Stadt- und Landschaftsplanung ist kein politisches Kunststück.



D I E   E L B E

Ein Fluss im Urstromtal

Die Elbe hat sich die grünen Wiesen zurückgeholt, wo Arbeitsplätze entstehen sollten

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 19. August 2002, Seite 7 (Wissen & Forschen) von THOMAS DE PADOVA. [Original]

„Die Elbe fließt bei dieser Wassermenge wieder so, wie sie schon vor Jahrtausenden geflossen ist. Sie hat sich ihr Ursprungstal zurückgenommen.“ Michael Kinze, Präsident des Sächsischen Landesamtes für Umwelt und Ökologie in Dresden, schaut fassungslos auf die Fluten. Das Wasser ist sein Element, seit 30 Jahren. Der habilitierte Bauingenieur hat Talsperren und Deichanlagen studiert.

Die Elbe – Einige Fakten
Quelle: Internet-Recherche von khd, 15.8.2002.
Die Elbe kommt aus Tschechien. Die Elbe ist Deutschlands zweitlängster Fluß und berührt 7 Bundesländer: Sachsen, Sachsen- Anhalt, Brandenburg, Niedersachsen, Mecklenburg- Vorpommern, Schleswig- Holstein und Hamburg.

Die Entfernung zwischen Dresden und Hamburg beträgt rund 600 km, der Höhenunterschied ist nur 120 m. Die Flutwelle bewegt sich derzeit mit einer Geschwindigkeit von etwa 1,2 m/s – was rund 100 km/Tag sind – auf Hamburg zu.

Ursprünglich betrug bei der Elbe die Breite des Flußbettes im Mittel 8 km. Der Fluß ist aber heute zwischen den Deichen auf rund 1 km eingeengt worden.

23.8.2002 (khd). Heute erreichte der Scheitel der Flutwelle das Elbe- Stauwerk in Geesthacht vor den Toren Hamburgs. Wie aus aktuellen, hochauflösenden Satelliten- Fotos hervorgeht überflutete die Elbe rund 600 Quadratkilometer. [Entwicklung der Pegel-Stände]

Doch diesmal ist alles anders, jetzt, da sich der Fluss sein Bett wieder selbst sucht. Kinze hätte es nie für möglich gehalten, dass die Elbe auf eine solche Höhe anschwillen könnte. Und plötzlich fließt sie viel langsamer, als alle erwartet haben.

„Flüsse sind besonders ein Symbol für die Zeit, in der sich die Masse bildet, die Zeit, in der sie noch nicht erreicht hat, was sie erreichen wird“, schrieb Elias Canetti. Die Elbe hat sich viel Zeit gelassen, die anderen Zuflüsse in sich aufzunehmen. Beharrlich strömt sie nun weiter in Richtung Meer.

Auch vor Dresden verweilen die Wassermassen ungewöhnlich lang. „Jedes Haus ist ein kleines Wehr“, sagt Kinze. Das Wasser staut sich vor unzähligen Hindernissen. Deshalb sinkt der Wasserpegel nur gemächlich Millimeter für Millimeter. „Solche Erfahrungen haben wir hier bisher noch nicht gemacht.“

Trügerische Sicherheit

Niemand weiß im Vorhinein, was passiert, wenn ein Deich einmal keinen Schutz mehr bietet, wenn er überspült wird, wenn ihn das Wasser nach und nach durchweicht oder sich einen Weg unter ihm hindurch gräbt. Die meisten Einwohner einer Stadt wie Dresden haben sich auch nie Gedanken darüber gemacht, dass es einmal dazu kommen könnte. Das letzte bedrohliche Hochwasser liegt lange zurück. Und so hoch wie jetzt war es noch nie seit Aufzeichnung der Wasserpegel, auch nicht an jenem 16. August im Jahre 1501, als schon einmal, mitten im Sommer, 5000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde durch Dresden strömten.

Jeder eingedeichte Fluss vermittelt ein Gefühl der Sicherheit. Es ist ein trügerisches Gefühl. Man sieht den Fluss nicht steigen, die Gefahr nicht näher kommen. Hinterm Deich istıs immer gleich. Felder können bestellt, Häuser und Straßen gebaut werden. Aber die Sicherheit währt nur bis zu dem Punkt, an dem das Wasser die Krone erreicht.

Mit einem Male platzt der zuvor eingeengte Fluss aus seinem zu schmalen Korsett und erobert sich seine Überschwemmungsflächen zurück. Oft sind es einstige Auen: Passau ist eine solche Au, die in diesen Tagen den Fluten anheim fiel. An der Elbe sind es Orte wie Dessau, Torgau oder Döbrichau.

Flüsse seien wie Kindermünder, erklärte einst der Ingenieur Chia Jang. Wenn man sie zu stopfen versucht, schreien sie nur umso lauter, oder sie ersticken. Chia Jang lebte in China, das seit jeher mit Überschwemmungen des Jangtsekiang und des Hoangho zu kämpfen hat, den schlimmsten, die wir auf Erden kennen. Infolge der Schlammfluten des Jangtsekiang starben 1931 anderhalb Millionen Menschen, 7 Jahre später kamen am Hoangho 500.000 Menschen ums Leben.

