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Rekord-Smog über der Arktis
Die Luftverschmutzung über der Arktis hat einen Rekordwert erreicht: Messungen deutscher Forscher haben ergeben, dass insbesondere Ruß und Staub aus Osteuropa die stärkste jemals registrierte Verunreinigung der Arktis-Luft ausgelöst haben.
Aus: Spiegel Online 11. Mai 2006, 14.58 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]BREMEN (mbe/dpa). Normalerweise ist die Fernsicht auf Spitzbergen ohnegleichen, die Luft glasklar. Inzwischen aber sind im hohen Norden Phänomene zu beobachten, die bisher nur vom Himmel über Millionenstädten bekannt waren: Der Horizont verschwimmt hinter einem Schleier aus Schmutz.
Forscher des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts (AWI) haben über der Arktis die bislang höchste Luftverschmutzung seit Beginn der Messungen 1991 registriert. Durch eine besondere Wetterlage erreichten vergangene Woche große Mengen Schwebeteilchen wie Ruß und Staub aus Osteuropa die Atmosphäre über der Arktis, teilten die Wissenschaftler mit. Diese Aerosole können unter anderem Sonnenlicht streuen oder schlucken.
Die Konzentration von Aerosolen und Ozon seien über der deutsch-französischen Forschungsbasis in Ny-Ålesund derart extrem erhöht gewesen, dass der Himmel über Spitzbergen orange-braun verfärbt gewesen sei. Schwedische Forscher hätten die Messwerte der deutschen Gruppe bestätigt: Bis zu 50 Mikrogramm Aerosol pro Kubikmeter haben sich demnach in der Luft befunden ein Wert, der sonst an belebten Straßen in Stadtgebieten erreicht wird.
Zugleich hat das Norwegische Institut für Luftforschung extrem hohe Konzentrationen von Ozon in Bodennähe gemessen. Über 160 Mikrogramm Ozon pro Kubikmeter seien der höchste Wert seit Einrichtung der Station im Jahre 1989 gewesen.
"Die aktuelle Luftverschmutzung liegt um das Zweieinhalbfache über den Werten vom Frühjahr 2000", sagte AWI-Forscher Andreas Herber. "Als Folge erwarten wir eine deutlich höhere Erwärmung." Ob die Rekord-Messwerte den Beginn eines neuen Trends markierten, sei derzeit aber noch unklar.
Sturm über Deutschland
Bei Unwettern mit Sturmböen in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Hessen ist ein Mensch ums Leben gekommen. Durch ein Stadtviertel in Oberhausen zog eine Windhose.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 20. Mai 2006, 22.22 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]
BERLIN/PARIS (tso/AFP/dpa). In Hameln wurde am Samstag [20.5.2006] ein 71-jähriger Mann aus Bielfeld im Stadtzentrum von einem herabfallenden Ast getroffen und tödlich verletzt, wie ein Polizeisprecher der Nachrichtenagentur AFP sagte. Weitere Menschen seien nicht zu Schaden gekommen. Durch umstürzende Bäume und losgerissene Dachziegel entstanden Sachschäden und Verkehrsbehinderungen. Im Kreis Paderborn wurden Dächer beschädigt und Bäume umgerissen. Mehrere Autos wurden durch abgebrochene Äste beschädigt. Auch im Großraum von Paris hielten starke Sturmböen die Feuerwehr in Atem.
Die Essener Feuerwehr rückte wegen des Sturms nach eigenen Angaben insgesamt zu 28 Einsätzen aus. Drei entwurzelte Bäume fielen an verschiedenen Orten auf Oberleitungen der Straßenbahn. In einem Stadtteil stürzte eine rund 15 Meter hohe Linde auf die Rückseite eines Mehrfamilienhauses. Eine Spezialfirma und 10 Feuerwehrleute sicherten und zerkleinerten den Baum.
In Hessen wüteten orkanartige Sturmböen insbesondere im Gebiet von Gießen. Ein entwurzelter Baum blockierte die Autobahnausfahrt der A5 bei Reiskirchen. Der Sturm wurde von starken Regen- und Graupelschauern begleitet.
K L I M A W A N D E LExperten warnen vor neuen Hurrikans
Das US-Hurrikanzentrum sagt weniger Wirbelstürme als 2005 voraus. Eine neue Serie von heftigen Hurrikans in den USA und der Karibik wird aber dennoch erwartet.
Aus: Berliner Morgenpost, 22. Mai 2006, 18.x54x Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]MIAMI (morgenpost.de/AP). Das Nationale Hurrikanzentrum der USA rechnet in diesem Jahr mit deutlich weniger Wirbelstürmen als in der vergangenen Saison. Laut einer in Miami veröffentlichten Vorhersage erwarten die Experten 4 bis 6 größere Hurrikane über dem Atlantik und dem Golf von Mexiko sowie bis zu 16 tropische Stürme, die einen Namen erhalten. Im vergangenen Jahr wurde die Rekordzahl von 27 Stürmen namentlich benannt.
Für 2005 hatten die Experten 12 bis 15 Stürme vorausgesagt, von denen sich 7 bis 9 zu Hurrikanen entwickeln sollten, darunter 3 bis 5 größere mit Windgeschwindigkeiten von mindestens 180 Kilometern pro Stunde. Tatsächlich erwies sich die vergangene Hurrikansaison aber als die aktivste seit Beginn der Aufzeichnungen 1851. Es gab 15 Hurrikane, sieben davon der Kategorie 3 oder stärker. Experten zufolge befindet sich die Erde in der Mitte eines 20jährigen Zyklus, der weiterhin starke Stürme bringen wird.
Eine Wiederholung der starken Aktivität des Vorjahrs werde aber nicht erwartet, da die Verhältnisse 2006 anders seien. So sei das Wasser des Atlantiks derzeit nicht so warm wie zur selben Zeit 2005. Dennoch sollten sich die Menschen in den Küstenregionen wappnen. Ein Hurrikan, der dort auftritt, wo Sie leben, reicht aus, um es zu einer schlimmen Saison zu machen, sagte der Direktor des Hurrikanzentrums, Max Mayfield. Die Hurrikansaison im Atlantik reicht vom 1. Juni bis zum 30. November.
