Aus gegebenem Anlaß werden auf diesen Seiten Infos zur sozialen Entwicklung in der Thermometer- Siedlung in Berlin- Lichterfelde sowie soziologische Hintergrund- Informationen dokumentiert. Denn in der um 1970 entstandenen Stadtrand- Siedlung stimmt die soziale Mischung längst nicht mehr, was negative Folgen hat. Es geht darum, den Anfängen zu wehren und Wege aufzuzeigen, wie der negativen Entwicklung Einhalt geboten werden kann. Handeln muß aber die Politik.I n h a l t :Im November 2005 schrieb dazu Pfarrer Busch im Der Schlüssel: Im Gebiet der Thermometer- Siedlung ist seit einigen Jahren eine starke Veränderung der Zusammensetzung der dortigen Wohnbevölkerung zu beobachten. Besserverdienende sind oft weggezogen, hinzu kamen Menschen aus verschiedensten Herkunftsländern und schwierigen sozialen Verhältnissen. Das Ganze ergibt eine Mischung mit nicht geringer Neigung zu Explosivität. Am Mittag des 4. Dezember 2005 wurde daraus bittere Wahrheit eine Bombe explodierte. Die Bewohner fühlen sich nicht mehr sicher...
Frankreich fürchtet neue Explosion der Gewalt
Frankreichs Problem-Vorstädte rutschen immer tiefer in einen Kreislauf aus Hass und Gewalt. Gut ein Jahr nach den großen Krawallen greifen frustrierte Jugendliche die Staatsmacht inzwischen gezielt in Hinterhalten an. Viele fürchten den Jahrestag am Freitag die Politik der Härte ist am Scheitern.
Aus: Spiegel Online 25. Oktober 2006, ??.?? Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert) von KIM RAHIR (Paris). [Original]
Frankreich im Herbst 2006: Ein Jahr nach den großen Unruhen schockieren wieder Zusammenstöße zwischen Jugendlichen und Polizei das Land. Brutalität und Hass haben in den Vorstädten eine neue Qualität erreicht, die Politik der harten Hand stößt auf gnadenlosen Widerstand. Der Frust entlädt sich in gezielten Aktionen gegen die Staatsmacht. Polizisten werden in Hinterhalte gelockt und zusammengeschlagen. Feuerwehrleute werden bei ihren Einsätzen mit Steinen beworfen.
![]()
Am Freitag [27.10.2006] ist es genau ein Jahr her, dass in Clichy-sous-Bois bei Paris zwei Jungen auf der Flucht vor der Polizei starben und ihr Tod in den französischen Vorstädten Krawalle auslöste, wie sie das Land lange nicht gesehen hatte. Drei Wochen lang zogen Jugendliche brandschatzend und Steine werfend durch die "Banlieue", lieferten sich Kämpfe mit der Polizei. Doch "seither hat sich nichts bewegt", sagt der Politikwissenschaftler und Kriminologe Sébastien Roché. Schon sorgen sich viele, dass jetzt zum Jahrestag das erwachende Medieninteresse die jungen Leute zu einer Neuauflage der Unruhen anstachelt gerade weil schon die vergangenen Wochen alles andere als ruhig verliefen.
Diesmal drohen "strukturierte Angriffe"
Ende September wurden in der Siedlung Tarterêts bei Paris zwei Polizisten während einer Ausweiskontrolle von einer Gruppe junger Leute umringt und zusammengeschlagen, die in der Nähe Fußball spielten.Mitte Oktober gerieten drei Polizisten in Epinay-sur-Seine in einen Hinterhalt: Als sie zu einem Einsatz wegen aufgebrochener Autos in der Siedlung ankamen, wurde ihr Wagen durch quergestellte Fahrzeuge blockiert und gnadenlos mit Steinen beworfen. Den Ermittlern zufolge hatten die Täter säckeweise Steine in naheliegenden Gebüschen vorbereitet. Ein 30-jähriger Polizist wurde am Kopf getroffen, seine Wunde musste mit 30 Stichen genäht werden.
Am gleichen Tag machten in Courneuve im Nordosten von Paris Polizisten von ihren Schusswaffen Gebrauch, um rund 30 Jugendliche auseinanderzutreiben, die sie umzingelt hatten.
Ein "fiebriger Zustand" habe viele junge Menschen befallen, steht in einem internen Papier des besorgten Polizeigeheimdienstes Renseignements Généraux. Jederzeit könne es wieder zu einer Explosion der Gewalt kommen wie vor einem Jahr. Doch diesmal drohen den Erkenntnissen zufolge "strukturierte Angriffe" auf die Polizei statt wie vor einem Jahr blindwütiger Zerstörung von Autos und Gebäuden.
"Ich schlotterte vor Angst"
Nicht nur Polizisten sind dabei ein Ziel der jungen Gewalttäter, sondern inzwischen auch Feuerwehrleute, die regelmäßig zum Löschen in Brand gesetzter Autos oder zu Verkehrsunfällen gerufen werden. Sie müssen bei ihren Einsätzen fürchten, mit Steinen beworfen zu werden. Mittlerweile gehört zur Ausbildung der Feuerwehrmänner ein Kurs, wie man sich bei einem Einsatz gegen Attacken schützt.Gegenwehr ist absolut tabu: "Das Schlimmste ist, dass wir nichts machen können", sagt Jérôme Cailleaux, Chef der Berufsfeuerwehr-Gewerkschaft im Département Essonne südlich der Hauptstadt. Meist seien es Blitzattacken: "Das geht unheimlich schnell. Sie bewerfen uns vielleicht eine halbe bis eine Minute mit Steinen", sagt Cailleaux. "Einmal wurde uns auf einer abschüssigen Straße ein brennendes Auto entgegengeschoben. Wir mussten weglaufen. Bei meinem letzten Einsatz fand ich mich unter einem Lieferwagen versteckt wieder ich schlotterte vor Angst."
Dass selbst Feuerwehrleute attackiert werden, liegt Experten zufolge am inzwischen allgemeinen Hass der Jugendlichen auf die Staatsgewalt. Jegliche Uniform gilt als Symbol der französischen Gesellschaft und jeder Fremde im Ghetto als unwillkommener Eindringling.
Der Begriff des eigenen Terrains hat etwas mit der völligen Isolation der Vorstädte zu tun, wo öffentliche Einrichtungen seit Jahren verschwinden. Manche Siedlungen haben gerade noch ein Postamt, aber kein Büro der Arbeitsvermittlung mehr, keine Beratungsstellen, keine Geschäfte, keine Polizeiwache [Ed: hm, auch in Berlin gibt es inzwischen problembehaftete Stadtteile, wo Polizeiwachen, Postämter und viele Geschäfte verschwunden sind...].
