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T E R R A - F O T OCO2-Konzentration auf Rekordniveau
Der Kohlendioxid-Gehalt in der Erdatmosphäre ist so hoch wie seit mindestens einer Million Jahren nicht mehr. Und die Konzentration des Treibhausgases steigt weiter, wie globale Messungen zeigen.
Aus: Spiegel Online 14. März 2006, 18.22 Uhr MEZ (nur elektronisch publiziert). [Original]ERDE. Die Konzentration des Treibhausgases Kohlendioxid lag 2005 bei durchschnittlich 381 Teilen pro eine Million Teile Luft (ppm). Das sind 100 ppm mehr als der Durchschnitt in vorindustriellen Zeiten, meldet die britische BBC. "Jetzt sind wir über 380 ppm, das ist mehr als seit 1 Million Jahren, möglicherweise sogar höher als seit 30 Millionen Jahren", sagte Sir David King, oberster Wissenschaftsberater der britischen Regierung. "Die Menschheit verändert das Klima."
Beunruhigender noch als das eigentliche Überschreiten der 380-ppm-Marke ist der zugrunde liegende Trend. Im vergangenen Jahr ist die CO2-Konzentration in der Erdatmosphäre so stark angestiegen wie selten zuvor, wie Messungen der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) besagen. Nur zwei Mal in den vergangenen 25 Jahren, 1987 und 1998, ist noch mehr CO2 neu hinzugekommen, berichtet die US-Behörde.
"Wir sehen kein Anzeichen für einen Rückgang, im Gegenteil. Tatsächlich beschleunigt sich die Zunahme", sagte Pieter Tans vom "Global Monitoring"-Team der NOAA. Mit einem weltweiten Netzwerk von Messstationen der NOAA und befreundeter Organisationen überwachen die Wissenschaftler die CO2-Konzentration in Bodennähe und unmittelbar über der Meeresoberfläche. Messungen wurden unter anderem am Südpol, in den Rocky Mountains, auf dem hawaiianischen Vulkan Mauna Loa und auf dem Ochsenkopf, einer Außenstelle des Max-Planck-Instituts für Biogeochemie in Jena, durchgeführt.
"Wir wissen seit langem, dass die Rate der Zunahme stark schwankt", sagt Martin Heimann, Wissenschaftler am BGC, zu SPIEGEL ONLINE. So steige die CO2-Konzentration während des Klimaphänomens El Nino oder bei großer Trockenheit in Europa besonders stark.
"Der Wert 381 ppm, die absolute Menge, das ist hier tatsächlich das Hauptaugenmerk", sagt Heimann. Steige die Konzentration immer weiter, träten irgendwann nichtlineare Effekte auf. Beispielsweise wenn die Ozeane, die gegenwärtig wegen steigenden CO2-Gehalts fast schon so sauer sind, wie zu Zeiten des Sauriersterbens, weniger oder kein Kohlendioxid mehr aus der Luft aufnehmen können das würde die Zuwachsraten der CO2-Konzentration in der Atomsphäre noch schneller steigen lassen.
Klimatrend ist politisch heikel
Die Erkenntnisse der US-Wissenschaftler sind auch politisch nicht ohne Brisanz: Die NOAA untersteht dem US-Handelsministerium. Die Bush-Regierung hatte in der Vergangenheit immer wieder Äußerungen von Forschern sowie die Interpretation ihrer Ergebnisse zu beeinflussen versucht. Der Chefredakteur des Fachmagazins Science, Donald Kennedy, warf der Regierung in Washington gar vor, sie habe Klimaexperten der NOAA und der Raumfahrtbehörde Nasa einen Maulkorb verpasst.Kennedy zufolge ignoriere Washington nicht nur schlagende Beweise für die globale Erwärmung durch Treibhausgase wie Kohlendioxid. Vielmehr habe die Regierung NOAA-Forschern, die die Klimapolitik des Weißen Hauses ablehnen, den Kontakt mit der Presse verboten. Ebenso müssten die staatlich angestellten Klimaforscher ihre Vorträge auf wissenschaftlichen Kongressen zuvor mit Washington abstimmen, schrieb Kennedy.
Bislang hat die NOAA den neuen Höchstwert in der weltweiten bodennahen CO2-Konzentration auch nicht offiziell vermeldet. Allerdings stehen die entsprechenden Zahlen und Grafiken auf der Website der Global Monitoring Division der NOAA.
Die britische Regierung hat indes den Klimawandel als umweltpolitisches Thema für sich entdeckt. Anfang Februar hatte Premierminister Tony Blair erklärt, die industrialisierten Staaten hätten nicht mehr als 7 Jahre, um dem Klimawandel entgegenzuwirken und "den Planeten zu retten".
In Deutschland tritt Ende 2006 ein Gesetz in Kraft, das zum Ziel hat, alte Heizungsanlagen gegen neuere auszutauschen. So soll sowohl Energie gespart haben, als auch der Ausstoß von Kohlendioxid reduziert werden. Bis Ende des Jahres, so das Gesetz, müssen viele Heizkessel, die vor dem 1. Oktober 1978 eingebaut wurden, ausgewechselt werden. Allerdings gibt es Sonderregelungen für Heizungen in selbstgenutzten Ein- und Zweifamilienhäusern.
K L I M A W A N D E LEuropa versinkt im Schnee
Der Winter hat Europa noch immer fest im Griff. Ein Bild des Nasa-Satelliten "Terra" zeigt, wie der Kontinent von Schnee und Eis überzogen ist ein ungewöhnliches Bild für Mitte März.
