Infos zur Veränderung des Klimas – Teil 11 khd
Stand:  2.2.2007   (22. Ed.)  –  File: Sci/Nat/K/Klima_11.html



Hier werden einige ausgewählte und besonders interessante Texte zum gefährlichen Klimawandel und dessen Folgen gespiegelt und damit auf Dauer dokumentiert, manches wird auch in [Ed: ...] kommentiert. Tipp- und Übertragungsfehler gehen zu meinen Lasten.

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E R D E R W Ä R M U N G

Gefährliche Blasen in sibirischen Seen

In Sibirien taut immer mehr Permafrostboden auf – und gibt dabei das Treibhausgas Methan frei. Die Menge, die aus den dabei entstehenden Tauwasser-Seen in die Atmosphäre gelangt, ist offenbar viel größer als bisher angenommen.

Aus:
Spiegel Online – 7. September 2006, ??.?? Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

HAMBURG (akh). Seit Jahren beobachten Wissenschaftler mit Sorge, wie sich große Teile Sibiriens im Sommer von einer Frostlandschaft in eine Landschaft flacher Seengewässer verwandeln – eine Folge der Erderwärmung, die sich in den nördlichen Breiten der Nordhalbkugel rascher vollzieht als in den meisten anderen Gebieten der Welt.

Dass dabei Methan frei wird, ist schon lange bekannt. Das hochwirksame Klimagas entsteht, wenn Mikroorganismen die gewaltigen Mengen an organischem Material zersetzen, die sich in wärmeren Zeiten hier abgelagert haben und seit Jahrtausenden gefroren sind. Gelangt das Methan in die Luft, ist es ein noch wesentlich stärkeres Treibhausgas als Kohlendioxid, das allerdings in viel größeren Mengen vorkommt.

Eine internationale Forschergruppe um Katey Walter von der University of Alaska Fairbanks hat nun den Methanausstoß an zwei sibirischen Seen gemessen. Zunächst mussten die Wissenschaftler im Winter aufs Eis hinaus, um zu sehen, wo besonders viele Blasen im gefrorenen Seewasser eingeschlossen waren. An diesen Stellen konnten sie dann im Frühjahr schirmähnliche Unterwasserfallen für die Gasblasen installieren.

Das Ergebnis der in der Zeitschrift Nature veröffentlichten Studie ist aus Sicht der Forscher alarmierend. Ihren Messungen zufolge sind die Mengen an Methan, die allein in Nordsibirien auf diese Weise jedes Jahr frei werden, bis zu fünfmal größer als bisher angenommen. Die Forschungsgruppe geht von 3,8 Millionen Tonnen aus. Das ist zwar immer noch relativ wenig verglichen mit dem weltweiten Gesamtausstoß an Methan, der bei mehreren Hundert Millionen Tonnen pro Jahr liegt und vor allem von der Landwirtschaft verursacht wird.

Doch der Anteil des Methans aus dem Permafrostboden könnte sich schnell vergrößern, denn es handelt es sich um einen Teufelskreis: Je mehr Methan in der Luft ist, umso wärmer wird es, also taut das Land weiter auf und es gelangt noch mehr Methan in die Atmosphäre. Im Permafrostboden lagert noch eine gewaltige Menge – laut Walter "eine tickende Zeitbombe".



Dramatische Risse im ewigen Eis

ESA-Satellitenbilder: Schmelze öffnet Passage von Spitzbergen bis Nordpol.

Aus:
Berliner Morgenpost, 21. September 2006, Seite ?? (Wissen). [Original]

PARIS (BM). Die Eisschmelze in der Arktis nimmt immer drastischere Formen an: Die europäische Raumfahrtorganisation ESA meldete gestern unter Berufung auf Satellitenbilder vom Ende August erste "dramatische Öffnungen" des vermeintlich "ewigen" Eises im hohen Norden, welche die Wissenschaftler schockierten. "Es ist höchst vorstellbar, dass ein Schiff mühelos von Spitzbergen oder Nordsibirien bis zum Nordpol durch das gelangt wäre, was normalerweise Packeis ist", erklärte ESA-Meeresexperte Mark Drinkwater.

Die Risse im Packeis – die sich mit Beginn des arktischen Herbstes in den vergangenen Wochen zunächst wieder schlossen – zogen sich über ein Gebiet hin, das größer ist als die Britischen Inseln. Derartiges sei in den vergangenen Jahrzehnten noch nie beobachtet worden, betonte Drinkwater.

Erst vergangene Woche hatten US-Klimaforscher Alarm geschlagen, weil das "ewige" Eis in der Arktis zuletzt drastisch abschmolz und sie nun eine Spirale der Erwärmung im hohen Norden fürchten. Demnach gingen allein von 2004 bis 2005 etwa 720.000 Quadratkilometer und damit ein Siebtel des ganzjährig vorhandenen Eises verloren. Dies entsprach einem Gebiet von der Größe des US-Bundesstaates Texas. Im September 2005 wurde so wenig Eis in der Arktis gemessen wie noch nie seit Beginn der Satelliten-Aufzeichnungen im Jahre 1978. Betroffen war vor allem der Ostarktische Ozean oberhalb von Europa und Asien.

Zwischen April 2002 und April 2006 sind jährlich rund 248 Kubikkilometer Eis verloren gegangen, berichten US-Forscher im Journal Nature. Dies entspreche einem Anstieg des Meeresspiegels um etwa 0,5 Millimeter pro Jahr und damit deutlich mehr als bislang vermutet.

Die ESA führte die diesmal beobachteten Änderungen auch auf die Stürme des vergangenen Spätsommers zurück: Rund 5 bis 10 Prozent des sonst massiven ganzjährigen Eises wurden demnach durch diese Stürme in Stücke gerissen. Die Eis-Konzentration im Gebiet zwischen Spitzbergen, dem Nordpol und Sewernaja Semlija lag den Angaben zufolge deutlich unter den bislang gemessenen Werten. "Wenn dieser anormale Trend sich fortsetzt, wird die Nordost-Passage zwischen Europa und Asien längere Zeit über offen sein", notierte Drinkwater. Dann sei denkbar, dass in 10 oder 20 Jahren sogar Weltumseglungen direkt durch den sommerlichen Arktischen Ozean versucht würden.

Das offenbar durch den Treibhauseffekt und die allgemeine Erderwärmung ausgelöste Schmelzen des arktischen Eises sehen Wissenschaftler mit großer Sorge. Es stört offenbar wichtige Meeresströmungen wie den warmen Golfstrom, der weiten Teilen Westeuropas mildes Klima bringt. Tiere wie Eisbären und Seehunde, deren Lebenszyklen vom Eis abhängen, drohen durch die Schmelze schwer getroffen zu werden. Das Phänomen hat auch geopolitische Folgen – so streiten Kanada, Russland und die USA um die Rechte für Nordpol-Passagen.



Strom für die Welt

Der Energiekonzern EnBW lädt zur Klimakonferenz. Es gehe „ums Überleben“.

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 21. September 2006, Seite 17 (Wirtschaft). [Original]

BERLIN (Tsp). Auf den ersten Blick ist die Einladung eine Überraschung. Ausgerechnet EnBW [Energie Baden- Württemberg], einer der größten deutschen Energiekonzerne, veranstaltet eine Klimakonferenz. Weit über 100 hochkarätige Teilnehmer aus aller Welt hat das Unternehmen nach Berlin geladen, um über den Treibhauseffekt zu beraten. „Der Klimawandel ist keine Frage der Lebensqualität, er ist eine Frage des Überlebens“, sagt EnBW-Chef Utz Claassen am Mittwoch [20.9.2006] zur Eröffnung. Womöglich, fährt er fort, sei der Klimawandel sogar „das wichtigste Thema überhaupt auf diesem Planeten“.

