Infos zur Veränderung des Klimas – Teil 5 khd
Stand:  22.12.2005   (39. Ed.)  –  File: Sci/Nat/K/Klima_05.html



Hier werden einige ausgewählte und besonders interessante Texte zum gefährlichen Klimawandel und dessen Folgen gespiegelt und damit auf Dauer dokumentiert, manches wird auch in [Ed: ...] kommentiert. Tipp- und Übertragungsfehler gehen zu meinen Lasten.

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Klimaschutz braucht mehr Technik

Experten: Keine Möglichkeit verteufeln

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 28. Oktober 2005, ??.?? Uhr MESZ (Wirtschaft). [Original]

BERLIN (Tsp). Der Verkehr, einer der großen Verursacher von Kohlendioxid- Emissionen, muss weltweit deutlich effizienter werden, um noch schlimmere Auswirkungen des Klimawandels zu verhindern. Dabei sei man auf alle zur Verfügung stehenden Techniken angewiesen, waren sich die Experten auf einem Klimagespräch des Energiekonzerns BP am Donnerstag in Berlin einig. Hugh Mortimer, Gesandter der Britischen Botschaft, kündigte an, dass die britische Regierung auf der kommenden internationalen Klimakonferenz in Montreal auf weitere Anstrengungen zum Klimaschutz drängen werde. Dabei kann Großbritannien mit der Unterstützung der Bundesregierung rechnen. Ralf Nagel, Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, betonte jedoch: „Es darf nicht sein, dass andere die ökonomischen Vorteile der Nachlässigkeit in Anspruch nehmen und wir das Nachsehen haben.“

Vor allem in den USA, dem größten Produzenten des Treibhausgases CO2, sei die Effizienz im Verkehr relativ gering, hat zum Beispiel das „World Business Council on Sustainable Development“ festgestellt. Hier biete sich ein großes Einsparpotenzial. In China gehe es darum, bei der verstärkten Motorisierung die Fehler, die bisher in den Industriestaaten gemacht wurden, zu vermeiden. Die Vorreiterrolle habe Europa.

Uwe Franke, Chef der Deutsche BP AG, wies darauf hin, dass bis zum Jahr 2050 mit einer Verdreifachung des weltweiten Autoparks zu rechnen sei. Statt heute 700 Millionen Fahrzeugen würden dann zwei Milliarden CO2 ausstoßen. Um die CO2-Konzentration in der Atmosphäre aber auf einem noch erträglichen und aus heutiger Sicht auch realistisch erreichbaren Niveau zu halten, müsste die jährliche Fahrleistung der Autos im Schnitt halbiert oder die Reichweite mit einem Liter Treibstoff verdoppelt werden. Als langfristiges Ziel müsse die mit Wasserstoff betriebene Brennstoffzelle stehen, sagte BP-Chef Franke.

Doch bis dahin ist es noch ein schwieriger Weg, und es gibt auch sehr gegensätzliche Interessen. So existieren synthetische oder Bio-Treibstoffe, die den herkömmlichen aus Erdöl beigemischt werden können. Als sehr viel versprechend wird auch die Verflüssigung von Biomasse angesehen. Der daraus gewonnene Treibstoff verursacht deutlich geringere CO2-Emissionen als Benzin oder Diesel. Hinter allen Alternativen stecken aber unterschiedliche Interessengruppen. „Man darf keine Technik verteufeln“, sagte deshalb Reinhold Kopp, Generalbevollmächtigter der Volkswagen AG. So sei die Diskussion über schmutzige Diesel für den Klimaschutz ein Rückschlag gewesen.

Dieselmotoren sind deutlich effizienter als Benziner. Nach Branchenschätzungen wären die CO2-Emissionen durch Autos 18 % niedriger, wenn der Fuhrpark komplett auf Diesel umgestellt wäre.

Kopp forderte außerdem, die Verbraucher nicht durch immer neue Forderungen und Standards, die Autos verteuerten, zu belasten. Durchschnittlich seien die Fahrzeuge, die sich heute auf Deutschlands Straßen bewegen, neun Jahre alt. Schon wenn sie durch Autos auf dem Stand der aktuellen Technik ersetzt würden, könne viel CO2 eingespart werden. Dagegen sei die Hybridtechnik, die jetzt verstärkt gefördert werde, verhältnismäßig teuer und werde deshalb auf absehbare Zeit kaum einen Beitrag zum Klimaschutz liefern können.



Wilma kommt nach Europa

30.10.2005 (khd). Die Zyklone „ex-Wilma“, die vor einer Woche als Monster-Hurrikan „Wilma“ über der Halbinsel Yucatan (Mexiko) und Florida zerstörerisch wütete, ist im Anflug auf Mitteleuropa. Am Sonntag, den 30. Oktober liegt das ausgedehnte Tiefdruckgebiet, das reichlich Regen bringen wird, vor der Westküste Irlands. Es bestimmt bereits das Wetter in Irland, England, Westfrankreich und Spanien. Es wird erwartet, daß Ausläufer des mit „ex-Wilma“ verbundenen Frontensystems in den ersten November- Tagen auch Deutschland erreichen werden und damit das schöne – von den starken Hochdruckgebieten „Sabine“ und „Traudel“ – verursachte lange sonnige Spätherbstwetter mit Temperaturen von um 20 Grad beenden wird.

Unterdessen hat sich in der Karibik ein neuer Hurrikan der Kategorie 3 gebildet, der als „Beta“ nun Nicaragua bedroht. Es ist der 23. Tropensturm und 13. Hurrikan der Saison 2005 – allein im Atlantik. So viele Zyklone hat es seit Beginn der Wetteraufzeichnungen noch nie gegeben. (GMT = Greenwich Mean Time = Ortszeit von Greenwich bei London, durch das der 0. Längengrad geht = UTC = Weltzeit).