Aus: Spiegel Online 15. März 2006, 13.14 Uhr MEZ (nur elektronisch publiziert). [Original]
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Europa unter Schnee und Eis. Aufgenommen vom Satelliten Terra. (Foto: 13.3.2006 nasa)
EUROPA (nasa). Das Bild wirkt beinahe zu friedlich angesichts des Chaos, das der späte Wintereinbruch in Europa verursacht hat: Der Nasa-Satellit "Terra" hat am Montag [13.3.2006] den Kontinent unter wolkenlosem Himmel und einer dichten Schneedecke fotografiert. Es war das erste Mal, dass die Wolkendecke nach den heftigen Schneefällen Anfang März wieder aufgerissen ist.
Die Vorhersagen der Wetterexperten verheißen keine Besserung für Deutschland. Hoch "Ingo" und Tief "Diana" werden in den nächsten Tagen für kalte und wolkenreiche Luft sorgen, teilte der Deutsche Wetterdienst (DWD) mit. Dazu werde der Nordostwind auffrischen, so dass das Kältegefühl noch zunehme. Im Stau der Mittelgebirge könne es auch ein paar Zentimeter Neuschnee geben.
Erst am Wochenende naht ein Hoffnungsschimmer: Dann erwarten die Meteorologen im Westen und Südwesten Temperaturen zwischen fünf und 10 Grad Celsius, in Südbaden vielleicht sogar bis 12 Grad. Zu Beginn der kommenden Woche ist nach DWD-Angaben allerdings ein erneuter Kälteeinbruch möglich.
[Original-Foto] [Schneebedeckung zum Frühlingsanfang]
Eis der Arktis kehrt nicht zurück
Was im Sommer vom Eisschild der Arktis abschmilzt, wächst im Frost des Winters nach so die bisherige Regel. In diesem Winter aber kam das Eis zum zweiten Mal in Folge nicht zurück. Klimaforscher fürchten, dass das unumkehrbare Abschmelzen der Arktis begonnen hat.
Aus: Spiegel Online 15. März 2006, 16.16 Uhr MEZ (nur elektronisch publiziert). [Original]ARKTIS (stx). Mit dem Frühlingsanfang in der kommenden Woche wird die Arktis 6 Monate lang im Sonnenschein liegen. Am Nordpol geht die Sonne ein halbes Jahr nicht unter. Forscher befürchten, dass die Eismenge, die dort während des Sommers auf der Nordhalbkugel abschmelzen wird, nie mehr zurückkommen wird. Denn sie haben gemessen: Zwei Winter in Folge hat sich das im Sommer geschmolzene Meereis in der Arktis nicht wieder gebildet.
"Wenn es diesen Frühling und Sommer nicht außergewöhnlich kalt wird, dann werden wir wohl Verluste an Meereis beobachten, die die 2005 beobachteten noch übertreffen könnten", sagte Mark Serreze, Wissenschaftler am National Snow and Ice Data Center (NSIDC) im US-Bundesstaat Colorado, der New York Times. Der Forscher hat beobachtet: Im vergangenen September war in der Arktis soviel Eis geschmolzen, wie noch nie seit Beginn der Satellitenbeobachtung im Jahr 1979. Ein Forscherteam der University of Illinois kam unabhängig vom NSIDC zum gleichen Ergebnis.
"Nimmt man das mit jüngsten Nasa-Erkenntnissen zusammen, dass der grönländische Eispanzer an einem Umkipp-Punkt angelangt sein könnte, ist ziemlich klar, dass die Arktis beginnt, auf die globale Erwärmung zu reagieren", sagte Serreze der britischen Zeitung The Independent.
Umkipp-Punkte, sogenannte "tipping points", zählen zu jenen Phänomenen, die Klimaforschern große Sorgen bereiten. Man beschreibt damit den Moment, wo vormals lineare Entwicklungen wie eine kontinuierliche Eisschmelze durch bestimmte Rückkopplungen abrupt abbrechen, die Richtung wechseln oder stark beschleunigt werden.
Ein solches Feedback befürchtet Serreze nun für den arktischen Ozean: Dort ist nun mehr Wasser denn je zu sehen. Das dunkle Wasser absorbiert mehr Sonnenwärme als reflektierendes Meereis. So verstärkt sich die ohnehin seit langem andauernde Erwärmung noch einmal und im nächsten Winter würde das arktische Eis im dritten Jahr in Folge nicht zunehmen.
Forscher fürchten Umkipp-Punkte
Ein weiteres Beispiel für ein solches Umkipp-Punkt-Phänomen präsentieren Forscher des Earth Institute der Columbia University in New York in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins Science. Sie untersuchten das Verhalten von Eisschilden aus dem Weltall, indem sie die Konzentration des Berryllium-Isotops 10Be in Steinen analysierten. Es entsteht, wenn Strahlung aus dem Weltall auf der Erde auf Steine trifft. Diese Strahlung kann Eis nicht durchdringen, so dass die 10Be-Konzentration niedriger ist, je länger ein Fels von Eis etwa eines Gletschers bedeckt war.Die Forscher um Vincent Rinterknecht rekonstruierten aus diesen Messungen die Entwicklung des skandinavischen Eisschilds, der in der letzten Eiszeit große Teile Nordeuropas bedeckte. Rinterknecht und sein Team fanden heraus, dass das Eis in Nordeuropa in jüngerer Vergangenheit zunächst dem Treibhauseffekt trotzte: "Tatsächlich nahm es längere Zeit sogar zu, während das Klima sich erwärmte. Als es noch wärmer wurde, baute das Eis auf einmal rapide ab" offenbar war ein "tipping point" überschritten.
