Aus gegebenem Anlaß werden auf diesen Seiten Infos zur sozialen Entwicklung in der Thermometer- Siedlung in Berlin- Lichterfelde sowie soziologische Hintergrund- Informationen dokumentiert. Denn in der um 1970 entstandenen Stadtrand- Siedlung stimmt die soziale Mischung längst nicht mehr, was negative Folgen hat. Es geht darum, den Anfängen zu wehren und Wege aufzuzeigen, wie der negativen Entwicklung Einhalt geboten werden kann. Handeln muß aber die Politik.I n h a l t :Im November 2005 schrieb dazu Pfarrer Busch im Der Schlüssel: Im Gebiet der Thermometer- Siedlung ist seit einigen Jahren eine starke Veränderung der Zusammensetzung der dortigen Wohnbevölkerung zu beobachten. Besserverdienende sind oft weggezogen, hinzu kamen Menschen aus verschiedensten Herkunftsländern und schwierigen sozialen Verhältnissen. Das Ganze ergibt eine Mischung mit nicht geringer Neigung zu Explosivität. Am Mittag des 4. Dezember 2005 wurde daraus bittere Wahrheit eine Bombe explodierte. Die Bewohner fühlen sich nicht mehr sicher...
Soziologische Struktur der Thermometer-Siedlung
30.7.2004 (khd). Auch im Zeitalter der Wissensgesellschaft ist es schwierig, verläßliche statistische Daten zur soziologischen Struktur eines Wohnquartiers im Internet zu recherchieren. Immerhin kann nun für die Thermometer- Siedlung (Plan) eine Ausgangssituation aufgrund der Recherche- Vorarbeit der NHW-Sozialraum-Studie angegeben werden.
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Zusammensetzung der Einwohner der Thermometer-Siedlung Ende 1998 Anteil von Deutschen und Migranten. 1) Stand: Juli 2004 Quelle: Sozialraum-Studie "Thermometer-Siedlung" von 1999/2000 (NHW) + Berechnungen. |
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| Zeile | Bewohner sind | GSW-Teil | Nicht-GSW-Teil | Insgesamt | Zum Vergleich | Anm. | ||||
| Ende 1998 | Ende 1998 | Ende 1998 | Steglitz 1998 |
Berlin 1998 |
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In der Thermometer-Siedlung wohnen: |
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| 1. | Deutsche inkl. Aussiedler | * 2306 | 82,2 % | * 1581 | 89,5 % | * 3887 | 85,1 % | 90,4 % | 87,2 % | |
| 2. | Ausländer 2) | 498 | 17,8 % | 185 | 10,5 % | 683 | 14,9 % | 9,6 % | 12,8 % | |
| 3. | 2804 | 61,4 % | 1766 | 38,6 % | 4570 | 100,0 % | ||||
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Migranten, die integriert werden müssen: |
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| 4. | Aussiedler in Zeile 1 4) | * 300 | 37,6 % | * 120 | 39,3 % | * 420 | 38,1 % | 6) | ||
| 5. | Ausländer 2) | 498 | 17,8 % | 185 | 60,7 % | 683 | 61,9 % | 9,6 % | 12,8 % | |
| 6. | * 798 | 28,5 % | * 305 | 17,3 % | * 1103 | 24,1 % | ||||
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1) Die mit einem * versehenen Daten wurden aufgrund von Angaben in der Studie berechnet. 2) Das sind Migranten nicht-deutscher Herkunft. 3) Summe der Zeilen 1 + 2. Die %-Zahlen beziehen sich auf die Einwohner-Gesamtzahl. 4) Das sind Migranten deutscher Abstammung, die ansonsten in der Gesamtbevölkerung subsummiert werden. 5) Hier ist die Zahl der zu Integrierenden angegeben (Summe Zeile 4 + 2). Die %-Zahlen beziehen sich auf die Einwohner-Zahlen in den Siedlungsteilen. 6) Nach GSW-Angaben betrug der Aussiedler-Anteil bei den deutschen Mietern im GSW-Teil der Siedlung rund 13 %, sonst rund 7,6 %. |
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In den 85,1 % der deutschen Einwohner sind also 420/4570 = 9,2 % mit einem Migrations- Hintergrund enthalten (meistens Aussiedler aus der früheren UdSSR). Da auch diese dringend in unsere Gesellschaft integriert werden müssen viele sprechen nur wenig oder garnicht Deutsch, liegt Ende 1998 also der wahre ‚Ausländer‘- Anteil der Siedlung höher als in der amtlichen Statistik bei 14,9 % + 9,2 % = 24,1 %.30.12.2004 (khd). Bereits 1998 war in der Thermometer- Siedlung der Migranten- Anteil (Ausländer + Aussiedler) bei den Siedlungs- Einwohnern gemessen an Zahlen des (alten) Bezirks Steglitz oder des Landes Berlin mit 24,1 % sehr hoch. Und bei der GSW betrug dieser Anteil bereits 28,5 % fast 30 %! Auch wenn es derzeit noch keine neueren Zahlen gibt, kann aufgrund von Vorort- Erfahrungen vermutet werde, daß bei der GSW der Migranten- Anteil bis 2004 weiter angestiegen ist, was wohl vor allem auf ein schlechtes Vermietungsmanagement zurückzuführen ist.
Bei einem Anteil von einem Drittel Migranten ist aber eine wirksame Integration unmöglich geworden. Und so haben sich auch in der Thermometer- Siedlung regelrechte ‚Parallel- Gesellschaften‘ mit all ihren Problemen etabliert. Deshalb muß die handelnde Politik schleunigst dafür sorgen, daß nicht noch mehr besserverdienende Deutsche aus der Siedlung vergrault werden und wieder eine gesunde soziale Mischung hergestellt wird. Davon ist aber Ende 2004 nichts zu erkennen und dabei regieren in Berlin seit 2001 die Sozialen-Demokraten im Verbund mit den (eigentlich sozial orientierten) Postkommunisten (Rot-Rot).
