Thermometer-Siedlung – „Neigung zu Explosivität“ – Teil 2 khd
Stand:  9.7.2006   (32. Ed.)  –  File: ThS/Ex/Sozialer_Mix_02.html




Aus gegebenem Anlaß werden auf diesen Seiten Infos zur sozialen Entwicklung in der Thermometer- Siedlung in Berlin- Lichterfelde sowie soziologische Hintergrund- Informationen dokumentiert. Denn in der um 1970 entstandenen Stadtrand- Siedlung stimmt die soziale Mischung längst nicht mehr, was negative Folgen hat. Es geht darum, den Anfängen zu wehren und Wege aufzuzeigen, wie der negativen Entwicklung Einhalt geboten werden kann. Handeln muß aber die Politik. Auch hier gilt der allgemeine CopyRight-Hinweis.

Im November 2005 schrieb dazu Pfarrer Busch im Der Schlüssel: „Im Gebiet der Thermometer- Siedlung ist seit einigen Jahren eine starke Veränderung der Zusammensetzung der dortigen Wohnbevölkerung zu beobachten. Besserverdienende sind oft weggezogen, hinzu kamen Menschen aus verschiedensten Herkunftsländern und schwierigen sozialen Verhältnissen. Das Ganze ergibt eine Mischung mit nicht geringer Neigung zu Explosivität.“ Am Mittag des 4. Dezember 2005 wurde daraus bittere Wahrheit – eine Bombe explodierte. Die Bewohner fühlen sich nicht mehr sicher...

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Jugendgewalt in Berlins Bezirken

BERLIN – 2.1.2006 (khd). In den folgenden Zahlen sind ganz offensichtlich keine Zahlen über Gewalt gegen Sachen enthalten. Sonst würden diese Zahlen wesentlich höher sein. Wer beispielsweise täglich auch mit Berlins S-Bahn unterwegs ist, weiß das. Noch niemals wurden in den letzten 16 Jahren auf der S-Bahn streifefahrende (richtige) Polizisten gesichtet, die Ausschau nach Scheiben zerkratzenden Jugendlichen halten. Mitreisende können das meistens nicht verhindern.

Bei den Behörden gemeldete Jugendgewalt-Vorfälle
Die Dunkelziffer der nicht gemeldeten Vorfälle soll besonders hoch sein.  1)
Stand: Dezember 2005
Quelle: Berliner Senatsverwaltung für Bildung.
Rang
2005
Berliner Bezirk Fälle
2003/04
Fälle
2004/05
Fälle
2005/06
Anm.
1. Mitte 70 205   2) 
2. Neukölln 106 135   3) 
3. Lichtenberg 84 88    
4. Marzahn-Hellersdorf 25 77    
5. Treptow-Köpenick 44 65    
6. Steglitz-Zehlendorf 50 60    
7. Charlottenburg-Wilmersdorf 38 50    
8. Reinickendorf 18 48    
9. Pankow 27 47    
10. Tempelhof-Schöneberg 29 45    
11. Friedrichshain-Kreuzberg 52 43    
12. Spandau 17 31    
Insgesamt: 560 894    
1) (das folgt).
2) Das sind die Altbezirke Mitte, Tiergarten und Wedding.
3) Im März 2006 kam es hier zum dramatischen Hilferuf der Rütli-Schule mit bundesweitem Echo.
Es ist schon sehr erstaunlich, daß der Staat das Feld des ungezügelten Vandalismus der Jugend als ‚Spielwiese‘ überläßt. Es ist eine staatliche Aufgabe, diesem Treiben endlich ein Ende zu setzen. Und daß das nun teuer wird, mag sein. Es ist eben der Preis, der zu zahlen ist, wenn eine am Gemeinwesen orientierte Bildungs-, Einwanderungs- und Integrations-Politik seit den 80er-Jahren schlichtweg nicht stattfand.

Ein Fazit: Praktisch allerorten hat die Jugendgewalt seit 2003 stark zugenommen, und unternommen wird dagegen de facto nichts. Der Hauptgrund: Berlins rot-roter Senat betreibt keine soziale Politik mehr. Berlin wird von PDS + SPD systematisch kaputtgespart und ausverkauft. So auch im Teilbezirk Steglitz, wo bereits seit den 90er-Jahren von schwarz-roter Politik vor allem die Thermometer- Siedlung sträflich vernachlässigt wird. So erinnert man sich im Bezirksamt nicht einmal mehr an früher gegebene (politische) Zusagen. Die Akten seien bei der Vereinigung mit Zehlendorf abhanden gekommen, heißt es lapidar.



Coolness-Trainer für heiße Konflikte

Berlinweit einzigartiges Projekt soll Jugendgewalt in Großsiedlungen eindämmen / Geläuterte Straftäter als Sozialarbeiter

„ Aus:
Berliner Morgenpost, 8. Januar 2006, Seite xx (Bezirke). [Original]

LICHTERFELDE-SÜD (BM). Neue Wege gegen die Jugendgewalt in Großsiedlungen sollen jetzt in Lichterfelde Süd beschritten werden. Im Rahmen eines Pilotprojekts sollen junge Männer und Frauen – vorwiegend nichtdeutscher Herkunft – zu Anti-Gewalt-Trainern ausgebildet werden. Im Sommer 2006 werden dann diese geschulten "Coolness-Trainer und Konfliktlöser" bei den 10- bis 16jährigen im Kiez für im Projekt entwickelte Angebote werben.

In den Wohngebieten Thermometer- und Woltmann- Siedlung, wo 75 Prozent der Bewohnen nichtdeutscher Herkunft sind, spitzt sich die soziale Lage zu. Koordinator Jürgen Bischof: "Zunehmend viele Jugendliche sind nicht ausbildungsfähig, können keinerlei Lebensperspektive entwickeln." Sie verbringen ihre Freizeit auf der Straße. Die Frustration entlädt sich in Straftaten wie Vandalismus und Ladendiebstahl.

Im wesentlichen als zutreffend beschreibt Christian Gottfried, stellvertretender Leiter des zuständigen Abschnitts 46 der Polizei, diese Darstellung. Er betont aber: "Die Tathäufigkeit ist gemessen an der Bewohnerzahl nicht höher als im gesamten Rest des Polizeiabschnitts." Es sei indes zu vermuten, daß das Anzeigeverhalten eher gering ausgeprägt ist. Feste Bandenstrukturen gibt es nicht, gleichwohl versuchten einige Mehrfachtäter, Anhänger um sich zu scharen, so der Polizeirat. Die Beobachtung und direkte Ansprache habe bei einigen Rädelsführern bewirkt, daß sie nach einem Jahr straffrei blieben. Positiv sei, daß die verstärkte Polizeipräsenz seit Oktober 2004 zu einem Rückgang der angezeigten Straftaten im zweistelligen Bereich geführt habe, so Gottfried.

Dem Problem der Gewaltbereitschaft soll nun das Pilotprojekt entgegentreten. "Für unsere künftigen Konflikttrainer wählen wir zehn junge Menschen im Alter von 18 Jahren bis Mitte 20 aus, die im Kiezmilieu der Thermometer- Siedlung mit rund 4.500 Einwohnern aufgewachsen sind. In Frage kommen jene, die sich nach "Karrieren" als Straftäter gewandelt haben, sich inzwischen ehrenamtlich engagieren", erläutert Projektleiter Oliver Lück das berlinweit bisher beispiellose Konzept. Lück leitet seit drei Jahren das Anti-Gewaltzentrum Berlin Brandenburg. Die künftigen Mediatoren hätten Einfluß auf die Kids von der Straße, die häufig durch Aggressivität auffallen. Ihr eigener sozialer Hintergrund erleichtere ihnen den Zugang. Den Kindern und Jugendlichen soll soziale Kompetenzen vermittelt werden. Dazu zählen Werte und Normen und die Fähigkeit, Konflikte gewaltfrei zu lösen.

