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E R G E B N I S D E R B A L I - K O N F E R E N ZKritischer Punkt beim Klimawandel bereits überschritten
Wissenschaftler fürchten, dass beim Klimawandel schnelle, katastrophale Veränderungen anstehen. Ein renommierter US-Klimaforscher appelliert jetzt an Kanzlerin Angela Merkel, den Bau neuer Kohlekraftwerke zu überdenken: "Ihre Führungsqualitäten sind gefragt".
Aus: Spiegel Online 14. Dezember 2007, ??.?? Uhr MEZ (nur elektronisch publiziert). [Original]SAN FRANCISCO. James Hansen ist es gewöhnt, sich mit Regierungen anzulegen. Der Direktor des Goddard Institute for Space Studies der Nasa hat vor allem mit der Bush-Administration schon eine Menge Ärger gehabt. Der Klimaforscher hatte ihr vorgeworfen, seine Forschungsergebnisse über den Klimawandel zensiert zu haben. Das Nasa-Hauptquartier habe angeordnet, sowohl seine geplanten Veröffentlichungen und Vorlesungen als auch Einträge auf der Goddard-Website zu begutachten, berichtete er im Januar 2006.
Nun nimmt sich Hansen die nächsten Regierungschefs vor. In einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel und den britischen Premierminister Gordon Brown fordert er diese auf, existierende Pläne zum Bau neuer Kohlekraftwerke zu überdenken. "Die Kanzlerin ist Physikerin", sagt Hansen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, sie werde die einfachen Zusammenhänge von Kohleverbrennung und Klimawandel wohl verstehen.
"Ihre Führungsqualitäten sind gefragt, denn es geht um die in Ihrem Land geplanten Kohlekraftwerke, die globale Auswirkungen haben werden", schreibt der Wissenschaftler. Deutschland habe sich an vorderster Stelle für den Kampf gegen den Klimawandel engagiert. "Doch es gibt Planungen zum Bau neuer Kohlekraftwerke." Nach Angaben der Umweltschutzorganisation Greenpeace sollen bis 2012 mehr als 20 neue Kohlekraftwerke in Deutschland errichtet werden, Umweltminister Sigmar Gabriel geht hingegen nur von 9 neuen Anlagen aus. Damit nicht genug: Laut einer Untersuchung des "Center for global Development" stehen in Deutschland schon 2 der klimaschädlichsten Kohlekraftwerke Europas.
"Wir müssen uns überlegen, wie wir leben wollen", sagt Hansen auf dem Treffen der American Geophysical Society (AGU) in San Francisco. Man könne die CO2-Emissionen nicht senken, wenn man immer mehr Kohle verbrenne. "Es wird immer als gottgegeben dargestellt, dass wir alles Öl und alle Kohle verbrennen müssen. Davon müssen wir wegkommen."
Point of no Return?
Der Klimaforscher glaubt, dass die globalen Veränderungen bereits weiter fortgeschritten sind, als viele glauben. "Ich denke, wir haben den kritischen Punkt beim Klimawandel schon überschritten." Das System habe einen Zustand erreicht, an dem es auch ohne weitere Einflüsse von außen zu einem schnellen, umfassenden Klimawandel komme. An einem "Point of no Return" sei die Erde jedoch noch nicht, glaubt Hansen. Doch zumindest beim Eis in der Arktis sei man von unumkehrbaren Klimaveränderungen nicht mehr weit entfernt.Der extrem warme Sommer 2007 in der Arktis und die Rekordschmelze des Eises ist nach Meinung vieler Wissenschaftler ein Alarmzeichen. Als besonders verhängnisvoll habe sich eine positive Rückkopplung im Polarmeer erwiesen, erklärt Josefino Comiso vom Goddard Space Flight Center der Nasa. "Eis reflektiert die Sonnenstrahlung wesentlich stärker als Wasser." Wo das Eis verschwunden sei, werde deutlich mehr Strahlung absorbiert das Wasser erwärme sich und beschleunige so das Schmelzen des noch verbliebenen Eises.
Für Richard Alley von der Pennsylvania State University war das Jahr 2007 nur ein Vorbote für das, was noch kommt. Bereits die Folgen des derzeit noch relativ geringen Temperaturanstiegs seien dramatisch: weniger Schnee in den Gebirgen, weniger Eis in der Arktis. "Wir werden in Zukunft noch eine viel größere Erwärmung erleben", warnt er, mit weitreichenderen Folgen als heute.
CO2-Sequestrierung erst in der Entwicklung
"Unser Ziel muss eine CO2-Konzentration von 300 bis 350 Parts per Million (ppm) sein", sagt Nasa-Forscher Hansen. Nur dann könne man das Klima stabilisieren. "Derzeit haben wir aber schon 380 ppm, und wenn wir nicht schnell reagieren, landen wir bei 450 oder mehr." Deshalb sei es vollkommen klar, dass man Kohle in Zukunft nur noch dann verbrennen dürfe, wenn das CO2 aufgefangen werde. "Wenn wir das nicht tun, wird sich das Klima auf nicht mehr umkehrbare Weise verändern."Doch die CO2-Sequestrierung, also das Deponieren von Kohlendioxid in unterirdischen Lagerstätten, befindet sich derzeit noch im Entwicklungsstadium. "Es wird wohl noch etwa 10 Jahre dauern, bis die CO2-Abscheidung in Kraftwerken genutzt wird", sagt Juliannah Fessenden vom Los Alamos Laboratory in New Mexico. Die unterirdische Lagerung sei vielversprechend. "Nach derzeitigen Schätzungen halten die unterirdischen CO2-Speicher lange eine Million Jahre." Es gebe zudem schon einige Erfahrungen aus der Ölförderung, bei der CO2 in die Erde gepumpt werde, um das Öl herauszupressen. Im brandenburgischen Ketzin läuft derzeit ein Versuchsprojekt "CO2SINK", das die Machbarkeit dieser Technologie untersuchen soll.
Das Einfangen des Kohlendioxids direkt im Kraftwerk ist allerdings nur ein denkbarer Weg. Elmar Kriegler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, der derzeit an der Carnegie Mellon University forscht, beschäftigt sich mit der CO2-Abscheidung aus ganz normaler Luft. Technisch sei diese machbar, sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, die dafür notwendigen Anlagen würden aussehen wie Kühltürme von herkömmlichen Kraftwerken und Natriumhydroxid zum Abscheiden des Kohlendioxids nutzen.
Kohlendioxid aus der Luft holen
"Man könnte die CO2-Auffangtürme dorthin bauen, wo man das Kohlendioxid auch unterirdisch speichert. Lange Pipelines, die man bei Kohlekraftwerken braucht, wären überflüssig." Kriegler hat gemeinsam mit seinem Kollegen Joshuah Stolaroff die Wirtschaftlichkeit und die Auswirkungen verschiedener CO2-Sequestrierungstechniken untersucht."Nach unseren Berechnungen müssen die Kosten unter 100 Dollar pro Tonne CO2 liegen, damit die Abscheidung aus der Luft eine interessante Option wird", sagt er. Die CO2-Abscheidung direkt im Kraftwerk bleibt jedoch vom Volumen her in den Simulationen die dominierende wegen der deutlich geringeren Kosten von nur rund 20 bis 30 Dollar pro Tonne CO2. Zusätzlich müssten aber die alternativen Energien ausgebaut und Einspartechniken entwickelt werden, um den Klimawandel zu begrenzen.