Elektroschocker, Gummigeschosse, Tränengas
Wenn Sicherheitskräfte aus anderen Bezirken in die "Cité" kommen, werden sie sofort erkannt und angefeindet. Und die Vorgehensweise der Beamten stachelt die Wut noch an. Ausweiskontrollen werden zur Schikane. Die Kontrollierten müssen sich flach auf den Bauch legen, werden oft beschimpft oder sogar geschlagen. Wer seinen Ausweis nicht bei sich hat, muss sich auf stundenlanges Warten in einem fernen Kommissariat gefasst machen."Es eskaliert auf beiden Seiten", sagt Sicherheitsexperte Roché. Natürlich seien die ständigen Ausweiskontrollen legal, "doch es ist eine gefährliche Taktik". Die Verantwortung für die Verschärfung der Lage sieht der Kriminologe jedoch nicht bei den Polizisten. "Sie handeln nach ihrer professionellen Logik, sie haben natürlich keine umfassendere Vision." Die Gründe lägen woanders: "Bisher ist die Antwort auf die Unruhen eine rein polizeiliche. Es gibt überhaupt kein großangelegtes Konzept über Polizeiarbeit in den benachteiligten Stadtteilen." Der konservative Innenminister Nicolas Sarkozy war es, der 2002 die "Nachbarschaftspolizei" abschaffte, also die Beamten auf lokaler Ebene, die die Bürger kennen und nicht nur repressiv vorgehen können, sondern auch präventiv. Sarkozy begnüge sich heute damit, die Polizei mit mehr Elektroschockern, Gummigeschossen und Tränengas auszurüsten, kritisiert Roché.
Der Innenminister will mit seiner Linie nicht zuletzt rechte Wähler ansprechen, durch deren Unterstützung er im kommenden Jahr die Präsidentschaftswahl gewinnen will. In der vergangenen Woche kündigten Sarkozy und Justizminister Pascal Clément eine Strafrechtsverschärfungen an, die jugendliche Täter effektiver abschrecken sollen. Jeder Angriff auf Personen soll mit Gefängnis bestraft werden. Jeder Wiederholungstäter soll eine Mindeststrafe bekommen. Wiederholungstäter zwischen 16 und 18 Jahren sollen als Volljährige betrachtet werden.
Aktenkundig im Kindergartenalter
Attacken auf Polizisten oder Feuerwehrleute würden demnächst automatisch vor Schwurgerichten verhandelt, kündigte Clément an. Auch einen hochgradig umstrittenen alten Plan griff Sarkozy wieder auf: Die Kinderärzte, die in den Schulen arbeiten, sollten sich um Verhaltensstörungen kümmern. Diese Idee hatte der Minister im Frühjahr in einen Gesetzentwurf eingebaut, nach dem auffälliges Verhalten schon im Kindergarten aktenkundig werden sollte. Angesichts von Protesten sämtlicher Experten und einer Petition mit fast einer Million Unterschriften hatte Sarkozy damals die Bestimmung sang- und klanglos fallen lassen.Inzwischen hat die Wahlkampflogik mit Blick auf die Präsidentschafts- Entscheidung im Frühjahr 2007 Frankreichs Politik im Griff. Das untergräbt jeden Versuch, eine Strategie aus einem Guss für die Vorstädte zu entwickeln. Diskriminierung von Einwandererkindern und soziale Benachteiligung lassen sich nicht im Handumdrehen überwinden. Und stramme Reden über rücksichtsloses Durchgreifen haben die Gewalt bisher nicht aufgehalten, im Gegenteil.
Immerhin gibt es trotz aller Eskalation noch friedliche Aktionen gegen die Nöte in der "Banlieue" heute machten sich Hunderte Jugendliche in Paris auf einen "Klagemarsch", um gegen Diskriminierung und Wohnungsnot in den Vorstädten zu protestieren. An der Nationalversammlung wollten sie 20.000 "Klagen aus den Quartieren" an Abgeordnete und Präsident Jacques Chirac übergeben. Einer der Initiatoren sagte, man wolle die Wut der Jugendlichen in politische Bahnen lenken.
Oft wird vergessen, dass die Unruhen vor einem Jahr nur ein Höhepunkt der Verelendung der Vorstädte waren, die Frankreich seit Jahrzehnten umtreibt. Die Zeitung "Le Monde" erinnerte daran, dass der Kinofilm "Der Hass" ("La Haine" von Matthieu Kassovitz) die Krise der Vorstädte schon 1995 perfekt in Szene setzte mit der ganzen Tristesse von Arbeitslosigkeit, Diskriminierung und Kriminalität. Der Kommentar der Tageszeitung: "Es ist völlig nutzlos, immer wieder so zu tun, als entdecke man einen Teil des Lebens in unserem Staate völlig neu der doch seit 20 Jahren eine Tatsache ist."
Mehr zu diesem Thema:
[01.11.2005: Die Angst geht um in Pariser Vorstädten] (BERLINER ZEITUNG)
[22.11.2005: Wo stehen unsere Banlieues?] (BERLINER ZEITUNG)
[08.01.2006: Coolness-Trainer für heiße Konflikte] (BERLINER MORGENPOST)
[20.01.2006: "Man kann die nicht mehr ändern"] (BERLINER MORGENPOST)
G A N G S I N B E R L I NKörting: Kein Pardon für den Mob
Berliner Innensenator verteidigt Vorgehen der Polizei bei Krawallen / Krisengespräche in Kreuzberg.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 18. November 2006, Seite ?? (Politik) von GERD NOWAKOWSKI und RALF SCHÖNBALL. [Original]BERLIN (Tsp). Nach den Krawallen in zwei Berliner Stadtteilen hat Innensenator Ehrhart Körting (SPD) die Ausschreitungen in Kreuzberg und Moabit scharf kritisiert. Ein Mob wird nicht toleriert, sagte der Politiker dem Tagesspiegel am Freitag [17.11.2006] am Rande der Konferenz der Innenminister der Länder in Nürnberg. Der Senator verteidigte das Verhalten der Polizeibeamten. Wenn eine Gruppe versuche, die Feuerwehr an einem Einsatz oder Polizisten bei einer Festnahme zu hindern, dann darf der Staatsapparat da überhaupt kein Pardon kennen, und das hat er auch nicht getan, sagte er.
Zu Einzelheiten der Vorgänge wollte sich Körting nicht äußern. Dies werde er am kommenden Montag im parlamentarischen Innenausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses tun, kündigte der Senator an. Die Ausschreitungen seien auch nicht mit Mentalitätsunterschieden, der türkischen oder arabischen Herkunft oder fehlenden Kenntnissen der deutschen Sprache zu entschuldigen, sagte er mit Blick auf entsprechende Medienberichte, die Menschen hätten die Beamten nicht verstanden. Auch wenn es Mentalitätsunterschiede gibt, ist das nicht zu tolerieren, sagte der Berliner Innensenator: Rechtsfreie Räume kann es in der Stadt nicht geben.