Das Auswahlverfahren für die künftigen Mediatoren soll Ende Januar durchgeführt werden. Die auf drei bis vier Monate angelegte Schulung durch Jugend- und Sozialarbeiter findet im "Bus-Stop" statt. Die von Jürgen Bischof geleitete Sozialeinrichtung arbeitet seit 1998 einem Niedergang des Kiezes entgegen. Die ausgebildeten Anti-Gewalt-Trainer sollen Honorare bekommen. Die Teilnehmer verbessern mit ihrem Ausbildungszertifikat die eigene berufliche Perspektive. Und den Straßenkids winken als Anreiz Berufspraktika oder Ausbildungsplätze.

Noch ist die Finanzierung des Projekts nicht gesichert. Doch die CDU-Politiker und Mitinitiatoren Karl-Georg Wellmann und Cerstin Richter-Kotowski haben signalisiert, daß Stiftungsmittel und private Spenden fließen sollen.



U N D   I N   B E R L I N - K R E U Z B E R G

„Man kann die nicht mehr ändern“

Offene Jugendarbeit in Kreuzberg gescheitert / Pädagogen geben Kampf gegen Kriminalität, Drogen und Islamismus auf / In Teilen von Kreuzberg und in anderen Stadtteilen ist eine Parallelgesellschaft entstanden. Perspektivlose Einwandererkinder leben in ihrer eigenen Ghetto-Welt. Sozialarbeiter geben die meisten der Jugendlichen verloren.

Aus:
Berliner Morgenpost, 20. Januar 2006, Seite xx (Politik). [Original]

BERLIN (BM). Hinter jedem Foto mit den selbstbewußt posierenden Jungs steckt ein Drama. "Der hier sitzt im Knast", sagt Ahmad Omid-Yazdani und deutet auf einen der dunkelhaarigen Halbwüchsigen. Dreieinhalb Jahre wegen schweren Raubüberfalls. "Der hier kifft ohne Ende. Und der ist schizophren geworden. Zu viel LSD."

Wenn der Leiter des Sportjugend-Clubs Kreuzberg über seine jugendliche Klientel spricht, sind die Beispiele gelungener Integration die rare Ausnahme. "Der hat sogar eine Tischlerlehre beendet, aber keine Stelle gefunden. Jetzt dealt er im Kiez. Und dieser hier ist harter Sympathisant von al-Qaida. Der weiß viel, hat viel gelesen." Und so sei der 20jährige überzeugt, die Anschläge vom 11. September seien ein jüdisch-amerikanisches Komplott gewesen. "Juden und Christen sind unsere Feinde", hört der Betreuer von einigen Jungen. "Jude" ist bei Streitigkeiten selbst unter Kindern ein Schimpfwort.

Omid-Yazdanis aserbaidschanische Muttersprache ähnelt dem Türkischen. Er versteht, was die Jungen untereinander reden. Und er hat keine Lust mehr, sein Wissen zu verschweigen. "Gewalt und Drogenabhängigkeit haben in den letzten zehn Jahren gravierend zugenommen. Wir stecken mitten im Prozeß der Ghettoisierung." Kontakte zur demokratischen Mehrheitsgesellschaft seien unter den meisten der türkisch- und kurdischstämmigen Einwandererfamilien in den Straßen rund um die bunte Multi-Kulti-Meile der Oranienstraße abgerissen.

 

„Gewalt und Drogen- abhängigkeit haben in den letzten zehn Jahren gravierend zugenommen. Wir stecken mitten im Prozeß der Ghettoisierung.“


Das stellte Ahmad Omid-Yazdani, Leiter des Sportjugend-Clubs in Berlin-Kreuzberg, über die Jugendlichen vor Ort fest. Es gibt also nicht nur die Gefahr von Rechts, wie sie unlängst der Soziologe Andreas Willisch in der Berliner Zeitung beschrieb.

90 Prozent der Jungen, die in seinen Club kommen, tragen mindestens ein Messer bei sich. Die meisten rauchen Haschisch oder schlucken die neumodische Aufputschdroge Tilidin, ein rezeptpflichtiges Medikament, das stark macht und die Angst nimmt. Alkohol spielt keine große Rolle, denn fast alle sind Muslime. Deutsche Halbwüchsige gibt es hier nicht. Einen Job oder Ausbildungsplatz oder eine Perspektive hat kaum keiner. Die überwiegende Mehrheit steht auf der Straße. "Die bringen auch keine Ausbildung zu Ende", äußert der aus dem Iran stammende Soziologe sogar Verständnis für die zögerlichen Arbeitgeber.

Seit 16 Jahren macht er Jugendarbeit im ehemaligen Postzustellbezirk SO 36, zuerst am Kottbusser Tor, heute im Club der Sportjugend im Bethanienhaus am Mariannenplatz. In den kahlen Räumen im Erdgeschoß des einstigen Krankenhauses strahlt Neonlicht über die Tischtennisplatte, ein paar alte Möbel stehen herum. Im Kraftraum stemmen zwei Halbwüchsige Hanteln. Über und über sind die Wände mit Graffitis und Tags bemalt. Schwere Türen versperren Computer- und Medienraum. "Sonst ist alles sofort weg", sagen die Betreuer.

Für seine Sozialeinrichtung zieht der engagierte Pädagoge Omid-Yazdani eine drastische Konsequenz aus den Zuständen. Er sperrt die Tür zu. Die offene Jugendarbeit, wo jeder zum Tischtennis, Fitneßtraining, Dart oder einfach nur zum Abhängen vorbeischauen konnte, wird eingestellt. "Die Pädagogen haben dabei keine Wirkung, wir sind nur Aufpasser", beschreibt der Leiter die Lage. Jetzt wollen er und sein Kollege die Gewalttätigen und Drogenabhängigen fernhalten, sagt der Betreuer und senkt die Stimme: "Man kann die nicht mehr ändern." Von den 60 bis 70 Jugendlichen, die täglich in den Club gekommen sind, hält Omid-Yazdani vielleicht 25 für noch erreichbar: "Die anderen sind verloren", flüstert er.

Für die noch beeinflußbaren Jüngeren will er nun extra in kleineren Gruppen Kurse anbieten, Bewerbungstraining, Computer, Musik, Tanzen oder einfach Gespräche über Demokratie und Toleranz führen. "Die meisten von ihnen sprechen zwar einwandfrei deutsch, aber sie verhalten sich ganz anders", hat er beobachtet. Ob sie deutsche Staatsbürger seien oder nicht, mache dabei keinen Unterschied.

Den Schritt der Mitarbeiter aus dem Bethanienhaus hat das Jugendzentrum Chip in der wenige hundert Meter entfernten Reichenberger Straße bereits vollzogen. Hier plante einst eine Jugendgang ihre Raubzüge auf Kneipen. Die Betreuer fanden Waffen und Masken, berichtet Leiter Wolfram Englert. Zwischenzeitlich wurde es so schlimm, daß der Bezirk das Chip schließen mußte.

Jetzt wird nur noch mit denen gearbeitet, die bereit sind, sich für die Einrichtung zu engagieren. Und die nicht bis in die Puppen rumhängen, wenn sie morgens zum Job oder in die Schule müssen. Das sind derzeit 25 Jugendliche. Vor allem die Älteren, über 18jährigen, sind raus. "Die müssen eben irgendwann mal selbst Verantwortung übernehmen", sagt Englert. Offene Jugendarbeit sei eine "schöne Idee", findet der erfahrene Pädagoge, der seit 25 Jahren in Kreuzberg arbeitet: "Aber sie funktioniert in Kreuzberg nicht."

