Infos zur Veränderung des Klimas – Teil 14 khd
Stand:  8.6.2008   (8. Ed.)  –  File: Sci/Nat/K/Klima_14.html



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F O R S C H E R   W A R N E N

Kritischer Punkt beim Klimawandel bereits überschritten

Wissenschaftler fürchten, dass beim Klimawandel schnelle, katastrophale Veränderungen anstehen. Ein renommierter US-Klimaforscher appelliert jetzt an Kanzlerin Angela Merkel, den Bau neuer Kohlekraftwerke zu überdenken: "Ihre Führungsqualitäten sind gefragt".

Aus:
Spiegel Online – 14. Dezember 2007, ??.?? Uhr MEZ (nur elektronisch publiziert) von HOLGER DAMBECK. [Original]

SAN FRANCISCO. James Hansen ist es gewöhnt, sich mit Regierungen anzulegen. Der Direktor des Goddard Institute for Space Studies der Nasa hat vor allem mit der Bush-Administration schon eine Menge Ärger gehabt. Der Klimaforscher hatte ihr vorgeworfen, seine Forschungsergebnisse über den Klimawandel zensiert zu haben. Das Nasa-Hauptquartier habe angeordnet, sowohl seine geplanten Veröffentlichungen und Vorlesungen als auch Einträge auf der Goddard-Website zu begutachten, berichtete er im Januar 2006.

Nun nimmt sich Hansen die nächsten Regierungschefs vor. In einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel und den britischen Premierminister Gordon Brown fordert er diese auf, existierende Pläne zum Bau neuer Kohlekraftwerke zu überdenken. "Die Kanzlerin ist Physikerin", sagt Hansen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, sie werde die einfachen Zusammenhänge von Kohleverbrennung und Klimawandel wohl verstehen.

"Ihre Führungsqualitäten sind gefragt, denn es geht um die in Ihrem Land geplanten Kohlekraftwerke, die globale Auswirkungen haben werden", schreibt der Wissenschaftler. Deutschland habe sich an vorderster Stelle für den Kampf gegen den Klimawandel engagiert. "Doch es gibt Planungen zum Bau neuer Kohlekraftwerke." Nach Angaben der Umweltschutzorganisation Greenpeace sollen bis 2012 mehr als 20 neue Kohlekraftwerke in Deutschland errichtet werden, Umweltminister Sigmar Gabriel geht hingegen nur von 9 neuen Anlagen aus. Damit nicht genug: Laut einer Untersuchung des "Center for global Development" stehen in Deutschland schon 2 der klimaschädlichsten Kohlekraftwerke Europas.

"Wir müssen uns überlegen, wie wir leben wollen", sagt Hansen auf dem Treffen der American Geophysical Society (AGU) in San Francisco. Man könne die CO2-Emissionen nicht senken, wenn man immer mehr Kohle verbrenne. "Es wird immer als gottgegeben dargestellt, dass wir alles Öl und alle Kohle verbrennen müssen. Davon müssen wir wegkommen."

Point of no Return?

Der Klimaforscher glaubt, dass die globalen Veränderungen bereits weiter fortgeschritten sind, als viele glauben. "Ich denke, wir haben den kritischen Punkt beim Klimawandel schon überschritten." Das System habe einen Zustand erreicht, an dem es auch ohne weitere Einflüsse von außen zu einem schnellen, umfassenden Klimawandel komme. An einem "Point of no Return" sei die Erde jedoch noch nicht, glaubt Hansen. Doch zumindest beim Eis in der Arktis sei man von unumkehrbaren Klimaveränderungen nicht mehr weit entfernt.

Der extrem warme Sommer 2007 in der Arktis und die Rekordschmelze des Eises ist nach Meinung vieler Wissenschaftler ein Alarmzeichen. Als besonders verhängnisvoll habe sich eine positive Rückkopplung im Polarmeer erwiesen, erklärt Josefino Comiso vom Goddard Space Flight Center der Nasa. "Eis reflektiert die Sonnenstrahlung wesentlich stärker als Wasser." Wo das Eis verschwunden sei, werde deutlich mehr Strahlung absorbiert – das Wasser erwärme sich und beschleunige so das Schmelzen des noch verbliebenen Eises.