Wilma -- 29.10.2005 - 18.00 GMT  
^   Standort von „ex-Wilma“ am 29. Oktober 2005 um 20.00 Uhr MESZ. Das ausgedehnte Tiefdruckgebiet (L) wird in nordöstlicher Richtung an Irland vorbeiziehen, da das starke Hoch (H) über Rußland ein östliches Vordringen verhindert.   (Bodenkarte: 29.10.2005 – MetOffice/UK/khd)
Wilma -- 31.10.2005 - 00.00 GMT
^   Das Tiefdrucksystem „ex-Wilma“ liegt am 31. Oktober 2005 um 1.00 Uhr MEZ nordwestlich der britischen Insel. Seine Kaltfront (Dreiecke) reicht bis ins westliche Europa und bringt hier Regen.   (Bodenkarte: 31.10.2005 – DWD/khd)

Europe_01.11.05-12.00_GMT.jpg
^   Verkleinertes Infrarot-Satelliten-Foto des Wetters über Europa und Nordafrika vom 1. November 2005 um 13.00 Uhr MEZ. Das Tief „ex-Wilma“ liegt nördlich Großbritanniens. Deutlich zu erkennen ist das langgezogene Wolkenfeld der zugehörigen Kaltfront über Deutschland, das den Regen brachte. Vom Atlantik zieht ein ‚normales‘ Tiefdruckgebiet „Jakob“ heran. Über Rußland liegt weiterhin das starke Hochdruckgebiet „Traudel“.   (Sat-Foto: 1.11.2005 – MeteoSat-7/khd)

[19.10.2005: Monstersturm „Wilma“]  (SPIEGEL ONLINE)
[20.10.2005: Tropenstürme im Zeitraffer (Videos)]  (SPIEGEL ONLINE)
[21.10.2005: „Wilma“ verwüstet Mexikos Küste]  (SPIEGEL ONLINE)
[23.10.2005: „Wilma“ nimmt Kurs auf Florida]  (SPIEGEL ONLINE)
[25.10.2005: Im Zickzack um die Welt – Wie „Wilma“ entstand]  (DER TAGESSPIEGEL)



„Ich würde kein Haus auf Sylt kaufen“

Die globale Erwärmung beschleunigt sich, fürchtet Deutschlands berühmtester Klimaforscher. Und das hat nicht nur Folgen für den badischen Rotwein.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 30. Oktober 2005, Seite S1 (Sonntag). Das Interview führte ANDREAS AUSTILAT und HARALD SCHUMANN. [Original]

Hans-Joachim Schellnhuber, 55, ist Direktor der Institute für Klimafolgenforschung in Potsdam und Norwich. Der Physiker berät die deutsche und die britische Regierung. Seit 2005 ist er Mitglied der National Academy of Sciences der Vereinigten Staaten.

DER TAGESSPIEGEL: Herr Schellnhuber, Monsterstürme in der Karibik, Dauerbrände in Portugal, Eisschmelze an den Polen – vielen macht das Angst, Ihnen auch?

Schellnhuber: Na ja, ich könnte mich auf den Standpunkt zurückziehen und sagen, das haben wir ja vorhergesehen. Aber das ist genau das Beklemmende. Denn auch wir Klimaforscher hoffen natürlich, dass wir uns irren und irgendwo noch ein natürlicher Effekt auftaucht, den wir übersehen haben, und der uns wie im Märchen der Ritter auf dem weißen Pferd vor dem Schlimmsten bewahrt.

TAGESSPIEGEL: Der Klimawandel verläuft womöglich viel schneller und radikaler als früher angenommen.

Schellnhuber: Leider ja, manches geht schneller als in den Klimamodellen berechnet, etwa das Abschmelzen des Grönlandeises. Offenbar dringt das Schmelzwasser schon bis auf den Felsengrund und wirkt wie ein Schmiermittel, so dass viel mehr Eis ins Meer rutscht. Das macht mir schon Angst, denn die vollständige Schmelze des grönländischen Eisschilds würde den Meeresspiegel weltweit um fast 7 Meter steigen lassen. Das hieße, wir müssten langfristig 500 Millionen Menschen umsiedeln.

TAGESSPIEGEL: Was heißt langfristig?

Schellnhuber: Früher haben wir angenommen, das Schmelzen der polaren Eiskappen würde viele Jahrtausende dauern, da haben sogar Klimaexperten abgeschaltet, weil solche Zeiträume sich jeder Politik entziehen. Jetzt sehen wir, dass es vielleicht binnen weniger Jahrhunderte geschehen könnte.

TAGESSPIEGEL: Dann werden wir es ja nicht mehr erleben...

Schellnhuber: ...aber die Einschläge kommen näher.

TAGESSPIEGEL: Womit rechnen Sie für die nächsten 10 Jahre?

Schellnhuber: Dass sich fortsetzt, was wir jetzt schon beobachten. Einen so heißen Sommer wie in 2003 dürfte es – statistisch gesehen – nur alle zigtausend Jahre geben. Nun werden wir in Deutschland häufiger Temperaturen von 40 Grad erleben, irgendwann werden es dann auch mal 45 Grad. Möglicherweise führt dann die Elbe für einen Monat kein Wasser mehr. Oder dann gibt es dauernd Hurrikane in Brasilien, wie erstmals im vergangenen Jahr geschehen. Kürzlich wurde der erste sogar schon vor Europas Küsten [Ed: Spanien] beobachtet.

TAGESSPIEGEL: Andererseits hatten wir einen goldenen Oktober – oder gibt es für Sie gar kein schönes Wetter mehr?

Schellnhuber: Ich habe es gerne warm, da geht es mir wie vielen anderen. Aber wenn ich ans Barometer klopfe, fällt mir auf, dass Hochdrucklagen immer hochdrücklicher werden, also länger anhalten. So setzen sich Hunderte von Beobachtungen zu einem Bild zusammen. Dazu gehört auch die Reaktion von Pflanzen und Tieren. Schmetterlingsarten aus dem Süden tauchen nun bei uns auf, Blütezeiten setzen früher ein...

TAGESSPIEGEL: ...und deutscher Rotwein wird nachweislich besser.

Schellnhuber: Auch das. Riesling war immer Deutschlands beste Rebsorte, in 50 Jahren wird er hier vermutlich gar nicht mehr angebaut. Zu viel Hitze schadet ihm. Dafür haben wir jetzt schon einen anständigen Pinot Noir. Und einige Winzer versuchen es sogar mit Cabernet Sauvignon, dem Klassiker aus Bordeaux.

TAGESSPIEGEL: Ist Deutschland am Ende ein Gewinner der globalen Erwärmung?

Schellnhuber: Darauf würde ich mich nicht verlassen. Richtig ist, dass ausgerechnet die Region, die mit der industriellen Revolution und dem massenhaften Ausstoß von Treibhausgasen begonnen hat, nämlich Mitteleuropa, vermutlich am wenigsten hart getroffen wird. Aber bedenken Sie: Bis heute messen wir eine durchschnittliche Erwärmung um 0,6 Grad. Wir wissen aber schon, dass es global mindestens zwei Grad werden. Das wird wahrscheinlich gerade noch zu beherrschen sein. Es könnten jedoch auch 6 Grad werden oder noch mehr.