Die Konzentration auf ausgewählte Jugendliche scheint zu funktionieren. Letztes Jahr suchten Englert und ehrenamtliche Helfer für elf Schulabgänger Stellen. Für zehn wurden sie fündig. Einer sitzt im Knast. Aber die "Verlorenen" werden sich weiter in Kreuzberg auf der Straße herumtreiben. Ihren Kiez verlassen sie selten. Sie haben kein Geld, fühlen sich in anderen Bezirken unsicher.

Viele Familien leben mit sechs, sieben Personen in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Gewalt wird oft als Teil der Kultur gesehen. Da sind die Eltern froh, wenn schon kleine Jungs sich draußen herumtreiben. Dort sind die Älteren, die gern Gangster wären oder es wirklich sind, die Vorbilder. Oder die Jungen finden in den Moscheen so etwas wie Wärme und Anerkennung.

In Internet-Cafés werden bärtige Männer beobachtet, die islamistische Web-Seiten aufrufen und versuchen, die Jugendlichen dafür zu interessieren. Yazdani berichtet vom Einfluß der Imame: Im Fastenmonat Ramadan wollte der Club im Rahmen eines Projektages eine Moschee, eine Synagoge und eine Kirche besuchen. 25 Jugendliche hätten sich versammelt. Dann brachte ein Jugendlicher eine Botschaft eines Moscheepredigers: "Wer in die Kirche oder die Synagoge geht, macht sein Fasten ungültig." Ein Besuch dort sei Sünde. Nur sieben jugendliche allevitischen Glaubens nahmen danach am Programm teil.

Die meisten huldigen aber einem mit Macho-Getue vermengten Vulgär-Islam. Wenn sich der Betreuer Salami-Pizza ordert, werfen sie ihm vor, er sei unrein, weil er Schweinefleisch ißt. Und die Zeiten, als türkische Jungs aus Kreuzberg deutsche Freundinnen hatten, sind längst vorbei.

Beim Besuch des Freibades Prinzenstraße lästerten die Jungen über deutsche Mädchen im Bikini: Das seien Huren und "man muß diese halbnackten Frauen auspeitschen, wie es die Taliban in Afghanistan tun". Die eigenen Schwestern müssen sowieso zu Hause bleiben. Im Jugendclub wurde die Stelle der Betreuerin letztes Jahr gestrichen. Die Mädchengruppe wurde eingestellt. Vor einiger Zeit haben sechs Jugendliche im Garten des Bethanien ein Mädchen vergewaltigt. "Was läuft die Schlampe auch abends draußen herum", hätten sich die Jungs gerechtfertigt, erzählt Yazdani. Strafen scheinen die Kids nicht abzuschrecken. Einer aus dem Club war als Intensivtäter in die Türkei abgeschoben. Kaum war er wieder zurück, zerbrach er den Billard-Queue über seinem Oberschenkel und verprügelte damit einen anderen Jungen, erzählt der Betreuer. Das Gefängnis birgt keinen Schrecken. Wer im Knast sitzt, genießt besonders viel Respekt.

[20.01.2006: Junge Ausländer haben kaum Chancen auf eine Lehrstelle]  (BERLINER MORGENPOST)



W O H N U N G S M A R K T 

„Auslutschen und abstoßen“

Noch in diesem Jahr sollen REIT-Immobilienfonds in Deutschland eingeführt werden. Experten befürchten deutliche Mieterhöhungen.

Aus:
Berliner Zeitung, 23. Januar 2006, Seite xx (Wirtschaft). [Original]

BERLIN. Der Mieterbund nennt sie "eine Gefahr". Investmentbanker, Industrie und Finanzkonzerne dagegen sehen in ihnen ein Milliarden-Geschäft: die REIT genannten neuen Immobilienfonds. "Real Estate Investment Trusts" gibt es bislang nicht in Deutschland. Doch das wird sich ändern. Trotz aller Mieterproteste hat Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) angekündigt, sie noch in diesem Jahr einführen zu wollen. "Damit werden Mieter den hohen Renditeansprüchen der Börse unterworfen", protestiert Franz-Georg Rips, Direktor des Deutschen Mieterbunds. Mit REIT dürften "die Spielräume für Mieterhöhungen maximal ausgeschöpft werden", warnt eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung. [mehr]



Geheimniskrämerei um Jugendgewalt

In Berlin liefern sich Gangs schwere Prügeleien / Polizeiführung spricht aber von einem Rückgang der Delikte.

Aus:
Berliner Zeitung, 23. Februar 2006, Seite xx (Berlin). [Original]

BERLIN. Die Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen hat in Berlin eine neue Qualität erreicht. Mindestens sieben Mal war die Polizei in den vergangenen Tagen wegen Groß-Schlägereien alarmiert worden. In Wedding verwüsteten Fans des Rappers Bushido am Sonnabend [18.2.2006] einen Media-Markt und demolierten Autos, am Ostkreuz bewarfen am Sonntag hunderte Jugendliche die Polizei mit Flaschen.

Von weiteren Vorfällen berichtete die Polizei jedoch erst auf Nachfrage: Am 13. Februar wollten sich im Märkischen Viertel Araber und Türken zu einer Massenschlägerei treffen, was die Polizei unterband. Am 16. Februar trafen sich in der Gropiusstadt in Rudow 200 arabische und türkische Schüler, um einer Schlägerei zuzuschauen. Zwei Polizeihundertschaften waren nötig, um das Ganze aufzulösen. Mindestens 3 Schlägereien hielt die Polizei geheim: Am 25. Januar griffen vor der Röntgen-Schule am Neuköllner Richardplatz 30 Jugendliche mit Knüppeln fünf Schüler an. Die Polizei nahm einen 14-jährigen Polen und einen 16-jährigen Türken fest. Am 11. Februar gingen auf einem Parkplatz in Siemensstadt 15 Russen und Tschetschenen mit Messern aufeinander los. Am 19. Februar bewarfen an der Joachimstaler Straße 10 Türken und Araber Diskopersonal mit Steinen. Die Polizei nahm 4 Täter im Alter von 17 und 23 Jahren fest.

Für die Geheimniskrämerei der Behörde haben Polizisten selbst unter der Hand eine Erklärung: Vor der Fußball-WM und den Wahlen zum Abgeordnetenhaus solle den Berlinern vermittelt werden, dass die Hauptstadt besonders sicher sei. Die Polizeiführung betreibe gezielte "Sicherheitsgefühlsverduselung", sagt ein Beamter aus Schöneberg. Vergangene Woche hatte Polizeipräsident Dieter Glietsch eine "Trendwende" bei der Jugendgewalt verkündet. Die Kriminalstatistik 2005 zeige erstmals seit 1998 einen Rückgang, sagte Glietsch, ohne Zahlen zu nennen.

Lutz Hansen vom Bund deutscher Kriminalbeamter mahnt zur Vorsicht: "Es wird längst nicht alles angezeigt, was passiert." Das merken Hansens Kollegen dann, wenn sie von Feuerwehr-Sanitätern alarmiert werden, nicht jedoch von Opfern oder Zeugen. Von Verprügelten und Beraubten bekommen Polizisten oft zu hören, dass die Opfer aus Angst vor Rache auf eine Anzeige verzichten. Ein zweiter Grund für den angeblichen Rückgang: "Viele Delikte werden gar nicht als solche erkannt", sagt Hansen. "Viele Leute wissen gar nicht, dass das ‚Handy-Abziehen‘ eine Straftat ist."

Glietsch erklärt seine Erfolgsstatistik unter anderem mit besserer Polizeibetreuung von Intensivtätern [Ed: hm, und was ist an vielen Berliner Schulen los...]. Da mehr und schneller Haftbefehle erwirkt würden und sich die Härte herumgesprochen habe, werde es auf den Straßen ruhiger. "Nur weil ein paar Intensivtäter jetzt hinter Schloss und Riegel sitzen, ist es nicht sicherer in der Stadt", sagt dagegen Eberhard Schönberg von der Gewerkschaft der Polizei. "Die Intensität der Gewaltkriminalität ist viel höher als vor einigen Jahren. Früher reichten Fäuste, heute werden die Konflikte mit Messern ausgetragen."

Was zugenommen habe, sei die "allgemeine Verrohung" unter den Jugendlichen, sagt auch eine Schuldirektorin aus Neukölln, die anonym bleiben möchte. "Der Umgang ist geprägt von Anmache, Beleidigungen und Beschimpfungen." Der Pädagogin und auch der Polizei ist zudem aufgefallen, dass immer mehr Massenprügeleien und Zuschaueraufläufe bei Schlägereien per Handy-SMS organisiert werden. So war es im Märkischen Viertel und auch bei den 200 Leuten in der Gropiusstadt. "Das ist in dieser Dimension neu", sagt Kripomann Hansen. "Wir müssen uns als Polizei überlegen, wie wir mit so etwas umgehen." In der Gropiusstadt etwa hatte sich per SMS unter den Schülern die Botschaft verbreitet: "Nachher gibt es einen geilen Fight!" Es gehe nicht nur darum, jemanden zusammenzuhauen, sagt die Neuköllner Schuldirektorin, "sondern es gehe darum, wer wie viele Leute hinter sich vereint." Auslöser der jüngsten Massenschlägereien waren Nichtigkeiten. In der Gropiusstadt etwa stritten sich zwei Jungen um ein Mädchen. Das wollte jedoch von keinem der Kämpfer etwas wissen.



„Auf die Vielfalt einstellen“

Max-Planck-Gesellschaftsforscher Wolfgang Streeck über Parallelgesellschaften.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 1. März 2006, Seite ?? (Wissen + Forschen). Das Gespräch führte AMORY BURCHARD. [Original]

Wolfgang Streeck (59) ist seit 1995 Direktor des Kölner Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung. Zuvor lehrte der Soziologe an Universitäten in Köln und Wisconsin-Madison.

Der Tagesspiegel: Herr Streeck, gibt es in Deutschland Parallelgesellschaften?

Streeck: Der Ausdruck ist mir zu polemisch. Es war und ist normal, dass Gesellschaften aus Teilgesellschaften zusammengesetzt sind, die ihre eigene Kultur verteidigen. Erst mit der Herausbildung des Nationalstaats ist die Vorstellung entstanden, dass Gesellschaften eine einheitliche Kultur haben sollten. In Deutschland wurde und wird auf Homogenität noch mehr und noch länger Wert gelegt als anderswo. Diese Illusion zerbricht nun.

Der Tagesspiegel: Ist der soziale Zusammenhalt unserer Gesellschaft bedroht?

Streeck: Der soziale Zusammenhalt jeder Gesellschaft ist immer bedroht beziehungsweise muss immer neu politisch erkämpft werden, wenn man ihn denn will: siehe den gegenwärtigen Wandel oder Zusammenbruch des deutschen Wohlfahrtsstaats. Hier wie bei der zunehmenden Bedeutung der Einwanderer stellt sich im Übrigen die Frage, was wir unter sozialem Zusammenhalt überhaupt verstehen wollen: gemeinsame Normen Werte, und wenn ja, welche? Ergebnisgleichheit oder Chancengleichheit? Wie viel kulturelle, ethnische, wirtschaftliche Vielfalt können, wollen, müssen wir akzeptieren? Wie gehen wir produktiv mit ihr um, rechtlich, sozialpolitisch, im Alltag?

Der Tagesspiegel: Liegt im Entstehen von „Chinatowns“ nicht auch eine Chance zum sozialen Aufstieg? Es gibt Migrationsforscher, die die so genannte Binnenintegration als Chance sehen: Ethnische Gruppen bauen eigene erfolgreiche Infrastrukturen auf und machen von dort aus ihren Weg in der Mehrheitsgesellschaft.

Streeck: Genau so ist es. Aufnehmende Gesellschaften können nicht auf Individualisierung und individuelle Assimilierung ihrer neuen Bürger rechnen. Die heutigen Einwanderer bleiben in eigene Gemeinschaften integriert, die freilich ihrerseits von der umgebenden Gesellschaft mitgeprägt werden, freiwillig oder nicht. Wir müssen viel besser verstehen, wie dieses Zusammenspiel von Aufnahmegesellschaft und Einwanderergemeinschaften unter heutigen Bedingungen funktioniert – welche Chancen in ihm für beide liegen und welche Gefahren.

Der Tagesspiegel: Die Gastarbeiter, die in den 60er Jahren nach Deutschland kamen, gehören zu den Verlierern des industriellen Umbaus, der zum Verlust niedrig qualifizierter Arbeitsplätze geführt hat. Viele Migrantenfamilien scheinen es aufgegeben zu haben, in unserer Gesellschaft nach gleichberechtigter Teilhabe zu streben.

Streeck: Vielleicht liegt das Problem eher bei der zweiten Generation, die hier aufgewachsen ist, aber oft überhaupt keine Chance hat, einen Platz in der Mitte unserer Gesellschaft zu finden. Wir müssen uns fragen, ob wir zu wenig oder zu viel Anpassung verlangt haben. Unser Schulsystem muss endlich so aufgebaut werden, dass es den Anforderungen einer kulturell und muttersprachlich heterogenen Jugend gerecht wird. Wenn es um die wirtschaftliche und soziale Integration der zweiten Generation geht, versagt das duale System der beruflichen Bildung katastrophal. Wir müssen endlich anfangen, unsere Institutionen auf die neue Vielfalt unserer Gesellschaft einzustellen und uns die Träume von der einheitlichen Mehrheitsgesellschaft des Nationalstaats abgewöhnen, die außer den Deutschen kaum noch jemand träumt. Sonst wird die Rede vom „sozialen Zusammenhalt“ sehr bald jeden Sinn verloren haben.



Rettungsversuch für die multikulturelle Gesellschaft

Nach eineinhalb Jahren innerparteilicher Diskussion legt die SPD ein neues Integrationskonzept vor.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 8. März 2006, Seite ?? (Berlin). [Original]

BERLIN (za). In besonders schwierigen Wohnquartieren strebt die SPD ein „flächendeckendes Angebot zur Vermittlung und Streitschlichtung“ an, koordiniert von hauptamtlichen Integrationsmanagern. Häufig entscheide der richtige Umgang mit Konflikten über die Integrationsbereitschaft der Migranten, steht im Leitantrag für den SPD-Landesparteitag am 1. April.

Nach Meinung der Sozialdemokraten trifft es vor allem nichtdeutsche Jugendliche, „wenn in den von Arbeitslosigkeit und Armut geprägten Quartieren der soziale Zusammenhalt, Vorbildfunktionen und Solidarität schwinden“. 70 Prozent der jungen Menschen aus Migrantenfamilien hätten höchstens einen Hauptschulabschluss; nur 5 Prozent einen betrieblichen Ausbildungsplatz. Wer keine Chance erhalte, sich seine Wünsche durch ein legales Einkommen zu erfüllen, sei „anfälliger für Versprechungen des kriminellen Milieus und für religiöse Fundamentalisten“.

Eineinhalb Jahre hat die SPD über ein neues Integrationskonzept für Berlin gebrütet; jetzt gibt es ein Papier, mit dem alle Genossen leben können. „Das war kein einfacher Prozess“, sagt die migrantenpolitische Sprecherin der SPD, Ülker Radziwill. Geschrieben wurde der Antrag von einer Arbeitsgruppe, in der auch Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer und der Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky saßen.