Wie kommt es zu dieser Einsicht? Schließlich ist die Energiewirtschaft selbst für einen Großteil der weltweiten Treibhausgase verantwortlich. Trotzdem lässt sich EnBW die zweitägige Konferenz im Ritz Carlton am Potsdamer Platz einiges kosten. Reine PR, um das Image der Branche aufzupolieren? Oder sogar verstecktes Lobbying für die Kernkraft, die als einzige konventionelle Energieform klimaneutral ist, und die den größten Teil der Stromerzeugung von EnBW ausmacht?

Wohl nicht nur. Schließlich machen sich in Zeiten weltweiter Klimakatastrophen auch die Energiekonzerne Sorge um ihre Zukunft. Und so sprechen auf der Konferenz neben Vertretern der Strombranche vor allem anerkannte Klimaforscher, der um Umweltschutz bemühte ehemalige amerikanische Vizepräsident Al Gore (per Videoschaltung), und nicht zuletzt der deutsche Umweltminister Sigmar Gabriel.

„Der Ausstoß von Kohlendioxid verändert unsere Erde dramatisch“, warnte er. Der letzte deutsche Gletscher auf der Zugspitze werde im Jahr 2020 verschwunden sein. Noch schlimmer seien die Folgen aber für Länder, „die nichts für den Klimawandel können“. In Afrika würden Klimakatastrophen bald gigantische Flüchtlingsströme auslösen, sagte Gabriel voraus. „Was wir derzeit an der Grenze Afrikas zu Südeuropa erleben, ist nur ein leiser Windhauch dessen, was auf uns zukommt, wenn wir den Klimawandel nicht in den Griff bekommen.“

Als Großvorhaben für die nächsten Jahre schlug der Minister deshalb ein „Man-to-the-moon“-Projekt vor. So, wie die Amerikaner in den 60er Jahren alle Anstrengungen auf die Mondlandung ausgerichtet hätten, müssten sich die Europäer um die Erschließung der Sahara kümmern. „Wir müssen die Sonne der Sahara für die Energieversorgung Europas nutzen“, forderte Gabriel.

Zunächst jedoch will die Regierung im Kleinen anfangen. Mit dem Gebäudesanierungsprogramm, dem Energiepass und der am CO2-Ausstoß ausgerichteten Kfz-Steuer soll die Energieeffizienz verbessert werden, außerdem soll es weitere Förderung für die erneuerbaren Energien geben. Daneben könne aber auch die CO2-freie Kohleverstromung eine wichtige Rolle spielen, sagte Gabriel. Konkret wurde er bei der Bioenergie. So solle der Biospritanteil in Kraftstoffen von den gerade beschlossenen 5,75 Prozent bis 2020 auf möglichst 15 Prozent erhöht werden, kündigte er an. Die Zeit zu handeln sei bereits gekommen. „Die falschen Früchte ernten wir sonst in 20 bis 30 Jahren.“

Der Tagesspiegel veröffentlichte in einer Beilage dazu u. a. folgende Experten-Aufsätze:
[20.09.2006: Jetzt heißt es handeln]   (von Sir David King)
[20.09.2006: Eine weitere Erderwärmung verhindern]   (von Mojib Latif)
[20.09.2006: Daten aus Luftbläschen]   (von Tim Flannery)
[20.09.2006: Verantwortung, Erneuerung, Partnerschaft]   (von Hans Joachim Schellnhuber)
[20.09.2006: Wasserstoff kann den Planeten retten]   (von Jeremy Rifkin)



T R E I B H A U S E F F E K T

Kaliforniens Klage gegen Kohlendioxid

Der Staat Kalifornien will 6 Autohersteller verklagen, weil sie mitschuldig am Treibhauseffekt seien. Die Klage zielt auch auf die Öffentlichkeit: Es geht um das Image von CO2 – es soll endlich auch in den USA als Treibhausgas gebrandmarkt werden. Das Land steckt mitten im Meinungsklima-Wandel.

Aus:
Spiegel Online – 21. September 2006, ??.?? Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

Bill Lockyer benutzte Worte, als ginge es um nicht viel mehr als eine Ordnungswidrigkeit: Ein "öffentliches Ärgernis" sei es, was die Autohersteller verursachen, sagte der kalifornische Justizminister. Das klang seltsam zurückhaltend – in Anbetracht des Falls, um den es geht: Der Staat Kalifornien verklagt 6 Autohersteller auf Schadenersatz in Millionenhöhe.

Die Klageschrift wirft den Konzernen vor, ihre Fahrzeuge würden durch den Ausstoß von schädlichen Treibhausgasen zur globalen Erwärmung beitragen – und den Bundesstaat Unmengen Geld kosten. Lockyers handfeste Beispiele für die Folgen: Küstenerosion, Trinkwassermangel, Schäden durch stärkere Wald- und Buschbrände.

Schon springt auch der deutsche Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) auf das Thema an. Er droht Autobauern jetzt mit "harten Standards" für den Klimaschutz. Er habe "inzwischen Zweifel daran", dass die Hersteller ihre Selbstverpflichtungen einhalten, den Ausstoß von Kohlendioxid zu senken.

Diesseits wie jenseits des Atlantiks: Der ganze Konflikt geht ums CO2 – den maßgeblichen Faktor beim Treibhauseffekt.

Experten halten die Klage in Kalifornien zwar mit Recht für eigenwillig bis absurd. Doch ist sie spannend. Nicht wegen der fragwürdigen Auswahl der 6 größten (statt aller) Hersteller. Und auch nicht wegen der (US-üblichen) astronomischen Schadensersatzforderungen. Die direkte Schuldzuweisung ist es, die den Fall auch politisch brisant macht: Kohlendioxid-Sünder am Pranger als Klimawandel-Verursacher – das ist die Neuigkeit hinter der Nachricht.

Trendsetter an der Westküste

Es ist nicht das erste Mal, dass Kaliforniens Regierung unter dem republikanischen Senator Schwarzenegger die Linie des republikanischen Präsidenten George W. Bush attackiert. Kalifornien engagiert sich in der Erforschung embryonaler Stammzellen – die US-Bundesregierung verteufelt sie. Kalifornien fördert seit längerem Spar-, Bio- und Elektromobile – zu einem Zeitpunkt, als in Washington die Senkung des Kraftstoffverbrauchs noch gar nicht auf der Agenda stand.

Für seine strengen Schadstoffregeln ist Kalifornien seit Jahrzehnten bekannt und weltweit ein Vorbild. Der bevölkerungsreichste US-Staat zwang gerade die Autoindustrie immer wieder erfolgreich zu Wohlverhalten – da wirkt die Klage jetzt überraschend. Dabei war spätestens seit dem Schulterschluss zwischen Schwarzenegger und Großbritanniens Premier Tony Blair klar: Der Gouverneur von Sacramento betreibt seine eigene Klimapolitik. Als erster US-Bundesstaat fordert Kalifornien mittlerweile auch gesetzlich eine Reduktion des Treibhausgasausstoßes. Und mit der zumindest rhetorischen Unterstützung des Kyoto-Protokolls stellt man sich auch offen gegen das Weiße Haus.

Atmosphärische Zusammenhänge per Gericht ins Bewusstsein

Tatsächlich ist die Klage Kaliforniens gegen General Motors, Toyota, Ford, Honda, DaimlerChrysler und Nissan nur eine unter mehreren mit zweifelhaften Erfolgsaussichten, welche die Folgen des Klimawandels zum Gegenstand juristischer Forderungen macht:

Nach wie vor herrscht in weiten Teilen der US-Industrie und bei einigen Regierungsmitgliedern die Haltung vor, der menschliche Einfluss auf den Klimawandel sei nicht bestätigt – und gesetzliche Maßnahmen schadeten höchstens der Konjunktur.

"Die nennen es Verschmutzung, wir nennen es Leben" – mit diesen Worten trommelte noch im Frühjahr die industrienahe Lobby-Organisation CEI. Sie möchte verhindern, dass Kohlendioxid auch in den USA nicht mehr nur als schlichtes Verbrennungsbeiprodukt gilt, sondern als Problemfaktor beim Klimawandel. In einer solchen Atmosphäre gilt es sogar als Neuigkeit, wenn US-Präsident George W. Bush die globale Erwärmung an sich zur Kenntnis nimmt, indem er sie "ein Problem" nennt – wenngleich um einige Jahre verspätet.