TAGESSPIEGEL: Ja und, was bedeutet das?

Schellnhuber: Dann haben wir einen völlig neuen Planeten, und das für Hunderttausende von Jahren. Dann versinkt in Sibirien Infrastruktur im Wert von Billionen Euro im Schlamm der aufgetauten Frostböden. Dann werden die Mittelmeerländer zur unbewohnbaren Wüste. Aus den von Überflutung bedrohten Küstenregionen werden endlose Flüchtlingsströme über die Kontinente wandern, selbst die Supermächte USA und China wird es hart treffen.

TAGESSPIEGEL: 2 Grad oder 6 – eine sehr große Spannbreite. Das ist der Stoff für Skeptiker wie den Bestsellerautor Michael Crichton, der behauptet, die Klimadebatte sei eine Verschwörung apokalyptischer Ökologen. Und er meint Leute wie Sie. Ärgert Sie das?

Schellnhuber: Nein, das ehrt mich. Denn es zeigt, dass wir mit unseren Warnungen große Teile der Menschheit erreicht haben. Sonst wäre das Thema ja nicht Bestseller- tauglich. Und selbst wenn wir nur eine 50-%- Wahrscheinlichkeit in unseren Prognosen hätten, was nicht der Fall ist: Würden Sie in ein Flugzeug steigen, wenn der Pilot sagt, mit 50-prozentiger Sicherheit stürzen wir ab?

TAGESSPIEGEL: Trotzdem, warum sind die Prognosen so ungenau?

Schellnhuber: Weil die Ökosphäre der Erde ein so komplexes System ist, dass es dafür noch kein präzises Modell gibt. Wir können mittlerweile zwar das Klima selbst gut abbilden. Aber es gibt Rückkoppelungseffekte, die wir noch nicht berechnen können, dafür brauchen wir noch mal 5 oder 10 Jahre.

TAGESSPIEGEL: Um welche Effekte geht es da?

Schellnhuber: Beim Auftauen der Tundra werden vermutlich Milliarden Tonnen Methan frei, das als starkes Treibhausgas wirkt. Das Gleiche könnte an den Abhängen der Kontinente im Meer geschehen, wo Methan im gefrorenen Zustand gebunden ist. So könnte der Treibhauseffekt plötzlich beginnen, sich selbst zu beschleunigen. Noch größer ist die Gefahr durch die Versauerung der Meere, weil die Anreicherung von Kohlendioxid in der Atmosphäre wie eine gigantische Sodamaschine arbeitet und Kohlensäure erzeugt. Das verändert die Artengemeinschaft in den Ozeanen und wir müssen um die biologische Pumpe fürchten. Die räumt bisher durch das Absinken der Schalen von totem Plankton einen beträchtlichen Teil des Kohlendioxids, das die Menschheit in die Luft bläst, aus dem Weg. Wenn diese Pumpe ausfällt, nimmt die Konzentration der Treibhausgase noch schneller zu. Ich könnte Ihnen 20 weitere solcher Effekte nennen.

TAGESSPIEGEL: Sie würden also kein Haus auf Sylt mehr kaufen?

Schellnhuber: Nein, ganz bestimmt nicht, und auch sonst nirgendwo an der Nordsee.

TAGESSPIEGEL: Wo würden Sie denn Ihr Altersdomizil errichten?

Schellnhuber: Lieber in den Pyrenäen. Aber es sind ja nicht nur die Küsten, die gefährdet sind. Eigentlich müssen wir beginnen, die gesamte Infrastruktur anzupassen. London zum Beispiel hat seit der verheerenden Flut von 1953 das Themse- Sperrwerk. Früher wurde das zwei Mal im Jahr geschlossen, um Hochwasser abzuwehren, jetzt kommt das schon 20-mal pro Jahr vor, und es ist völlig klar, dass bald ein neues, weit stärkeres Sperrwerk benötigt wird.

TAGESSPIEGEL: Haben Sie eigentlich persönliche Konsequenzen aus Ihrem Wissen gezogen?

Schellnhuber: Wenn man genügend Geld hat, gesund ist und gebildet, dann kommt man auch mit dem Klimawandel irgendwie zurecht. Aber das gilt für 98 % der Menschheit nicht. Darum halte ich ein Projekt wie „atmosfair“ für interessant. Bei einer deutsch-britischen Tagung kürzlich gehörte das zum Programm. Für jeden, der mit dem Flugzeug kam, wurde die persönliche Kohlendioxid- Produktion durch Spenden ausgeglichen. Mit dem Geld werden zum Beispiel Garküchen in Indien mit Solaranlagen ausgerüstet.

TAGESSPIEGEL: Haben Sie Ihren persönlichen Beitrag zum Klimawandel mal kalkuliert?

Schellnhuber: Ja, der ist ziemlich hoch, weil ich selber im Jahr bestimmt 100-mal fliege. Wenn ich das mit dem Lebensstil vergleiche, den ein durchschnittlicher US-Bürger hat, ist er nicht mehr ganz so beschämend. Dort fahren in den besseren Vororten schon 16-Jährige mit dem Jeep um die Ecke in die Schule.

TAGESSPIEGEL: Was für ein Auto fahren Sie denn?

Schellnhuber: Einen BMW aus der neuen 1er-Reihe. Der verbraucht sechs Liter Diesel, immerhin nur die Hälfte meines vorherigen Wagens.

TAGESSPIEGEL: Und wenn man aufs Auto verzichtet, ist das mehr als eine Geste? Oder kommt es auf Einzelne nicht an?

Schellnhuber: Doch, aber es sollte dazu beitragen, eine ganze Stadtkultur zu verändern [Ed: was beispielsweise in Berlin bislang nie gelang, obwohl reichlich Leute aufs Auto permanent verzichteten und immer nur — trotz Abzock-Preisen — mit Bus oder Bahn fahren...]. In Oxford kommen Sie in die Innenstadt mit dem Auto nicht rein. Stattdessen gibt es gute Busverbindungen. Wenn man erst mal begonnen hat, das zu nutzen, dann genießt man es. Es hat auch keinen Sinn, von den Leuten ständig zu verlangen, dass sie auf Lebensqualität verzichten. Es müssen intelligente Systeme gefunden werden, an denen man Spaß hat.