Die Ausgangssituation für
die Hurrikan-Saison 2006
Temperatur steigt schneller
Bis 2100 wird es bis zu 7,7 Grad wärmer als heute, berechnen Potsdamer Forscher.
Aus: Berliner Morgenpost, 24. Mai 2006, Seite ?? (Wissen) von KIM BRANDENBURGER. [Original]POTSDAM (BM). Der Treibhauseffekt wird die Erde nach jüngsten Erkenntnissen von Klimaforschern noch stärker erwärmen als bisher angenommen. Neuen Analysen von Eisproben aus der Antarktis zufolge dürfte die Temperatur auf der Erde bis zum Ende dieses Jahrhunderts um 6 Grad Celsius, schlimmstenfalls sogar bis um 7,7 Grad ansteigen. Das berichtet ein europäisches Wissenschaftlerteam, dem Victor Brovkin vom Potsdam-Institut für Klimaforschung angehört, im Magazin Geophysical Research Letters.
Nach ihren Berechnungen wird die künftige Erwärmung um 15 bis 78 % stärker ausfallen als bislang angenommen. Die bisherigen Erwartungen basierten allein auf der menschenbedingten Steigerung der Treibhausgase in der Atmosphäre. Neue Studien mit Bohrproben aus der Vostok- Eisplatte in der Antarktis machten die Wissenschaftler jedoch auf einen weiteren Effekt aufmerksam. Danach wird die Abgabe von Treibhausgasen wie Kohlendioxid (CO2) und Methan durch die Erwärmung der Erde noch zusätzlich erhöht.
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Obwohl das Antarktis-Eis nicht verrät, woher diese zusätzlichen Treibhausgase von der Erde kommen, liegt der Schluß nach Ansicht der Forscher auf der Hand. Sie gehen davon aus, daß sowohl der Erdboden wie auch die Weltmeere durch die Erwärmung mehr Kohlendioxid und Methan abgeben und in die Atmosphäre geben.Auf diesen Kreislauf stießen die Forscher in den neuen Eisproben, die ihnen einen Rückblick in knapp 420.000 Jahre Klimageschichte erlaubten. In diesem Zeitraum machte die Erde 4 einschneidende Klimaeinbrüche und einige weniger bedeutende Temperaturveränderungen durch. "Diese Mechanismen sind oftmals der Antrieb für abrupte Klimaänderungen. Es gehört zur wissenschaftlichen Routine, die Stärke von Rückkopplungseffekten durch Modellrechnungen abzuschätzen", erläutert Victor Brovkin, "auch wenn die Ergebnisse der neuen Methode noch mit großen Unsicherheiten behaftet sind, so legen sie doch nahe, daß frühere Temperaturvorhersagen nach oben korrigiert werden müssen."
Die ärmeren Länder der Erde werden von der berechneten Temperaturzunahme und den damit verbundenen Stürmen oder Hochwasserereignissen weit stärker betroffen sein als reichere Staaten. Dies geht aus einem globalen Klima-Risiko-Index 2006 hervor, den die Umweltorganisation Germanwatch in Bonn vorgestellt hat. Im Jahr 2004 gab es nach der Analyse in Somalia relativ gesehen die heftigsten wetterbedingten Schäden, gefolgt von der Dominikanischen Republik, Bangladesch, den Philippinen und China. Die USA belegen den neunten Platz trotz der absolut höchsten Schäden von fast 50 Milliarden US-Dollar. Deutschland rangiert auf Platz 33. Nur bei der absoluten Schadenssumme war Deutschland unter den 10 am stärksten betroffenen Ländern.
Für den Bericht wurden nicht die absoluten Schadenshöhen als Kriterium genommen, sondern sie wurden ins Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt gesetzt. Dies macht die Auswirkungen auf die ärmeren Länder deutlicher. [mehr]
K L I M A W A N D E L E S I S T S O W E I T !Zweifel an CO2-freien Kraftwerken
Aus: Heise-Newsticker, 24. Mai 2006, 16.22 Uhr MESZ (Klimagase). [Original]HANNOVER (wst/Technology Review). Der Chef der Deutschen Emissionshandelsstelle, Hans-Jürgen Nantke, hält CO2-freie Kraftwerke für "Placebos". Die Industrie habe das Thema aus Prestigegründen in die Welt gesetzt, obwohl es technisch und rechtlich noch nicht zu Ende gedacht sei, sagte Nanke gegenüber Technology Review. Das Konzept der CO2-freien Kraftwerke klingt verlockend: Statt das klimaschädliche Kohlendioxid in die Atmosphäre zu geben, sollen spezielle Anlagen das Gas abfangen, um es anschließend in unterirdischen Lagern zu entsorgen. Noch sei aber unklar, wer für Lecks in den Lagerstätten geradestehe, warnt Nantke im Gespräch mit Technology Review.
Doch auch Nantke und seine Kollegen müssen sich Kritik stellen: Vor fast 40 Jahren sorgte die Idee der handelbaren Emissionsrechte bei Umweltschützern für leuchtende Augen. Der kanadische Ökonom John Harkness Dales hatte 1968 den Grundgedanken von Cap and Trade deckeln und handeln erstmals publiziert. Anders als im tradierten Ordnungsrecht legt der Staat nicht mehr fest, wo, wie, wann und von wem Emissionen vermieden werden. Stattdessen fixiert er mit der Ausgabe einer begrenzten Zahl von Zertifikaten die Obergrenze einer erlaubten Umweltbeanspruchung.
Hierzulande ist die Idee seit Anfang 2005 Realität: Seitdem muss jeder deutsche Betrieb für jede Tonne Kohlendioxid, die sein Werk in die Luft bläst, ein Zertifikat vorweisen können ein handelbares Verschmutzungsrecht: Rund 1.200 Unternehmen sind mit 1.849 Anlagen in Deutschland dem so genannten Emissionshandel unterworfen. In Deutschland und anderen europäischen Ländern hat sich aber mittlerweile herausgestellt, dass die Ausstattung der Industrie mit kostenlosen Emissionsrechten deutlich zu großzügig war.
Neben nationalen Schwierigkeiten gibt es internationales Problem: Während die EU ihre CO2-Emission bis 2012 um 8 Prozent senken will, hat sich Russland verpflichtet, die Emission von 1990 nicht zu übersteigen und die USA entziehen sich komplett der Verpflichtung. Mit entsprechenden Folgen: Für 2010 erwarten die Vereinten Nationen 11 Prozent mehr CO2-Emission als 1990.
K L I M A W A N D E LNeuer Uno-Bericht sagt Klimakatastrophe voraus
In Klimabericht 2007 wird die Uno mit dramatischen Daten vor den Folgen der Erderwärmung warnen. Nach dem Report des internationalen Expertengremiums IPCC, dessen Entwurf SPIEGEL ONLINE vorliegt, ist kaum noch zu verhindern, dass die arktischen Eispanzer abschmelzen.
Aus: Spiegel Online 26. Mai 2006, ??.?? Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert) von VOLKER MRASEK. Die SPIEGEL-Leute geben seit Mai 2006 keine Uhrzeit mehr an. [Original]HAMBURG. 2001 machte das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) mit einem umfangreichen Bericht über den Klimawandel Furore. Der Report wurde zur Bibel für Umweltpolitiker und -aktivisten seine damals noch umstrittenen Ergebnisse sind mittlerweile weitgehend akzeptiert, zumindest von seriösen Wissenschaftlern [Ed: nicht aber von vielen in der Verantwortung stehenden Politikern].
Im Februar 2007 will die Uno den nächsten IPCC-Bericht veröffentlichen, an dem erneut hunderte Wissenschaftler aus aller Welt gearbeitet haben und der zur Richtschnur der globalen Klimapolitik der nächsten Jahre werden soll. SPIEGEL ONLINE liegt ein Entwurf des Papiers mit den wissenschaftlichen Kernpunkten vor und seine Aussagen lesen sich wenig hoffnungsvoll. Die Konzentrationen von Kohlendioxid, Methan und Lachgas in der Atmosphäre sind demnach die höchsten seit mindestens 650.000 Jahren. Seit 20.000 Jahren habe es keinen so raschen Temperaturanstieg gegeben wie im vergangenen Jahrhundert. Bis 2100 werde sich die Erde um bis zu 4,5 Grad erwärmen.
Bei dem Entwurf handelt es sich um den Beitrag der Arbeitsgruppe I und damit um das wissenschaftliche Fundament des Reports. In den 5 Jahren seit Erscheinen des letzten IPCC-Berichts habe es eine Fülle zusätzlicher Beobachtungsdaten und Modellrechnungen gegeben, heißt es. Auf deren Basis kommen die Uno-Sachverständigen zu einem klareren Befund als noch 2001. Zweiflern und Skeptikern halten sie entgegen: Es könne heute keinen begründeten Zweifel mehr daran geben, dass der Mensch die Erderwärmung verursache. Im Gegenteil: Man habe immer mehr Belege dafür, dass er "weitere Aspekte des Klimas beeinflusst, darunter die Meereisbedeckung, Hitzewellen und andere Wetterextreme, die Luftzirkulation, Sturmbahnen und den Niederschlag".
Sonnenaktivität spielt kaum eine Rolle
Der von Klimawandel-Skeptikern gern genannte Einwand, hinter der irdischen Hitzewallung stecke bloß eine erhöhte Aktivität der Sonne, kann nun endgültig zu den Akten gelegt werden. Tatsächlich ist der solare Beitrag ziemlich vernachlässigbar. Die IPCC-Experten veranschlagen ihn mit maximal 0,2 Watt thermischer Leistung pro Quadratmeter gegenüber 2,6 bis 3,2 Watt, die auf die vom Menschen eingebrachten Treibhausgase wie Kohlendioxid (CO2) zurückgehen. "Es ist hochgradig unwahrscheinlich, dass der gegenwärtige Klimawandel durch natürliche Schwankungen im System angestoßen wurde", heißt es in dem Entwurf.Vor 5 Jahren wagten die IPCC-Wissenschaftler nur einen vagen Ausblick in die nähere Zukunft. Die Erde könne sich im Laufe des 21. Jahrhunderts um 1,4 bis 5,8 Grad Celsius erwärmen, hieß es. Diese Spanne hat der Uno-Fachausschuss nun auf 2 bis 4,5 Grad eingeengt. "Am wahrscheinlichsten ist ein Zuwachs von rund 3 Grad Celsius", heißt es in dem Entwurf, der damit erstmals einen konkreten Wert nennt [Ed: wohlgemerkt, das sind Jahresmittelwerte!].
Allerdings gelte dies nur unter der Voraussetzung, dass sich der Kohlendioxid-Gehalt der Erdatmosphäre bis 2100 im Vergleich zur vorindustriellen Zeit höchstens verdoppelt ein sehr optimistisches Zukunftsszenario. Um unter dieser Schwelle zu bleiben, müsste die Staatengemeinschaft ihre Treibhausgas-Emissionen schnellstmöglich um 60 % drosseln. Viele halten das für einen schier unmöglichen Kraftakt.
Starke regionale Klimaschwankungen
Regional wird es ohnehin zu noch krasseren Temperatursprüngen kommen. Mit den heftigsten rechnen die Klimagutachter in hohen nördlichen Breiten, also in der Arktis. Dort werde die Erwärmung "etwa doppelt so stark ausfallen wie im globalen Mittel", prognostiziert der neue IPCC-Bericht. Das wären dann schon 6 Grad Celsius oder noch weit mehr.Denn auch darauf wird im Report für 2007 hingewiesen: Bei fortschreitender Erderwärmung nehmen Ozean und Biosphäre weniger Kohlendioxid auf als noch heute. Also wird tendenziell immer mehr CO2 aus Kraftwerksschloten und Auto-Abgasen in der irdischen Lufthülle verbleiben und sie weiter aufheizen. Wissenschaftler nennen das einen "positiven Rückkopplungseffekt", der sich negativ auf das Klima auswirkt: Er "könnte zu einer zusätzlichen Erwärmung von 1,2 Grad Celsius bis 2100 führen", mahnen die IPCC-Sachverständigen.
Bei solchen Fieberschüben wird eine heute noch kaum wahrgenommene Bedrohung plötzlich ganz real: Grönlands mächtiger Eispanzer könnte komplett abschmelzen. Das ist zuletzt vor rund 125.000 Jahren geschehen, in der sogenannten Eem-Warmzeit. Wie man aus Klimarekonstruktionen weiß, stieg der Meeresspiegel damals um mindestens 4 Meter.
Super-Eisschmelze im hohen Norden
Dem Report zufolge beschwört der Mensch gerade die erneute Super-Eisschmelze im hohen Norden herauf. Ein solcher Prozess würde zwar Jahrhunderte, wenn nicht gar Jahrtausende dauern. Doch er könnte schon bald unwiderruflich beginnen wenn, wie es im neuen IPCC-Bericht heißt, "die arktischen Sommertemperaturen schätzungsweise 2 bis 4 Grad Celsius höher wären als heute". Die kritische Temperaturschwelle für den grönländischen Eisschild dürfte demnach schon lange vor dem (in der Arktis mutmaßlich 6 Grad wärmeren) Jahr 2100 überschritten sein. Das Abschmelzen von Grönlands Eispanzer könnte dann nicht mehr aufzuhalten sein.Dem Bericht des IPCC zufolge drohen in den nächsten 100 Jahren weitere gravierende Klimaveränderungen in vielen Teilen der Erde:
- Die Arktis könnte schon in der zweiten Jahrhunderthälfte komplett eisfrei sein, wenn sich an den Treibhausgas-Emissionen nicht viel ändert.
- bis zu 90 % der Permafrostböden könnten bis zum Jahr 2100 oberflächlich auftauen und dann zusätzlich klimawirksames Methan freisetzen.
- Niederschläge werden in den Trockengürteln der Erde tendenziell weiter abnehmen und in feuchten Weltregionen weiter zunehmen.
- in mittleren Breiten werden Stürme seltener auftreten, dafür aber an Stärke gewinnen extreme Wellenhöhen an der Küste und größere Schäden inklusive.
- der Meeresspiegel wird bis zum Ende dieses Jahrhunderts allein durch die thermische Ausdehnung des Wassers um bis zu 43 Zentimeter ansteigen, eine beginnende Packeisschmelze in Grönland könnte diesen Betrag noch deutlich erhöhen.
- in Europa werden die Außentemperaturen trotz einer vorhersehbaren Abschwächung des Golfstroms steigen, weil der Treibhauseffekt durch Kohlendioxid und andere Klimagase überwiegt.
Plakative Warnungen wie "Das Klima droht endgültig zu kippen" oder "Die Katastrophe ist kaum noch abwendbar" wird man in dem neuen IPCC-Report dennoch vergeblich suchen. Die Autoren sind gehalten, alle vorliegenden Daten und Studien nüchtern zu bewerten und keine forschen Schlüsse zu ziehen.
Offiziell will sich auch keiner der beteiligten Wissenschaftler zu dem jetzt vorliegenden Berichtsentwurf äußern. Der deutsche Klimaforscher und IPCC-Autor Stephan Rahmstorf erklärte auf Anfrage, man bleibe bei der ursprünglichen Marschroute, und die sehe vor, erst im Januar an die Öffentlichkeit zu gehen.
Andere Gutachter betonen, erst dann gebe es die Endfassung des Berichts, und nur die sei maßgeblich. Man darf allerdings davon ausgehen, dass sich die finale Version vom jetzigen Entwurf allenfalls in Nuancen unterscheidet. "Jetzt", sagt ein Beteiligter am mehrstufigen, aber weitgehend abgeschlossenen Begutachtungsprozess, "kommen höchstens noch Kommentare, um die eine oder andere Formulierung etwas zu ändern". [mehr]
K L I M A W A N D E LBöse Überraschung im Nordpol-Bohrkern
Forscher haben weitere Hinweise dafür gefunden, dass Kohlendioxid die Erdatmosphäre stärker aufheizt als bisher angenommen. Ein Bohrkern aus der Arktis, der 55 Millionen Jahre altes Gestein enthält, brachte eine große und unangenehme Überraschung.
Aus: Spiegel Online 31. Mai 2006, ??.?? Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). Die SPIEGEL-Leute geben seit Mai 2006 keine Uhrzeit mehr an. [Original]HAMBURG (mbe/AP/ddp). Mittelmeerklima am Nordpol? Vor Millionen Jahren sah es vermutlich genau so aus. "Stellen sie sich eine Welt mit dicht gewachsenen Mammutbäumen und Zypressen vor", sagt Mark Pagani, Geologe an der Yale University. Vor 55 Millionen Jahren war es in der Arktis durchschnittlich 23 Grad warm, wie Forscher anhand von Bodenproben tief unter dem Meer herausgefunden haben. Und auch den Hauptgrund für die arktischen Kuscheltemperaturen legen sie im Wissenschaftsmagazin Nature dar: Kohlendioxid das Gas, das die Menschheit heute in nie dagewesenen Mengen in die Luft bläst.
Erstmals überhaupt ist es Wissenschaftlern gelungen, direkt am Nordpol Bohrproben vom Meeresboden zu nehmen. Und der 430 Meter lange Bohrkern, den die Arctic Coring Expedition (ACEX) zutage förderte, hatte es in sich: Die Sedimente zeigen, dass die Arktis bereits vor rund 45 Millionen Jahren zugefroren ist. Bisher hatten Forscher angenommen, dies sei vor erst 2 bis 3 Millionen Jahren geschehen.
Damit haben die internationalen Teams, die ihre Ergebnisse in 3 Studien in der aktuellen Nature-Ausgabe beschreiben, offenbar ein altes Rätsel gelöst. Der Rückgang des Kohlendioxids in der Atmosphäre galt bisher als maßgeblich dafür verantwortlich, dass die globalen Temperaturen vor 55 Millionen Jahren dramatisch gesunken sind und unter anderem die Antarktis zufrieren ließen. Im hohen Norden aber schienen andere Regeln zu gelten: Den bisherigen Daten zufolge dauerte es viele Jahrmillionen, bis die Arktis ebenfalls zum Kühlhaus wurde.
Deshalb glaubte man, vor allem regionale Veränderungen seien für die Bildung des antarktischen Eises verantwortlich gewesen indem sie den Kontinent von warmen Meeresströmungen abschnitten. Der neue Arktis-Bohrkern zeigt nun, dass wohl doch das Kohlendioxid die Hauptrolle spielte denn jetzt scheint klar, dass es im Norden und Süden zugleich kalt wurde.
"Supertreibhaus" vor 55 Millionen Jahren
Der älteste Teil des Bohrkerns besteht hauptsächlich aus sandigem Lehm und enthält winzige fossile Algen vom Typ Apectodinium. Diese Pflanzen seien typische Marker einer abrupten Erwärmung, berichten die Wissenschaftler. Die Oberflächentemperatur des arktischen Ozeans habe vor 55 Millionen Jahren bei etwa 18 Grad Celsius gelegen und sei in der darauf folgenden Periode, dem sogenannten Paläozän-Eozän-Wärmemaximum, sogar auf etwa 24 Grad gestiegen deutlich mehr als bislang angenommen.Anschließend fiel die Wassertemperatur kontinuierlich ab, bis sich das Wasser vor 49 Millionen Jahren auf rund zehn Grad abgekühlt hatte. Der Bereich des Bohrkerns, der aus dieser Zeit stammt, enthält sowohl Süß- als auch Salzwasseralgen und überraschend viele Sporen eines Süßwasserfarns.
Vor 45 Millionen tauchten auch in den Sedimenten am Nordpol verräterische Zeichen auf, schreiben die Forscher: kleine Steine, die mit den Eiszungen vom Land auf das Meer hinaus gewandert sein müssen. Das zeige, dass sich die Eisdecken über dem Nord- und dem Südpol wahrscheinlich doch gleichzeitig gebildet haben.
"Es war das erste Mal, dass wir die Arktis untersucht haben, und das Ergebnis war eine große Überraschung für uns", sagt Kathryn Moran von der University of Rhode Island, Hauptautorin einer der drei Fachartikel. Die Forscher sind nun beunruhigt, dass die derzeit beobachtete Erderwärmung wesentlich stärker ausfallen könnte als bisher angenommen. "Die bisherigen Schätzungen sind wohl eher am unteren Ende einzuordnen", erklärt Appy Sluijs von der Universität Utrecht in den Niederlanden, ein Mitglied der Forscherteams.
Die Ergebnisse der Studie bewiesen, dass eine starke Zunahme von Kohlendioxid in der Atmosphäre globale Klimaerwärmung verursachen könne. Ähnliche Ergebnisse hatte ein anderes Forscherteam erst vergangene Woche veröffentlicht: Auch seinen Studien zufolge muss die Klimawirkung des Kohlendioxids deutlich nach oben korrigiert werden.
Eis spielt die zweite Hauptrolle
Neben dem Kohlendioxid spiele aber auch das Eis der Arktis eine entscheidende Rolle für das globale Klima, sagt Studienleiterin Moran. Der helle Schnee und das Eis reflektieren einen großen Teil des Sonnenlichts. Schmilzt die weiße Pracht dahin, heizt sich die Erde noch schneller auf.In einem Begleitartikel in Nature schreibt Heather Stoll vom Williams College in Williamstown (US-Staat Massachusetts), dass die 3 aktuellen Studien dies eindrucksvoll belegten. Denn sie zeigten, dass die Klimagas-Freisetzung die Temperaturen in der damals noch eisfreien Arktis genauso stark habe steigen lassen wie in tropischen Regionen.
Bei Eiszeit-Phasen in der jüngeren Vergangenheit hätten sich die Temperaturen in der Arktis dagegen etwa doppelt so stark verändert wie in den Tropen. Die Schlussfolgerung klingt beängstigend: Die mögliche Veränderung der Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre und die globale Erwärmung könnten bereits den Verhältnissen des "Paläozän-Supertreibhauses" entsprechen. "In einer Hinsicht wird die zukünftige Erwärmung aber anders sein", schreibt Stoll. "Im hohen Norden wird sie durch den Rückgang der Schnee- und Eisdecke heftig verstärkt werden."
Einen Anhaltspunkt, wie die Erde ihre Hitzewallung vor 55 Millionen Jahren überwunden haben könnte, haben die Wissenschaftler übrigens auch entdeckt. Sie vermuten, dass sich durch die starke Erwärmung in der Arktis ein Farn ausgebreitet hat, das möglicherweise große Mengen von Kohlenstoffdioxid aufnahm. Allerdings dauerte es etwa 800.000 Jahre, bis die Erde wieder abkühlte. [mehr]
Alarmstufe Dunkelrot
Die Erde wird immer wärmer, und das hat auch Folgen für die Weltmeere: Ein neues Gutachten der Bundesregierung malt ein finsteres Bild von der Zukunft unserer Ozeane und sieht schwere Folgen für die Menschheit ab.
Aus: DIE ZEIT Nr. 22/2006, 31. Mai 2006, Seite ?? (Wissen). [Original]Erst die Vereinten Nationen und der Vorbericht des Intergovernmental Panel of Climate Change (IPCC), nun auch die Bundesregierung: Die Warnungen vor den dramatischen Änderungen durch den globalen Klimawandel wollen nicht mehr verstummen. Sturmfluten, zerstörerische Hurrikans und eine Versauerung der Weltmeere sagt jetzt das Sondergutachten des Wissenschaftlichen Beirats für globale Umweltveränderungen voraus. Es wurde am Mittwoch [31.5.2006] in Berlin vorgestellt.
Das knapp 120 Seiten starke Papier prophezeit einen Anstieg des Meeresspiegels, der auf lange Sicht ganze Küstenregionen in Nordeuropa überfluten und Inselstaaten wie die Malediven komplett im Meer versinken lassen wird. Hans-Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und Mitglied des Gutachtergremiums, sagte, dass Wirbelstürme künftig noch zerstörerischer ausfallen werden. Die fortgesetzte Versauerung der Meere durch Kohlendioxid gefährde außerdem die Fischbestände. Fazit der Untersuchung: Der Ausstoß des Treibhausgases CO2 muss stärker begrenzt werden.
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Was wird nun die Politik tun? Wird sie endlich die auslösenden Technologien darunter auch das Auto zurückdrängen?
Das Sondergutachten ist ein einziges Alarmszenario. Akut vom Klimawandel bedroht sind demnach vor allem die tropischen Korallenriffe: Sie könnten in 30 bis 50 Jahren verschwunden sein. Schmelzendes Eis indessen gefährde nicht nur die Menschen. "Es gibt Anzeichen für einen beginnenden Zerfall der Kontinentaleismassen auf Grönland und in der Antarktis, der in den kommenden Jahrhunderten mehrere Meter Meeresspiegelanstieg verursachen könnte." Der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf ebenfalls im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung (WBGU) sagte, der Meeresspiegel könne bis zum Jahr 2100 um bis zu 1 Meter steigen.
