Infos zur Veränderung des Klimas – Teil 1 khd
Stand:  12.3.2007   (28. Ed.)  –  File: Sci/Nat/K/Klima_01.html



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„Es wird in Zukunft mehr regnen“

Der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber über Stürme, globale Erwärmung und die Folgen für Deutschland

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 13. August 2002, Seite 7 (Forschung). Das Interview führte THOMAS DE PADOVA. [Original]

  Die wichtigsten Grafiken des
Klima-Reports 2007 der UN
 
HANS JOACHIM SCHELLNHUBER (52) ist Direktor des Potsdam- Instituts für Klimafolgenforschung. Der Physiker sieht extreme Wetterereignisse auf uns zu kommen, wenn sich die Erde weiter erwärmt. Der Klimawandel müsse in regionale Planungen für Kanalisation oder Katastrophenschutz einbezogen werden.

Tagesspiegel: Herr Professor Schellnhuber, vor wenigen Jahren ging die Angst um, dass die Sommerdürre langsam nordwärts kriecht. Von toskanischen Verhältnissen in Deutschland war die Rede. Jetzt sieht es plötzlich eher danach aus, dass uns der Klimawandel eine tropische Regenzeit bringt. Worauf müssen wir uns einstellen?

Prof. Hans Joachim Schellnhuber: Generell wird es in Zukunft mehr Niederschläge auf Grund der globalen Erwärmung geben. Aber die regionalen Ausprägungen werden sehr unterschiedlich sein. In Nordeuropa wird es in Zukunft wesentlich mehr regnen, in Südeuropa deutlich weniger.

Tagesspiegel: Und in Deutschland?

Prof. Schellnhuber: Gerade durch Deutschland könnte sich eine Trennungslinie ziehen. Hier müssen wir zwischen Westen und Osten unterscheiden. Tendenziell beobachten wir im Südwesten Deutschlands eine starke Zunahme der Niederschläge in den letzten 100 Jahren. Zum Beispiel regnet es im Schwarzwald um bis zu 50 % mehr. Dagegen nimmt der Niederschlag im Nordosten Deutschlands ab.

Tagesspiegel: Heißt das, dass der Dauerregen, der Berlin und Brandenburg gerade wieder heimsucht, eine Ausnahme ist?

Prof. Schellnhuber: Wir erleben augenblicklich die berühmten „Genua-Zyklone“...

Tagesspiegel: ... also ein Tiefdruckgebiet über dem Golf von Genua, das langsam nach Nordosten zieht.

Prof. Schellnhuber: Und je nachdem, wo es hinzieht, gibt es dann massivste Niederschläge. Der Süden kriegt davon mehr ab.

Tagesspiegel: Es wird allgemein befürchtet, dass sich solche „Genua-Zyklone“ und Westwetterlagen in Zukunft verstärken. Worauf beruht diese Angst?

Prof. Schellnhuber: Das hängt damit zusammen, dass bei anhaltender globaler Erwärmung mehr Energie in der Atmosphäre steckt. Und wenn mehr Energie da ist, dann wird die Dynamik angeregt. Es verdampft zum Beispiel mehr Wasser über den Weltmeeren, oder die Wolkentürme, die die Gewitter bilden, schießen noch höher hinauf.

Tagesspiegel: Die Gewitter werden also heftiger?

Prof. Schellnhuber: Ja. Denn sie haben viel mehr Energie, um sich zu entladen. Es wird daher zum Beispiel bei zunehmender Erwärmung auch mehr Blitze geben. Und selbst in Brandenburg kann es geschehen, dass sich der Niederschlag, der fällt, in weniger Einzelereignissen konzentriert.

Tagesspiegel: Das weckt Erinnerungen an den Orkan, der vor wenigen Wochen über das Land hinwegfegte.

Prof. Schellnhuber: Der Orkan war die Folge einer unglaublichen Temperaturfront. Da gab es innerhalb eines Streifens von 10 bis 20 Kilometern einen Temperaturunterschied von fast 20 Grad. Diese Front brauste über Deutschland hinweg. So etwas erfordert enorme Energien...

Tagesspiegel: ...wie sie etwa in den Tropen häufig vorhanden sind.

Prof. Schellnhuber: In tropischen Regionen, etwa im Nordosten Brasiliens, ergießen sich die 700 Millimeter Jahresniederschlag oft in wenigen Ereignissen. Solche regionalen Ausprägungen könnten sich durch den Klimawandel noch verstärken. Es gibt keinen Trend zum Ausgleich des Wetters. Die regionalen Gegensätze werden noch größer werden. Die Tendenz geht hin zu einer stärker polarisierten Welt.

Tagesspiegel: Welche Gefahren können damit verbunden sein?

Prof. Schellnhuber: Wir haben eine Zunahme der Niederschläge in den meisten Gebieten. Zudem kommt der Regen in weniger Ereignissen konzentrierter herunter. Und drittens kommt er anders als gewohnt, etwa zu anderen Jahreszeiten. Das alles zusammengenommen macht die Gefahr aus.

Tagesspiegel: Die Gefahr liegt also nicht nur in den Wetterextremen?

Prof. Schellnhuber: Nein. Es kommt nicht nur darauf an, dass es stärkere Regengüsse oder Gewitter gibt. Es ist bereits gefährlich, dass sie anders verlaufen, als wir es gewöhnt sind.

Tagesspiegel: Warum?

Prof. Schellnhuber: Wir haben unsere Deiche zum Beispiel vielerorts so bemessen, dass wir uns auf Schmelzwasser einstellen können, das im Frühjahr aus den Bergen kommt. Wenn uns die Niederschläge nun aber schon im Winter erreichen, ohne dass der Schnee irgendwo liegen bleibt, stehen wir vor großen Problemen. Dann sind wir an das Klima nicht mehr richtig angepasst.

Tagesspiegel: Können Sie noch mehr Beispiele nennen?

Prof. Schellnhuber: In Gebirgsregionen etwa sind die Dächer in Windrichtung heruntergezogen. Das nützt aber nichts mehr, wenn der Wind künftig aus einer anderen Richtung kommt.

Tagesspiegel: Wie sollten wir auf die sich abzeichnenden Veränderungen reagieren?

Prof. Schellnhuber: Ich predige nach wie vor, dass wir das absolute Ausmaß der Klimaveränderungen unbedingt begrenzen müssen. Wir müssen auf jeden Fall versuchen zu verhindern, dass sich die Erde um mehr als 2 Grad gegenüber dem gegenwärtigen Stand erwärmt. Aber es wird schwierig sein, das zu erreichen.

Tagesspiegel: Schon jetzt gibt es allerdings den von Ihnen so bezeichneten Anpassungsdruck.

Prof. Schellnhuber: Das, was wir im Augenblick erleben, sind nur kleine Vorläufer des künftigen Klimawandels. Man kann zum Beispiel keine Kanalisation so auslegen, dass sie nicht irgendwann überläuft und aus den Gullys das Wasser herausschießt. Wenn so etwas wegen vermehrter Niederschläge regelmäßig passiert, kann das keine Stadtverwaltung akzeptieren.

Tagesspiegel: Was muss passieren?

Prof. Schellnhuber: Überall dort, wo es Regionalpläne für Katastrophenschutz, Deichvorbauten oder Kanalisation gibt, müssen wir eine generelle Revision vornehmen. Wir müssen den Klimawandel in die langfristigen Planungen einbeziehen. Das setzt eine mühsame, detektivische Kleinarbeit von Wissenschaftlern und Behörden voraus. Aber solange man nicht erkennt, dass das ein Thema für die Stadt ist, wird man immer nur hinterher die Opfer beklagen. [Weiteres Interview]



T R E I B H A U S E F F E K T

Aus allen Wolken gefallen

Klimamodelle sind kein Wetterbericht. Die jüngsten Unwetter haben auch die Wissenschaftler überrascht.

Aus:
DIE ZEIT – Nr. 34/2002, 15. August 2002, Seite ?? (Wissen) von CHRISTOPH DRÖSSER und MAX RAUNER. [Original]

In der Schweiz fiel am Dienstag Schnee. In Moldawien und der Ukraine führten zu Wochenbeginn Unwetter zu starken Überschwemmungen. Das Wasser schwappte bis in den Keller des Kernkraftwerks Tschernobyl. Am Mittelmeer hingegen herrschen seit Tagen Rekordtemperaturen um die 40 Grad.

Kommando zurück, das waren die Meldungen vom Sommer 2000. In dieser Woche müssen die Einwohner Dresdens das Wasser aus ihren Kellern pumpen. Und die mörderische Hitze herrscht nur auf den griechischen Inseln. Denn ganz Mitteleuropa leidet unter Dauerregen; die Mallorca- Urlauber bibbern bei 15 Grad.

Rekordkälte, Rekordhitze, Rekordregen – nicht nur in diesem Jahr schlägt das Wetter Kapriolen. Superlative wie "die größte seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gemessene Niederschlagsmenge" hört man immer öfter. Das war doch früher nicht so? Sind die Überschwemmungen dieses Sommers oder die Hitzewelle des vergangenen Jahres also bereits die Vorboten der vom Menschen verursachten Klimakatastrophe? In diesen Tagen stehen bei den Klimaforschern die Telefone nicht still. Doch auf die entscheidende Frage geben alle ausweichende Antworten.