TAGESSPIEGEL: Wie Sie das skizzieren, geht es nur um die Durchsetzung neuer Technologien. Brauchen wir nicht einen anderen Lebensstil?

Schellnhuber: Natürlich, aber der muss uns schmackhaft gemacht werden. Es hat keinen Sinn, den Menschen zu sagen, tut Buße und lasst ab von diesem unmoralischen Leben.

TAGESSPIEGEL: Aber selbst wenn wir uns anstrengen, in China ist der Ausstoß an Treibhausgasen allein im Jahr 2004 um die gleiche Menge gestiegen, wie sie in Deutschland insgesamt anfällt.

Schellnhuber: Gewiss ist China derzeit auf einem Weg, der für den Planeten eine Bedrohung darstellt. Aber die Chinesen sind unglaublich lernfähig und die Eliten denken viel langfristiger, als wir das lange getan haben. Außerdem weiß ich vom Präsidenten der chinesischen Akademie der Wissenschaften, dass sie begriffen haben, sie können dieses Wachstum in ihrem Energieverbrauch schon aus finanziellen Gründen nicht aufrechterhalten. Sie werden bald auf erneuerbare Energien setzen.

TAGESSPIEGEL: Sie setzen sich seit 14 Jahren als Politikberater für den Klimaschutz ein. Haben Sie nicht manchmal das Gefühl, das Engagement ist völlig aussichtslos?

Schellnhuber: Oft sogar. Was mir vor allem Sorgen macht, sind die verschiedenen Geschwindigkeiten: Der Klimawandel beschleunigt sich, die Politik bleibt langsam. Man wird die Amerikaner bestimmt irgendwann überzeugen, und dann wird ein Richtungswechsel möglich. Aber die Frage ist, ob das nicht zu spät ist. Wir setzen jetzt Prozesse in Gang, die unumkehrbar sind, etwa die Versauerung der Meere.

TAGESSPIEGEL: Das Protokoll von Kyoto ist immerhin in Kraft getreten, sogar gegen den Willen der Amerikaner.

Schellnhuber: Das war politisch gewiss ein Erfolg, aber nicht mal die Europäer halten sich an den Vertrag. Spanien, Portugal und Italien liegen schon weit über den festgelegten Emissionsgrenzen. Inzwischen habe ich Zweifel, ob der Versuch, mit allen UNO-Mitgliedstaaten gemeinsam voranzukommen, ob dieser multilaterale Ansatz noch Sinn ergibt.

TAGESSPIEGEL: Aber er geht doch weiter. In 4 Wochen beginnen die Vertragsstaaten im kanadischen Montreal sogar über noch strengere Maßnahmen zu verhandeln.

Schellnhuber: Ich erwarte nicht viel davon. Wir bräuchten ja einen Konsens, wie die erlaubten Emissionen weltweit verteilt werden sollen. Also wer muss weniger ausstoßen, und wer darf zulegen, vor allem in den Entwicklungsländern. Viel mehr Hoffnung machen mir Initiativen wie das US-Städtebündnis, in dem mehr als 100 Großstädte aus freien Stücken mehr Einsparungen erzielen wollen, als im Kyoto- Vertrag vorgesehen. Wir brauchen einen Zusammenschluss solcher Initiativen, eine andere „Koalition der Willigen“ als die von Präsident Bush.

TAGESSPIEGEL: Nennen Sie uns doch mal eine vorbildliche Stadt.

Schellnhuber: Sehr erfolgreich ist Woking, ein Vorort von London, der in 12 Jahren den Ausstoß von Kohlendioxid um fast 80 % gedrückt hat.

TAGESSPIEGEL: Wie das?

Schellnhuber: Die haben Wärmepumpen installiert, Solartechnik genutzt und Strom aus Müll erzeugt. Man kann eben mit schon existierenden Technologien unglaubliche Erfolge erzielen. Wir brauchen gar keine mirakulösen Erfindungen. Wir müssen aber die Investitionen in den Aufbau dieses neuen Energiesystems umlenken – im Sinne einer zweiten Industriellen Revolution. Die muss uns in den nächsten 20 Jahren gelingen, wenn wir noch am Schlimmsten vorbeischrammen wollen.

TAGESSPIEGEL: Die meisten Großunternehmen verweigern sich dem.

Schellnhuber: Möglicherweise wird die Schlacht um den Klimaschutz in den Vorstandsetagen verloren. Aber ich sehe eine Chance von 10 oder 20 %, dass es nicht so kommt. Dafür lohnt sich immer noch der Einsatz. Und wenn wir dort gar nicht vorankommen, müssen wir eben neue Wege gehen. Vielleicht wäre es eine interessante Idee, einfach die nationale Sicherheit zu privatisieren und stattdessen den Umbau der Energiesysteme zur obersten Staatsaufgabe zu machen.

TAGESSPIEGEL: Sie rufen nach der Politik, aber im Wahlkampf spielte das Thema Umwelt trotz Hurrikan Katrina allenfalls eine Nebenrolle.

Schellnhuber: Im Wahlkampf wird der Bürger auf den Homo oeconomicus reduziert, der sich bange fragt, was er in den nächsten 4 Jahren im Geldbeutel haben wird. Da ist zwischen Politik und Wählerschaft ein Kartell der Verdrängung entstanden. Ich vermute, wir bekommen nun eine große Koalition zur Ausblendung der Klimaproblematik. Meine einzige Hoffnung ist Angela Merkel.

TAGESSPIEGEL: Weil sie auch Physikerin ist wie Sie?

Schellnhuber: Nein, weil sie Umweltministerin war und zum Beispiel in Kyoto dabei. Sie hat das Problem gut verstanden und damals sehr strategisch agiert. Sie hat eine Klimageschichte, diese Dame. Aber sie ist wohl die Einzige in diesem Kabinett.

TAGESSPIEGEL: Wenn Sie so fest davon überzeugt sind, dass die Menschheit in größter Gefahr schwebt, warum sind Sie nicht selbst politisch aktiv?

Schellnhuber: Es gibt Wissenschaftler, die Aktivisten werden. Mein Platz dagegen ist in der Forschung. Ich hoffe, dass ich mit hoher wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit auf die Probleme hinweisen kann. Wenn alle Leute mit meinen Talenten sich Greenpeace oder Parteien anschließen, dann entstünde eine Lücke. Wenn ich mit der Welt als junger Mann hätte anders umgehen wollen, dann wäre ich Politiker geworden, oder, was ich gern gemacht hätte, Schriftsteller. Vielleicht schreibe ich irgendwann den großen Roman.