Sollten Sie via Suchmaschine direkt auf dieser Seite gelandet sein, dann versäumen Sie nicht, sich auch die gesamte Entwicklung der Stadtrand-Siedlung
seit 1970 anzusehen.Im Gegenteil: Die Siedlung wurde durch den Entzug von Einkaufsmöglichkeiten, den Verkauf der GSW an eine rein gewinn- orientierte und sich wenig um das Wohl ihrer Mieter kümmernde amerikanische Fondsgesellschaft (Heuschrecke Warum müssen wir eigentlich mit unseren Mieten die Renten amerikanischer Pensionäre bezahlen?, fragen sich nicht nur GSW-Mieter) sowie die völlig unbegründete Wegnahme der durch die Siedlung führenden Buslinie massiv weiter benachteiligt.
Eigentlich sollte hier eine Tabelle folgen, die etwas Auskunft über die Kaufkraft der Einwohner der Stadtrand- Siedlung gibt. Das ist aber nicht möglich, da keine verläßlichen Daten zum Stand der Erwerbstätigen, Arbeitslosen und Empfängern von staatlicher Sozialhilfe in den beiden Siedlungsteilen verfügbar sind. Ein weitere Indikator für das soziale Gefüge eines Stadtquatiers ist die Entwicklung der Zahl der Migranten-Kinder. Dazu gibt die Berliner Statistik keine brauchbare Zahlen her. Denn diese geht rein von der Staatsangehörigkeit aus, was wissenschaftlich gesehen ein eklatanter Fehler ist. Daß unsere Abgeordneten der Regierung so einen Murks durchgehen lassen, zeigt aber auch die Mentalität des ‚Augen zu und durch‘ anstatt sich rechtzeitig um die sich klar abzeichnenden Probleme zu kümmern. [mehr]1.12.2005 (khd). In der Gegend muß jedenfalls die Zahl dieser Armen erheblich angestiegen sein auch wg. der wachsenden Zahl von Hartz-IV- Empfängern. Denn jetzt plant die Ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf in Zusammenarbeit mit der Berliner Tafel eine Ausgabestelle für gespendete Lebensmittel. Anfang 2006 soll die Hilfe für die Bedürftigen im leerstehenden PLUS- Laden starten [Ed: die Lebensmittelausgabe der Aktion Laib und Seele startet am 3. Januar 2006, dann jeden Dienstag 15.0017.00 Uhr, Celsiusstraße 66a]. [mehr] [335.000 Haushalte in Berlin leben von Hartz IV]
Altersstruktur der Einwohner der Thermometer-Siedlung Ende 1998
Melderechtlich registrierte Bewohner. 1)
Stand: Juli 2004
Quelle: Sozialraum-Studie "Thermometer-Siedlung" von 1999/2000 (NHW) + Berechnungen.Zeile Alter GSW-Teil Nicht-GSW-Teil Insgesamt Zum Vergleich Anm. Ende 1998 Ende 1998 Ende 1998 Steglitz
1998Berlin
19981. 0 < 15 Jahre (Kinder) 725 25,9 % * 27 1,5 % 752 16,5 % 17,0 % 3) 2. 15 < 20 Jahre (Jugendliche) * 89 3,2 % * 171 9,7 % 260 5,7 % 3. 20 < 45 Jahre * 846 30,2 % * 583 33,0 % 1429 31,3 % 4. 45 < 65 Jahre * 800 28,5 % 635 36,0 % 1435 31,4 % 30,0 % 5. Ab 65 Jahre (Senioren) * 344 12,2 % 350 19,8 % 694 15,2 % 6. Einwohner insgesamt 2) 2804 61,4 % 1766 38,6 % 4570 100,0 % 1) Die mit einem * versehenen Daten wurden aufgrund von Angaben in der Studie berechnet.
2) Summe der Zeilen 1 5. Die %-Zahlen beziehen sich hier auf die Einwohner-Gesamtzahl.
3) Die Thermometer-Siedlung weist mit 22,2 % einen deutlichen höheren Anteil bei den Kindern + Jugendlichen als im Bezirk Steglitz auf.
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Die Angst geht um in Pariser Vorstädten
Erneut nächtliche Zusammenstöße in Clichy
Aus: Berliner Zeitung, 1. November 2005, Seite ?? (Politik) von LUTZ KRUSCHE. [Original]PARIS 31. Oktober. In dem Pariser Vorort Clichy-sous-Bois haben sich Jugendliche und Polizisten die vierte Nacht in Folge Straßenschlachten geliefert. Dabei wurden am späten Sonntagabend [30.10.2005] Autos und Mülltonnen in Brand gesetzt. In einer Moschee explodierte mindestens ein Reizgasgeschoss. Zunächst war umstritten, ob Polizisten Tränengas eingesetzt oder ob Jugendliche mit Pfeffergas geworfen hatten. Dem Beobachter stellt sich die Frage: Wer hat mehr Angst, wer hasst mehr? Die Polizisten, die sich nachts in den Kommissariaten verbarrikadieren und bei Streifen mit Attacken rechnen müssen? Oder die Jugendlichen fast ausschließlich arabischer und afrikanischer Herkunft, die sich diskriminiert und von den Flics schikaniert fühlen und dann überreagieren?
Ratlos stand Frankreich am Montag [31.10.2005] vor diesen Problemen. "Null Toleranz gegen die Aufrührer", verkündete vollmundig der sehr rechte Innenminister Nicolas Sarkozy, nachdem er das Schlachtfeld inspiziert hatte. Bisher ist er ebenso wenig vorangekommen wie seine Vorgänger. Im Gegenteil: In Frankreichs "heißen" Vorstädten und die gibt es inzwischen im ganzen Land werden jede Nacht 20 bis 40 Autos verbrannt. Seit Januar sind laut Sarkozy 9.000 Polizeiwagen angegriffen worden.