Der Charme einer CO2-Abscheidung aus normaler Luft liegt auf der Hand: Sie könnte sogar genutzt werden, um die Kohlendioxidkonzentration der Atmosphäre zu senken das gelingt beim Auffangen in Kraftwerken nicht. "Von der Technik ist es durchaus möglich, das CO2-Niveau von derzeit 380 ppm wieder auf vorindustrielles Niveau von 280 ppm zu bringen", sagt Kriegler. "Aber die Kosten wären enorm", warnt er. Letzlich gehe es um die Frage, ob die Ausgaben dafür niedriger als die vermiedenen Schäden seien. "Ich bezweifle das, allerdings sind die Schäden infolge der erhöhten CO2-Konzentration nicht einfach zu beziffern."
Krieglers Kollege Stolaroff hat zumindest schon einmal grob überschlagen, wie hoch die Kosten einer solchen drastischen CO2-Abscheidung wären. "Man könnte in 30 Jahren alles vom Menschen erzeugte CO2 aus der Atmosphäre holen", glaubt er. Die Ausgaben dafür lägen bei rund 5 % der Weltwirtschaftsleistung.
[ Grafiken zu den IPCC-Reports ]
N E U E K L I M A S T U D I EKehrtwende der USA Blockierer-Front bröckelt
Der große Wurf war es nicht ganz, aber es gab bemerkenswerte Teilerfolge auf Bali: Drei der größten Blockierer-Staaten die USA, Japan und Russland verpflichteten sich zum Klimaschutz. Die restlichen werden folgen, glaubt Klimaexperte Hans Joachim Schellnhuber.
Aus: Spiegel Online 15. Dezember 2007, ??.?? Uhr MEZ (nur elektronisch publiziert). [Original]BALI. Das Ringen um den Kompromiss war eine Achterbahnfahrt der Gefühle gewesen es wurde geschrien, es wurde geweint und zeitweise drohte die ganze Konferenz sogar zu platzen. Den gordischen Knoten durchschlugen dann die Amerikaner, als Paula Dobriansky, die Leiterin der US-Delegation, die erlösenden Worte sprach: "Wir treten dem Konsens bei."
Genaue Zahlen stehen nicht in dem Abschlusspapier, auf das sich die Delegierten nach harten Verhandlungen in den frühen Morgenstunden geeinigt hatten. Es ist also nicht der erhoffte Durchbruch zumindest nicht für die Europäer, die gerne in dem Dokument ihr angestrebtes Ziel gesehen hätten, bis zum Jahr 2020 die Treibhausgasemissionen verglichen mit 1990 um 25 bis 40 % zu reduzieren. Nach Ansicht der Wissenschaftler des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) ist nur mit Treibhausgasreduktionen in dieser Höhe eine Begrenzung der Erderwärmung auf maximal 2 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Temperaturniveau möglich.
Doch die Europäer waren nicht völlig erfolglos sie setzten eine kleine, aber feine Fußnote in dem Abschlussbericht durch, der auf die IPCC-Reduktionsempfehlungen verweist. Auch wenn es unbedeutend wirkt "juristisch gesehen ist es egal, ob das klein gedruckt ist oder nicht", sagt Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Er war zeitweise bei den Verhandlungen auf Bali zugegen. "Es war wohl das Maximum, das man erreichen konnte", bewertet Schellnhuber das Ergebnis.
Russland und Japan haben ihre Blockade aufgegeben
Auch wenn Bali für die Gesamtheit der Staaten nicht der große Wurf war für Schellnhuber gab es bemerkenswerte Teilerfolge. Was noch kaum beachtet wurde: Die Kyoto-Staaten einigten sich in einem separaten Abschlusspapier auf wesentlich schärfere Ziele als die Gesamtheit der 190 Staaten. In dem Papier der Kyoto-Staaten seien laut Schellnhuber alle ursprünglich angestrebten Reduktionsziele enthalten, auch sei dort die Fußnote des Gesamt-Abschlussberichts in aller Deutlichkeit formuliert. Und darüber hinaus auch langfristige Ziele: So werde eine "deutlich mehr als 50-prozentige Reduktion der Emissionen bis zum Jahr 2050" angestrebt. Das Bemerkenswerteste daran ist laut Schellnhuber aber, dass sich auch die Klima-Blockierer Japan und Russland, die zu den Unterzeichner-Staaten des Kyoto-Protokolls gehören, mit diesem Abschlusspapier nun endlich klipp und klar zum Klimaschutz verpflichtet haben.Was aber steht nun genau in dem gemeinsamen Abschlussprotokoll? Die entscheidenden Passagen sind laut Schellnhuber in Paragraf 1 b), (i) und (ii) zu finden. Dort gehe es um die Verpflichtungen der Industriestaaten und Entwicklungsländer. Unter (i) sind für die Industrienationen dort "messbare, meldepflichtige und überprüfbare, national angemessene Zugeständnisse oder Aktionen zur Senkung der Treibhausgas-Emissionen" festgeschrieben. Für die Entwicklungsländer gibt es eine abgeschwächte Version unter (ii): Sie sollen "messbar, meldepflichtig und überprüfbar national angemessen handeln" und zwar im "Kontext einer nachhaltigen Entwicklung", technologisch und finanziell unterstützt von den Industrieländern.
DAS MANDAT VON BALI
- Fahrplan bis 2012: Die UN-Konferenz auf Bali hat das Verhandlungsmandat für ein neues globales Klimaabkommen beschlossen. Der Vertrag soll 2009 auf der Klimakonferenz in Kopenhagen abgeschlossen und in den Folgejahren ratifiziert werden. Das Abkommen soll dann das Kyoto-Protokoll ablösen, das 2012 ausläuft. Die USA wollen sich anders als bei Kyoto an dem neuen Abkommen beteiligen. Neben dem Klimaschutz nennt das Mandat auch die Bedeutung wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung sowie der Armutsbekämpfung als vorrangige Aufgaben.
- Weltklimarat: Grundlage des Mandats sind die Berichte des Weltklimarats (IPCC) zur Gefährdung des Klimasystems. Demnach verringert eine Verzögerung beim Abbau von Treibhausgasemissionen die Chancen, die Temperaturen noch auf einem relativ niedrigeren Niveau zu stabilisieren und damit das Risiko schwerwiegenderer Folgen zu mindern. Es wird anerkannt, dass eine starke Senkung der globalen Emissionen erforderlich ist, um das Ziel zu erreichen, dem Klimawandel gemäß den Empfehlungen des IPCC zu begegnen. In einer Fußnote wird konkret auf die entsprechenden Textstellen im vierten IPCC-Bericht verwiesen.
- Pflichten der reichen Länder: Die Industrieländer werden zu mess- und überprüfbaren Verpflichtungen und Maßnahmen aufgefordert, um den CO2-Ausstoß zu verringern. Dabei soll die Vergleichbarkeit unter den Industriestaaten beachtet werden.
- Pflichten der armen Länder: Auch die Entwicklungsländer werden zu Maßnahmen gegen den Klimawandel aufgefordert. Sie sollen dabei von den Industriestaaten in überprüfbarer Weise technisch, finanziell und durch Ausbildung unterstützt werden. Das Roden oder die Zerstörung von Wäldern soll wegen des Beitrages zum Treibhauseffekt zugunsten der Bewahrung von Wäldern oder nachhaltiger Forstwirtschaft verringert werden.
- Hilfe für arme Länder: Durch internationale Zusammenarbeit soll für besonders betroffene Staaten die Bewältigung von Folgen der Erderwärmung erleichtert werden. Dies gilt besonders für sehr arme Länder und für kleine Inselstaaten sowie für Regionen in Afrika, die von Dürre betroffen sind.