Für Richard Alley von der Pennsylvania State University war das Jahr 2007 nur ein Vorbote für das, was noch kommt. Bereits die Folgen des derzeit noch relativ geringen Temperaturanstiegs seien dramatisch: weniger Schnee in den Gebirgen, weniger Eis in der Arktis. "Wir werden in Zukunft noch eine viel größere Erwärmung erleben", warnt er, mit weitreichenderen Folgen als heute.

CO2-Sequestrierung erst in der Entwicklung

"Unser Ziel muss eine CO2-Konzentration von 300 bis 350 Parts per Million (ppm) sein", sagt Nasa-Forscher Hansen. Nur dann könne man das Klima stabilisieren. "Derzeit haben wir aber schon 380 ppm, und wenn wir nicht schnell reagieren, landen wir bei 450 oder mehr." Deshalb sei es vollkommen klar, dass man Kohle in Zukunft nur noch dann verbrennen dürfe, wenn das CO2 aufgefangen werde. "Wenn wir das nicht tun, wird sich das Klima auf nicht mehr umkehrbare Weise verändern."

Doch die CO2-Sequestrierung, also das Deponieren von Kohlendioxid in unterirdischen Lagerstätten, befindet sich derzeit noch im Entwicklungsstadium. "Es wird wohl noch etwa 10 Jahre dauern, bis die CO2-Abscheidung in Kraftwerken genutzt wird", sagt Juliannah Fessenden vom Los Alamos Laboratory in New Mexico. Die unterirdische Lagerung sei vielversprechend. "Nach derzeitigen Schätzungen halten die unterirdischen CO2-Speicher lange – eine Million Jahre." Es gebe zudem schon einige Erfahrungen aus der Ölförderung, bei der CO2 in die Erde gepumpt werde, um das Öl herauszupressen. Im brandenburgischen Ketzin läuft derzeit ein Versuchsprojekt "CO2SINK", das die Machbarkeit dieser Technologie untersuchen soll.

Das Einfangen des Kohlendioxids direkt im Kraftwerk ist allerdings nur ein denkbarer Weg. Elmar Kriegler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, der derzeit an der Carnegie Mellon University forscht, beschäftigt sich mit der CO2-Abscheidung aus ganz normaler Luft. Technisch sei diese machbar, sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, die dafür notwendigen Anlagen würden aussehen wie Kühltürme von herkömmlichen Kraftwerken und Natriumhydroxid zum Abscheiden des Kohlendioxids nutzen.

Kohlendioxid aus der Luft holen

"Man könnte die CO2-Auffangtürme dorthin bauen, wo man das Kohlendioxid auch unterirdisch speichert. Lange Pipelines, die man bei Kohlekraftwerken braucht, wären überflüssig." Kriegler hat gemeinsam mit seinem Kollegen Joshuah Stolaroff die Wirtschaftlichkeit und die Auswirkungen verschiedener CO2-Sequestrierungstechniken untersucht.

"Nach unseren Berechnungen müssen die Kosten unter 100 Dollar pro Tonne CO2 liegen, damit die Abscheidung aus der Luft eine interessante Option wird", sagt er. Die CO2-Abscheidung direkt im Kraftwerk bleibt jedoch vom Volumen her in den Simulationen die dominierende – wegen der deutlich geringeren Kosten von nur rund 20 bis 30 Dollar pro Tonne CO2. Zusätzlich müssten aber die alternativen Energien ausgebaut und Einspartechniken entwickelt werden, um den Klimawandel zu begrenzen.