TAGESSPIEGEL: Und der wird ein Gegenentwurf zu Crichton?

Schellnhuber: Eher ein Kriminalroman mit quantenlogischem Hintergrund. Ich weiß nur noch nicht, wie ich die Erotik mit der theoretischen Physik verheirate. Aber das steht zurzeit nicht an. Meine jetzige Rolle steht in der Tradition der Aufklärung, die nur eine neue Qualität angenommen hat.

TAGESSPIEGEL: Jetzt werden Sie pathetisch!

Schellnhuber: Stimmt aber trotzdem. Nur muss der Mensch heute nicht mehr von den Fesseln seines Unwissens befreit werden, um eine dekadente herrschende Klasse zu stürzen. Sondern jetzt wird der Menschheit die Frage nach der von ihr selbst gesteuerten Evolution gestellt. Bei der sie sich entweder neu erfindet oder zerstört.



Deutsche Deiche nur bis 2030 sicher

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 31. Oktober 2005, Seite 32 (Weltspiegel). [Original]

GEESTHACHT. Auf heftige Surmfluten mit bisher unbekannten Wasserständen müssen sich die Menschen an der Nordseeküste und den Ufern der Elbe aufgrund der Klimaveränderungen sowie der Eindeichung und Vertiefung der Elbe einstellen.

„Bis 2030 sind unsere Deiche sicher. Für die Zeit danach müssen die Küstenschutz-Ingenieure zusehen, dass sie durch neue Maßnahmen den bisher guten Schutz der Menschen an der Küste weiterhin gewährleisten“, sagte Professor Hans von Storch vom Institut für Küstenforschung, „vielleicht muss man auch ganz neue Methoden entwickeln“.

[31.10.2005: Küstenschutz – Festung aus Matsch]  (SPIEGEL)



Mehr Klimagase

Nach einer neuen, umfassenden UN-Studie sinkt der Ausstoß von Treibhausgasen nicht. Vielmehr nimmt er in den Industrieländern weiter zu.

Aus:
DIE ZEIT – Nr. 47/2005, 17. November 2005, Seite ?? (Umwelt). [Original]

Ungeachtet der Ziele des Klimaschutzprotokolls von Kyoto ist in fast allen Industrieländern der Ausstoß von Treibhausgasen wieder gestiegen. Bei gleicher Politik droht bis 2010 sogar ein Anstieg um im Schnitt 10,6 % im Vergleich zu 1990. Das geht aus einem neuen Bericht der Vereinten Nationen hervor, der am Donnerstag [17.11.2005] in Bonn vorgelegt wurde. Ohne die großen Verminderungen der Treibhausgase durch den wirtschaftlichen Umbruch in den früheren sozialistischen Ländern, die das Gesamtbild schönen, sehe die Lage noch weit düsterer aus: Bis 2010 ergibt hier die Prognose statt der anvisierten Minderungen von mindesten 5 % bis 2012 ein sattes Plus von 19,5 %.

Die Daten in der bisher umfassendsten Zusammenstellung über die weltweite Entwicklung bei den Treibhausgasen zeigten, dass die Verminderung von Treibhausgasen eine "Herausforderung" für die Industrieländer bleibe, sagte der amtierende Chef des UN- Klimasekretariats, Richard Kinley. Insgesamt ergibt sich für die Industrieländer von 1990 bis 2003 ein Minus von 5,9 %. In den früheren sozialistischen Ländern sank der Ausstoß um 40 %. Seit etwa 2000 ist es mit dem Trend zur Verminderung jedoch in beiden Länderkategorien wieder vorbei.

Die EU liegt insgesamt mit einer Reduzierung der Treibhausgase um 1,4 % bis 2003 (verglichen mit 1990) bislang noch deutlich unter der Vorgabe des Kyoto-Protokolls von minus 8 %. Kinley zeigte sich aber "recht optimistisch", dass die EU ihre Ziele noch erreichen könne. "In der EU gibt es dafür einen starken politischen Willen." Vielversprechend sei auch der Emissionshandel und der Kauf von Verschmutzungsrechten. National seien aber "mehr Maßnahmen erforderlich".

Deutschland – in der EU mit Abstand der größte "Verschmutzer" – liegt mit minus 18,2 % bereits nahe an seinem nationalen Kyoto-Ziel von minus 21 %. Allerdings ist dies nach Darstellung von Experten weitgehend auf den Zusammenbruch der alten DDR-Industrie nach 1990 zurückzuführen. Seit 5 Jahren stagniert in Deutschland nach den UN-Daten, die auf nationalen Mitteilungen basieren, die Reduzierung der Treibhausgase einschließlich von Kohlendioxid (CO2) – trotz schwachen wirtschaftlichen Wachstums. Mit dazu trägt vor allem der Verkehr bei, wo es ein Plus gibt. [weiter bei der ZEIT]



E R D G A S S P E I C H E R   B E I   B E R L I N 

Sandstein soll CO2-Grab werden

Ein ehemaliger Erdgasspeicher bei Berlin soll mit Kohlendioxid gefüllt werden. Wissenschaftler wollen so herausfinden, ob sich das Klimagas dauerhaft im Untergrund einlagern lässt. Sie hoffen auf einen sicheren CO2-Speicher für Jahrhunderte.

Aus:
Spiegel Online – 20. November 2005, 10.23 Uhr MEZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

KETZIN/POTSDAM. Vor den Toren Berlins bereiten Forscher seit 2004 das Projekt CO2SINK vor. Ihr Ziel ist es, ab 2006 einen ehemaligen Erdgasspeicher im brandenburgischen Ketzin zu Testzwecken mit Kohlendioxid aufzufüllen. "Wir wollen mit dem Projekt zeigen, dass CO2-Speicherung im Untergrund ökonomisch und ökologisch eine Option für den Klimaschutz ist", sagt Professor Guenter Borm vom Geoforschungszentrum Potsdam, der die Arbeiten koordiniert.

Das Potential der Anlagen ist nach Ansicht des Fachmanns groß, auch wenn es nicht für kleine Quellen wie Autoabgase geeignet ist. In Deutschland setzen aber allein die Kohlekraftwerke als Hauptverursacher über 250 Millionen Tonnen CO2 jährlich in die Atmosphäre frei. "Über 90 % davon könnten durch die Abtrennung und Speicherung eingespart werden", betont Borm. Ob die Technik praxistauglich ist, will das Forscherteam jetzt herausfinden.