- Kopenhagen 2009: Es wird beschlossen, einen Verhandlungsprozess einzuleiten, um die Ziele der UN-Klimarahmenkonvention auch nach 2012 umzusetzen. Der Verhandlungsprozess für das neue Abkommen soll von einer Arbeitsgruppe koordiniert werden, die spätestens im April 2008 ihre Arbeit aufnimmt. Für das Arbeitsprogramm sollen dem UN-Klimasekretariat bis zum 22. Februar Vorschläge eingereicht werden. Der Vorsitz soll jährlich zwischen einem Entwicklungsland und einem Industrieland wechseln. Auf der UN-Klimakonferenz im Dezember 2008 in Poznan (Posen) soll ein Zwischenbericht vorgelegt werden.
Um diesen Passus hatten Entwicklungsländer und Industrienationen heftig gestritten. So hatten China und Indien gefordert, die Wörter "messbar, meldepflichtig und überprüfbar" an das Ende des Satzes zu stellen. Das hätte eine Sinnverschiebung zur Folge gehabt und bedeutet, dass nicht deren Treibhausgas-Emissionen messbar, überprüfbar und meldepflichtig gewesen wären, sondern stattdessen die finanzielle Unterstützung der Industrieländer. Mit dieser Forderung hatten sich China und Indien aber nur teilweise durchsetzen können: Letztlich wurde dann ein Komma so gesetzt, dass sich "messbar, meldepflichtig und überprüfbar" sowohl auf die Reduktionsmaßnahmen der Entwicklungsländer als auch auf die Unterstützung der Industrienationen bezog.
"Die Länder sind aufgewacht"
Bali ist für Schellnhuber auch deswegen trotz aller Zugeständnisse ein Erfolg, weil der politische Prozess nicht zum Stillstand gekommen ist: "Es gibt ein Mandat, eine Roadmap es geht weiter." Dieses Ergebnis sei der Beginn für umfassende Klimaschutzmaßnahmen: "Die Länder sind aufgewacht. Alle haben nun begriffen, dass die Sache ernst ist." Nun würden die Analysen beginnen und ausgelotet werden, wie viel an Emissionsminderungen möglich sei, glaubt Schellnhuber.So auch in den USA. Zwar hätten die Amerikaner zunächst auf Bali blockiert. Diese Verhandlungstaktik sei er aber schon aus anderen Sitzungen gewohnt gewesen. "Die USA waren schon immer harte Verhandler. Sie haben immer versucht, das Maximum für sich herauszuholen." Schellnhuber glaubt, dass das schlussendliche Einlenken der US-Delegation von höchster Stelle angeordnet worden war. "Sowohl diese als auch die kommende US-Regierung kann hinter die Erkenntnisse des IPCC einfach nicht mehr zurückfallen." So habe Präsidentschaftsanwärterin Hillary Clinton schon angekündigt, bis zum Jahr 2050 eine Reduzierung der Treibhausgasemissionen um 80 % anpeilen zu wollen.
Es mag eine Ironie der Geschichte sein, dass ausgerechnet James Connaughton die Verhandlungen der US-Delegation mit führte, obwohl ein kürzlich veröffentlichter Bericht des "Committee on Oversight and Government Reform" (COGR) ihn als einen der Hauptakteure benannte, der jahrelang im Auftrag des Weißen Hauses Druck auf Klimaforscher ausgeübt hatte und Politiker und Öffentlichkeit in den USA systematisch in die Irre geführt hatte. "Da sind einige nicht erfreuliche Dinge passiert", sagt Schellnhuber. Doch die seien nun Geschichte.
Auch Kanada und China werden sich bewegen
Insgesamt ist Schellnhuber optimistisch, was die Zukunft angeht. Auch andere Klima-Blockierer-Staaten werden sich nun dem allgemeinen Druck nicht mehr entziehen können, glaubt er: "Die neue Regierung in Australien ist gerade einmal 3 Wochen im Amt die wird bald eine nationale 'Roadmap' mit tiefen Einschnitten in den Emissionen verabschieden." Auch Kanada werde sich bewegen, die Staaten Ontario und Quebec opponierten schon jetzt gegen die offizielle Klimablockadehaltung ihrer Regierung. Und Japan und Russland hätten ja nun schon mit ihrem Einverständnis zu den harten Zielen in der Abschlusserklärung der Kyoto-Unterzeichner-Staaten einen erfreulichen Kurswechsel eingeleitet.Was die Entwicklungsländer betrifft, glaubt Schellnhuber, werde es alleine schon deshalb Bewegung geben, weil sie den Klimawandel als erste zu spüren bekommen werden. "Spätestens, wenn Chinas Wirtschaftswachstum aufgrund von Umwelteffekten und Inflation aufgefressen wird, gibt es dort auch ein Bekenntnis zu Klimaschutz und sauberen Technologien."
In Kopenhagen werde man daher 2009 seiner Meinung nach zu einem Ergebnis kommen. Die Frage dann wird allerdings lauten: "Wollen wir in einer Zwei- oder Drei-Grad-Welt leben?" Letztere werde eine Welt sein, in der einige der von den Wissenschaftlern angekündigten Folgen des Klimawandels schon Realität sein werden. "Die wirklichen Herausforderungen", so Schellnhuber, "kommen erst noch."
Mehr zu diesem Thema:
[12.12.2007: Uno-Konferenz: Ausgerechnet Bushs Klimalügner verhandelt auf Bali] (SPIEGEL-ONLINE)
[15.12.2007: Bali-Gipfel: Indien und China blockieren Kompromisspapier] (SPIEGEL-ONLINE)
[14.12.2007: Forscher warnen: Kritischer Punkt beim Klimawandel bereits überschritten] (SPIEGEL-ONLINE)
[15.12.2007: Gipfel-Erfolg: Uno-Klimakonferenz beschließt Bali-Abkommen] (SPIEGEL-ONLINE)
[15.12.2007: Uno-Klimagipfel: Happy End auf Bali] (SPIEGEL-ONLINE)
[15.12.2007: Reaktionen auf Klimakonferenz: "Hervorragend", "Fortschritt", "Scheitern"] (SPIEGEL-ONLINE)
Ostsee wird zur Badewanne
Beunruhigende Nachrichten für Ostseeanwohner: Der Klimawandel betrifft die Region überdurchschnittlich, Luft- und Wassertemperatur stiegen im vergangenen Jahrhundert stärker als anderswo. Wenn das so weiter geht, könnte das Meer bis 2100 um bis zu 4 Grad wärmer sein als heute.
Aus: Spiegel Online 21. Januar 2008, ??.?? Uhr MEZ (nur elektronisch publiziert). [Original]GEESTHACHT. Wird die Ostsee bis Ende des Jahrhunderts zum Warmwasserbecken? Um bis zu 4 Grad Celsius könnte die Wassertemperatur bis zum Jahr 2100 zunehmen, haben Wissenschaftler des Instituts für Küstenforschung am GKSS-Forschungszentrum Geesthacht errechnet. Die Lufttemperaturen an der deutschen Ostseeküste könnten sogar um 4 bis 5 Grad über den heutigen liegen.
Die Forscher um Institutsleiter Hans von Storch haben Temperaturdaten aus dem vergangenen Jahrhundert für den gesamten Ostsee-Bereich ausgewertet. Ihr Ergebnis: Die durchschnittliche Erwärmung der Ostseeregion im vergangenen Jahrhundert sei mit 0,85 Grad Celsius um 0,1 Grad schneller vorangeschritten als die globale Lufterwärmung. Die Ergebnisse stammen aus dem am heutigen Montag veröffentlichten BACC-Berichts (Assessment of Climate Change for the Baltic Sea Basin), mit dem der Klimawandel in der Ostsee-Region dokumentiert und untersucht wird ähnlich wie in den IPCC-Reports für die gesamte Erde.
