Infos zur Veränderung des Klimas – Teil 10 khd
Stand:  20.9.2006   (23. Ed.)  –  File: Sci/Nat/K/Klima_10.html



Hier werden einige ausgewählte und besonders interessante Texte zum gefährlichen Klimawandel und dessen Folgen gespiegelt und damit auf Dauer dokumentiert, manches wird auch in [Ed: ...] kommentiert. Tipp- und Übertragungsfehler gehen zu meinen Lasten.

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W E T T E R P H Ä N O M E N

Riesenwellen an Amerikas Pazifikküste

Ein seltenes Wetterphänomen hat an der Westküste Mittel- und Südamerikas 3 Tage lang für heftigen Wellengang gesorgt. In 8 Ländern mussten Menschen ihre Häuser verlassen, weil bis zu 6 Meter hohe Brecher an die Küsten schlugen.

Aus:
Spiegel Online – 21. Juni 2006, ??.?? Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). Die SPIEGEL-Leute geben seit Mai 2006 keine Uhrzeit mehr an. [Original]

KALIFORNIEN/USA. Die kräftige Brandung war noch in Kalifornien zu spüren, von Mexiko bis nach Chile sperrten die Behörden Strände. In mehreren Ländern wurden Häuser in Strandnähe zerstört: In Honduras allein fielen 300 Häuser den Wellen zum Opfer, auch aus Nicaragua, El Salvador und Mexiko wurden Überschwemmungen gemeldet.

"Ein ziemlich außergewöhnliche Sturm-System hat diese Wellen verursacht", erklärt Hugh Cobb vom National Hurricane Center in Miami. Auslöser war ein Tiefdruckgebiet einige hundert Kilometer vor Neuseeland. Es sorgte für Schneefall über dem Meer und für einen Sturm etwa 3.200 Kilometer südlich der Galapagos-Inseln. Der führte dazu, dass riesige Wassermassen in Richtung Osten geschoben wurden. Mit 4 Meter hohen Wellen rasten sie durch den Pazifik, bis das Wasser als hohe Brandung an der Westküste Amerikas ankam.



K L I M A D E B A T T E

Globale Erwärmung belegt und geleugnet

Der Klimaforscher Michael Mann war kurz das Maskottchen der Warner – und die Zielscheibe der Leugner eines menschgemachten Klimawandels. Längst belegen bessere Daten die beispiellose Erwärmung, sagt eine Studie für den US-Kongress. Doch auch Klima-Skeptiker schlachten das Papier aus.

Aus:
Spiegel Online – 23. Juni 2006, ??.?? Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). Die SPIEGEL-Leute geben seit Mai 2006 keine Uhrzeit mehr an. [Original]

Der einzige deutsche Forscher, der an der Studie für den Umweltausschuss des US- Kongress mitgewirkt hat, ist zufrieden. Endlich werde klar zwischen 2 Dingen unterschieden: Einerseits der Debatte um Michael Mann und andererseits der Sicherheit der veröffentlichten Schätzungen über die Temperaturschwankungen der letzten 1000 bis 2000 Jahre.

"Bisher wurden die Kritik an Mann und am Klimawandel in eine Kiste gesteckt", sagte Hans von Storch zu SPIEGEL ONLINE. Stoch arbeitet als Klimatologe an der Universität Hamburg und am GKSS-Forschungszentrums in Geesthacht.

Ende der neunziger Jahre hatte Michael Mann mit zwei Kollegen in den Fachzeitschriften Nature und Geophysical Research Letters Temperatur- Rekonstruktionen vorgestellt, aus denen er unter anderem gefolgert hatte, das Jahr 1998 das wärmste Jahr des Jahrzehnts gewesen sei, und die neunziger Jahre das wärmste Jahrzehnt des Jahrtausends waren.

Geführt von zwei kanadischen Kritikern, dem Statistiker und Bergbau-Berater Stephen McIntyre und Ross McKitrick, einem Ökonom, hatten unterschiedliche Wissenschaftler die Methode von Manns Arbeit untersucht – und angezweifelt. Dieser hatte unter anderem Baumringe als Belege für Temperaturschwankungen gelesen. McIntyre und McKitrick warfen ihm vor, er habe diese sogenannten Proxies selektiv ausgewertet.

Überinterpretiert schon, manipuliert nicht

Die gestern veröffentlichte Studie "Surface Temperature Reconstructions for the Last 2,000 Years" des Forschungsrats der renommierten National Academy of Sciences (NAS), sprach Mann und seine Kollegen vom Verdacht der Manipulation und selektiven Darstellung frei. Methodische Fehler und Unzulänglichkeiten bemängelte das Forschergremium aber durchaus.

Der Abgeordnete Sherwood Boehlert, Vorsitzender des Umweltausschusses im US-Kongress, kommentierte: Es gebe nun "keinen Zweifel" mehr daran, "dass irgendein Fachaufsatz zur Temperaturrekonstruktion seriöse wissenschaftliche Arbeit war".

In Europa hat sich die Klimadebatte von dem Streit um Manns Grafik vom Hockeyschläger – so bezeichnet, weil in ihr die Temperaturkurve des zwanzigsten Jahrhunderts steil anstieg, wie das krumme Ende eines Hockeyschlägers – weitgehend emanzipiert. In den USA hingegen wurden und werden oft mit Mann auch alle anderen Warner vor einer globalen Erwärmung diskreditiert: Panikmache, selektive Darstellung, politische Agitation – so lautete der Generalverdacht.

"Ändert nichts an Hauptschlussfolgerung"

"Die Situation ist dort eine andere", sagte der Hamburger Wissenschaftler Storch, "da haben Skeptiker des Klimawandels direkten Kontakt zu einflussreichen Mitgliedern des Senats und des Repräsentantenhauses." Auch die mediale Darstellung sei anders als in Europa. "Da wird gerne der Eindruck erweckt, als gäbe es in der Klimaforschung zwei gleich starke Seiten – und die werden dann auch beide ausgewogen angehört."

Auch deswegen hatte wohl die Hockeystick-Thematik in der Anfrage des Abgeordneten Boehlert deutlich größeres Gewicht als in der darauf folgenden Projektbeschreibung zur NAS-Studie. Beide liegen SPIEGEL ONLINE vor.

Mann und seine Kollegen, so hatte das Panel befunden, hätten methodologisch unzulänglich gearbeitet. Ihre Schlussfolgerungen für einzelne Jahre seien eine Überinterpretation der Daten.

"Aber das ändert nichts an der Hauptschlussfolgerung", sagte Storch. Der Wissenschaftler hatte Anfang dieses Jahres in der Fachzeitschrift Geophysical Research Letters vorgerechnet, das die Temperaturentwicklung im 30-jährigen Mittel Ende des zwanzigsten Jahrhunderts über dem historischen Mittel liegt – unabhängig welche Proxy-Werte man für die Rekonstruktion verwendet. Storch gelang dieser Befund auch mit Daten von Manns schärfstem Kritiker Steve McIntyre.

Neues Propaganda-Futter für die Skeptiker

Die Datenlage für die Rekonstruktion von Oberflächentemperaturen hatte das Gremium abgestuft beurteilt: Mit Sicherheit könne man die Temperaturverläufe für die letzten 400 Jahre rekonstruieren - und sagen, dass die gegenwärtige Erwärmung beispiellos sei.

Für die zurückliegenden 1000 Jahre seien die Daten nicht so eindeutig, für die letzten 2000 Jahre noch weniger. Kritiker verweisen gerne und genüsslich darauf, dass zwischen 1500 und 1850 eine "kleine Eiszeit" (LIA für little ice age) genannte Kaltperiode herrschte. "Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Leugner eines Klimawandels das nutzen werden", sagte Storch.