Diesmal wurde das Wüten der Stadtguerilla so nannte es die konservative Zeitung Figaro ausgelöst durch eine Tragödie und aufgeheizt durch Gerüchte. Am vergangenen Donnerstag [27.10.2005] drangen 3 Jugendliche, 15 bis 17 Jahre alt, in eine Transformatorenstation ein die immerhin durch eine zweieinhalb Meter hohe, mit Stacheldraht bewehrte Mauer gesichert war. Die beiden ersten erhielten tödliche Stromstöße, der dritte wurde schwer verletzt. Ein 16-Jähriger behauptete, die 3 seien von Polizisten gehetzt worden. Unwahr, sagte später der ermittelnde Staatsanwalt, denn die Flics seien zu der Zeit in ihrer Wache gewesen. Innenminister Sarkozy und Premier Dominique de Villepin setzten voreilig in die Welt, die 3 seien in einen Einbruch verwickelt gewesen. Das ist offenbar falsch. Hunderte von Jugendlichen brannten mehr als 60 Autos nieder, attackierten eine Feuerwehrstation, ein Kommissariat, verwüsteten einen Kindergarten sowie ein Postamt und versuchten, das sozialistisch geführte Rathaus zu stürmen. Hunderte von Flics verschossen Tränengas und knüppelten. Am Samstag [29.10.2005] versuchten Demonstranten in einem Schweigemarsch den Frieden wieder herzustellen. Vergeblich.
Am Montag [31.10.2005] übte sich Sarkozy in Schadensbegrenzung er besuchte die Eltern der beiden Getöteten, aber auch Feuerwehr und Polizisten. Doch in den Vororten hat man nicht vergessen, dass er die Vorort- Jugend als Gesindel bezeichnet hatte. Die Lage scheint weiteren Eskalationen zuzutreiben.
Unbestreitbar ist, dass in den Vorstädten Banden von Drogendealern das Gesetz machen und schon die Anwesenheit von Polizei als Provokation bekämpfen. Die Hauptleidtragenden sind die braven Immigrantenfamilien, die sich abends nicht mehr auf die Straße trauen. Und es brennen auch nicht Luxuslimousinen, sondern die Mittel- oder Kleinwagen von Arbeitern und Krankenschwestern, die ihre Autos täglich brauchen. Biedere Franzosen haben Angst vor den Immigranten. Die Folge: Hass und Zurückweisung, man fühlt sich bestätigt. Am Donnerstag [27.10.2005] wurde im Vorort Epinay unweit von Clichy ein 56-Jähriger von 3 Jugendlichen totgeschlagen, in Gegenwart von Frau und Tochter. Der Mann wollte sich seinen Fotoapparat nicht rauben lassen. Der Tat folgten weder Unruhen noch Demos. "Er hieß ja auch nicht Mohammed oder Mamadou", sagte sarkastisch ein Polizist vor Ort, "sondern nur Jean-Claude".
[05.11.2005: Ghettos, wie man sie in Deutschland gar nicht kennt] (SPIEGEL ONLINE)
[05.11.2005: Türkische Gemeinde befürchtet Gewalt in Deutschland] (SPIEGEL ONLINE)
[06.11.2005: Wer kann, zieht weg] (DER TAGESSPIEGEL)
[06.11.2005: Politiker warnen vor Krawallen wie in Frankreich] (SPIEGEL ONLINE)
[07.11.2005: Integrations-Konflikte: Aufruhr in Eurabia] (SPIEGEL)
[08.11.2005: Regierung verspricht 5000 Sozialarbeiter für Problemviertel] (SPIEGEL ONLINE)
[08.11.2005: Alfred Grosser zu den französischen Gewaltexzessen] (SPIEGEL ONLINE)
[08.11.2005: Wie ein Mob funktioniert Mechanik der Gewalt] (SPIEGEL ONLINE)
[10.11.2005: Der Aufruhr in der Banlieue rüttelt an vielen Gewissheiten auch in Deutschland] (DER TAGESSPIEGEL)
[11.11.2005: Warten auf die nächste Explosion] (DER TAGESSPIEGEL)
[22.11.2005: Wo stehen unsere Banlieues?] (BERLINER ZEITUNG)
Wo stehen unsere Banlieues?
Anders als in Frankreich ist in Deutschland das Subproletariat vornehmlich weiß.
Aus: Berliner Zeitung, 22. November 2005, Seite ?? (Feuilleton) von ANDREAS WILLISCH. Andreas Willisch ist Sozialwissenschaftler und Mitbegründer des Netzwerks Ostdeutschlandforschung. [Original]Aufgeschreckt und doch beschwichtigend schaute Deutschland in den vergangenen Tagen nach Frankreich. Jeden Morgen wurden auch hier zu Lande die in Frankreich ausgebrannten Autos gezählt und gebannt blicken wir auf unsere vorstädtischen Problemzonen, wann dort wohl die ersten verkohlten Blechkarossen am Straßenrand stehen werden. Doch schon hört man Entwarnung. Die Stimmung in Kreuzberg oder Hamburg-Wilhelmsburg sei weniger explosiv. So viel Wut gegen das nicht-gehaltene Integrationsversprechen hätte sich nicht aufgestaut. Unsere Ausländer sind friedlicher und die Franzosen seien es nun Lehrer, Schüler oder Bauern wären ohnehin schneller auf ihren Barrikaden.
Doch das Gesicht der Überflüssigen ist von Land zu Land verschieden. Die Armutsforschung in den USA nannte sie die "inner city poor", die in Großbritannien die "dangerous classes" und die Exklusionsforscher in Frankreich fanden schon vor Jahren die Exkludierten, die Ausgeschlossenen, im "Aus der Vorstädte". In Deutschland ließen sich ähnliche soziale Problemzusammenballungen bisher nicht ausmachen. In der Tendenz vielleicht hier und da, doch im Grunde genommen, herrscht noch Waffenruhe. Kann es sein, dass Deutschland von ähnlichen gesellschaftlichen Verwerfungen, die die Grundlage für gewalttätigen Aufruhr bilden, verschont bleibt? Nein!
Gettos gibt es nicht
Der Blick ist falsch justiert. Die Analogien in den Vorstädten, in den innerstädtischen Gettos oder bei den Leuten mit Migrationshintergrund zu suchen, geht am Ziel vorbei. Ohne Zweifel kennen wir die Probleme der jungen, dem Islamismus zugewandten Türken in Hamburgs Randgebieten oder Frankfurts Zentrum. Wir wissen von Kriminalitätssorgen mit Aussiedler-Kindern in Berlin- Hohenschönhausen und anderswo. Die Sozialwissenschaft war schon überall und hat bis heute jedenfalls keine Gettos gefunden. Konnte sie auch gar nicht, denn im Wesentlichen werden Menschen und ihre Probleme in Deutschland föderal verteilt in große Städte wie in kleine, in Dörfer oder in alte Militärsiedlungen wie in Niedergörsdorf südlich Berlins. Es war ja immer unsere Angst, Gettos zu bekommen, wenn wir die Menschen dahin ziehen ließen, wohin sie wollten.Doch die Konzentration der Integrationssorgen ist nur eine womöglich eine abgeleitete Frage eines tiefer greifenden Wandels moderner Industriegesellschaften. Zentral dafür dürfte das können wir von Exklusionsforschern aus Frankreich wie Francois Dubet, Didier Lapeyronnie, Pierre Bourdieu oder Robert Castel lernen die Metamorphose der Lohnarbeit sein. Der Rückzug der Industrie in die globale Unregierbarkeit läutet in allen modernen Gesellschaften das Kippen der kasernenhaft organisierten Integrationsverhältnisse ein. Im besten Fall das heißt, wenn Regierungen und Interessengruppen diesen Vorgang nicht noch beschleunigen - reagiert die entwickelte Welt darauf mit Integrationsangeboten von vorgestern, die nicht selten das Gefühl zu nichts mehr nutze zu sein noch verstärken. Globalisierung und Deindustrialisierung verwandeln unsere Gesellschaften. Sie zerbrechen entlang ihrer Sollbruchstellen, ohne dass es bisher gelungen wäre, ihre Fragmente neu zusammenzuführen.
Auf diese Weise werden die größer gewordenen Gefährdungspotenziale neu verteilt. Staatszugehörigkeit, Religion, Bildung, Geschlecht, Gesundheit, Leistungsfähigkeit oder Alter sind solche Verwundbarkeiten, die die Frustration der Überflüssigen noch steigern, wenn aus ihnen mehrfache Verwundungen geworden sind. Schlecht bezahlte, minderwertige Dienstleistungs- oder Bau-Jobs, unzählige fehlgeschlagene Bewerbungen, zerrüttete Familienverhältnisse, öffentliche Schuldzuweisungen (Sozialschmarotzer) oder paternalistisch-technokratische Sozialprogramme, die die Würde der Bedürftigen missachten, reihen sich wie Perlen einer Kette aneinander zu einem individuellen Integrationsprogramm zweiter Ordnung, dem auch die Tüchtigsten nur schwer entkommen können.
An einem Punkt im Generationen-Inneren einer Gesellschaft laufen diese Gefährdungen und Verwundungen zusammen: Wer jung und männlich ist, wessen Eltern Arbeiter waren und wer in der falsche Gegend wohnt, wer dann vielleicht noch keinen Führerschein oder kein Auto und früh mit Alkohol angefangen hat, hat gute Chancen zum neuen Subproletariat unserer Gesellschaft zu gehören. Daher sind die Überflüssigen in Deutschland vornehmlich weiß. Sie marschieren kahl rasiert, in Springer-Stiefeln. Sie brennen schon mal ein Wohnhaus ab oder treten ihren Saufkumpanen ins Genick. Es ist die größte anzunehmende Provokation im Land der Täter Mittäter sein zu wollen. Die jungen Männer sind wie eine tickende Drohung gegen die Gesellschaft wie gegen sich selbst. Sie setzen ihren ganzen nutzlosen Körper aufs Spiel, um denen Probleme zu machen, die sie für die Urheber ihrer Probleme halten.
Eine soziale Blockade
Die postindustrielle Realität mit ihren zweifelhaften Alternativen zwischen Schwarzarbeit, tagelöhnerhaften Billigjobs, geförderten Arbeitsgelegenheiten oder gut gemeinten Qualifizierungsschleifen stellt besonders die jungen Männer vor massive Probleme. Ihr Start ins (Erwerbs-)Leben erfolgt als stotterndes Rumpeln. Die Leerzeiten zwischen Maßnahmen, Jobs, Familie und Schule werden von einer bedrückenden Langeweile beherrscht. In ihr nisten sich die Möglichkeiten für Gelegenheitsbanden ein. Doch mehr noch als diese anfälligen Zwangskollektive breiten sich in diesem geistigen Niemandsland Ersatzreligionen aus, die hinlänglich viel gesellschaftliches Provokationspotenzial beinhalten müssen.Diese Melange aus blockierten Leben, Langeweile, Bandenkriminalität und ideologischer Überspanntheit bildet den Nährboden der jugendlichen Ausgeschlossenen in Frankreich wie auch in Deutschland. Die versprengten Teile eines nationalsozialistischen Geistes ersetzen den Deutschen den radikalen Islamismus der arabischen oder türkischen Jugendlichen. Es handelt sich um eine Art säkulare, sozialstaatsfixierte Quasi-Religion. Gerade darum sind die Rechtsradikalen besonders in Ostdeutschland zur erfolgreichsten sozialen Bewegung seit der Wende geworden.
Der Integrationsnotstand in Deutschland ist keiner der unmittelbaren Armut wie in den USA oder der republikanischer Verwahrlosung wie in Frankreichs Vorstädten, sondern der einer nicht mehr nivellierten Mittelstandsgesellschaft. Das Überflüssig-Sein ist über das Land verteilt. Es versteckt sich hinter properen Aufschwungfassaden, die mit Steuersubventionen aufgehübscht wurden. Nur gelegentlich stolpert man über industrielle Brachen oder starren eingeschlagene Fenster abrissbereiter Wohnblocks in die leere Landschaft. Die Folgen werden wir so oder so alle bezahlen.
[06.01.2006: Die Zahl rechtsextremer Delikte und Straftaten steigt dramatisch] (DER TAGESSPIEGEL)
[20.01.2006: Offene Jugendarbeit in Kreuzberg gescheitert Pädagogen geben Kampf gegen Kriminalität, Drogen und Islamismus auf] (BERLINER MORGENPOST)
Explosion in Berliner Wohnhaus
Aus: RBB, Berlin, 4. Dezember 2005, 13.52 Uhr MEZ (rbb aktuell). [Original]BERLIN-LICHTERFELDE. In einem Wohnhaus in Berlin-Lichterfelde hat es am Sonntag [4.12.2005] eine Explosion gegeben. Dass dabei niemand schwer verletzt wurde, sei großes Glück gewesen, sagte ein Polizeisprecher.
Die Explosion in der Celsiusstraße wurde durch einen Sprengsatz ausgelöst, der von außen an der Wohnungstür eines 47-Jährigen angebracht war. Als der Mann die Tür im 4. Stock von innen öffnete, explodierte laut Polizei der Sprengkörper. Der Mieter wurde vom Sprengsatz nicht getroffen, erlitt aber einen Schock und ein Knalltrauma.
"Der Hintergrund der Tat ist noch völlig unklar", sagte ein Polizeisprecher. Ein Attentat sei nicht ausgeschlossen. In der Wohnung befanden sich 3 weitere Menschen. Sie sollen wie der 47-Jährige im Besitz libanesischer Pässe sein. Das Landeskriminalamt und die Mordkommission ermitteln. [mehr]
Sprengstoffladung an Wohnungstür in Lichterfelde explodiert
Aus: DDP-Meldung, 4. Dezember 2005, ??.?? Uhr MEZ (News). [Original]BERLIN (ddp-bln). An einer Wohnungstür in der Celsiusstraße in Berlin-Lichterfelde ist am Mittag eine Sprengladung explodiert. Als der 47-jährige Mieter seine Wohnungstür im dritten Stock des achtgeschossigen Hauses öffnete, explodierte ein mit Nägeln gefüllter Sprengsatz, wie ein Polizeisprecher sagte. Der Mann sei mit einem Schock und einem Knalltrauma davon gekommen.
In der Wohnung befanden sich außerdem dessen Frau und zwei Kinder.
Die Familie sei vermutlich libanesischer Herkunft. Der Hintergrund der Tat sei bislang völlig unklar. Hinweise auf politische Motive seien derzeit "nicht ersichtlich", fügte der Polizeisprecher hinzu.
Die Polizei ermittle jedoch in alle Richtungen. Vom Sprengkörper könne zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht auf den oder die Täter geschlossen werden. [mehr]
Sprengsatz an Wohnungstür explodiert
Aus: DPA-Meldung, 4. Dezember 2005, 18.46 Uhr MEZ (News). [Original]BERLIN (dpa). In einem mehrgeschossigen Wohnhaus in Berlin-Lichterfelde ist am Sonntag [4.12.2005] ein mit Nägeln gefüllter Sprengsatz explodiert. Er war von außen an der Wohnungstür eines 47-jährigen Mannes angebracht. Dass niemand schwer verletzt wurde, sei großes Glück gewesen, sagte ein Polizeisprecher. Der Hintergrund der Tat ist noch völlig unklar. Ein Attentat ist laut Polizei nicht ausgeschlossen.
Als der 47-Jährige die Tür im 4. Stock von innen öffnete, kam es zu der Explosion. Wie durch ein Wunder wurde der Mann jedoch nicht von den herum fliegenden Nägeln getroffen. Er erlitt jedoch einen Schock und ein Knalltrauma.
In der Wohnung in dem achtgeschossigen Haus befanden sich noch die Ehefrau des 47-Jährigen sowie seine erwachsene Tochter und der ebenfalls volljährige Sohn. Sie alle sollen laut Polizei libanesische Pässe haben. Das Landeskriminalamt und die Mordkommission ermitteln. [mehr]
Sprengstoffanschlag in Lichterfelde
In einem Mehrfamilienhaus explodierte eine Nagelbombe. Ein Mieter wurde leicht verletzt. Die Hintergründe der Tat sind noch vollkommen offen.
Aus: Berliner Morgenpost, 4. Dezember 2005, 20.09 Uhr MEZ (Aktuell). [Original]BERLIN (morgenpost.de). Bei der Explosion einer Nagelbombe ist am Sonntag [4.12.2005] in Berlin-Lichterfelde ein Mensch verletzt worden. Die Sprengfalle vor einer Wohnung in der Celsiusstraße ging nach Angaben der Polizei hoch, als der Mieter die Wohnungstür öffnete.
Bei der Bombe handelte es sich um einen Behälter von Schuhkartongröße, wie der Sprecher sagte. Er war mit Nägeln gefüllt. Außer Rußschwärzungen an der Tür entstand kein weiterer Sachschaden. Der 47jährige Mieter erlitt jedoch ein Knalltrauma und einen Schock. Er mußte kurzzeitig in einem Krankenhaus behandelt werden.
"Der Hintergrund der Tat ist noch völlig unklar", sagte ein Polizeisprecher. In der Wohnung des mehrgeschossigen Hauses befanden sich drei weitere Menschen. Sie sollen wie der verletzte Mieter laut Polizei im Besitz libanesischer Pässe sein. Das Landeskriminalamt und die Mordkommission ermitteln. [mehr]
Bombenanschlag auf libanesische Familie
Nach dem Knall flogen 200 Nägel durchs Haus
Aus: Berliner Zeitung, 5. Dezember 2005, Seite ?? (Berlin) von LUTZ SCHNEDELBACH. [Original]BERLIN. Eifersucht ist offenbar das Motiv für einen Sprengstoffanschlag gegen eine libanesische Familie in Lichterfelde gestern Mittag.
Viele der Hausbewohner in dem Achtgeschosser an der Celsiusstraße saßen gerade am Mittagstisch, als um 11.30 Uhr ein Knall die Ruhe im Hausflur beendete. "Wenig später hat es sich angehört, als wären dutzende Metallteile auf den Boden geregnet", sagte ein Mann aus dem Haus, der sich als einer der ersten nach der Explosion im Flur umsah. "Überall lagen solche Nägel, die Zimmerleute benutzen", berichtete er. Die spitzen, etwa 5 Zentimeter langen Metallteile waren in einem selbstgebauten Sprengkörper, der aussah wie ein Schuhkarton, versteckt worden. Die Nagelbombe war an der Wohnungstür eines 47-jährigen Libanesen in der 4. Etage befestigt, der seit Jahren mit seiner Frau und mehreren Kindern in dem Haus wohnt.
Um 11.30 Uhr hatte Ali Hussein H. seine Wohnungstür geöffnet. Kaum war die Tür einen Spalt offen, explodierte Sprengstoff in einem Behälter und mehr als 200 Nägel flogen durch die Luft. Der Familienvater wurde leicht verletzt. Er erlitt ein Knalltrauma und einen schweren Schock. Er hatte großes Glück. Solche Nagelbomben können verheerende Folgen für die Opfer haben, teilte die Polizei mit. Es habe schon Fälle gegeben, bei denen die Opfer ihr Augenlicht verloren haben. Auch von Todesfällen weiß die Polizei. Mit Nagelbomben seien früher häufig Drogenverstecke gesichert worden. Zuletzt wurden im Juni vergangenen Jahres im Kölner Stadtteil Mühlheim 22 Menschen schwer verletzt, als eine Gasflasche, gefüllt mit Schwarzpulver und Nägeln vor einem Laden in die Luft flog.
Über die Art und die Zusammensetzung des Sprengstoffs sowie über den Zündmechanismus in Lichterfelde äußerte sich die Polizei gestern nicht. Der Bastler der Bombe sei nicht ganz untalentiert, hieß es. Kurz nach dem Knall alarmierten Anwohner die Polizei. Sie rückte mit einem Großaufgebot an: Staatsschützer, Mordermittler, Sprengstoffexperten, Tatortfotografen und Waffenfachleute eilten in das Hochhaus in Lichterfelde. Wenig später stellte sich heraus, dass der Anschlag offenbar keinen politischen Hintergrund hat. Es gebe kein Bekennerschreiben. Die Familie sei außerdem unauffällig. Vielmehr vermuten die Ermittler, dass ein verschmähter junger Mann die selbst gebaute Bombe vor der Wohnungstür deponiert hat. Zur Familie gehören neben einem Sohn zwei fast erwachsene Töchter. Aber noch wisse man nichts Genaues. Man sei erst am Anfang der Ermittlungen, sagte ein Polizeisprecher. [mehr]
Nagelbombe an der Wohnungstür
Sprengstoffladung explodierte in Lichterfelder Mietshaus, libanesische Familie blieb unverletzt.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 5. Dezember 2005, Seite 9 (Berlin) von JÖRN HASSELMANN. [Original]LICHTERFELDE (Tsp). Um 11.30 Uhr wollte Ali H. seine Wohnung im 3. Stock des Hochhauses in Lichterfelde verlassen. In diesem Moment explodierte eine mit Zimmermannsnägeln gefüllte Sprengladung im Treppenhaus eine Falle. Der 47-jährige Libanese kam mit dem Leben davon, weil die Wohnungstür ihn vor den Splittern schützte. Er kam mit leichten Verletzungen und einem Knalltrauma in ein Krankenhaus. Seine Ehefrau und die beiden Kinder blieben unverletzt. Sprengstoffexperten des Landeskriminalamtes untersuchten gestern die Überreste des in einem Karton verpackten Sprengsatzes und sammelten die etwa 8 bis 10 Zentimeter langen Nägel ein, die im Treppenhaus verstreut waren. Wie diese Sprengfalle mit der Wohnungstür gekoppelt war, sagte die Polizei aus ermittlungstaktischen Gründen nicht.
Nach Angaben von Bewohnern der Celsiusstraße 54 hatte die Detonation die Lautstärke einer Gasexplosion. Mordkommission und der für Sprengstoffdelikte zuständige Staatsschutz der Polizei übernahmen die Ermittlungen. Klar ist, dass niemand bei der Familie H. geklingelt hatte es hätte also auch die Kinder oder die Frau treffen können. Der Mann ist bis auf kleinere Delikte polizeilich unbekannt Hinweise auf Verbindungen zur organisierten Kriminalität gibt es bislang nicht, ebenso nicht auf politische Verstrickungen des Libanesen.
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Der Tatort in der Celsiusstraße 54 in Lichterfelde-Süd. Auch 4 Wochen nach der Explosion ist die heimtückische Mordversuch im Nahoststil noch immer nicht aufgeklärt. (Foto: 7.1.2006 khd-994)
Nach Angaben von Nachbarn lebt die Familie H. seit vielen Jahren in dem Haus in der Thermometersiedlung, eine ältere Tochter sei schon ausgezogen. Bei Feiern seien regelmäßig sehr viele Personen in der Wohnung gewesen, hieß es wegen Ruhestörung war beim letzten Silvesterfest die Polizei gerufen worden. Die Familie sei streng gläubig gewesen, die Frau habe immer Kopftuch getragen. Kontakt habe man zu der Familie nicht gehabt, hieß es im Hochhaus.
Doch galt der Anschlag überhaupt der Familie H.? Die Polizei ermittelt jedenfalls noch in eine andere Richtung. Ein Stockwerk höher steht nämlich der Name Ch. am Klingelschild die mehrere Dutzend Angehörige umfassende libanesische Großfamilie ist seit Jahren als hochgradig kriminell bekannt. So hatte im März 2000 Mohamed Ch. nach einem vorangegangenen Streit in Moabit einen 23-Jährigen aus dem verfeindeten Clan M. getötet. Danach gab es 3 weitere Schusswechsel zwischen den beiden Clans. Zuletzt war im Herbst 2004 der zum Clan Ch. zählende Bassam A. in Charlottenburg getötet worden.