"Unsere Ergebnisse unterscheiden sich nur minimal von den Prognosen des IPCC", sagte Hans von Storch im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Neu sei die höhere örtliche Auflösung: "Der BACC-Bericht ist wie ein IPCC-Bericht für die Ostsee-Region", sagte von Storch. Für das Wasser der Ostsee zeigen die Simulationen einen möglichen Anstieg der Oberflächentemperatur um 2 bis 4 Grad Celsius bis zum Jahr 2100.
Die Lufttemperaturen nehmen sogar noch stärker zu: "Sofern deutliche Klimaschutzmaßnahmen nicht gelingen sollten, wäre es plausibel, dass die Lufttemperaturen am Ende dieses Jahrhunderts um maximal 4 bis 6 Grad Celsius im nördlichen Ostsee-Raum und um 3 bis 5 Grad Celsius im südlichen Gebiet dazu zählen große Teile Polens und Ostdeutschlands steigen werden", heißt es in einer Pressemitteilung des GKSS-Forschungszentrums.
Vorhersage der Wasserpegel-Entwicklung schwierig
So eindeutig die Temperaturdaten und deren weiterer Verlauf sind, so schwierig hingegen ist die Vorhersage der Wasserpegel. Global gesehen rechnet der IPCC mit einem Anstieg des Meeresspiegels von 20 bis 60 Zentimeter bis zum Ende des Jahrhunderts, manche Forscher prognostizieren jedoch auch 1,8 Meter. Für die Ostsee sind solche Kalkulationen schwierig: "Die Ostsee ist wie ein See und von den Ozeanen mehr oder weniger abgeschnitten", sagt von Storch. Steigende Ozeanpegel hätten demnach nur bedingt Einfluss auf die Ostsee. Ein Anstieg der Wasserpegel in der Ostsee werde zudem überlagert von Landsenkung und -hebung. "Lokale Prozesse sind in der Ostsee sehr wichtig", erklärt der Forscher. "Aussagen zu den Wasserhöhen treffen wir daher nur sehr zögerlich."Im Süden rechnen die Forscher mit einer Erhöhung der Wasserpegel, im Norden werden diese laut BACC-Bericht jedoch teilweise von natürlichen Landhebungen kompensiert. Eine weitere Rolle spiele der unterschiedliche Salzgehalt des Wassers: "Im Norden der Ostsee gibt es mehr Frischwasser, der Salzgehalt ist geringer. Daher ist der Wasserstand dort auch niedriger", sagt von Storch.
Von Storch mahnte einen sensiblen Umgang mit wissenschaftlichen Ergebnissen an: "Klimaszenarien sind plausibel, aber oftmals vereinfachte Beschreibungen möglicher Zukünfte. Eindeutige Vorhersagen sind dies jedoch nicht." Es gebe weiteren Forschungsbedarf für den Ostseeraum. In 5 Jahren ist eine Aktualisierung des BACC-Berichts geplant.
Unwetter über Deutschland
BERLIN 2.6.2008 (khd/info-radio). In weiten Teilen Deutschlands kam es in den letzten Tagen zu ungewöhnlich heftigen Gewittern mit Hagel und sehr starken Regenfällen. Kleine Bäche wurden zu reißenden Flüssen, Keller liefen voll Wasser, Menschen ertranken in den Fluten und zum Teil tischtennisballgroße Hagelkörner verursachten Schäden an Autos und Gebäuden in Millionenhöhe. Betroffen waren vor allem der Westen und Südwesten von Deutschland. Auch für die nächsten Tage sind weitere Unwetter vorhergesagt.
1344 neue AKW sollen das Klima retten
Studie für die G-8-Staaten: Gegen die Umweltkatastrophe hilft nur eine Revolution der Energiepolitik / [Ed: und wo bleibt die massive Nutzung der Geowärme?]
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 7. Juni 2008, Seite 1 (Titelseite). [Original=art692,2545709]BERLIN (Tsp). Um die Klimakatastrophe abzuwenden, müsste die Weltgemeinschaft knapp 29 Billionen Euro [Ed: also 29.000.000 Millionen Euro] investieren. Diese Summe entspricht in etwa dem, was Deutschlands gesamte Volkswirtschaft in knapp 12 Jahren erwirtschaftet. Mit dem Geld sollten 1344 Kernkraftwerke gebaut [Ed: und womit sollen die denn angesichts zur Neige gehender Uran-Vorräte alle befeuert werden...] und die Windkraft massiv ausgebaut werden. Damit ließe sich der Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxids (CO2) bis 2050 auf die Hälfte des heutigen Niveaus reduzieren. Das geht aus einer Studie hervor, die die Internationale Energieagentur (IEA) im Auftrag der 7 führenden Industrieländer und Russlands (G 8) erstellt hat.
Bei der Vorstellung des 643-Seiten-Papiers am Freitag [6.6.2008] in Tokio rief die IEA zu einer globalen technischen "Revolution" auf, die den Weg zur Abkehr fossiler Brennstoffe wie Öl und Kohle aufzeigt. Nötig sei ein massiver Einsatz erneuerbarer Energiequellen, Atomkraft und der Speicherung von CO2. "Das ist nötig und erreichbar", sagte IEA-Exekutivdirektor Nobuo Tanaka. "Wir sollten jetzt handeln." Sollten die Regierungen in aller Welt so weitermachen wie bisher, würde der Ausstoß des Gases bis 2050 um 130 % zunehmen, die Nachfrage von Öl um 70 %. Dies entspräche der heutigen Ölförderung Saudi-Arabiens, rechnete Tanaka vor.
Der Weltklimarat hatte 2007 ermittelt, dass nur eine Kappung der Treibhausgase um 50 % bis 2050 einen deutlichen globalen Temperaturanstieg und damit verheerende Umweltschäden verhindern könne. 44 % aller Emissionen entfallen dabei auf die Stromproduktion.
Damit der Energiesektor also künftig möglichst wenig oder gar kein CO2 mehr ausstößt, fordert die IEA auch, dass jedes Jahr 35 Kohle- und 20 Gaskraftwerke mit der CCS-Technologie ausgerüstet werden. Bei diesem Verfahren wird Kohlendioxid ausgeschieden und unterirdisch gelagert. Die Technik ist erst in der Erprobungsphase. Zudem müssten jährlich 17.500 große Windräder, 215 Millionen Quadratmeter Solarpaneele und 32 neue Atomkraftwerke gebaut werden.
Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) lehnte Forderungen der IEA nach dem Neubau Hunderter Atomkraftwerke ab. "Das ist ein energiepolitischer Amoklauf. Unverantwortlicher kann man kaum mit diesem Thema umgehen", sagte der Minister dem Tagesspiegel. Wer derartigen Unsinn fordere, der dürfe sich über die Nuklearfantasien im Iran und in Nordkorea nicht wundern, sagte Gabriel. "Wir würden die Fähigkeit zum Bau von Atombomben schneller verbreiten, als wir es uns in den schlimmsten Zeiten des Kalten Krieges jemals hätten vorstellen können. Denn so viel Uran gibt es gar nicht mehr, so dass die Alternative eine weltweite Plutoniumwirtschaft wäre", sagte Gabriel weiter.
Die große Koalition setzte ebenfalls am Freitag nach monatelanger heftiger Diskussion den ersten Teil ihres Klimaschutzpaketes durch. Der Bundestag verabschiedete insgesamt 4 Gesetze, mit deren Hilfe Deutschland den Ausstoß klimaschädlicher Gase bis zum Jahr 2020 um 40 % gegenüber 1990 reduzieren will. "Das ist gewaltiger Schritt nach vorne", sagte Gabriel im Parlament.
T A U E N D E A R K T I SKlimawandel bedroht jede 5. Pflanzenart in Deutschland
Aus: Yahoo-Newsg, 7. August 2008, 16.15 Uhr MESZ (Wissenschaft). [Original]LEIPZIG. Der Klimawandel wird möglicherweise zahlreiche zurzeit heimische Pflanzenarten langfristig verschwinden lassen. Ein Forschungsprojekt des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung Leipzig (UFZ) kommt zu dem Schluss, dass bei einem Temperaturanstieg um 3,8 Grad bis zum Jahr 2080 jede fünfte Pflanzenart (20 Prozent) in Deutschland einen Großteil ihres Lebensraums verlieren würde. Unklar sei, was dies für die Tierwelt bedeuten würde, sagte UFZ-Forscher Sven Pompe.
Bei einem Temperaturanstieg von 2,2 Grad würden immer noch 7 Prozent der heimischen Pflanzenarten ihren Lebensraum weitgehend verlieren. Dies zeige, wie wichtig das Zwei-Grad-Stabilisierungsziel der EU sei, sagen die Forscher. Unabhängig von der konkreten Erwärmung wären vor allem der Südwesten Deutschlands wie auch die Tieflandbecken in Sachsen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt vom Klimawandel besonders betroffen.
Das UFZ hat gemeinsam mit dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und dem französischen Laboratoire d'Ecologie Alpine 845 europäischen Pflanzenarten in 3 verschiedenen Klima-Zukunftsszenarien untersucht.
T A U E N D E A R K T I SNordost- und Nordwestpassage erstmals gleichzeitig eisfrei
Kein Eis, nirgends. Zum ersten Mal sind sowohl die Nordost- als auch die Nordwestpassage gleichzeitig für Schiffe befahrbar. Das Meereis in der Arktis könnte dieses Jahr so stark wie nie zusammenschmelzen, neue kurze Schifffahrtsrouten werden befahrbar.
Aus: Spiegel Online 27. August 2008, ??.?? Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]BREMEN. In Bremen ist man ungeduldig. Eigentlich, so sagt Verena Beckhusen von der Reederei Beluga, habe man bereits in diesem Sommer ein Schiff durch die Nordostpassage, oder nach russischer Sprechweise den Nördlichen Seeweg schicken wollen. Diese Schifffahrtsroute führt von der Insel Nowaja Semlja im Nordwesten Russlands an der nordsibirischen Küste entlang bis in die Beringstraße zwischen dem Fernen Osten Russlands und Alaska.
Schiffe, die auf diesem Weg reisen, nehmen eine Abkürzung, die es in sich hat: Auf der Strecke von Hamburg bis ins japanische Yokohama ist die Route über den hohen Norden mit 7400 Seemeilen um fast 40 Prozent kürzer als die 11.500 Seemeilen lange Reisestrecke durch den Suezkanal, die normalerweise genutzt wird. Das besondere daran: Seit einigen Tagen ist die Passage eisfrei. Das bestätigt Christian Melsheimer von der Universität Bremen, wo tagesaktuelle Seeeiskarten auf Basis von Daten des Nasa-Satelliten "Aqua" hergestellt werden.
Umso mehr sind die Mitarbeiter bei Beluga frustriert, dass die russischen Behörden die notwendigen Genehmigungen für die Fahrt durch die Passage nicht rechtzeitig ausgestellt haben und man deswegen in diesem Jahr noch nicht auf die Abkürzung durch die Arktis setzen kann. Doch die Perspektive ist klar: Die Nutzung des Nördlichen Seeweges sei eine strategische Marschrichtung des Unternehmens, sagt Verena Beckhusen.
Die Schifffahrtsindustrie steht durch die immer stärker tauende Arktis vor einem gravierenden Wandel. Derzeit gibt es statistisch gesehen rund 20 bis 30 Tage pro Jahr, an denen die Seeeisbedeckung auf dem Nördlichen Seeweg bei 50 Prozent oder darunter liegt. Nach dem Arctic Climate Impact Assessment aus dem Jahr 2005 wächst dieser Zeitraum bis zur Jahrhundertwende auf rund 120 Tage an. In der Realität dürften diese Zahlen mit Sicherheit sogar noch deutlich höher liegen.
Das sich immer stärker zurückziehende Eis macht bisher kaum zugängliche Routen praktisch nutzbar. Im Blick haben die Transportkonzerne neben der Nordostpassage noch eine weitere Strecke, nämlich ihr Pendant an der Oberseite des nordamerikanischen Kontinents, die Nordwestpassage.
Und auch die ist seit ein paar Tagen eisfrei, wie Mark Serreze vom National Snow and Ice Data Center der USA in Boulder im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE bestätigt: "Seit ein paar Tagen ist der Weg offen, den Amundsen im Jahr 1903 genommen hat."
Kommerzielle Schiffe würden diese Route allerdings kaum nehmen: Zu flach sind die Kanäle, zu kompliziert die Navigation in dem verwinkelten Wasserweg. Doch auch die einfacher zu befahrende Parry Channel, eine Ausweichroute durch das von Kanada beanspruchte Inselarchipel, sei inzwischen so gut wie eisfrei das zweite Jahr in Folge.
Nur in einem kleinen Bereich in der McClure-Straße, ganz am westlichen Ende der Passage, gebe es noch ein wenig Eis, sagt Serreze. In ein paar Tagen werde auch dieser Bereich frei sein. Der Eisbrecher "Polarstern" des Alfred-Wegener-Instituts hat die Passage kürzlich bereits von Ost nach West durchfahren, auf einer 68-tägigen Reise rund um den Nordpol, die im weiteren Verlauf auch durch die Nordostpassage führen soll.
Es sind historische Zeiten: "Es ist das erste Mal, zumindest soweit ich weiß, dass beide Passagen zur selben Zeit befahrbar sind", sagt Eisforscher Serreze.
Seine größte Ausdehnung hat der arktische Eispanzer normalerweise im März, erklärt Christian Haas von der University of Alberta. Danach wird die weiße Pracht vor allem an den Rändern angenagt und schmilzt in fast linearem Tempo ab. Die Sommer 2005 und 2007 waren besonders verheerend für das arktische Meereis. Doch auch dieses Jahr brachte kaum Erholung. Zwischenzeitlich hatte sich die Welt sogar auf einen eisfreien Nordpol vorbereitet.
"Ein eisfreier arktischer Ozean im Sommer ist unvermeidlich"
Das wird nach Stand der Dinge wohl doch nicht passieren. Es ist aber noch immer möglich, dass der aktuelle Sommer einen neuen traurigen Rekord aufstellen wird: mit der geringsten Eismenge seit dem Start der Messungen. Mindestens 3 Wochen lang geht die Schmelze in der Arktis noch weiter, bis dann die Sonne langsam an Kraft verliert, weil sie in einem immer flacheren Winkel auf das Eis scheint.
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Die Nordwest- und die Nordost-Passage sind am 25. August 2008 erstmals gleichzeitig eisfrei. Eine Folge des Klimawandels. (Foto: 25.8.2008 IfU-Bremen)
Die Forscher haben festgestellt, dass sich die aktuelle Ausdehnung des Eises stark derjenigen des vergangenen Sommers annähert, als der aktuelle Negativrekord aufgestellt wurde. "Vielleicht überholt 2008 in den letzten Tagen tatsächlich noch 2007", sagt Rüdiger Gerdes vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. Prognosen, so sagen die Forscher, sind derzeit kaum mehr sinnvoll. Das Rennen werde auf den letzten Metern entschieden.