"Kein Klimaforscher kann Ihnen sagen: Dieses spezielle Ereignis ist eine Folge der globalen Erwärmung", sagt beispielsweise Hans-Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam- Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). Dass in Österreich die Flüsse überlaufen, liegt zunächst einmal an der so genannten 5B- Wetterlage, bei der ein Genua- Tief die Alpen überquert und auf seinem Weg ganze Landstriche unter Wasser setzt (Grafik Seite 28). Doch Wetter ist nicht Klima – das eine beschreibt eine momentane Situation, das andere ist eine statistische Größe. Für einen Klimaforscher kann die Frage nur lauten: Wird es solche extremen Wetterereignisse in Zukunft häufiger geben als heute? Kommt die "Jahrhundertflut" in Zukunft alle 30 Jahre?

Allerdings geben die Forscher auch auf diese Frage nur ungern eindeutige Antworten. "Genauso gut könnte man fragen, welche Schwalbe den Sommer verursacht", mokiert sich der Physiker Ulrich Cubasch vom Deutschen Klimarechenzentrum (DKRZ) in Hamburg. Nur so viel: "Die Unwetter passen ins Bild."

Die Zurückhaltung der Klimaforscher hat ihren Grund. Die Computer- Modelle der Klimaentwicklung können zwar gut globale Durchschnittstemperaturen und -niederschläge berechnen, aber schlecht zeitlich und räumlich begrenzte Phänomene vorhersagen. Der Konsens der Klimagemeinde lässt sich etwa so zusammenfassen: Weil die Temperaturunterschiede auf der Erde zunehmen und dadurch mehr Dynamik in die Atmosphäre kommt, wird das Wetter insgesamt wilder. Auch eine Zunahme der Niederschläge in Europa wird vorhergesagt – allerdings für den Winter und nicht für den Sommer. Die aktuellen Wolkenbrüche auf Mallorca sind eher untypisch, denn das Sommerklima im Mittelmeerraum soll nach den Prognosen heißer und trockener werden als heute.

Europa ist allerdings nicht gerade das Sorgenkind der Klimaforscher – die wirklich extremen Veränderungen werden in anderen Regionen stattfinden. Etwa in Asien, wo der Monsun aus den Fugen zu geraten droht, oder in den kleinen Inselstaaten im Indischen Ozean, die ganz im Meer versinken könnten. Trotz des nassen deutschen Sommers bleibt Hans-Joachim Schellnhuber bei der Prognose: "Es gibt nur 3 Gebiete auf der Erde, wo der Niederschlag deutlich zunehmen wird: Nordamerika, Nordasien und die Sahara – dort werden in Zukunft über 20 % mehr Niederschlag fallen."

Der Golfstrom fällt durchs Raster

Das Bild der Klimaforscher ist insgesamt noch recht grobkörnig. Ulrich Cubasch und seine Mitarbeiter haben ein Modell entwickelt, mit dem sie das Klima auf der Erde von 1850, dem Beginn der Industrialisierung, bis 2100 berechnen. Dabei überziehen sie die Erdkugel mit einem virtuellen Netz, das alle 250 Kilometer einen Knoten hat. Für jeden dieser Punkte berechnen sie unter anderem Temperatur und Niederschlag. Auf Deutschland entfällt bei dieser Rasterfahndung nur eine Hand voll Simulationspunkte. Dann rechnet der Hochleistungscomputer des DKRZ ein Jahr lang. Heraus kommt ein allgemeiner Trend mit Durchschnittswerten. Wenn die Klimadaten von 1850 bis heute mit dem Modell übereinstimmen, vertrauen die Wissenschaftler auch der Prognose für die nächsten 100 Jahre.

Doch selbst diese groben Vorhersagen sind mit Vorsicht zu genießen. Bei einer Auflösung von 250 Kilometern lässt sich nicht einmal Europas Standheizung, der Golfstrom, ausreichend erfassen. Diese Meeresströmung bringt warmes Wasser vom Golf von Mexiko in unsere Breiten. Ihr Versiegen würde hierzulande nach Berechnungen des PIK zu einer Abkühlung um bis zu fünf Grad führen. Doch der weniger als 100 Kilometer breite Golfstrom fällt durch das Raster vieler Klimamodelle.

Um bessere Aussagen über die Entwicklung des regionalen Klimas machen zu können, müssten die Forscher das Netz enger ziehen. Und dazu brauchen sie bessere Rechner. Mit einer Mischung aus Neid und Ehrfurcht blicken die Klimaforscher derzeit nach Japan. Dort wurde unlängst der Earth Simulator in Betrieb genommen, der leistungsfähigste Rechner der Welt [Ed: mit dem Klimaprozesse mit einer Auflösung von 10 Kilometern simuliert werden können]. Er ist fünfmal so schnell wie der beste Computer der USA. Gern würden die Deutschen ihr Modell bei den Kollegen testen – noch kochen die Klimaexperten in jedem Land ihr eigenes Süppchen. Immerhin, eine bessere Zusammenarbeit ist geplant.

Just vor den jüngsten Unwettern ist indessen ein Streit über die Qualität der Klimamodelle entbrannt. Der theoretische Physiker Armin Bunde von der Universität Gießen und andere Forscher haben die Wetterdaten der vergangenen 100 Jahre analysiert und dabei unerwartete Korrelationen entdeckt. Die Schwankungen um den Temperaturmittelwert seien "über sehr lange Zeitspannen hinweg untereinander gekoppelt", was Bunde als "überraschend langes Gedächtnis" der Natur bezeichnet. Ein solches Verhalten, das er auch in Schlafzyklen und Herzrhythmen zu entdecken meint, trage "universelle Züge". Doch diese Langzeitkorrelationen würden von den Klimamodellen nicht wiedergegeben. "Die Klimamodelle haben den Härtetest nicht bestanden", befand Schellnhuber, der diese These zusammen mit Bunde im Juli in einem aufsehenerregenden Fachartikel vertrat.

Die Community der Klimaforscher überzeugten sie nicht. "Theoretiker meinen immer, sie müssten Gott und die Welt mit einem Universalgesetz erklären", frotzelt Ulrich Cubasch. Im Übrigen hätten die Kritiker nur die Daten weniger Wetterstationen analysiert, obwohl es weltweit mehr als 2000 gebe. Nach beträchtlicher Aufregung sah sich Schellnhuber vergangene Woche zu der Klarstellung genötigt, dass die Klimamodelle "in vielen Tests ihre Leistungsfähigkeit bewiesen" hätten und dass sich damit "insbesondere die künftige Erwärmung unseres Planeten" abschätzen lasse. Seine Kritik sollte nur dazu beitragen, die Klimamodelle weiter zu verbessern, sagt Schellnhuber heute.

So schnell werden die Klimaprognosen in der Tat nicht ins Wanken geraten. Denn in einem für die Wissenschaft einmaligen Vorgang einigen sich die Klimaforscher im Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) alle paar Jahre auf einen gemeinsamen Nenner. Die Abstimmungsprozedur des IPCC steht den komplizierten Rückkopplungen der Atmosphärenchemie in nichts nach. Mehr als 500 Wissenschaftler verfassten vor zwei Jahren einen 1000-seitigen Bericht, der von 300 weiteren Experten begutachtet wurde. Ergebnis:

Die Unsicherheiten in der Prognose beruhen auf verschiedenen Szenarien für die künftige Umweltverschmutzung. Auch sind noch diverse physikalische Prozesse unklar. Bis 2007, wenn der nächste IPCC- Report vorliegen soll, wollen die Forscher ihre Modelle weiter verbessern. Thomas Stocker, Klimaforscher an der Universität Bern und Koautor des IPCC- Abschlussberichts, hofft, dass sich die Bevölkerung und vor allem die Politiker bis dahin an die statistischen Aussagen der Klimaforscher gewöhnt haben – so, wie man heute schon mit statistischen Aussagen des Wetterberichts umgeht: "Wenn mit 85-prozentiger Wahrscheinlichkeit Regen angesagt wird, lässt man die Grillparty lieber ausfallen."

Für die Vorhersage aktueller Wetterkatastrophen dagegen sind die Aussagen der Klimaforschung eher von untergeordneter Bedeutung. Doch beide nähern sich einander an. "Die Physik der Klimamodelle ist dieselbe wie die der Meteorologen", sagt Ulrich Cubasch. Während die Klimaforscher ihre Modelle regionalisieren wollen, versuchen die Meteorologen, langfristige Prognosen zu erstellen. Dabei helfen ihnen zunehmend auch Wetterbeobachtungen aus dem All, etwa vom europäischen Satelliten Envisat oder dem Satellitenthermometer Aqua der Nasa, das in der vergangenen Woche die ersten Bilder zur Erde funkte. Der Wetterbericht für das nächste Jahr bleibt jedoch eine Illusion – dafür ist das Wetter zu chaotisch.