Dazu soll das Gas über ein Bohrloch rund 700 Meter tief in den Ketziner Untergrund geleitet werden. "Das CO2 wird direkt in den Schilfsandstein injiziert und soll in den Poren des Gesteins gespeichert werden", erläutert der Geoingenieur. "Dort kann sich das Gas sammeln. Die darüber liegenden Ton- und Lehmschichten sorgen dafür, dass es nicht entweichen kann."

Zur Sicherheit werden rund um die Anlage Sensoren installiert, die die CO2-Werte überwachen. Seit über einem Jahr zeichnen die Mitarbeiter zum Vergleich die natürlichen Werte in der Region auf. Das nötige Gas für den Großversuch kommt per Bahn oder Tankwagen tiefgekühlt nach Ketzin. Es stammt aus der Wasserstoffproduktion.

"Wir müssen es vor Ort auf 35 Grad erwärmen und unter Hochdruck in den Untergrund einbringen", sagt Borm. Über zwei Jahre hinweg sollen täglich bis zu vier Lkw-Ladungen versenkt werden, das entspricht täglich rund hundert Tonnen CO2. Zum Vergleich: Ein Durchschnittsauto pustet laut Borm jährlich etwa 1,6 Tonnen Kohlendioxid in die Umwelt.

"Unterirdische Speicher reichen für Jahrhunderte"

Wenn das Kohlendioxid in den Untergrund geleitet wird, beginnt für die Wissenschaftler der spannende Teil des Projekts. Mithilfe von Messgeräten in zwei weiteren Bohrlöchern analysieren sie das Geschehen im Untergrund. Dafür stehen elektrische Tomografiemethoden zur Verfügung, die Bilder aus der Tiefe liefern. "So sehen wir, wie sich die Gaswolke entwickelt", sagt Borm. Beispielsweise möchten die rund 40 beteiligten Forscher herausfinden, wie schnell sich das Kohlendioxid ausbreitet, welche Wege es untertage bevorzugt und ob es sich im vorhandenen Wasser löst. Darüber gibt es bislang nur Spekulationen. "Nur wenn wir wissen, wie sich das Gas genau in der Tiefe verhält, ist später eine kommerzielle Nutzung der Technologie möglich", so der Fachmann.

Das Interesse an dem Projekt ist groß. Mittlerweile haben sich 17 Partner angeschlossen, darunter auch Kraftwerksbetreiber. Zudem wird die Untersuchung, die fast 20 Millionen Euro kostet, von der Europäischen Union mit 8,7 Millionen Euro gefördert.

Ein Einsatz der Technik wäre ab 2015 denkbar – vorausgesetzt, die Berechnungen der Wissenschaftler erweisen sich in der Realität als richtig. "Unsere größte Sorge ist, dass der Speicher das Gas nicht aufnimmt und wir es gar nicht unter die Erde bekommen", sagt Borm.

Was passiert langfristig mit dem versenkten CO2?

Ist die Idee hingegen praxistauglich, könnte eine völlig neue Generation von emissionsarmen Kraftwerken und Fabriken entwickelt werden. Sie zweigen das CO2 direkt im Entstehungsprozess ab, im Idealfall würde die Tiefspeicherung direkt unter dem Kraftwerk erfolgen. "Nach unserer Kenntnis reicht der Platz in unterirdischen Speichern weltweit für Jahrhunderte", sagt Borm.

Trotz des Optimismus der Forscher beurteilen Umweltschützer den Ansatz der CO2-Speicherung auch kritisch. So wird das Projekt immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, dass die neue Technologie die alten Industriestrukturen hoffähig mache – und somit die Entwicklung regenerativer Energiequellen behindere. "Ich denke aber, dass ein mehrgleisiger Weg in die Zukunft der richtige ist. Unser Ansatz ist eher eine Brückentechnologie, bis andere Methoden der emissionsarmen Energieerzeugung ausreichend zur Verfügung stehen", sagt Borm.

Unklar ist zudem, was später mit dem gespeicherten Gas geschehen soll. So hoffen die Wissenschaftler zum einen, dass sich Teile des Kohlendioxids auf natürliche Weise abbauen. Zudem setzen sie auf spätere Technologien, die den Rohstoff umweltfreundlich nutzen. Aber auch eine langsame, kontrollierte Freisetzung wäre langfristig denkbar. "Denn klimaschädigend ist CO2 nur, wenn es in großen Mengen in die Atmosphäre entweicht – wie derzeit durch Kohlekraftwerke und Raffinerien", betont Borm.



E I S K E R N - A N A L Y S E

CO2 auf höchstem Stand seit 650.000 Jahren

Noch nie in den letzten 650.000 Jahren war mehr Kohlendioxid in der Atmosphäre als heute. Das fanden Forscher bei der Analyse eines Eisbohrkerns aus der Antarktis heraus. Fest steht auch: Weniger CO2 bedeutet kälteres Klima.

Aus:
Spiegel Online – 24. November 2005, 19.57 Uhr MEZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

BERN/BREMEN. Die Zahl ist alarmierend: Die derzeitige Kohlendioxid-Konzentration von 380 ppm (parts per million) liegt bereits 27 % über dem höchsten aufgezeichneten Stand der vergangenen 650.000 Jahre. Das ergab die Analyse eines Bohrkerns, den ein internationales Wissenschaftlerteam aus dem tiefen Eis der Antarktis gewonnen hatte.

Mit der neuen Bohrung konnten die Forscher die heute bekannten Zeitreihen zu Kohlendioxid und Methan um 250.000 Jahre erweitern. Der bislang älteste Bohrkern "Vostok", ebenfalls aus der Antarktis, umfasst circa die letzten 400.000 Jahre.

Das Eis der Antarktis stellt für Wissenschaftler ein wertvolles Klimaarchiv dar. Es geht auf einzelne Schneefälle zurück, aus denen sich im Laufe der Jahrtausende Gletscher entwickelt haben. Mehrere Kilometer hoch ist der mächtige Panzer inzwischen, den Thomas Stocker von der Universität Bern und seine Kollegen im vergangenen Jahr angebohrt haben.

Aus der Tiefe des Eises und der Konzentration des Wasserstoff-Isotops Deuterium lässt sich relativ genau das Alter bestimmen. "Deuterium ist so eine Art Datenspeicher für die Temperatur", sagte Stockers Mitarbeiter Dieter Lüthi im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Wir vergleichen die Deuteriumwerte auch mit jenen in Meeressedimenten."