Nach Angaben des Kreuzberger Bezirksstadtrats Franz Schulz gibt es möglicherweise eine einfache Erklärung für den Gewaltausbruch: Polizeieinsätze, die mehr als ein Kopfschütteln verursacht haben bei den Bewohnern, sagt er. Nach Angaben von Augenzeugen sollen beim Polizeieinsatz am Dienstagabend [14.11.2006] rassistische Äußerungen gefallen sein. Ein Polizeisprecher wies die Vorwürfe zurück: Es habe sich um eine Festnahme gehandelt. Dabei habe man die Befindlichkeiten anderer Bevölkerungsgruppen nicht gestört. Aus Polizeikreisen ist jedoch zu hören, dass wegen des respektlosen Verhaltens türkischer oder arabischer Jugendlicher schon einmal Sätze fielen wie: Geh zurück in deine Heimat.
Im Bezirk Kreuzberg sind Krisengespräche mit Jugendlichen und mit Polizeivertretern vorgesehen. Der Bezirksbürgermeister fordert von der Polizei, dass bei Einsätzen künftig mindestens ein Beamter mit Migrationshintergrund beteiligt ist. Außerdem sollten nur Polizisten mit Gebietskenntnissen ausrücken. Schulz zufolge deuteten die Kommunikationsprobleme im Wrangelkiez darauf hin, dass die Polizei ihre Präventionsarbeit vor Ort eingestellt hat. Der Verband der Jugendrechtshäuser hat den Einsatz mobiler Deeskalationsteams gefordert. Der Landesvorsitzende Joachim Linder sagte dem Tagesspiegel: Ähnlich wie die Antigewaltteams bei Demonstrationen könnten diese mobilen Einsatzteams die Spannung entschärfen, bevor es zum Gewaltausbruch kommt. Bei der Berliner Polizei gibt es seit Jahren Bestrebungen, die Zahl der Beamten mit Migrationshintergrund zu erhöhen. Derzeit sind 70 von 17.000 Berliner Polizisten nicht deutscher Herkunft. In wenigen Jahren sollen es 1700 sein. Viele Bewerber scheitern an mangelhaften Deutschkenntnissen.
Über die Gewalt in Kreuzberg wird auch in der Türkei berichtet. Die auflagenstarke Tageszeitung Hürriyet titelte: Krieg in Kreuzberg. In ihrer Europa-Beilage wird berichtet, die Polizei sei fremdenfeindlich und mit unverhältnismäßiger Gewalt vorgegangen.
Auf der Straße erzogen
Auf Berlins Straßen eskaliert die Gewalt. Abziehen, prügeln, drohen, beleidigen gehört unter Jugendlichen in manchen Stadtteilen zum Alltag. Kapituliert die Polizei im Problemkiez? [Ed: Kein Wunder, wenn ‚ahnungslose‘ Berliner Politiker die kieznahen Polizei-Reviere abschafften und dann auch noch auf die besonders erfahrenen Kontaktbereichsbeamten verzichten meinten zu können...].
Aus: Spiegel Online 5. Februar 2007, ??.?? Uhr MEZ (nur elektronisch publiziert) von ANNA REIMANN. [Original]BERLIN. Etwas kleines Hartes, vielleicht ein Stein, fliegt hinter dem Schöneberger Backsteingebäude hervor und kracht mit lautem Scheppern auf die Felge eines vorbeifahrenden Autos. Reifen quietschen, wild gestikulierend kurbelt der Fahrer das Fenster runter: "Bleib ja stehen", brüllt er. Ein paar Jungs rennen weg.
Zurück bleibt an der Straßenecke Belziger/Eisenacher Straße neben der Riesengebirgs-Oberschule eine Gruppe Schüler. Ein Mädchen erklärt die Situation so: "Ein Typ von unserer Schule hat ein Mädchen beleidigt. Das in dem Auto waren die Brüder. Die sind gekommen, um den zu verprügeln. Rache." Eine richtige Schlägerei habe es auf einem Hof gegeben, behauptet die Schülerin. So etwas passiere nicht oft, aber "kleine Streitigkeiten" mit "so Opfern" gebe es häufig hier in ihrem Kiez in Schöneberg. Zehn Minuten später klappern Polizeiautos die Straßen ab. Die Streitenden sind längst über alle Berge.
Ein Vorfall, der typisch ist für das rohe Klima, das in einigen Berliner Bezirken wie Kreuzberg, Neukölln, Schöneberg und Wedding inzwischen herrscht: Wird einer aus der Gruppe jugendlicher Migranten beleidigt oder angegriffen, schlägt der ganze Pulk zurück. Meldungen bestätigen dieses Muster: Im November drang eine Gruppe teilmaskierter Jugendlicher in das Klassenzimmer einer Kreuzberger Schule ein und verletzte gezielt einen Jungen mit dem Messer.
Vor 2 Wochen wurde in Berlin-Lichtenrade ein Polizist bei einem Schulfest von mehreren Jugendlichen krankenhausreif geschlagen. Berlins Schulen meldeten eine Welle der Gewalt im letzten Schuljahr 75 Prozent mehr als im Vorjahr. Berlins Polizeipräsident Dieter Glietsch bestätigt, dass junge Einwanderer immer brutaler vorgehen. "Die Zahl derer, bei denen die Lunte kürzer wird, wächst", sagte er zu SPIEGEL ONLINE. Es ist ein sehr kleiner Teil unter den Zehntausenden Jugendlichen aus Migrantenfamilien in Berlin aber Einwandererkinder sind überproportional häufig an Gewaltdelikten beteiligt, besonders wenn es um schwere Körperverletzung geht.
Auf der Treppe vor dem mächtigen Gebäude der Riesengebirgs-Oberschule, fünfzig Meter von dem Ort der vermeintlichen Schlägerei entfernt, steht Gürsen Gürbey, türkischsprachiger Sozialarbeiter, schwarze längere Haare, graumelierter Vollbart, milde Augen, stattliche Statur. Gürbey beobachtet die Szenerie, schickt die Schüler nach Schulschluss nach Hause, gibt jedem die Hand. Die Jugendlichen, meist aus türkischen oder arabischen Familien, verabschieden sich höflich. Seit Mai ist der Sozialarbeiter an der Schule im Einsatz und heute sei für ihn das erste Mal, dass er die Polizei rufen musste, sagt er. Er sagt auch, dass die Gewalt an der Schule nicht so sehr das Problem sei sondern eher das, was außerhalb passiere. Mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die gar nicht mehr zur Schule gehen. "Die lungern hier oft herum."
Gewalt Berliner Jugendbanden eskaliert
Immer mehr Täter in gutbürgerlichen Vierteln unterwegs. Zahl der Straftaten stieg 2006 um 6 % auf 5700 Delikte / [Ed: aber amtliche Statistiken sind meist falsch sie untertreiben].
Aus: Berliner Morgenpost, 5. März 2007, Seite ?? (Berlin) von HANS H. NIBBRIG. [Original=886707.html]BERLIN (BM). Jugendliche Gewalttäter, insbesondere Jugendbanden werden zunehmend zu einem stadtweiten Problem. Die Anzahl der von ihnen verübten Gewalttaten ist 2006 gegenüber dem Vorjahr deutlich gestiegen, die Brutalität, mit der die Täter vorgehen auch. Und noch eine weitere Entwicklung bereitet Sorgen: Die Banden beschränken sich bei ihren Aktivitäten nicht mehr nur auf ihre angestammten Kieze, sondern sind immer häufiger in den bislang eher als ruhig geltenden Wohngegenden unterwegs.