Ob die Extremereignisse nun alle 10 oder alle 30 Jahre auftreten – man muss in jedem Fall darauf vorbereitet sein. "Wir sind jetzt schon lausig ans Klima angepasst", sagt Schellnhuber. Wer als Heilmittel gegen Überschwemmungen nur die Reduzierung der CO2- Emissionen predigt, der verkennt die Dimensionen und Zeitskalen des Problems. Auf die Wetterphänomene der nächsten Jahrzehnte haben die Klimaschutzmaßnahmen von heute keinen Einfluss – so träge ist die Atmosphäre. Das Ziel der "großen" Klimapolitik ist es, die so genannten "Veränderungen erster Ordnung" zu verhindern – etwa ein Umkippen des Golfstroms in den nächsten 100 bis 200 Jahren. Dieses Umkippen ist nach heutigen Erkenntnissen aber eher unwahrscheinlich. Langsame, graduelle Veränderungen sind zumindest in Europa kein grundsätzliches Problem. "Wenn es jedes Jahr ein hundertstel Grad wärmer wird", sagt Schellnhuber, "habe ich keine Bedenken, dass eine Gesellschaft wie die deutsche sich daran anpassen kann. Dann ist ein laufendes regionales Katastrophenmanagement völlig ausreichend."

Um Ratschläge für den Umgang mit den Wetterkapriolen zu geben, gehen die Klimafolgenforscher nicht von den Modellen und ihren eher vagen Prognosen für die einzelnen Regionen aus. In ihren so genannten Vulnerabilitätsanalysen fragen sie eher umgekehrt: Durch welche Wettergeschehen ist etwa eine Stadt wie Berlin an welchen Stellen verwundbar? Die Klimaveränderung ist dabei nur ein Faktor, in unseren Breiten sind Größen wie die Zersiedelung der Landschaft und die Versiegelung der Böden wichtiger. Sie haben in den vergangenen Jahrzehnten dafür gesorgt, dass etwa die Kanalisationen der großen Städte mit großen Niederschlagsmengen nicht mehr fertig werden. Wenn dann eine ungünstige Konstellation von Umweltbedingungen auftritt, ist plötzlich der Kanal voll und die Katastrophe da.

Aber kaum eine Stadt hat eine entsprechende Analyse durchgeführt, um diese Risiken tatsächlich zu beziffern. Dabei ist eine solche Modellrechnung relativ preiswert – im Vergleich zu den Investitionen, die danach nötig werden, etwa die Generalüberholung der Kanalisationsnetze und die Erhöhung der Deiche. Denn den neuerdings gehäuft auftretenden extremen Wettergeschehen kommt man langfristig weder mit Sandsäcken noch mit Appellen zum Energiesparen bei.



W A S S E R K A T A S T R O P H E N

Die große Flut, die große Dürre

Heftiger Regen und extreme Trockenheit sind Warnzeichen. Es kann noch schlimmer kommen, wenn die Erde weiter aufgeheizt wird.

Aus:
DIE ZEIT – Nr. 35/2002, 22. August 2002, Seite ?? (Dossier) von FRITZ VORHOLZ. [Original]

Wasser ist der Ursprung allen Lebens und bringt gleichzeitig Tod und Zerstörung. Gigantische Wassermassen gingen in der vergangenen Woche über Mitteleuropa nieder. Sie hinterließen zerstörte Städte und Millionen verzweifelte Menschen. Die Fluten nahmen sich Wohnhäuser wie Stromfabriken, Bahnhöfe, Kirchen, Schlösser. Wasserwerke mussten ihren Betrieb einstellen. Millionen kleiner Sandsäcke brachten die Menschen gegen die große Flut in Stellung. Es half nur selten. Die Ostdeutschen, die sich 13 Jahre nach der Wiedervereinigung eine Existenz aufgebaut hatten, traf es am schlimmsten.

Ein Gottesurteil? Hätten Siedlungsplaner, Wasserwirtschaftler und Deichingenieure mit der Jahrhundertflut rechnen müssen? Waren die Katastrophenschützer ausreichend vorbereitet? Vor allem: Trägt der Mensch selber Mitschuld an der Naturkatastrophe? Die Energie, das Klima und die Flut – jahrelang wurde das Thema verdrängt. Nun diskutieren viele ernsthaft über das womöglich gravierendste aller Umweltprobleme: über den zusätzlichen Treibhauseffekt, die vom Menschen angezettelte Erderwärmung, die nicht nur die Wüsten wachsen lässt, sondern womöglich auch die Katastrophe in Dresden und in Bitterfeld, in Passau, Prag und Regensburg verursacht hat.

Die Bild-Zeitung wälzt die Frage, Sabine Christiansens Talkshow, das Berliner Kabinett. Dort fand am Mittwoch vergangener Woche sogar ausnahmsweise einmal Jürgen Trittin Gehör. Der Grüne hütete sich zwar vor der Behauptung, die Jahrhundertflut sei eine direkte Folge der Erderwärmung; gleichwohl sähen sich viele Wissenschaftler zu der Aussage veranlasst, referierte der Umweltminister der besorgten Regierungsmannschaft, "dass wir jetzt Auswirkungen des von Menschen verursachten Klimawandels spüren". Gerhard Schröder schien beeindruckt. Er wies Trittin an, das Vortragsmanuskript sämtlichen Kabinettskollegen auszuhändigen – zum vertieften Studium.

Alle Politiker tragen nun Grün

Nur aus Schaden wird man klug. Ob der quälenden Unbeliebtheit der Ökologie bewegte dieser Gedanke manchen Umweltschützer schon seit langem – in der vermeintlichen Gewissheit, das Zerstörungswerk eines Wirbelsturm über New York oder Tokyo werde die maßlose Menschheit irgendwann innehalten und auf den Pfad der Tugend zurückkehren lassen. Nun ist es die Gewalt des Wassers in Pirna und in Grimma, die zumindest hierzulande manchen ergrünen lässt. Mitten im Wahlkampf und wenige Tage vor Beginn des bisher kaum wahr-, geschweige ernst genommenen "Weltgipfels für nachhaltige Entwicklung" im südafrikanischen Johannesburg übertrumpfen sich Politiker aller Couleur geradezu in Bekenntnissen zur Ökologie. Bündnisgrüne finden wieder den Mut, weitere schrittweise Erhöhungen der Ökosteuer zu fordern – während Schwarze verkünden, dass der Umweltschutz für sie zentrale Bedeutung habe. "Für die Union ist das Grüne der rote Faden der Politik", sagte jetzt Bayerns Umweltminister Werner Schnappauf (CSU).

Um keinen falschen Verdacht zu nähren: Deutschland muss sich mit seiner Umweltpolitik nicht hinter dem Tun und Lassen anderer Nationen verstecken. Jetzt nicht. Und musste es auch nicht vor dem Regierungswechsel vom Herbst 1998. Der Grund dafür ist allerdings eher beunruhigend: Nirgendwo wurde der Umweltschutz bisher wirklich ernst genommen. Zwar schafften es die Industrieländer, ihren Schornsteinen Filter zu verpassen und so die Atemluft zu säubern. Zwar sorgten Kläranlagen dafür, dass Lachs und Hecht in manch einst verseuchtes Gewässer zurückkehrten. Und trotzdem werden Kanzler Schröder und mit ihm jene mehr als hundert Staats- und Regierungschefs, die sich zehn Jahre nach der legendären Rio-Konferenz zum Jubiläumstreffen nach Johannesburg aufmachen, nicht viel Positives zu bilanzieren haben.

Denn leider, leider, schrieb die OECD, der Think Tank der reichen Industrieländer, bereits im vergangenen Jahr, kompensiere Wirtschaftswachstum regelmäßig allen ökotechnischen Fortschritt. Per Saldo wird mehr Energie verbraucht, werden mehr Rohstoffe beansprucht, wächst die Mülllawine. Dass immer mehr Menschen ein Auskommen auf dem Planeten suchen, erhöht den Druck auf die Natur. Trotz der Klimakonvention, auf die sich die Weltgemeinschaft 1992 beim Erdgipfel in Rio de Janeiro einigte, steigt der Ausstoß klimaschädlicher Gase, als wäre nichts geschehen. Änderten die Menschen nicht ihre "unüberlegten Entwicklungsmodelle", warnte vergangene Woche der Generalsekretär des Johannesburger UN-Gipfels, Nitin Desai, "setzen wir die langfristige Sicherheit der Erde und ihrer Bewohner aufs Spiel".

Nicht nur Sachsen und Österreicher, Tschechen und Bayern ahnen inzwischen, was damit gemeint sein könnte. Über Südasien wabert ein drei Kilometer dicker Smoggürtel. Die krank machende Mischung aus Ruß, Staub, Säure und allerlei feinsten Chemiepartikeln entstammt ausgedehnten Waldbränden sowie den Auspuffrohren und Schloten der in dramatischer Geschwindigkeit wachsenden Zahl von Autos, Fabriken und Kraftwerken, von den Millionen Kochstellen in den Hütten und Häusern des Kontinents ganz zu schweigen. Trotz penetrant wiederholter Besserungsgelöbnisse macht der Mensch rücksichtslos seinen Mitgeschöpfen Lebensraum streitig. Die Orgie der Ausrottung, von der auch die Hälfte aller Primaten, der nächsten Verwandten des Menschen, bedroht ist, zeugt von einem schrecklich verkürzten Wirtschaftsverständnis, wie kürzlich dem Wissenschaftsjournal Science zu entnehmen war: Die Zerstörung von Wildnis kostet weit mehr, als ihre Umwandlung in Äcker, Plantagen oder Siedlungen einbringt. Ebenfalls zum eigenen Schaden hat Homo sapiens bereits erfolgreich den globalen Kohlenstoffhaushalt manipuliert. Er hat damit ein Experiment an den eigenen Lebensgrundlagen in Gang gesetzt, mit dem er wahrscheinlich grandios scheitern wird.