Bushs Satz zeigt, dass die Mauer der Ignoranz gegenüber CO2 inzwischen auch in den USA bröckelt. Spätestens die "Katrina"- Katastrophe im vergangenen Sommer hat bei vielen US-Bürgern Zweifel geweckt: Wie groß ist der Beitrag des Menschen? Die USA entdecken allmählich ihr grünes Gewissen. Selbst die Konservativen und Christlich- Reaktionären nähern sich dem Thema Umwelt- und Ressourcenschutz im Land der Spritschlucker.

Die USA sind mittendrin im Meinungsklima-Wandel – in diesem Zusammenhang ist die kalifornische Klage zu sehen.



Alpen ohne Gletscher

UN-Experten warnen vor drastischer Erderwärmung / SPD-Politiker für Umsteuern in der Klimapolitik

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 25. September 2006, Seite 4 (Innenpolitik). [Original]

BERLIN (Tsp). Das Szenario ist klar: Angesichts der Klimaerwärmung sind die Alpen bis zum Jahr 2070 gletscherfrei, die Grundwasserversorgung ist in der Region um Berlin bereits in 30 Jahren nicht mehr gewährleistet. In einem vertraulichen Entwurf für den nächsten UN-Klimabericht, der jetzt der Bundesregierung vorliegt, zeichnen die Experten einen viel drastischeren Wandel im Klima weltweit als im UN-Klimabericht aus dem Jahr 2001 vorhergesagt. Die Klimakatastrophe ist danach gar nicht mehr aufzuhalten, sondern höchstens verlangsambar. Angesichts dieser jüngsten Ergebnisse fordert der parlamentarische Staatssekretär im Umweltministerium, Michael Müller (SPD), ein radikales Umsteuern in der deutschen Klimapolitik.

„Die Effizienzrevolution ist das Gebot der Stunde“ sagte Müller dem Tagesspiegel. Der Umgang mit allen Materialien, mit Energie, mit Rohstoffen müsse grundlegend überprüft und revolutioniert werden. Statt der Modernisierung von Kraftwerken etwa müsse man den Energieverbrauch verringern. Statt Gebäude nach deren Energieverbrauch zu planen, sollte man den Energiebedarf zugrunde legen. Müller kündigte einen nationalen Aktionsplan an. „Das sind die zentralen Zukunftsfragen“, sagte Müller, „hier hat Deutschland eine einzigartige Chance“ und fordert dann in Richtung der Umweltpolitik-Skeptiker: „bitte nutzt sie“.

Auch der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende und Umweltpolitiker Ulrich Kelber, fordert angesichts der im Bericht skizzierten „heftigeren Konsequenzen“ des Klimawandels konkrete Verbesserungen in der Klimapolitik in der Koalition. Mit Blick auf Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) sagt Kelber: „Unter diesen Vorzeichen ist das Gewürge um den Energiepass nicht zu verstehen.“ Der Minister müsse den Weg frei machen, für eine energieeffiziente Gebäudeplanung. Ebenfalls mehr Klimabewusstsein fordert Kelber für das anstehende Biokraftstoffquotengesetz, bei der Novelle für die erneuerbaren Energien, ebenso wie für das Energie-Wärmegesetz. Und in dieser Reihe stehe auch die Neufassung der Klimaschutzziele für Deutschland und für die EU.

Der Bericht des IPCC, dem Zwischenstaatlichen Ausschuss für Klimawandel der Vereinten Nationen, wird etwa alle 5 Jahre erstellt. Der nächste Bericht, dessen Entwurf jetzt vorliegt, soll im Frühjahr kommenden Jahres abgeschlossen sein. Im Entwurf kommen die Wissenschaftler zu dem Schluss, dass die wahrscheinliche Erderwärmung in diesem Jahrhundert nicht wie bisher angenommen 2,5 Grad Celsius, sondern sogar 3 Grad betragen wird – sollte sich die aktuelle Entwicklung fortsetzen. Weltweit würde das noch stärkere Ausprägungen der bereits vorhergesagten Katastrophenszenarien mit schmelzenden Gletschern, Wetterextremen, Grundwasserproblemen oder Hungersnöten bedeuten.

Die 3 Grad sind aber nur der wahrscheinliche Mittelwert. In Deutschland könnte das, regional unterschiedlich, eine Erwärmung um bis zu 6 Grad Celsius bedeuten. Tropische Sommer mit Temperaturen deutlich über 40 Grad wären die Folge.

Um solch gravierende Klimaänderungen in den kommenden 100 Jahren noch zu vermeiden, müsste der Ausstoß von Treibhausgasen auf einen Bruchteil des heutigen Ausstoßes bis zum Jahr 2100 reduziert werden. Mit dem Kyoto- Protokoll haben sich die Industrieländer verpflichtet, ihre Treibhausgasemissionen um im Durchschnitt 5,2 Prozent (bezogen auf die Emission im Jahre 1990) bis zur Periode 2008 bis 2012 zu mindern. Allerdings haben sich die USA inzwischen vom Kyoto-Protokoll losgesagt. Sollte aber die Durchschnittstemperatur im Vergleich zum Niveau des Jahres 1800 um mehr als 2 Grad steigen, halten die meisten Klimaforscher die Erderwärmung nicht mehr für kontrollierbar. Dem Zwei-Grad-Ziel hat sich auch die EU angeschlossen. Im kommenden Jahr übernimmt Deutschland den Vorsitz der EU-Ratspräsidentschaft und der G8. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat angekündigt, die Energiepolitik zu einem Schwerpunkt ihrer Präsidentschaft zu machen. [mehr]



Es wird heiß – im Sommer über 40 Grad

UN-Experten: Der weltweite Klimawandel ist nicht mehr zu stoppen.

Aus:
Berliner Morgenpost, 25. September 2006, Seite xx (Wissen). [Original]

BERLIN (BM). Fünf Jahre lang haben Hunderte Wissenschaftler im Auftrag der Vereinten Nationen (UN) Ergebnisse von Klimasimulationen gesammelt und analysiert. Nun liegt ihr Bericht den Regierungen als streng vertraulich eingestufter Entwurf vor. Die Studie verschärft fast alle Aussagen des UN-Klimaberichts von 2001. Danach ist die Klimakatastrophe nicht mehr aufzuhalten, allenfalls das Ausmaß der Erderwärmung ist noch beeinflussbar.

Wenn der Ausstoß von Treibhausgasen nicht drastisch reduziert werden kann, wird sich das Klima bis zum Jahr 2100 um 3 Grad Celsius erwärmen, errechneten von der Bundesregierung beauftragte Experten auf der Grundlage des UN-Entwurfs. Die Folgen sind gravierend. Die Arktis wird im Sommer eisfrei, Gletscher schmelzen, heute noch fruchtbare Landstriche veröden, extreme Wetterlagen nehmen zu. Auch für Deutschland werden bisher ungekannte Hitzewellen, Dürreperioden und Umweltkatastrophen vorausgesagt.

Das Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie, das auf deutscher Seite an der UN-Studie mitgearbeitet hat, prognostiziert bis 2100 eine Erwärmung zwischen 2,5 und 4 Grad Celsius. Tatsächlich hängt die Entwicklung des Klimas von mehreren Faktoren ab. Neben den Kohlendioxid-Emissionen spielt eine Rolle, wie viele Rückkoppelungseffekte es gibt. Ein Beispiel für eine selbstverstärkende Rückkopplung ist das Abschmelzen des Meereises. Eine eisbedeckte Fläche reflektiert das Sonnenlicht und verhindert eine Erwärmung der Atmosphäre. Dort, wo das Eis bereits geschmolzen ist, fehlt diese Reflexionsfläche. Es entsteht zusätzliche Wärme, die wiederum die Eisschmelze vorantreibt. In dem UN-Bericht wird die Klima-Sensitivität mit rund 3 Grad bei einer Verdoppelung des Kohlendioxidgehaltes angegeben. "Als Folge dieser Erwärmung werden wir in Deutschland in den Sommermonaten in den kommenden Jahrzehnten Temperaturen messen, die zum Teil deutlich über 40 Grad liegen", sagt Erich Roeckner, Klimaforscher am Max-Planck-Institut. "Auch wird es viel häufiger tropische Nächte mit Temperaturen über 20 Grad geben."