Ob sich das arktische Eis jemals wieder von seiner Schwindsucht erholt, darüber gehen die Meinungen auseinander. Auf der einen Seite gibt es Menschen wie Christian Haas, die sich nicht in Fatalismus flüchten wollen. "Offenbar gibt es eine Erholungschance", sagt Haas. Der vergangene Winter sei kälter gewesen als gewöhnlich. Dadurch habe ein Teil des jungen Eises stark genug anwachsen können, um den Sommer zu überleben. Das Eis werde aber gewiss nicht so stark zunehmen, dass es wieder den 30-jährigen Mittelwert erreicht. "Dafür ist zu viel Wärme im Wasser und in der Atmosphäre."
Andere, wie Mark Serreze, sind noch deutlich pessimistischer: "Ein eisfreier arktischer Ozean im Sommer ist unvermeidlich." Jegliche Erholung des Eises werde nur von kurzer Dauer sein, "vielleicht für ein paar Jahre, bestenfalls." Bis zum Jahr 2030, so glaube er, werde die Arktis zumindest im Sommer gänzlich ohne weiße Decke sein.
Um den Nordpol herum
Erstmals sind beide Passagen nach Asien befahrbar.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 28. August 2008, Seite 36 (Weltspiegel). [Original]BREMEN (Tsp). Es ist eine Sensation, was Bremer Forscher am Mittwoch [27.8.2008] verkündeten. Erstmals, seit Menschen sich erinnern können, sind am Nordpol sowohl die Nordwest- wie auch die Nordostpassage befahrbar. Schiffe können den ganz kurzen Weg von Europa nach Ostasien nehmen.
Es ist zwar eine Sensation, aber keine gute Nachricht. Das Eis am Nordpol schmilzt dramatisch. Das zeigen die tagesaktuellen Karten aus dem Institut für Umweltphysik der Bremer Universität. Das Eis ist in den letzten Tagen so weit abgeschmolzen, dass Schiffe von Europa an Skandinavien und Sibirien vorbei nach Japan und China fahren können. Auch auf der anderen Seite blockiert das Eis nicht mehr vollständig die Route von New York an der Nordküste Kanadas vorbei nach Tokio oder Südkorea.
Für Reedereien sind das gute Nachrichten, weil diese Routen viel kürzer und damit billiger sind als die übliche Fahrt in den Süden durch den Panama- und den Suezkanal. Der Treibhauseffekt treibt zwar Klimaforschern Sorgenfalten auf die Stirn, öffnet aber Wirtschaftsunternehmen neue Möglichkeiten.
Allerdings gilt das nur für den Sommer, erklärt Georg Heygster vom Bremer Institut für Umweltphysik, der jeden Tag eine aktuelle Weltkarte über das Eis auf den Meeren veröffentlicht. Bessere globale Eiskarten gibt es nirgends, auch der deutsche Forschungseisbrecher "Polarstern" navigiert mit dieser Hilfe zurzeit im hohen Norden. In der Polarnacht friert im Winter das Wasser im Nordpolarmeer rasch zu einer mehrere Meter dicken Eisdecke. Im März schwimmt dann auf 15 Millionen Quadratkilometern und damit mehr als der dreifachen Fläche der Europäischen Union eine fast geschlossene Eisschicht.
Im Frühjahr und Sommer greifen Sonne und warme Winde das Eis an, bis es im September auf gut die Hälfte der maximalen Ausdehnung im März schmilzt. Seit den 70er Jahren beobachten Satelliten die Eisdecke der Arktis und messen in jedem Jahrzehnt weniger Eis. Obendrein scheint der Klimawandel das große Schmelzen seit der Mitte der 90er Jahre noch zu beschleunigen. Im Vierteljahrhundert zwischen 1979 und 2004 schrumpfte das Sommereis über dem Nordpolarmeer jedenfalls in jedem Jahrzehnt um 7,7 Prozent.
Genau wie über Mitteleuropa ist aber auch über dem Nordpolarmeer das Wetter recht veränderlich. Blasen dann wie 2007 kräftige Südwinde warme Luft vom Pazifik direkt auf das Eis, schmilzt die weiße Decke stärker als in Jahren mit nur schwachen Südwinden. Diese Abhängigkeit vom Wetter aber erschwert Prognosen enorm. 2007 war zum Beispiel die Nordwestpassage von New York an der kanadischen Nordküste vorbei nach Japan und China weitgehend eisfrei.
Während Schiffe von Rotterdam nach Tokio durch den Panamakanal normalerweise 23.300 Kilometer fahren müssen und durch den Suezkanal immer noch 21.100 Kilometer vor sich haben, verkürzt die Nordwestpassage die Verbindung auf nur noch 15.900 Kilometer. Jeder Schiffskilometer weniger aber bedeutet weniger Treibstoffkosten und kürzere Transportzeit, die Nordwestpassage spart also den Reedern viel Geld.
Noch kürzer wird die Strecke Tokio Rotterdam mit 14.100 Kilometern durch die Nordostpassage entlang der Küste Sibiriens. Dort aber gab es auch im Sommer 2007 eine Eiszunge, die vom Nordpol bis zum hohen Norden Sibirien an der Taimyrhalbinsel reichte und diese Route blockierte. 2008 aber ist alles anders, seit dem 25. August sind die Nordwest- und die Nordostpassage gleichzeitig offen.
Bevor bei den Reedern allerdings die Sektkorken knallen, gibt es auch noch einen Wermutstropfen. Die eisfreie Zeit lässt sich auf beiden Routen langfristig nicht präzise vorhersagen. Allenfalls 2 Monate im Jahr werden die beiden Passagen in den nächsten Jahrzehnten frei sein. Das ist für Reedereien zu kurz und zu unsicher, um die ganze Jahresplanung umzustellen.
E U - G I P F E LKlimaschutz im Schatten der Finanzkrise
Aus: Yahoo-News, 12. Oktober 2008, 18.17 Uhr MESZ (Ausland). [Original]BRÜSSEL. Die Rettung des Weltklimas im Schatten der Finanzkrise ist tückisch. Ohnehin zählt das Klimaschutzpaket zu den ambitioniertesten Gesetzesvorhaben der Europäischen Union aller Zeiten.
Seit gut eineinhalb Jahren ringen die Gesetzgeber EU-Regierungen, Europaparlament und Europäische Kommission in einem kaum noch zu überschauenden Verhandlungsmarathon um die Lastenteilung. Gleichzeitig liefern sich Vertreter von Industrie und Naturschutzorganisationen eine beispiellose Lobby-Schlacht. Unternehmen warnen vor Milliardenkosten und drohen mit Stellenabbau. Jetzt bekommen sie angesichts der Bankenkrise Rückenwind: Besonders aus Deutschland mehren sich die Stimmen, die mahnen, in Zeiten des Abschwungs dürfe man der Wirtschaft nicht noch mehr aufbürden.
Bei ihrem Gipfeltreffen von diesem Mittwoch [15.10.2008] an in Brüssel sollen die 27 Staats- und Regierungschefs die Marschroute vorgeben. Die Zeit drängt: Im Dezember beginnen im polnischen Poznan die Verhandlungen für ein neues Weltklimaabkommen, das das Kyoto-Protokoll zur Verringerung des Treibhausgas-Ausstoßes ersetzen soll. Europa selbsternannter Vorreiter im globalen Kampf gegen die Erderwärmung will sein Klimapaket bis dahin geschnürt haben und auf den Verhandlungstisch legen können. Endgültig unterzeichnet werden soll das Abkommen im Dezember 2009 in Kopenhagen.