Als Folgen solcher Kipp-Punkte halten Wissenschaftler auch eine schwere Störung der Wasserströme im Atlantischen Ozean für möglich. Große Mengen arktischen Schmelzwassers könnten gar den Golfstrom, die atlantische Wärmepumpe Europas, beeinflussen. Die durch den Treibhauseffekt hervorgerufene Klimaerwärmung bedeutet jedenfalls nicht, dass es in allen Weltgegenden gleichmäßig wärmer wird.
"Aufgrund der sich durch die Treibhausgase erwärmenden Atmosphäre und der damit einhergehenden Aufheizung der arktischen Regionen verlangsam sich der Wärmeaustausch der Nordhalbkugel mit dem wärmeren Süden", sagte Rüdiger Rosenthal vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) zu Spiegel Online. Als Folge seien künftig häufiger extrem kalte Winter in Europa denkbar.
M O N S T E R - W I R B E L S T A R T E N I N A U S T R A L I E NStudie: Klimaschutz billiger als angenommen
Aus: Heise-Newsticker, 16. März 2006, 14.44 Uhr MEZ (Technology Review). [Original]POTSDAM (wst). Eine internationale Computer-Studie hat gezeigt, dass Klimaschutz wesentlich weniger kostet, als bisher in Modellrechungen angenommen wurde. Über 50 international führende Klimawissenschaftler, Ökonomen und Ingenieure sowie hochrangige Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Umweltverbänden beraten am 16. und 17. März am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), in einem Workshop die Ergebnisse dieser Studie.
Die EU-Umweltminister hatten nach der Klimaschutzkonferenz in Buenos Aires im Dezember 2004 beschlossen, man wolle sicherstellen, dass die globale Erwärmung 2 Grad Celsius gegenüber vorindustriellen Werten nicht übersteigt. Die globalen Treibhausgasemissionen sollen deshalb bis 2050 um bis zu 50 Prozent gegenüber 1990 reduziert werden.
Bislang galt eine solches "Niedrigstabilisierungsszenario" jedoch als extrem teuer. Die Computersimulationen, von 20 internationalen Modellierungsteams haben nun ergeben, dass die Kosten für eine solche CO2-Stabilisierungsstrategie bis zum Ende der Jahrhunderts voraussichtlich bei etwa 0,6 Prozent des weltweiten Bruttosozialproduktes liegen würden.
"Wir brauchen eine dritte industrielle Revolution", erklärte John Schellnhuber, Direktor des PIK. Es werde darauf ankommen, dass der Emissionshandel durch eine gezielte Förderung von Technologien ersetzt werde. "Von dieser Konferenz werden wichtige Impulse für die künftige Klimapolitik ausgehen." [Mehr in Technology Review: Die Rechnung bitte]
Monster-Zyklon bedroht die Ostküste
Australien wird vom schlimmsten Wirbelsturm seit Jahrzehnten bedroht. Der Zyklon "Larry" zieht mit Geschwindigkeiten von 280 Stundenkilometern auf die Ostküste des Kontinents zu. Tausende Anwohner wurden evakuiert. Die Behörden warnen vor meterhohen Flutwellen.
Aus: Spiegel Online 19. März 2006, 18.31 Uhr MEZ (nur elektronisch publiziert). [Original]BRISBANE. "Larry" werde voraussichtlich am Montagmorgen [20.3.2006] als Sturm der Kategorie 4 oder 5 auf die Küste des Bundesstaates Queensland treffen, warnten die Behörden heute. Die 80 Kilometer lange Sturmfront soll nach Einschätzung der Meteorologen mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 280 Stundenkilometern zwischen Innisfail und Mission Beach auf Land treffen. Die Behörden warnten vor bis zu 2 Meter hohen Flutwellen.
Der Ministerpräsident des Bundesstaates, Peter Beattie, rief die Bevölkerung zur Flucht auf und ordnete Zwangsevakuierungen an. "Ich möchte, dass die Menschen verstehen, dass unsere Warnung sehr ernst gemeint ist", sagte Beattie dem Rundfunksender ABC. "Der Meteorologische Dienst sagt, dass wir einen solchen Sturm seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt haben." Der Ministerpräsidenten rief den Notstand aus. Die Behörden verglichen die Stärke des Zyklons mit der des Hurrikans "Katrina", der im August 2005 die Küste des US-Bundesstaates Louisiana und New Orleans verwüstet hatte
Im Einzugsgebiet des Wirbelsturms liegen auch die Städte Cairns und Townsville mit 125.000 und 160.000 Einwohnern. Die Fluggesellschaft Qantas sagte Flüge in die beiden Orte ab. Der Nachrichtenagentur AAP zufolge wurden mehrere Touristenorte in der Umgebung geräumt. Cairns ist Ausgangspunkt für viele Fahrten in das Great Barrier Reef. Im Inland richteten die Behörden Notlager ein. Vor den Tankstellen bildeten sich lange Schlangen, in den Supermärkten deckten sich die Menschen mit Vorräten ein. Die Behörden stellen sich auf große Zerstörungen ein.
Ein Sturm der Kategorie 4 war zuletzt an Weihnachten 1974 über die australische Stadt Darwin an der Nordküste hinweggefegt. Dabei kamen 49 Menschen ums Leben; 16 weitere starben auf See. Etwa 70 Prozent der Häuser in Darwin wurden damals zerstört oder schwer beschädigt. Zyklone sind ebenso wie Hurrikans tropische Wirbelstürme, die ihre zerstörerische Kraft über dem Meer gewinnen. [mehr]
Schneebedeckung Europas zum Frühlingsanfang 2006
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Eisbedeckung (rot) und Schneehöhen in cm zum Frühlingsanfang 2006. In Mitteleuropa (Deutschland) begann dann das Tauwetter am 24. März 2006. (Grafik: 20.3.2006 NCEP/khd)
"Larry" tobt an Australiens Ostküste
In Australien fliehen die Menschen vor dem zerstörerischen "Larry". Mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 290 Stundenkilometern raste der Wirbelsturm über die Ostküste und schlug eine Schneise der Verwüstung. Er gilt als der verheerendste Zyklon seit Jahrzehnten.
Aus: Spiegel Online 20. März 2006, 2.44 Uhr MEZ (nur elektronisch publiziert). [Original]SYDNEY. Angst und Schrecken an Australiens Ostküste: Der tropische Zyklon "Larry" ist mit ungeheurer Wucht über Teile des Staates Queensland hinweg gepeitscht und hat verheerende Schäden angerichtet. Mindestens 20 Menschen wurden verletzt, teilte die Polizei mit. Zuerst traf der Wirbelsturm auf Innisfail, 100 Kilometer südlich der Stadt Cairns, berichtete der Sender "Sky News". Hunderte von Bewohnern flohen zu höher gelegenen Plätzen.
Der Sturm deckte zahlreiche Dächer ab. Entwurzelte Bäume blockierten die Straßen. Bürgermeister Neil Clarke sprach von "totaler Zerstörung". Die Polizei konnte trotz hunderter Notrufe nicht zu Einsätzen ausrücken, weil die Beamten ihre Station nicht verlassen konnten. Häuser seien buchstäblich um die Menschen in dem rund 9.000 Einwohner zählenden Ort herum in sich zusammengebrochen. Der Ministerpräsident von Queensland, Peter Beattie, rief den Notstand aus.
"Das ist der verheerendste Zyklon an der Ostküste von Queensland seit Jahrzehnten", sagte der Leiter des Katastrophenschutzes des australischen Staats, Frank Pagano. Meteorologen sprachen von "schrecklichen" und "extrem gefährlichen" Bedingungen in der Region und warnten vor Flutwellen entlang eines 300 Kilometer langen Küstenabschnitts. "Noch schlimmer kann es kaum kommen", sagte der Meteorologe Jonty Hall.
Schon Tage vor dem Eintreffen des Zyklons hatten die Behörden vor dem bedrohlichen Wirbelsturm gewarnt. Tausende Einwohner und Touristen wurden in Sicherheit gebracht. Im Einzugsgebiet des Zyklons liegen die Städte Cairns und Townsville mit 125.000 und 160.000 Einwohnern. In Küstengebieten südlich von Cairns wurden Zwangsevakuierungen angeordnet, die Behörden richteten Notunterkünfte ein.
In dem Touristenort Mission Beach wurden durch den gewaltigen Wirbelsturm Bäume entwurzelt und Stromleitungen gerissen, berichtete der australische Fernsehsender ABC. Einwohner suchten in Schulen und Hotels Schutz vor der Wucht des Sturms. Die Behörden hatten Bewohner von tief gelegenen Siedlungen im Norden des Bundesstaates Queensland zuvor aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen.
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Der Wirbelsturm Larry liegt am 20.3.2006 um 4.00 Uhr MEZ bereits über dem australischen Queensland. Das Foto ist ein verkleinerter Ausschnitt aus dem großen Pazifik-Foto des Satelliten EuMetSat. (Sat-Foto: 20.3.2006 NERC/Dundee/khd)
Der Sturm wurde in die zweithöchste Kategorie 4 eingeordnet. Laut CNN wurde der Wirbelsturm sogar in die höchste Kategorie 5 eingestuft. Die Behörden verglichen die Stärke des Zyklons mit der des Hurrikans "Katrina", der im August des vergangenen Jahres an der Küste des US-Bundesstaates Louisiana und vor allem in der Großstadt New Orleans eine grausame Spur der Verwüstung hinterlassen hatte.
Die Behörden erwarteten, dass "Larry" seine Stärke für etwa 24 Stunden beibehält und noch hunderte von Kilometern landeinwärts zieht, bevor der Sturm an Kraft verliert. Zyklone sind ebenso wie Hurrikans tropische Wirbelstürme, die ihre zerstörerische Kraft über dem Meer gewinnen.
Das große Schmelzen
Land unter? Eismassen in Grönland und der Antarktis könnten schneller als erwartet abtauen.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 24. März 2006, Seite xx (Wissen & Forschen). [Original]Die Eismassen in der Arktis und Antarktis könnten schneller schmelzen als erwartet. Das ergaben Studien, in denen Computersimulationen mit Daten aus der Klimageschichte zusammengeführt wurden. Die Untersuchungen deuten darauf hin, dass der arktische Sommer des Jahres 2100 so warm sein könnte wie vor 130.000 Jahren, als der Meeresspiegel bis zu 6 Meter höher lag.
Am Ende dieses Jahrhunderts könnte es den Studien zufolge warm genug sein, um einen großen Teil der Eismassen Grönlands im Laufe des folgenden Jahrtausends abzuschmelzen, befürchten Jonathan Overpeck von der University of Arizona und seine Kollegen. Sie stellen ihre Forschungsergebnisse im Fachblatt Science vor.
Weil die zukünftige Entwicklung zu kompliziert ist, um sie mit einfachen Modellen gut vorherzusagen, warfen die Forscher einen Blick zurück in die Vergangenheit. In eine Zeit, in der ähnliche Verhältnisse auf dem Globus herrschten. Vor rund 130.000 Jahren bis vor etwa 127.000 Jahren lagen die Temperaturen ähnlich hoch wie sie Klimaforscher für das Jahr 2100 vorhersagen, berichten Bette Otto-Bliesner vom US-Atmosphären- Forschungszentrum in Boulder und Kollegen. Nördlich des 60. Breitengrades, auf dem zum Beispiel Norwegens Hauptstadt Oslo liegt, war es damals im Sommer durchschnittlich 2,4 Grad Celsius wärmer als heute. Über Grönland lagen die Temperaturen sogar rund 3 Grad höher als heute.
Steigen die Treibhausgaskonzentrationen wie bereits heute auch in jedem kommenden Jahr um rund 1 Prozent an, dürften gegen Ende dieses Jahrhunderts im hohen Norden ähnliche Temperaturen wie vor 130.000 Jahren herrschen. Demnach könnte um das Jahr 2100 das Eis Grönlands ähnlich wie damals reagieren, als gerade die vorletzte Eiszeit zu Ende ging. In Grönland zogen sich in dieser Zeit die Eismassen erheblich weiter zurück als sie es am Ende der letzten Eiszeit getan haben, fanden Philippe Huybrechts und seine Kollegen vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven heraus.
Übrig blieben im Großen und Ganzen zwei mächtige Eisschilde: ein kleinerer weiter im Süden und ein erheblich größerer Eispanzer weit im Norden Grönlands. Da beide Gletschermassen ähnlich hoch wie heute über dem Meeresspiegel aufragten, fielen die Flanken des Eises erheblich steiler als heute ab, ergänzt Heinz Miller, der am AWI die Abteilung leitet, die sich mit den Eiskappen in hohen Breiten befasst.
Zu einem ähnlichen Ergebnis kommen auch die amerikanischen Kollegen. Beinahe die Hälfte des heute auf Grönland vorhandenen Eises habe damals gefehlt. Zwar könne es durchaus 1.000 Jahre gedauert haben, bis so viel Eis geschmolzen war, meinen die Amerikaner. Insgesamt aber habe Grönland damals genug Eis verloren, um den Meeresspiegel zwischen 220 und 340 Zentimeter höher als heute steigen zu lassen.
Löst die Klimaerwärmung eine ähnliche Entwicklung aus, hätten Küstenstädte wie Hamburg oder Rotterdam und flache Inseln oder flache Küstenstaaten wie die Malediven oder Bangladesh also schlechte Karten. Die Ergebnisse der US-Kollegen beruhen allerdings auf Modellrechnungen, weil niemand damals beobachtet hat, wie viel Eis tatsächlich abgeschmolzen ist. Auch die Klimawerte wurden mit Computersimulationen ermittelt. Solche Eis- und Klimamodelle enthalten daher einige Unsicherheiten, sagt Heinz Miller. Obendrein wissen die Forscher nicht genau, wie sich das Eis Grönlands heute entwickelt. So kann es sein, dass mancherorts die Eisdecke zunimmt, weil die Schneefälle stärker werden. Oder aber das stärkere Schmelzen durch steigende Temperaturen am Rand übertrifft dieses Gletscherwachstum, so dass insgesamt mehr Eis zu Wasser wird.
W I N D H O S EZwei Tote durch umgekippte Baukräne
Bei einem kurzen, aber heftigen Sturm [einem Tornado] sind auf einer Hamburger Baustelle 3 Kräne umgekippt; 2 Kranführer wurden dabei getötet. Vielerorts fiel der Strom aus; der S-Bahn-Verkehr brach zusammen.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 27. März 2006, 21.07 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]
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Tornado über Süd-Hamburg am 27.3.2006. (Foto: 27.3.2006 mopo)
HAMBURG. Bei einem kurzen, aber heftigen Unwetter sind am Montagabend in Harburg im Süden Hamburgs zwei Menschen durch umgekippte Baukräne getötet worden. Die Kranführer befanden sich nach Angaben der Polizei in ihren Kabinen, als der Sturm überraschend einsetzte. Zwei weitere Menschen wurden schwer verletzt, teilte die Feuerwehr mit. Nach ersten Erkenntnissen waren auf einem Grundstück in Harburg 3 von 4 Baukränen umgekippt.
Aus dem Süden der Stadt berichteten Anwohner von einer "Art Windhose". Zahlreiche Häuser wurden abgedeckt. Nach Angaben der Feuerwehr wurden durch den Wirbelsturm Hochspannungsleitungen zerrissen. "Wir haben im Moment so ziemlich alles auf der Straße, was wir aufbieten können", teilte ein Sprecher der Feuerwehr mit.
Durch die Schäden an den Hochspannungsleitungen fiel vielerorts der Strom aus. Im Allgemeinen Krankenhaus Harburg gab es während des Unwetters keinen Strom. Auch das Schiffsmeldewerk, das die Lage und Position der meisten Schiffe in Norddeutschland überwacht, war am Abend ohne Elektrizität. Der S-Bahn- Verkehr südlich von Harburg brach vollständig zusammen.
Das Unwetter sorgte im Osten und Süden der Stadt für ein "totales Chaos", wie es bei den Rettungsdiensten hieß. Auch in der Innenstadt brachte der Ausfall zahlreicher Ampeln den Verkehr am Abend stellenweise zum Erliegen.
In vielen Stadtteilen Hamburgs war die Feuerwehr am frühen Abend wegen voll gelaufener Keller im Dauereinsatz. "Bei uns herrscht im Moment Land unter", hieß es bei der Feuerwehr. Die Polizei war wegen mehrerer Unfälle ebenfalls im Dauereinsatz. Blitz und Donner sorgten in der Innenstadt dafür, dass zahlreiche Alarmanlagen anschlugen.