Bandendelikte werden längst nicht mehr nur in Kreuzberg, Neukölln, Wedding oder Moabit verübt. Schauplätze sind seit einiger Zeit auch immer mal wieder Frohnau, Lichterfelde, Wilmersdorf oder Rudow. Wie außerordentlich brutal die Täter dabei vorgehen, zeigt der Fall eines 19-jährigen Reinickendorfers, der erst vor kurzem zum Opfer wurde und der Berliner Morgenpost das Geschehen in allen Einzelheiten schilderte.
Plötzlicher Überfall in der S-Bahn
Sven G. und seine Freundin wollten am vergangenen Wochenende von Frohnau aus in die City fahren. Kaum hatte die junge Frau die Bahn bestiegen, da schlug ihr ein Jugendlicher ohne Vorwarnung und ohne Anlass mehrfach ins Gesicht. Als Sven G. sich schützend vor seine Freundin stellte, fielen etwa ein Dutzend junger Männer über ihn her, schlugen ihn zu Boden und traten danach wie von Sinnen immer wieder auf ihn ein."Ich habe zunächst instinktiv mein Gesicht geschützt, dann aber kurzzeitig das Bewusstsein verloren", berichtete das Opfer. Der Schüler erlitt ein Schädeltrauma und schwere Prellungen im Gesicht und am Oberkörper. Noch heute leidet er unter permanenten Kopfschmerzen.
Ein Zeuge in der S-Bahn, der kurz zuvor von den gleichen Tätern ebenfalls attackiert wurde, berichtete, die Täter hätten den Angriff schon bei der Einfahrt in den Bahnhof abgesprochen. Der Mann bekam aus Gesprächen der Jugendlichen untereinander mit, dass sich die Gruppe "Wedding65 Kolonie Boys" nennt.
Der Vorfall war in den vergangenen Monaten nicht der einzige dieser Art im Berliner Norden. "Wir beobachten seit geraumer Zeit, dass immer häufiger ortsfremde Gruppen hier oben ihr Unwesen treiben", berichtete ein Kripo-Beamter. Diese Entwicklung gibt es nicht nur im Norden, sondern auch im Süden und Westen der Stadt. Lichterfelde, Lankwitz, Westend, Halensee keine der sogenannten bürgerlichen Wohngegenden blieb in jüngster Vergangenheit verschont.
Cornelia Seibeld, Mitglied der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus listete für eine kleine Anfrage eine ganze Serie von Gewalttaten auf dem sogenannten Scheele-Markt in Lichterfelde-Süd auf. Dass von den 27 genannten Taten nur eine bei der Polizei aktenkundig ist, belegt für Klaus Eisenreich von der Gewerkschaft der Polizei, dass die Dunkelziffer nicht angezeigter Taten immens hoch ist.
Die Zahl der Straftaten im Bereich der Jugendgruppengewalt stieg 2006 gegenüber dem Vorjahr um 6 % auf 5700 Delikte an. Die Zahl der Taten, bei denen Waffen zum Einsatz kamen, stieg um 30 %, die Anzahl der Delikte an oder im Umfeld von Schulen um 40 %.
I N T E G R A T I O NKnallhart am Stadtrand
Die neuen Helden vom Thermometer-Kiez / Andere Wege gegen Jugendgewalt
Aus: Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB), 14. März 2007, 21.0021.30 Uhr (Die RBB-Reportage). Ein Film von NORBERT SIEGMUND. Im RBB-Video-Text heißt es auf Tafel 315 zu dieser TV-Sendung: [Zum Text]
I N T E G R A T I O NSeyran Ates will Integrationsbeauftragte werden
[Ed: die Steglitzer CDU weiß offensichtlich nicht, daß es im Bezirk in Lichterfelde-Süd und Zehlendorf-Süd reichlich Probleme mit der Integration gibt, die dringend gelöst werden müssen].
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 24. April 2007, Seite ?? (Berlin). [Original=;art270,2196271]STEGLITZ (Tsp/wvb). Seyran Ates wird womöglich Integrationsbeauftragte in Steglitz-Zehlendorf. Die bekannte türkisch-deutsche Anwältin bestätigte am Montag [23.4.2007] ihr Interesse an dem Amt. Die Stelle müsste neu geschaffen werden. Das soll am Mittwoch [25.4.2007] im BVV-Ausschuss für Gleichstellung beraten werden. Dessen Vorsitzende Irene Köhne, SPD-Bezirksverordnete in Steglitz-Zehlendorf, erwartet aber nicht, dass die Personalfrage dann entschieden wird.
Ates arbeitet zurzeit vor allem publizistisch, wie sie sagt: Sie hält Vorträge und diskutiert auf Podien. Vor Monaten hatte sie ihre Zulassung als Anwältin zurückgegeben. Sie war bedroht worden, weil sie für die Rechte türkischer Frauen stritt. Als sie um die Sicherheit ihrer kleinen Tochter fürchten musste, schloss Ates ihre Anwaltskanzlei. "Diese Gefährdung wollte ich nicht mehr", sagt sie. Politisch habe sie aber stets weiterarbeiten wollen, sagt Ates, die auch am Integrationsgipfel der Bundesregierung im vergangenen Jahr teilgenommen hat.
In Steglitz-Zehlendorf gibt es bislang noch keine Integrationsbeauftragte, vor allem weil die CDU die Einrichtung des Amtes für nicht notwendig befunden hatte. Der Bezirk habe im Vergleich zu anderen kaum Schwierigkeiten mit Migranten, heißt es in der CDU-Fraktion.
Sozialdemokraten und Grüne sehen das anders. Irene Köhne will Migrantenverbände in den Ausschuss laden, um die Notwendigkeit des Amtes nachzuweisen. Die Grünen-Fraktionschefin Irma Franke-Dressler hält die Berufung von Ates für eine "hervorragende Idee". Und bei der CDU, die mit den Grünen zusammen den Bezirk regiert, ändert sich offenbar derzeit etwas. CDU-Fraktionschef Marc Wesser sagt, dass er Ates "extrem schätze". [mehr]
Integrationsbeauftragter für unseren Bezirk abgelehnt
[Ed: und das ist eine weitere Benachteiligung der Thermometer-Siedlung, wo inzwischen um die 30 % Einwanderer leben].