Mit diesen Hitzeprognosen verbinden die Wissenschaftler schwerwiegende Nachteile für die Landwirtschaft. So rechnen sie nicht nur mit längeren Dürreperioden und Ernteausfällen, sondern auch mit einer kaum kalkulierbaren Ausbreitung von Insekten.

Nur in Nordeuropa könnten die Bauern größere Erträge einfahren. "Die größten Verluste in der Landwirtschaft werden im Mittelmeerraum, dem südwestlichen Balkan und dem Süden Russlands erwartet", heißt es in der Regierungsvorlage. Rund die Hälfte der europäischen Pflanzenwelt sei durch den Klimawandel "gefährdet, vom Aussterben bedroht oder akut vom Aussterben bedroht".

Nicht weniger dramatisch verändert sich das Klima im Winter. Starkregen, Hochwasser und extreme Stürme werden über das Land kommen. In den Alpen, fürchtet das Umweltbundesamt, könnten die Winter in den kommenden Jahrzehnten sogar um 4 Grad Celsius wärmer sein als heute. "Kleine Gletscher werden verschwinden, während größere Gletscher um bis zu 70 Prozent abschmelzen", prognostiziert der UN-Bericht allein bis 2050. Berge dürften an Stabilität verlieren, noch mehr Abbrüche sind demnach zu erwarten.

Ebenso schlimm trifft es die Länder Südeuropas. Teile der spanischen Mittelmeerküste und Griechenlands verwandeln sich nach vorliegenden Szenarien in Wüste. Klimaforscher Roeckner sagt: "Selbst wenn wir heute alle Emissionen auf null runterfahren könnten, würde die Temperatur um 0,5 Grad Celsius ansteigen."

Dabei ist eher das Gegenteil der Fall. Denn Schwellenländer wie China oder Indien sind gerade dabei, ihren Ausstoß an Klimakillern kräftig zu erhöhen. "Das Klimaprotokoll von Kyoto ist nur ein erster Schritt, der nicht allzu viel bewirken kann. Es müssten viel drastischere Maßnahmen ergriffen werden", sagt Roeckner. Nur dann könne der Temperaturanstieg vielleicht noch auf 2 Grad Celsius begrenzt werden.

Unter den gegebenen Bedingungen prognostiziert der UN-Bericht für besonders bedrohte Regionen dramatische Konsequenzen. So gefährde die Erwärmung in einigen Ländern Südamerikas die "Gestalt der Küsten, den Tourismus" und "die Verfügbarkeit von Trinkwasser in den Küstenbereichen von Costa Rica und Ecuador". In den Polar-Regionen wird die Eisfläche laut UN-Studie in den letzten 20 Jahren des Jahrhunderts um jährlich 20 bis 30 Prozent abschmelzen.



S A T E L L I T E N B I L D   D E R   W O C H E

Klimaphänomen El Niño kommt zurück

Zu Weihnachten bringt es Dürre nach Asien und Fluten an die US-Küste – El Niño, das Christkind. Lange bangten Forscher und Ozean-Anrainer vor den Kapriolen des Wetterphänomens. Jetzt kommt es zurück: Aus dem All lässt sich bereits beobachten, wie sich das Wasser im Pazifik aufheizt.

Aus:
Spiegel Online – 6. Oktober 2006, ??.?? Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

PASADENA (fba). Alle 3 bis 7 Jahre taucht El Niño auf – zuletzt um die Jahreswende 1997/1998: Damals richteten verheerende Fluten an der kalifornischen Küste Schäden in Millionenhöhe an. Das zerstörerische Klimaphänomen ließ sich viel Zeit. Doch jetzt taucht El Niño wieder auf. "Satellitendaten deuten darauf hin, das El Niño in den tropischen Pazifik zurückgekehrt ist", teilte die US-Raumfahrtbehörde Nasa mit.

Während einer El Niño-Episode erwärmt sich das Wasser im mittleren und östlichen Pazifik. Das physikalische Zusammenspiel von Winden, Meeresströmungen sowie der Temperatur im Meer und in der Luft bricht schließlich zusammen. Dadurch schöpft dieses Naturphänomens seine zerstörerischen Kräfte: Winterstürme über Kalifornien und den südlichen US-Bundesstaaten sind keine Seltenheit; Dürreperioden in Australien und Teilen Südasiens auch nicht.

Das Wetter ändert sich derart dramatisch, weil bei einem El Niño warmes Wasser aus dem tropischen Pazifik ostwärts zieht. Dabei steigen ungewöhnlich viel Wärme und Feuchtigkeit in die Atmosphäre auf. Weil das immer im Dezember und Januar geschieht, wird das Phänomen El Niño genannt – Spanisch für Christkind oder Junge.

Dass ein El Niño sich entwickelt, schließen Wissenschaftler aus verschiedenen Anzeichen. Eines davon: Wärmeres Wasser dehnt sich stärker aus. Dadurch ändert sich lokal die Meereshöhe. Diese hat der Nasa-Satellit "Jason" vermessen. Ein Bild aus den Daten des Satelliten zeigt nun Berge warmen Wassers im Pazifik, dort wo sich gerade ein El Niño entwickelt – erkennbar als roter Streifen am Äquator.

Für dieses Satellitenbild wurde der Durchschnitt aus den Daten ermittelt, die in 10 Tagen um den 15. September 2006 herum gesammelt wurden. Diese durchschnittliche Höhe der Meeresoberfläche haben die Forscher mit dem Mittelwert langjähriger Beobachtungen von 1993 bis 2005 verglichen. Die Abweichungen vom Mittel werden in der Farbgebung deutlich: Gelb, Orange und Rot stehen für Wasseroberfläche, die im September höher war als der Vergleichswert. Dort wo die Meeresoberfläche kühler – also auch niedriger – war als im Durchschnitt der vorherigen Jahren, erscheinen die Farben Blau oder Violett. Unveränderte Meereshöhen sind grün dargestellt.

    El Niño im Anmarsch    
^   Relative Wassertemperatur des Pazifiks im September 2006. Der rote Streifen in der Äquatorzone ist ein Hinweis auf die Rückkehr des Naturphänomens El Niño. Hier ist derzeit das Wasser wärmer als im Durchschnitt von 1993 – 2005.   (Foto: 9.2006 – nasa)

Das rote Band deuten die Nasa-Forscher als einen sich entwickelnden El Niño. Der bereitet den Wissenschaftlern jedoch noch keine Sorgen. Momentan sehe es so aus, als wäre dieser El Niño zu schwach, um einen größeren Einfluss auf die Wetterentwicklung zu haben, sagte Bill Patzert, Ozeanograph und Klimatologe am Jet Propulsion Laboratory der Nasa. Er räumte jedoch ein: "Wenn sich das Meereswasser weiterhin erwärmt und ostwärts ausbreitet, könnte El Niño allerdings kräftiger werden."



In Berlin wird es trocken und tropisch heiß

Neues Klimaszenario für Deutschland: Deutlich weniger Regen und Frosttage.

Aus:
Berliner Morgenpost, 18. Oktober 2006, Seite xx (Wissen). [Original]

BERLIN (BM). In Deutschland wird es sehr wahrscheinlich rasch wärmer und vor allem im Sommer deutlich weniger regnen. Dies zeigt ein neues Klimamodell des Umweltbundesamts (UBA), das gestern in Berlin präsentiert wurde. Eine Erwärmung um 2 bis 3 Grad im Jahresmittel bis zum Jahr 2100 ist demnach sehr wahrscheinlich.