Der Charme einer CO2-Abscheidung aus normaler Luft liegt auf der Hand: Sie könnte sogar genutzt werden, um die Kohlendioxidkonzentration der Atmosphäre zu senken – das gelingt beim Auffangen in Kraftwerken nicht. "Von der Technik ist es durchaus möglich, das CO2-Niveau von derzeit 380 ppm wieder auf vorindustrielles Niveau von 280 ppm zu bringen", sagt Kriegler. "Aber die Kosten wären enorm", warnt er. Letzlich gehe es um die Frage, ob die Ausgaben dafür niedriger als die vermiedenen Schäden seien. "Ich bezweifle das, allerdings sind die Schäden infolge der erhöhten CO2-Konzentration nicht einfach zu beziffern."

Krieglers Kollege Stolaroff hat zumindest schon einmal grob überschlagen, wie hoch die Kosten einer solchen drastischen CO2-Abscheidung wären. "Man könnte in 30 Jahren alles vom Menschen erzeugte CO2 aus der Atmosphäre holen", glaubt er. Die Ausgaben dafür lägen bei rund 5 % der Weltwirtschaftsleistung.

[ Grafiken zu den IPCC-Reports ]



E R G E B N I S   D E R   B A L I - K O N F E R E N Z

Kehrtwende der USA – Blockierer-Front bröckelt

Der große Wurf war es nicht ganz, aber es gab bemerkenswerte Teilerfolge auf Bali: Drei der größten Blockierer-Staaten – die USA, Japan und Russland – verpflichteten sich zum Klimaschutz. Die restlichen werden folgen, glaubt Klimaexperte Hans Joachim Schellnhuber.

Aus:
Spiegel Online – 15. Dezember 2007, ??.?? Uhr MEZ (nur elektronisch publiziert) von JENS LUBBADEH. [Original]

BALI. Das Ringen um den Kompromiss war eine Achterbahnfahrt der Gefühle gewesen – es wurde geschrien, es wurde geweint und zeitweise drohte die ganze Konferenz sogar zu platzen. Den gordischen Knoten durchschlugen dann die Amerikaner, als Paula Dobriansky, die Leiterin der US-Delegation, die erlösenden Worte sprach: "Wir treten dem Konsens bei."

Genaue Zahlen stehen nicht in dem Abschlusspapier, auf das sich die Delegierten nach harten Verhandlungen in den frühen Morgenstunden geeinigt hatten. Es ist also nicht der erhoffte Durchbruch – zumindest nicht für die Europäer, die gerne in dem Dokument ihr angestrebtes Ziel gesehen hätten, bis zum Jahr 2020 die Treibhausgasemissionen verglichen mit 1990 um 25 bis 40 % zu reduzieren. Nach Ansicht der Wissenschaftler des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) ist nur mit Treibhausgasreduktionen in dieser Höhe eine Begrenzung der Erderwärmung auf maximal 2 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Temperaturniveau möglich.

Doch die Europäer waren nicht völlig erfolglos – sie setzten eine kleine, aber feine Fußnote in dem Abschlussbericht durch, der auf die IPCC-Reduktionsempfehlungen verweist. Auch wenn es unbedeutend wirkt – "juristisch gesehen ist es egal, ob das klein gedruckt ist oder nicht", sagt Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Er war zeitweise bei den Verhandlungen auf Bali zugegen. "Es war wohl das Maximum, das man erreichen konnte", bewertet Schellnhuber das Ergebnis.

Russland und Japan haben ihre Blockade aufgegeben

Auch wenn Bali für die Gesamtheit der Staaten nicht der große Wurf war – für Schellnhuber gab es bemerkenswerte Teilerfolge. Was noch kaum beachtet wurde: Die Kyoto-Staaten einigten sich in einem separaten Abschlusspapier auf wesentlich schärfere Ziele als die Gesamtheit der 190 Staaten. In dem Papier der Kyoto-Staaten seien laut Schellnhuber alle ursprünglich angestrebten Reduktionsziele enthalten, auch sei dort die Fußnote des Gesamt-Abschlussberichts in aller Deutlichkeit formuliert. Und darüber hinaus auch langfristige Ziele: So werde eine "deutlich mehr als 50-prozentige Reduktion der Emissionen bis zum Jahr 2050" angestrebt. Das Bemerkenswerteste daran ist laut Schellnhuber aber, dass sich auch die Klima-Blockierer Japan und Russland, die zu den Unterzeichner-Staaten des Kyoto-Protokolls gehören, mit diesem Abschlusspapier nun endlich klipp und klar zum Klimaschutz verpflichtet haben.