Laut Studie sind Venedig, Sankt Petersburg, aber auch Teile New Yorks von diesen Fluten gefährdet. Größere Gebiete an den Küsten Europas könnten nach Ansicht der Experten zwar erst nach mehreren Jahrhunderten betroffen sein. Dennoch droht eine gewaltige Flüchtlingswelle, wenn der Anstieg des Meeresspiegels schwere Stürme auslöst und die tieferliegenden Küstenstreifen sowie kleine Inselstaaten überflutet. Etwa jeder fünfte Mensch lebe weniger als 30 Kilometer vom Meer entfernt.
Die Experten fordern rasches Gegensteuern: Der Treibhausgasausstoß müsse bis 2050 im Vergleich zu 1990 etwa halbiert und der Anstieg der Lufttemperatur auf weniger als 2 Grad Celsius im Vergleich zum 19. Jahrhundert begrenzt werden. Damals lag die Temperatur um etwa 0,8 Grad unter der heutigen. Die Überfischung der Ozeane müsse gestoppt und mindestens 20 bis 30 % der Meeresfläche sollten zu Schutzgebieten erklärt werden.
"Zum ersten Mal wird hier die zweifache Bedrohung durch den übermäßigen Kohlendioxidausstoß, nämlich der Treibhauseffekt und die Versauerung der Ozeane, aufeinander bezogen", sagte Ulf Riebesell vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel. Arbeiten seines Teams haben gezeigt, dass Kalk bildende Organismen wie Muscheln, Schnecken und Korallen im Meer durch die zunehmende Versauerung nachhaltig geschädigt werden.
"Die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse zum schnelleren Anstieg des Meeresspiegels und der Bedrohung der Meere durch Versauerung sind Besorgnis erregend", sagte der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesumweltministerium, Michael Müller (SPD). Selbst wenn die Begrenzungsziele des Beirats eingehalten und die Kosten des dramatischen Wandels bewältigt würden, seien auch die wirtschaftlichen Folgen gravierend. Auch das Bundesforschungsministerium sprach von einem "Alarmsignal". [mehr]
H U R R I K A N " K A T R I N A "Experten warnen vor dramatischen Sturmfluten
Der ungebremste Ausstoß von Kohlendioxid hat laut Wissenschaftlern schwerwiegende Folgen für Meere und Küsten. Es drohen gewaltige Hurrikans und eine Versauerung der Weltmeere.
Aus: Berliner Morgenpost, 31. Mai 2006, 16.43 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]BERLIN (morgenpost.de/dpa). Durch den Klimawandel drohen künftig dramatische Sturmfluten, zerstörerische Hurrikans und eine Versauerung der Weltmeere. Davor warnt ein Gutachten der Bundesregierung, das in Berlin vorgestellt wurde. Der Anstieg des Meeresspiegels könne auf lange Sicht Küstenregionen in Nordeuropa überfluten und Inselstaaten wie die Malediven untergehen lassen, sagte der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Hans-Joachim Schellnhuber. Hurrikans würden viel zerstörerischer. Die fortgesetzte Versauerung der Meere durch Kohlendioxid gefährdet den Experten zufolge die Fischbestände. Der Ausstoß des Treibhausgases müsse stärker begrenzt werden.
Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung (WBGU) beschreibt in dem Sondergutachten ein Alarmszenario: Es gibt Anzeichen für einen beginnenden Zerfall der Kontinentaleismassen auf Grönland und in der Antarktis, der in den kommenden Jahrhunderten mehrere Meter Meeresspiegelanstieg verursachen könnte. Der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf sagte, der Meeresspiegel könne bis zum Jahr 2100 um bis zu 1 Meter steigen. Dadurch wären laut Studie Venedig, Sankt Petersburg, aber auch Teile New Yorks von Fluten gefährdet. Akut bedroht seien die meisten tropischen Korallenriffe: Sie könnten in 30 bis 50 Jahren verschwunden sein. Größere Gebiete an den Küsten Europas könnten aber erst nach mehreren Jahrhunderten betroffen sein.
Die Wissenschaftler befürchten eine gewaltige Flüchtlingswelle, wenn der Anstieg des Meeresspiegels zerstörerische Hurrikans auslöst und Küsten sowie kleine Inselstaaten überflutet. Etwa jeder fünfte Mensch lebe weniger als 30 Kilometer vom Meer entfernt. Die Experten fordern rasches Gegensteuern: Der Treibhausgasausstoß müsse bis 2050 im Vergleich zu 1990 etwa halbiert und der Anstieg der Lufttemperatur auf weniger als 2 Grad Celsius im Vergleich zum 19. Jahrhundert begrenzt werden. Damals lag die Temperatur um etwa 0,8 Grad unter der heutigen. Die Überfischung der Ozeane müsse gestoppt und mindestens 20 bis 30 Prozent der Meeresfläche sollten zu Schutzgebieten erklärt werden.
Zum ersten Mal wird hier die zweifache Bedrohung durch den übermäßigen Kohlendioxidausstoß, nämlich der Treibhauseffekt und die Versauerung der Ozeane, aufeinander bezogen, sagte Ulf Riebesell vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel. Arbeiten seines Teams haben gezeigt, daß kalkbildende Organismen wie Muscheln, Schnecken und Korallen im Meer durch die zunehmende Versauerung nachhaltig geschädigt werden.
Die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse zum schnelleren Anstieg des Meeresspiegels und der Bedrohung der Meere durch Versauerung sind besorgniserregend, sagte der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesumweltministerium, Michael Müller (SPD). Nur mit den Begrenzungszielen des Beirats könnten die Kosten bewältigt werden. Selbst dann seien die wirtschaftlichen Folgen gravierend. Das Bundesforschungsministerium sprach von einem Alarmsignal und befürwortete die Empfehlung, Schutzgebiete auszuweisen.