Ein Tornado hat am Montagabend [27.3.2006] im niedersächsischen Esenshamm gewütet. Der Wirbelsturm habe ein Auto erfasst und in einen Graben geschoben, teilte die Polizei mit. Außerdem seien zahlreiche Dachpfannen von einem Wohnhaus gerissen worden und das Wellblechdach eines Maschinenschuppens zerstört worden. Verletzt wurde niemand. "Einige Bleche sind 300 Meter durch die Luft geflogen. So etwas hab ich noch nie gesehen", sagte Hartmut Lübtow von der Polizei in Nordenham. [mehr]
K L I M A F O R S C H U N GHamburgs Tornado überrascht Experten
Der Tornado von Hamburg hat schwere Verwüstungen hinterlassen und war doch nur ein mittelstarkes Exemplar. Wetterexperten befürchten jedoch, dass die Deutschen es in Zukunft öfter mit verheerenden Windhosen zu tun bekommen.
Aus: Spiegel Online 28. März 2006, 19.19 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]HAMBURG. Nicht länger als eine halbe Minute wütete die Windhose am Montagabend [27.3.2006] in Hamburg-Harburg, teilte der Deutsche Wetterdienst (DWD) in Offenbach mit. Das Ergebnis war dennoch verheerend: Die mächtige Luftsäule ließ 2 Baukräne umstürzen, riss die Kranführer in den Tod und hinterließ eine Schneise der Verwüstung.
"Mit einem Tornado wie dem von Hamburg-Harburg ist in Deutschland ungefähr alle 2 bis 3 Jahre zu rechnen", erklärt Andreas Friedrich vom DWD im Gespräch mit Spiegel Online. Der Meteorologe zählt jedes Jahr zwischen 20 und 30 Tornados geringer Stärke in Deutschland. "Bei dem Harburg-Tornado handelt es sich allerdings bereits um einen stärkeren F2-Tornado", sagt Friedrich.
Ähnlich der Richter-Skala für Erdbeben gibt es für Tornados die sogenannte Fujita- oder F-Skala zur Messung der Intensität. Da es nur selten verlässliche Messungen der tatsächlichen Windgeschwindigkeiten gibt, wird die Schwere eines Tornados über die von ihm verursachten Schäden ermittelt. Die Skala reicht von schwach (F0) über stark (F2 und F3) bis verheerend (F4 und F5).
Nach Angaben der Meteorologen ist nicht vorhersehbar, ob sich Sturmböen zu Windhosen entwickeln. "Man kann in Deutschland nicht vor Tornados warnen, weil sie sich sehr kurzfristig entwickeln", sagt Friedrich. Mit Blick auf die Windhose von Hamburg nannte er es allerdings "sehr ungewöhnlich, dass es so früh im Jahr einen Tornado gibt". Mit dem viel diskutierten Klimawandel sei dies zwar nicht in Verbindung zu bringen. "Wenn die Klimamodelle allerdings recht behalten, könnten Tornados in Deutschland in Zukunft häufiger auftreten", sagt Friedrich.
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Wie entsteht ein Tornado? (Grafik: 28.3.2006 mopo)
Je größer der Temperatur- Unterschied zwischen den Luftschichten ist, desto schneller bewegen sich die Luftmassen. Kollidiert die warme und feuchte Luft mit der kalten Höhenluft, bilden sich starke Luftwirbel. Weht dazu in großer Höhe noch ein starker Seitenwind, werden diese Wirbel während des Aufsteigens angedreht. Dadurch wächst aus der Gewitterwolke eine Windhose Richtung Boden. Der dabei entstehende Sog kann Dächer abdecken, Bäume entwurzeln und Wohnwagen umstürzen lassen.In Mitteleuropa sind solche extremen Luftmassenunterschiede selten. Schwerste Tornados, wie sie hauptsächlich im mittleren Westen der USA vorkommen, verwüsten ganze Landstriche und reißen ganze Häuser mit sich. Sie erreichen Geschwindigkeiten von 270 bis 360 Kilometern pro Stunde und nähren sich manchmal über Stunden hinweg von bodennahen warmen Luftschichten.
Als stärkster jemals in Deutschland gemessene Tornado ist der "Pforzheim-Tornado" bekannt. Im Juli 1968 kamen bei dem Wirbelsturm zwei Menschen ums Leben, 300 wurden verletzt. Auf einer Schneise von 27 Kilometern Länge hinterließ der Sturm Sachschäden in Höhe von umgerechnet 55 Millionen Euro.
Menschen sollten sich bei einem Tornado möglichst im Innern von Gebäuden aufhalten, damit sie nicht von herumfliegenden Gegenständen getroffen werden. Am sichersten sind Keller oder andere fensterlose Räume, möglichst weit weg von den Außenwänden.
K L I M A I N D E U T S C H L A N DHitzewallung über der Antarktis
Die Luft über der Antarktis [Südpol] hat sich in den letzten 30 Jahren stärker erwärmt als über anderen Erdteilen. Die Ergebnisse von britischen Forschern stimmen nicht mit gängigen Klimamodellen überein.
Aus: Spiegel Online 1. April 2006, 10.03 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]LONDON. Die kälteste Region der Erde ist zugleich auch diejenige, die sich am schnellsten erwärmt immer schneller schmilzt das ewige Eis. Wissenschaftler vom British Antarctic Survey (BAS) haben nun auch in der Troposphäre über der Antarktis, einer Luftschicht in ungefähr 5 Kilometern Höhe, einen außergewöhnlich hohen Temperaturanstieg gemessen. Demnach hat sich die Luft über dem Südpol in den letzten 30 Jahren stärker erwärmt als über allen anderen Teilen der Erde, schreibt die britische Forschergruppe im Wissenschaftsmagazin Science.