Sie tun es bereits. Einer der Klimahardliner, der republikanische Senator James Inhofe aus Oklahoma sagte: "Versuchte man eine menschgemachte globale Erwärmung zu beweisen, indem man die wohlbekannte Tatsache, dass es heute wärmer ist als zum Ende der kleinen Eiszeit, ist das genau so, als würde man Sommer mit Winter vergleichen um einen katastrophalen Temperaturtrend zu belegen."

Erwärmungs-These fußt nicht nur auf Temperaturkurven

Storch sagte, nicht die absoluten Temperaturschwankungen seien wichtig für die Klimaforschung, sondern die Veränderungen. Und einen so starken Anstieg wie gegenwärtig habe es noch nicht gegeben.

Der Ausschussvorsitzende Sherwood Boehlert sagte der Zeitung New York Times: "Es gibt nichts im gesamten Report, das irgendeinen Zweifel am breiten wissenschaftlichen Konsens über den Klimawandel wecken könnte – der ohnehin nicht in erster Linie auf den Temperaturrekonstruktionen fußt."

Ob das 155-seitige Dokument, das Boehlert von dem Wissenschaftler- Gremium überreicht wurde, den allgemeinverbindlichen Kenntnisstand bei Washingtons Politikern nun anhebt, ist zumindest fraglich. Nicht nur geht Boehlert, der Klima-Dissident im Lager der Republikaner, am Ende des Jahres in den Ruhestand.

Sein Gegenspieler, der Ausschussvorsitzende für Handel und Energie, Joe Barton, hat auch bereits ein eigenes Gremium aus Statistikern auf die Arbeiten von Michael Mann und seinen Kollegen angesetzt. Es ist vorhersehbar, dass sie sich weiter an dessen Hockeystick abarbeiten werden.



U S - U M W E L T S C H U T Z

Bush bezeichnet Klimawandel als "Problem"

Bisher hat die US-Regierung das Treibhausgas Kohlendioxid nicht einmal als Luftschadstoff anerkannt. Jetzt hat George W. Bush die globale Erwärmung als "ernsthaftes Problem" bezeichnet – ein bedeutender Schritt für den US-Präsidenten.

Aus:
Spiegel Online – 27. Juni 2006, 17.21 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

WASHINGTON. Möglicherweise hat er es bislang stets im Stillen gesprochen. "Ich habe immer wieder gesagt, dass die globale Erwärmung ein ernstes Problem ist", behauptete US-Präsident George W. Bush jetzt vor Journalisten in Washington. Er reagierte damit auf die Veröffentlichung einer Studie der renommierten National Academy of Sciences aus der Vorwoche. Auf Anfrage des Umweltausschusses im US-Kongress hatten die Klimaforscher darin den aktuellen Stand der Klimaforschung zusammengefasst.

Die Rekonstruktion von Oberflächentemperaturen für die vergangenen 400 Jahre sei sehr zuverlässig und für die davor liegenden 600 Jahre nicht mehr ganz so sicher, hieß es in dem Papier. Dennoch könne man sagen, dass das Ende des 20. Jahrhunderts die wärmste Zeit im vergangenen Jahrtausend gewesen sei – wahrscheinlich gar in den letzten zwei Jahrtausenden. Nicht die Temperaturen allein seien aber ein Indikator für einen – von Menschen verursachten – Klimawandel. Auch die außergewöhnlich hohen Konzentrationen von Methan und Kohlendioxid in der Erdatmosphäre stützten die Theorie vom Treibhauseffekt.

Offenbar fühlte sich Bush nunmehr gezwungen, nach Jahren des Abwiegelns den weltweiten Temperaturanstieg als "Problem" zu bezeichnen – und damit anzuerkennen. Lange hatten er selbst und seine Regierung einen Zusammenhang mit menschlicher Aktivität bestritten, viele Vertreter des konservativen Lagers tun das bis heute. Immer wieder gab es auch Berichte darüber, dass die US-Regierung direkt Einfluss auf die Arbeit von Wissenschaftlern genommen habe.

Nun ist es laut Bush an der Zeit, die Diskussion um die Frage zu überwinden, ob die Klimaerwärmung vom Menschen oder von natürlichen Vorgängen verursacht werde. Stattdessen müsse man über mögliche Gegenmaßnahmen sprechen. Der US-Präsident erwähnte Technologien für saubere Kohleenergie, wasserstoffbetriebene Autos und modernere Atomkraftwerke. Bislang hatte Bush solche Pläne vor allem damit begründet, dass sie die USA unabhängig von Ölimporten aus Arabien machen und damit die nationale Sicherheit erhöhen könnten.

Supreme Court könnte schärfere Gesetze erzwingen

Bevor aber mit Hybriden, Atomkraftwerken und dem "freedom fuel" Wasserstoff eine neue Energiewirtschaft in den USA anbricht, droht der US-Regierung noch Ungemach wegen der Folgen der Nutzung fossiler Brennstoffe.

Das höchste Gericht der USA, der Supreme Court, hat sich zu Anhörungen in einem Rechtsstreit bereit erklärt, der die US-Klimapolitik seit Ende der neunziger Jahre betrifft. Es geht um die Frage, ob Kohlendioxid ein Luftschadstoff ist.

1999 hatte die US-Umweltschutzbehörde Environmental Protection Agency (EPA) das Gas schon entsprechend eingestuft, damals war noch Bill Clinton US-Präsident. Als 2003 die Bush-Regierung die Entscheidung revidierte, verklagten 13 US-Bundesstaaten die EPA – bislang ohne greifbaren Erfolg. Im vergangenen Jahr wies ein Bundesberufungsgericht die Forderung des Bundesstaats Massachusetts zurück, die EPA müsse zum Vorgehen gegen den Kohlendioxid-Ausstoß gezwungen werden.

Schon im Clean Air Act des Jahres 1970 habe der Congress das Klima als schützenswerten Bestandteil der Umwelt benannt, argumentierten die Kläger. Der klimaschädliche Ausstoß von CO2 durch Industrie und Verkehr müsse daher vom Staat eingeschränkt werden.

Im Herbst wird sich der Supreme Court mit der Frage auseinandersetzen, wie dieses Gesetz ausgelegt werden kann, bestätigte das Gericht nun in Washington. Eine Entscheidung wird für 2007 erwartet.

Kohlendioxid vor Gericht

Die EPA hatte sich bislang darauf berufen, dass die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels nur unvollständig geklärt seien. Im vergangenen Monat jedoch hatten renommierte Klimaforscher gegenüber dem Gericht betont, es sei "wahrscheinlich oder sehr wahrscheinlich", dass industrielle Kohlendioxid-Emissionen den globalen Klimawandel verursachten. Unter ihnen waren der Nobelpreisträger Sherwood Rowland – der Entdecker des Ozonlochs – und James Hansen vom Goddard Institute for Space Studies der Nasa.

Präsident Bush hatte sich immer wieder für freiwillige Maßnahmen der Wirtschaft ausgesprochen, da gesetzliche Vorgaben nur Geld und Arbeitsplätze kosten würden. Das Competitive Enterprise Institute, eine Lobby-Organisation der Energiewirtschaft, hatte kurz vor dem Start der Klimawandel-Dokumentation "An Inconvenient Truth" in den US-Kinos gar eine Imagekampagne gestartet. Über Kohlendioxid wurde da gesagt: " Manche wollen einen Schadstoff daraus machen. Für uns ist es Leben."

Über den Klageweg hoffen die EPA-Gegner, nun doch noch eine schärfere Umweltgesetzgebung zu erzwingen. Neben Massachusetts haben auch die US-Bundesstaaten Kalifornien, Connecticut, Illinois, Maine, New Jersey, New Mexico, New York, Oregon, Rhode Island, Vermont und Washington geklagt. Eine Reihe von Städten hat sich der Klage gegen die Umweltschutzbehörde EPA angeschlossen, darunter Baltimore, New York und Washington.



Ausgerechnet Deutschland

Aus Furcht vor der Industrielobby sabotiert die Bundesregierung den Klimaschutz der EU.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 28. Juni 2006, Seite xx (Meinung) von HARALD SCHUMANN. [Original]

Beim Thema Klimaschutz weiß Angela Merkel gut, was auf dem Spiel steht. Als Umweltministerin verhandelte sie das Kioto-Protokoll. Als Kanzlerin forderte sie jüngst, Europa müsse Vorreiter bei der Vermeidung von Treibhausgasen bleiben, weil es unsere „moralische Verantwortung“ vor der Welt sei.

Doch nun droht sich auf Merkel der Verdacht zu legen, ihre Erklärungen von gestern seien leeres Geschwätz. Am heutigen Mittwoch will sie mit ihrem Kabinett einen Plan verabschieden, dessen Umsetzung die Klimaschutzpolitik der EU ad absurdum führen würde.

Deren Basis ist das System zur Ausgabe von handelbaren CO2-Zertifikaten an die Industrie. Diese erlauben es den Besitzern, eine jeweils zugeteilte Menge an Kohlendioxid (CO2) zu produzieren. Wer mehr produziert, muss Zertifikate zukaufen. Wer durch bessere Technik Treibhausgase einspart, kann überschüssige Zertifikate verkaufen. Auf diesem Weg muss der Staat nicht jedem einzelnen Betrieb Vorschriften machen. Stattdessen findet der Klimaschutz dort statt, wo er am wenigsten kostet. Eine zentrale Voraussetzung muss jedoch erfüllt sein: Es dürfen nur erheblich weniger Zertifikate verteilt werden, als zur Fortführung des üblichen Betriebes nötig sind. Sonst würden Einsparungen sich ja nicht lohnen und nicht stattfinden.

Genau diese Voraussetzung aber ist in dem Plan, den Umweltminister Sigmar Gabriel und sein Wirtschaftskollege Michael Glos heute ins Kabinett einbringen, nicht erfüllt. Vielmehr soll die deutsche Industrie volle 7 Jahre lang bis 2012 fast genauso viel CO2 in die Atmosphäre blasen dürfen wie im Jahr 2005, und das auch noch kostenlos mit staatlich zugeteilter Lizenz.

Um den Unfug zu rechtfertigen, verweist Minister Gabriel auf die Jahre 2000 bis 2002, an denen gemessen der CO2-Ausstoß der erfassten Anlagen immerhin um 15 Millionen Tonnen oder 3 Prozent gesenkt werde. Dumm nur, dass es sich dabei um geschätzte Daten handelt, während der Vergleichswert aus 2005 durch Gutachter vor Ort erhoben wurde. Gemessen daran beträgt die Minderung jedoch lediglich 0,6 Prozent.

Noch schwerer wiegt, dass die Minister neue Kohlekraftwerke zusätzlich mit allen benötigten Zertifikaten ausstatten und zugleich für volle 14 Jahre von jeder weiteren Kürzung verschonen wollen. Damit, so erklären Gabriels Helfer, soll der Bau effizienter Kohlekraftwerke gefördert werden, weil es sonst infolge des Atomausstiegs an Kraftwerken mangeln könnte. Doch auch dieses Kalkül wird nach hinten losgehen. Weil die vorgesehene Reserve an Zertifikaten viel kleiner ist, als für die bereits angekündigten Neubauten benötigt wird, werden die Emissionen sogar noch ansteigen – und dadurch genau das bestätigen, was die Atomlobby seit je behauptet. Obwohl längst nachgewiesen ist, dass durch mehr Koppelung von Strom- und Wärmeproduktion und Windkraftwerke auf hoher See der Atomausstieg klimafreundlich zu bewältigen wäre.

Eine Hoffnung bleibt: Das Konzept von Merkels Ministern verstößt so fundamental gegen die beschlossene EU-Strategie, dass die Brüsseler Kommission eigentlich ihr Veto einlegen muss. Käme es dazu, dann könnte die Kanzlerin ihren bisherigen guten Ruf in der Umweltpolitik vielleicht im zweiten Anlauf retten.



A L P E N - G L E T S C H E R

Alpen könnten im Jahr 2100 eisfrei sein

Die Gletscher in den Alpen schwinden dramatisch – wie schnell genau, haben jetzt Schweizer Forscher berechnet. Das Ergebnis: In 150 Jahren gingen 50 Prozent des Eises verloren. Bis 2100 könnte nur noch ein Fünftel übrig sein – oder gar nichts mehr.

Aus:
Spiegel Online – 11. Juli 2006, ??.?? Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

ZÜRICH (stx). Die Bilder rot gekleideter Arbeiter mit Klettergurten am Gurschengletscher gingen um die Welt. Vor Beginn des Sommers 2005 zurrten die Männer in über 2900 Metern Höhe 3000 Quadratmeter weiße Folie fest. Das Deckmaterial sollte wärmende Sonnenstrahlung reflektieren – und so ein weiteres Abschmelzen des Gletschers in den Schweizer Alpen verhindern. Der Grund: Jahr um Jahr war es für den Pistendienst schwerer geworden, die 20 Meter Höhenunterschied auszugleichen, die durch die Schmelze am Ausgang der Bergbahn-Gipfelstation entstanden waren. Die Skitouristen kamen kaum noch von der Gondel auf die Piste.

Auch an anderen Orten in der Schweiz wird mittlerweile Plastikfolie als Gletscherschutz erwogen – ein müßiges Unterfangen, glaubt man den Berechnungen Züricher Forscher. Sie haben den Rückgang der Alpengletscher in den vergangenen 150 Jahren vermessen und in die Zukunft projiziert. Ihre Szenarien für das Ende des Jahrhunderts klingen düster – und prophezeien Restgletscher von nur noch einem Fünftel der ursprünglichen Eisfläche oder gar gänzlich eisfreie Alpen.

Der Bildband "Gletscher im Treibhaus" von Sylvia Hamberger und Wolfgang Zängl hatte dies im Jahr 2004 eindrucksvoll gezeigt: Im Sommer 2003 hatten die Autoren Alpenansichten neu fotografiert und ihnen alte Postkarten gegenübergestellt. Die beeindruckende Vorher-Nachher-Bildreihe wurde unter anderem im deutschen Alpinen Museum in München ausgestellt und zeigte, wie die Gletscherzungen sich zurückziehen.

Der Glaziologe Michael Zemp vom Geografischen Institut der Universität Zürich legt nun Zahlen für dieses Phänomen vor: Die Gletscher der europäischen Alpen haben seit 1850 die Hälfte ihrer Fläche verloren. Ein genaues mathematisches Modell für die Schmelze in der Referenzperiode von 1971 bis 1990 stellen Zemp und seine Kollegen im Fachblatt Geophysical Research Letters vor.

Rund um den Globus berichten Wissenschaftler vom Schwund im Bergeis: Die Gletschergebiete in den Tropen südlich und nördlich des Äquators sind so warm wie seit 2000 Jahren nicht mehr, meldeten kürzlich Forscher aus den USA. Britische Kollegen prognostizierten jüngst, das Afrikas Gletscher binnen 20 Jahren verschwinden werden. Schon lange ist bekannt, dass die weiße Kappe des Kilimandscharo immer schneller schmilzt. Ähnliches berichten Wissenschaftler vom Himalaya, dem Dach der Welt: Auch Tibets Gletscher schmelzen rapide.

Jedes Grad müsste mit Schnee ausgeglichen werden

Zemp und seine Kollegen interessierte nun, wie sich ein Anstieg der Sommertemperaturen – also zwischen April und September – auf die weitere Schrumpfung der Eiskappen auswirken wird. Nicht nur für die Tourismusindustrie und Katastrophenschützer ist das eine Gretchenfrage. Auch für die Wasserversorgung in alpinen Regionen ist das Gletschereis wichtig.

Aus den Modellen der Zürcher Forscher geht hervor, dass ein Anstieg der Sommertemperatur um 3 Grad die alpine Gletscherbedeckung bis zum Jahr 2100 um ungefähr 80 Prozent reduzieren würde. In diesem Fall entspräche die Gletscherausdehnung nur noch rund 10 Prozent des Wertes aus dem Jahr 1850. Im Falle eines Anstiegs der Sommertemperatur um 5 Grad würden die Alpen praktisch eisfrei werden.

Ein Anstieg der Sommertemperatur von 1 bis 5 Grad und eine Niederschlagsänderung von minus 20 bis plus 30 Prozent für das Ende des 21. Jahrhunderts ist gemäß dem letzten Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) ein realistisches Szenario. In seinem nächsten Bericht wird das IPCC aber wahrscheinlich noch größere Temperaturanstiege prognostiziert werden, wie aus einem Entwurf hervorgeht.

Zemp und seine Kollegen haben berechnet, dass für eine Zunahme der Sommertemperatur um 1 Grad die jährliche Niederschlagsmenge um ein Viertel steigen müsste, um die Gletscherausdehnung konstant zu halten.

"Unsere Studie zeigt, dass unter solchen Szenarien die Mehrheit der Alpengletscher in den nächsten Jahrzehnten verschwinden könnte", sagte Zemp. Bei einem Anstieg der Sommertemperatur um mehr als 3 Grad würden nur die größten Gletscher wie zum Beispiel der Grosse Aletschgletscher und jene in den höchsten Regionen der Alpen bis ins 22. Jahrhundert überdauern. "Gerade in den dicht besiedelten Gebirgsregionen wie den Europäischen Alpen müsste man sich deshalb Gedanken machen zu den Folgen eines extremen Gletscherschwundes auf den hydrologischen Kreislauf, auf die Wasserwirtschaft, den Tourismus und Naturgefahren", so Zemp.



E X T R E M W E T T E R

Hitze wie im Rekordsommer 2003

Er ist erst halb vorbei – und hat noch das Zeug zum Rekordsommer. Mit den Extremwerten von 1947 und 2003 konnte die Hitze dieses Jahres bislang mithalten. Unangenehm ist sie, weil kühle Unterbrechungen fehlen. Darin sehen Klimaforscher ein neues Wetter-Phänomen.

Aus:
Spiegel Online – 20. Juli 2006, ??.?? Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

Rekordsommer
Stand: 28. Juli 2006
Quelle: Potsdam-Insitut für Klimafolgenforschung (PIK).
  Sommertage
mit 25 °C
oder mehr
Heiße Tage
mit 30 °C
oder mehr
1947 71 26
2003 68 23
2006 bislang  42 bislang  21
POTSDAM (stx). Jahrhundertsommer, Jahrhundertwinter, Jahrhundertflut – "ich finde all diese Redewendungen idiotisch", sagte Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. "Einen statistischen Hintergrund kann man durch solche Beziehungen nicht absichern."

Einzelne Hitzerekorde wie die 38,6 Grad, die gestern im nordrhein- westfälischen Kalkar gemessen wurden, interessieren da wenig. In Potsdam vergleichen die Wissenschaftler die Profile ganzer Sommer miteinander. Momentan sieht es so aus, als hätte die Sommerhitze 2006 das Zeug zum Rekordbrecher. "Wir sind nicht weiter als 2003 – aber auch nicht dahinter zurück", sagte Gerstengarbe zu SPIEGEL ONLINE. Mit 33 Sommertagen mit mindestens 25 Grad Celsius im Schatten und 12 heißen Tagen von mindestens 30 Grad Celsius zähle der diesjährige Sommer zwar erst halb soviel wie vor 3 Jahren – aber der Juli sei ja noch nicht vorbei, und der August komme auch noch.

Sommer ohne Kühlung häufen sich

Der Sommer 2003 – wie viele andere als "Jahrhundertsommer" bezeichnet – gilt als eines der extremsten Wettereignisse der letzten 100 Jahre. Er hatte europaweit rund 35.000 Hitzetote gefordert. Zwar zeigt das Potsdamer Archiv der Tagestemperaturen für den Sommer 1947 sogar noch 3 Sommertage mehr, als es 2003 gab. Allerdings kam die Hitze "in Scheibchen" über das Nachkriegsdeutschland, sagte Gerstengarbe. Die ununterbrochene Folge von Sommertagen und heißen Tagen mache "das Ganze erst so unangenehm".

Während es einzelne Jahre mit ähnlich heißen Sommern schon früher gegeben habe, sei die direkte Abfolge neu. Seit 1893 werden in Potsdam die Temperaturen ununterbrochen gemessen. "Von den 10 heißesten Sommern lagen 6 in den letzten 2 Jahrzehnten", sagte Gerstengarbe. In Westdeutschland, besonders am Oberrhein würden höhere Einzeltemperaturen gemessen. Übers Jahr gerechnet und für ganz Deutschland seien die Messungen in der Potsdamer Station aber ein guter Mittelwert.

Ob dieser Sommer die Rekorde von 1947 und 2003 aber übertreffen wird, lässt sich erst klären, wenn die Marke von 69 beziehungsweise 72 Sommertagen in den Büchern der Potsdamer erreicht sind. Klimaforscher kennen auch solche Sommer, die stark starten, um dann in Dauerregen und Kälte zu vergehen.

Bis Mitte nächster Woche rechnen Meteorologen mit keiner Wetteränderung. Wie es danach jedoch weitergeht, ist unklar. Als Faustregel für Wettervorhersagen gilt: 3 Tage kann man gut vorhersagen, 6 Tage schlecht, alles weitere überhaupt nicht. "Was im August abgeht, ist offen", sagte Gerstengarbe.



A L P E N - K L I M A

Das Eis geht, die Palmen kommen

Die letzten deutschen Gletscher sind nicht mehr zu retten. Was die Erwärmung den Alpen sonst noch bringt, soll ein EU-Projekt herausfinden. Der oberste Uno-Umweltschützer warnt schon vor den Auswirkungen auf Talsperren, Kraftwerke und die Landwirtschaft.

Aus:
Spiegel Online – 3. August 2006, ??.?? Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

ZUGSPITZE. Realismus macht sich in der Klimafolgendebatte breit, nach der Wissenschaft nun auch in der Politik. "Es ist zu spät, die globale Erwärmung ganz zu verhindern", sagte etwa Achim Steiner der Chef des Uno-Umweltprogramms (Unep). "Talsperren, Landwirtschaft und konventionelle Kraftwerke sind bislang auf bestimmte Niederschlagsmengen angewiesen", so Steiner. Künftig werde es bei Niederschlägen zu deutlich größeren Schwankungen kommen. Darauf müsse sich die deutsche Wirtschaft einstellen.

Was aber die Konsequenzen – konkret und regional – sind, beginnen die Menschen gerade erst zu erforschen. Gleichzeitig staunen sie über die Dynamik der Veränderungen in der Atmosphäre: Die Temperaturen auf der Welt stiegen viel schneller, als alle Computermodelle bisher prognostiziert hätten. "Es ist zu spät, die globale Erwärmung ganz zu verhindern", sagte Steiner der Financial Times Deutschland. Jetzt müsse es darum gehen, sie auf ein Maß zu begrenzen, das Wirtschaft und Ökosysteme verkraften können. Wenn man nur wüsste, was genau da kommt.

"Um der Erwärmung des Klimas zu begegnen", so kündigte Bayerns Umweltminister Werner Schnappauf (CSU) an, werde für den Alpenraum jetzt ein "Drehbuch" entwickelt, das die Veränderungen der nächsten Jahre beschreiben soll.

Politik, Wirtschaft und Bevölkerung müssen sich auf das neue Wetter einstellen, das ein unabwendbarer Klimawandel bringt – diese Einsicht spricht aus einem EU-Projekt, das am Mittwoch auf der Zugspitze vorgestellt wurde.

In 20 Jahren sind Bayerns Gletscher weg

"Unabhängig von den Ergebnissen der internationalen Klimaschutzanstrengungen wird es bis zum Ende des Jahrhunderts in Süddeutschland und besonders im Alpenraum immer wärmer", erklärte Schnappauf im Trachtenjanker. "In den letzten 50 Jahren war im Alpenraum mit 1,2 Grad Celsius ein doppelt so hoher Temperaturanstieg zu verzeichnen wie weltweit." Und auch bis 2100 sei Süddeutschland überdurchschnittlich von der Erwärmung betroffen.

Die Folgen für Tourismus, Verkehr und Landwirtschaft soll "ClimChAlp" abschätzen helfen. Die ungelenke Abkürzung steht für "Climate Change Impacts and Adaption Strategies in the Alpine Space" – Klimawandelfolgen und Anpassungsstrategien im Alpenraum. Der Freistaat koordiniert diese Forschung.

Während Schnappauf zusammen mit Wissenschaftlern am Zugspitz-Gipfel das Forschungsprojekt der 7 Alpen-Anrainerstaaten vorstellte, rollten 300 Meter unterhalb auf dem Zugspitz-Plateau die Bagger: Der Schwund des Schneeferner-Gletschers auf der Zugspitze erzwingt Bauarbeiten zum Schutz der Skifahrer. Momentan wird ein kleiner Felshügel abgetragen, um die Trasse für einen Schlepplift zu sichern.

Großer Schwund in der Juli-Hitze

Zum Schutz des Gletschers vor der Sonneneinstrahlung und vor warmem Regen haben die Bergbahnbetreiber rund 6.000 Quadratmeter mit Planen abgedeckt. Der Freistaat hingegen verlege keinen Plastikschutz, "um zu verhindern, was nicht zu verhindern ist", wie eine Sprecherin des Umweltministeriums zu SPIEGEL ONLINE sagte. Denn selbst wenn der Ausstoß aller Klimagase heute gestoppt würde, gehe die Erwärmung noch 30 Jahre lang weiter.

An heißen Tagen büßt der Gletscher ungeschützt bis zu 10 Zentimeter an Stärke ein. An Hitzetagen, wie sie im Juli häufig waren, entstehen so alleine am nördlichen Schneeferner – dem einzigen bedeutenden Gletscher in Deutschland – täglich 35 Millionen Liter Schmelzwasser, teilte das Umweltministerium in München mit. Vom südlichen Schneeferner existieren bloß noch Reste.

Schon heute sind die bayerischen Gletscher drastisch geschrumpft, voraussichtlich in spätestens 20 Jahren seien sie weg, sagte Schnappauf. Jüngste Klimaprognosen zeichneten ein "dramatisches Bild". Mit auf dem Zugspitzgipfel war der Zürcher Glaziologe Michael Zemp, der kürzlich in der Fachzeitschrift Geophysical Research Letters vorausberechnet hatte: Auch die Gletscher in den Schweizer Alpen werden bis zum Jahr 2100 mindestens auf ein Fünftel ihrer jetzigen Größe schrumpfen.

Für das Eis in den bayerischen Alpen zeichnete der Klimaforscher Wolfgang Seiler ein noch düstereres Bild: Der Plattferner auf der Zugspitze werde voraussichtlich bereits in 15 Jahren komplett verschwunden sein. In der großen Hitze des Julis hat die Null-Grad-Grenze wochenlang bei über 4.000 Metern gelegen – der Gipfel der Zugspitze ist nur 2.962 Meter hoch.

Palmen wie am Lago Maggiore

In dem zweijährigen, 3 1/2 Millionen Euro teuren ClimChAlp-Projekt sollen zunächst die konkret zu erwartenden Auswirkungen – wie Überschwemmungen, Felsstürze wie jüngst am Eiger, Erdrutsche oder Trockenperioden – abgeschätzt werden. Diese Ergebnisse sollen dann "sehr rasch in konkretes politisches und Verwaltungshandeln eingehen", etwa in der Raumplanung.

Neben viel Poltern am Berg befürchtet Bayerns Umweltminister Schnappauf auch Engpässe bei der Trinkwasserversorgung als Folge der Erwärmung. Andererseits könnten in 100 Jahren an den bayerischen Seen Palmen wachsen "wie am Lago Maggiore". Die Veränderungen würden aber für den Tourismus und die Landwirtschaft auch neue Chancen bergen, so das Ministerium.

ClimChAlp dürfte nicht lange das letzte regionale Programm zur Prognose dieser Veränderungen bleiben – auch weil die Menschen immer noch von der Dynamik der Veränderung überrascht werden. "Nach den neuesten Trends erwärmt sich die Erde in 100 Jahren nicht wie bisher angenommen um 2 Grad, sondern um 3 bis 4 Grad", sagte Uno-Umweltschützer Steiner. In einigen Weltregionen könne die Erwärmung sogar 5 Grad betragen. Entsprechend werde der nächste Bericht der Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) der Uno, der im kommenden Jahr veröffentlicht wird, die Vorhersage für die Erwärmung nach oben korrigieren, sagte Steiner. Der Klimawandel hängt von vielen Faktoren ab. Deshalb sagen auch die Forscher selbst, dass alle Aussagen über Klimafolgen immer auch auf Spekulationen beruhen. Verschiedene Szenarien werden teilweise heftig diskutiert. Eine Modellrechnung des Hamburger Max-Planck-Instituts für Meteorologie hatte etwa für die deutsche Küste tropische Verhältnisse vorhergesagt.

Abwenden lässt sich der Klimawandel nicht, wie der Potsdamer Klimaforscher Peter Werner erklärte. Die dafür mitverantwortlichen Klimagase wie Kohlendioxid blieben rund 100 Jahre in der Atmosphäre und wirkten deshalb noch lange nach. "Wichtig ist aber, dass der Klimawandel gebremst wird", sagte Werner, "damit Mensch und Umwelt genügend Zeit zur Anpassung haben."



K L I M A E R W Ä R M U N G

Eisdecke Grönlands schmilzt schneller

Grönlands Eisdecke wird dünner, und das sogar noch schneller als bislang bekannt. Seit 2004 schmelzen jährlich 240 Kubikkilometer Eis weg – dreimal so viel wie in den Jahren zuvor, wie Geophysiker herausgefunden haben.

Aus:
Spiegel Online – 12. August 2006, ??.?? Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

HAMBURG. Seit 20.000 Jahren habe es keinen so raschen Temperaturanstieg gegeben wie im vergangenen Jahrhundert, bis zum Jahr 2100 werde sich die Erde um bis zu 4,5 Grad Celsius erwärmen, in hohen nördlichen Breiten könnte die Temperatur gar um 6 Grad Celsius und mehr ansteigen: Der Entwurf für den nächsten Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), der SPIEGEL ONLINE vorliegt, gibt keinen Grund zur Hoffnung. Wenn die Prognosen der Klimaexperten stimmen, könnte Grönlands mächtiger Eispanzer komplett abschmelzen.

Zurzeit arbeiten noch Hunderte Klimaexperten an dem IPCC-Papier, die Uno will ihn im Februar 2007 veröffentlichen. Derweil gibt es eine weitere schlechte Nachricht für Grönlands Eisdecke: Sie schmilzt immer schneller.

Seit 2004 verschwinden jährlich rund 240 Kubikkilometer Eis – dreimal so viel wie jeweils in den 5 Jahren davor, denn von 1997 bis 2003 verlor Grönland jedes Jahr demnach nur knapp 80 Kubikkilometer seiner Eisfläche. Das berichten Wissenschaftler der University of Texas in der Fachzeitschrift Science. Ihre Forschungsergebnisse lieferten eine weitere Bestätigung für die steigende globale Erwärmung, schreiben der Geophysiker Jianli Chen und seine Kollegen.

Grönlandeis: Nur das Innere schmilzt noch nicht

Das Team hatte von April 2002 bis November 2005 gemessen, wie viel Grönlandeis verschwand. Für die Messungen benutzten die Wissenschaftler Daten des Gravity Recovery and Climate Experiment (GRACE). Demnach sei im Südosten Grönlands am meisten Eisfläche verloren gegangen. Und am Rand schmilzt das Eis noch schneller. Immerhin: Das Innere des Eisschilds sei bislang unangetastet geblieben, schreibt Chens Team.

Zurzeit ist Grönlands weißer Panzer die zweitgrößte Eismasse der Welt, bestehend aus 2,5 Millionen Kubikkilometern Eis, was ein Zehntel des weltweiten Eises ausmacht. Wenn die Eiskappe komplett schmelzen würde, könnte der Wasserspiegel der Weltmeere um 6,5 Meter ansteigen.

Weitere Studie: Am Südpol fällt doch nicht mehr Schnee

In der gleichen Science-Ausgabe berichtet ein internationales Team über Forschungsergebnisse aus Südpol-Nähe. In der Antarktis falle doch nicht mehr Schnee, wie bislang von vielen Forschern vermutet wurde. Wärmere Luft enthält mehr Feuchtigkeit, so dass mehr Schnee entsteht.

Einige Wissenschaftler hatten deshalb angenommen, dass die Schneemenge am Südpol mit den zunehmenden Temperaturen gewachsen sei. Andrew Monaghan von der Ohio State University und seine Kollegen schreiben nun: In den vergangenen 5 Jahrzehnten hat sich der Schneefall am Südpol nicht signifikant verändert.

Sie räumen ein, dass die Schwankungen von Jahr zu Jahr sehr groß waren. Die Wissenschaftler hatten unter anderem Daten von Eisbohrkernen und Wetterbeobachtungen ausgewertet. Um die künftige Schneeentwicklung zu beobachten, seien in den kommenden Jahrzehnten Satellitenbeobachtungen nötig.



U S - S T U D I E N

Klimawandel löst stärkere Hurrikane aus

Ist der Klimawandel und damit der Mensch mitschuldig an der Hurrikan-Rekordsaison 2005? Seit der "Katrina"-Katastrophe von New Orleans haben Experten darüber gestritten. Jetzt halten zwei US-Forscherteams die menschliche Mitverantwortung für bewiesen.

Aus:
Spiegel Online – 21. August 2006, ??.?? Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

  Ausgangssituation für
die Hurrikan-Saison 2006
.
 
Ein knappes Jahr nach der Hurrikan-Katastrophe von New Orleans geht an der Ostküste der USA wieder die Angst um: Wird es wieder zu Wirbelstürmen kommen, die ähnlich vernichtende Wirkung erreichen wie "Katrina" und "Rita" im vergangenen Jahr? Droht eine Neuauflage der Rekord-Sturmsaison 2005?

Neue Studien von Klimaforschern sprechen dafür, dass sich die Bewohner der US-Ostküste langfristig tatsächlich auf neue Katastrophen einstellen müssen. Gleich zwei neue Studien erhärten den Verdacht, dass die Rekordsaison 2005 mit ihren insgesamt 28 Hurrikanen und Tropenstürmen maßgeblich vom Klimawandel befeuert wurde. Damit wächst zugleich die Sorge, dass Wirbelstürme über dem Atlantik bei weiter steigenden Meerestemperaturen in Zukunft noch zahlreicher und stärker werden könnten. Denn ein wärmerer Ozean und höhere Verdunstungsraten füttern Hurrikane mit zusätzlicher Energie.

James Brian Elsner, Professor für Geografie an der Florida State University in Tallahassee, wird am Mittwoch dieser Woche [23.8.2006] im Fachblatt Geophysical Research Letters eine neue Analyse vorlegen. Demnach lässt sich die Erwärmung des Nordatlantiks während der Hurrikansaisons der letzten Jahrzehnte verlässlich auf die Erwärmung der Atmosphäre zurückführen. Umgekehrt sei das nicht der Fall, sagt Elsner: "Im statistischen Sinne verursacht ein Temperaturanstieg in der bodennahen Luftschicht den Temperaturanstieg der Meeresoberfläche." Das sei "der erste direkte Beleg" für den Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und aktiver gewordenen Hurrikanen im Atlantik.

Was erwärmte sich zuerst? Wasser oder Luft?

Elsner hatte sich die Klimadaten der vergangenen 135 Jahre besorgt und untersucht, welcher Zusammenhang zwischen Meeres- und Lufttemperaturen besteht. Entscheidend ist dabei die Frage, ob sich zuerst das Oberflächenwasser des Nordatlantiks erwärmt hat oder die bodennahe Luft.

Schon lange schwelt ein wissenschaftlicher Streit darüber, ob der Anstieg der Temperatur im Nordatlantik – insbesondere im für die Hurrikan- Entstehung entscheidenden Bereich zwischen dem 10. und 20. Breitengrad – dem menschlichen Einfluss zuzuschreiben ist oder nur einem natürlichen Klimazyklus folgt. Eine solche Oszillation existiert tatsächlich: Langfristige Veränderungen der Tiefenströmungen führen dazu, dass sich der Ozean auch ohne das Zutun des Menschen erwärmt und dann wieder abkühlt, und zwar auf Zeitskalen von mehreren Jahrzehnten.

Deshalb gibt es im tropischen Nordatlantik ohnehin Phasen mit erhöhter und mit niedriger Hurrikan-Aktivität. Im Augenblick sei das Meer in seinem Warmzustand, und vor allem deshalb bringe es Monsterstürme wie "Katrina" und "Rita" im Vorjahr hervor, sagen die Verfechter der Oszillationstheorie.

Steigt aber erst die Außen- und dann die Meerestemperatur, würde das auf einen zunehmenden Einfluss atmosphärischer Treibhausgase und damit auf eine Verantwortung des Menschen hindeuten. Und genau das, meint Elsner, ist nun bewiesen.