Aus dem Eis schneiden die Forscher wenige Zentimeter große Blöcke heraus, die anschließend in einer Vakuumkammer zertrümmert werden. Dabei wird die in kleinen Bläschen eingeschlossene Luft freigesetzt; ihre Zusammensetzung kann genau analysiert werden. Etwa 10 % des Volumens eines Bohrkerns bestehen aus Luftblasen.

Die Untersuchung des Bohrkerns ergab auch einen engen Zusammenhang zwischen Klima und Treibhausgaswerten in der Erdgeschichte. Geringe Konzentrationen seien in den vergangenen 650.000 Jahren mit kühleren Bedingungen verbunden gewesen, schreiben die Wissenschaftler im Magazin Science (Band 310, Seite 1313).

"Die Kopplung zwischen Temperatur und Kohlendioxid- beziehungsweise Methan-Konzentration in der Vergangenheit ist erstaunlich konstant", stellte Hubertus Fischer vom Bremer Alfred-Wegener- Institut für Polar- und Meeresforschung in fest. "Erst durch den Einfluss des Menschen in den letzten Jahrhunderten wurden atmosphärische Treibhausgase über ihre natürlichen Grenzen hinaus erhöht."

Die Bohrung bei der Antarktis-Sommerstation Dome C wurde bereits im vergangenen Winter beendet, ist aber noch nicht vollständig ausgewertet. "Wir wollten die ersten Daten anderen Wissenschaftlern zugänglich machen", erklärte Lüthi. Deshalb habe man die Zwischenergebnisse schon jetzt in Science publiziert. Die Glaziologen schätzen, dass in den noch nicht analysierten Eiskernen die ungestörte Klimageschichte bis zu einem Alter von ungefähr 900.000 Jahren gespeichert ist.

Das Eisbohrprojekt "Epica" wird von einem Konsortium aus zehn europäischen Ländern durchgeführt, darunter sind Deutschland, Frankreich und die Schweiz. Derzeit läuft eine zweite Bohrung nahe der Kohnen-Station im Dronning Maud Land, die mittlerweile eine Tiefe von 2565 Metern erreicht hat.



Hurrikane vor Europa

[Ed: Eine Folge des Klimawandels]

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 29. November 2005, Seite 28 (Weltspiegel). [Original]

MIAMI/BERLIN. Es sieht ganz danach aus, als würden tropische Wirbelstürme, die sich über dem Atlantik [in Höhe des 20. Breitengrades] bilden, neuerdings auch zu einem europäischen Problem: Bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr nähert sich ein Tropensturm mit annähernd Hurrikan- Stärke Europa. Der Sturm „Delta“, der 25. der diesjährigen Hurrikan- Saison, bewegte sich am Montag [28.11.2005] auf die Kanarischen Inseln zu. Meteorologen rechneten damit, dass er die Inselgruppe auf seinem Weg in Richtung Nordwestafrika treffen oder sie zumindest streifen könnte. Die Behörden auf den Kanaren haben daraufhin die Schulen geschlossen und Bewohner wie Touristen geraten, auf das Autofahren zu verzichten.

Der Sturm „Delta“ habe sich um 4 Uhr morgens rund 765 km westlich der Insel La Palma befunden und sich mit einer Geschwindigkeit von 43 km/h ostwärts bewegt, teilte das National Hurricane Center (NHC) der USA in Miami mit. Innerhalb des Sturms wurden Windgeschwindigkeiten von 100 km/h gemessen. Ab 119 km/h wird ein Tropensturm als Hurrikan eingestuft. Die Meteorologen des NHC rechneten aber damit, dass die Kraft von „Delta“ über den kühleren Meeresgebieten vor der Küste Marokkos nachlassen wird.

Schon vor ein paar Wochen hatte sich mit „Vincent“ der erste Hurrikan seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1851 vor der europäischen Küste gebildet. Er ging schließlich als Sturmtief an Spaniens Küste an Land. Das ist neu und aus Sicht von Peter Höppe, der bei der Münchner Rückversicherung die Abteilung Risikoforschung leitet, auch ziemlich beunruhigend. Bisher sind Hurrikane in der Karibik und den südlichen USA aufgetreten – und haben in diesem Jahr versicherte Schäden von rund 50 Milliarden US-Dollar hinterlassen. Doch wenn die Stürme nun auch Küsten treffen, die keinerlei Erfahrung mit Hurrikanen haben, könnten die Schäden noch größer werden, weil die Betroffenen nicht wissen, wie sie ihren Besitz schützen können. Schon 2004 hatte sich zum ersten Mal ein Hurrikan vor der Küste Brasiliens gebildet. [mehr]

[12.10.2005: „Vincent“ – Erstmals Hurrikan vor Europa]  (DONNERWETTER.DE)



Tropensturm auf den Kanaren

8 "Boat People" sind vor Gran Canaria ertrunken. Nach Stromausfällen kam es zu Plünderungen.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 30. November 2005, Seite ?? (Weltspiegel). [Original]

Hurrikane vor Europa!
„Delta“ ist der 25. Sturm der diesjährigen Hurrikan-Saison im Atlantik und bereits der zweite, der Europa erreichte. Er hatte sich am Wochenende über dem Atlantik gebildet. Daß er sich nach Osten auf die Kanaren zu bewegte, bezeichnen Meteorologen als „extrem seltenes“ Ereignis.

Nicht nur Spaniens Umweltministerin Cristina Narbona führt diesen Tropensturm auf den weltweiten Klimawandel durch den von Menschen gemachten Treibhauseffekt zurück. Für Prof. Schellnhuber vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung ist der quasi-Hurrikan „Delta“ nur der „Vorgeschmack darauf, was die Zukunft bringt“.
MADRID. Das schwere Tropenunwetter "Delta", das mit nahezu Hurrikanstärke über die Kanarischen Inseln fegte, hat mindestens 19 Todesopfer gefordert. 18 afrikanische Flüchtlinge starben rund 400 Kilometer südlich der Urlaubsinseln, als ihr Holzboot im Sturm kenterte. 32 weitere "Boat People", die auf dem Weg von Mauretanien Richtung Kanaren waren, konnten gerettet werden. Auf Fuerteventura starb ein Mann, der durch eine Windböe vom Dach geweht wurde. Mehrere Menschen wurden durch herumfliegende Gegenstände und umstürzende Palmen verletzt, darunter eine deutsche Urlauberin.