Die Philosophie des Antrags, der am 13. März im SPD-Landesvorstand abgesegnet wird: Aus ethnischer Vielfalt bildet sich keineswegs automatisch eine neue, multikulturelle Gesellschaft. Das sei nur ein Traum. Trotzdem sei die Mischung unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung für die Stadt. Gebiete wie Kreuzberg, Wedding, Nord-Neukölln, Moabit oder Schöneberg „erweisen sich als Schmelztiegel einer neuen Generation weltstädtischer Berliner“, heißt es in dem Leitantrag. Ihnen müsse ein gleichberechtigter Zugang zu Wirtschaft und Arbeit, Bildungssystem und Wohnungsmarkt ermöglicht werden.

Die SPD fordert unter anderem ein ausreichendes Angebot an Sprach- und Integrationskursen, die Einbürgerung innerhalb von 6 Monaten, eine migrantenfreundlichere Verwaltung, innerstädtische Schulpartnerschaften, Schutz- und Beratungseinrichtungen für Mädchen, Öffnung der Altenhilfe und der sozialen Dienste für Migranten. Die doppelte Staatsbürgerschaft sollte erleichtert und Ausländern, die nicht aus der Europäischen Union stammen, das kommunale Wahlrecht zugesprochen werden.



Eine verlorene Jugend

Dramatische Entwicklung: Jeder dritte nichtdeutsche Jugendliche wurde 2005 straffällig.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 8. März 2006, Seite xx (Meinung) von GERD NOWAKOWSKI. [Original]

Statistiken sind interpretierbar. Berlin ist sicherer geworden, sagt Berlins Polizeipräsident Dieter Glietsch zur Kriminalitätsbilanz 2005: weniger Morde, Totschlag, Raub, Körperverletzungen und Sexualdelikte. Berlin ist die gefährlichste Stadt Deutschlands, weil bei Umwelt- oder Rauschgifttaten weniger kontrolliert wird, hält die CDU-Opposition dagegen. Für die Union belegt dies, wie schlecht es um die Sicherheit der Stadt steht. Unerwähnt bleibt, dass es 1996 rund 100.000 Straftaten mehr gab – unter einem CDU-geführten Senat. Berlin hat die niedrigste Zahl von Straftaten seit 13 Jahren. Das ist ein Erfolg der Polizei.

Die zentrale Frage verliert man über derartige Scharmützel aus dem Blick: Geht eine ganze Generation von jungen Menschen dem Rechtsstaat verloren? Wenn jeder dritte nichtdeutsche Jugendliche 2005 straffällig geworden ist, dann hat die Polizei – und die Politik – einen Kampf nahezu verloren, bevor die Bevölkerung dessen Dramatik bewusst geworden ist. Nein, das ist keine statistische Spielerei; jeder dritte nichtdeutsche Jugendliche ist wirklich kriminell aufgefallen, manche auch mehrfach. Darüber verblasst der Erfolg der so genannten Intensivtäter- Abteilung, die viele Serienstraftäter schon aus dem Verkehr gezogen hat.

In den Problemkiezen der Hauptstadt sind diese Jugendlichen aufgewachsen mit der Erfahrung von integrationsunwilligen Eltern und einer latenten Ignoranz von deutschen Rechtsnormen. Das Ergebnis ist eine Mischung aus fehlenden Werten, Brutalität und Frust. Die anderswo diskutierte Parallelgesellschaft ist im Bewusstsein dieser Jugendlichen längst vorhanden – und macht sogar ihren Stolz aus. Damit kompensieren sie fehlende Schulabschlüsse, miserable Deutschkenntnisse, Arbeitslosigkeit und fehlende Jobchancen.

Wer den Weg in die Kriminalität stoppen will, muss eingreifen, bevor der erste Raubüberfall stattfindet. Das geht – wenn der Zwang zur Integration für Eltern erhöht wird. Kinder müssen bei der Einschulung Deutsch sprechen, und Nachzugsehen mit nahezu analphabetischen Ehefrauen aus der Türkei müssen bekämpft werden. Und es erfordert mehr Investitionen in Problembezirke. Ein Quartiersmanagement etwa kann mehr sein als eine Spielerei für Sozialarbeiter. Die Zusammenarbeit von Polizei und Quartiersmanager hat im berüchtigten Berliner Rollberg-Viertel die Kriminalität um 30 Prozent gesenkt.



SPD glaubt an Multikulti – Zündstoff auf dem Parteitag?

Aus:
Berliner Morgenpost, 14. März 2006, Seite xx (Berlin). [Original]

BERLIN (BM). Die Berliner SPD hat nach 20 Jahren erstmals wieder integrationspolitische Leitlinien erarbeitet. Das nun vorgelegte Konzept ist Bestandteil des Leitantrags zur "Sozialen Stadt", der am 1. April auf dem SPD-Landesparteitag verabschiedet werden soll. Gestern abend befaßte sich der Landesvorstand damit.

Es gilt als Konsenspapier, doch Teile der Sozialdemokraten stehen nicht hinter den Vorschlägen – so die arabischen Sozialdemokraten und Genossen aus Tempelhof- Schöneberg. Parteikenner rechnen mit Auseinandersetzungen auf dem Parteitag über die Leitlinien. SPD-Sprecher Hannes Hönemann lobte die Arbeit der Arbeitsgemeinschaft Migration, die sich mit dem Kreischef aus Neukölln, Fritz Felgentreu, in einjähriger Arbeit um ein gemeinsames Papier bemühte. "Das ist eine neue Qualität der Diskussion. Man muß nicht mehr erklären, ob man für oder gegen Integration ist." Ülker Radziwill, Vorsitzende der Migrations-AG: "Integration ist ein stetiger Prozeß. Die Verbesserung des Bildungsniveaus, aber auch Integration durch Arbeit sind wesentliche Bestandteile."

Pfeiler des Konzepts sind die gleichberechtigten Anforderungen an die Aufnahmegesellschaft und die Einwanderer. Auch die Familien sollen stärker in die Verantwortung eingebunden werden und von sogenannten Integrationsassistenten unterstützt werden. In der Leitlinie ist auch wieder von der multikulturellen Gesellschaft die Rede. Radziwill: "Aus unserer Sicht ist Multikulti nicht gescheitert." Dagegen hatte Neuköllns SPD-Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky noch vor einiger Zeit vom Ende von Multikulti gesprochen.

Auch angesichts der Probleme mit nichtdeutschen Jugendlichen, die eine kriminelle Karriere beginnen, fordert das Konzept größere Anstrengungen. "Wenn in den von Arbeitslosigkeit und Armut geprägten Quartieren der soziale Zusammenhalt, Vorbildfunktion und Solidarität schwinden, sind Jugendliche mit Migrationshintergrund besonders negativ betroffen." Dadurch seien sie dann anfälliger "für Versprechungen des kriminellen Milieus und für religiöse Fundamentalisten".

Innerparteiliche Kritik kommt indes aus Tempelhof-Schöneberg. Das könnte sich auch auf dem Parteitag zeigen. Der Vorsitzende der AG Migration von Tempelhof-Schöneberg, Badr Mohammed, kämpft für einen anderen Integrationsansatz. Er spricht von den "neuen Deutschen", das heißt von Einwanderern, die Deutschland zu ihrer neuen Heimat mit allem Wenn und Aber gewählt haben. Dieser Ansatz findet sich nicht im SPD-Papier. Nach Ansicht von Mohammed hätte der Vorschlag aber eher Auswirkungen auf Milieus, in denen Jugendliche auf die schiefe Bahn geraten. "Junge Leute können sich nicht entfalten, wenn sie in ihren Sippschaften festgehalten werden." Statt dessen müßten die Jugendlichen aber ihren Platz in dieser Gesellschaft finden, findet der gebürtige Libanese, der 1976 nach Berlin kam und seit 1991 die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. "Wir sind hier aufgewachsen, haben die Sprache gelernt, warum sind wir nicht das Vorbild." Das Konzept nehme dagegen zu viel Rücksicht auf die Ausländer. Das sei nicht der richtige Weg. Integration funktioniere nur, wenn die Einwanderer als neue deutsche Staatsbürger anerkannt würden.