Die Forscher werteten gesammelte Daten von Wetterballons aus, die von 1971 bis 2003 die Temperaturen über der Antarktis aufzeichneten. Bei den Überprüfungen der Daten über drei Jahrzehnte hinweg, maßen sie einen Temperaturanstieg um 0,5 bis 0,7 Grad Celsius. Weltweit habe die Lufterwärmung im Durchschnitt dagegen nur um 0,1 Grad Celsius zugenommen.
Einen Grund für diese Diskrepanz konnte das Forscherteam unter Leitung von John Turner nicht nennen. Insgesamt lägen die Ergebnisse jedoch im Bereich dessen, was infolge des Treibhauseffekts zu erwarten sei, hieß es. Der Wärmeaustausch zwischen Erde und Atmosphäre findet hauptsächlich in der Troposphäre statt. Ihre Entdeckung sei besonders interessant, da Messungen auf der Oberfläche der Antarktis keinen kontinuierlichen Temperaturanstieg anzeigen, sondern Schwankungen.
Eine mögliche Erklärung für die deutlichen Unterschiede in der Temperatur könnte in den Klimamodellen liegen. Je regionaler die Prozesse ablaufen, desto ungenauer werden die Voraussagen globaler Modelle. Wissenschaftler wollen besonders die antarktischen Temperaturschwankungen verstehen, da das Eis dort genug Wasser birgt, um den Meeresspiegel um 60 Meter ansteigen zu lassen.
Fieberkurve der Nation
Detailliert wie nie zuvor hat ein Hamburger Supercomputer das künftige Klima Deutschlands errechnet. Fazit: Die Profiteure der Erwärmung leben im Norden.
Aus: Spiegel Online 24. April 2006, 13.36 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]
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Vermutliches Klima in Deutschland am Ende des 21. Jahrhunderts. (Grafik: 4.2006 Spiegel)
HAMBURG. Der Mai verspricht für Berlin wenig Gutes. Es wird viel regnen, über 20 Prozent mehr als normal. "Die Sonne macht sich rar", prophezeit die Meteorologin Daniela Jacob. Doch immerhin: Milde Westwinde bescheren den Hauptstädtern Temperaturen, die um 1,2 Grad Celsius über denen von heute liegen.
Tröstlich an diesen durchwachsenen Aussichten ist lediglich, dass viele Berliner sie gar nicht mehr erleben werden. Denn die Daten hat ein Superrechner am Deutschen Klimarechenzentrum in Hamburg ausgespuckt, und zwar für das Jahr 2050.
Mit einigen Handgriffen an Maus und Tastatur kann sich Daniela Jacob vom Max-Planck-Institut (MPI) für Meteorologie in Hamburg Temperatur-, Wind-, Niederschlags- oder Sonneneinstrahlungswerte aus der ganzen Republik auf den Bildschirm holen. "Und das für jede künftige Stunde bis ins Jahr 2100", wie die Forscherin ergänzt. Dafür hat der Supercomputer des Instituts in den vergangenen Monaten 432 Billiarden Rechenoperationen ausgeführt. "Ein normaler PC hätte dafür 70 Jahre gebraucht", sagt Jacob. Auf 42.000 Gigabyte Speicherplatz lagert nun in einem Uni-Gebäude im 15. Stock die klimatische Fieberkurve der Nation, und das in einer räumlichen Auflösung, die weltweit einzigartig ist.
Der Computer hat Deutschland dabei in 10 mal 10 Kilometer kleine Kästchen eingeteilt und für jedes dieser Quadrate das Klima berechnet. Der Datenschatz wird diesen Dienstag [25.4.2006] auf einer Konferenz des Umweltbundesamts in Dessau vorgestellt. Die Begehrlichkeiten, die das Konvolut aus Bits weckt, sind groß in der Forschergemeinde. Scharen von Hydrologen, Biologen, Energietechnikern, Medizinmeteorologen, Bauphysikern und Katastrophenschützern werden sich nun darüber beugen, um abzuschätzen, was der Klimawandel für Land und Leute bedeutet.
Ob es um die Frage geht, wo sich künftig Rotwein anbauen lässt, welche Häuser im Starkregen absaufen oder welche Chemiewerke aus Wassermangel vorübergehend schließen müssen. "Die Daten helfen uns, das Land möglichst gut auf das sich wandelnde Klima einzustellen", sagt Petra Mahrenholz vom Umweltbundesamt.
Der Trend des Computermodells namens Remo deckt sich mit früheren, weniger detailreichen Simulationen: Die Durchschnittstemperatur wird je nach Region, je nach Menge der ausgestoßenen Treibhausgase um bis zu 4 oder sogar 5 Grad ansteigen. Im Sommer liegt das vor allem daran, dass sich das für warme Winde zuständige Azorenhoch weiter nach Nordosten ausdehnen wird.
Die Gesamtmenge des Niederschlags ändert sich kaum, doch fällt er künftig verstärkt im Winter. Die Sommer dagegen fallen deutlich trockener aus. "Das Wetter wird einfach extremer", so Jacob. Auch ist häufiger mit Hochwasser zu rechnen. Die jährliche Schadenssumme dieser Wetterkapriolen veranschlagen die Experten ab 2050 auf 27 Milliarden Euro.
"Überrascht hat uns aber besonders, wie unterschiedlich sich die globale Erwärmung in einzelnen Regionen auswirkt", sagt Jacob. So stünden dem Großteil des Ostens mediterrane Sommer bevor. Die ohnehin recht flache Elbe könne häufig unbeschiffbar sein. In der Region um Leipzig dagegen werde es deutlich feuchter.