Zwar ist das Ergebnis noch ungewiss. Doch es erhärtet sich der unerhörte Verdacht, die wachsende Menschheit heize mit ihrem schier grenzenlosen Energiehunger die Atmosphäre auf – und verwandele die Erde so in einen recht ungemütlichen Aufenthaltsort. Der Hauptgrund dafür: Jedes Mal, wenn Menschen unterm Kochtopf oder unter der Motorhaube, in Kraftwerken, Fabriken oder Heizungskellern ein Feuer entfachen, setzen sie zwangsläufig den Kohlenstoff frei, den Brennstoffe wie Holz und Kohle, Erdöl und Erdgas enthalten. Als Kohlendioxid (CO2) reichert sich das (ungiftige) Verbrennungsüberbleibsel in der Atmosphäre an und versperrt der von der Erdoberfläche emittierten Infrarotstrahlung den Weg ins All. So bleibt mehr von der Strahlung in der Gashülle, die den Blauen Planeten umgibt – und heizt ihn auf. Wie ein Treibhaus.

Palmen an der Nordsee

Das Wissen um die in Wirklichkeit viel komplizierteren geophysikalischen Zusammenhänge bewertet seit mehr als zehn Jahren ein von den Vereinten Nationen berufenes Expertengremium namens Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC). Im vergangenen Jahr legte der internationale Verbund von Wissenschaftlern seinen dritten Bericht vor. Demnach wird es auf der Erde wärmer – im vergangenen Jahrhundert 0,6 Grad Celsius, wobei der Temperaturanstieg an den Polen höher und am Äquator niedriger ausfällt. Demnach ist die CO2-Konzentration in der Atmosphäre seit dem Beginn der Industrialisierung um 31 % gestiegen, vor allem wegen der Verbrennung fossiler Energieträger. Demnach deutet immer mehr darauf hin, dass "das Gros der beobachteten Erderwärmung menschlichen Aktivitäten zuzuschreiben" ist. Bis zum Ende des 21. Jahrhunderts, warnt die vielköpfige Forschergemeinschaft, könnte die Erwärmung weiter um 1,4 Grad bis 5,8 Grad anwachsen. Es sei "sehr wahrscheinlich", dass sich die Landflächen überdurchschnittlich erwärmten, "vor allem in den nördlichen Breiten während des Winters".

Freilich teilen nicht alle diese Ansicht. Ausgerechnet Energie, der Schmierstoff des Industriezeitalters, soll Unheil über die Menschen bringen? Manch einer hofft auch, zu den Gewinnern des Klimawandels zu gehören. Soll doch in Alaska und in Sibirien Getreide wachsen. Sollen doch Palmen den Nordseestrand zieren.

Versicherungsleute, beispielsweise der Schweizerischen Rückversicherungsgesellschaft Swiss Re, halten von solchen gedanklichen Fluchten wenig, wie sie kürzlich in einer Schrift über "Chancen und Risiken der Klimaänderung" dokumentiert haben: Mit Spekulationen über mögliche Vorteile sei eben so wenig anzufangen wie mit Zweifeln an der Richtigkeit und Zuverlässigkeit der Klimaprognosen, die überdies nur selten von Klimaforschern geäußert würden. "Unproduktiv" seien solche "Glaubenskriege", meint die Swiss Re.

Womöglich sind sie sogar fahrlässig. Nach allem, was man wisse, müsse sich nämlich wegen des Klimawandels auch ein von der Natur so begünstigtes Land wie Deutschland auf Wetterereignisse einrichten, von denen bisher nur ferne Länder heimgesucht wurden, heißt es in einem Buch über Naturkatastrophen. Als habe der Autor Gerhard Berz, Klimafachmann des größten Versicherungskonzerns der Welt, der Münchener Rück, die Flut im Osten kommen sehen, warnte er schon vor gut einem Jahr vor hierzulande drohenden "Schadenpotenzialen extremer Naturkatastrophen, bei denen man ein weitgehendes Versagen der bautechnischen und organisatorischen Vorsorgemaßnahmen befürchten muss". Ein "weitgehendes Versagen" – das heißt, dass noch viel mehr Deiche brechen können, dass Uferbefestigungen einstürzen werden und kein Pumpen, keine Notbefestigung mehr nützt.

Warum lässt der Klimawandel die Pegel steigen? Klimawandel bedeutet, dass sich das durchschnittliche Wetter verändert. Es wird wärmer (die zehn wärmsten Jahre seit Menschengedenken kamen sämtlich nach 1989). Warme Luft aber, kleines Einmaleins der Physik, kann mehr Wassermoleküle halten – Atmosphäre beeinflusst Hydrosphäre. "Deshalb tut der Klimawandel wirklich weh", sagt Hartmut Graßl, Direktor am Max-Planck- Institut für Meteorologie in Hamburg und lange Mitglied des internationalen Klimaforschungszirkels IPCC.

Natürlich brauten sich jene Wetterlagen, welche die Flut im Osten verursachten, schon immer mal zusammen: Warme Luft saugt über dem Mittelmeer Unmengen von Wasser auf und entledigt sich anderswo dieser nassen Fracht. Je wärmer allerdings die Luft ist, desto mehr Wasser speichert sie. Wer es genau wissen will, dem rechnet Graßl haarklein vor, warum aus einer Wolke, die gegen eine Erhebung wie das Erzgebirge strömt, rund 10 % mehr Regen fällt, wenn die Luft ein Grad wärmer ist – vorausgesetzt, alle anderen Umstände sind unverändert. Trifft die Wolke auf ein Gebirge der Größe der Alpen, kommen zu den zehn noch einige weitere Prozente hinzu. Grund: Die Schneefallgrenze steigt bei plus ein Grad um 150 Meter – also erreicht weniger Schnee, dafür mehr Regen die Erde. "Jedes Niederschlagsereignis wird intensiver", sagt Graßl. Und damit gefährlicher.

Sinkender Wasserspiegel im Iran

Zwar hatte der Wissenschaftler genauso wenig wie irgendjemand sonst ahnen können, zu welcher Stunde und mit welcher Wucht die Regen- und Wassermassen den Osten Deutschlands heimsuchen würden – doch passen die Ereignisse für ihn "gut ins Bild". Ebenso wie viele andere Kapriolen, die das Wetter derzeit weltweit zu schlagen scheint: Während die Sintflut über Prag und Dresden kam, wütete das Wasser auch im Osten Indiens, in Bangladesch, in Nepal und in China. Hierzulande kaum wahrgenommen, raubten die Fluten in Asien Millionen Menschen ihr Obdach und töteten mehr als 2000. Den Nordwesten der Vereinigten Staaten und den Südwesten Kanadas plagt derweil extreme Dürre. Feuer und Trockenheit drohen sogar den großen Redwood-Bäumen, die mehr als tausend Jahre allen Unbilden des Wetters widerstanden, den Garaus zu machen. Unter Wassermangel leiden auch das südliche Afrika, Australien und der Westen Indiens – dort grassiert die schlimmste Trockenheit seit mehr als hundert Jahren. "Es passt ins Bild", sagt der Hamburger Klimaforscher Graßl zu alldem. Die Wetterextreme entsprechen den Prognosen, die von Klimacomputern erstellt werden. Das Unheil hatte sich in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach angedeutet. Weil es öfter und heftiger regnete, gab es mehr Erdrutsche und mehr Hochwasser. Das Wasser kommt indes nicht nur am falschen Ort, sondern auch zur falschen Zeit vom Himmel. Es scheint paradox, aber es hat zugleich ein Jahrhundert der Fluten begonnen – und der Dürren.

Angesichts der hierzulande herabrauschenden Megafluten ist es kaum zu glauben, aber die Mehrheit der Weltbevölkerung wird bald auf dem Trockenen sitzen. Es leben jetzt rund 6,2 Milliarden Menschen auf der Erde. Gegenwärtig müssen sich rund 1,7 Milliarden von ihnen mit Wasserknappheit arrangieren. In weniger als dreißig Jahren könnten es bereits 5 Milliarden von den dann vermutlich 8 Milliarden sein, so die Befürchtung der Klimaforscher vom IPCC. "Trinkwasserknappheit", heißt es in einem kürzlich der UN-Menschenrechtskommission präsentierten Expertenbericht, "stellt die größte Bedrohung dar, der die menschliche Spezies je ausgesetzt war." Viel unspektakulärer – und weniger für dramatische Fotos geeignet – als die Wasserflut bahnt sich eine globale Wassernot an.