China ist der Philosophie, dem Wasser Wege zu öffnen, ebenso wenig gefolgt wie andere Länder. Das prominenteste Beispiel für einen europäischen Fluss, der in der Vergangenheit als Wasserstraße regelrecht eingeschnürt wurde, ist der Rhein.

Aus einstigen Auen am Oberrhein wurden während der Rheinausbauten in den 50er, 60er und 70er Jahren landwirtschaftliche Nutzflächen, Industriegebiete und Siedlungen. Hatten Überschwemmungsflächen das Hochwasser zuvor abgefedert, schrumpften diese Gebiete nun um mehr als die Hälfte.

Nachdem 1977 die letzte Staustufe bei Iffezheim fertig gestellt worden war, die dem Fluss noch einmal 30 Quadratkilometer Rückhaltefläche entzog, setzte eine nie dagewesene Serie extremer Hochwasser ein. Die flussabwärts gelegenen Gebiete haben seither darunter zu leiden. Die schnelle Hochwasserwelle des begradigten Rheins fällt zeitlich oft mit der seiner Nebenflüsse zusammen. Anfang Februar 1995 stieg der Wasserpegel im niederländischen Grenzgebiet auf fast 17 Meter. 200.000 Menschen und Millionen Tiere mussten evakuiert werden.

Die Elbe ist nicht in ein derart enges Korsett gezwungen worden. Anfang des 19. Jahrhunderts wollte man den Fluss zwar noch für große Binnenschiffe befahrbar machen. Doch der Krieg setzte dem Elbausbau einstweilen ein Ende. Und da in der DDR der Wunsch nach einer Schifffahrtsstraße nicht sonderlich groß war, wurzeln noch immer die größten Auenwälder Mitteleuropas an den Ufern der Elbe. Sie sind Rast- und Durchzugsgebiet vieler Vogelarten, hier leben Störche, Biber und Lachse.

Die Elbe ist ein in vieler Hinsicht idyllischer und naturnaher Fluss geblieben. „Aber dass wir jetzt solche gewaltigen Zuflüsse haben, liegt nicht allein an der extremen Wetterlage“, sagt Michael Kinze. „Auch wir haben viele Täler zugebaut und sind vor allem nach der Wende mit immer neuen Siedlungsflächen an den Fluss herangegangen. In Sachsen wird Tag für Tag eine Fläche so groß wie 15 Fußballfelder verbaut. Die Bürgermeister der Städte und Gemeinden haben uns immer wieder gesagt, wir müssten Arbeitsplätze schaffen – und zwar auf der grünen Wiese. Das war zu einseitig gedacht.“

Folgen des Aufbaus Ost

Denn anders als eine Wiese kann der versiegelte Boden kein Wasser aufnehmen. Es fließt direkt in den Fluss. Und auch die landwirtschaftlich genutzten Flächen, die oft an Hängen liegen, nähmen kaum Wasser auf, „weil Zuckerrüben- und Maisfelder den Regen nicht so zu halten vermögen wie Weizenfelder oder Wiesen“, sagt Kinze. Jeder kleine Halm hält Tropfen zurück, jedes Blatt eines Baums – ein ausgeräumter Acker nicht.

Es gebe häufig nicht einmal mehr Feldwege, die anderswo wie kleine Staudämme wirkten und das Wasser versickern ließen, sagt Kinze. „Wenn es auf die landwirtschaftlichen Hangflächen regnet, läuft das Wasser nur so runter. Und dabei transportiert es auch noch die wertvolle Bodenkrume ab.“

Kinze plädiert angesichts des schrecklichen Hochwassers dafür, die ländliche Ordnung wieder neu zu regeln. „Wir müssen, wieder mehr Retentionsflächen schaffen.“

„Flüsse und Bäche müssen in unbewohnten Gebieten endlich den notwendigen Überflutungsraum erhalten, damit Flussanrainer von weiteren Katastrophen verschont werden“, sagt auch Gerd Billen, Bundesgeschäftsführer des Naturschutzbundes Deutschland. Die Planungen zum weiteren Elbausbau für die Binnenschiffahrt weisen seit der Wende eher in die entgegengesetzte Richtung. Aus den Erfahrungen im Rheinland haben die Wasserbauer in Deutschland bislang leider sehr wenig gelernt.



Volkswirtschaftlicher Schaden der Jahrhundert-Flut 2002

Schäden der Jahrhundert-Flut in Deutschland 2002
Fortlaufende Schätzungen der volkswirtschaftlichen Schadensbilanz
des Starkregens, verursacht durch das 5B-Tief „Ilse“.
Stand: Ab 21. August 2002
Quellen: Tageszeitungen + Recherchen im Internet.
Bereich 21.08.2002 28.08.2002 06.11.2002 xx.xx.2002 Erst-
Hilfe
5)
Anm.
Sachsen 15,0 Mrd.Euro 15,0 Mrd.Euro 6,0 Mrd.Euro Mrd.Euro 60,0 %  
Sachsen-Anhalt 7,0 Mrd.Euro 8,0 Mrd.Euro 0,9 Mrd.Euro Mrd.Euro 20,0 %  
Brandenburg 0,3 Mrd.Euro 0,5 Mrd.Euro 0,2 Mrd.Euro Mrd.Euro 5,0 %  
Niedersachsen 0,0 Mrd.Euro 0,5 Mrd.Euro Mrd.Euro Mrd.Euro 2,5 %  
Mecklenburg-Vorp. 0,0 Mrd.Euro 0,3 Mrd.Euro 0,04 Mrd.Euro Mrd.Euro 2,5 %  
Schleswig-Holstein 0,0 Mrd.Euro 0,2 Mrd.Euro Mrd.Euro Mrd.Euro 2,5 %  
Hamburg 0,0 Mrd.Euro 0,0 Mrd.Euro Mrd.Euro Mrd.Euro 0,0 %  
Bayern 0,5 Mrd.Euro 1,5 Mrd.Euro Mrd.Euro Mrd.Euro 5,0 %  
Thüringen 0,1 Mrd.Euro 0,2 Mrd.Euro Mrd.Euro Mrd.Euro 2,5 %  
Privat-Haushalte     2,1 Mrd.Euro Mrd.Euro    
Gewerbl. Wirtschaft     1,7 Mrd.Euro Mrd.Euro    
Ernte-Ausfälle 0,1 Mrd.Euro 0,3 Mrd.Euro 0,3 Mrd.Euro Mrd.Euro    2)
Deiche  3) 1,0 Mrd.Euro 3,3 Mrd.Euro Mrd.Euro Mrd.Euro    
Deutsche Bahn 0,6 Mrd.Euro 1,0 Mrd.Euro Mrd.Euro Mrd.Euro    
Deutsche Telekom 0,1 Mrd.Euro 0,1 Mrd.Euro Mrd.Euro Mrd.Euro    
Sonstiges 0,3 Mrd.Euro 0,1 Mrd.Euro Mrd.Euro Mrd.Euro    4)
Summe: 25,0 Mrd.Euro 31,0 Mrd.Euro 11,23 Mrd.Euro Mrd.Euro 100,0 %  1)
1) Die 25 Mrd. v. 21.8.2002 entsprechen der Schätzung des Inst. für Klimafolgenforschung (Potsdam).
2) Das sind die gesamten Ernte-Ausfälle in Deutschland.
3) Reparatur maroder Deiche sowie deren Rückverlegung.
4) Straßen: ADAC-Schätzung (29.8.2002) 1,3 Mrd. Euro. Bereits in den Länderangaben enthalten.
5) Am 30.8.2002 wurden 1 Mrd. Euro vorab von den 7,1 Mrd. Bundes-Euro an die Länder ausgezahlt.

Das Geld reicht nicht

30.8.2002 (khd). Bislang sind von der öffentlichen Hand für die Beseitigung aller Schäden rund 9,8 Mrd. Euro angekündigt: 0,5 Mrd. Soforthilfe der Bundesregierung, 7,1 Mrd. durch die Verschiebung der Senkung der Einkommensteuer um 1 Jahr + Erhöhung der Körperschaftssteuer für 1 Jahr von 25 auf 26,5 %, 1,2 Mrd. EU-Mittel, 1,0 Mrd. durch Umschichtung im Haushalt des Bundesverkehrsministeriums. Der Bund hat heute vorab von den 7,1 Mrd. Euro als Ersthilfe an 8 Bundesländer 1 Mrd. Euro ausgezahlt (Anteile siehe Tabelle).

Mit den 9,8 Mrd. Euro sind aber nur rund ein Drittel der derzeitigen Schätzung des Gesamtschadens von 31 Mrd. Euro abgedeckt. Unklar ist noch, wieviel die Versicherungen zu zahlen haben. Das werden jedoch kaum mehr als einige Mrd. Euro sein (1–2 Mrd. Euro?). Somit ergibt sich noch eine erhebliche Deckungslücke. Die Bundesregierung wird deutlich nachlegen müssen.

Insofern erscheint der aktuelle Parteienstreit um die richtigen Wege der Finanzierung der Hochwasserschäden schlichtweg lächerlich. Denn schon heute ist klar, daß alle Möglichkeiten genutzt werden müssen. Wer gestern auf PHOENIX die Bundestagsdebatte dazu verfolgte, dem wurde allerdings auch klar: Die Parteien schicken nicht die Intelligentesten ins Parlament. Es mangelte vielen Volksvertretern am notwendigen Durchblick. Wenn die Politik aber auf diesem (Parteien-) Niveau debattiert, dann produziert sie sich ihre Nichtwähler selbst.

6.11.2002 (khd). Die Bundesregierung teilte heute mit, daß die Schadensbilanz des Hochwassers geringer als zunächst befürchtet sei. Danach sollen es insgesamt (nur) 11,23 Mrd. Euro sein, wie eine vorläufige Erhebung ergeben haben soll (Zahlen siehe Tabelle unter 06.11.2002).



Nach der Flut ist vor dem Krach

Das Hochwasser zeigt: Die Flüsse brauchen mehr Platz. Doch es fällt schwer, Häuser und Ackerflächen aufzugeben.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 22. August 2002, Seite 6 (Innenpolitik) von DAGMAR DEHMER. [Original]

Um jeden Quadratmeter wird gekämpft. Das weiß Georg Rast vom WWF-Aueninstitut aus Erfahrung. Zwar ist der Jammer groß, wenn ein verheerendes Hochwasser Millionenschäden entlang der Flüsse anrichtet. Doch wenn die Schäden bezahlt sind, machen die meisten weiter wie vorher. Nach dem Oder- Hochwasser 1997 sei keine einzige neue Überschwemmungsfläche gewonnen worden, kritisiert Rast. Aber auch am Rhein, der als gelungenes Beispiel für Hochwasserschutz gilt, haben zähe Auseinandersetzungen stattgefunden, bis sich etwas bewegt hat. Allerdings weigere sich Hessen bis heute, Flächen zur Verfügung zu stellen.

Südlich von Breisach wurde jahrelang um einen 90 Meter breiten Streifen gestritten, der zur Überflutungsfläche werden sollte. Plötzlich standen sich Naturschützer unversöhnlich gegenüber. Hier der WWF, der für neue Auenlandschaften warb, dort Landschaftsschützer, die um „unvergleichliche Trockenbiotope“ kämpften. Weitaus häufiger sind jedoch Nutzungskonflikte, mit denen sich Rast auch an der Elbe ständig herumschlagen muss: nämlich die mit der Landwirtschaft. Zwar verbietet das neue Naturschutzgesetz einen Ackerbau bis direkt an die Flusskante. Doch bis zum Deich werden die Flächen von den Bauern auch in Sachsen-Anhalt genutzt. Und meist sehen die Oberlieger eines Flusses überhaupt nicht ein, warum sie Polder zulassen sollen, damit die Unterlieger nicht absaufen.

Rast sieht für die Zeit nach der großen Elbe-Flut genau diese klassischen Konflikte aufziehen. Denn nach seiner Einschätzung müssen genau dort, wo die meisten Deiche gebrochen sind, also oberhalb von Dessau, neue Überflutungsflächen geschaffen werden. „Die Politiker werden das nur schwer akzeptieren“, weiß Rast. Für Hochwasserschutz sind Länder und Gemeinden zuständig. Meist kennen die Genehmigungsbehörden diejenigen, die in gefährlicher Flussnähe bauen wollen, und tun sich schwer damit, es ihnen zu verbieten.

Allerdings sei die Situation mit dem Rhein deshalb nicht vergleichbar, „weil die Elbe in einem viel besseren Zustand ist“, sagt Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne). Die Elbe sei einer der wenigen noch relativ unverbauten Flüsse Europas. „Aus Gründen des vorsorgenden Hochwasserschutzes soll das auch so bleiben“, sagte Trittin dem Tagesspiegel. Aber auch an der Elbe müssten Deiche zurückverlegt und alte Überschwemmungsgebiete wieder freigegeben werden. „Dazu bestehen an der Elbe aber wesentlich mehr und bessere Möglichkeiten als am Rhein.“

Über den Elbe-Ausbau wird nun jedenfalls wieder gestritten. Steffi Lemke, Grünen- Bundestagsabgeordnete aus Sachsen-Anhalt, weiß ihre Fraktion seit März in dieser Frage hinter sich. Denn der wirtschaftliche Nutzen des Ausbaus ist umstritten. Für Steffi Lemke steht zudem fest, „dass er die Hochwassersituation verschärft, weil die Fließgeschwindigkeit zunimmt“. Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder will die Pläne zumindest überprüfen, wie die Regierung gestern mitteilte. Erst am Tag zuvor hatte Verkehrsminister Kurt Bodewig (SPD) gesagt, er wolle an den umstrittenen Ausbauplänen festhalten. Auch Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) beharrt auf den alten Plänen. Georg Rast dagegen hält den Ausbau schlicht für Geldverschwendung: „Die Mittel wären an anderer Stelle sinnvoller eingesetzt.“



Rettung für die Elbauen

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 22. August 2002, Seite 6 (Innenpolitik) von DAGMAR DEHMER. [Original]

An 36 Kilometern Elbufer sollen Auenwälder erhalten und neue Überflutungsflächen gewonnen werden. Seit dem vergangenen Herbst bemüht sich das Aueninstitut des Word Wide Fund for Nature (WWF) darum, an der Mittleren Elbe Flächen zu kaufen, um ein unvergleichliches Flussbiotop zu erhalten und ein Beispiel für naturnahen Hochwasserschutz zu schaffen.

100 Hektar seien bereits gekauft, berichtet Georg Rast vom WWF. Über weitere 150 Hektar werde derzeit verhandelt. Zudem will der WWF rund 600 Hektar Auenwald von der Treuhand­ Nachfolgebehörde übernehmen. Allerdings stockt diese Übertragung derzeit, weil Privatwaldbesitzer bei der EU dagegen geklagt haben, dass der Bund rund 100.000 Hektar Auenwälder an Naturschutzverbände übertragen will.

Obwohl diese die Wälder sich selbst überlassen wollen, befürchten die Waldbesitzer, Holz könnte zu Dumpingpreisen auf den Markt gebracht werden. Für Rast ein absurder Gedanke. Insgesamt soll das Elbe- Projekt knapp 15 Millionen Euro kosten. Davon trägt der Bund 75 %, das Land Sachsen-Anhalt steuert 15, der WWF 10 % bei.



Eine Flut von Erkenntnissen

Das Expertenwissen sollte in einer nationalen Hochwasserzentrale gebündelt werden

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 22. August 2002, Seite 8 (Meinung) von THOMAS DE PADOVA. [Original]

Die Hochwasserschäden erreichen neue Rekordmarken. Sie sind vor allem so immens gestiegen, weil zu nahe am Fluss gebaut wird: Siedlungen in Tallage, Einkaufszentren auf der grünen Wiese.

Deutschland braucht eine nationale Hochwasserzentrale, in der die Erfahrungen der einzelnen Regionen zusammenfließen. Hochwasserschutz ist Ländersache. Und man sollte sich hüten, in diese Planungshoheit einzugreifen. Aber es gibt zu viele verstreute Projekte zum Hochwasserschutz. Allein in Bayern sind es 400. Man wundert sich angesichts solcher Aktivitäten darüber, dass heute noch immer Millionen Sandsäcke in langen Menschenketten von Hand zu Hand gereicht werden, während anderswo längst Lkw über befestigte Wege an die Deiche heranfahren, um den Sand dorthin zu bringen.

Expertenwissen ist für eine erfolgreiche Hochwasservorsorge unerlässlich. Dieses Wissen ist da. Bislang profitieren allerdings nur wenige davon. Etwa die Anrainer der Donau in Baden- Württemberg. Dort haben Wissenschaftler einen vorbildlichen Hochwasseratlas zusammengestellt, der im Internet jedem frei zugänglich ist. Er beinhaltet einen Hochwasser- Steckbrief für jedes Wohngebiet an der 270 Kilometer langen Flussstrecke. Jeder Anwohner kann so erfahren, wie hoch das Wasser in der Vergangenheit bei ihm vor der Haustür stand. Inzwischen können die dortigen Forscher sogar ermitteln, um wie viel der Pegel sinken würde, wenn ehemalige Überschwemmungsflächen wieder in Auen umgewandelt würden.

Aus den Erfahrungen bisheriger Hochwasserkatastrophen kann jeder Hausbesitzer etwas lernen. Es gibt bereits eine Datenbank mit 4000 eingetragenen Schadensfällen. Dort ist nachzulesen, welche Vorzüge ein gekachelter Keller hat und welche Heizungsisolierungen bei Überschwemmung zu faulen beginnen. Wer wüsste das jetzt nicht gern!

Auch Städte und Gemeinden sind unsicher, wie sie ihre Ressourcen am besten einsetzen. Im Katastrophenfall konzentriert sich der größte Schaden oft auf wenige Gebäude. Diese „Hot spots“, wie Krankenhäuser oder Industrieanlagen, gilt es, besonders zu schützen.

Mit modernen Informationssystemen lassen sich die spezifischen Kenntnisse einfach gewinnen – und verbreiten. Es bedarf nur einer Stelle, die die Daten sammelt und aufbereitet. Das könnte die wesentliche Aufgabe einer nationalen Hochwasserzentrale sein.

In England gibt es ein solches Institut. In Deutschland streiten sich hingegen die Wissenschaftler unterschiedlicher Fachgebiete über die Ursachen der Flutkatastrophe. Für den Klimaforscher ist es der Treibhauseffekt, für den Ökologen der Elbausbau und für manchen Wasserbauingenieur der zu niedrige Deich. Herr Kachelmann bemängelt unterdessen die unzureichende Warnung vor den Unwettern.

Es wäre Zeit, sie an einen Tisch bringen, die Kompetenzen zu bündeln, um nächstes Mal besser gewappnet zu sein. Denn in einem sind sich alle einig: Die nächste Überschwemmung kommt bestimmt.



B A U E N

Beton überflutet das Land

Das Hochwasser zeigt: Der Staat muss die Zersiedelung in der Bundesrepublik stoppen.

Aus:
DIE ZEIT – Nr. 35/2002, 22. August 2002, Seite ?? (Wirtschaft) von HUBERT WIGGERING. [Original]

Hochwasser an der Donau, an der Moldau, an der Elbe – die Bilder der schrecklichen Katastrophen, die wir seit fast 2 Wochen tagtäglich im Fernsehen sehen, sind Grund genug, über drohende oder schon geschehene Klimaveränderungen zu diskutieren. Maßnahmen gegen den Klimawandel und seine Auswirkungen bleiben notwendig. Genauso wichtig ist aber: Viele der entstandenen Probleme sind das Resultat einer falschen Siedlungs- und Flächennutzungspolitik.

Jeden Tag nimmt die bebaute Fläche in Deutschland um durchschnittlich 130 Hektar zu. Das entspricht mehr als 160 Fußballfeldern. Immer neue Gewerbe- und Wohngebiete werden ausgewiesen, immer neue Straßen asphaltiert – auch dort, wo zuvor einmal Flüsse und Bäche flossen, wo Gewässer ihre natürlichen Überflutungsräume hatten. Diese Zersiedelung und Zerschneidung der Landschaft beeinträchtigen das Vermögen, Wasser zurückzuhalten, und verursachen damit einen schnelleren Wasserabfluss. Zwar können natürliche, unbebaute Überflutungsräume Schäden nach übermäßig starken Regenfällen nicht gänzlich verhindern. Katastrophale Auswirkungen, wie wir sie jetzt beobachten, würden aber erheblich gemindert. Deshalb muss gegengesteuert werden. Umweltpolitische Konzepte für eine nachhaltige Raumnutzung sind überfällig.

Das Flächen- und Bodenschonungsgebot im geltenden Recht wird gegenwärtig weitgehend missachtet. Die Notwendigkeit des Flächensparens und der zum Standort passenden Flächennutzung sind bislang weder im Bewusstsein von Politik, Verwaltung und Bevölkerung verankert, noch haben die beteiligten Akteure wirkliches Interesse daran, mit weniger Fläche auszukommen. Die einen, private Bauherren oder Investoren, fürchten, dass ihre Vorhaben verzögert und verteuert werden, wenn der Schutz der Umwelt eine größere Rolle spielt. Die anderen, bauleitplanende Kommunalpolitiker, fürchten um ihre Steuereinnahmen, wenn die Neuansiedlung von Industrie, Gewerbe und Wohnungen an ökologische Bedingungen geknüpft ist.

Diese Ängste sind unbegründet. Um den Flächenfraß zu mindern, könnte man sowohl bereits beanspruchte Flächen wie auch ohnehin vorhandene Bausubstanz stärker nutzen. Anstelle einer Bebauung auf der grünen Wiese sollte eine größere Verdichtung an weniger risikobehafteten Standorten angestrebt werden. Auch eine stärkere räumliche Vermischung von Wohnen und Arbeiten würde flächensparend wirken. Um die Nachfrage nach bisher ungenutzten Flächen zu reduzieren, muss außerdem die flächenintensive Form der Bodennutzung gegenüber der flächenschonenderen verteuert werden.

Die Steuerung kann mittels handelbarer Flächenverbrauchsrechte erfolgen. Dabei wird die Größe der nutzbaren Fläche landes- oder bundesweit in vorbestimmten Zeitabständen festgelegt und so ein Rahmen für die maximal zulässige Inanspruchnahme von Flächen gesetzt. Dann würden Flächennutzungsrechte nach marktwirtschaftlichen Kriterien vergeben. Um den Kommunen einen Grundstock an Entwicklungsmöglichkeiten zu gewähren, brauchen sie vorweg ein bestimmtes Rechtekontingent. Will sich eine Kommune aber darüber hinaus räumlich weiterentwickeln, muss sie sich Rechte kaufen. Nicht benötigte Rechte kann sie dagegen an andere Städte und Gemeinden verkaufen.

Durch den Zwang zu periodischer Überprüfung muss die Politik dann verbindliche umwelt- und raumordnungspolitische Ziele für die Flächennutzung entwickeln. Weil die überbaubaren Flächen immer wieder neu bestimmt würden, könnten die Kommunen dann trotzdem gut reagieren, wenn sich wirtschaftliche oder ökologische Bedingungen verändern. In der gegenwärtigen Situation könnte man beispielsweise festlegen, dass zusätzliche natürliche Überflutungsräume geschaffen werden. Auch eine solche Verpflichtung sollte dann handelbar sein.

Damit der gewünschte Lenkungseffekt eintritt, müssen allerdings bestehende Subventionen, die zur Flächeninanspruchnahme ermuntern, abgeschafft werden. Geprüft werden sollten beispielsweise die Vergabe von staatlichen Wohnungsbauprämien, die Investitionen des Bundes in Fern- und Wasserstraßen oder auch die Förderung des Städtebaus. Dieser Weg ist durchaus steinig: Eine ökologisch ausgerichtete Flächenpolitik würde lieb gewonnene Lebens-, Arbeits- und Freizeitgewohnheiten attackieren. Neuinvestitionen für Gebäude und Verkehrswege würden immer dann teurer, wenn diese nicht flächensparend und den ökologischen Anforderungen des Standorts entsprechend gebaut werden.

Ohne diese Anpassungen geht es aber nicht. Denn zu einer solchen Politik gibt es auf Dauer keine Alternative. Durch den Klimawandel werden "Jahrhundertfluten" möglicherweise zu einem oft wiederkehrenden Ereignis. Deutschland muss deshalb der Natur mehr Raum geben. Dort, wo die Umwelt es erfordert, muss Flächen nutzen in Zukunft heißen: Flächen sparen!



Außer Kontrolle

Die Jahrhundertflut legte die Defizite des deutschen Katastrophenschutzes bloß.

Aus:
Der Spiegel – 35/2002, 26. August 2002, Seite 26 (Deutschland) von HORAND KNAUP und ROLAND NELLES. [Original]

Hilfsbereitschaft, Solidarität, Zusammenhalt? Der Krisenstab der Bundesregierung machte andere Erfahrungen. Statt fleißiger Helfer trafen die Staatssekretäre aus Berlin im sachsen- anhaltinischen Wittenberg erregte Freiwillige des Technischen Hilfswerkes (THW). Prügel hätten einheimische Feuerwehrleute ihnen angedroht, klagten die Ehrenamtlichen aus Rheinland- Pfalz, als sie mit ihrem Gerät bei der Deichsicherung eingreifen wollten.

Der Unfrieden in der Lutherstadt war kein Einzelfall. Obwohl 11.000 Helfer vom THW, 25.000 Bundeswehrsoldaten sowie fast ebenso viele Feuerwehrleute an den Deichen hoch motiviert Sandsäcke schleppten, sorgten Kompetenzgerangel, unzureichende Ausrüstung und überforderte Beamte dafür, dass der Einsatz an manchen Orten außer Kontrolle geriet.

Die Jahrhundertflut legte die Defizite des deutschen Katastrophenschutzes bloß. Nach dem Ende des Kalten Krieges kürzten Bund, Länder und Landkreise ihre Zuschüsse an die Helfer. Allein die Ausgaben für das THW wurden unter der Kohl- Regierung von gut 125 Millionen auf etwa 95 Millionen Euro gestrichen. Nach den Anschlägen vom 11. September wurden die Mittel zwar um 25 Millionen Euro aufgestockt, doch die Hälfte des Geldes wird für den Schutz gegen Bio- und Chemie-Anschläge ausgegeben. Der Kampf gegen Naturkatastrophen hatte nicht den ersten Rang.

Das rächt sich nun. So hatten etwa die aus ganz Deutschland angerückten THW-Einheiten an der Elbe mit erheblichen Ausrüstungsproblemen zu kämpfen: Viele ihrer veralteten Fahrzeuge verfügen nicht über eigene Funkgeräte. Vergebens versuchten die Einsatzzentralen oftmals, ihre Leute an den Deichen zu erreichen. Bei den örtlichen Feuerwehren fielen reihenweise Pumpen aus – die Geräte waren oft mehr als 30 Jahre alt.

Schon im Oktober 2001 hatte die "Schutzkommission" des Bundesinnenministeriums, eine beratende Wissenschaftler- Runde, in einem "Gefahrenbericht" die Defizite im Katastrophenschutz aufgelistet und "alle Verantwortlichen zum unverzüglichen Handeln" aufgefordert. Vor wenigen Wochen erst mahnten die Berliner Ministerialbeamten "ein Umdenken in der Organisation und Koordination" im Katastrophenfall an.

"Wetterämter, Wasserbehörden und Katastrophenschützer arbeiten nicht eng genug zusammen", kritisiert der Hochwasserexperte Uwe Grünewald von der Technischen Universität Cottbus. "Manch einer weiß ja nicht einmal, dass er in einer Risikozone lebt."

Dem Bundesinnenministerium ist das Missmanagement längs der Elbe nicht verborgen geblieben. "Der Informationsfluss hätte besser laufen können", räumt Ressortchef Otto Schily ein. "Bisher haben die Länder eifersüchtig auf ihre Zuständigkeit geachtet." Jetzt sollen die Vorschläge der Expertenrunde, die bereits in der Schublade liegen, eilig umgesetzt werden. So will das Ministerium

Noch im vergangenen Jahr hatten sich die Länder erbittert gegen alle Versuche gewehrt, die Koordination großer Katastrophen in Berlin anzusiedeln. Als die Beamten damals das zentrale Notfall- Informationssystem "Denis" vorantreiben wollten, mussten sie sich erst einmal der Frage erwehren: "Was macht ihr da eigentlich? Das ist doch nicht nötig."

[20.08.2002: Nicht vorbereitet – Lehren aus der Flut-Katastrophe]



Nach der Flut kommt die Schlammschlacht

Nach der Jahrhundertflut scheint das Schlimmste überstanden, die Deiche haben in Norddeutschland gehalten. Doch in mehreren Regionen ist nun der Streit ausgebrochen: Wurden beim Krisenmanagement Fehler gemacht?

Aus:
Spiegel Online – 26. August 2002, ??.?? Uhr (nur elektronisch publiziert). [Original]

DRESDEN. "Versagen" wirft die eine Seite der anderen vor. "Verweigerungshaltung und Eigensinn", schallt es zurück. Nachdem die Elbe wieder in ihrem Flussbett und nicht mehr mitten durch Dresden fließt, ist zwischen Stadtverwaltung und Universitätsklinikum ein erbitterter Streit über die Evakuierung der Krankenhäuser ausgebrochen.

Durch die Maßnahmen des Krisenstabs seien nach Angaben der Professoren Gerhard Ehninger und Manfred Wirt Patienten gefährdet worden. "Wir waren immer trockenen Fußes," sagte Ehninger am Montag der Deutschen Nachrichtenagentur. Die von der Stadt erzwungene Evakuierung des Universitätsklinikums sei völlig übertrieben gewesen. "Die Stadt soll ihre Toten verantworten, wir verantworten unsere Lebenden."

Die Stadtverwaltung spielte den Ball zurück: Das Universitätsklinikum habe seinerseits Fehler gemacht. Beispielsweise seien Frühgeborene in Inkubatoren mit stundenlangen Krankenwagen- Transporten nach Berlin geschafft worden, obwohl ein bestens dafür ausgestatteter Bundeswehr- Hubschrauber bereitgestanden habe, sagte Sozial-Bürgermeister Tobias Kogge (CDU).

Bereits am Wochenende war es im Kreis Anhalt-Zerbst und Wittenberg zu einem Kompetenzgerangel um das weitere Krisenmanagement gekommen. Während sich der Präsident des Regierungsbezirks Dessau, Friedrich Kolbitz (SPD), gegen die Sprengung eines Deiches ausgesprochen hatte, setzte sich der Landrat des Kreises Wittenberg, Hartmut Dammer (parteilos), darüber hinweg. "Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, ist einer, der die Sache regelt. In diesem Fall bin ich das und halte dafür den Kopf hin", sagte er.

Als das Regierungspräsidium Dessau intervenierte und die Polizei die Erlaubnis verweigert habe, sei der Einsatztruppe am Samstag bereits unterwegs gewesen, "und auch nicht über Handy erreichbar", sagte Dammer. Erst als ein Drittel der 300 Kilogramm Dynamit montiert gewesen sei und die Zünder angebracht waren, habe man wieder Kontakt zu der Gruppe bekommen. "Der Sprengmeister hat es wegen Lebensgefahr abgelehnt, die Ladung wieder auszubuddeln." Die Sprengung erfolgte. Am Sonntag wurde ein weiteres Loch in einen Deich gesprengt, damit das Wasser von den überschwemmten Polderflächen wieder in die Elbe zurückfließen konnte.


Bilder der Jahrhundertflut bei SPIEGEL-Online:
Fotostrecke 1: Der Kampf gegen die Fluten.
Fotostrecke 2: Sachsen unter Wasser.
Fotostrecke 3: Säcke stapeln – und dann hoffen.
Fotostrecke 4: "Land unter" von Dresden bis Dessau.
Fotostrecke 5: Die Deiche brechen.
Fotostrecke 6: Das bittere Aufräumen nach der Flut.
Fotostrecke 7: Mit Muskelkraft gegen Wassermassen.

Am Montag [26.8.2002] entspannte sich die Lage in der Region, dennoch wurde der Katastrophenalarm für Wörlitz, den Landkreis Anhalt- Zerbst, Bitterfeld und Dessau aufrecht erhalten. Die Hochwassersituation an der Autobahn 9 Berlin- München bei Dessau war weiterhin kritisch. Für die Region Bitterfeld soll die Hochwassergefahr durch ein Absenken des Goitzsche- Sees gebannt werden. Damit solle bereits morgen begonnen werden, teilte ein Sprecher des örtlichen Krisenstabs mit.

In Magdeburg, dem besonders von der Flut getroffenen Dresden, in der brandenburgischen Prignitz sowie Teilen Westmecklenburgs wurde der Katastrophenalarm heute aufgehoben. Das genaue Ausmaß der Milliardenschäden der Flut, bei der mindestens 20 Menschen starben, ist jedoch noch nicht abzusehen. In der Prignitz konnten am Sonntagabend [25.8.2002] die ersten von etwa 3000 Bewohnern aus insgesamt 37 Dörfern in ihre Häuser zurückkehren.

Sorgen bereiten den Helfern vor allem in Norddeutschland die durchweichten Deiche und die vielen Sandsäcke, die auf den Dämmen liegen. "Man braucht die Sandsäcke nicht mehr an der Deichkrone und legt sie zur Verstärkung an den Deichfuß", sagte der Sprecher des zentralen Einsatzstabes in Lüneburg, Rainer Bohmbach, heute. Nach der Stabilisierung der Deiche in Amt Neuhaus schickte der Krisenstab bereits 3000 Helfer nach Hause.

In Tschechien sind nach dem Abfließen des Hochwassers die Leichen von 2 weiteren Opfern gefunden worden. Damit ist die Zahl der Toten durch die Überschwemmungen in den vergangenen Wochen dort auf mindestens 16 gestiegen [Ed: insgesamt also bisher 20 + 16 = 36 Tote].

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