Was aber steht nun genau in dem gemeinsamen Abschlussprotokoll? Die entscheidenden Passagen sind laut Schellnhuber in Paragraf 1 b), (i) und (ii) zu finden. Dort gehe es um die Verpflichtungen der Industriestaaten und Entwicklungsländer. Unter (i) sind für die Industrienationen dort "messbare, meldepflichtige und überprüfbare, national angemessene Zugeständnisse oder Aktionen zur Senkung der Treibhausgas-Emissionen" festgeschrieben. Für die Entwicklungsländer gibt es eine abgeschwächte Version unter (ii): Sie sollen "messbar, meldepflichtig und überprüfbar national angemessen handeln" – und zwar im "Kontext einer nachhaltigen Entwicklung", technologisch und finanziell unterstützt von den Industrieländern.


DAS MANDAT VON BALI

  • Fahrplan bis 2012:   Die UN-Konferenz auf Bali hat das Verhandlungsmandat für ein neues globales Klimaabkommen beschlossen. Der Vertrag soll 2009 auf der Klimakonferenz in Kopenhagen abgeschlossen und in den Folgejahren ratifiziert werden. Das Abkommen soll dann das Kyoto-Protokoll ablösen, das 2012 ausläuft. Die USA wollen sich anders als bei Kyoto an dem neuen Abkommen beteiligen. Neben dem Klimaschutz nennt das Mandat auch die Bedeutung wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung sowie der Armutsbekämpfung als vorrangige Aufgaben.

  • Weltklimarat:   Grundlage des Mandats sind die Berichte des Weltklimarats (IPCC) zur Gefährdung des Klimasystems. Demnach verringert eine Verzögerung beim Abbau von Treibhausgasemissionen die Chancen, die Temperaturen noch auf einem relativ niedrigeren Niveau zu stabilisieren und damit das Risiko schwerwiegenderer Folgen zu mindern. Es wird anerkannt, dass eine starke Senkung der globalen Emissionen erforderlich ist, um das Ziel zu erreichen, dem Klimawandel gemäß den Empfehlungen des IPCC zu begegnen. In einer Fußnote wird konkret auf die entsprechenden Textstellen im vierten IPCC-Bericht verwiesen.

  • Pflichten der reichen Länder:   Die Industrieländer werden zu mess- und überprüfbaren Verpflichtungen und Maßnahmen aufgefordert, um den CO2-Ausstoß zu verringern. Dabei soll die Vergleichbarkeit unter den Industriestaaten beachtet werden.

  • Pflichten der armen Länder:   Auch die Entwicklungsländer werden zu Maßnahmen gegen den Klimawandel aufgefordert. Sie sollen dabei von den Industriestaaten in überprüfbarer Weise technisch, finanziell und durch Ausbildung unterstützt werden. Das Roden oder die Zerstörung von Wäldern soll wegen des Beitrages zum Treibhauseffekt zugunsten der Bewahrung von Wäldern oder nachhaltiger Forstwirtschaft verringert werden.

  • Hilfe für arme Länder:   Durch internationale Zusammenarbeit soll für besonders betroffene Staaten die Bewältigung von Folgen der Erderwärmung erleichtert werden. Dies gilt besonders für sehr arme Länder und für kleine Inselstaaten sowie für Regionen in Afrika, die von Dürre betroffen sind.