Kraftvolle, von Diesel- oder Elektromotoren angetriebene Pumpen fördern bereits in vielen Ländern mehr Grundwasser zutage, als sich, von Niederschlägen gespeist, neu bildet – eine alles andere als "nachhaltige" Praxis, um das Zauberwort des Johannesburger Weltgipfels zu verwenden. Die Wasserprobleme Mexikos gelten als legendär; während die Bevölkerung jährlich um zwei Millionen wächst, sinkt der Grundwasserspiegel in der Kornkammer der Provinz Guanajuato jährlich um bis zu 3,3 Meter. Noch weit stärker, um sage und schreibe acht Meter, sank im vergangenen Jahr der Wasserspiegel in der fruchtbaren Chenaran- Ebene im Nordosten des Irans. Nun gibt es "Wasserflüchtlinge", die der Dürre weichen. Sana'a, die von der Unesco zum Kulturerbe der Menschheit erklärte Hauptstadt des Jemens, muss wegen Wasserknappheit sogar mit einem regelrechten Massenexodus rechnen. Dabei war in dem Wüstenstaat noch vor 20 Jahren die Vorstellung verbreitet, die unterirdischen Wasservorräte seien unbegrenzt, berichtet Gerhard Lichtenthäler, Mitglied der Arbeitsgruppe für Wasserfragen an der School of Oriental and African Studies in London. Die UN schätzt die Zahl derer, die es wegen Dürre anderswo hinzieht, auf 25 Millionen – größer als die der registrierten Kriegsflüchtlinge.

Wegen zunehmender Knappheit fürchten manche Experten gar Kriege ums Wasser. Bereits siebenmal wurden schon Armeen mobilisiert, um Wasserinteressen durchzusetzen. Das fand der amerikanische Geowissenschaftler Aaron T. Wolf heraus, der die Frage so akribisch wie sonst niemand untersucht hat. Wirklich zu einem Waffengang kam es zwar bisher nur einmal. Es war ein Konflikt zwischen den sumerischen Stadtstaaten Lagash und Umma, und es ging um das Wasser des Tigris vor 4500 Jahren. In Sicherheit sollte sich ob der langen Ruhephase indes niemand wiegen. Der Durst der Menschheit ist seitdem immens gestiegen, und zahlreiche Seen und Grundwasservorkommen haben grenzüberschreitende Einzugsgebiete. Mehr als 200 Flüsse gehen durch 2, 3 oder mehr Staaten. Dadurch entstehen Konflikte, wie der seit Jahren schwelende Streit um das Wasser des Euphrats zwischen der Türkei auf der einen sowie Irak und Syrien auf der anderen Seite beweist. Nicht zufällig kündigte die US-Regierung kurz nach den Terroranschlägen vom 11. September an, ein Frühwarnsystem für internationale Konflikte um Wasser einrichten zu wollen. Europa könnte Nutznießer solcher Informationen sein. In den nordafrikanischen Ländern, die im Westen vom Atlantik, im Süden von der Sahara und im Osten von der Arabischen Wüste umschlossen sind, also in unmittelbarer Nachbarschaft des Alten Kontinents, bahnt sich die größte Wasserkrise an. Wollen die Nordafrikaner ihrer Wassernot entrinnen, bleibt ihnen nur eine Himmelsrichtung: der Norden, wo Europa liegt.

Als seien die Wassernöte nicht schon groß genug, wird das wichtigste aller Lebensmittel fast überall auch noch verschmutzt. Weltweit werden nur 10 % aller Abwässer irgendwie gesäubert. Auch viele Jahre nach diversen Weltumweltgipfeln werden auf sämtlichen Kontinenten Industrieabwässer mit mehr als 100.000 verschiedenen chemischen Ingredienzien einfach in Flüsse und Seen gekippt. Brunnenvergiftung hieß das früher. Der Río Bogotá in Kolumbien ist mittlerweile dermaßen kontaminiert, dass er keinem einzigen Wesen noch Lebensraum bietet. Gezielte Industrialisierung des "Goldenen Korridors", eines Küstenstreifens nördlich der indischen Metropole Bombay, bescherte Mensch und Vieh rotes Grundwasser. Ursache: Chemiefabriken hatten ihre Kläranlagen abgeschaltet, um trotz sinkender Weltmarktpreise für ihre Produkte konkurrenzfähig zu bleiben. Abwässer aus chinesischen Fabriken haben bereits die Hälfte aller Wasserwege des Landes dramatisch verseucht. In den Entwicklungsländern, resümiert ein Report der Unternehmensberatung Pricewaterhouse Coopers, seien in den vergangenen Jahren 20 % allen aquatischen Lebens vernichtet worden. Wasser, in dem kein Fisch überlebt, ist aber erst recht für den Menschen unbrauchbar.

Viele, die es sich leisten können, kaufen deshalb teures Flaschenwasser – beispielsweise der Marke Pure Life. Der Schweizer Nahrungsmittelkonzern Nestlé bietet es in Pakistan, Brasilien und in China an. Sogar Schmelzwasser von Eisbergen aus der Arktis wird mittlerweile zu Geld gemacht. In Flaschen abgefüllt, steht Borealis in den Regalen kanadischer Supermärkte. Alkoholisiertes Eisbergwasser heißt übrigens Iceberg Vodka. Da habe garantiert "noch kein Mensch hineingepinkelt", kommentiert ein Firmensprecher diese bizarrste Facette der weltweiten Wasserkrise. Dabei gibt es, rein theoretisch, Wasser genug auf dem Wasserplaneten Erde. Zwar ist das meiste davon nicht unmittelbar zu gebrauchen, weil es salziges Meerwasser ist, oder es ist für Normalbürger unerreichbar, weil es an den Polkappen zu Eis gefroren ist. Gleichwohl stehen, statistisch betrachtet, jedem Menschen jährlich mehr als zwei Millionen Liter zur Verfügung. Verdunstung und Niederschlag lassen diese Menge permanent zwischen Himmel und Erde zirkulieren – genug, um ausreichend Getreide für die wachsende Weltbevölkerung zu erzeugen und nebenbei auch noch das Auto regelmäßig zu waschen und den Garten zu wässern.

Der schlimmste Killer: Wasser

Allerdings sind die dauerhaft nutzbaren Wasservorräte – ebenso wie fruchtbare Ackerkrume oder mineralische Bodenschätze – ungleich verteilt. Zwei von drei Menschen leben in Gegenden, auf die nur ein Viertel aller Niederschläge fällt. China beispielsweise beherbergt 22 % der Weltbevölkerung, ist aber nur mit 7 % aller Niederschläge gesegnet – während im Amazonasbecken, wo nur 3 % der Weltbevölkerung leben, 15 % des Regens niedergehen. Wasser sei zwar ein weltweites Problem, sagt der Leipziger Wasserwirtschaftler Robert Holländer. Aber, es ist eben auch ein "weltweit regionales". Und der Klimawandel verschärft alles noch. Mancherorts gibt es dauerhaft oder zeitweise zu viel Regen, andernorts zu wenig.

Theoretisch könnte das Nass zwar in riesigen Kunststoffbehältern, so genannten Medusa-Bags, dahin verfrachtet werden, wo es fehlt. Tatsächlich ist Wasser aber, entgegen mancher Behauptung, nicht so wertvoll wie Erdöl, der Transport großer Mengen wäre zu teuer. Es sei denn, es handelte sich um virtuelles Wasser. Nichts ist unmöglich: Virtuell ist Wasser dann, wenn es in anderen Produkten drinsteckt, in Tomaten, Rindfleisch oder Getreide. Man braucht 1000 Liter Wasser, um ein Kilogramm Weizen zu erzeugen, gar 16.000 Liter für ein Kilo Rindfleisch. Statt solche wasserintensiven Güter selber zu produzieren, lohnte es sich also vielleicht für wasserarme Länder, sie zu importieren – wenn sie die Devisen dafür haben.

Angesichts der verbreiteten Not erstaunlich: Regierungen, Behörden und Wasserwerke vieler Länder sind bereits mit Wasserwirtschaftspolitik der einfacheren Art überfordert. Weil es meist viel zu billig ist, mangels Post keine Rechnungen verschickt werden oder Wasserrechnungen von der Kundschaft ungestraft ignoriert werden können, ist Wasserverschwendung so alltäglich, dass sich kaum jemand daran stört. Mehr als zwei Drittel des vom Menschen genutzten Wassers dienen der Bewässerung von Feldern. Die Verlustrate dabei: bis zu 60 %. Noch mehr entrinnt mitunter in Leckagen von Leitungen, die in Wohnhäusern und Büros enden. "Wasser erst auf Trinkwasserniveau zu hieven und dann zu verjubeln, das kann nicht gut gehen", sagt Renate Lemke, die als Wasserkonsultant die Zustände im Nahen Osten und in Osteuropa besonders gut kennt.

Wegen der Schludrigkeiten bei der fast immer öffentlichen Wasserversorgung wittern seit neuestem private Wasserkonzerne große Geschäfte. Die Unternehmen heißen Vivendi, Ondeo, Saur oder auch RWE und Aquamundo und haben begonnen, den Weltwassermarkt zu erobern – bisher mit gemischtem Erfolg. In Manila und Buenos Aires sanken die Wasserpreise, weil die privaten Versorger die maroden Leitungsnetze rasch reparierten und so den Wasserverlust und damit ihre Kosten drückten. Anderswo, beispielsweise in der bolivianischen Stadt Cochabamba, führte die Privatisierung der Wasserversorgung fast zu einem Aufstand über den zu hohen Preis. Es gab Tote, der Vertrag mit dem Privatbetreiber wurde wieder aufgelöst.