E R W Ä R M U N GNew Orleans war nur auf Kuschelsturm vorbereitet
Fehlplanung in den sechziger Jahren hat die Katastrophe von New Orleans erst ermöglicht. US-Forscher kritisieren, dass die Deiche entgegen dem Rat von Experten für einen viel zu sanften Modellsturm gebaut wurden. "Katrina" wütete dann über der schlecht geschützten Stadt wie 4 Stürme zugleich.
Aus: Spiegel Online 31. Mai 2006, ??.?? Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). Die SPIEGEL-Leute geben seit Mai 2006 keine Uhrzeit mehr an. [Original]USA (stx/AFP). Mit dem Monat Juni startet in den USA die "Hurricane season", jene 6 Monate, in denen sich weit auf dem Atlantik gewaltige Wirbelstürme bilden und die US-Küste bedrohen, vom Golf von Mexiko bis hinauf nach Neuengland. Dabei sind die Folgen des verheerenden Hurrikan-Rekordjahrs 2005 noch nicht vergessen.
"Wir haben jetzt eine viel leichter verwundbare Bevölkerung, da braucht es nicht einmal einen Hurrikan der Kategorie 3 oder 4, um diese Gemeinden umzuhauen", sagte Robert Latham, Leiter der Katastrophenschutzbehörde des US-Bundesstaats Mississippi. Dort und im Nachbarstaat Louisiana leben noch immer rund 100.000 Menschen in Wohnwagen, seit die Wirbelstürme "Rita" und "Katrina" im letzten Sommer ihre Häuser zerstört haben.
Conrad Lauterbach, Chef des Nationalen Hurrikanzentrums beim meteorologischen Dienst der USA (NOAA), hat zwar für die Hurrikansaison 2006 weniger starke Stürme als 2005 prognostiziert. Doch diese Entwarnung wird durch ein Eingeständnis der Behörden in New Orleans relativiert: Sie gaben zu, dass die Dämme in der Stadt noch nicht fertig repariert oder verstärkt worden sind.
"Katrina" schlug zu wie 4 Stürme
Die Analyse der "Katrina"-Katastrophe zeigt derweil, wie der Wirbelsturm Ende August letzten Jahres 1500 Menschenleben fordern und Milliardenschäden anrichten konnte obwohl er nicht einmal genau über New Orleans hinweggezogen war. Zwei neue Studien zeigen jetzt: Bei der Planung der Deiche für die Großstadt haben die Ingenieure die schwersten bekannten Stürme einfach ausgeklammert. Und "Katrina" glich in seiner Wirkung eher 4 Stürmen statt einem einzelnen.Mit dem richtigen Schutz hätte New Orleans "nasse Knöchel" bekommen, nicht mehr, sagte Raymond Seed der "New York Times". Der Professor für Bauingenieurwesen von der University of California in Berkeley hat in der vergangenen Woche einen Bericht veröffentlicht, der harsche Kritik enthält. Darin stellt er auch dar, wie "Katrina" die Stadt traf:
- In seiner ersten Phase habe der Sturm südlich der Stadt eine Wasserhöhe aufgebaut, für die die dortigen Dämme nicht ausgelegt waren.
- Als der Sturm über den Lake Borgne zog, waren es dort vor allem die gewaltigen Wellen, denen die Deiche in der Gemeinde St. Bernard nachgaben.
- In einem dritten Anlauf drückte der Sturm eine Flutwelle in die trichterförmige Bucht am nordwestlichen Ende des Lake Borgne und damit in einen Hafenkanal. Dort stieg das Wasser mit enormer Wucht an und zerstörte an mehreren Stellen die Schutzwände.
- Als der Sturm schließlich in die Mississippi-Mündung hineinzog, staute sich eine Flutwelle am Südufer des Lake Pontchartrain. Sie war schwächer als die vorherigen und schwappte nicht über die Deiche. Weil aber dort 3 Hauptentwässerungskanäle in den Lake Pontchartrain mündeten, fand das Wasser einen Weg in die Innenstadt. Durch Brüche im 17th Street Canal und im London Avenue Canal wurden die niedrig gelegenen Stadtviertel überflutet.
Warum versagten die Flutschutzmaßnahmen gleich an mehreren Stellen? David Daniel, Vorsitzender eines Untersuchungsausschuss zur Arbeit des Pionierkorps der US-Armee, sagte der New York Times, dass der Fehler bereits in den Planungen für die Deiche stecke: "Das war gemessen an heutigen Standards keine schrecklich ausgeklügelte oder detaillierte Analyse."
Fehlplanung mit sanftem Modellsturm
Die Ermittlungen unterschiedlicher Experten zeigten: Der Sturm in den Simulationen war schlicht zu sanft. Einige seiner Eigenschaften hätten nur einem Hurrikan der Stärke 2 entsprochen, obwohl der Flutschutz New Orleans vor Wirbelstürmen hätte schützen sollen, die in ihrer Wucht statistisch nur einmal in 200 Jahren zu erwarten seien.Das war auch die Vorgabe des US-Kongress an das Pionierkorps, nachdem die Stadt am Golf von Mexiko 1965 vom Hurrikan "Betsy" überflutet worden war. 13 Jahre sollte der Bau damals dauern und 85 Millionen US-Dollar kosten. Als "Katrina" 2005 heranstürmte, waren 738 Millionen verbaut und das System immer noch nicht fertiggestellt.
Sowohl Daniel als auch die Forscher um Raymond Seed sowie die Autoren eines Berichts an den US-Kongress kritisieren, dass der Sturm in den Modellen viel zu schwach war, um der Realität zu genügen. Schlimme Stürme wie "Camille" von 1969 wurden einfach aus der Datenbank geworfen, die dem Modellsturm als Grundlage diente. "Extreme Daten auszuschließen ist aber keine kluge Strategie, wenn es um extreme Wetterphänomene geht", betont Seed.
"Bestenfalls grobe Schätzung"
Auch nachdem die Wetterexperten der NOAA ein anderes Sturmmodell gefordert hatten, änderte das Pionierkorps seine Deichpläne nicht. Für New Orleans bedeutete dies ein falsches Gefühl der Sicherheit, gegen einen "schnellen Hurrikan der Kategorie 3" gewappnet zu sein. So hatten die Ingenieure ihren Modellsturm getauft. Die Autoren des Kongressberichts bezeichnen das als "bestenfalls grobe Schätzung, schlimmstenfalls schlicht unzutreffend".Jujen Battjes, ein Mitarbeiter aus Seeds Team, kommt aus den Niederlanden. Dort, berichtet er, werde seit den 1930er Jahren mit einem statistischen Ansatz gearbeitet: Auch Wellenhöhen, die nie verzeichnet worden, aber theoretisch möglich seien, würden dort mit in die Modelle einfließen.