  • Kopenhagen 2009:   Es wird beschlossen, einen Verhandlungsprozess einzuleiten, um die Ziele der UN-Klimarahmenkonvention auch nach 2012 umzusetzen. Der Verhandlungsprozess für das neue Abkommen soll von einer Arbeitsgruppe koordiniert werden, die spätestens im April 2008 ihre Arbeit aufnimmt. Für das Arbeitsprogramm sollen dem UN-Klimasekretariat bis zum 22. Februar Vorschläge eingereicht werden. Der Vorsitz soll jährlich zwischen einem Entwicklungsland und einem Industrieland wechseln. Auf der UN-Klimakonferenz im Dezember 2008 in Poznan (Posen) soll ein Zwischenbericht vorgelegt werden.



Um diesen Passus hatten Entwicklungsländer und Industrienationen heftig gestritten. So hatten China und Indien gefordert, die Wörter "messbar, meldepflichtig und überprüfbar"
an das Ende des Satzes zu stellen. Das hätte eine Sinnverschiebung zur Folge gehabt und bedeutet, dass nicht deren Treibhausgas-Emissionen messbar, überprüfbar und meldepflichtig gewesen wären, sondern stattdessen die finanzielle Unterstützung der Industrieländer. Mit dieser Forderung hatten sich China und Indien aber nur teilweise durchsetzen können: Letztlich wurde dann ein Komma so gesetzt, dass sich "messbar, meldepflichtig und überprüfbar" sowohl auf die Reduktionsmaßnahmen der Entwicklungsländer als auch auf die Unterstützung der Industrienationen bezog.

"Die Länder sind aufgewacht"

Bali ist für Schellnhuber auch deswegen – trotz aller Zugeständnisse – ein Erfolg, weil der politische Prozess nicht zum Stillstand gekommen ist: "Es gibt ein Mandat, eine Roadmap – es geht weiter." Dieses Ergebnis sei der Beginn für umfassende Klimaschutzmaßnahmen: "Die Länder sind aufgewacht. Alle haben nun begriffen, dass die Sache ernst ist." Nun würden die Analysen beginnen und ausgelotet werden, wie viel an Emissionsminderungen möglich sei, glaubt Schellnhuber.

So auch in den USA. Zwar hätten die Amerikaner zunächst auf Bali blockiert. Diese Verhandlungstaktik sei er aber schon aus anderen Sitzungen gewohnt gewesen. "Die USA waren schon immer harte Verhandler. Sie haben immer versucht, das Maximum für sich herauszuholen." Schellnhuber glaubt, dass das schlussendliche Einlenken der US-Delegation von höchster Stelle angeordnet worden war. "Sowohl diese als auch die kommende US-Regierung kann hinter die Erkenntnisse des IPCC einfach nicht mehr zurückfallen." So habe Präsidentschaftsanwärterin Hillary Clinton schon angekündigt, bis zum Jahr 2050 eine Reduzierung der Treibhausgasemissionen um 80 % anpeilen zu wollen.

Es mag eine Ironie der Geschichte sein, dass ausgerechnet James Connaughton die Verhandlungen der US-Delegation mit führte, obwohl ein kürzlich veröffentlichter Bericht des "Committee on Oversight and Government Reform" (COGR) ihn als einen der Hauptakteure benannte, der jahrelang im Auftrag des Weißen Hauses Druck auf Klimaforscher ausgeübt hatte und Politiker und Öffentlichkeit in den USA systematisch in die Irre geführt hatte. "Da sind einige nicht erfreuliche Dinge passiert", sagt Schellnhuber. Doch die seien nun Geschichte.

Auch Kanada und China werden sich bewegen

Insgesamt ist Schellnhuber optimistisch, was die Zukunft angeht. Auch andere Klima-Blockierer-Staaten werden sich nun dem allgemeinen Druck nicht mehr entziehen können, glaubt er: "Die neue Regierung in Australien ist gerade einmal 3 Wochen im Amt – die wird bald eine nationale 'Roadmap' mit tiefen Einschnitten in den Emissionen verabschieden." Auch Kanada werde sich bewegen, die Staaten Ontario und Quebec opponierten schon jetzt gegen die offizielle Klimablockadehaltung ihrer Regierung. Und Japan und Russland hätten ja nun schon mit ihrem Einverständnis zu den harten Zielen in der Abschlusserklärung der Kyoto-Unterzeichner-Staaten einen erfreulichen Kurswechsel eingeleitet.