Anschläge mit Sprengfallen sind selten. Im November 2002 entging die damals 33-jährige Yana Zhukova nur knapp einem Handgranatenattentat, der Zünder war mit Bindfaden mit der Tür ihres Mercedes verbunden. Derartige Sprengfallen gelten im Bereich der organisierten Kriminalität als letzte Warnung. So war es auch bei Yana Zhukova: Wochen später war sie tot mit mehreren Kopfschüssen hingerichtet. In einem weiteren Fall hatte 2003 ein Rentner auf den Arzt seiner an Krebs gestorbenen Ehefrau fünf Sprengstoffanschläge aus dem Hinterhalt verübt; der Mediziner Ruben H. wurde schwer verletzt. [mehr]
Mordversuch mit Splitterbombe
Sprengsatz mit Nägeln explodiert vor Wohnung einer libanesischen Familie / Motiv vermutlich Familienstreitigkeiten
Aus: Berliner Morgenpost, 5. Dezember 2005, Seite ?? (Berlin) von TANJA LANINGER und HANS H. NIBBRIG. [Original]BERLIN (BM). Die Explosion erschütterte das ganze Gebäude: In einem siebengeschossigen Wohnhaus an der Celsiusstraße in Lichterfelde ist gestern ein Sprengsatz detoniert. Die Nagelbombe war im dritten Stockwerk vor der Wohnungstür einer libanesischen Familie detoniert, als Familienvater Ali Hussein H. die Tür öffnete. Der 47jährige erlitt ein Knalltrauma und wurde ambulant in einer Klinik behandelt.
"Die 5. Mordkommission ermittelt wegen versuchten Mordes", sagt Polizeisprecher Bernhard Schodrowski. Wegen des Einsatzes von Sprengstoff waren auch Beamte des Polizeilichen Staatsschutzes vor Ort. Ein politischer Hintergrund wird derzeit ausgeschlossen. Das Motiv für die Tat soll vielmehr privater Natur sein. Eine Tochter von H. berichtete am Tatort von Familienstreitigkeiten um eine ihrer älteren Schwestern.
Das etwa schuhkartongroße Päckchen war genau vor der Wohnungstür plaziert worden. In dem Haus leben der Vater, seine Frau und zwei erwachsene Kinder. Als das Familienoberhaupt gegen 11.30 Uhr die Wohnung verlassen wollte, um zum Flohmarkt zu gehen, aktivierte er unwissentlich den Sprengmechanismus das Paket explodierte. An die 200 etwa fünf Zentimeter lange Nägel flogen durchs Treppenhaus. Nachbarn berichten, daß die Nägel auf der gesamten Etage verteilt waren, die Schäden im Treppenhaus allerdings erstaunlich gering seien. Die Tat war um so heimtückischer, weil in dem Haus zahlreiche Kinder leben, die das Päckchen hätten öffnen können.
Die Polizei sperrte den Tatort ab. Um die Spurensicherung nicht zu gefährden, durften Nachbarn anfangs weder ihre Wohnung verlassen noch in diese zurückkehren. Etliche machten es sich mit Kissen auf den Fensterbrettern bequem oder beobachteten vom spärlich begrünten Vorhof aus die Arbeit der Kriminaltechniker und spekulierten über die Tat.
Die Motive des Täters oder der Täter sind noch offen. Die Vernehmungen in der Keithstraße in Schöneberg dem Sitz der Mordkommissionen gestalteten sich zunächst schwierig, weil der Familienvater und seine Frau kaum Deutsch sprechen. Der Leiter der Mordkommission, Michael Hoffmann, wollte sich gestern noch nicht zu den Ermittlungen äußern. Kontakte der Familie zur Organisierten Kriminalität seien bislang nicht bekannt.
Bekannt sind hingegen mehrere Polizeieinsätze in der Wohnung. Die Streifenwagen waren öfter wegen Ruhestörung durch die Familie H. vorgefahren. "Es hat oft Krach gegeben bei denen", sagt eine Nachbarin aus dem 24-Parteien- Haus mit Blick auf H.s Wohnung. Ein arabischer Nachbar hat miterlebt, daß es zwischen dem Familienoberhaupt und dem Freund oder Ehemann einer seiner Töchter Streitigkeiten gab. "Doch geredet haben wir darüber nicht, die Familie lebt sehr zurückgezogen", sagt der Araber. Die Großfamilie soll seit einigen Jahren in dem weiß-gelb gestrichenen Hochhaus leben. Drei erwachsene Kinder sind bereits ausgezogen. Ali Hussein H. ist arbeitslos und lebt vermutlich von Sozialhilfe. [mehr]
D I E A R M U T S T E I G T I N B E R L I NRätselhafte Nagelbombe
Polizei setzt eine Belohnung für Hinweise aus
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 6. Dezember 2005, Seite 14 (Berlin). [Original]LICHTERFELDE (Ha). Für Hinweise, die zur Aufklärung des Anschlags mit einer Nagelbombe auf eine libanesische Familie in Lichterfelde führen, hat die Polizei gestern eine Belohnung von 5000 Euro ausgesetzt. Möglicherweise haben der oder die Täter die Sprengfalle bereits in der Nacht zu Sonntag an der Wohnungstür des Mannes platziert. Die Kripo sucht Hinweise, wer das Paket vor der Explosion gesehen hat.
Wie berichtet, explodierte das mit Nägeln gefüllte Paket am Sonntag um 11.30 Uhr, als der 47-Jährige Ali H. erstmals an diesem Tag die Tür seiner Wohnung im 3. Stock des achtgeschossigen Hauses an der Celsiusstraße 54 öffnete. Das Paket sei zielgerichtet mit der Tür verbunden gewesen, sodass es beim Öffnen der Tür detonieren musste. Der Vater mehrerer Kinder erlitt ein Knalltrauma und einen Schock, die herumfliegenden Nägel wurden von der nicht ganz geöffneten Tür abgehalten, hieß es. Nähere Angaben über die selbst gebaute Sprengfalle machte die Polizei nicht, sie wurde auch gestern von Kriminaltechnikern untersucht.
Die Mordkommission hat die Ermittlungen übernommen. Über die Motive und Hintergründe hat die Kripo noch keine Erkenntnisse dies ist auch die Begründung, warum die Belohnung bereits am ersten Tag nach der Tat ausgelobt wurde. Nach derzeitigem Erkenntnisstand ergeben sich keinerlei Hinweise auf ein politisch oder religiös motiviertes Attentat, hieß es. Dies teilte Innensenator Körting im Innenausschuss des Abgeordnetenhauses mit. Auch Bezüge zur organisierten Kriminalität seien gegenwärtig nicht erkennbar, hieß es bei der Mordkommission.