Ein solches Herangehen könne auch leichter neue Sturmrekorde einbeziehen. So war 2005 in den USA ein Sturmjahr ohne Vergleich: Von 28 atlantischen Stürmen, die Meteorologen für wichtig genug befanden, um ihnen einen Namen zu geben, waren 15 Hurrikane. Sieben von ihnen wurden als in die Kategorie 3 oder höher eingestuft zum ersten Mal seit Beginn der Aufzeichnungen.
Mehr zu diesem Thema:
[28.08.2005: Noch ein Fingerzeig des Klimawandels] (khd-Page)
[01.09.2005: Apocalypse now! New Orleans total überflutet] (khd-Page)
[06.09.2005: Sparkurs verhinderte gigantische Rettungsinsel] (SPIEGEL ONLINE)
[01.06.2006: Versinkende Stadt Von New Orleans zu New Atlantis] (SPIEGEL ONLINE)
Forscher finden Hitzezentrum der Arktis
Der Klimawandel hat einen neuen Brennpunkt: Auf Spitzbergen und seinen Nachbarinseln ist das Frühjahr bis zu 13 Grad wärmer als normal. Im Zusammenwirken von natürlichen Wetterschwankungen und Erderwärmung sind sogar noch größere Temperaturextreme möglich.
Aus: Spiegel Online 19. Juni 2006, ??.?? Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert) von VOLKER MRASEK. Die SPIEGEL-Leute geben seit Mai 2006 keine Uhrzeit mehr an. [Original]HAMBURG/OSLO. Für gewöhnlich äußere er sich ja nüchtern und sachlich, sagt Oyvind Nordli. So, wie es sich eben gehört für einen Wissenschaftler, der am Norwegischen Meteorologischen Institut in Oslo seinen Dienst tut. Doch dann entfährt es dem Klimaforscher: "Die Temperaturen scheinen völlig verrückt zu spielen!"
Wie viele seiner Kollegen blickt Nordli seit Wochen und Monaten mit immer größerem Erstaunen ins europäische Polarmeer. Dort, auf 77 bis 80 Grad nördlicher Breite, liegt Svalbard: eine Gruppe unwirtlicher, stark vergletscherter Inseln. Die bekannteste und größte von ihnen ist Spitzbergen. Dort, etwa 1200 Kilometer vom Nordpol entfernt, spielen sich in diesem Frühjahr Dinge ab, die selbst Experten nicht so recht fassen können.
Seit Dezember liegen die Monatsmitteltemperaturen auf Svalbard um bis zu 12,6 Grad Celsius über den Normalwerten. Der arktische Archipel avanciert damit zum unangefochtenen Hot Spot der Klimaerwärmung. Nirgendwo sonst auf dem ganzen Globus sind in den letzten Jahrzehnten derart krasse Temperaturabweichungen registriert worden.
Der April auf Svalbard war zuletzt im Mittel exakt null Grad warm und damit wärmer als jeder vorhergehende Mai. Noch extremer ging es im Januar 2006 zu: Mit einem Durchschnittswert von minus 2,7 Grad war er wärmer als jeder April in den Aufzeichnungen des Wetterdienstes. Normalerweise liegen die Temperaturen in dieser Jahreszeit zwischen minus 12 und minus 16 Grad. "Einen so milden Winter hat Svalbard seit Beginn der Temperaturmessungen 1912 noch nicht erlebt", resümiert Meteorologe Nordli, der in seinem Institut für die hohe Arktis zuständig ist. Schon im Mai war der Ozean um die Inseln herum praktisch eisfrei. "Auch das", sagt Nordli, "haben wir so früh im Jahr noch nie beobachtet."
Starke Schmelzwasser-Abflüsse
Auch deutsche Forscher sind Zeugen des Geschehens. Das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) betreibt eine Station in Ny-Ålesund an der Westküste Spitzbergens, der nördlichsten Siedlung der Welt. Von dort meldeten AWI-Forscher unlängst starke Schmelzwasser-Abflüsse zwischen dem Dauerfrostboden und der noch verbliebenen Schneedecke. Da sie folglich im Verborgenen verlaufen, bringen sie die Forscher vor Ort in Gefahr. "Wir können den Ort praktisch nicht mehr verlassen, um an unseren Messgeräten außerhalb zu arbeiten", meldete Stationsingenieur Kai Marholdt am Jahresanfang in die Heimat.Phil Jones gehört zu den Ersten, denen die extreme Wärme in der entlegenen Region aufgefallen ist. Der Hydrologe ist Direktor der Klimaforschungsabteilung an der University of East Anglia in England. Dort werden schon seit 25 Jahren globale Temperaturdaten routinemäßig erfasst und Ausreißer auf einer Weltklimakarte mit Fähnchen versehen. Svalbard ist in diesem Frühjahr ständig beflaggt. "Es gab bisher nur einen einzigen Monat, in dem Ähnliches beobachtet wurde", sagt Jones. "Im März 1990 lag die Temperatur in der früheren Sowjetunion um 10 bis 12 Grad über dem Mittelwert, aber das nur für einen Monat."
Auf Spitzbergen und seinen Nachbarinseln kann man derzeit erleben, was passiert, wenn der Klimawandel und natürliche Wetterschwankungen sich gegenseitig verstärken. Der norwegische Vorposten erlebt in diesem Frühjahr eine ausgesprochene Warmwetterlage. Hinzu kommt, dass sich die Klimaerwärmung in hohen nördlichen Breiten in den vergangenen Jahren immer stärker bemerkbar macht. Aus 1978 begonnenen Satellitenmessungen geht hervor, dass die Meereisbedeckung in der Arktis um knapp 3 Prozent pro Jahrzehnt zurückgeht. Das Eis auf dem Polarmeer aber wirkt wie ein großer Strahlungsreflektor. Schwindet er, heizt sich die Hocharktis noch stärker auf.
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