Aus: SPD-Fraktion in der BVV Steglitz-Zehlendorf Nr. 14/2007, 2. Juli 2007, xx.xx Uhr MEZ (Presse-Info) von IRENE KÖHNE. [Original]Mit CDU/FDP-Mehrheit wurde in den Ausschüssen Personal- und Verwaltung sowie Gleichstellung- und Integration der BVV der Antrag der SPD-Fraktion auf Einsetzung einer/s Integrationsbeauftragten abgelehnt, obwohl die Integrationspolitik als zukünftiges Schwerpunktthema von allen Gesellschaftskreisen anerkannt wird! In Steglitz-Zehlendorf leben ca. 11 % Mitbürger mit ausländischem Hintergrund. Diese finden zurzeit im Bezirksamt keinen direkten Ansprechpartner bei Problemen. In der Mai- Sitzung des Gleichstellungsausschusses hatten sich diverse Initiativen der Migrantenarbeit vorgestellt und die Notwendigkeit einer bezirklichen Anlauf- und Koordinierungsstelle betont. In allen Bezirken, außer in Steglitz-Zehlendorf und Reinickendorf gibt es bereits Ansprechpartner für diese Belange.
Trotzdem sind die Fraktionen von CDU und FDP nicht der Meinung, das unser Bezirk einen Bedarf für die Stelle eines Integrationsbeauftragten hat.
Die SPD-Fraktion begrüßt aber, dass zwischen den Fraktionen insofern Einigkeit bestand, dass eine Verstärkung der bezirklichen Integrationsarbeit notwendig ist. Deshalb hat der Gleichstellungsausschuss in einem Ausschussantrag das Bezirksamt aufgefordert, Basisdaten zur derzeitigen Situation aufzubereiten, um dann gegebenenfalls ein Integrationskonzept für den Bezirk erstellen zu können. Ob und von wem dieses Konzept erstellt wird, bleibt allerdings offen.
Die Vorsitzende des Ausschusses für Gleichstellung und Integration Irene Köhne betonte im Namen der SPD-Fraktion: "Wir werden uns weiter für einen Integrationsbeauftragten und für die Entwicklung eines Masterplans Integration einsetzen."
B E R L I N E R S O Z I A L A T L A SJugendeinrichtungen müssen weiter Vorrang haben
Schwarz-Grüne Zählgemeinschaft steuert die Jugendpolitik in Steglitz-Zehlendorf ins Abseits.
Aus: SPD-Fraktion in der BVV Steglitz-Zehlendorf Nr. 15/2007, 29. Oktober 2007, xx.xx Uhr MEZ (Presse-Info). [Original]Der Kreisvorsitzende der SPD-Steglitz-Zehlendorf Dr. Michael Arndt und der Fraktionsvorsitzende der SPD-Bezirksverordnetenfraktion Michael Karnetzki fordern die Weiterfinanzierung der Jugendeinrichtungen, -freizeitheimen und Schulstationen im Bezirk. Wie zwischenzeitlich bekannt wurde, haben sich die Jugendstadträte der Berliner Bezirke auf einen neuen Verteilungsschlüssel der Mittel für Hilfen zur Erziehung geeinigt.
Der neue Verteilungsschlüssel geht eindeutig zu Lasten des Bezirks Steglitz-Zehlendorf. 5,5 Mio. Euro gehen dem Jugendetat des Bezirks verloren. Dies kann die Schließung der Schulstationen und Jugendeinrichtungen im Bezirk bedeuten. Der politische Skandal liegt aber darin, dass in der entscheidenden Sitzung der Jugendstadträte die verantwortliche Bezirksvertreterin Stadträtin Anke Otto (Bündnis 90/Die Grünen) aus unerklärlichen Gründen nicht anwesend war, obwohl sie hätte wissen müssen, was von der Entscheidung abhängen würde. Sie trägt eindeutig die politische Verantwortung für das Desaster. Dies sollte politische Konsequenzen haben.
Die SPD Steglitz-Zehlendorf und die Fraktion der SPD in der Bezirksverordnetenversammlung sind der Auffassung, dass das fehlerhafte Handeln der Verantwortlichen im Bezirk nicht zu Lasten der Jugend im Bezirk gehen darf. Die Finanzierung der Jugendeinrichtungen muss weiter Vorrang haben. Der Betrieb und die volle Funktionsweise der Schulstationen und Jugendfreizeitheime müssen gewährleistet sein. Dies ist ein elementarer Beitrag zur Zukunftssicherung im Bezirk.
Festzuhalten bleibt aber auch: Das Verhalten der Jugendstadträte aus den übrigen Bezirken ist unsolidarisch. Ihre Vertreter haben das fehlerhafte Verhalten des Bezirks in unverantwortlicher Weise ausgenutzt. Man wird sich daran zu gegebener Zeit erinnern. Gleichwohl trägt die schwarz-grüne Zählgemeinschaft [Ed: bezirkliche ‚Koalition‘] für die gegenwärtige Situation die alleinige Verantwortung. [mehr]
N E U E S T U D I EDie Hauptstadt der zwei Geschwindigkeiten
Keine guten Nachrichten für die Entwicklung der Berliner Bezirke: Benachteiligte Quartiere fallen weiter zurück, gute Stadtteile prosperieren. Dagegen entstehen neue Brennpunkte in Großsiedlungen und im Ostteil.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 22. November 2007, Seite 10 + 11 (Berlin) von RALF SCHÖNBALL. [Original]BERLIN (Tsp/ball). Die Schere zwischen den wohlhabenden Stadtteilen mit positiver Dynamik und den stagnierenden Quartieren mit großen sozialen Problemen öffnet sich in Berlin immer weiter. Allerdings verlagern sich die Brennpunkte: Während einige Gebiete des traditionell "schwierigen" Bezirks Kreuzberg von dem leichten Aufschwung am Arbeitsmarkt etwas profitieren, verschärft sich die Lage trotz guter Konjunktur in Wedding, Neukölln und Tiergarten.
Zu den bereits seit Jahren problematischen Gebieten kommen neue hinzu: In Spandau sind nicht länger nur die Großsiedlungen von der Abwärtsspirale erfasst, sondern auch Altbaubereiche. Außerdem gibt es "eine Zunahme der Problemdichte in Britz, im nördlichen Wedding und im südlichen Reinickendorf", heißt es in dem Bericht "Monitoring Soziale Stadtentwicklung 2007" des Senats.
Zu ihrer Bewertung der Viertel kommen die Wissenschaftler der Humboldt- Universität um Hartmut Häußermann, indem sie unter anderem die Zahl der Arbeitslosen, der Sozialhilfeempfänger, der ausländischen Kinder und Jugendlichen sowie die Zahl der Zu- und Wegzüge erheben. Aussagekräftig ist die Fluktuation aus diesem Grund: Wo niemand wohnen will, zieht man weg, sobald man kann, und es bleibt, wer sich keine bessere Lage leisten kann. Oft sind in diesen Quartieren auch besonders viele Menschen nichtdeutscher Herkunft. Denn sie verdienen durchschnittlich etwa 20 Prozent weniger als Deutsche. Deshalb liegt für sie auch die Schwelle zu einem Wohnort in den bevorzugten Gebieten höher.
Aus diesen und weiteren Merkmalen haben die Wissenschaftler ein "Ranking" der Berliner Quartiere gemacht. Ganz hinten sind gleich mehrere Weddinger Stadtteile zu finden: Der Kiez Soldiner Straße, die Reinickendorfer Straße und der Humboldthain. Ganz unten sind außerdem zu finden: die Putlitzstraße in Moabit und der Mehringplatz sowie der Mariannenplatz in Kreuzberg.