Der von einer Tochter des Mannes gegenüber Journalisten geäußerte Verdacht gegen einen fernen Familienangehörigen erhärtete sich ebenfalls nicht. Weiterhin prüft die Polizei, ob der Anschlag möglicherweise der direkt darüber wohnenden libanesischen Familie Ch. galt. Sie gehört zu einem polizeibekannten Clan, der in den vergangenen Jahren durch eine Vielzahl schwerster Straftaten aufgefallen ist. Dies sei eine von vielen möglichen Theorien, sagte ein Ermittler.
Wie berichtet, ist der seit vielen Jahren in Deutschland lebende Ali H. bei der Polizei nach bisherigen Erkenntnissen nur durch einige Einsätze wegen ruhestörenden Lärms aufgefallen. Hinweise über Beobachtungen in der Nacht zum Sonntag [4.12.2005] oder am Vormittag im Treppenhaus oder vor dem Haus unter Telefon: 4664 911 505.
Immer mehr Bedürftige auf Suppenküche angewiesen
Aus: Berliner Morgenpost, 12. Dezember 2005, Seite ?? (Berlin) von CHRISTA BECKMANN. [Original]BERLIN (BM). Bruder Johannes weiß, wie schwer vielen dieser Gang fällt. Und dennoch kommen immer mehr Menschen in die Suppenküche des Franziskanerklosters an der Pankower Wollankstraße. 350 bis 400 Menschen versorgen die Mönche jeden Tag mit einer kostenlosen Mahlzeit. "Das sind etwa 100 mehr als noch vor wenigen Jahren", schätzt Bruder Johannes. Unter denen, die kommen, seien zunehmend jüngere, aber auch alte Menschen.
Und solche, denen man die Armut nicht ansieht. "Vielen ist es peinlich, wenn sie darum bitten müssen, sich ein Stück Seife oder Waschpulver aus unserer Hygienestation holen zu dürfen."
Die Armut in Berlin wächst. Das merken nicht nur die Mitarbeiter des Kinder- und Jugendzentrums "Die Arche" in Hellersdorf, wo rund 250 Kinder täglich kostenlos essen, sondern auch die Mitarbeiter der Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo. "Zu uns kommen immer mehr hilfsbedürftige Menschen", sagt Mitarbeiterin Janina Jonitz. "Viele wollen Beratung, wo sie in Berlin Unterstützung erhalten können."
Gerade bei Familien steige die Zahl derjenigen, die kaum noch das Geld für den notwendigsten Lebensunterhalt aufbringen, bestätigt Susanne Kahl-Passoth, Direktorin des Diakonischen Werks der Evangelischen Kirche Berlin- Brandenburg- Schlesische Oberlausitz. "Bei unserer Obdachlosen-Weihnachtsfeier vergangene Woche in der Kreuzberger Heiligkreuz-Kirche waren nicht nur Obdachlose." Vielfach existiere die Armut verdeckt. "Da werden Kinder bei einer Klassenfahrt mit Krankmeldung entschuldigt, weil den Eltern das Geld dafür fehlt." Die Betroffenen schämten sich, "viele fühlen sich schuldig an ihrer Arbeitslosigkeit", sagt Susanne Kahl-Passoth. Das Arbeitslosengeld II reiche nicht aus, um selbst kleinste Rücklagen zu finanzieren.
Als Reaktion auf die wachsende Hilfsbedürftigkeit plant das Diakonische Werk nun die Gründung einer Stiftung. Mit dem Geld sollen zusätzliche Suppenküchen und Beratungsstellen eingerichtet werden, aber auch Schularbeits-Hilfen. Direktorin Kahl-Passoth hofft, den Plan schon im kommenden Jahr realisieren zu können. "Wir denken außerdem darüber nach, in den Gemeinden Familienzentren einzurichten." Dort sollen junge Mütter und Väter "ohne erhobenen Zeigefinger" erfahren, wie sie ihr Kind erziehen und sich mit anderen jungen Familien austauschen können.
Hilfe für die Armen im Kiez
Aus: Berliner Morgenpost, 8. Januar 2006, Seite ?? (Bezirke). [Original]LICHTERFELDE (pol). Seit 1998 besteht der Kinder-, Jugend- und Familienstützpunkt "Bus-Stop" an der Celsiusstraße 7173. Jürgen Bischof ist Leiter der Einrichtung, deren Träger die evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf ist, kennt die sozialen Verhältnisse in Lichterfelde Süd.
"Mit dem anhaltenden Zuzug sozial schwacher Familien und Menschen nicht deutscher Herkunftssprache ist eine Parallelgesellschaft entstanden. Der Kiez ist für ausländische Mitbürger zum Schutzraum geworden, in dem man ohne Deutschkenntnisse auskommt", sagt Jürgen Bischof. Eine Folge des Wandels sei eine Massierung von Sprach- und Bildungsdefiziten. In der Mercator- Grundschule sind 72 Prozent der Kinder aus Familien nicht deutscher Herkunft.
Mit der Arbeitslosigkeit wächst die Armut im Thermometer-Kiez, sagt Jürgen Bischof und beschreibt eine der Folgen: "Die GSW stellt uns den leerstehenden Plus-Markt von 680 Quadratmetern Größe kostenlos zur Verfügung", sagt Bischof und ergänzt: "Weil es sich rechnet, denn die Mietschulden der Siedlungsbewohner steigen an." Der Leiter von "Bus-Stop" erläutert den Hintergrund: In dem Markt werden an jedem Dienstag gespendete Lebensmittel der Berliner Tafel verteilt. Wer gratis zu essen bekommt, hat eher Chancen, seine Miete zu zahlen. [Ed: Die Lebensmittelausgabe der Aktion Laib und Seele startete am 3. Januar 2006, dann jeden Dienstag 15.0017.00 Uhr, Celsiusstraße 66a].
[08.01.2006: Thermometer-Siedlung: Coolness-Trainer für heiße Konflikte] (BERLINER MORGENPOST)
Coolness-Trainer für heiße Konflikte
Berlinweit einzigartiges Projekt soll Jugendgewalt in Großsiedlungen eindämmen / Geläuterte Straftäter als Sozialarbeiter
Aus: Berliner Morgenpost, 8. Januar 2006, Seite ?? (Bezirke) von PETER OLDENBURGER. [Zum Artikel]
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