Integrationsbericht listet Defizite auf

Aus:
Berliner Morgenpost, 17. März 2006, Seite ?? (Bezirke). [Original]

TEMPELHOF-SCHÖNEBERG (ij). Eine kritische Bilanz der Integrationsbemühungen ausländischer Mitbürger in Tempelhof-Schöneberg hat gestern Bezirksbürgermeister Ekkehard Band (SPD) vorgelegt. Im aktuellen Integrationsbericht des Bezirks kommt er zu dem Ergebnis, daß "die Programme der vergangenen Jahrzehnte nicht immer zu den gewünschten Erfolgen geführt haben".

Im Bezirk leben rund 50.000 Menschen mit ausländischem Paß. Das entspricht einem Anteil von 15,5 Prozent an der Gesamtbevölkerung. Der größte Teil der Migranten lebt im Schöneberger Norden (Ausländeranteil: 30 Prozent). Das Wohnquartier sei gekennzeichnet durch einen "überdurchschnittlich hohen Stand an Verwahrlosung, Kriminalität und schlechter Bildungssituation". Die Arbeitslosenquote der in diesem Kiez lebenden Migranten liege bei 37 Prozent.

Als Konsequenz hat der Bezirk den Bereich Frühförderung in den bezirklichen Kitas gestärkt. In dem Modell- Kitaprojekt wird seit 2005 nach einem wissenschaftlichen Konzept Sprachförderung betrieben. Um erwachsene Migranten zu erreichen, bedürfe es aber Anstrengungen auf Bundesebene, so der Bürgermeister. Laut Zuwanderungsgesetz trägt der Bund die Kosten der Integrationskurse für Neuzuwanderer. "Wir brauchen jedoch mehr Plätze für die bereits hier lebenden Ausländer mit Integrationsdefiziten", fordert Band.



M U L T I K U L T I   I N   D E R   B E R L I N E R   P R A X I S

Notruf aus Neukölln

HAUPTSTADT KNALLHART: Jugendliche Gewaltexzesse in Klassenzimmern und auf der Straße. Kollegium der Rütli-Hauptschule bekommt die Gewalt nicht mehr in den Griff – und fordert die Auflösung / [Ed: Es ist ein Skandal – Berlins Politik hat total versagt]

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 30. März 2006, Seite 11 (Berlin). [Original]

NEUKÖLLN (Tsp). Türen werden eingetreten. Knallkörper auf Fluren gezündet. Lehrkräfte dienen als Wurfziele und gehen nur noch mit Handy in bestimmte Klassen, damit sie über Funk Hilfe holen können. Der Schülersprecher ist geflogen, weil er einen Mitschüler zusammengeschlagen haben soll. Das ist die Realität an der Neuköllner Rütli-Hauptschule [Ed: in der nur noch weniger als 20 % der Kinder deutscher Herkunft sind]. Jetzt hat das Kollegium die Konsequenzen gezogen und um die Auflösung seiner Schule gebeten „zugunsten einer neuen Schulform mit gänzlich neuer Zusammensetzung“.

In der jetzigen Schule werde „der Intensivtäter zum Vorbild“, heißt es in dem Brandbrief, der ohne Gegenstimmen vom Kollegium abgesegnet und an die Senatsverwaltung für Bildung abgeschickt wurde. Kurzfristig will man wenigstens mehr Lehrer, weniger arabische Schüler und die „tägliche Präsenz“ einer Kraft, die bei Krisen eingreift. Denn Krisen gibt es in der Rütli-Schule ständig. Deshalb ist es auch seit 10 Jahren nicht gelungen, den Posten des stellvertretenden Schulleiters zu besetzen. Schulleiterin Brigitte Pick stand allein da. Jetzt ist sie so krank geworden, dass sie nicht zurückkommt. Das Maß ist voll.

Die Reaktion der [Ed: seit Ewigkeiten verschlafenen] Behörde ist nicht gerade das, was sich die Schule erträumt hat. „Die Auflösung einer Schule kann keine Lösung sein“, wehrt Siegfried Arnz ab. Er ist von Bildungssenator Klaus Böger (SPD) ins Haus geholt worden, um den Hauptschulen wieder Perspektiven aufzuzeigen. Denn Arnz gehört zu den starken Schulleitern, die es in den vergangenen Jahren schafften, aus schier aussichtslosen Anstalten wieder angesehene Hauptschulen zu machen. Aus dieser Erfahrung heraus beharrt Arnz darauf, dass auch die Rütli-Schule eine Perspektive haben kann. Als einen Schritt auf diesem Weg hat er mit dafür gesorgt, dass die Schule jetzt einen Sozialarbeiter bekommt. Und er verspricht, dass „mit Hochdruck“ an der Stellenbesetzung für die Schulleiterposten gearbeitet wird. Außerdem hat das Bezirksamt zugesagt, dass es jetzt mehr auf eine ausgeglichene Schülerzuweisung achten will, damit der Anteil der Kinder arabischer Herkunft nicht weiter steigt, der in den siebten Klassen jetzt schon bei 44 Prozent liegt.

„Die Araber haben das Sagen und unterdrücken die Türken“, berichtet eine ehemalige Lehrerin, die das Gefühl hat, an dieser Schule würden „Kriminelle und Terroristen großgezogen“. Die wenigen deutschen Schüler („Schweinefleischfresser“) versuchten, möglichst unauffällig mitzulaufen. Kollegen würden selbst im Klassenraum bestohlen und seien dazu übergegangen, alles im Lehrerzimmer einzuschließen. Kaum einer wage, noch Klassenfahrten oder Ausflüge zu machen. Als vor 2 Jahren eine Lehrerin mit ihren Schülern die Grüne Woche besuchte, wurde dies zum Desaster: Als die Schüler beim Stehlen erwischt wurden, schlugen sie einem Angestellten eine Flasche auf den Kopf, ein hilfsbereiter Besucher wurde mit dem Messer attackiert.

„So einen massiven Hilferuf hat es noch nie gegeben“, kommentiert Norbert Gundacker den Brief der Rütli- Schule. Er ist in der Bildungsgewerkschaft GEW als Fachgruppenleiter für Hauptschulen zuständig und bezweifelt, dass es außer der Auflösung noch einen vernünftigen Weg gibt, um der Schule zu helfen.

„Die Situation ist gekippt“, konstatiert Gundacker und lobt das realistische Bild, dass Bürgermeister Heinz Buschkowsky von Nord-Neukölln habe. Die ehemalige Schulleiterin Brigitte Pick rechnete schon vor Jahren damit, „dass der Kiez eines Tages brennen wird“ [Ed: und angesichts des jahrelangen Versagens Berliner Politik, die lieber Finanz- Investoren füttert statt sich um die Anliegen der Menschen zu kümmern, könnte es demnächst sehr wohl auch anderenorts in der Stadt brennen...] [Schulgewalt-Links]



Jugend trainiert für das Ghetto

Gewalt an Berliner Schulen

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 30. März 2006, Seite 10 (Meinung). [Original]

Das hat es selbst in Berlin noch nicht gegeben: Verzweifelte Lehrer fordern die Behörden auf, ihre völlig unkontrollierbar in Gewaltexzessen versinkende Schule komplett aufzulösen. Ein Offenbarungseid, den aber die Lehrer nur an Stelle der Politik leisten, die sich vor so viel Offenheit und den daraus zwingend folgenden Konsequenzen bisher weitgehend drückt.