Auch am Dienstag [29.11.2005] war die Stromversorgung in Santa Cruz, der Inselhauptstadt Teneriffas, noch unterbrochen. Schon die Nacht mussten annähernd 200.000 Menschen, darunter auch viele Touristen, im Kerzenschein verbringen. Viele Menschen verbrachten die Nacht in Einkaufszentren, Sporthallen oder Flughäfen. Auf den dunklen Straßen herrschte Chaos: Hunderte Bäume lagen auf den Fahrbahnen, Mauern und Verkehrsschilder waren umgefallen. Plünderer zogen umher und zertrümmerten mit Baseballschlägern Schaufenster. Mindestens 8 Gewalttäter wurden festgenommen.

Die Behörden Teneriffas, wo "Delta" am schlimmsten wütete, baten die Bevölkerung, Häuser und Hotels nicht zu verlassen und die Autos stehen zu lassen. Hunderte Menschen hatten die Nacht zu Dienstag im Terminal des internationalen Flughafens von Teneriffa verbracht, nachdem ihre Flüge abgesagt worden waren und ein Verlassen des Airports nicht mehr möglich war. Im Hafen sanken ein Schlepper und mehrere Sportboote, berichtete der Rundfunk.

Vor allem die westlich gelegenen Inseln La Palma, El Hierro und La Gomera waren stundenlang von der Außenwelt abgeschnitten, die meisten Flug- und Schiffsverbindungen wurden eingestellt und die Häfen geschlossen.

Auf Gran Canaria vernichtete "Delta" ein Naturdenkmal an der Küste, das als "Finger Gottes" bisher viele Besucher anlockte. Der Wind mit Spitzengeschwindigkeiten bis zu 200 Kilometern pro Stunde ließ die berühmte Felsformation in Fingerform an der nördlichen Inselküste abbrechen.

Die Bauernverbände beklagten Schäden in Millionenhöhe. Auf vielen Inseln seien Bananenplantagen verwüstet worden. Die Bananen sind eines der wichtigsten Exportgüter der Kanaren. Am Dienstag normalisierte sich der Flug- und Schiffsverkehr langsam wieder. Die Telefonverbindung zu den Inseln war aber weiter gestört. Das Unwetter zog über den Atlantik Richtung Marokko weiter.



K L I M A G I P F E L   I N   M O N T R E A L

USA lehnen Verpflichtungen ab

Die Vereinigten Staaten sind kategorisch gegen konkrete Verpflichtungen zur Reduktion des Kohlendioxid-Ausstoßes. Das Land bemühe sich aber ebenso wie andere Staaten um den Klimaschutz, erklärte ein US-Vertreter auf dem Weltklimagipfel.

Aus:
Spiegel Online – 30. November 2005, 11.58 Uhr MEZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

MONTREAL. In Kanada beraten seit gestern rund 10.000 Delegierte aus 189 Ländern darüber, wie der erste im Kyoto-Protokoll festgelegte Schritt zur Reduzierung der Treibhausgase über das Jahr 2012 hinaus verlängert werden kann. Die USA haben konkrete Verpflichtungen kategorisch abgelehnt. "Die Vereinigten Staaten sind gegen jegliche solcher Diskussionen", sagte der US-Vertreter Harlan Watson bei der Konferenz in Montreal.

Die USA haben schon das Kyoto-Protokoll nicht unterzeichnet. Darin verpflichten sich rund 40 Industriestaaten, ihre Kohlendioxid-Emissionen bis 2012 zu senken und an festen Quoten zu orientieren. Der größte Teil der weltweiten Treibhausgas-Emissionen geht auf das Konto der USA.

Watson verteidigte die Umweltpolitik von Präsident George W. Bush. In den USA seien die Emissionen in der Zeit von 2002 bis 2003 stärker zurückgegangen als im selben Zeitraum in der Europäischen Union, sagte Watson. Statistiken der Vereinten Nationen zufolge lagen die US-Emissionen jedoch im Jahr 2003 mehr als 13 Prozent über dem Niveau von 1990, während die EU im Schnitt einen Rückgang von 1,4 Prozent erreicht habe.

Umweltschutzorganisationen warfen den USA vor, die Verhandlungen zu blockieren. "Wenn man in der Konferenzhalle herumläuft, sagen einem die Delegierten, dass viele Themen auf der Tagesordnung stehen", sagte Bill Hare von der Umweltschutzorganisation Greenpeace, "aber dass es nur ein wirkliches Problem gibt – und das sind die Vereinigten Staaten." Die USA seien das sprichwörtliche Haar in der Suppe und könnten die Konferenz scheitern lassen.

Watson wies den Vorwurf zurück. Er sehe nicht, wieso die Konferenz zum Scheitern verurteilt sei. "Es gibt mehr als einen Weg, gegen den Klimawandel vorzugehen."

Europa droht laut Studie Gletscherschmelze

Europa droht einem Bericht der Europäischen Umweltagentur (EUA) zufolge der "schlimmste Klimawandel" seit gut 5000 Jahren. Sollte sich die derzeitige Erderwärmung fortsetzen, könnten "bis zum Jahre 2050 drei Viertel der Schweizer Gletscher weggeschmolzen sein", heißt es in dem jüngsten Bericht der EUA. Die Studie wurde heute in Paris veröffentlicht.

Die globale Erdtemperatur stieg laut EUA im vergangenen Jahrhundert um 0,7 Grad Celsius an; Europa erwärmte sich sogar um 0,95 Grad Celsius. Allein im Hitzesommer 2003 seien 10 Prozent der Alpengletscher weggschmolzen. Diese Entwicklung werde sich ohne eine "effiziente, auf Jahrzehnte angelegte Aktion" beschleunigen, warnt die EUA. Die Folge werde das Abschmelzen des Eises im Norden und eine Ausbreitung von Wüsten im Süden Europas sein. "Die Bevölkerung des Kontinents könnte sich immer mehr auf Mitteleuropa konzentrieren", sagte die Direktorin der Agentur, Jacqueline McGlade.



Eisige Zeiten

Britische Forscher haben entdeckt, dass sich der Golfstrom dramatisch verlangsamt hat – wegen der Klimaerwärmung.

Hinweis auf:
Der Tagesspiegel, Berlin, 1. Dezember 2005, Seite 36 (Weltspiegel). [Zum Artikel]



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