Chaos der Wohnungs-Privatisierungen und deren Folgen – Teil 15 khd
Stand:  28.1.2008   (15. Ed.)  –  File: ThS/WPC/W-Privatisierungs_Chaos_15.html




Reiche internationale Investment-Gesellschaften (Immobilien-Fonds, Hedge-Fonds, