Thermometer-Siedlung – „Neigung zu Explosivität“ – Teil 3 khd
Stand:  9.7.2006   (24. Ed.)  –  File: ThS/Ex/Sozialer_Mix_03.html




Aus gegebenem Anlaß werden auf diesen Seiten Infos zur sozialen Entwicklung in der Thermometer- Siedlung in Berlin- Lichterfelde sowie soziologische Hintergrund- Informationen dokumentiert. Denn in der um 1970 entstandenen Stadtrand- Siedlung stimmt die soziale Mischung längst nicht mehr, was negative Folgen hat. Es geht darum, den Anfängen zu wehren und Wege aufzuzeigen, wie der negativen Entwicklung Einhalt geboten werden kann. Handeln muß aber die Politik. Auch hier gilt der allgemeine CopyRight-Hinweis.

Im November 2005 schrieb dazu Pfarrer Busch im Der Schlüssel: „Im Gebiet der Thermometer- Siedlung ist seit einigen Jahren eine starke Veränderung der Zusammensetzung der dortigen Wohnbevölkerung zu beobachten. Besserverdienende sind oft weggezogen, hinzu kamen Menschen aus verschiedensten Herkunftsländern und schwierigen sozialen Verhältnissen. Das Ganze ergibt eine Mischung mit nicht geringer Neigung zu Explosivität.“ Am Mittag des 4. Dezember 2005 wurde daraus bittere Wahrheit – eine Bombe explodierte. Die Bewohner fühlen sich nicht mehr sicher...

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G E W A L T   A N   S C H U L E N

Die Lehre von Neukölln

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 31. März 2006, Seite 1 (Leitartikel) von LORENZ MAROLDT. [Original]

Berlins Bildungssenator Klaus Böger [Ed: der schon in der Steglitzer BVV als ein ‚Schwätzer‘ galt] zieht in den Klassenkampf. Keine Schule, kein Schüler werde aufgegeben, kündigt er an. Menschenverachtende Zustände, Zerstörung, Chaos, Gewalt? Wird schon werden. Die Forderung verzweifelter Lehrer, ihre Schule aufzulösen, lehnt der Senator ab. Stattdessen schickt er eine Krisenreaktionsarmee los: Zwei Sozialpädagogen sollen jetzt die Rütli- Schule in Neukölln befrieden. Nein, man darf das nicht ins Lächerliche ziehen, es handelt sich dabei wirklich um Spezialisten: Sie sprechen die Sprache der Mehrheit – Arabisch und Türkisch. Ob aber jemand auf sie hört, ist eine ganz andere Frage.

Eigentlich hat Böger Recht. Aufgeben – das ist kein akzeptabler Weg. Hier gilt es mehr zu verteidigen als eine hundert Jahre alte Berliner Schule. Es geht ums Große und Ganze, um Werte, Kultur, Gesetze – und um die Perspektive von Menschen, die Angst haben und Angst verbreiten, die Respekt vermissen und Respekt vermissen lassen. Aber für manche Dinge ist es eben irgendwann zu spät. Dass es an dieser und anderen Schulen einmal brennen wird, davor haben Lehrer seit langem gewarnt. Doch die Politik hat sie weitgehend allein gelassen. Mit gutem Willen in der Schule lässt sich jetzt nicht mehr retten, was zuvor und anderswo schon verloren ist.

Was sich hier gewaltsam Bahn bricht, ist eine Folge wildwüchsiger Migration und mangelnder sozialer Integration. Daran ist die Politik schuld, wahrlich nicht nur die Schulpolitik. Das, was hier falsch läuft, fängt weit vor dem Schulhof an und hört dahinter nicht auf. Auf die seit langem bekannten Probleme wird gar nicht reagiert oder zu spät, immer in der Hoffnung, es erfinde noch jemand einen ideologisch abgesicherten Masterplan. Pragmatische Ideen werden unsinnig genannt oder rassistisch und meistens verworfen.

Unterdessen setzt sich immer konzentrierter in manchen Stadtteilen und einigen Schulen die brutale Macht der Stärkeren durch. Deutsche Schüler werden als Schweinefleischfresser verachtet, Mädchen als Schlampen und Huren. Die Minderheitenkultur des Landes wird im Kleinen zur Mehrheit und diktiert sogar noch die Sprache. Ein Klima der Angst und der Intoleranz macht sich breit; das einzige Fach, das gelernt wird, ist die kriminelle Karriere, was sonst. Etwas anderes wird ja draußen dem Anschein nach auch nicht gebraucht. All das, wie absurd, geschieht im staatlich geschützten Raum. Weltfremd erscheint da der erbitterte Streit über den Religionsunterricht [Ed: oder über die lächerlichen Mehrkosten des ICC-Betriebs]. Die Politik erschöpft sich am Überbau, und zugleich erodieren die Fundamente.

Arm aber sexy lautet ein Motto Klaus Wowereits, bezogen auf den Zustand Berlins. Wer das nicht als zynisch erkennen will oder muss, kann das auch so verstehen: das Beste daraus machen, in der Not mal improvisieren, ausprobieren. Die Entsendung von zwei Sozialpädagogen mit Zeitverträgen zur Rettung eines Lehrerkollegiums vor dem Wahnsinn und einer Schülerschaft vor dem Gefängnis ist nur erbärmlich ärmlich. Es kommt dem gleich, was Böger angeblich vermeiden will: Erst geben wir diese Schule auf und dann die nächsten, und die Schüler sowieso. Entweder der Senat bietet an der Rütli- Schule und anderswo das Maximum an Gefühl und Härte auf, ganz egal, was der Kassenwart Sarrazin sagt, oder er folgt dem Vorschlag der Lehrer: die Schule auflösen, die Schüler verteilen, auch auf andere Bezirke der Stadt. Eine Verzweiflungsaktion, ganz gewiss. Aber auf was will man denn hier sonst noch warten? [Schulgewalt-Links]



D E B A T T E

Vergesst Multikulti, es lebe die Integration!

Der Diskussionsverlauf um die Gewaltexzesse an der Rütli-Schule ist absehbar: Die Konservativen erklären Multikulti für gescheitert, die Linken werden mehr Sozialarbeiter fordern. Wie wäre es zur Abwechslung mal mit vernünftiger Politik, fragt der grüne Europaabgeordnete Cem Özdemir.

Aus:
Spiegel Online – 31. März 2006, 17.55 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert) von CEM ÖZDEMIR. [Original]

War es nicht geradezu absehbar, wie die Debatte um den Hilfeschrei der Rütli-Hauptschule laufen wird? Die Grünen fordern kleinere Klassen, eine bessere Ausbildung der Pädagogen und mehr Geld für Schulsozialarbeit – die Roten dürfen ja nicht, da sie in Berlin regieren und nichts zu verteilen haben. Und konservative Politiker stimmen einmal mehr den Abgesang auf die multikulturelle Gesellschaft an – was im konkreten Fall den Lehrern an der Schule sicher sehr viel helfen wird – und werfen Migranten mangelnde Integrationsbereitschaft vor.

Außenstehende Beobachter der deutschen Debatte um das angebliche Ende des "multikulturellen Traumes" und der "Wattebausch-Integration" könnten den Eindruck gewinnen, die Abkommen zur Anwerbung von Gastarbeitern in den fünfziger und sechziger Jahren seien von Claudia Roth unterzeichnet worden, der Bundeskanzler habe bis 1998 Joschka Fischer geheißen – ganz zu schweigen von all den grünen Ministerpräsidenten und Bildungsministern.

Dabei haben doch vor allem die beiden Volksparteien die Folgen einer gescheiterten Bildungspolitik zu verantworten. Gerade die Union hat sich viel zu lange der Einwanderungsrealität im Land und an den Schulen verweigert und war deshalb nicht in der Lage, die bildungspolitischen Konsequenzen für eine moderne Einwanderungsgesellschaft zu ziehen.

Eine multikulturelle Gesellschaft beziehungsweise vielmehr die Karikatur derselben, die gleichbedeutend ist mit einem Nebeneinander ohne Regeln und Grenzen – kein vernünftiger Mensch, ob nun Grün oder Schwarz, kann dies tatsächlich wollen.

Auf der anderen Seite führen Kinder mit einem schwierigen sozio-ökonomischen Hintergrund nicht an jeder Schule gleich zu Mord und Totschlag, wofür es ebenfalls genügend positive Beispiele gibt. Auch hier gibt es Möglichkeiten für eine gerechtere Bildungspolitik, sei es ein vernünftiger Klassenteiler oder muttersprachlich und pädagogisch hervorragend ausgebildetes Personal und Lehrer, die auf die spezifischen Probleme und Fähigkeiten der Kinder eingehen können. Auch "schwierige" Kinder und Jugendliche verfügen über Fähigkeiten und Talente, die mit entsprechendem Einsatz erkannt und gefördert werden können. Jeder Pädagoge weiß das, aber offensichtlich nicht jeder Bildungspolitiker.

Wie beim 100-Meter-Lauf

Der Fehler liegt nicht bei den Kindern, der Fehler liegt im System. Es ist wie beim 100-Meter-Lauf. Alles erscheint zunächst ganz fair, alle müssen dieselbe Strecke bewältigen. Nur ein kleines Detail stimmt nicht: Die einen haben ein Bein, die anderen eben zwei. Dies ist in etwa die Beschreibung des deutschen Grundschulsystems mitsamt der Trennung der Kinder in drei "weiterführende" Schulen.

Wenn wir eine substantielle Änderung unserer Bildungspolitik und unseres Schulsystems erreichen wollen, und es steht spätestens seit der Pisa-Studie außer Frage, dass dies notwendig ist, dann darf es dabei keinerlei Tabus und Denkverbote geben. Die Hauptschule und das dreigliedrige Schulsystem sind ein Überbleibsel aus einer Zeit, in der Kinder auch beruflich noch in die Fußstapfen ihrer Eltern treten sollten.

Heute ist es so, dass Kinder von Akademikern und Beamten vor allem die Realschule oder das Gymnasium besuchen – Kindern von Arbeitern und Arbeitslosen ist die Haupt- oder gar Sonderschule vorbehalten.

Wer nicht bereit ist, über die frühe Trennung unserer Kinder nach der Grundschule entlang der Herkunft und Berufe ihrer Eltern zu diskutieren und wer für Ganztagsschulen kein Geld anfassen möchte, wer über Kindergärten und Kindertagesstätten mit einem umfassenden Angebot und an Hochschulen geschultem Personal nicht reden möchte, der sollte sich vielleicht doch besser mit Landwirtschaftspolitik beschäftigen.

Es ist Fakt: Bundesweit gilt, dass Kinder aus der Oberschicht eine viermal so hohe Chance besitzen, ein Gymnasium zu besuchen wie Kinder aus einem Arbeiterhaushalt – obwohl letztere über die gleichen Fähigkeiten in Mathematik und beim Textverständnis verfügen. Und es gibt weitere Beispiele für diese Form der institutionellen Diskriminierung im deutschen Schulsystem, von der im Übrigen nicht nur Migrantenkinder, sondern auch Kinder aus deutschen Arbeiterfamilien betroffen sind.

Dabei wird auch vergessen, dass Integration und Sozialisation eben nicht nur in der eigenen Familie und in der Schule stattfinden, sondern auch im Wohnzimmer einer deutschen Mittelschichtfamilie, deren wohlbehütete Kinder befreundet sind mit türkischen oder italienischen Kindern, die einen weniger verheißungsvollen familiären Hintergrund haben. Solche Freundschaften können im hochselektiven deutschen Schulsystem erst gar nicht entstehen, schon gar nicht in einem urbanen Umfeld.

Kindergartenbesuch als Pflicht

Wir müssen ernsthaft erwägen, den Besuch des Kindergartens, worauf jedes Kind ab drei Jahren einen gesetzlichen Anspruch hat, verpflichtend zu machen. Schließlich lehrt uns Pisa, wie wichtig bereits die Zeit vor dem Schuleintritt für den weiteren Bildungserfolg ist. Wenn der Besuch der Schule Pflicht ist, dann sollte dies auch für die heute mindestens ebenso bedeutende Phase davor gelten. Aber mit einer Pflicht ist es nicht getan – es braucht auch exzellent ausgebildete und motivierte Pädagogen. Das alles kostet Geld, wird es heißen.

Aber wenn Deutschland nicht bereit ist, wesentlich mehr in sein wichtigstes Gut zu investieren – das sind heute die Köpfe, nicht die Muskeln –, dann können wir jede Debatte über Bildungspolitik und Integration beenden. Die fehlende Bereitschaft, alles zu unternehmen, um unser Bildungssystem und unsere Bildungspolitik effizienter und damit auch gerechter zu gestalten, spiegelt sich im Übrigen auch in der fehlenden Wertschätzung des Berufs des Erziehers und Lehrers. Die besonders guten und talentierten Abiturienten dürften sich wohl eher für Jura oder BWL entscheiden und seltener für ein Lehramtsstudium.

Wer über soziale Gerechtigkeit spricht, der sollte allerdings den Schwerpunkt auch richtig setzen. So können Studenten sozial abgefederte Gebühren sicher eher zugemutet werden, als Eltern aus unteren Schichten, deren Kinder Vorschuleinrichtungen besuchen beziehungsweise besuchen sollen. Schließlich findet die eigentliche soziale Selektion weit vor dem Studium statt. Jedenfalls ist es kaum nachvollziehbar, dass eine Institution wie die vorschulische Bildung, die letztlich so elementar für die Zukunft unserer Kinder und damit für unsere Gesellschaft ist, nicht aus allgemeinen Steuermitteln getragen werden sollte.

Hierzulande wird viel über die demographische Alterung und ihre möglichen Folgen debattiert – vorausschauende bildungspolitische Maßnahmen für die bereits geborenen Kinder bleiben dabei außen vor.

Dies ist aber auch die Gelegenheit für Migrantenorganisationen, sich einzubringen. Wer Respekt für die Muttersprache, für die eigene Religion und Kultur einfordert, der muss auch mithelfen, jene Eltern zu erreichen, die Verantwortung gegenüber ihren Kindern und auch den nötigen Respekt gegenüber den pädagogischen Einrichtungen und seinem Personal vermissen lassen. Kinder, deren Kindheit sich irgendwo zwischen Fernseher und prügelnden Vätern abspielt, sind Opfer, die in der Schule selbst zu Tätern werden.

Der Teufelskreislauf der Gewalt muss deshalb durchbrochen werden. Dazu müssen unsere Bildungseinrichtungen aber auch in der Lage sein, im Ernstfall, am besten in Ganztagsschulen, auch "gegen" die Eltern und manche archaischen Werte zu erziehen. Der Erziehungsauftrag im demokratischen Rechtsstaat beinhaltet auch Erziehung zur gewaltfreien Konfliktbearbeitung, Gleichberechtigung von Mann und Frau, sowie Respekt vor anderen Religionen und Kulturen.

Allerdings stellt die Situation auf dem Arbeitsmarkt jede Integrationspolitik vor große Hürden. Wir können viel über eine "kultursensible" Integrationspolitik debattieren – Integration für (junge) Erwachsene findet nicht zuletzt auf dem Arbeitsmarkt statt. Jedenfalls müssen wir uns fragen, warum Einwanderer etwa in den USA den sozialen Aufstieg schneller schaffen als im deutschen Sozialstaat. Wenn Eltern keinen Arbeitsplatz finden, wenn der inter-generationale Aufstieg nicht erfolgt, wenn die nächste Generation keine realistische Chance hat, ein Gymnasium und die Hochschule zu besuchen, läuft alles schief. Nicht Kultur ist das Zauberwort für eine gelingende Integration – sondern Arbeit und Bildung. [Schulgewalt-Links]



S C H U L - D E S A S T E R   I N   B E R L I N

Lehranstalt als Wartehalle für Knast oder Hartz IV

Wie konnte an der Rütli-Schule die Schulordnung durch das Faustrecht ersetzt werden? Den Schülern ist es gelungen ihre Regeln duchzusetzen, weiß die Neuköllner Journalistin Güner Balci. Und die lauten: Der Stärkere hat Recht, Frauen sind Huren oder unberührbar, Lehrer Feinde oder Opfer.

Aus:
Spiegel Online – 31. März 2006, 21.19 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert) von GÜNER BALCI. Die Journalistin Güner Yasemin Balci wurde 1975 in Berlin geboren und wuchs in Neukölln auf, wo sie bis heute lebt. Sie hat Literatur- und Erziehungswissenschaften studiert und arbeitet unter anderem für das ZDF. In Neukölln engagiert sie sich für das Mädchenprojekt Madonna, das gegen Gewalt gegen Frauen in Migrantenfamilien ankämpft. [Original]

BERLIN. Abends in der Berliner U-Bahn: Ein Mädchen zieht sich aus, bis sie splitternackt ist. Sie wirkt benommen, als stünde sie unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln. Eine Gruppe halbwüchsiger türkischer und arabischer Jungen gibt ihr Anweisungen, sie soll sich selbst befriedigen. Sie macht alles, was man ihr befiehlt, die anderen Fahrgäste schauen zu oder teilnahmslos weg, während die Jungen ihre Handykameras ganz dicht an die Scheide des Mädchens halten, ihr eine Flasche und mehrere Strohhalme einführen und dabei ganz laut lachen.

Solche und ähnliche Szenen erfreuen sich neben anderen Gewaltvideos (siehe links) einer ganz besonderen Beliebtheit bei Jugendlichen. Sie werden gern auf dem Schulhof rumgereicht und wandern von Handy zu Handy. Selbst gefilmt und kommentiert mit einer möglichst abstoßenden Geschichte über das Opfer werden die Filme unter Freunden und Fremden vorgeführt (Mehr zum Thema: SPIEGEL TV MAGAZIN, Sonntag, 2. April, 21.50–22.50 Uhr, RTL).

Es dauerte keine Woche und fast jede einschlägige Berliner Schule hatte das Video samt persönlischer Daten des betroffenen Mädchens auf dem Schulhof, ohne dass die Lehrer etwas davon ahnten.

Zwischen Call-Centern und Imbissbuden wächst die Gewalt

Gewalt gehört in vielen Vierteln Berlins zum Alltag. Soziale Brennpunkte werden sie genannt, die Kieze, in denen Armut und Arbeitslosigkeit geballt auf einem Haufen konzentriert sind. Die Mittelschicht gibt es kaum noch; jeder, der etwas bildungsorientiert ist, zieht weg. Eine zunehmende Anzahl von Migranten und die deutschstämmige soziale Unterschicht bewohnen die günstigen Wohnungen in Neukölln oder Wedding.

Typisch für diese Gegenden sind die vielen Callcenter, Internetcafés, Imbissbuden, Billigläden und Videotheken, deren Action und Gewaltstreifen besonders gut laufen. Das Leben der Jugendlichen spielt sich zwischen Schulweg, Straße und Elternhaus ab, nur selten verlassen sie ihr Revier. Eigentlich gar nicht so schlimm, wäre da nicht die ständige Gewalt.

Die Rütli-Oberschule in Neukölln hat jetzt als erste Schule vor der hohen Gewaltbereitschaft kapituliert, Entsetzen macht sich breit über die Zustände in der Schule, bedrohte Lehrer, Zerstörungswut und ungezügelte Gewalt unter Schülern, die sich gar nichts mehr sagen lassen. Als ob das etwas Neues wäre. Die Rütli-Schule ist kein Einzelfall, sie ist im Moment die einzige, die ihr Problem an die Öffentlichkeit trägt.

Die Rütli-Schule ist keine Ausnahme

Das Mädchen aus dem geschilderten U-Bahn-Video ging bis vor kurzem auch noch auf eine Neuköllner Schule. Eine, die sich mit ihrer guten Sozialarbeit und einem guten Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern in der Öffentlichkeit profiliert. Über Kriminalität und Gewalt will man der Presse keine Auskunft geben.

Die Zustände an der Rütli-Schule sind keine Ausnahme, auch andere Schulen in Berlin und ganz besonders im Stadtteil Neukölln können von ähnlichen Hororszenarien berichten, sie dürfen nur nicht oder befürchten einen Imageverlust. Probleme wurden Jahrzehnte lang klein und geheim gehalten. Wie mag wohl die Situation für Jugendliche auf der Straße sein, wenn selbst in der Schule keine Ordnung mehr herrscht und Lehrer ständig Gefahr laufen, zu Witzfiguren zu verkümmern, vor denen ganze Klassen keinen Respekt mehr haben?

Wie soll ein deutscher Lehrer sich bei einem türkisch- oder arabischstämmigen Jugendlichen Respekt verschaffen, der nur den fluchenden und prügelnden Vater als Mann akzeptiert, der nie gelernt hat, Konflikte friedlich zu lösen, und für den der Verzicht auf Gewalt in einem Konflikt eine unzumutbare Kapitulation bedeutet? Müssen Lehrer zu kumpelhaften Streetworkern mutieren und Slang sprechen, um von Ghetto-Kindern akzeptiert zu werden?

Viel Zeit, eigene Regeln aufzustellen

Wenn die Schüler der Rütli-Schule Journalisten und andere mit Steinen bewerfen und anpöbeln, dann nicht, weil sie so empört sind über die übertriebene Berichterstattung, sondern weil es für sie die einzige Möglichkeit ist, sich in Szene zu setzen, um vielleicht endlich mal eine Grenze zu spüren. Wenn dann auch noch bildungsorientierte Mitschülerinnen dieses Verhalten unterstützen und sich bei den gewaltbereiten Jungs positionieren, dann nicht, weil sie es toll finden, dass dumme Platzhirsche den Ton angeben, sondern weil sie die Akzeptanz und Anerkennung der tonangebenden Jungen brauchen, um weiterhin ungehindert und nicht als "Schlampe" auf der Schule zu existieren.

Die Jugendlichen dieser Schulen hatten die letzten Jahre viel Zeit, sich ihre eigenen Spielregeln jenseits der Schulordnung zu basteln, und die sind ganz einfach: das Recht des Stärkeren vor dem des Schwächeren, Mädchen sind Huren oder unberührbar und Lehrer geduldet als Feinde oder Opfer und im seltensten Fall Vorbilder.

Die Chancen auf eine gute Bildung mit Aussicht auf einen Ausbildungsplatz haben für viele Menschen in den letzten Jahren stark abgenommen und können nicht als Erklärung für Selbstjustiz und Gewalt in der Einwanderungsgesellschaft herhalten. Auch Armut und Perspektivlosigkeit ist kein ausreichender Grund, um demokratische Grundrechte zu missachten und Parallelgesellschaften zu legitimieren, getreu dem Motto: Sie könnten ja nicht anders, als unter sich zu bleiben, und ihr einziger Halt sei die Herkunftskultur. Vielmehr müssen die patriarchalischen Modelle, die in den Familien herrschen, hinterfragt werden: die Erziehung, häufig praktiziert durch Gewalt, die Rolle der Frau und der Umgang mit archaischen Ehrvorstellungen.

Die Lehrer in solch schwierigen Schulen brauchen große Unterstützung. Sie sind allein gelassen, und auch einzelne Sozialarbeiter können das Problem nicht beheben. Eine Hauptschule mit einem Migrantenanteil von über 80 Prozent ist für die meisten nur der Warteraum für eine Knast-Karriere oder ein Leben mit Hartz IV. Einsparungen im Bereich Bildung und Soziales haben sich noch nie bezahlt gemacht. Sie schaffen lediglich Ghettos und nehmen den Menschen das Recht auf Chancengleichheit. Kaum ein Mensch, der es sich leisten kann, in einer besseren Gegend zu wohnen, schickt sein Kind auf eine Neuköllner Schule.

In den nächsten Wochen wird die Rütli-Oberschule große Beachtung finden, Unterstützung bekommen und vielleicht sogar bald zum Vorzeigeprojekt der Gewalt- und Kriminalitätsprävention herausgeputzt werden. So wie es bereits in der Kurt-Löwenstein-Schule geschah. Für die Jugendlichen aber wird sich wenig verändern. Die Gewalt wird sich verlagern – in den aufsichtslosen Raum der Straße und der Hausflure. Dort, wo es kaum noch Jugendarbeit gibt, wo im Ernstfall nur noch die Polizei als letzte Instanz eingreifen kann. [Schulgewalt-Links]



Was Schule macht

Die Verwahrlosung verwalten: Wie Berlin sich mit dem Sozialnotstand abfindet.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 1. April 2006, Seite 6 (Meinung) von LORENZ MAROLDT. [Original]

Vor vier Wochen hatten die allein gelassenen Lehrer der Rütli-Schule um Hilfe gerufen, vier Wochen lang tat sich – nichts. Ein Skandal, der nur deshalb als solcher kaum auffällt, weil er sich so oder ähnlich zu oft wiederholt. Für die Betroffenen aber bleibt der Schrecken auch beim nächsten Mal noch ein Schrecken. Erst als der Tagesspiegel den Brief des Kollegiums in die Hände bekam und veröffentlichte, drehten die Behörden auf – und auch gleich wieder durch. Plötzlich stehen Sozialarbeiter bereit, patroullieren Polizisten vor der Tür, lässt sich ein Reinickendorfer Schulleiter für ein paar Monate zum Auslandseinsatz nach Neukölln schicken.

So viel Anstrengung. Dabei hatte die Politik den Bezirk doch eigentlich schon abgeschrieben.

So bleibt’s ja auch. Seit Jahren ist Neukölln der Inbegriff von Endstation. Der Staat zieht sich zurück, und dort, wo er offensiv auftritt, gerät er leicht in Lebensgefahr.

Es ist schön für die Rütli-Schule, dass sie für ein paar Tage oder gar Wochen etwas Zuwendung bekommt. Gleich nebenan aber stehen die Zeichen genauso auf Sturm. An der Politik bleibt der Makel, dass sie nicht wirklich agiert und auch jetzt wieder zu spät und nur punktuell reagiert. Nicht erst seit einem Monat, als der Brief der Lehrer ankam, ist den Verantwortlichen in den Behörden bekannt, was sich da abspielt im Schatten der schicken Galas, nur ein paar Kilometer entfernt. Mit ganz kleiner Münze wurde ja auch das ein oder andere gezahlt, ein paar Quartiersmanager, Psychologen, Tischtennisplatten. Nein, man kann dem Senat nicht vorwerfen, er hätte die soziale, moralische und rechtliche Verwüstung Neuköllns und anderer problematischer Orte der Stadt nicht beaufsichtigen lassen.

Ebenso, wie die Rütli-Schule allein nicht das Problem ist, kann der Senat die Probleme allerdings allein auch nicht lösen, der Bezirk schon gar nicht. Phänomenal jedoch ist es schon, wie auf allen Ebenen der Verwaltung ein geradezu voyeuristisches Verhalten gegenüber zunehmender sozialer Verwahrlosung vorherrscht, ähnlich wie bei der demografischen Entwicklung des Landes, die ja auch nicht plötzlich wie ein fauler Apfel vom Baum der Erkenntnis fällt.

Bekannt wie die Zustände in Neukölln sind auch die Erklärungen der verschiedenen Interessengruppen, die jetzt wieder zu hören sind. Dazu gehört, selbstverständlich, auch die Hauptschulfrage als immergrüner Kampfplatz der Bildungsideologen. Doch in der Schule, egal welcher, zeigt sich nur, was anderswo versäumt wird; allenfalls verstärkt es die eine Schule etwas mehr als die andere.

Interessanter ist: Wie viel Migration steckt in der Eskalation? Die türkischen Verbände sagen, die Konflikte seien nicht ethnisch, sondern sozial zu erklären. Richtig daran ist, dass es in Deutschland eine soziale Integration kaum noch gibt, unabhängig von der ethnischen Herkunft. Jede Schicht ist mit ihren Problemen für sich. Deswegen hat man sich jenseits von Neukölln ja auch an Neukölln so prima gewöhnt. Richtig ist auch, dass Gewalt nicht einer Ethnie allein gehört. Bestimmte Verhaltensweisen, die gegen die Regeln und Gesetze dieses Landes stehen, sind Folgen von Armut und mangelnder Perspektive. Dass kulturelle Prägung aber nichts mit alledem zu tun hat, was in Neukölln geschieht, das ist ein Märchen aus 1001 Nacht.

Mehr zu diesem Thema:
[02.01.2006:
Jugendgewalt in Berlins Bezirken]  (khd-research.net)
[20.01.2006: Offene Jugendarbeit in Kreuzberg gescheitert]  (DER TAGESSPIEGEL)

[30.03.2006: Zu viel Gewalt: Erste Schule in Berlin gibt auf]  (DER TAGESSPIEGEL)
[30.03.2006: Notruf aus Neukölln]  (DER TAGESSPIEGEL)
[30.03.2006: Jugend trainiert für das Ghetto – Gewalt an Berliner Schulen]  (DER TAGESSPIEGEL)
[30.03.2006: Problemfall Hauptschule: Sozialarbeiter sollen helfen]  (DER TAGESSPIEGEL)
[30.03.2006: CDU-Bildungsexperten: „Multikulti ist gescheitert“]  (BERLINER ZEITUNG)
[30.03.2006: Dokumentation: Der Notruf der Rütli-Schule]  (NEWSTICKER)
[30.03.2006: Alarmstimmung wegen Gewaltexzessen]  (SPIEGEL ONLINE)

[31.03.2006: Leitartikel: Die Lehre von Neukölln]  (DER TAGESSPIEGEL)
[31.03.2006: Polizei wusste nichts von Gewaltexzessen an Rütli-Schule]  (SPIEGEL ONLINE)
[31.03.2006: Lehranstalt als Wartehalle für Knast oder Hartz IV]  (SPIEGEL ONLINE)
[31.03.2006: Unter Polizeischutz]  (DIE ZEIT)
[31.03.2006: Vergesst Multikulti, es lebe die Integration!]  (SPIEGEL ONLINE)
[31.03.2006: Merkel wirft Berliner Senat Mitschuld vor]  (SPIEGEL ONLINE)

[01.04.2006: Klaus Böger ist als Bildungssenator gescheitert]  (BERLINER ZEITUNG)
[01.04.2006: Kommentar: Was Schule macht]  (DER TAGESSPIEGEL)
[03.04.2006: Regierende Bürgermeister Wowereit zum Gewalt-Problem an Berlins Schulen]  (BERLINER ZEITUNG)



Gewalt an Schulen steigt – Mitte überholte Neukölln

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 1. April 2006, Seite ?? (Berlin). [Original]

BERLIN (mne). Beleidigungen, Drohungen, Schlägereien. Der momentane Eindruck sagt: Neukölln ist der Bezirk der Jugendgewalt, an den Schulen wie auf den Straßen. Die Zahlen der Senatsbildungsverwaltung besagen zum einen, dass die Gewalt an Schulen im vergangenen Schuljahr deutlich zugenommen hat. Aber Neukölln ist in dieser Hinsicht nicht mehr führend. Der Bezirk Mitte verzeichnete einen erstaunlich hohen Anstieg – er hat Neukölln überholt. Außerdem gibt es Probleme in Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf, die in den Statistiken deswegen nicht so sehr auffallen, weil es dort weniger Schüler gibt als zum Beispiel in Mitte und Neukölln.

Zwar stellt die Polizei seit 1998 einen Rückgang der Jugendgewalt im öffentlichen Raum fest, doch der Trend scheint nicht für öffentliche Schulen zu gelten: Insgesamt 894 Fälle von Gewalt wurden dort gemeldet, im Jahr zuvor waren es 560. In 2 von 3 Fällen zeigten Schüler oder Lehrer eine Körperverletzung oder eine schwere Körperverletzung an: Würgegriffe, Schläge, Messerstiche. In extremen Fällen waren die Folgen Gehirnerschütterungen oder Fleischwunden. Zudem werden Drohungen der Art „Wenn ich dich sehe, stech ich dich ab“ häufiger: 159 Fälle. Im Jahr zuvor waren es 97. Lehrer sind vor all dem nicht gefeit. In 1 von 4 Fällen waren Pädagogen die Opfer; die Zahl der Übergriffe ist von 156 auf 196 gestiegen.

Schulpsychologen und Polizei führen den rasanten Anstieg der Fallzahlen vor allem darauf zurück, dass immer häufiger gemeldet wird, was täglich an Berliner Schulen passiert. Die Zahlen bedeuteten nicht unbedingt, dass es mehr Gewalt gebe, sagt etwa Aida Lorenz, Schulpsychologin in Mitte. „Allerdings ändert sich die Qualität. Es wird härter. Bei Prügeleien wird schon mal nachgetreten, wenn der Gegner am Boden liegt.“ Die Senatsbildungsverwaltung interpretiert ihre Daten so: Gerade die auffallend hohe Zunahme im Bezirk Mitte sei das Ergebnis gezielter Bemühungen. Die Schulaufsicht gehe offensiver mit dem Thema Gewalt um. Die Folge seien mehr Meldungen – und eine geringere Dunkelziffer. Wie hoch die ist, wagt niemand zu schätzen. Ein Fachmann der Polizei für Jugendgewalt sagt nur: Aus Scham würden viele Schüler verschweigen, dass sie Opfer von Schulgewalt geworden sind.



D O K U M E N T A T I O N

Rütli-Rektorin verdammt "Schulsystem aus dem Kaiserreich"

Für die Lehrer der Rütli-Schule herrscht seit Tagen Redeverbot. Heute meldete sich die langjährige Rektorin, Brigitte Pick, zu Wort. Sie ist seit neun Monaten krank und geht bald in den Ruhestand. SPIEGEL ONLINE dokumentiert ihren Leserbrief an den Berliner "Tagesspiegel".

Aus:
Spiegel Online – 3. April 2006, 16.21 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

"Ich habe meine ganze Kraft investiert, um solche Verhältnisse zu verhindern, nur liegt das eigentliche Problem weder in der arabischen, türkischen oder serbischen, sondern in der sozialen Herkunft der Schüler und ihren mangelnden Perspektiven. So hat im letzten Schuljahr kein Schüler einen Ausbildungsplatz erhalten. Auf der anderen Seite versagt die Lehrerbildung, die die künftigen Lehrer nicht auf die soziale Wirklichkeit vorbereitet. Der Lehrer muss heute auch sozialpädagogische Aufgaben übernehmen.

Davon fühlen sich viele Lehrer/innen überfordert und die Zustände eskalieren. Der Gettoisierung der Schulen hat man jahrzehntelang tatenlos zugesehen. So wohnen in der Umgebung der Schule, dem Reuterkiez, viele Jungen und Mädchen mit Migrationshintergrund, in den letzten 10 Jahren hat sich jedoch der Anteil der Schüler 'nichtdeutscher Herkunftssprache' verdoppelt und ist an jeder Grund-, Haupt,- Realschule und Gymnasium in Nord-Neukölln von 40 Prozent auf 80 Prozent gestiegen. Dort hätte politisch gegengesteuert werden müssen, und das ist nicht geschehen. Die Hauptschule wird nur von marginalisierten Gruppen gewählt – ohne jede Perspektive – und von abgewiesenen Schülern anderer Schulzweige. Sperren Sie sozial Deklassierte in ein Wohnhaus und Sie werden sehen, was passiert. Hier leistet sich eine Gesellschaft noch immer ein Schulsystem aus dem Kaiserreich und scheint einer anderen Einsicht nicht zugänglich."



„Schule muss anders geführt werden“

Geld ist nicht alles, sagt der Regierende Bürgermeister Wowereit.

Aus:
Berliner Zeitung, 3. April 2006, Seite xx (Berlin). [Original]

Berliner Zeitung: Herr Wowereit, was ist die Lehre aus dem Fall der Neuköllner Rütli-Schule – mit Lehrern, die um Hilfe bitten, weil sie mit den eigenen Schülern nicht mehr zurecht kommen?

Wowereit: Das Problem an der Rütli-Schule wird gerade gelöst. Es ist erstmal wichtig, dass jetzt ein neuer Schulleiter kommt, der ein gestandener Pädagoge ist. Das war das zentrale Problem, dass eine Führung fehlte. Man muss der Schule nun auch die nötige Ruhe geben: Solche Strukturprobleme sind nur in einem langfristigen Prozess zu lösen.

Berliner Zeitung: Was heißt das?

Wowereit: Die Schule muss jetzt gemeinsam mit der Schulaufsicht ein stimmiges Konzept entwickeln. Sozialarbeiter, die türkisch und arabisch sprechen, wurden eingestellt. Darüber hinaus wäre es gut, wenn zum nächsten Schuljahr ein paar neue Lehrer an die Schule kommen, um Innovation ins Kollegium zu bringen. Lehrkräfte, die ausgebrannt sind, brauchen neue Impulse durch frische leistungsfähige Kollegen. Und man muss sicher auch darüber nachdenken, nach einer bestimmten Zeit, vielleicht nach 10 Jahren, Lehrer-Versetzungen zu ermöglichen.

Berliner Zeitung: An der Rütli-Schule gibt es 83 Prozent Migrantenkinder. Manche fordern Höchstquoten als Abhilfe...

Wowereit: Das hieße, Schüler mit dem Bus durch die Stadt zu fahren. Das ist nicht praktikabel. Wie will man den Eltern in Zehlendorf erklären, dass ihre Kinder jetzt in Neukölln zur Schule gehen sollen, damit die Quote stimmt? [Ed: hm, warum sollen nicht einige Neuköllner Kinder mit dem Schulbus nach Zehlendorf zur Schule fahren – etwa weil das mehr Geld kostet?]. Wir werden im Gegenteil damit zurechtkommen müssen, dass es in manchen Schulen 80, 90 oder auch 100 Prozent Migrantenkinder gibt [Ed: also mit Ghetto-Schulen...].

Berliner Zeitung: Bildungssenator Böger hat in seiner Parteitagsrede gefordert, mehr Geld bereit zu stellen...

Wowereit: Das ist mir zu einfach, immer nur zu sagen, es liegt am mangelnden Geld. Die Hauptschulen haben schon jetzt eine bessere Lehrerausstattung, ein höherer Ausländeranteil bedeutet entsprechende Förderstunden [Ed: aber Lehrer sind ja nicht alles]. Für die Probleme gerade der Hauptschulen braucht man vor allem Konzepte. Schule muss anders geführt werden als bisher. Es gibt viele Beispiele, auch in Berlin, dass es geht.

Berliner Zeitung: Was muss Schule anders machen?

Wowereit: Es ist eine andere Herausforderung. Früher ging es fast nur um Wissensvermittlung, heute muss ein Ersatz fürs Elternhaus geleistet werden. Vieles ist nicht mehr selbstverständlich: Den Kindern fehlt oft schon das Frühstück, im Sozialverhalten sind viele nicht mehr gruppenfähig, Kulturtechniken werden nicht beherrscht. Das muss in der Schule nachgeholt werden, das ist leider heute die Situation. An solchen Schulen müssten daher eigentlich die besten Lehrer arbeiten, also erfahrene Pädagogen mit natürlicher Autorität.

Berliner Zeitung: Wie werden Sie denn eine Eskalation wie an der Rütli-Schule künftig verhindern? Jetzt schon werden neue Alarmmeldungen bekannt – muss man die Berliner Hauptschulen nun systematisch auf weitere Krisenfälle durchprüfen?

Wowereit: Dafür brauchen wir kein neues Gremium: Es gibt die regelmäßige Konferenz der Hauptschullehrer und die Schulämter der Bezirke. Die müssen die Probleme erkennen [Ed: taten sie ja offenichtlich nicht...]. Und wenn dann eingegriffen werden muss, geschieht das. [Schulgewalt-Links]



I N T E G R A T I O N S D E B A T T E

Wie die Konservativen die zweite deutsche Einheit verspielen

Multikulti ist gescheitert, tönt es allerorten. Und nun? Wollen die Deutschen jetzt 6,7 Millionen Ausländer rausschmeißen? Stammtischsprüche helfen nicht weiter. Wir brauchen endlich den Willen zum Zusammenleben - auf allen Seiten.

Aus:
Spiegel Online – 5. April 2006, 17.44 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

In der Zeitung mit den ganz dicken Balken über dem Bruch teilt uns heute "Deutschlands klügster Kopf" mit: "Das läuft mit den Ausländern falsch!" Im anschließenden Interview erklärt der Historiker Arnulf Baring, der Deutschland schon vergangenes Jahr über Notverordnungen (!) regiert sehen wollte, dann jenen Satz, der seit dem Hilferuf der Rütli-Schule an jedem Stammtisch zu hören ist: "Multikulti ist gescheitert." Schuld daran sind – so sehen es die Konservativen – natürlich die "Multikulti-Befürworter", also jene rot-grünen Dummdeutschen, die in den vergangenen Jahrzehnten immer brav und arglos zwischen kurdischem Volksfest (vermutlich heimliche Terroristenversammlung) und libanesisch geführtem Italiener-an-der-Ecke (Schnauzbart, sehr suspekt) hin- und hergependelt sind. Freilich ohne zu merken, wie der Kurde und der südländische Kellner heimlich ihre blitzenden Messer wetzen, schlecht über unsere deutschen Frauen reden und hinter unserem Rücken ein unfriendly Takeover der Bundesrepublik vorbereiten. Wie gut, dass uns Arnulf Baring gerade noch rechtzeitig gewarnt hat!

Es ist deshalb höchste Zeit, mit ein paar Mythen aufzuräumen: Weder Rot-Grün oder die naiven Multikulti-Befürworter tragen die Hauptschuld an der jetzigen Integrationsmisere. Der Mann heißt Helmut Kohl. Einwanderungspolitik hat diesen Kanzler, der das Land immerhin von 1982 bis 1998 regierte, trotz türkischer Schwiegertochter nicht interessiert. Eisern wurde am deutschen Blutrecht festgehalten, Einwanderung wurde nicht gesteuert, sondern entwickelte sich anarchisch über das Asylrecht oder den Nachzug von Gastarbeiter-Familien. Für in Deutschland lebende ausländische Kinder galt damals nicht einmal grundsätzlich die Schulpflicht – wer nur "geduldet" wurde, brauchte ja nicht Lesen und Schreiben zu lernen.

Als in Deutschland dann Anfang der Neunziger Jahre in Solingen, Mölln und Rostock-Lichtenhagen Menschen verbrannt wurden und Flammen aus Asylunterkünften loderten – war Kohl nicht da. Der Mann, der so viel über die Macht von Symbolen wusste, ließ sich mit den ausländischen Opfern nicht fotografieren. Er besuchte nicht einmal die Tatorte. Warum? Weil die Opfer keine Deutschen waren? Die Antwort steht noch aus.

Kohl, dessen Verdienste um die deutsche Einheit unstrittig sind, versagte vollkommen auf dem Feld der Integrationspolitik [Ed: und nicht nur dort]. Erst die rot-grüne Regierung nahm sich dieses Themas an – zu halbherzig allerdings. Die Chance, das Thema der Ausländerintegration zur Chefsache zu machen, so wie Willy Brandt seinerzeit die Entspannungspolitik zum wichtigsten Thema gemacht hatte, hat die Regierung Schröder nicht genutzt. Bundespräsident Rau machte ein paar vorsichtige Schritte in die richtige Richtung, als er sagte, er wolle der Präsident aller Menschen sein, die in Deutschland leben – und nicht nur der Deutschen. Angesichts von 6,7 Millionen Ausländern war das eine wichtige Bemerkung, doch es blieb bei Gesten.

Denn auch die Modernisierung des Staatsbürgerschaftsrechts blieb Flickwerk. Nach wie vor werden in Deutschland Kinder geboren, die keine Staatsdeutsche sein werden. Umso grotesker ist der Hinweis von Arnulf Baring, dass sich in den USA spätestens in der dritten Einwandergeneration ein amerikanischer Patriotismus herauskristallisiere. Jedes Baby, das in den USA geboren wird – und selbst wenn es als Kind mexikanischer Illegaler in einem Stall in Texas zur Welt kommt – hat Anspruch auf einen amerikanischen Pass. Den ausländerpolitischen Hardlinern Stoiber und Co. fällt dagegen nichts anderes ein, als die Abschiebung von "jugendlichen Straftätern in ihre Herkunftsländer" zu fordern.

Liebe Konservative: Kapiert endlich, dass dieses Herkunftsland Deutschland heißt. Multikulti ist eine Realität. Es gibt keinen Weg zurück zu einem "ethnisch begradigten" Deutschland. Liebe Große Koalition: Ihr seid dabei, die Chance auf die zweite deutsche Einheit zu verspielen – die republikanische Einheit der Einwanderungsrepublik Deutschland. Liebe Sozialdemokraten: Wie soll man eigentlich Euer dröhnendes Schweigen in dieser wichtigen Zukunftsdebatte deuten? Es gibt Wege aus der Multikulti-Krise. Man muss sie nur gehen wollen. Wie wäre es denn mal mit einem Gesetz zur automatischen Einbürgerung jedes in Deutschland geborenen Kindes? Das wäre doch mal ein echtes Angebot. Warme Worte hat es in der Vergangenheit genug gegeben. Was die Republik jetzt braucht, ist eine ehrliche, selbstkritische Bilanz. Weder multikulturelle Verklärung noch hysterische Warnrufe helfen weiter. Wer sagt, dass mit den Ausländern etwas falsch läuft, denkt immer noch in den alten Kategorien von "Die" und "Wir". Er vergisst beispielsweise, dass die Leidtragenden der Bildungsmisere an Lehranstalten wie der Rütli-Schule in erster Linie die Kinder und Jugendlichen aus Einwandererfamilien sind.

Wir – und damit sind alle Staatsdeutschen gemeint – können uns eine erfolglose Einwanderungs- und Integrationspolitik aber nicht mehr leisten. Ausländer sind doppelt so häufig arbeitslos wie Deutsche, immer mehr Kids mit "Migrationshintergrund", wie es ebenso schauerlich wie politisch korrekt heißt, rutschen in Problemzonen ab. Wir brauchen deshalb eine nationale Anstrengung, um diesen Trend zu drehen! Denn auch Edmund Stoiber müsste angesichts sinkender Geburtsraten ein ganz egoistisches Interesse daran haben, dass die türkischen Kids von heute zur deutschen Elite von morgen gehören. Schön wäre, wenn er jetzt auch etwas dafür tun würde, anstatt nur Alarm zu rufen. Wie wäre es mit einem Integrationsministerium in München? Kollege Rüttgers in Düsseldorf hat schon eins.

Natürlich ist gelungene Integration nicht über Ministerien verfügbar. Die Hauptarbeit der intellektuellen Einwanderung in die bundesdeutsche Wirklichkeit muss von den ausländischen Communities selbst erledigt werden. Auch da gibt es noch viel zu tun, wie die Debatte um die deutsche Sprache als verbindliche Umgangsform an einer Berliner Realschule vor kurzem gezeigt hat. Die Sache ist ziemlich simpel, liebe ausländischen Interessensverbände: Ohne deutsche Sprache läuft in Deutschland nichts – Punkt. Mit Diskriminierung hat das aber auch nicht das Geringste zu tun. Wer will, dass sein Kind in Deutschland eine Zukunft hat, sollte ihm besser heute als morgen einen Duden und eine Grammatikfibel besorgen.

Auch ein Massenblatt wie die "Bild"-Zeitung könnte mit ihrer klaren Sprache hilfreich sein. Auf Ausgaben, in denen Kampagnen gegen erfolgreiche Schauspielerinnen türkischer Herkunft gefahren werden oder ein Arnulf Baring von der Leine gelassen wird, können wir dagegen verzichten.



Integration — Lösbare Aufgabe

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 5. April 2006, Seite 1 (Leitartikel) von TISSY BRUNS. [Original]

Nach den Sommerferien werden in Berlin 6496 Kinder – ein Viertel aller Erstklässler – eingeschult, bei denen im Januar Sprachdefizite festgestellt worden sind. In München weiß einer, wie man mit so etwas fertig wird: Wer nicht Deutsch kann, wird nicht eingeschult, verkündet Edmund Stoiber. Der CSU-Chef ist ein schlechter Landesvater. Es ist anstößig, wenn ein Ministerpräsident das, wofür er selbst einzustehen hat, in eine Bringschuld von Sechsjährigen umdefiniert. Die Schulpflicht ist in Deutschland Recht jedes Kindes. Das Grundgesetz sagt: Das gesamte Schulwesen steht unter der Aufsicht des Staates. Auf den müssen Kinder sich verlassen können, wenn Eltern versagen.

Es stößt sich aber fast niemand an verbalen Grundgesetzverletzungen à la Stoiber. Sie sind, im Gegenteil, gerade in Mode. Die Rütli-Schule in Berlin-Neukölln ist zum Anlass für eine verlogene Kraftmeierei von Spitzenpolitikern geworden, die damit die Folgen ihrer Tatenlosigkeit übertönen. Und im Übrigen seelenruhig zuschauen, wie zu Tausenden der Nachschub für weitere Rütli-Karrieren auch in diesem Herbst wieder in deutsche Klassenzimmer einzieht.

Die traurige Wahrheit ist, dass den fast erwachsenen Schülern der Neuköllner, Wilhelmsburger, Frankfurter oder Münchner Hauptschulen kaum noch zu helfen ist. Malt Bürgermeisterkandidat Friedbert Pflüger sich denn aus, was Kinder und Heranwachsende schon erlebt haben, bis Polizeischutz vor der Schule zur gebotenen Maßnahme wird? Diese Kinder sind in einer Hackordnung aufgewachsen, die der in Gefängnissen gleicht. Keiner ist zum gewalttätigen Krawallo geworden, ohne zuvor die bitteren Lektionen der Opfer solcher Verhältnisse zu lernen. Pflüger empfiehlt: Abschiebung. Es handelt sich in Neukölln aber um unsere Kinder und eine Verantwortung, die wir nicht entsorgen können.

Kindern aus unterprivilegierten Verhältnissen brauchen Hilfe, keine Sentimentalitäten. Wer etwas für sie tun will, muss von ihnen viel verlangen, Disziplin, Lerneifer, Regeln. Aber rechtzeitig! Wo finden sich heute die erwachsenen Anwälte, wenn Eltern aus Unkenntnis, Sprachunkundigkeit, Sucht, kultureller Differenz den Weg ihrer Kinder ins Leben nicht angemessen begleiten können oder wollen? Lehrer, Sozialarbeiter, die Schulverwaltungen und Bildungspolitiker haben ein gemeinsames Schicksal: Sie stehen auf verlorenem Posten.

Der amtierende Bürgermeister von Berlin wälzt seit eh und je die Verantwortung für die Kinder dieser Stadt auf den Bildungssenator ab. Chefsache ist Schule nicht einmal dort, wo sie in Deutschland nach herrschender Lehre hingehört: in den Ländern. Die Partei der Bundeskanzlerin will, nach Entdeckung der Rütli-Schule, hoch hinaus, auf einen Integrationsgipfel. Vor einer Woche noch hat Angela Merkel im Bundestag beiläufig gesagt, wer eine Leidenschaft für die Schulpolitik habe, sei im Bundestag am falschen Platz.

Wer nicht will, dass aus den 6000 Erstklässlern mit Sprachproblemen in 10 Jahre 600 Messerhelden hervorgehen, hat Handlungsoptionen. Machen wir doch Ernst! Wer will, dass alle Sechsjährigen Deutsch sprechen, muss sich die Vierjährigen ansehen. Wer nicht will, dass die Seuche der Passivität die körperliche, geistige und seelische Entwicklung von Kindern verdirbt, muss früh eingreifen. Deutschland gibt jedes zehnte Kind auf, bevor es in die Schule kommt. Wir brauchen aber jedes einzelne – und diese Aufgabe ist lösbar, wenn wir nur wollen.



Und morgen ins Gefängnis

Sozialarbeit und Schule.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 6. April 2006, Seite 1 (Leitartikel) von SUSANNE VIETH-ENTUS. [Original]

Briefe können Fanale sein. Wie Feuerzeichen beleuchten sie eine Situation, so dass sie schlagartig für jeden sichtbar wird. So war es mit der Rütli-Schule in Berlin-Neukölln. Manche Briefe können nicht leuchten, denn sie landen im Papierkorb oder in der Ablage einer Amtsstube. Das haben Eltern und Lehrer tausendfach erlebt, wenn sie von Behörden Abhilfe bei Gewaltvorkommnissen, Unterrichtsausfall oder wegen fehlender Erzieherstellen erhofften. In einem gutbürgerlichen Bezirk Berlins [Steglitz-Zehlendorf] musste im August 2005 erst ein kleiner Junge sterben, damit die Politik von dem Plan abließ, Schulstationen zu schließen. Der unmündige Totschläger hatte erfolglos eine Hauptschule besucht.

Aus den Hauptschulen gibt es normalerweise keine Brandbriefe, weil sich die Lehrer längst daran gewöhnt haben, dass die Öffentlichkeit sie ihrem Schicksal überlässt. Von den Eltern hört man auch nichts, denn sie entstammen überwiegend einer Bevölkerungsschicht, die sich nicht zu Wort meldet. Der Rest der Welt ist heilfroh darüber, wenn die Hauptschulen still vor sich hin existieren. Denn sie stellen sicher, dass die anderen 90 Prozent der Heranwachsenden nichts mit den schlimmsten Problemkindern der Stadt zu tun bekommen. Das ist in Hamburg, Hessen oder Bremen nicht anders, denn auch hier wird nur die schwierigste Klientel in die Hauptschulen verfrachtet.

Was bedeutet diese Separation tatsächlich? Man stelle sich vor, dass Kinder, die in der Grundschule ein mehrjähriges Scheitern erlebten, die dann mitunter auch noch von der Gesamt- oder Realschule abgeschoben wurden, alle in einer einzigen Schulart zusammengepfercht werden. Kinder, die Lernschwierigkeiten haben; Kinder, die zu Hause nicht gefördert werden; Kinder, die ihre Nachmittage vorm Fernseher verbringen; Kinder, die geschlagen wurden oder selbst schlagen. Keine heile Welt – nirgends. Auch kein Vorbild, an dem man sich orientieren könnte. Wenn der, der Schularbeiten macht oder höflich ist, zum Außenseiter wird – warum sollte er sein Verhalten beibehalten?

Wenn aber die so genannte Mehrheitsbevölkerung meint, dass man diese Kinder separieren sollte, dann müsste sie auch so konsequent sein, dies durch den Einsatz vieler Sozialarbeiter auszugleichen. Anstatt Lehrer sinnlos zu verheizen, die in ihrer Ausbildung noch immer nicht lernen, mit Migranten- und Problemkindern fertig zu werden. Besser wäre es, diese Kinder zu fördern, solange sie noch nicht frustriert und verhärtet sind, also im Kita- und Grundschulalter.

Allerdings ist bundesweit die Ausstattung mit Erzieherinnen so schlecht, dass nachhaltige Sprachförderung kaum möglich ist. Auch Ganztagsgrundschulen klagen über Erziehermangel: Sie können Kinder am Nachmittag gerade noch beaufsichtigen, nicht aber intensiv fördern – und das in Zeiten, da regional kaum noch deutsche Kinder zur Schule gehen und der soziale Niedergang um sich greift; in Zeiten, da in Grundschulen Waffen auftauchen und Kinder vor laufender Handykamera zusammengeschlagen werden.

Diese Problemlage weitet den Blick für einen weiteren Brandbrief, der gestern auftauchte: Eine Berliner Grundschule im sozialen Brennpunkt Moabit soll wegen Geldmangels ihre Schulstation verlieren, die auf Gewaltprävention ausgerichtet ist und über eine der wenigen perfekt Deutsch sprechenden türkischstämmigen Erzieherinnen verfügt.

Das Geld, das wir heute in den Schulen einsparen, werden wir morgen in die Gefängnisse stecken.



L E B E N   I N   N E U K Ö L L N

Auf der Kippe

Verkommt der Bezirk zum Armenviertel? / Neukölln, ein Slum: So weit wie Innenminister Schäuble wollen die Bewohner nicht gehen. Oder doch? / [Ed: und im ‚wohlhabenden‘ Steglitz-Zehlendorf? Da haben Bezirkspolitiker längst Zehlendorf-Süd und Lichterfelde-Süd mit der Thermometer-Siedlung abgeschrieben, sonst würden manche nicht so viel Dummschwatz verbreiten und andere sich nicht um Sekundär-Themen kümmern, wie das derzeit die neue CDU-Wahkreiskandidatin Cornelia Seibeld mit dem „Ausbau Hildburghauser Straße“ praktiziert]

Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 10. April 2006, Seite xx (Berlin) von CHRISTIAN VAN LESSEN. [Original]

NEUKÖLLN (Tsp). „Unmöglich, hier ist doch kein Slum.“ Ulla Boettcher, die Wirtin des Lokals Götterspeise an der Karl-Marx-Straße, versteht Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) nicht. Er hält Teile von Neukölln für einen Slum. „Das klingt, als wolle man den Bezirk aufgeben. Und als Vorwand, nichts tun zu müssen“, sagt sie und ärgert sich. Wie viele andere Neuköllner auch, allen voran Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD). Doch gestern Mittag hört man auf den Straßen auch Stimmen, die dem Bundesinnenminister verhalten Recht geben.

Ulla Boettcher gehört nicht dazu. Dabei hätte sie Grund, mit der Umgebung zu hadern. Ihr Lokal ist erst kürzlich überfallen worden. Aber das „dumme Wort“ vom Slum zeige nur die Ignoranz der Politik. Das Schäuble-Zitat vom Wochenende ist Gesprächstoff. Vor allem der arme Neuköllner Norden hat mit einem schlechten Ruf zu leben, nicht erst seit dem Hilfeschrei der Rütli-Schule.

Verwahrlost und verfallen wie eben in Slums sieht es im Neuköllner Norden nicht aus. „Quatsch ist das mit dem Slum. Wir sind ein Multi-Kulti-Bezirk. Das ist alles“, sagt Rolf-Dieter Wittke vom Lokal Drachen-Höhle an der Richardstraße. Sein Partner Mario Greßmann ergänzt: „Wir brauchen mehr Jugendfreizeitstätten.“ Die Jungen haben einfach zu viel Langeweile. „Vor allem gegenseitiger Respekt ist wichtig.“ Birol Alkan, der Besitzer des Getränkeshops an der Anzengruber-/Ecke Donaustraße, schüttelt den Kopf über Schäubles Aussage. „Ein Slum sieht anders aus.“ Dass von rund 300.000 Neuköllnern vielleicht nur 50.000 Arbeit hätten, dagegen müsse die Politik was tun. Passantin Heike Gottschlich, gebürtige Neuköllnerin, hält das Wort Slum für übertrieben. Aber sie will wegziehen – wegen ihres kleinen Kindes.

Auf der Weserstraße flattert Zeitungspapier durch die Gegend. „Sehen Sie sich doch nur um“, sagt Jessica Russius. „Der Begriff Slum stört mich zwar, aber er trifft schon zu.“ Die gelernte Krankengymnastin hat lange in New York gelebt, in Harlem. Da hätten die Leute selbst was gegen den Verfall getan, etwa verwilderte Grundstücke bepflanzt. Der Stadtteil kenne auch viel Elend, aber die Leute gingen dort höflicher miteinander um. In Neukölln fehle auch das Empfinden für die Umwelt. Keiner fühle sich verantwortlich. „Slum ist zu viel gesagt, aber es ist hier schon schlimm“, sagt auch Dieter Eschert. Von seiner Wohnung aus kann er seit 15 Jahren auf das Gelände der Rütli-Schule blicken. „Die Kinder waren damals anders. Das liegt an den Schulen, nicht an den Eltern.“ Seinen Sohn würde er hier nicht auf die Oberschule schicken: „Untragbar.“ An der Donaustraße sitzen Sonntagmittag Frank Hirschfeld, Wilfried Pohl und Manuela Erdmann auf dem Kellerrost vor einem Aldi-Markt. Von unten pusten die Kühlaggregate Warmluft. Die drei trinken Bier. „Neukölln wird zum Slum“, sagen sie. „Überall, wo man hinguckt, ist Armut.“ [Ed: und nicht nur in Neukölln, auch in anderen Berliner Stadtrand- Vierteln, um die sich die Politik nicht mehr mit eingeschaltetem Hirn kümmerte, und wo so verarmte Parallelgesellschaften produziert wurden]. [mehr]



Sozialer Wandel im Südwesten

Die Armut wird auch im gutbürgerlichen Steglitz-Zehlendorf sichtbar / Fotoausstellung in der Dorfkirche

Aus:
Berliner Morgenpost, 15. April 2006, Seite xx (Bezirke) von KATRIN LANGE. [Original]

STEGLITZ-ZEHLENDORF (BM). Die Zahl der Arbeitslosengeld-II-Empfänger ist sprunghaft angestiegen, immer mehr Menschen im Südwesten gelten im Berliner Maßstab als arm. Eine Ausstellung zeigt Fotos zum Thema "Armut vor unserer Haustür".

Mit dem Taxi kommt schon lange niemand mehr zur Zehlendorfer Dorfkirche. Früher, so erzählt Sabine Küster vom Kirchenkreis Teltow-Zehlendorf, hätte das sonntags zum guten Ton gehört. Die Fassade bröckelt – auch im gutbürgerlichen Südwesten der Stadt. Das sei nicht nur an den Kindern zu spüren, die ohne Frühstück in die Kitas kommen, sagt Sabine Küster, sondern auch am Besucheranstieg beim kostenlosen Mittagstisch in der Pauluskirche. Und auch auf dem Rumpelbasar an der Johannesstraße 19. Dort kaufen inzwischen nicht nur Leute ein, die auf Geld vom Staat angewiesen sind.

Zu den neuen Stammkunden des Trödelmarktes gehört zum Beispiel Manfred M. Ihm ging es früher sehr gut: Er hatte einen eigenen Imbißstand und von seinen Eltern eine Eigentumswohnung geerbt. Dann ging er Pleite. Heute verflucht der 45jährige die Wohnung. Er will sie verkaufen, aber keiner will sie haben. Was nützt ihm die Wohnung, wenn er kein Geld hat? Die Zehlendorferin Heike G. hatte einen Job und eine schöne Wohnung. Dann traf sie einen Mann, dem sie nach Brandenburg folgte. Drei Jahre lang lebte das Paar gut – allein auf ihre Kosten. Als die 30jährige merkte, daß sie nur ausgenutzt wurde, war es zu spät. Sie hatte alles verloren – auch den Job. Auf dem Rumpelbasar suchte sie sich mühsam wieder eine komplette Wohnungseinrichtung zusammen.

Sind das Einzelfälle? Wie steht es wirklich um die Armut in Zehlendorf? Sabine Küster, die bei der Evangelischen Bildungsstätte Teltow-Zehlendorf für die Erwachsenenbildung zuständig ist, wollte es genauer wissen. Sie hat Profi- Fotografin Ruth E. Westerwelle mit Kursteilnehmern auf die Suche geschickt und "Die Armut vor unserer Haustür" gefunden. Unter diesem Titel sind jetzt 80 Bilder in der Alten Dorfkirche an der Kreuzung Clayallee und Potsdamer Straße zu sehen.

Die Fotos zeigen heruntergekommene Häuser, überfüllte Trödelmärkte, Bettler, zugemauerte Fenster, Graffiti an Wänden, leerstehende Läden. "Über solche Fotos würde man in der Innenstadt müde lächeln", sagt Sozialstadtrat Stefan Wöpke (CDU). Und doch gebe es trotz der bürgerlichen Struktur in Steglitz-Zehlendorf immer mehr Probleme. Binnen eines Jahres sei die Zahl der Arbeitslosengeld-II- Empfänger von 9.000 auf jetzt 14.000 gestiegen. Der Anteil der Menschen, die nach Berliner Maßstäben als arm gelten, betrug im Südwesten 1996 noch 7,7 Prozent. 2004 waren es bereits 11,2 Prozent.

Von einer flächendeckenden Armut in Zehlendorf könne keine Rede sein, meint Wöpke. Aber einzelne Kieze, wie Zehlendorf Süd, drohten zu verwahrlosen, nicht zuletzt weil gutsituierte Anwohner wegziehen und sich dadurch die Struktur der Mieter verändere [Ed: und warum ziehen Mieter weg? Es ist nicht die Armut im sozialen Umfeld. Vielleicht fragt Mr. Wöpke mal seinen CDU-Kollegen Norbert Kopp, was dieser 1995–2000 mit seiner ideologischen Devise „Investitionen fördern“ tatsächlich im Bezirk angerichtet hat – beispielsweise: Wildwuchs in Giesensdorf, auch mit der Folge, daß das Zentrum der Thermometer- Siedlung geschäftlich verödete]. Um diesen Trend entgegenzuwirken, wurde erstmals für Steglitz-Zehlendorf in diesem Jahr ein Sozialatlas erstellt. Nach Vorstellung der Daten – unter anderem in einer öffentlichen Bürgerversammlung – will Wöpke klären, "wie man gegensteuern kann" [Ed: nur mit sehr viel Geld geht das, was man sich ja von den Firmen holen kann, die früher mit dem Einsatz der billigen Gastarbeiter so viel Geld verdienten...].

Man tut sich schwer im Südwesten, das Schwinden des Wohlstands zu sehen und zu akzeptieren. Sabine Küster erzählt von einer alten Frau, die nach außen hin das Bild der gutbetuchten Witwe aufrecht erhielt. Als sie starb, stellte sich heraus, daß sie außer Tisch, Stuhl, Kühlschrank und Bett so gut wie nichts mehr besaß.

Noch etwas ist der Kirchenmitarbeiterin aufgefallen. "Immer mehr Senioren leiden an einer sozialen Verarmung", sagt sie. Im Alter seien viele einsam, ohne jegliche Kontakte. Sie kennt ein Beispiel aus einem Seniorenheim: Kinder hatten ihre Mutter ins Heim gebracht und gleich das Geld für die Beerdigung hinterlassen. Sie kamen nie wieder.

Fotoausstellung: "Armut vor unserer Haustür", Alte Dorfkirche Zehlendorf, Clayallee357, Mo., Do., Fr., 15–19 Uhr, Sbd., 9–14 Uhr, oder nach Anmeldung Tel.: 802 90 20.



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