Der stärkste Temperaturanstieg wäre dabei im Winter zu erwarten; Frost- und Schneetage würden also deutlich weniger. Laut dem Modell wird es zudem im Sommer im Durchschnitt 30 Prozent weniger regnen, besonders betroffen werden der Nordosten und der Südwesten Deutschlands sein.

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel mahnte zu einer stärkeren Auseinandersetzung mit dem Klimawandel und forderte eine nationale Strategie. "Wir müssen uns heute anpassen, um morgen nicht von seinen wirtschaftlichen und sozialen Folgen überrollt zu werden", erklärte der SPD-Politiker anlässlich eines nationalen Klima-Workshops in Berlin. "Es ist höchste Zeit, dass wir uns intensiver mit den Folgen des Klimawandels in Deutschland befassen.

Gabriel und UBA-Chef Andreas Troge gaben in Berlin den Startschuss für ein bundesweites Kompetenzzentrum (KomPass), das Informationen über Klimafolgen und erforderliche Anpassungen bündeln und vernetzen soll.

Das Umweltbundesamt verwies auf bereits spürbare Wetteränderungen und die Folgen. So müsse sich Deutschland auf häufigere, steilere und schnellere Hochwasserwellen einstellen. In der Forstwirtschaft erhöhe sich die Waldbrandgefahr, und die Belastung durch Wassermangel und Schädlinge steige; besonders anfällig sei die wegen ihres schnellen Wachstums am häufigsten angebaute Fichte. Als abschreckendes Beispiel gilt die aktuelle Borkenkäferplage in Mittelfranken, der über 2500 Hektar Fichtenbestände zum Opfer gefallen sind.

Auch der Mensch ist direkt betroffen. Laut dem Klimamodell könnte sich etwa für Freiburg bis 2100 die Zahl heißer Tage mit über 30 Grad gegenüber dem Vergleichszeitraum 1961 bis 1990 auf rund 25 fast verdoppeln, die Zahl der Tropennächte mit Minimum 20 Grad beinahe verdreifachen. Noch deutlicher sehen die Zahlen für Berlin aus. Dort wird die Zahl der heißen Tage von durchschnittlich 7 auf 18 ansteigen, die der Tropennächte von 1 auf 4. Zugleich sinkt in der Hauptstadt die Anzahl der Frosttage von 21 auf im Schnitt nur noch 7.

Nach Angaben des deutschen Wetterdienstes wird die Zahl Hitze bedingter Todesfälle im "Jahrhundertsommer" 2003 auf etwa 7.000 und für ganz Westeuropa auf etwa 35.000 geschätzt. Auch hier gibt es laut Umweltbundesamt Gegenmaßnahmen wie mehr Bäume und grüne Dächer in Städten.

Hochwasser, Dürren und Stürme haben in den vergangenen 10 Jahren in Deutschland volkswirtschaftliche Schäden von mindestens 16,5 Milliarden Euro verursacht. Dies könnte laut UBA bis 2050 auf eine Größenordnung von jährlich weit mehr als 20 Milliarden Euro anwachsen. Der Klimaexperte der Versicherung Münchener Rück, Peter Höppe, berichtete von drastischer Zunahme der Katastrophenschäden in den letzten Jahrzehnten. So sei der Jahrhundertsommer 2003 ein "450-Jahres-Ereignis". Die Zahl der Hurrikane und Taifune habe 2004 und 2005 neue Rekorde erreicht.

In seiner Branche habe angesichts hoher Schadensbilanzen deswegen ein Nach- und Umdenken eingesetzt, erklärte er. Man passe die Risikomodelle der veränderten Gefährdungssituation an. Der beschleunigte Anstieg der Meeresspiegel und die zu erwartende Zunahme starker Stürme stellen den Küstenschutz an Nord- und Ostsee vor neue Herausforderungen, wie der Forscher Michael Schirmer von der Universität Bremen berichtete. Besonders betroffen sei die deutsche Nordseeküste.

Hier müssten die regelmäßigen Erhöhungen der Deiche entweder schneller erfolgen, oder es müssten wie in den Niederlanden unter Umständen zweite oder dritte Deichlinien errichtet werden.



Der Klimawandel ist unbezahlbar

Ökonom sieht Welt wegen Umweltschäden vor Super-Rezession / Größte Öko-Wirtschaftsstudie

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 30. Oktober 2006, Seite 7 (Politik). [Original]

LONDON (Tsp). Wenn weiter nichts gegen den Klimawandel getan wird, stürzt die Welt in die schwerste Rezession der neueren Geschichte, die mehr kosten wird als beide Weltkriege zusammen, weite Teile der Welt unbewohnbar und Hunderte Millionen Menschen zu Flüchtlingen machen wird. Aber ein entschlossenes globales Aktions- und Investitionsprogramm könnte diese Kosten dramatisch reduzieren. Dies ist die Essenz eines am Montag [30.10.2006] in London veröffentlichten und mit Spannung erwarteten 700-Seiten Berichts über die wirtschaftlichen Aspekte des Klimawandels.

Der Autor, Sir Nicholas Stern, argumentiert, dass die katastrophalen Auswirkungen des Klimawandels für einen Bruchteil der genannten Kosten, etwa 1 Prozent des globalen Bruttosozialprodukts, vermieden werden können. Ein solches Programm könnte sogar neue Wachstumsanreize bieten. Politisch brisant ist, dass Sterns Bericht das zentrale Argument der amerikanischen Regierung gegen eine Unterzeichnung des Kyoto Protokolls auf den Kopf stellt. US-Präsident George Bush geht bisher davon aus, dass Klimapolitik die Wirtschaft schädigt und internationale Klimavereinbarungen eine Verschwörung gegen die amerikanische Wirtschaftsmacht sind.

Der Bericht wurde im Juli 2005 vom britischen Schatzkanzler Gordon Brown bei Sir Nicholas Stern in Auftrag gegeben, einem früheren Wirtschaftsprofessor, Weltbank-Ökonomen und seit 2003 Berater im britischen Schatzkanzleramt. Er gilt schon jetzt als die umfassendste Wirtschaftsstudie zum Klimawandel.

Vergangene Woche informierte Stern das britische Kabinett von seinen Erkenntnissen. „Stern ließ niemand in Zweifel, dass Nichtstun keine Option ist“, so ein Kabinettsmitglied der britischen Sonntagszeitung „Observer“. Auch die britische Umweltministerin Margaret Beckett stützte sich auf den Bericht, als sie vergangene Woche Deutschland aufforderte, dem Klimawandel höchste Priorität bei seiner Doppelpräsidentschaft von EU und G8 im nächsten Jahr zu geben. „Dies ist nicht nur ein Umweltproblem. Es ist ein Problem, für diejenigen, die mit Wirtschaft und Entwicklung, Konfliktverhinderung, Landwirtschaft, Haushaltpolitik, Verkehr, Innovation, Handel und Gesundheit zu tun haben“, sagte Beckett.

Der Bericht gibt nach den bisher durchgesickerten Informationen 2 alternative Szenarien: Eine rasche globale Offensive gegen steigende Umweltverschmutzung, die rund 350 Milliarden Dollar kosten würde – oder eine katastrophale Rezession und Kosten von knapp 7 Billionen Dollar [7.000 Milliarden Dollar]. Der Zeitpunkt der Veröffentlichung wurde offensichtlich mit Blick auf die UN-Klimaverhandlungen kommende Woche in Nairobi gewählt.

Aber auch in Großbritannien wirft der Bericht Schatten. Premier Blair, dessen Klimaerfolge an der Heimatfront Experten eher skeptisch einschätzen, steht unter Druck, ein Gesetz einzubringen, das jährliche verbindliche Klimaziele vorsehen würde. Die Konservativen wollen die Aufsicht darüber einer unabhängigen Kommission übertragen. „Ein solches System würde den Preis für CO2 in der Wirtschaft definieren und dafür sorgen, dass teurer wird, was mehr CO2 produziert“, sagte Parteichef David Cameron.



N E U E   U M W E L T P O L I T I K

Klima mit Profit

Aus:
Der Tagesspiegel, Berlin, 1. November 2006, Seite xx (xxx). [Original=2869545.html]

Es gibt Momente, in denen ein neues Muster auftaucht oder mindestens alte Fragen in neuem Licht erscheinen. Und es könnte sein, dass wir das gerade im Hinblick auf die Klimapolitik erleben. Da legt ein hochangesehener ehemaliger Chefvolkswirt der Weltbank für die britische Regierung einen Bericht vor, in dem die katastrophalen Folgen des Klimawandels auf die weltweite Wirtschaft beschrieben werden. Der deutsche Umweltminister Sigmar Gabriel erklärt grüne Technik zum neuen Job- und Wirtschaftsmotor. Und in den USA wird der hohe Energiepreis zum Wahlkampfthema.

Warum, so fragen immer mehr Amerikaner, finanzieren wir mit unserem Energiehunger eigentlich die schlimmsten Regime dieser Welt und ihre antiwestliche Politik? Sei es nun den Iran Achmadinedschads, das Venezuela von Chavez, Saudi-Arabiens wahhabitische Ideologie, den völkermordenden Sudan oder Putins neoimperiale Ambitionen? Alles zusammengenommen zeigt: Klimapolitik wächst aus einer parteigrünen Ecke heraus. Energie zu sparen und alternative Energieträger zu entwickeln, ist Moral- und Realpolitik in einem geworden.

Viele werden zugunsten des Klimas umdenken müssen. So löst sich zum Beispiel der alte Widerspruch zwischen Wirtschaft und Umweltschutz auf. Konzernchefs, die noch stets über strikte Umweltgesetze klagten, tun gut daran, sich heute aktiv um diese Zukunftsindustrie zu bemühen. Grüne Energie, saubere Technik – das wird die Wachstumsindustrie des 21. Jahrhunderts sein.

Was aber keiner weiß: Wer wird diese Industrie dominieren? Bei der IT-Revolution und dem Biotechnik-Boom ist die alte Industrienation Deutschland nur hinterhergehumpelt. Nun stellt sich die Frage, wo die Microsofts, Googles und YouTubes der grünen Revolution entstehen und für Wachstum sorgen: in Boulder im US-Bundesstaat Colorado, in Buxtehude oder im indischen Bangalore? Denn ob es die erhöhten Forschungsinvestitionen der Bush-Regierung sind oder die vielen Initiativen auf Ebene der US-Bundesstaaten, Amerika setzt an zum grünen Techniksprung. Und wenn die Amerikaner erst einmal eine Vision aus diesem Thema machen und die Märkte viel Geld in dieses Gebiet pumpen, dann werden auch technische Innovationen nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Es geht also um nichts weniger als die Frage, ob deutsche Unternehmen ihre Technologieführerschaft in vielen Gebieten der Umweltwirtschaft behalten. Oder ob sie den Trend verpassen, wie es den deutschen Autobauern erging, die niemals mit dem Erfolg des hybridbetriebenen Autos Toyota Prius gerechnet hatten und nun viel Geld einsetzen müssen, um den Vorsprung der Japaner aufzuholen. Der Wettbewerb um die besten Ideen im Bereich grüner Industrie ist eröffnet – und die gute Nachricht ist, dass man mit Umweltmoral heute auch gutes Geld verdienen kann.

Aus alten Denkmustern auszubrechen ist aber nicht nur eine Herausforderung für die Wirtschaft und die in Klimafragen gern gescholtenen Amerikaner, sondern auch für all jene, denen Klimapolitik seit langem am Herzen liegt. Vielleicht werden wir ja noch erleben, dass der Grüne Jürgen Trittin Energiesparpolitik mit nationalen strategischen Interessen begründet und seine Parteifreundin und Parteichefin Claudia Roth vom Shareholder Value in der Windkraftbranche schwärmt. Wer die Umwelt schützen möchte, sollte sich zusätzlicher Argumente bedienen. Vor allem dann, wenn er weltweit Mehrheiten für seine Politik gewinnen will.



Ein „Sonnenschirm“ für die Erde

Aus:
Heise-Newsticker, 5. November 2006, 21.54 Uhr MEZ (Weltklimagipfel). [Original]

HANNOVER (fr/Telepolis). Dass wir uns in einer Phase der globalen Klimaerwärmung vornehmlich aufgrund des von Menschen produzierten Treibhauseffekts befinden, ist mittlerweile wissenschaftlich weitgehend anerkannt. Obgleich es nach Berichten auch wirtschaftlich günstiger sein würde, möglichst schnell gegenzulenken, um so drohende Folgen der Klimaerwärmung zu verhindern oder zu dämpfen, ist nach dem letzten Bericht des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen der UN (IPCC), der in Auszügen zum beginnenden Weltklimagipfel in Nairobi veröffentlicht wurde, in den letzten Jahren der Ausstoß der Treibhausgase weiter angestiegen.

Wissenschaftler brüten Ideen aus, wie sich auch mit neuen Techniken die Abgabe von Treibhausgasen in die Atmosphäre verringern lassen könnte, beispielsweise indem Kohlendioxid unter der Erdoberfläche gespeichert wird. Der Astronom Roger Angel von der University of Arizona hat eine kühne Idee zur Abkühlung der Erde entwickelt, die er nun in der aktuellen Ausgabe der Proceedings of the National Academy of Sciences vorgestellt hat.

Angel denkt dabei an eine relativ schnell wirkende Notfallmaßnahme, wenn die Klimaerwärmung auf gefährliche Weise ansteigt und andere Mittel nicht vorhanden sind, um die Abgabe von Treibhausgasen wirksam zu senken. Man könnte einfach zwischen Sonne und Erde beim innere Lagrangepunkt L1 einen Schirm installieren, der einen Teil des Sonnenlichts blockiert. Angel hatte sein Konzept der National Academy of Sciences vorgestellt und dafür Forschungsgelder vom NASA Institute for Advanced Concepts erhalten.

Nach seinem Konzept, das auf existierenden Techniken aufbaut, könnte man eine riesige zylinderförmige Wolke als "Sonnenschirm" realisieren, die 100.000 Kilometer lang ist. Sie würde aus Billionen von extrem dünnen, transparenten und kreisförmigen Segeln mit einem Durchmesser von 60 Zentimeter bestehen, die jeweils ein Gramm wiegen und das Sonnenlicht reflektieren, so dass nur noch 10 Prozent zur Erde gehen. Damit würde das auf die Erde fallende Sonnenlicht um 2 Prozent reduziert werden, was genug sei, um eine Verdoppelung der Kohlendioxidmenge in der Atmosphäre zu kompensieren.

Insgesamt würde das Sonnensegel dennoch 20 Millionen Tonnen schwer sein. Angel stellt sich vor, die Transportkosten auf 50 US-Dollar pro Kilogramm durch elektromagnetische Raketenwerfer zu senken, wie sie von den Sandia National Laboratories konzipiert wurden. 20 von diesen Raketenwerfern würden reichen, um ein Paket mit einer Million Segeln alle fünf Minuten 10 Jahre lang abzuschießen. In der Schwerelosigkeit sollen die Pakete schließlich mit einem Ionen-Antrieb bis zu ihrem Ziel gebracht werden und dort eine Wolke bilden. Die Segel sind fertig zusammengebaut und mit Spiegeln auf der Basis der MEMS-Technik (Micro-Electro-Mechanical Systems) ausgestattet, um sie in der Bahn zu halten. Löcher in dem transparenten Film sollen verhindern, dass die Segel von der Strahlung der Sonne weggedrückt werden.

Für sein Erdrettungsprojekt veranschlagt Angel eine Zeit von 25 Jahren, bis die Wolke im Weltraum installiert wäre. Kosten würde das „ein paar Billionen Dollar“, was 0,5 Prozent des globalen BIP während der 25 Jahre oder Ausgaben von 100 Milliarden Dollar jährlich entspräche. Halten würde die künstliche Wolke im Weltraum 50 Jahre. „Der Sonnenschirm“, so sagt Angel immerhin, „ist kein Ersatz für die Entwicklung erneuerbarer Energien als der einzigen permanenten Lösung. Technische Innovationen und finanzielle Investitionen in einem ähnlich riesigen Ausmaß würden das sicherstellen.“



E X T R E M W E T T E R

Jahrtausend-Dürre in Australien

Experten schlagen Alarm: Die Dürre in Australien nimmt dramatische Ausmaße an. Inzwischen ist von der schlimmsten Trockenheit der vergangenen tausend Jahre die Rede. Jetzt befürchten Fachleute, dass einigen Städten das Wasser ausgeht.

Aus:
Spiegel Online – 7. November 2006, ??.?? Uhr MEZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

Extrem-Wetter! CANBERRA. Bei der seit 5 Jahren herrschenden Trockenperiode könne nicht mehr nur von einer Jahrhundert-Dürre gesprochen werden, sagten Politiker und hochrangige Behördenvertreter auf einem australischen Umweltgipfel am heutigen Dienstag. "Was wir hier sehen, ist ein furchteinflößender Blick in eine Zukunft mit globaler Erwärmung", warnte Mike Rann, Regierungschef des Bundesstaats Südaustralien.

Eine Umweltexpertin sagte, es gebe in den seit 114 Jahren erstellten Wetteraufzeichnungen Australiens keine vergleichbare Trockenphase. Mathematisch sei es sogar wahrscheinlich, dass es in den vergangenen 1000 Jahren keine ähnliche Trockenzeit gegeben habe. Bislang galt die Dürre, die mehr als der Hälfte der landwirtschaftlich genutzten Fläche Australiens zusetzt, offiziell lediglich als die trockenste Periode der letzten 100 Jahre.

Der australische Premierminister John Howard kündigte auf dem Gipfel eine Studie an, die ermitteln soll, wie die Wasserversorgung der Städte entlang des besonders betroffenen Murray River langfristig gesichert werden kann. Howard selbst bezeichnet die Dürre nicht als die schlimmste seit 1000 Jahren. "Alles was ich weiß ist, dass es eine sehr schlimme Dürre ist. Es ist die schlimmste seit Menschengedenken."

Im Becken der tausende Kilometer langen Flüsse Murray und Darling hat es im Winter viel zu wenig geregnet, so dass der Wasserstand sich derzeit auf einem noch nie dagewesenen Niedrigstand befindet.

David Dreverman von der Murray-Darling-Flusskommission sagte, die Flüsse in der "Kornkammer" Australiens führten 54 % Wasser weniger als im vergangenen Jahr. Zu diesem Zeitpunkt lag der Wasserstand bereits auf einem Rekordtiefstand. "Das passiert eher einmal im Jahrtausend als einmal im Jahrhundert", sagte Dreverman nach Angaben der australischen Nachrichtenagentur AAP.

Das Flusssystem versorgt etwa 15 % Australiens mit Wasser, eine Fläche ungefähr so groß wie Frankreich und Spanien zusammen. In der betroffenen Region werden 41 % der australischen Agrargüter produziert. Umweltschutzgruppen warnten, den Städten entlang der Flüsse könne das Wasser ausgehen, sollte die Dürre noch ein weiteres Jahr anhalten.



E R D E R W Ä R M U N G

Klimabombe aus den Boom-Ländern

Seit Jahren mühen sich die westlichen Industrieländer, die Erderwärmung zu bremsen. Doch jetzt zeigt der neue Klimaschutzindex: Alle Anstrengungen könnten vergeblich sein – denn in Boom-Ländern wie China und Indien steigt der Treibhausgas-Ausstoß dramatisch an.

Aus:
Spiegel Online – 13. November 2006, ??.?? Uhr MEZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

Erinnert sich noch jemand an Frank Loy? Das war der Chef-Unterhändler der USA auf der 6. Weltklimakonferenz 2000 in Den Haag. Der einzige bisher, dem enttäuschte Umweltaktivisten eine Torte ins Gesicht geschleudert haben. Der US-Delegationsführer hatte nicht nur fantasievoll hochgerechnet, wie viel Kohlendioxid die heimischen Wälder speichern können. Knorrig wies er auch alle Ansinnen zurück, die USA – der größte Klimasünder auf dem Globus – möge doch endlich das Kyoto-Protokoll absegnen. Loys nonchalante Begründung: Solange Entwicklungs- und Schwellenländer nicht verpflichtet seien, ihre Treibhausgas-Emissionen zu senken, komme das für die Vereinigten Staaten auch nicht in Frage. Basta.

Die Industriestaaten hatten den Klimakarren in den Dreck gefahren, der Hauptverursacher stahl sich ungeniert aus der Verantwortung und instrumentalisierte auch noch die armen Länder, denen niemand sonst CO2-Minderungen aufbürden wollte. Loys Argumentation war fadenscheinig, aber sie enthielt auch einen wahren Kern, der heute immer stärker zum Vorschein tritt: Der Treibhausgas-Ausstoß von Ländern wie China, Indien und Brasilien geht im Galopp nach oben.

Zwischen 2000 und 2005 sind die globalen Kohlendioxid-Emissionen um 3,2 Prozent gestiegen – und damit viermal so stark wie in den 10 Jahren zuvor. Diese Zahlen veröffentlichte das von Wissenschaftlern getragene Welt-Kohlenstoffprojekt ("World Carbon Project") jetzt in Peking. Eine der treibenden Kräfte hinter dem "sehr besorgniserregenden" Trend: China mit seiner entfesselten Wirtschaft und Energienachfrage.

Chinas fatale Aufholdjagd

Neuen Hochrechnungen der Internationalen Energieagentur (IEA) zufolge könnte das bevölkerungsreichste Land der Erde binnen 10 Jahren die USA als größten Treibhausgas- Produzenten überholen. Nach einer Veröffentlichung der angesehenen Pekinger Universität Tsinghua war Chinas CO2-Ausstoß aus der Verbrennung fossiler Energieträger, vor allem der Kohle, schon 2002 mit über 3,5 Milliarden Tonnen so hoch wie die von Russland, Japan und Deutschland zusammen.

Bei der Weltklimakonferenz in Kenias Hauptstadt Nairobi präsentierte Germanwatch am heutigen Montag eine aktualisierte Version seines Klimaschutzindex. Auf der Basis der umfangreichen IEA-Daten bewertet die deutsche Nicht-Regierungsorganisation die Klimapolitik von 56 Staaten der Erde. Auch aus dieser Statistik schält sich China als Problemfall heraus: Es landet auf dem drittletzten Platz, gleich hinter den USA, gefolgt nur noch von Malaysia und Saudi-Arabien.

Den Germanwatch-Zahlen zufolge sind Chinas Treibhausgas- Emissionen im Energiebereich zwischen 1998 und 2004 um 56 % gestiegen. Im Verkehrssektor kletterte der Pro-Kopf- Ausstoß im selben Zeitraum um fast 25 %. "Rasante Emissionssteigerungen" hätten die deutschen Beobachter besonders im letzten Jahr ermittelt. Inzwischen geht mehr als ein Fünftel (21,8 %) der weltweiten CO2-Abgase auf das Konto der USA und mehr als ein Sechstel (17,9 %) auf das Chinas. Nach Russland auf Rang drei der größten Klimasünder folgt auch schon Indien, das seinen Erdölverbrauch nach Zahlen des Worldwatch Institute in Washington seit 1992 glatt verdoppelt hat – und wie China stark auf klimabelastende Kohle angewiesen ist.