Was die Entwicklungsländer betrifft, glaubt Schellnhuber, werde es alleine schon deshalb Bewegung geben, weil sie den Klimawandel als erste zu spüren bekommen werden. "Spätestens, wenn Chinas Wirtschaftswachstum aufgrund von Umwelteffekten und Inflation aufgefressen wird, gibt es dort auch ein Bekenntnis zu Klimaschutz und sauberen Technologien."

In Kopenhagen werde man daher 2009 seiner Meinung nach zu einem Ergebnis kommen. Die Frage dann wird allerdings lauten: "Wollen wir in einer Zwei- oder Drei-Grad-Welt leben?" Letztere werde eine Welt sein, in der einige der von den Wissenschaftlern angekündigten Folgen des Klimawandels schon Realität sein werden. "Die wirklichen Herausforderungen", so Schellnhuber, "kommen erst noch."

Mehr zu diesem Thema:
[12.12.2007:
Uno-Konferenz: Ausgerechnet Bushs Klimalügner verhandelt auf Bali]  (SPIEGEL-ONLINE)
[15.12.2007: Bali-Gipfel: Indien und China blockieren Kompromisspapier]  (SPIEGEL-ONLINE)
[14.12.2007: Forscher warnen: Kritischer Punkt beim Klimawandel bereits überschritten]  (SPIEGEL-ONLINE)
[15.12.2007: Gipfel-Erfolg: Uno-Klimakonferenz beschließt Bali-Abkommen]  (SPIEGEL-ONLINE)
[15.12.2007: Uno-Klimagipfel: Happy End auf Bali]  (SPIEGEL-ONLINE)
[15.12.2007: Reaktionen auf Klimakonferenz: "Hervorragend", "Fortschritt", "Scheitern"]  (SPIEGEL-ONLINE)



N E U E   K L I M A S T U D I E

Ostsee wird zur Badewanne

Beunruhigende Nachrichten für Ostseeanwohner: Der Klimawandel betrifft die Region überdurchschnittlich, Luft- und Wassertemperatur stiegen im vergangenen Jahrhundert stärker als anderswo. Wenn das so weiter geht, könnte das Meer bis 2100 um bis zu 4 Grad wärmer sein als heute.

Aus:
Spiegel Online – 21. Januar 2008, ??.?? Uhr MEZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

GEESTHACHT (lub/dpa). Wird die Ostsee bis Ende des Jahrhunderts zum Warmwasserbecken? Um bis zu 4 Grad Celsius könnte die Wassertemperatur bis zum Jahr 2100 zunehmen, haben Wissenschaftler des Instituts für Küstenforschung am GKSS-Forschungszentrum Geesthacht errechnet. Die Lufttemperaturen an der deutschen Ostseeküste könnten sogar um 4 bis 5 Grad über den heutigen liegen.

Die Forscher um Institutsleiter Hans von Storch haben Temperaturdaten aus dem vergangenen Jahrhundert für den gesamten Ostsee-Bereich ausgewertet. Ihr Ergebnis: Die durchschnittliche Erwärmung der Ostseeregion im vergangenen Jahrhundert sei mit 0,85 Grad Celsius um 0,1 Grad schneller vorangeschritten als die globale Lufterwärmung. Die Ergebnisse stammen aus dem am heutigen Montag veröffentlichten BACC-Berichts (Assessment of Climate Change for the Baltic Sea Basin), mit dem der Klimawandel in der Ostsee-Region dokumentiert und untersucht wird – ähnlich wie in den IPCC-Reports für die gesamte Erde.