Es seien vor allem die 650 Millionenstädte der Welt, die im Vordergrund der Interessen privater Wasseranbieter stünden, heißt es in dem kürzlich vorgelegten Bericht der Bundestags-Enquete- Kommission Globalisierung der Weltwirtschaft. 1,1 Milliarden Menschen – immerhin jeder Sechste – blieben dann außen vor. Sie leben auf dem Land und können vom Anschluss selbst an eine marode Leitung nur träumen; in ihrer Nähe befindet sich keinerlei Wasserhahn. Sie müssen hygienisch bedenkliches Wasser aus einfachsten Brunnen und Erdlöchern schöpfen, in Kanistern und Eimern aus Flüssen herbeischaffen oder bei fliegenden Händlern aus Tankfahrzeugen kaufen – meist zu horrenden Preisen, wie Maria Iskandarani festgestellt hat. "Die Armen zahlen typischerweise die höchsten Wasserpreise und sind von besonders hoher Wasserunsicherheit betroffen", hat die Mitarbeiterin des Bonner Zentrums für Entwicklungsforschung (ZEF) herausgefunden. Arme Familien geben mitunter fast ein Fünftel ihres Einkommens für Wasser aus. Mehr noch als bei der Wasserversorgung herrscht Mangel bei der Beseitigung von Schmutzwasser. Hygienisch akzeptable Latrinen, gar Wasserklosetts fehlen nach Feststellung der Weltgesunheitsorganisation (WHO) im Jahr 2000 rund 2,4 Milliarden Menschen – das waren sogar mehr als zehn Jahre zuvor. Grund: Die Menschheit wuchs schneller als die Zahl der Sanitäranlagen.

Fast unvorstellbar: Im Raketen- und Computerzeitalter verrichten zwei von fünf Menschen ihre Notdurft unter Bedingungen, die sie nicht nur als unwürdig empfinden, sondern die geradezu lebensbedrohende Konsequenzen haben.

Tatsächlich führen fehlende Hygiene und der Mangel an Sanitäranlagen dazu, dass aus dem Lebensmittel Wasser auch ein Mittel zum Sterben geworden ist. "Wasser tötet jeden Tag 15.000 Menschen und lässt 90.000 ernsthaft erkranken", steht in dem Report der ansonsten so nüchternen Finanzexperten von Pricewaterhouse Coopers. Von der Öffentlichkeit bisher kaum wahrgenommen, werde Wasser zur Haupttodesursache. Weit vor Aids.

Um das Schlimmste zu verhindern, verhandeln von Montag kommender Woche [26.8.2002] an 6000 Regierungsabgesandte beim Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg – letztlich auch über Wasserhähne und Toiletten für die Armen. Die Linderung der weltweiten Wassernöte ist zu einem zentralen Thema des diplomatischen Mammutkonklaves auserkoren worden. Einig sind sich die Unterhändler bereits darüber, dass der Anteil der Menschen ohne Zugang zu sauberem Wasser bis 2015 halbiert werden soll. Über eine entsprechende Marke auch für das Sanitärziel wird noch gerungen. Jährlich rund 20 Milliarden Dollar wären dafür allerdings nötig – doppelt so viel, wie bisher ausgegeben wird.

Die Flutopfer an Elbe und Donau haben von dem Politiker- und Diplomatentreffen im fernen Südafrika wenig zu erwarten. Allenfalls ihre Kinder und Kindeskinder können hoffen – wenn sich die Unterhändler auf den Punkt 19 e des vorbereiteten Abschlussdokuments einigen. Es geht an dieser Stelle um eine klimafreundlichere Energiepolitik. Doch bisher steht 19 e in eckigen Klammern – dem diplomatischen Satzzeichen für Streit.



U M W E L T P O L I T I K

Umweltschützer bei Gelegenheit

In der Ökologie lässt Rot-Grün viele Wünsche offen. Die Opposition hat nicht vor, es besser zu machen. Die Welt wird nur gerettet, wenn es zum Zeitgeist passt.

Aus:
DIE ZEIT – Nr. 35/2002, 12. September 2002, Seite ?? (Wirtschaft) von FRITZ VORHOLZ. [Original]

Für die Umwelt sah es düster aus. Schon der Name des neuen Ministers versprach Unheil. Naturfreunden erschien der Tag des Regierungswechsels als "Schwarzer Freitag der Umweltpolitik". Und der Spiegel meldete, der neue Ressortchef habe bereits 48 Stunden nach seiner Vereidigung den befürchteten "abrupten Wechsel" eingeleitet.

Das war vor 20 Jahren. Damals, im Herbst 1982, hatte die FDP die Koalition mit den Sozialdemokraten aufgekündigt, sie regierte nun mit den Unionsparteien. Und die hatten ausgerechnet einem CSU- Mann das Innenministerium anvertraut. Der Innenminister war damals auch für den Umweltschutz zuständig und hieß fortan Friedrich Zimmermann. Von ihm hatte noch niemand Wohlwollendes zum Umweltschutz gehört. Eine Ära des Stillstands, gar des Rückschritts schien unvermeidbar.

Doch alles kam anders. Zimmermann erklärte den Umweltschutz zur "wichtigsten Aufgabe der Menschheit in den nächsten Jahren" – neben der Vermeidung kriegerischer Konflikte. Und zur allgemeinen Überraschung ließ er seinen Worten sogar Taten folgen. "Bemerkenswert strenge Umweltregelungen" habe der CSU-Politiker durchgesetzt, sagt Helmut Weidner, der sich am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) seit vielen Jahren mit der Analyse von Umweltpolitik beschäftigt. Der Rechtswissenschaftler Sighard Wilhelm schrieb in einem engagierten Büchlein über die Anfänge bundesdeutscher Umweltpolitik: "Zimmermann vergaß sein dummes Gerede von gestern und erklärte, dass die Schadstoffemissionen der Kraftwerke wegen der Waldschäden deutlich gesenkt werden müssten, und zwar auch dann, wenn die Ursachen dieser Schäden wissenschaftlich noch nicht eindeutig erwiesen seien." Exakt mit diesem Einwand waren die Initiativen von Zimmermanns Amtsvorgänger, des FDP-Politikers Gerhart Baum, ein ums andere Mal abgeschmettert worden.

Und heute? Wiederholt sich die Geschichte? Wieder könnte nach der Bundestagswahl am 22. September ein konservativer Politiker das Umweltressort übernehmen. Wieder grassiert die Furcht davor, die Schwarzen könnten alle grün- roten Taten rückgängig machen: den Atomausstieg, die Förderung erneuerbarer Energie, die Ökosteuer. Gerd Billen, Geschäftsführer des Naturschutzbundes Nabu, wittert bei einem Regierungswechsel das Aus "substanzieller Umweltpolitik". Der Konkurrenzverband BUND fürchtet "eklatante Rückschritte". Rückschritt? Stillstand? Oder doch vielleicht Fortschritt wie 1982? Irren sich die Umweltschützer wieder? Oder kommt Edmund Stoiber tatsächlich selten auf grüne Gedanken? Und gleicht er darin womöglich sogar Gerhard Schröder?

Andreas Troge, Präsident des Umweltbundesamtes (UBA), CDU-Mitglied und profilierter Kritiker der eigenen Partei, will an ein "breites ökologisches Rollback" nicht glauben – allein schon deshalb nicht, weil jede Regierung an internationale Verträge gebunden sei. Der WZB-Forscher Weidner bezweifelt sogar, dass die Union die von ihr als "K.-o.- Steuer" verteufelte rot-grüne Ökosteuer im Ernstfall kippen würde. Trotz gegenteiliger Ankündigungen fände "der politische Opportunismus auch dafür gute Gründe", glaubt Weidner. Und Kanzlerkandidat Edmund Stoiber selbst sagt: "Umweltschutz hat in diesem Land nicht mit Rot-Grün begonnen und wird mit dem Ende von Rot-Grün nicht aufhören."

In der Tat war es die bayerische Regierung, die 1970 das erste deutsche Umweltministerium schuf – und Edmund Stoiber anheuerte. Der frisch gebackene Jurist war zunächst Redenschreiber gewesen, später persönlicher Referent des Ministers Max Streibl. Damals galt es, die Atemluft, die Seen, die Flüsse und die Böden zu sanieren und mittels Filtern und Kläranlagen vor neuen Belastungen zu schützen. Mittlerweile ist diese Aufgabe weitgehend erledigt. Wer durch Deutschland reist, fährt durch ein fruchtbares, grünes, waldreiches Land – vielleicht auch dank Stoiber.

Gleichwohl kranke Deutschland am "mehrheitlich gepflegten Konsum- und Lebensstil", bescheinigt das UBA der Öffentlichkeit in einer umfangreichen Studie. Die Menschen verschlängen Energie, produzierten ohne Ende Müll – dieses Verhalten stelle "eine der wichtigsten Belastungsursachen des globalen Naturhaushaltes" dar und sei auf Dauer "nicht durchhaltbar". Diese Herausforderung aber ist nicht mehr allein mit Filtern, Kläranlagen oder besserer Technik zu bewältigen. Sie verlangt jedem einzelnen Verhaltensänderungen ab – wenn auch keinen "sauertöpfischen Verzicht", wie UBA- Präsident Troge versichert. Dennoch hat sich die Schröder- Regierung dieser Herausforderung nicht wirklich gestellt – und Stoiber erweckt den Eindruck, als ob er in dem Punkt Kontinuität walten lassen würde.