Mit den Wahlen zum Europaparlament im kommenden Juni und der Neubesetzung der EU-Kommission im Herbst dürfte der Gesetzgebungsprozess in der EU vom Frühjahr an jedoch weitgehend lahm liegen. Und so gibt Frankreichs machtbewusster Staatschef Nicolas Sarkozy, der als EU-Ratspräsident derzeit die Verhandlungen leitet, unermüdlich die Parole aus: Das Klimapaket muss bis Jahresende unter Dach und Fach sein.
Dafür haben die EU-Chefs schon tief in die Trickkiste gegriffen und zum Verdruss nicht weniger Industrie-freundlicher Europa-Abgeordneter das Gesetzgebungsverfahren verkürzt. Verhandelt wird mit den Mitgliedstaaten derzeit auf Grundlage der Gesetzesvorschläge von EU-Umweltkommissar Stavros Dimas und der entsprechenden Beschlüsse der Industrie- und Umweltausschüsse des EU-Parlaments. Und hier ist die Richtung klar: Selbst der mächtige, eigentlich unternehmerfreundliche Industrieausschuss hat sich gegen ein Aufweichen der Klimaziele ausgesprochen.
Doch den EU-Akteuren bläst zunehmend der Wind entgegen. Als sich der EU-Gipfel im März 2007 unter der Leitung der damaligen Ratspräsidentin, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), auf die Klimaziele einigte, befand sich Europas Wirtschaft im Aufschwung. Beschlossen wurde, dass die EU bis 2020 den Kohlendioxid (CO2)-Ausstoß um ein Fünftel senken soll. Gelingt es im Rahmen der Weltklima-Verhandlungen, auch große Verschmutzer wie die USA oder China ins Boot zu holen, steigt das Ziel auf 30 Prozent. Die Industrie soll für ihren CO2-Ausstoß mittels des Emissionshandelssystems bezahlen.
Wenig später bereits begannen die Mitgliedstaaten, in Brüssel ihre jeweiligen Forderungskataloge vorzulegen: Deutschland kämpft für seine Hersteller großer Luxuslimousinen, die viel CO2 ausstoßen. Polen bangt um seine Kohlekraftwerke, Irland um seine Viehzüchter, deren Rinder und Schafe viel Methan produzieren. Ist man in Brüssel die Präsenz riesiger Lobby-Apparate gewohnt, so sei man diesmal doch einem "maßlosen Frontalangriff" ausgesetzt, meinen die Grünen.
Bisher lautete in der EU in solchen Fällen die Parole: Das Ja wird erkauft, reiche EU-Staaten legten Geld auf den Tisch. Jetzt aber stehen die Zeichen auf Flaute, die Bankenkrise wird auch die Industrie auf absehbare Zeit lähmen. Zahlmeister Deutschland selbst hat Angst, dass ganze Sektoren, die wie die Chemie oder Stahl viel Energie brauchen, ins nichteuropäische Ausland abwandern. Die Finanzkrise habe das Umfeld "völlig verändert", dies müsse berücksichtigt werden, fordert der Chef der CDU/CSU-Gruppe im EU-Parlament, Werner Langen. Sogar Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) warnt: "In einer solchen Krise ist nicht auszuschließen, dass sich das Interesse am Klimaschutz verändert."
Immer mehr Mitgliedstaaten träten auf die Bremse, sagen Beobachter. Das Klimapaket der EU sei "in großen Schwierigkeiten", glaubt sogar das angesehene britische Wirtschaftsmagazin "The Economist". "Im März 2007 war Merkel die Umwelt-Heldin. Heute hört sie sich an wie eine Lobbyistin für Deutschlands Industrie." Dimas will vom Bremsen nichts wissen. Krisen wie die Finanz- oder Nahrungsmittelkrise würden, so hoffe er, eines Tages besiegt. "Aber der Klimawandel bleibt eine permanente Bedrohung."
E U - G I P F E LMerkel entpuppt sich als Klima-Fossil
Deutschland spielt gern den Umweltschutz-Pionier der Weltpolitik. Doch bei den Verhandlungen über das EU-Klimapaket gibt sich Angela Merkel als Anwältin der Industrie. Die weltweit aufbrandende Kritik lässt sie kalt.
Aus: Spiegel Online 11. Dezember 2008, ??.?? Uhr MEZ (nur elektronisch publiziert). [Original]POSEN/BRÜSSEL. Wenn irgendwo auf der Welt eine größere Konferenz zum Klimawandel steigt, ist das Climate Action Network (CAN) dabei. Zu übersehen sind die Aktivisten kaum was sie tun, ist meist laut und ziemlich unterhaltsam. Bei der jüngsten großen Uno-Klimakonferenz auf der indonesischen Insel Bali etwa hatte sich die Verleihung des "Fossils des Tages" schnell zum spaßigen Abschluss der langen Verhandlungstage entwickelt.
Auf der Uno-Konferenz im polnischen Posen wiederholt sich die Geschichte nur dass dort am Mittwoch [10.12.2008] nicht die üblichen Verdächtigen wie die USA oder China, sondern der selbsternannte Klima-Musterschüler Deutschland zum "Fossil des Tages" ernannt wurde. Die CAN-Aktivisten warfen speziell Bundeskanzlerin Angela Merkel eine "katastrophale Abschwächung" ihrer Positionen bei den Verhandlungen über das EU-Klimapaket vor.
Hauptkritikpunkt war Merkels Vorhaben, Emissionsrechte nun doch zu einem großen Teil kostenlos zu verteilen, statt sie wie geplant zu versteigern. "Merkel hat sich früher als Klima-Kanzlerin bezeichnet", erklärte das CAN. "Jetzt wird sie zu einer Waffe zur Klimazerstörung." Dafür bekam die Bundesregierung von CAN, Greenpeace, WWF und Friends of the Earth das Modell eines Dinosauriers überreicht.
Gipfelentwurf: Gratis-Zertifikate für die Industrie
Jüngsten Informationen zufolge hat sich die Bundesregierung inzwischen durchgesetzt: In einem Entwurf für eine Abschlusserklärung des Brüsseler EU-Gipfels, der parallel zur Posener Konferenz stattfindet, werden dem produzierenden Gewerbe "100 Prozent" kostenlose Verschmutzungsrechte in Aussicht gestellt. Weitreichende Ausnahmen vom Klimaschutz sehe der Entwurf auch für Polen und andere osteuropäische Länder vor. Polnische Kohlekraftwerke sollen demnach 2013 noch bis zu 70 Prozent der Verschmutzungsrechte gratis erhalten. Erst 2020 müssen sie vollständig gekauft werden.Die Unterzeichner des Kyoto-Protokolls wollen den Ausstoß von Klimagasen reduzieren. Die Europäische Union etwa hat sich verpflichtet, ihre Gesamtemissionen in den Jahren 2008 bis 2012 gegenüber dem Stand des Jahres 1990 um acht Prozent zu senken. Deutschland will bis 2012 rund 21 Prozent weniger CO2 ausstoßen als noch 1990.
Durchschnittlich wollen die Kyoto-Vertragsstaaten zunächst bis 2012 durchschnittlich 5,2 Prozent weniger Treibhausgase ausstoßen als im Durchschnitt des Jahres 1990. Sechs Treibhausgase werden in einem Zusatz zum Protokoll genannt: Kohlendioxid, Methan, halogenierte Fluorkohlenwasserstoffe (HFCs), Perfluorkohlenwasserstoffe (PFCs), Lachgas (Distickstoffmonoxid) und Schwefelhexafluorid.