Westliche Länder müssen auf Newcomer zugehen

Inzwischen gilt als gesichert, dass ohne die USA, aber auch ohne drastische Klimaschutzmaßnahmen in Ländern mit aufstrebenden Ökonomien eine katastrophale Erderwärmung nicht mehr aufzuhalten ist. "Das sind ja eigentlich gar keine Schwellenländer mehr, sondern schon Industriestaaten", sagt Franzjosef Schafhausen, Koordinator des Klimaschutzprogramms der Bundesregierung, über Länder wie Indien und China. Mit ihnen über eigene CO2-Reduktionsziele zu sprechen, sei zwar weiterhin "eine schwierige Sache", sagte Schafhausen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Doch hinter den Kulissen der Konferenz in Nairobi wird eifrig an Konzepten gefeilt, die "Gruppe der 77" mit ins Boot zu holen.

In der G77 sind die Entwicklungs- und Schwellenländer bei den Klimakonferenzen organisiert. Für Kenner der Szene zeichnet sich inzwischen ein System ab, das sehr viel differenzierter sein soll als die heutigen Regelungen für Industriestaaten. Da die G77 sehr heterogen sei, könne man sich für sie eine Aufteilung der Lasten wie in der Europäischen Union vorstellen: Finanzkräftigere G77-Mitglieder würden sich zu absoluten CO2-Minderungen verpflichten, ärmere Länder dagegen erst einmal damit beginnen, Strom effizienter zu erzeugen oder den Kraftstoff-Verbrauch im Verkehr zu drosseln.

In der EU ist es so, dass Deutschland und Großbritannien ihre CO2-Emissionen um zweistellige Prozentwerte reduzieren müssen, während Länder wie Portugal, Spanien und Griechenland die ihren noch kräftig steigern dürfen. Unterm Strich soll dennoch ein Minus von 8 % bis 2012 herauskommen – was allerdings schwierig werden dürfte.

Positive Signale aus Monterrey

Zugeständnisse der Entwicklungs- und Schwellenländer gelten tatsächlich nicht mehr als abwegig. Schon "aus Gründen der Energie-Versorgungssicherheit" überdenke China seine Position, sagt ein Beobachter. Auch Indien wolle verstärkt auf regenerative Energieträger wie Windkraft oder Solarenergie setzen, weil es sich teure Importe für seine boomende Wirtschaft nicht mehr leisten könne.

Positive Signale registrierte Sir David King, oberster Wissenschaftsberater des britischen Premierminister Tony Blair, auch im mexikanischen Monterrey. Dort trafen sich kürzlich die Energie- und Umweltminister der G8-Staaten mit ihren Kollegen aus 20 Industrie- und Schwellenländern. Es ging um die Fortsetzung des 2005 im schottischen Gleneagles begonnenen Klima- und Energiedialogs. Mit dabei waren auch China, Indien, Südkorea, Brasilien, Mexiko und Südafrika – allesamt Staaten, für die noch keine verbindlichen CO2-Reduktionsziele nach dem Kyoto-Protokoll gelten.

Das Treffen fand zwar hinter verschlossenen Türen statt. Doch soviel verriet King, zurück in Birmingham, dann doch: Es habe "zum erstenmal einen vollständigen Konsens" darüber gegeben, dass man rasch zu wirklichen Emissionsreduktionen kommen müsse.

Wenn das stimmt, wäre das eine echte Überraschung. Denn im Debattierklub von Gleneagles und Monterrey sitzen auch die USA. Sollte die führende Wirtschaftsmacht tatsächlich stärkere Anstrengungen im Klimaschutz unternehmen, könnte das Länder wie China und Indien am ehesten dazu bringen, ihren Widerstand gegen eigene CO2-Reduktionen aufzugeben.

Regierungsexperte Schafhausen will sich gar keine andere Entwicklung ausmalen: "Diese Welt kann es sich nicht leisten, kein internationales Klimaschutzregime zu haben."



Zweigleisige Reaktion auf Klimawandel erforderlich

Aus:
Heise-Newsticker, 24. November 2006, 13.01 Uhr MEZ (Klimawandel). [Original]

HANNOVER (wst/Technology Review). Bislang wurde in Deutschland die Diskussion um den Klimawandel außerhalb der Wissenschaft fast nur auf die Verminderung der Treibhausgasemissionen reduziert. Neuerdings bekommt die Notwendigkeit einer Anpassung an die Folgen des Klimawandels vermehrte Aufmerksamkeit, schreibt das Technologiemagazin Technology Review in der aktuellen Ausgabe 12/2006.

So wird dieses Thema im für Anfang 2007 angekündigten Vierten Sachstandsbericht des Internationalen Gremiums für Klimawandel (IPCC) erstmals einen großen Teil einnehmen, kündigt Dr. Axel Michaelowa, Leitautor für das Politikkapitel des IPCC-Berichts, an. Als Grund, weshalb Anpassungsmaßnahmen erst jetzt in Gang kommen, hat der Wissenschaftler die Datenlage ausgemacht: "Der Kommunikationsprozess zwischen Wissenschaft und Kommunen ist noch dürftig, eine umfassende Einbeziehung der Entscheidungsträger fehlt."

"Wir müssen das Unbeherrschbare vermeiden und das Unvermeidbare beherrschen", beschreibt Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) die erforderliche zweigleisige Reaktion der Menschheit auf die anstehenden Klimaveränderungen. Trotz der Unsicherheit der Klimaprognosen kommt eine Studie des PIK für das Umweltbundesamt zu dem Schluss, dass sich Deutschland gut anpassen kann, wenn die dafür zur Verfügung stehenden Maßnahmen genutzt würden. Doch seien in den meisten Bereichen derartige Vorkehrungen bisher weder in Planung noch umgesetzt, so die Studie weiter.

Sollte der Meeresspiegel beispielsweise mehr als 40 Zentimeter steigen, wird es hierzulande eng. "Mit Deichen allein werden wir wohl noch 50 bis 80 Jahre auskommen, danach wird das nicht mehr genügen", warnt denn auch Michael Schirmer, Umweltforscher an der Universität Bremen. Dann kämen Küstengebiete nicht umhin, sich mit weiteren Maßnahmen zu wappnen. Dazu gehören eine zweite Deichlinie im Hinterland oder riesige Flutwehre an Flussmündungen, wie die Niederländer sie bereits an der Rhein-Maas-Mündung gebaut haben.

Weltweit gehen die Bemühungen da schon wesentlich weiter. Begleitend zur Titelgeschichte der aktuellen Print-Ausgabe von Technology Review, die analysiert, wie Deutschland sich auf den Klimawandel vorbereitet, schildert TR-Online in einer Mini-Serie deshalb international vielversprechende Beispiele: In den Niederlanden, die ­ zur Hälfte unter dem Meerespiegel gelegen – sich seit Jahrhunderten vor der Gewalt der Nordsee schützen müssen, denkt man an eine Anpassung der Architektur. "Langfristig müssen wir anders bauen", sagt Koen Olthuis vom Architekturbüro Waterstudio. Das könnte heißen: Häuser entweder wasserdicht oder schwimmfähig machen. Waterstudio setzt auf schwimmende Architektur.

Andere Regionen hingegen lechzen nach Wasser. Bislang galt Meerwasserentsalzung vor allem als Luxustechnologie für arabische Ölstaaten. Doch wie die die Szenarien der Klimaforscher zeigen, werden in den kommenden Jahrzehnten etliche Landstriche mit einer heftigen Verknappung des Trinkwassers zu kämpfen haben. Im westaustralischen Perth etwa nahmen die Niederschläge bereits seit 1975 derart ab, dass der Vorrat der Trinkwasserreservoire der Stadt heute nur noch ein Drittel der damaligen Menge umfasst. An der Meerwasserentsalzung wird deshalb – selbst bei einem effizienteren Umgang mit dem kostbaren Nass – kein Weg vorbei führen. Allein Spanien, das im vergangenen Sommer von einer dramatischen Dürre heimgesucht wurde, will in den kommenden Jahren durch neue Fabriken die Menge von aus dem Meer gewonnenem Trinkwasser verdoppeln. Und das trocken fallende Sidney plant die größte Anlage der Welt mit einem Ausstoß von 500 Millionen Litern am Tag.

Siehe dazu Technology Review 12/06: Leben mit dem Klimawandel. Ergänzend dazu in Technology Review online: Das Ende des Fatalismus.



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