Unterstützung bekommt er von Kollegen, die unmittelbar zuvor zu ähnlichen Schlüssen gekommen sind. Kevin Trenberth und Dennis Shea vom National Center for Atmospheric Research (NCAR) in Boulder haben sich fleißig durch Wetterarchive gekämpft. Jahr für Jahr, beginnend im frühen 20. Jahrhundert, haben sie die global gemittelte Meerestemperatur mit der im tropischen Nordatlantik verglichen. Abweichungen, so die Logik der NCAR-Experten, könne man dem natürlichen Klimazyklus im Nordatlantik zuschreiben.

"Katrina" profitierte von ausbleibenden Winden

Auf diese Weise haben Trenberth und Shea auch die heiße Hurrikansaison 2005 seziert. Ihr Fazit: Die natürliche Oszillation spielte keine große Rolle bei der ungewöhnlichen Meereserwärmung des vergangenen Sommers. Die Forscher schreiben ihr einen Anteil von lediglich 10 Prozent (0,1 Grad Celsius) zu, heißt es in ihrer Studie, die ebenfalls in den Geophysical Research Letters erschienen ist. Den Beitrag des Klimawandels veranschlagen die Forscher dagegen auf 0,45 Grad. "Die langfristige Erwärmung der Ozeane dürfte die Entstehung von Hurrikanen begünstigen", folgert Trenberth.

Er selbst weist allerdings darauf hin, dass es auch noch andere wichtige Wetterfaktoren gibt, die über das Aufkommen und Abflauen von Wirbelstürmen entscheiden. Hurrikane wie "Katrina" und "Rita" profitierten nicht nur von den Badewannen-Temperaturen des Meerwassers im Sommer 2005, sondern auch vom Ausbleiben starker Scherwinde aus unterschiedlichen Richtungen, die einen Wirbelsturm schnell wieder zersausen können. Darum lässt sich kaum sagen, wie stark die Klimaerwärmung atlantische Hurrikane wirklich zusätzlich aufpäppelt.

Zudem weist Christopher Landsea vom Hurrikan-Zentrum der US-Wetterbehörde NOAA darauf hin, dass es in den zwei Jahrzehnten vor "Katrina" keine erkennbare Zunahme in der Intensität tropischer Wirbelstürme gegeben habe. Und das, so der Meteorologe im Fachblatt Science, obwohl die globale Meerestemperatur in dieser Zeit um 0,25 Grad Celsius gestiegen sei: "Extreme Wirbelstürme hätten in den letzten beiden Dekaden eigentlich häufiger werden müssen." Gibt es also gar keinen Trend? Oder stimmten die sonstigen Randbedingungen einfach nicht?

Hitzewelle in der Hurrikan-Küche

Landsea rät dazu, die vorhandenen Datensätze noch einmal gründlich zu analysieren. Und er begrüßt ausdrücklich, dass Klimaforscher in ihren Modellrechnungen extreme Wetterereignisse wie Hurrikane inzwischen stärker im Blick haben. Denn auch der Skeptiker stimmt im Prinzip mit dem überein, was James Elsner in seiner jüngsten Studie schreibt: "Dass der Klimawandel die Zerstörungskraft von Hurrikanen steigern kann, ist ein Grund zur Sorge."

Denn sollten Elsner, Trenberth und Shea Recht behalten, könnte es an der US-Ostküste ziemlich ungemütlich werden. Nach NOAA-Daten hat sich das Oberflächenwasser im tropischen Nordatlantik zwischen dem 10. und 20. Breitengrad während des vergangenen Jahrhunderts um 0,6 Grad Celsius erwärmt. Im Rekordsommer 2005 lag die Temperatur sogar um fast 1 Grad Celsius über dem Mittelwert für diese Jahreszeit. Klimamodellen zufolge wird sich die Hurrikan-Küche auch in diesem Jahrhundert weiter erwärmen. [Ausgangssituation für die Hurrikan-Saison 2006 im Vergleich zu 2005]



Das Polarmeer wird immer süßer

Klimawandel verringert Salzgehalt im Norden

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 4. September 2006, Seite xx (Wissen + Forschen). [Original]

Schmeckt das Ozeanwasser im hohen Norden seit einigen Jahren weniger salzig, täuscht der Geschmackssinn die Eskimos nicht: Der Klimawandel hat den Salzgehalt der Polarmeere verändert. In den 50er Jahren enthielten diese noch erheblich mehr Salz als in den 90er Jahren, stellen US-Wissenschaftler des Woods Hole Meeresforschungsinstituts in Massachusetts fest („Science“, Band 313, Seite 1061). Da Salz aber nicht einfach verschwindet, muss Süßwasser die Fluten im Eismeer und im Norden von Atlantik und Pazifik verdünnt haben.

Diesem Süßwasser sind die Forscher auf der Spur. Eine Quelle bilden die steigenden Wassermengen, die Flüsse und Niederschläge ins Meer schütten. Rund 20.000 Kubikkilometer Süßwasser mehr als in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erreichten so in den letzten 50 Jahren die Ozeane in den hohen Breiten. Würde man ein halbes Jahrhundert lang jährlich mehr als achtmal den Bodensee in die Polarmeere gießen, kämen dort ähnlich große Mengen an. Dieses Süßwasser könnte man in einem Würfel mit 27 Kilometer langen Kanten speichern, der am Meeresufer liegend dreimal höher als der höchste Berg der Erde wäre.

Fast die gleiche Süßwassermenge lieferte mit 15.000 Kubikkilometern seit den 1950er Jahren das zunehmend schmelzende Eis auf den Meeren der Arktis. Das entspricht ungefähr 300-mal der Wassermenge im Bodensee oder einem mit 25 Kilometer langen Kanten noch immer recht gigantischen Würfel. Weitere 2.000 Kubikkilometer Süßwasser ließen die Schmelzwasser der abtauenden Gletscher der Gebirge Europas, Sibiriens und Nordamerikas in die Meere des Nordens strömen.

Tauen die Gletscher und das Eis auf den Meeren, ist die Schuldfrage schnell geklärt: Die Temperaturen müssen gestiegen sein. Schwieriger ist der Fall beim Süßwasser, das aus Wolken und Flüssen die Meere erreicht. Da hilft ein Blick auf die Wetterkarte: Seit den 1970er Jahren liegt im Winter viel häufiger als früher ein sehr stabiles Tiefdruckgebiet bei Island, dem über den Azoren ein ausgeprägtes Hochdruckgebiet gegenüber steht.

Häufen sich solche Wetterlagen über dem Nordatlantik, stehen die Chancen auf Ski und Rodel in Mitteleuropa schlecht. Zwischen dem Islandtief und dem Azorenhoch pfeift der Wind nämlich besonders kräftig von West nach Ost und hält so die kalten und trockenen Luftmassen aus Sibirien vom Westen des Kontinents fern. Da die Luftmassen aus dem relativ warmen Atlantik viel Wasser aufgenommen haben, bringen die Westwinde Mitteleuropa nicht nur milde Winter, sondern auch reichlich Niederschläge. Und die erreichen entweder direkt, wenn sich die Wolken schon über dem Meer entladen, oder eben indirekt über Bäche und Flüsse die Ozeane im hohen Norden.