Der Brandbrief der amtierenden Schulleiterin liest sich wie die Realityshow zum Jugendgewaltfilm „Knallhart“, und nicht zufällig liegt auch die echte Schule in Neukölln. Dort werden Türen eingetreten, Knaller gezündet, Lehrer attackiert. Die Stimmung sei geprägt von totaler Respektlosigkeit gegenüber Erwachsenen, Aggression, menschenverachtendem Verhalten. Einziges anerkanntes Vorbild, schreibt die Schulleiterin, sei „der Intensivtäter“. Lehrer trauen sich nur noch mit dem Handy in die Klasse – für den schnellen Notruf; die wenigen Schüler deutscher Herkunft sprechen vorsichtshalber den gebrochenen Slang der türkischen und arabischen Mehrheit.

Da ist eine Schule zur Hölle geworden, mindestens diese. Zu befürchten ist, dass es auch andere gibt, denn die Behörden hätten den Notruf aus der Rütli-Schule lieber verschwiegen. Dabei wird seit Jahren vor dem Kollaps besonders von Hauptschulen gewarnt. Doch die Lehrer, die viel gescholtenen, stehen allein auf verlorenem, gefährlichen Posten. Und wo sie mit dem Mut der Verzweiflung pragmatisch handeln, um wenigstens etwas gegenzusteuern bevor alles zu spät ist, wie etwa mit einer Deutsch-Vorschrift für den Schulhof, werden sie aus bequemen Sesseln und geschützten Zonen heraus angefeindet. So sieht’s also aus: Oben reicht’s nicht zur Elite, unten werden Schulen zum Trainingslager für den Straßenkampf. Mit pädagogischem Willen allein ist dem nicht mehr beizukommen [Ed: wir brauchen eben entschieden besseres Politik-Personal]. [Schulgewalt-Links]



D O K U M E N T I E R T

Der Notruf der Rütli-Schule

[Ed: und Rütli-Schulen gibt es viele in Deutschland...]

Aus: Newsticker, 30. März 2006, 13.27 Uhr MESZ (Dokumentation). [
Original]

Weil sie die Gewalt an ihrer Schule nicht mehr in den Griff bekam, schickte die Schulleiterin der Berliner Rütli-Hauptschule diesen dramatischen Hilferuf an den [jahrelang nicht handelnden] Senat.

Wie in der Schulleitersitzung am 21.2.06 geschildert, hat sich die Zusammensetzung unserer Schülerschaft in den letzten Jahren dahingehend verändert, dass der Anteil der Schüler/innen mit arabischem Migrationshintergrund inzwischen am höchsten ist. Er beträgt zurzeit 34,9 %, gefolgt von 26,1 % mit türkischem Migrationshintergrund. Der Gesamtanteil der Jugendlichen n.d.H. [nicht deutscher Herkunft] beträgt 83,2 %. Die Statistik zeigt, dass an unserer Schule der Anteil der Schüler/innen mit arabischem Migrationshintergrund in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen ist. (...)

In unserer Schule gibt es keine/n Mitarbeiter/in aus anderen Kulturkreisen. Wir müssen feststellen, dass die Stimmung in einigen Klassen zurzeit geprägt ist von Aggressivität, Respektlosigkeit und Ignoranz uns Erwachsenen gegenüber.

Notwendiges Unterrichtsmaterial wird nur von wenigen Schüler/innen mitgebracht. Die Gewaltbereitschaft gegen Sachen wächst: Türen werden eingetreten, Papierkörbe als Fußbälle missbraucht, Knallkörper gezündet und Bilderrahmen von den Flurwänden gerissen.

Werden Schüler/innen zur Rede gestellt, schützen sie sich gegenseitig. Täter können in den wenigsten Fällen ermittelt werden.

Laut Aussage eines Schülers gilt es als besondere Anerkennung im Kiez, wenn aus einer Schule möglichst viele negative Schlagzeilen in der Presse erscheinen. (...)

Unsere Bemühungen die Einhaltung der Regeln durchzusetzen, treffen auf starken Widerstand der Schüler/innen. Diesen Widerstand zu überwinden wird immer schwieriger. In vielen Klassen ist das Verhalten im Unterricht geprägt durch totale Ablehnung des Unterrichtsstoffes und menschenverachtendes Auftreten. Lehrkräfte werden gar nicht wahrgenommen, Gegenstände fliegen zielgerichtet gegen Lehrkräfte durch die Klassen, Anweisungen werden ignoriert.

Einige Kollegen/innen gehen nur noch mit dem Handy in bestimmte Klassen, damit sie über Funk Hilfe holen können.

Die Folge ist, dass Kollegen/innen am Rande ihrer Kräfte sind.

Entsprechend hoch ist auch der Krankenstand, der im 1. Halbjahr 05/06 höher war als der der Schüler/innen. (...) Einige Kollegen/innen stellen seit Jahren Umsetzungsanträge, denen nicht entsprochen wird, da keine Ersatzkräfte gefunden werden.

Auch von den Eltern bekamen wir bisher wenig Unterstützung in unserem Bemühen, Normen und Regeln durchzusetzen. Termine werden nicht wahrgenommen, Telefonate scheitern am mangelnden Sprachverständnis.

Wir sind ratlos.

Über das QM [Quartiersmanagement] haben wir zwei Sozialarbeiter/innen mit türkischem und arabischem Migrationshintergrund beantragt, um vor allem mit den Eltern ins Gespräch zu kommen. Aber diese Maßnahme allein wird die Situation nicht deeskalieren.

Seit Anfang dieses Schuljahres (05/06) ist die Schulleiterin erkrankt und wird in den vorzeitigen Ruhestand gehen. Die erweiterte Schulleitung, bestehend aus vier Lehrer/innen, hat bis Dezember 05 die Schule geleitet, dann wurde eine kommissarische Schulleiterin aus diesem Kreise ernannt.

Wenn wir uns die Entwicklung unserer Schule in den letzten Jahren ansehen, so müssen wir feststellen, dass die Hauptschule am Ende der Sackgasse angekommen ist und es keine Wendemöglichkeit mehr gibt.

Welchen Sinn macht es, dass in einer Schule alle Schüler/innen gesammelt werden, die weder von den Eltern noch von der Wirtschaft Perspektiven aufgezeigt bekommen, um ihr Leben sinnvoll gestalten zu können.

In den meisten Familien sind unsere Schüler/innen die einzigen, die morgens aufstehen. Wie sollen wir ihnen erklären, dass es trotzdem wichtig ist, in der Schule zu sein und einen Abschluss anzustreben? Die Schüler/innen sind vor allem damit beschäftigt, sich das neueste Handy zu organisieren, ihr Outfit so zu gestalten, dass sie nicht verlacht werden, damit sie dazugehören. Schule ist für sie auch Schauplatz und Machtkampf um Anerkennung.

Der Intensivtäter wird zum Vorbild. Es gibt für sie in der Schule keine positiven Vorbilder. Sie sind unter sich und lernen Jugendliche, die anders leben, gar nicht kennen. Hauptschule isoliert sie, sie fühlen sich ausgesondert und benehmen sich entsprechend.

Deshalb kann jede Hilfe für unsere Schule nur bedeuten, die aktuelle Situation erträglicher zu machen. Perspektivisch muss die Hauptschule in dieser Zusammensetzung aufgelöst werden zu Gunsten einer neuen Schulform mit gänzlich neuer Zusammensetzung.

Kurzfristig brauchen wir eine Erhöhung der Lehrer/innenausstattung, um Ruhe in den Schulalltag zu bringen, der, wie oben erwähnt, geprägt ist durch Unterrichtsausfall und Vertretungsunterricht. (...)

Wir brauchen die tägliche Präsenz einer Fachkraft, die uns bei Deeskalation und Krisenintervention hilft. (...)