Eine sehr gute Entwicklung nehmen dagegen durchweg nur Quartiere aus den bevorzugten Wohngebieten Berlins: Hohengatow in Spandau zum Beispiel, die Flottenstraße in Westend, das Gebiet Müggelheim oder die Straße Alt-Biesdorf im gleichnamigen Kiez.
Der Bericht hebt auch wachsende soziale Probleme im Bezirk Marzahn-Hellersdorf hervor. Dort bestehe ein dringender "Interventionsbedarf". Schwierig sei die Lage auch in Wedding, Neukölln und Moabit. Viele dieser Gebiete unterliegen bereits dem Quartiersmanagement. Dennoch sind dort noch keine deutlich positiven Entwicklungen zu erkennen.
Mehr als die Hälfte der 319 Berliner "Verkehrszellen" werden von dem Team der Humboldt-Universität einem mittleren Status zugeordnet. Die Dynamik dieser Gebiete entwickele sich auch durchschnittlich. Dies zählt ebenso zu den guten Nachrichten der Untersuchung wie die positive Entwicklung in den bevorzugten Wohnlagen: "Diejenigen Gebiete mit einem bereits hohen sozialen Status weisen überwiegend eine positive Dynamik auf", heißt es in dem Bericht. Die Dichte sozialer Probleme nehme dort also weiter ab, obwohl sie bereits sehr niedrig sei.
Die Wissenschaftler der Humboldt-Universität empfehlen eine neue Quartierspolitik: "Die bisherige konzentrierte sich stark auf die Innenstadtgebiete des Westteils der Stadt", heißt es. Künftig müssten jedoch auch die Großsiedlungen am Stadtrand stärker in die Quartierspolitik einbezogen werden. Dies setze andere Strategien voraus, weil die Zahl der dort zu mobilisierenden Bürgerinitiativen, Vereine und Gewerbetreibenden gering sei. [mehr]
K E I N E K O N Z E P T ESoziale Unterschiede in Berlin werden immer größer
Wissenschaftler der Humboldt-Universität warnen: Die Berliner Stadtteile driften immer weiter auseinander. Während in einigen Gegenden mit ohnehin günstiger Sozialstruktur die Probleme immer weniger werden, konzentriert sich soziale Armut in anderen Stadtteilen immer mehr.
Aus: Berliner Morgenpost, 22. November 2007, 10.26 Uhr MEZ (nur elektronisch publiziert) von JENS ANKER. [Original]BERLIN (BM). Die Soldiner Straße in Wedding hat sich im vergangenen Jahr sozial am schlechtesten entwickelt, im Viertel an der Flottenstraße in Reinickendorf gab es dagegen den größten positiven Schub. Das ist eines der Ergebnisse der Studie "Soziale Stadtentwicklung", die der Soziologe Hartmut Häußermann im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung erarbeitet hat. Häußermann hat für die Untersuchung Berlin in 319 Stadtgebiete unterteilt und die jeweiligen sozialen Veränderungen darin zusammengefasst.
Als "beunruhigend" bezeichnet der Wissenschaftler an der Humboldt-Universität die Entwicklung in einigen Berliner Stadtteilen. So konzentriere sich soziale Armut zunehmend in den Problemgegenden der Stadt, während in wohlhabenden Regionen soziale Probleme immer geringer würden. "Dieser Prozess holt eine Entwicklung nach, die in anderen europäischen Metropolen schon stattgefunden hat", so Häußermann.
Wedding, Neukölln und Moabit haben der Studie zufolge Kreuzberg als Stadtgebiete mit der höchsten Problemdichte abgelöst. Kreuzberg profitierte offenbar dabei von einem Rückgang der Arbeitslosigkeit. "Das ist eine angenehme Überraschung", sagte Häußermann. Der wirtschaftliche Aufschwung geht nach den Erkenntnissen des Wissenschaftlers nicht automatisch an den Problemzonen vorbei.
Besorgniserregende Kinderarmut
Besorgniserregend ist allerdings die Entwicklung bei der Kinderarmut. Jedes dritte Berliner Kind lebt in oder am Rande der Armut. "Diese Kinder wiederum leben in relativ wenigen Gebieten", heißt es in der Studie. Demnach konzentriert sich Kinderarmut auf die wenigen Problemstadtteile. Dort drohen die Kinder von Bildungschancen ausgeschlossen zu werden, sollte die Politik nicht erheblich gegensteuern. "Vor allem vor dem Hintergrund des demographischen Wandels brauchen wir in Zukunft alle Kinder auf dem Arbeitsmarkt", sagte Häußermann.Auch die Entwicklung in den Großsiedlungen am Stadtrand, wie der Gropiusstadt, dem Märkischen Viertel oder den Großsiedlungen in Marzahn/Hellersdorf, gibt laut Häußermann Anlass zur Sorge. "Die Situation ist noch nicht dramatisch, könnte aber dramatisch werden", warnt der Soziologe.
Studie liefert Erkenntnisse für politische Handlungsfelder
Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) kündigte Konsequenzen an. "Die Verbesserung der Lebensverhältnisse in den Problemgegenden ist wichtig, damit der Weg für ein Kind nicht durch den Wohnort vorgezeichnet ist", sagte die Senatorin. Nachdem in den vergangenen Jahren die bauliche Verbesserung des Stadtbildes im Vordergrund stand, gehe es jetzt darum, den Zugang der Menschen zu Bildung und Ausbildung sowie der Beteiligung der Bürger an der Entwicklung ihres Stadtteils zu verbessern. "Dazu liefert die Studie Erkenntnisse für politische Handlungsfelder", so Junge-Reyer. "Als nächsten Schritt werde ich mit den Bezirken reden, wie sie die Situation bewerten." Allein auf die Wissenschaft wolle sie sich nicht verlassen.Vor allem in Spandau besteht laut Studie dringender Handlungsbedarf. Im Bezirk entwickeln sich laut Häußermann gleich ganze Stadtteile großflächig negativ. Aber die Studie liefert nicht nur beunruhigende Ergebnisse. So haben sich der soziale Status und die positive Dynamik nicht nur an der Flottenstraße in Reinickendorf verbessert. Auch die Ortsteile Alt-Biesdorf, Müggelheim und Kaulsdorf-Süd im Ostteil der Stadt würden eine positive Entwicklung aufweisen. Im Westen der Stadt hätten sich auch Hohengatow und Kohlhasenbrück positiv entwickelt.