Doch womöglich erwiese sich ein Kanzler Stoiber ja als bekennender Umweltschützer und ökologischer Modernisierer. Womöglich verbände er sein Hauptanliegen "Mehr Arbeit" geschickt mit "Mehr Umwelt". Sehr wahrscheinlich ist das nicht. Laut seinem Wahlprogramm will er selbst die wenigen rot-grünen Errungenschaften tatsächlich abschaffen. Sogar ohne Rücksicht auf die eigenen Wähler. Die umweltengagierte Anhängerschaft der Union – es sind laut Emnid- Umfrage so viele wie bei keiner anderen Partei – findet das Dosenpfand gut, den Atomausstieg richtig und ist im Prinzip mit der rot-grünen Ökosteuer einverstanden. Stoiber nicht. Als die Pegel der Elbe und Donau stiegen, Umweltschutz überraschend zum Wahlkampfthema wurde und alle vergebens nach dem Öko- Kompetenten in Stoibers Team Ausschau hielten, flüchteten sich die Unionsoberen in die Behauptung, bei ihnen sei die Angelegenheit eben "Chefsache". Tatsächlich stand der Chef, Kanzlerkandidat und bayerische Ministerpräsident, plötzlich als Öko-Rambo da – obwohl sich sein eigenes Bundesland ökologisch keineswegs in einem schlechteren Zustand befindet als das rot-grün regierte Nordrhein- Westfalen.

Stoiber macht einen Fehler. Die Union hätte durchaus die Chance, sich umweltpolitisch zu profilieren; sie hätte nur das rot-grüne Treiben in Sachen Ökologie aufspießen und bessere Alternativen präsentieren müssen. Denn Rot-Grün hat viele Umweltbewegte enttäuscht. Zwar suchte Gerhard Schröder nach der Elbflut den Eindruck zu vermitteln, er wolle den geschundenen Planeten retten; zwar nahm er beim Fernsehduell am vergangenen Sonntag – im Gegensatz zu Stoiber – sogar einmal das Wort Umwelt in den Mund. Aber jahrelang machte der "Genosse der Bosse" kein Geheimnis daraus, dass Öko- oder, wie es neuerdings heißt, "Nachhaltigkeitsangelegenheiten" für ihn in die Abteilung "Gedöns" gehören.

Dieter Teufel, Leiter des Heidelberger Umwelt- und Prognose-Instituts (UPI), konnte denn auch spielend eine gemeine Bilanz aufmachen. Er stellte einfach gegenüber, welche "Negativrekorde konservativ-liberaler Regierungspolitik" die Sozialdemokraten einst gegeißelt hatten – und was sie in den vergangenen vier Jahren selbst zuwege brachten. Vielfach war es nichts oder kaum etwas. Indes, die Union hat die Steilvorlage gar nicht erst bemerkt.

Auch eine andere Peinlichkeit, die sich im Wahlkampf prima hätte ausschlachten lassen, entging den Chefsache-Umweltschützern: Wie hatten Grüne und Rote doch die einstige Umweltministerin Angela Merkel verhöhnt, als Helmut Kohl ihr vor sieben Jahren das Gesetz gegen den Sommersmog zerfledderte: Die Paragrafen seien wirkungslos, die Alarmwerte überhöht, ein schadstoffminderndes Tempolimit fehle – ein Placebogesetz. Ende 1999 lief es aus, nun hätte Schröder es besser machen können. Schließlich hatten Sozialdemokraten und Grüne 1998 in ihrer Koalitionsvereinbarung versprochen: "Die Sommersmogverordnung wird novelliert." Fehlanzeige. Heute erinnert sich der SPD-Fraktionsvize Michael Müller daran, wie er und eine Kollegin vergeblich für schärfere Paragrafen gegen den Smog kämpften. Staatsminister Hans Martin Bury aus dem Kanzleramt habe jeden Erfolg zu verhindern gewusst. Rot-Grün einigte sich zwar auf ein "Aktionsprogramm" gegen den Sommersmog und machte einige Tage mit der Idee eines subventionierten "Ozon- Tickets" für Busse und Bahnen Schlagzeilen. Aber Wirklichkeit wurde sie nie.

Sang- und klanglos entledigte sich die Regierung auch anderer Vorhaben: Aus dem versprochenen Umweltgesetzbuch wurde ebenso nichts wie aus einem Konzept zur "Renaturierung" von Flächen, von neuen Vorschriften gegen Flugzeugkrach ganz zu schweigen. Beinahe wäre Umweltminister Jürgen Trittin selbst "entsorgt" worden: Kanzler Schröder gelüstete in der rot-grünen Frühphase unüberhörbar nach "mehr Fischer, weniger Trittin". Sogar die Grünen demontierten zeitweise ihren Umweltminister. 21 "Realos" gaben im Sommer 1999 ihre "Unzufriedenheit" zu Protokoll und warben für einen "anderen Politikstil".

Heute kursiert im Kanzleramt eine Liste, die Jürgen Trittin als erfolgreichsten Minister der rot-grünen Regierungszeit ausweist – gemessen an den Ankündigungen der Koalitionsvereinbarungen. Der Vertrag zwischen Sozialdemokraten und Grünen sei zwar umweltpolitisch kein "besonders ehrgeiziges Programm", urteilt der Berliner Politikforscher Martin Jänicke. Gleichwohl steht außer Frage, dass unter Trittins Regie mehr lief als in der Spätphase der Kohl- Ära. Am Ende sei es damals nicht viel mehr als der Wasserhahn in Angela Merkels Umweltministerium gewesen, meinen Spötter. Kaum freundlicher benotete der Sachverständigenrat für Umweltfragen Merkels Wirken am Ende als "eher bescheiden".

Trotz allen Gezerres, trotz aller Demütigungen, trotz aller Halbherzigkeiten: Im Vergleich dazu kann sich die rot-grüne Bilanz sehen lassen. Die neue Regierung regelte per Gesetz, die Nutzung der Kernenergie geordnet zu beenden, und heimste dafür das Lob der Öko- Weisen ein. Klaus Töpfer (CDU) durfte dagegen einst als Umweltminister nur schlau darüber reden, man müsse eine Zukunft ohne Kernenergie "erfinden".

Rot-Grün fabrizierte eine ökologische Steuerreform, die bei allen Mängeln im Detail ein "bedeutender Schritt in die richtige Richtung" sei, so die anerkennenden Worte der parteipolitisch unverdächtigen OECD. Die Union dagegen brachte bisher nicht mehr als ein folgenloses Bekenntnis zu "ökologisch ehrlichen Preisen" zustande. Trittin und Co., in diesem Fall vor allem rot-grüne Parlamentarier, machten Deutschland mit ihrem Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) zum Weltmeister beim Bau von Windrädern; wer jetzt an dem Paragrafenwerk "rumschraube", sei "mit dem Klammerbeutel gepudert", warnt der Sprecher der deutschen Maschinen- und Anlagenbauer die oppositionellen Wahlkämpfer. Das Kabinett Schröder einigte sich auf eine nationale Nachhaltigkeitsstrategie. Angela Merkel dagegen schaffte es mit ihren entsprechenden Bemühungen nie an den Kabinettstisch. Und schließlich gelang der Regierung sogar die längst überfällige Reform des Naturschutzgesetzes.

Westerwelle opfert die Umwelt

Für diese Novelle hat sich schon der ehemals zuständige FDP-Minister Baum vergeblich ins Zeug gelegt – vor mehr als 20 Jahren. Heute beobachtet Baum nicht nur mit Grausen, wie die Union dem Umweltthema "hilflos hinterher-läuft". Noch mehr wurmt ihn, dass seine eigene Partei vom Umweltschutz nichts mehr wissen will; das Thema sei ein "Opfer der Wirtschaftspartei FDP" geworden. Tatsächlich gipfelt das Wahlprogramm der FDP in dem ebenso belanglosen wie falschen Satz: "Soziale Marktwirtschaft ist ökologisch." Ist sie eben nicht, wenn der Staat nicht für die richtigen Rahmenbedingungen sorgt.

Niemand weiß das besser als der FDP-Ehrenvorsitzende Hans-Dietrich Genscher, von 1969 bis 1974 Innenminister. Im Bundestagswahlkampf 1969 suchte sich die FDP ("Wir schneiden die alten Zöpfe ab") sogar als einzige Partei mit Umweltthemen zu profilieren. Die Grünen gab es damals noch gar nicht. Unter Genschers Regie entstand nicht nur ein bis heute aktuelles Umweltprogramm. Der Freidemokrat sorgte auch für die ersten Gesetze zur Luftreinhaltung, zur Abfallbeseitigung und zum Schutz vor Giften wie DDT oder Blei.

Nach Genschers Wechsel ins Außenministerium geriet die Umweltpolitik in die Krise. Nicht, weil plötzlich die Union das Sagen gehabt hätte – die sozial- liberale Koalition bestand vorerst fort. Aber die Explosion des Ölpreises 1973 und 1974 ließ das Sozialprodukt schrumpfen, die Inflationsrate wachsen, die Arbeitslosenquote auf knapp 5 % emporschnellen – und die Umweltpolitik zum Sündenbock für alle Übel werden. Wütend beklagten nun Industrie- und Gewerkschaftskreise einen angeblich durch Genehmigungsverfahren verursachten Investitionsstau. 50 Milliarden Mark sollten angeblich blockiert sein.