"Unsere Ergebnisse unterscheiden sich nur minimal von den Prognosen des IPCC", sagte Hans von Storch im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Neu sei die höhere örtliche Auflösung: "Der BACC-Bericht ist wie ein IPCC-Bericht für die Ostsee-Region", sagte von Storch. Für das Wasser der Ostsee zeigen die Simulationen einen möglichen Anstieg der Oberflächentemperatur um 2 bis 4 Grad Celsius bis zum Jahr 2100.

Die Lufttemperaturen nehmen sogar noch stärker zu: "Sofern deutliche Klimaschutzmaßnahmen nicht gelingen sollten, wäre es plausibel, dass die Lufttemperaturen am Ende dieses Jahrhunderts um maximal 4 bis 6 Grad Celsius im nördlichen Ostsee-Raum und um 3 bis 5 Grad Celsius im südlichen Gebiet – dazu zählen große Teile Polens und Ostdeutschlands – steigen werden", heißt es in einer Pressemitteilung des GKSS-Forschungszentrums.

Vorhersage der Wasserpegel-Entwicklung schwierig

So eindeutig die Temperaturdaten und deren weiterer Verlauf sind, so schwierig hingegen ist die Vorhersage der Wasserpegel. Global gesehen rechnet der IPCC mit einem Anstieg des Meeresspiegels von 20 bis 60 Zentimeter bis zum Ende des Jahrhunderts, manche Forscher prognostizieren jedoch auch 1,8 Meter. Für die Ostsee sind solche Kalkulationen schwierig: "Die Ostsee ist wie ein See und von den Ozeanen mehr oder weniger abgeschnitten", sagt von Storch. Steigende Ozeanpegel hätten demnach nur bedingt Einfluss auf die Ostsee. Ein Anstieg der Wasserpegel in der Ostsee werde zudem überlagert von Landsenkung und -hebung. "Lokale Prozesse sind in der Ostsee sehr wichtig", erklärt der Forscher. "Aussagen zu den Wasserhöhen treffen wir daher nur sehr zögerlich."

Im Süden rechnen die Forscher mit einer Erhöhung der Wasserpegel, im Norden werden diese laut BACC-Bericht jedoch teilweise von natürlichen Landhebungen kompensiert. Eine weitere Rolle spiele der unterschiedliche Salzgehalt des Wassers: "Im Norden der Ostsee gibt es mehr Frischwasser, der Salzgehalt ist geringer. Daher ist der Wasserstand dort auch niedriger", sagt von Storch.

Von Storch mahnte einen sensiblen Umgang mit wissenschaftlichen Ergebnissen an: "Klimaszenarien sind plausibel, aber oftmals vereinfachte Beschreibungen möglicher Zukünfte. Eindeutige Vorhersagen sind dies jedoch nicht." Es gebe weiteren Forschungsbedarf für den Ostseeraum. In 5 Jahren ist eine Aktualisierung des BACC-Berichts geplant.



Unwetter über Deutschland

Extrem-Wetter! BERLIN – 2.6.2008 (khd/info-radio). In weiten Teilen Deutschlands kam es in den letzten Tagen zu ungewöhnlich heftigen Gewittern mit Hagel und sehr starken Regenfällen. Kleine Bäche wurden zu reißenden Flüssen, Keller liefen voll Wasser, Menschen ertranken in den Fluten und zum Teil tischtennisballgroße Hagelkörner verursachten Schäden an Autos und Gebäuden in Millionenhöhe. Betroffen waren vor allem der Westen und Südwesten von Deutschland. Auch für die nächsten Tage sind weitere Unwetter vorhergesagt.



1344 neue AKW sollen das Klima retten

Studie für die G-8-Staaten: Gegen die Umweltkatastrophe hilft nur eine Revolution der Energiepolitik / [Ed: und wo bleibt die massive Nutzung der Geowärme?]

Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 7. Juni 2008, Seite 1 (Titelseite) von STEPHAN-ANDREAS CASDORFF und KEVIN HOFFMANN. [Original=art692,2545709]

BERLIN (Tsp). Um die Klimakatastrophe abzuwenden, müsste die Weltgemeinschaft knapp 29 Billionen Euro [Ed: also 29.000.000 Millionen Euro] investieren. Diese Summe entspricht in etwa dem, was Deutschlands gesamte Volkswirtschaft in knapp 12 Jahren erwirtschaftet. Mit dem Geld sollten 1344 Kernkraftwerke gebaut [Ed: und womit sollen die denn angesichts zur Neige gehender Uran-Vorräte alle befeuert werden...] und die Windkraft massiv ausgebaut werden. Damit ließe sich der Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxids (CO2) bis 2050 auf die Hälfte des heutigen Niveaus reduzieren. Das geht aus einer Studie hervor, die die Internationale Energieagentur (IEA) im Auftrag der 7 führenden Industrieländer und Russlands (G 8) erstellt hat.

Bei der Vorstellung des 643-Seiten-Papiers am Freitag [6.6.2008] in Tokio rief die IEA zu einer globalen technischen "Revolution" auf, die den Weg zur Abkehr fossiler Brennstoffe wie Öl und Kohle aufzeigt. Nötig sei ein massiver Einsatz erneuerbarer Energiequellen, Atomkraft und der Speicherung von CO2. "Das ist nötig und erreichbar", sagte IEA-Exekutivdirektor Nobuo Tanaka. "Wir sollten jetzt handeln." Sollten die Regierungen in aller Welt so weitermachen wie bisher, würde der Ausstoß des Gases bis 2050 um 130 % zunehmen, die Nachfrage von Öl um 70 %. Dies entspräche der heutigen Ölförderung Saudi-Arabiens, rechnete Tanaka vor.

Der Weltklimarat hatte 2007 ermittelt, dass nur eine Kappung der Treibhausgase um 50 % bis 2050 einen deutlichen globalen Temperaturanstieg und damit verheerende Umweltschäden verhindern könne. 44 % aller Emissionen entfallen dabei auf die Stromproduktion.

Damit der Energiesektor also künftig möglichst wenig oder gar kein CO2 mehr ausstößt, fordert die IEA auch, dass jedes Jahr 35 Kohle- und 20 Gaskraftwerke mit der CCS-Technologie ausgerüstet werden. Bei diesem Verfahren wird Kohlendioxid ausgeschieden und unterirdisch gelagert. Die Technik ist erst in der Erprobungsphase. Zudem müssten jährlich 17.500 große Windräder, 215 Millionen Quadratmeter Solarpaneele und 32 neue Atomkraftwerke gebaut werden.

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) lehnte Forderungen der IEA nach dem Neubau Hunderter Atomkraftwerke ab. "Das ist ein energiepolitischer Amoklauf. Unverantwortlicher kann man kaum mit diesem Thema umgehen", sagte der Minister dem Tagesspiegel. Wer derartigen Unsinn fordere, der dürfe sich über die Nuklearfantasien im Iran und in Nordkorea nicht wundern, sagte Gabriel. "Wir würden die Fähigkeit zum Bau von Atombomben schneller verbreiten, als wir es uns in den schlimmsten Zeiten des Kalten Krieges jemals hätten vorstellen können. Denn so viel Uran gibt es gar nicht mehr, so dass die Alternative eine weltweite Plutoniumwirtschaft wäre", sagte Gabriel weiter.

Die große Koalition setzte ebenfalls am Freitag nach monatelanger heftiger Diskussion den ersten Teil ihres Klimaschutzpaketes durch. Der Bundestag verabschiedete insgesamt 4 Gesetze, mit deren Hilfe Deutschland den Ausstoß klimaschädlicher Gase bis zum Jahr 2020 um 40 % gegenüber 1990 reduzieren will. "Das ist gewaltiger Schritt nach vorne", sagte Gabriel im Parlament.



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