2009 wird unser Schulgebäude 100 Jahre alt und wir hoffen, dass bis dahin eine Schule geschaffen werden kann, in der Schüler/innen und Lehrer/innen Freude am Lernen bzw. Lehren haben. [Schulgewalt-Links]



B E R L I N E R   S C H U L E N

Alarmstimmung wegen Gewaltexzessen

An der Berliner Rütli-Hauptschule kapitulieren verzweifelte Lehrer vor der Eskalation der Gewalt. Kein Einzelfall, sagt die Polizeigewerkschaft: An mindestens 30 Schulen der Hauptstadt sei die Lage außer Kontrolle. Der Druck auf Bildungssenator Böger wächst.

Aus:
Spiegel Online – 30. März 2006, 19.49 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

BERLIN. An der Rütli-Hauptschule war die Stimmung am Mittag aufgeladen: Pflastersteine flogen in Richtung der vor dem Schulhof versammelten Medienvertreter, Schüler rüttelten am Zaun, pöbelten, zeigten den ausgestreckten Mittelfinger. Die Meinung des Hausmeisters: "Das ist hier immer so."

Offenbar nicht nur hier, im Berliner Problembezirk Neukölln. Der Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Bodo Pfalzgraf, erklärte heute, an der Rütli-Schule offenbare sich nur die Spitze des Eisbergs. "Unter Fachleuten schätzt man die Zahl derart problematischer Schulen in Berlin auf etwa 30." Die CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus pflichtet Pfalzgraf in seiner Einschätzung bei. Fraktionschef Nicolas Zimmer erklärte: "Gewalt, Ausgrenzung und Terror gegen Lehrer und Mitschüler gehören seit Jahren zum Alltag an vielen Berliner Schulen." Auch der CDU-Fraktionsvize und Innenexperte im Bundestag, Wolfgang Bosbach, hält die Vorgänge an der Rütli-Schule für keinen Ausnahmefall. An etlichen weiteren Schule in Deutschland bestünden ähnliche Probleme, sagte Bosbach der Nordwest-Zeitung.

In einem dramatischen Hilferuf hatte die Leiterin der Rütli- Schule zuvor an die Behörden appelliert, ihre in Gewalt versinkende Schule zumindest in der bisherigen Form aufzulösen. In einem Brief beschrieb die Rektorin die Zustände an der Hauptschule: Die Stimmung sei geprägt von "Aggressivität, Respektlosigkeit und Ignoranz uns Erwachsenen gegenüber". Türen würden eingetreten, Papierkörbe als Fußbälle missbraucht und Knallkörper gezündet. Einige Pädagogen gingen nur noch mit Handy in bestimmte Klassen, damit sie notfalls schnell Hilfe holen können.

Ein von der Gesamtkonferenz der Schule einstimmig verabschiedeter Antrag fordert die "perspektivische Auflösung" der Hauptschule zugunsten einer neuen Schulform. Die Schule wird den Angaben zufolge von 224 Schülern besucht, davon sind 83,2 Prozent "nichtdeutscher Herkunft". Neukölln ist einer der Berliner Bezirke mit dem höchsten Ausländer- und Arbeitslosenanteil Berlins. Die meisten Migranten kommen aus der Türkei, aus arabischen Ländern, aus Ex-Jugoslawien und Polen.

Bildungssenator Böger unter Druck

Der Hilferuf bringt Bildungssenator Klaus Böger (SPD) in Bedrängnis. DPolG-Chef Pfalzgraf wertete die Vorkommnisse an der Rütli- Schule "als Beweis für viel zu lasche Konzepte und einen fortschreitenden Realitätsverlust der Politik". Der Vorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Ludwig Eckinger, kritisierte, es sei "skandalös" von der Politik, Schulen so lange allein zu lassen, bis es lichterloh brennt. CDU-Fraktionschef Zimmer sprach von einem "kompletten Versagen" des rot-roten Senats und Bögers.

Kritik kommt aber auch aus den eigenen Reihen. Der Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD), der nie an ein harmonisches multi-kulturelles Miteinander geglaubt hat, sieht sich bestätigt. "Multi-Kulti regelt gar nichts", sagte er bei einem Besuch am Schultor.

Der CDU-Kreisverband Neukölln hielt der Schulaufsicht vor, den Brief der Lehrer bereits vor einem Monat erhalten und nichts unternommen zu haben. Der Bildungssenator bestreitet, dass er zu spät gehandelt hat: "Es ist nicht so, als schauten wir über alles hinweg." Er kenne den Brief der Rütli- Pädagogen, der an die Schulaufsicht gegangen sei, seit Mittwoch [29.3.2006]. Im kommenden Schuljahr soll die Hauptschule mit der benachbarten Realschule zusammengelegt werden, was für ihn aber kein Patentrezept angesichts der "schwierigen Schülerschaft" ist.

Das Problem der seit geraumer Zeit wegen Krankheit vakanten Schulleitung werde sofort gelöst. "Zusätzlich hat die Schule bereits zwei Sozialarbeiter, davon einen mit arabischem Hintergrund, zur Unterstützung erhalten. Sie wird zudem künftig von zwei Experten aus dem schulpsychologischen Dienst unterstützt." Der Schulstandort werde nicht aufgegeben. Es gebe Schulen mit ähnlichen Herausforderungen, die einen erfolgreichen Weg gegangen seien. "Kein Schüler wird aufgegeben." Die Rütli-Schule werde außerdem ab sofort Polizeischutz bekommen: Ab Freitag [31.3.2006] sollen Polizisten am Eingang mit Kontrollen dafür sorgen, dass keine Waffen ins Gebäude gelangen. Das Mitbringen "gefährlicher Dinge" ist schon nach der Hausordnung der Schule verboten. "Dazu gehören Messer, Waffen, Knallkörper, Tränengas, Laserpointer usw. Waffen sind auch nach der Hausordnung der Schule verboten", heißt es darin.

"Toleranz mit Gleichgültigkeit verwechselt"

Die Berliner Polizei dementierte jedoch, dass eine Taschenkontrolle geplant sei. Man wolle mit einer Funkwagenbesetzung und Präventionsbeamten an der Rütli-Schule Präsenz zeigen, sagte ein Polizeisprecher. "Wir stehen als Gesprächspartner zur Verfügung." Besonders auffällig sei die Schule in jüngster Zeit nicht gewesen, die Polizei sei dort bereits häufiger – zuletzt Mitte März – zu Kooperationsgesprächen gewesen. Eine Schließung der Schule lehnte die Senatsverwaltung heute ab.

Unionsfraktionsvize Bosbach sagte, die Rütli-Schule zeige beispielhaft die Folgen fehlender Integrationsbereitschaft bei Zuwanderern. "Sie schätzen unseren Sozialstaat, aber sie sind nicht bereit, unseren Rechtsstaat zu akzeptieren." Die Bildung ethnischer Banden an Schulen sei Besorgnis erregend und ein Alarmsignal. Bosbach sagte weiter: "Das ist die Folge einer über Jahrzehnte falsch betriebenen Politik, die Toleranz mit Gleichgültigkeit verwechselt."

VBE-Chef Eckinger forderte die deutschen Kommunen angesichts der Gewaltattacken auf, den "Trend zur Gettoisierung" zu stoppen. So müssten durch eine gezielte Strukturentwicklung "Separationen nach ethnischen und schichtenspezifischen Gesichtspunkten eingedämmt werden", mahnte der VBE-Vorsitzende Ludwig Eckinger heute in Berlin. "Eine Aufspaltung wie in Berlin-Neukölln nach sozialem und ethnischem Status führt auf Dauer zu einer Bedrohung des demokratischen Gemeinwesens und lähmt den Schulbetrieb", fügte er hinzu. [Schulgewalt-Links]



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