Der Umweltschutz als Jobkiller

Das erwies sich zwar als maßlos übertrieben; der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) musste sich in einem von ihm selbst bestellten Gutachten vom Münchner Ifo-Institut sogar bescheinigen lassen, dass die Umweltpolitik insgesamt mehr Arbeitsplätze schafft als vernichtet. Aber dennoch galt Umweltschutz fortan als Jobkiller – und unter der Regie des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt (SPD) einigten sich am 3. Juni 1975 Industrie, Gewerkschaften und die Regierung ganz formell auf eine langsamere Gangart in der Umweltpolitik. Von der Umklammerung durch die Wirtschaft konnte sich der junge Politikbereich nicht mehr erholen – bis zum Regierungswechsel im Herbst 1982.

Waldsterben, Ozonloch, Giftmüllschiebereien – als Helmut Kohl Kanzler wurde, war Umwelt plötzlich wieder in. Der neue CSU-Minister Zimmermann verdonnerte mit seiner Großfeuerungsanlagenverordnung die Stromindustrie zu Milliardeninvestitionen und ebnete den Weg für den Abgaskatalysator. Zimmermann versagte indes kläglich, als es 1986 die Folgen der Tschernobyl- Katastrophe zu bewältigen galt. Auch die hiesige Bevölkerung fühlte sich von der aus der Ukraine wehenden radioaktiven Wolke bedroht. Zimmermann wiegelte ab – und verlor das Vertrauen der Experten.

Sein Chef Helmut Kohl reagierte geschickter. Er schuf das Umweltministerium. Das signalisierte Aufbruch, auch wenn Kenner behördlicher Mechanismen wie Eberhard Bohne daran zweifeln. Bohne war früher selbst im Regierungsapparat für den Umweltschutz tätig, heute ist er Professor an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Das alte Innenministerium sei stärker gewesen als das neue Umweltministerium, sagt Bohne. Klaus Töpfer, den Kohl bald an die Spitze des neuen Ressorts beorderte, konnte die institutionelle Schwäche zwar zunächst gut kaschieren. Ob seiner Eloquenz und seiner Geschicklichkeit im Umgang mit den Medien wurde er gar zu einer Art Pop- Held der Ökobewegung.

Gemessen an seinen Taten, war Töpfer indes längst nicht so erfolgreich – bis er schließlich sogar entbehrlich wurde. Vergebens machte er sich für ein Vetorecht des Umweltministers im Bundeskabinett stark, vergebens kämpfte der gelernte Ökonom für Ökoabgaben. Seinen Nachfolgern hinterließ Töpfer immerhin einen ehrgeizigen und bis heute gültigen Beschluss zum Klimaschutz – minus 25 % Kohlendioxid bis 2005 gegenüber 1990 – und den Grünen Punkt samt der Ermächtigung, ein Büchsenpfand zu erheben. Zwar wird die Umwelt nicht an der Dosenabgabe genesen, aber dass Töpfers Amtsnachfolgerin Angela Merkel heute als CDU- Vorsitzende das Pfand partout verhindern möchte, ist kurios. Womöglich bleibt der Union nun der Konflikt erspart, weil Juristen das Instrument kippen.

"Umweltpolitik ist immer durch Katastrophen befördert worden", sagt der UBA-Präsident Andreas Troge – und vom jeweils amtierenden Wirtschafts-, Verkehrs- oder Agrarminister torpediert worden. Warum konnte Jürgen Trittin das Naturschutzgesetz verbessern? Weil der BSE- Skandal mit Renate Künast eine grüne Mitstreiterin an die Spitze des bis dahin stets widerspenstigen Landwirtschaftsministeriums katapultierte. Und warum müssen sich Trittins Beamte um jede Kleinigkeit mit den Kollegen vom Wirtschaftsministerium streiten – bis hin zur Ausgestaltung der Formulare, die Autokäufer in Zukunft über den Kohlendioxidausstoß informieren sollen? Weil die "Klimakatastrophe" in der Ferne liegt und bisher jeder Wirtschaftsminister die Lobbyinteressen bedienen wollte.

Einer, der sich über solche Ignoranz ärgert, heißt Josef Göppel, ist Förster aus dem fränkischen Herrieden, Kandidat für den Bundestag und Vorsitzender des Umweltarbeitskreises in der CSU. Gemeinsam mit Gleichgesinnten hat Göppel schon vor anderthalb Jahren das neue Umweltprogramm für seine Partei geschrieben. Es verspricht Umweltabgaben und mehr Entwicklungshilfe, den zügigen Abbau der Kohlesubventionen und die Einführung einer Steuer auf Devisengeschäfte. "Reine Wirtschaftspolitiker", heißt es in dem Dokument, dürfe es in Zukunft "nicht mehr geben". Stattdessen gehe es um die "Integration ökologischer Ziele in wirtschafts- und sozialpolitische Entscheidungen".

Das 75-seitige Programm ist im Internet auf der Homepage der CSU nachzulesen – als Entwurf. Stoiber habe ihm davon abgeraten, das Papier vor der Bundestagswahl durch die Parteigremien zu pauken, berichtet Göppel. "Wenn du es jetzt machst, musst du 'ne Menge Abstriche hinnehmen", habe der CSU-Chef und Kanzlerkandidat ihm gesagt. Klingt nach Wahlkampf. Oder so, als sei Stoiber doch für eine Überraschung gut.



2003 war der heißeste Sommer seit 500 Jahren

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 5. März 2004, Seite 29 (Wissen & Forschen). [Original]

BERN (Tsp). Europa ist 2003 von dem heißesten Sommer der vergangenen 500 Jahre heimgesucht worden. Zu diesem Ergebnis kommen Klimaforscher der Universität Bern in einer Studie des amerikanischen Fachblatts Science (Band 303, Seite 1499).

Klimamodelle weisen darüber hinaus daraufhin, daß am Ende diesen Jahrhunderts jeder 2. Sommer mindestens genauso warm wie oder sogar noch heißer als der des vergangenen Jahres werde. Die Ursache dafür sehen die Forscher im Treibhauseffekt. Den kühlsten Sommer seit 1500 gab es im Jahr 1902. [mehr]



E R D E R W Ä R M U N G

Das Polar-Eis schmilzt immer schneller

Die globale Erwärmung läßt das Eis am Nord- und Südpol schneller schmelzen als bisher erwartet. Der Anstieg der Temperaturen durch den Treibhauseffekt löst nach Warnungen von Wissenschaftlern auch immer mehr Naturkatastrophen wie jüngst die Hurrikane in der Karibik, die Taifune im Westpazifik sowie Dürren und Überschwemmungen aus.

Aus:
Spiegel Online – 31. Oktober 2004, 20.54 Uhr MEZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

PEKING (AP). Die Bedrohung der Ökosysteme durch den Klimawandel und die Gefahren für die Nahrungsmittelversorgung seien schon heute in vielen Regionen der Erde spürbar, stellten 60 Experten aus 26 Ländern auf einer Klimakonferenz in Peking fest. Die Fachleute hatten bis Sonntag [31.10.2004] 4 Tage ihr Wissen ausgetauscht.

"Es gibt große Gefahren durch Klimaveränderungen, wenn nicht drastische Maßnahmen ergriffen werden", sagte am Sonntag der Ozeanexperte und Klimawissenschaftler Stefan Rahmstorf vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung. Er sprach von "alarmierenden Beobachtungen" am Nordpol und in der westlichen Antarktis, wo das Eis schneller als vorhergesagt wegschmelze. "Es passiert mit einer Geschwindigkeit, die vor ein paar Jahren nicht für möglich gehalten worden wäre." Der Meeresspiegel steige schneller, auch drohten Veränderungen der Meeresströme. Rahmstorf warnte vor einem "völligen Zusammenbruch des Nordatlantikstroms" [Ed: Golfstrom], der in Europa zu einer abrupten Abkühlung und einem Anstieg des Meeres um einen Meter führen würde.

Für die Umweltkonferenz im Dezember in Buenos Aires versuchten die Experten nach Regionen zu definieren, was dort eine "gefährliche" Störung des Klimasystems darstellt, die nach Artikel 2 der Uno- Klimakonvention von 1992 verhindert werden muß. Dabei wurden Regionen wie Grönland, wo die Erwärmung viel schneller voranschreitet, Afrika, Südasien, China, Australien, die Amazonas- Region, Rußland, die Karibik und die Pazifikinseln schon bei geringen Erwärmungen von ein oder zwei Grad als besonders gefährdet eingestuft. Experten rechnen bis 2030 bereits mit einem Anstieg der Temperaturen um 1,5 bis 3,5 Grad.

Die Wissenschaftler begrüßten Rußlands Ratifizierung des Kyoto- Protokolls zur Verringerung der klimagefährlichen Gase. Dies bringe den Prozess zur Verringerung der Treibhausgase endlich in Gang. Doch sei es nur ein "erster kleiner Schritt". Statt der vereinbarten Reduktion um 5 % unter das Niveau von 1990 wären eigentlich 60 % nötig, sagte Rahmstorf. Der Umweltexperte Atiq Rahman aus Bangladesch unterstrich, die Industrieländer müssten beim Abbau der Treibhausgas- Emissionen vorangehen, wenn künftig auch aufstrebende Wirtschaftsnationen wie China mitmachen sollen. [mehr]


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