Für ihre Verhandlungsstrategie wurde die Kanzlerin inzwischen heftig kritisiert. "Merkel knickt ein", titelte die "Süddeutsche Zeitung". "Merkel schwächelt" hieß es in der "taz". "Aus der selbsternannten Klima-Queen wird eine Klima-Killerin", ätzte Grünen-Chefin Claudia Roth im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Ex-Umweltminister Jürgen Trittin sagte, Deutschland sei unter Merkel zum Blockierer geworden. Hans Joachim Schellnhuber, Chef des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung und Merkels Berater in Sachen globale Erwärmung, warnte öffentlich vor einem Glaubwürdigkeitsverlust Deutschlands. Auch aus den USA kamen besorgte Kommentare: Im Team des künftigen Präsidenten Barack Obama befürchtet man, dass die Kehrtwende der EU die Klimaziele der neuen US-Regierung gefährden könnte.
Der EU-Gipfel werde "keine Klimaschutz-Beschlüsse fassen, die in Deutschland Arbeitsplätze oder Investitionen gefährden. Dafür werde ich sorgen", tönte Merkel Anfang der Woche der "Bild"-Zeitung. Sie ließ Taten folgen: Eine Verschiebung der verbindlichen CO2-Grenzwerte für Autos hatte die Bundesregierung in Posen bereits erreicht, nun folgen die Gratis-Verschmutzungsrechte für die Industrie.
Verwässerung? Welche Verwässerung?
An Chuzpe mangelt es der Kanzlerin derweil nicht: Sie werde gegen eine Verwässerung der Klimaschutzziele kämpfen, behauptete Merkel am Donnerstag [11.12.2008]. Deutschland werde "nicht zulassen, dass wir die Dinge zu sehr aushöhlen und dass wir dann indirekt doch Abstriche machen". Die unter deutscher EU-Präsidentschaft beschlossenen Ziele darunter die Reduzierung des CO2-Ausstoßes der Europäischen Union um 20 Prozent gegenüber 1990 blieben "ohne Wenn und Aber" bestehen.Umweltexperten bezweifeln jedoch, dass derartige Ziele ohne effektiven Emissionsrechte-Handel erreichbar sind. Er ist nicht nur der Kern des EU-Klimapakets, sondern gilt vielen Experten auch als die einzige Lösung, einen wirksamen Klimaschutz international zu etablieren. Doch die eigentlich bestechende Idee Verschmutzer müssen für Treibhausgas-Emissionen zahlen, Umweltschützer haben wirtschaftliche Vorteile treibt mitunter bizarre Blüten. Deutsche Stromkonzerne etwa schlagen die "Kosten" für die Zertifikate, die sie gratis bekommen, auf die Verbraucherpreise und scheffeln so Milliarden.
Deshalb kam im Bundestag eine satte Mehrheit dafür zusammen, die Zertifikate künftig zu versteigern. Auch nach dem ursprünglichen Vorschlag der EU-Kommission sollte das spätestens 2020 geschehen. Im Angesicht der Wirtschaftskrise aber sieht nun alles anders aus. Die Bundesregierung ist zwar damit einverstanden, die Zahl der EU-weit verfügbaren Emissionszertifikate zu vermindern und die Unternehmen damit zu einer Reduzierung ihres Treibhausgas-Ausstoßes zu zwingen. Doch eine Versteigerung der Zertifikate könnte nach Ansicht Merkels zur Abwanderung europäischer Industriebetriebe auf andere Kontinente führen und damit sei weder dem Wirtschaftsstandort noch dem Weltklima gedient.
Osteuropäer gefährden Gleichgewicht des Pakets
Eine hundertprozentige Versteigerung von Emissionszertifikaten unterstützt die Bundesregierung nur auf dem Energiesektor eben dort, wo die bisherige Praxis des Verschenkens auf das größte Unverständnis gestoßen ist. An dieser Stelle widerspricht wiederum Osteuropa: Polen und eine Reihe weiterer Länder, deren Energie überwiegend in Kohlekraftwerken erzeugt wird, befürchten einen massiven Anstieg der Strompreise. Die deutschen Stromversorger wiederum warnen bereits vor Wettbewerbsnachteilen, sollten sie für die Zertifikate zahlen müssen, die Konkurrenz im Ausland aber nicht.Wird auf eine Versteigerung von Emissionszertifikaten komplett verzichtet, entgehen den EU-Staaten gewaltige Einnahmen Geld, das eigentlich für Klimaschutzmaßnahmen in anderen Bereichen ausgegeben werden sollte. Schlimmer noch: Die Osteuropäer lehnen auch die Sparvorgaben für Straßenverkehr, Privathaushalte und Landwirtschaft ab. Polen, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, die Slowakei, Lettland, Litauen und Estland wollen die von der Kommission vorgeschlagenen nationalen Klimaschutzziele nicht akzeptieren. Zugeständnisse für diese Länder würden aber bedeuten, dass alle anderen mehr tun müssten sonst ist das Ziel einer EU-weiten Verminderung der Treibhausgase um 20 Prozent nicht zu halten.
Lösen lässt sich das Problem wohl nur mit großzügigen Geldgeschenken an Osteuropa, wie Bundesumweltminister Sigmar Gabriel bereits vor Wochen einräumte. Geld aber ist derzeit bekanntlich knapp.
Sollte die EU ihr Klimaschutzpaket jedoch nicht bis Freitagmorgen [12.12.2008] festzurren, stünde sie vor aller Welt blamiert da. Für den Klimaschutz hätte das potentiell verheerende Folgen: Wenn die EU nicht mit gutem Beispiel vorangehe, warnte ein ranghoher Regierungsbeamter in Berlin, "werden die Amerikaner und die Chinesen überhaupt keine Anstalten machen, mit uns zusammenzuarbeiten". [mehr]
Klimaberater Schellnhuber befürchtet Stillstand
Aus: Focus-News, 12. Dezember 2008, 21.41 Uhr MEZ (Politik). [Original]POTSDAM. Joachim Schellnhuber, der Klimaberater von Angela Merkel, befürchtet nach dem Gipfel in Brüssel einen "Stillstand" bei den Klimaverhandlungen. Konjunktur- und Klimapaket sollten laut Schellnhuber "zu einem kraftvollen Ganzen" verbunden werden.
Der Klimaberater von Bundeskanzlerin Angela Merkel, Hans Joachim Schellnhuber, hat Zweifel, dass das Ziel der EU, bis 2020 ein Fünftel weniger CO2 auszustoßen, zu erreichen ist. Das am Freitag [12.12.2008] in Brüssel verabschiedete Klimapaket enthalte zu viele Ausnahmen für die Industrie, sagte der Leiter des Potsdamer Klimaforschungsinstituts der "Süddeutschen Zeitung". "Wir haben uns nicht so schnell bewegt wie notwendig", sagte Schellnhuber, der nach dem Brüsseler Gipfel einen "Stillstand" bei den weltweiten Klimaverhandlungen befürchtet.
Die Wirtschaftskrise werde 1 bis 2 Jahre dauern, der Emissionshandel solle aber erst 2013 beginnen "insofern ist die angebliche Zusatzbelastung der Unternehmen in der Krise ein Scheinargument", kritisierte Schellnhuber. Besser sei es, Konjunktur- und Klimapaket "zu einem kraftvollen Ganzen" zu verbinden. "Was jetzt zur Rettung der Wirtschaft ausgegeben wird, sollte vor allem in den ökologischen Umbau der Industriegesellschaft investiert werden."
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