Häußermann empfiehlt dem Senat, sich in Problemstadtteilen künftig vor allem um die Themen Familie, Bildung und Jugend zu kümmern. Außerdem sollte das Quartiermanagement, das bisher vor allem in Innenstadtgebiete tätig wurde, auch in den Großsiedlungen am Stadtrand eingerichtet werden. [mehr]
V O N V E R F E H L T E R S T A D T P O L I T I KBerlin sucht Wege aus der Armutsfalle
Neuer Sozialatlas alarmiert die Politik: Um viele einzelne Vorschläge wird gestritten, doch ein Konzept ist nicht in Sicht [Ed: und noch nicht mal ein Konzept für die Integration hat Berlins rot-roter Senat erarbeitet] / Der Mitverfasser Hartmut Häußermann nennt jetzt mögliche Gründe für die Spaltung der Gesellschaft.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 23. November 2007, Seite 9 (Berlin) von RALF SCHÖNBALL und MATTHIAS OLOEW. [Original=;art270,2425108]BERLIN (Tsp). Die Daten liegen auf dem Tisch: Die soziale Lage in Berlin verschärft sich. Doch was dagegen zu tun ist, darüber wird gestritten. Am Tag nachdem Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) den aktuellen Sozialstrukturatlas für Berlin vorstellte, warnten Experten vor einer weiteren Entmischung von Wohngebieten in der Innenstadt.
Reiner Wild, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Berliner Mietervereins, forderte den Senat auf, die Verdrängung von Sozialmietern in Randlagen und Großsiedlungen aufzuhalten [Ed: deren stabilisierende Mieter der Senat mit seiner wenig zu Ende überdachten ‚Fehlbelegungsabgabe‘ in den vergangenen Jahren vertrieben hatte]. "Durch die Privatisierung ganzer Siedlungen beispielsweise in Zehlendorf können sich Normalverdiener die Mieten dort nicht mehr leisten und müssen umziehen", so Wild. So verstärke sich der Trend, dass Besserverdienende in ihren Vierteln unter sich bleiben. Das Quartiersmanagement ist in den Augen des Vereins zwar eine gelungene Maßnahme gegen das weitere Abdriften einzelner Wohngebiete, "wenn der Senat es allerdings ernst nähme, müsste er 30 weitere Quartiersmanagement-Gebiete ausweisen", so Wild weiter.
Spandau: Gefährdete Randlage
Spandau bei Berlin, das war einmal. Längst haben die Großstadtprobleme den fernen Westen erreicht, die soziale Lage ist gespannt.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 26. November 2007, Seite 10 (Berlin) von SVEN GOLDMANN. Die Zwischentitel wurden hier redaktionell zugefügt. [Original=;art270,2427]BERLIN-SPANDAU (Tsp). Das Spandauer Idyll beginnt gleich hinter den Hochhäusern. Am Großen Spektesee, einem Kiesteich in Fußwegnähe des Falkenhagener Feldes. Bäume, Gräser und Schilf säumen das Ufer. Ein Landregen hat den Spazierweg und die kleine Holzbrücke überschwemmt. Ein paar Enten stillen ihren Durst. Hinter der Brücke macht der Weg eine Biegung. Auch hier wird getrunken. Zehn, zwölf Männer stehen vor einer Bank, Bierflaschen klirren, die Männer reden über eine Polizei-Razzia und dass der Schnaps schon wieder teurer geworden ist, "schöne Scheiße!" Es ist kurz vor elf Uhr am Vormittag.
Düsteres Bild von Berlins Großsiedlungen
Nicht nur am Großen Spektesee liegen Idyll und Elend eng beieinander. Immer mehr alteingesessene Spandauer sorgen sich, dass ihr Bezirk in Schieflage geraten könnte. Das ländliche Ambiente mit viel Wasser und Grün verträgt sich schlecht mit den Nachrichten, die vermehrt aus Spandau kommen. Ein Auszug aus dem Polizeibericht der jüngeren Vergangenheit: An einer Bushaltestelle in der Beyerstraße wird ein junger Mann erstochen. Auf dem U-Bahnhof Siemensdamm verprügelt ein Neonazi einen Angehörigen der linken Szene. An der Seegefelder Straße greifen vier Jugendliche einen schwarzen Amerikaner an. Auch der eben erschienene Sozialstrukturatlas der Stadtentwicklungsverwaltung zeichnet ein düsteres Bild von Großsiedlungen wie dem Falkenhagener Feld. Ist das wirklich Spandau? Das Dorf hinter den sieben Bergen, von dem man immer dachte, dass die Welt dort noch in Ordnung ist?
Auch in Spandau trügt der Schein
In Spandau ist Berlin so weit westlich, wie es westlicher nicht geht. Es gibt Leute, die sagen, Spandau sei noch westlicher als Berlin. Spandau bei Berlin. Urkundlich wird die Siedlung an der Havel schon im Jahr 1232 erwähnt, fünf Jahre früher als Berlin. Die Spandauer waren immer stolz darauf, anders zu sein. Stolz darauf, nur ein bisschen dazuzugehören zur großen Stadt. Man muss diese Vorgeschichte kennen, um den Schock nachzuvollziehen, der das offizielle Spandau vor einem halben Jahr traf. Im April 2007, als der neue Sozialstadtrat Martin Matz (SPD) erhebliche soziale und gesundheitliche Probleme diagnostizierte. Matz legte Spandau nahe, sich nicht wie früher an Zehlendorf oder Reinickendorf zu orientieren, sondern besser an Friedrichshain-Kreuzberg oder Neukölln. Neukölln! Das offizielle Spandau hielt erst den Atem an, dann beschimpfte es den Stadtrat als Nestbeschmutzer, als einen, der sich auf Kosten anderer profilieren wollte. Der Spandauer CDU-Chef Kai Wegner warf Matz vor, er würde den Bezirk "populistisch schlecht reden".Martin Matz ist 42 Jahre alt, er war mal Vorsitzender der Berliner FDP und ist 2005 in die SPD eingetreten. Matz kommt aus Bremen, wohnt in Lichterfelde und gibt gern zu, "dass Spandau auch in meiner Vorstellung immer eine verträumte Vorstadt war". Weihnachtsmarkt, Zitadelle, Havelufer. Schön findet er Spandau immer noch. "Aber ich habe schnell gemerkt, dass der Schein trügt."
Das war ein paar Wochen nach den Kommunalwahlen im September 2006, als ihm die SPD das Amt des Sozialstadtrats angetragen hatte. Matz sagte zu und tat, was man so tut als neuer Behördenchef. Akten lesen und Zahlen studieren. Die Zahlen waren bekannt, und der neue Stadtrat wunderte sich ein wenig, dass sich vorher niemand im Rathaus dafür interessiert hatte. Matz hakte nach, er machte Besuche, führte Gespräche und legte nach 150 Tagen im Amt eine für Spandau wenig schmeichelhafte Bilanz vor: Arbeitslosigkeit, Selbstmordrate und Überschuldung lagen weit über den Berliner Durchschnitt, dafür gab es ein unterdurchschnittliches Bildungsniveau. Die Conclusio des Zugezogenen: "Unser schönes Spandau hat schwerwiegendere soziale Probleme, als dies hinnehmbar ist."