Wenn die Nordpolarmeere mehr Süßwasser enthalten, fehlt den Eskimos nicht nur der Salzgeschmack auf den Lippen. Auch die Meeresströmungen hängen vom Salzgehalt des Eismeeres ab. Je salziger dort nämlich das Wasser ist, umso stärker dreht über einen komplizierten Mechanismus die Warmwasserheizung Europas auf, die Laien als Golf- und Experten als Nordatlantikstrom kennen. Ob auch der Umkehrschluss gilt und süßer werdende Gewässer im hohen Norden Europa die Heizung abdrehen könnten, wird in Fachkreisen noch diskutiert.



K L I M A W A N D E L

Bauverbote auf Meereshöhe

Die Erdatmosphäre erwärmt sich. Verhindern kann die Menschheit das nicht mehr. Eine britische Top-Wissenschaftlerin findet großes Echo mit der Forderung: Konzentrieren wir uns auf die Folgen! Nicht nur robusteres Saatgut und Deiche seien nötig – sondern auch Bauverbote am Meer.

Aus:
Spiegel Online – 4. September 2006, ??.?? Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

In Grönland werden Kartoffeln und Broccoli angebaut, das schmelzende Eis der Arktis wird einen neuen Seeweg freigeben. Ölunternehmen planen bereits die Ausbeutung der bislang unzugänglichen arktischen Gebiete. Und im Frühjahr prophezeite ein Klimaszenario des Hamburger Max-Planck-Instituts für Meteorologie der deutschen Ostseeküste Sommer von Mittelmeerformat – Palmen inklusive.

Bislang stellen sich nur wenige potentielle Profiteure auf die Folgen des Klimawandels ein. Zwar bestreitet kein Wissenschaftler mehr, dass sich etwas ändert in der Erdatmosphäre. Bislang aber sprechen nationale Regierungen und internationale Organisationen davon, dem Klimawandel entgegenzuwirken, ihn abzuschwächen – oberflächliche Betrachter könnten gar den Eindruck erlangen, die Welt habe ernsthaft vor, den Treibhauseffekt zu stoppen.

Um volle 60 Prozent müsste der Ausstoß an Treibhausgasen zurückgefahren werden, wollte man einen weiteren Anstieg der Konzentration in der Atmosphäre verhindern. "Das wird einfach nicht passieren", sagt eine der renommiertesten Wissenschaftlerinnen Großbritanniens.

Frances Cairncross, die dieses Jahr den Vorsitz der British Association for the Advancement of Science (BA) innehat, ist Direktorin des Exeter College an der Oxford University und außerdem Vorsitzende des Economic and Social Research Council, welches unter anderem das britische Forschungsministerium berät. Äußert sich die Ökonomin Cairncross zu einem so politischen Thema, wird dies nicht als Privat- oder Gelehrtenmeinung wahrgenommen.

Provokativer Appell vor großem Publikum

Entsprechend bedacht und geschickt war der Termin für ihren Appell gewählt: Für Montag [4.9.2006] 18 Uhr Ortszeit war die Rede von Cairncross in Norwich angekündigt, doch ein vorab veröffentlichtes Manuskript sorgte dafür, dass "BBC" und die Zeitungen "Independent", "Times", "Telegraph" und "Guardian" von der Skepsis der Professorin berichteten, lange bevor sie vor ihre Zuhörer treten wollte.

Ihr "das wird einfach nicht passieren" ist ein Frontalangriff auf das Kyoto-Protokoll der Uno zur Reduzierung des globalen Treibhausgasausstoßes: Indien und China – die zusammen ein Drittel der Menschheit stellten – hätten dieses Vertragswerk nicht unterschrieben, und die USA ignorierten es einfach. Gleichzeitig könnten alle verfügbaren Quellen erneuerbare Energien zusammen bloß 2 Prozent der weltweiten Energienachfrage stillen. Der Anteil der Kohle liege hingegen bei 40 Prozent.

"Es gibt zwei Arten, auf den Klimawandel zu reagieren: Wir können uns anpassen oder wir können versuchen, den Prozess zu verlangsamen", steht den Zeitungsberichten zu Folge in Cairncross' Manuskript. "In der Praxis tun wir beides. Aber über eine Anpassung ist bislang relativ wenig diskutiert worden." Deshalb hätten entsprechende Maßnahmen bislang viel weniger Aufmerksam genossen als solche, die nur einer Abmilderung der globalen Erwärmung dienten – "und das ist ein Fehler."

"Eine trockenere, heißere Welt"

Vielmehr müsse sich die Politik auf eine heißere, trockenere Welt vorbereiten, besonders in ärmeren Ländern. Cairncross nennt nicht nur neue Saatgutarten, Hochwassersicherung und verschärfte Bauvorschriften als Beispiele. Sie regt auch an, "das Bauen in der Nähe des Meeresniveaus zu verbieten."

Umwelt- und Klimaschützer reagieren traditionell skeptisch auf Politik-Vorschläge, die sich auf die Folgen anstelle der Ursachen konzentrieren. Sie werden als Eingeständnis von Versagen interpretiert – und oft auch als Verschleppungstaktik im Angesicht drängender Probleme geschmäht.

Erst kürzlich hatte der Chef des Uno-Umweltprogramms (UNEP), Achim Steiner, gesagt, es sei zu spät, die globale Erwärmung ganz zu verhindern. Auf bestimmte Auswirkungen wie größere Regenmengen müssten sich auch Länder wie Deutschland einstellen. "Talsperren, Landwirtschaft und konventionelle Kraftwerke sind bislang auf bestimmte Niederschlagsmengen angewiesen", sagte Steiner. Künftig werde es bei Niederschlägen zu deutlich größeren Schwankungen kommen. Darauf müsse sich die deutsche Wirtschaft vorbereiten.

Drehbücher für eine ungewisse Zukunft

Den Briten führt – passend zu Cairncross' Rede – eine Untersuchung von Forschern der University of Newcastle-upon-Tyne vor Augen, was der Klimawandel für ihr Land bedeuten könnte: Extreme Niederschläge seien zwischen 1961 und 2000 häufiger geworden, besonders in Schottland und Nordengland. Die Wissenschaftler warten jene 10 Prozent der Einwohner des Vereinigten Königreichs, die in der Nähe von Flüssen leben, vor künftig häufigeren Überschwemmungen.

Erst letzte Woche hatte ein Team unter Führung Münchner Wissenschaftler berichtet, dass der Frühlingsbeginn fast in ganz Europa früher eintritt als vor 30 Jahren. Sie schreiben diesen Effekt dem von Menschen verursachten Klimawandel zu, genauso wie ihre Kollegen es mit der Erwärmung der Nordsee tun.

Anfang August hatte Bayerns Umweltminister Werner Schnappauf am Gipfel der Zugspitze gewarnt: "Unabhängig von den Ergebnissen der internationalen Klimaschutzanstrengungen wird es bis zum Ende des Jahrhunderts in Süddeutschland und besonders im Alpenraum immer wärmer." Bis 2100 sei Süddeutschland überdurchschnittlich von der Erwärmung betroffen – mit einem "Drehbuch" plausibler Szenarien sollten Forscher die Regierungen darauf vorbereiten. – Die Debatte, die Frances Cairncross im Sinn hat, sie ist bereits im Gange.

Um besser für die Herausforderungen einer heißeren, trockeneren Welt gewappnet zu sein, schlägt die Wissenschafts-Repräsentantin übrigens ein ebenso profanes wie sportliches Mittel vor: 500 britische Pfund sollen jedem Schüler winken, der seine Matheabschlussprüfungen mit einer Eins besteht. Ein besseres Verständnis für Mathematik und Naturwissenschaften verleihe einer Gesellschaft auch ein besseres Verständnis für Klima-Zusammenhänge.



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