Die Ursache vermuten die Klimaexperten darin, dass die Luftmassen aus einer etwas veränderten Richtung auf das Erzgebirge zuströmen. Hinzu kommen Aufwinde, die sich über verschiedenartigem Untergrund bilden je nachdem, ob es sich um Wald- oder Ackerflächen handelt. "Eine Verkettung verschiedener Phänomene führt dazu, dass sich dann die Feuchtigkeit rund um Leipzig stärker abregnet als heute", so Jacob.
Erstaunt hat die Forscher auch die Region um Freiburg. Schon heute ist sie das Treibhaus der Nation, künftig wird sie sogar noch um mehr als 3 Grad Celsius zulegen. Gleichzeitig wird es entgegen dem generellen Trend in der kalten Jahreszeit eher trockener. Dafür gehen die Niederschläge verstärkt an den Vogesen und an der Ostflanke des Schwarzwalds herunter.
Größter Verlierer des Klimawandels aber ist die Wintersportindustrie. Denn in den Alpen klettern die Temperaturen deutlich überproportional, teilweise um über 5 Grad bis ins Jahr 2100. Zwar wird es vielerorts, vor allem in den Ostalpen, mehr Niederschlag geben. Dem Skitourismus kommt das jedoch nicht zugute. Denn das Remo-Modell hat den Anteil des Niederschlags berechnet, der in Form von Schnee fallen wird, und der ist äußerst gering. "Für die Skilifte in Garmisch-Partenkirchen wird es eng", so Jacob.
Doch es gibt auch Profiteure des Wandels hauptsächlich im Norden Deutschlands. Hamburger, Holsteiner und Mecklenburger dürfen sich auf deutlich mehr Schönwetterlagen im Sommer und auf steigende Temperaturen freuen. Gut sind die Aussichten besonders für die Hoteliers an der Ostsee: "Da wird es im Sommer 3 Grad wärmer", so MPI-Forscherin Jacob.
Schnee von heute
Studie: Klimaänderung lässt Niederschläge steigen.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 2. Mai 2006, Seite xx (Wissen + Forschen). [Original]LONDON (Tsp). Die Schneefälle im Himalaja und im Karakorum-Gebirge nehmen seit 150 Jahren kräftig zu, wie Autoren um Kerstin Treydte (Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft in Zürich) im Magazin Nature (Band 440, Seite 1179) melden. Als Ursache kommt die Industrialisierung in Betracht.
Bei der Beschreibung des Klimawandels konzentrierten sich Klimaforscher bisher meist auf vielerorts steigende Temperaturen. Im letzten Bericht des Weltklimarates IPCC kommen die Niederschläge der Vergangenheit gar nicht vor. Dabei sind solche Änderungen meist gravierender als steigende Temperaturen: Regnet es nicht, verdorrt die Ernte. Fällt aber mehr Nass vom Himmel, richten Hochwasser oft riesige Schäden an.
Niederschläge lassen sich viel schwerer bestimmen als Temperaturen, zuverlässige Werte haben daher bereits für das 20. Jahrhundert in vielen Weltregionen eher Seltenheitswert. Über die Niederschläge des vergangenen Jahrtausends ist fast nichts bekannt, erklärt Gerald Haug, der sich am Geoforschungszentrum in Potsdam mit dem Klima der Vergangenheit beschäftigt.
Kerstin Treydte wollte diese Lücke ein wenig schließen. Noch als Doktorandin am Forschungszentrum Jülich fällte sie im äußersten Norden Pakistans in Höhen zwischen 2900 und mehr als 3700 Metern über dem Meeresspiegel Wacholderbäume der Art Juniperus excelsa. Regnet es mehr, sinkt der Gehalt des Sauerstoff-18-Isotops im Wasser. Und da Wacholderbäume Niederschlagswasser zum Wachsen brauchen, findet sich dann auch im Holz des Jahrringes dieser Bäume weniger Sauerstoff-18. Vor allem in ihrem jüngsten Wachholderholz fand die Klimaforscherin Hinweise auf eine Zunahme der Niederschläge.
Kombiniert mit ihrer Isotopenanalyse konnte Treydte den Niederschlag für mehr als 1150 Jahre zwischen 826 und 1998 im Hochgebirge des nördlichen Pakistans ermitteln: In den ersten 1000 Jahren dieses Zeitraums schwankten die Niederschläge zwar erheblich. Ein Trend zeichnete sich aber nicht ab, langfristig änderte sich wenig. Erst als vor 150 Jahren in Europa und Nordamerika die Industriebetriebe aus dem Boden schossen und anfingen, massenhaft Kohle und Öl zu verfeuern, gab es mehr Niederschläge in Zentralasien.
Dieses Ergebnis deckt sich hervorragend mit den wenigen anderen Niederschlagsmessungen, die bisher für den Globus gemacht wurden. So schwankten auch in Süddeutschland die Niederschlagswerte seit 1500 lange um einen Mittelwert, bevor sie am Ende des 19. Jahrhunderts kräftig anstiegen. Ähnlich sieht es für die letzten 1000 Jahre im Nordosten Chinas und in den Monsungebieten im Südwesten Asiens aus. Einzig der Westen Nordamerikas bildet eine Ausnahme. Dort kühlt die Klima-Anomalie El Niño seit Anfang des 20. Jahrhunderts zunehmend das Wasser. Dadurch verdunstet auch weniger, und die Niederschläge entlang der Pazifikküste der USA gehen zurück. Immer weniger Wasser führt seither der Colorado, schon in den nächsten Jahren und Jahrzehnten könnte daher in Los Angeles das Wasser knapp werden, wie Haug befürchtet.
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