Spandau ist bereits gekippt
Das ist freundlich formuliert, für Felix eine Spur zu freundlich. "Spandau ist gekippt", sagt Felix. Er ist Student, 26 Jahre alt und wohnt seit seiner Geburt im Falkenhagener Feld, einer Trabantenstadt, die in den sechziger Jahren entlang der Falkenseer Chaussee in den Himmel wuchs. 25.000 Spandauer wohnen hier in anonymen Wohngebirgen. Felix sagt, das Falkenhagener Feld sei noch nie eine Mustersiedlung gewesen, "gab schon öfter mal Stress mit türkischen Gangs oder Arabern", aber nicht mehr als in anderen Berliner Stadtteilen. "Viel schlimmer ist, dass hier in den neunziger Jahren so viele Familien weggezogen sind." [Ed: vor allem wegen der ‚Vergraulsteuer‘ des Berliner Senats der Fehlbelegungsabgabe].Seitdem stehen viele Wohnungen leer. Geblieben ist, wer sich das Wegziehen nicht leisten konnte. Gekommen sind sozial Schwache und Aussiedler, Felix spricht von Suff-Deutschen und Stressmacher-Russen. "Die Türken oder Araber sind nicht das Problem in Spandau", sagt Felix, "mit denen kannst du reden, die kennen dich, weil sie wissen, dass du seit Jahren hier wohnst".
Streß mit Stressmacher-Russen
In seiner Jugend ist er öfter mit seinen Freunden zum Kiesteich gegangen. "Kannste heute vergessen, da hängen nur noch die Säufer rum", oft schon vormittags. Den Sprit holen sie sich ein paar Straßen weiter im Supermarkt, und weil so ein Tag lang werden kann und die Schritte mit jedem Gang schwerer, trinken sie auch gern vor dem Laden weiter. Abends ziehen schon mal Gangs durch die Straßen, "vor allem die Russen, die treten ja selten alleine auf", sagt Felix. Er erzählt von einer Silvesterfeier, "ist schon ein paar Jahre her". Mit ein paar Freunden stand er auf der Straße, sie prosteten sich zu und schossen Raketen in die Luft. "Na, und auf der anderen Seite standen die Russen", auch sie feuerten Raketen ab, allerdings nicht in den Himmel, sondern auf die andere Straßenseite. Felix' Jacke trug ein Brandloch davon, und die Freunde beschlossen, lieber zu Hause auf dem Balkon weiterzufeiern.
Problem schon seit 2004 bekannt
Martin Matz sagt, er hat in seiner kurzen Amtszeit als Stadtrat viele solcher Geschichten gehört. Oft hätten sich seine Gesprächspartner bedankt für seinen Mut. Endlich mal einer, der sage, was Sache sei. Ich habe dann immer gefragt: Wieso Mut?" Matz hat die Spandauer Probleme nicht entdeckt. Innensenator Erhart Körting (SPD) hatte im Frühjahr 2004 einen Stadtteilatlas mit 9 Berliner Problemkiezen vorgestellt, 4 davon aus Spandau. Als besonders kriminalitätsbelastet galten neben dem Falkenhagener Feld noch die Wilhelmstadt und die Neustadt. Und die Wasserstadt, ein Prestigeprojekt der Nachwendezeit.
Wasserstadt Spandau verkommt zum Ghetto
"Die Wasserstadt Spandau zählt zu den attraktivsten Wohngebieten Berlin. Weitläufige Uferpromenaden eröffnen einzigartige Aussichten auf die Havellandschaft und den Spandauer See. Bootsanleger, Badestellen und Marinas laden zu reizvollen Freizeitvergnügen ein." So verkauft sich die Wasserstadt auf ihrer Homepage im Internet. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Zum Beispiel im Quartier Pulvermühle, errichtet im sozialen Wohnungsbau. In der Pulvermühle sieht es so aus, als habe ein Riese mit Bauklötzen gespielt. Es muss ein preußischer Riese gewesen sein, denn die roten Klinker-Klötzchen sind akkurat angeordnet wie die Baracken einer Kaserne. Viele Spielplätze, auf denen kein einziges Kind spielt. Die Fassaden der Häuser sind glatt und abweisend, es gibt keine Balkone. "Unglaublich, wie man so etwas bauen konnte", sagt Stadtrat Matz. Das "Berliner Mietermagazin" berichtet von hohem Leerstand, unter den Mietern seien "viele Aussiedler und Bezieher von Transfereinkommen, von denen viele als sozial auffällig eingeschätzt werden".Nun wäre es unfair, Spandau auf seine Problemgebiete zu reduzieren. Auch an der Havel gibt es Leuchttürme. Den neuen ICE-Bahnhof, gebaut von Meinhard von Gerkan. Die dörflichen Vororte Kladow und Gatow. Die Zitadelle, eine der besterhaltenen Renaissance-Festungen Europas. Den Weihnachtsmarkt in der Altstadt, überhaupt die Altstadt mit ihren gepflasterten Straßen und dem Grundriss aus dem Mittelalter. "Zeigen Sie mir so was mal in Berlin", sagt Stadtrat Matz. Hat er Spandau lieb gewonnen in den vergangenen Monaten? "Natürlich! Ich wollte auch nichts schlecht reden, aber Probleme lösen sich nun mal nicht dadurch, dass man sie ignoriert."
Nur an Symptomen kuriert
Die Ursachen für Spandaus Krise liegen tief. Der massive Fortzug lässt sich ebenso wenig rückgängig machen wie der Verlust tausender Arbeitsplätze in der niedergegangenen Industrie. Also widmet sich das Bezirksamt der Bekämpfung der Symptome, Martin Matz nennt es eine Politik der 1000 Lichter. Ein Licht brennt in der Altonaer Straße, das "Fairkaufhaus" mit besonders günstiger Secondhand-Ware für Bedürftige. Der "soziale Weihnachtsmarkt" auf dem Gelände des ehemaligen Boschwerkes findet bereits Nachahmer in anderen Bezirken. Am Kinderheim Sonnenhof an der Neuendorfer Straße befindet sich die einzige Beratungsstelle für alkoholgeschädigte Kinder in ganz Deutschland.Kippt Spandau? "Dieser Ausdruck gefällt mir nicht", sagt Martin Matz, "wenn wir so reden, können wir doch gleich aufgeben. Ich bin hier für fünf Jahre gewählt worden, es gibt viel zu tun".
Große Integrationsprobleme geortet
Auch Felix will bleiben. In Spandau, in seinem Kiez am Falkenhagener Feld. Trotz der Trinker am Kiesteich und obwohl das vom Senat finanzierte Quartiersmanagement dort "große Integrationsprobleme" geortet hat, "das Verhältnis zwischen alteingesessenen Mietern und Spätaussiedlern ist angespannt und von Desinteresse und Abschottung gekennzeichnet". Felix ist 1,90 Meter groß, er hat breite Schultern und sagt, dass "ich hier meine Leute kenne, ich bekomme keinen Stress". Aber Silvester feiert er lieber zu Hause auf dem Balkon. Sicher ist sicher.
| Abteilungen und Rubriken des khd-research.net | |||
|
|
|
|
|
| Die "BSE-Page" und "t-off" sind viel beachtete Publikationen des khd-research.net | |||
|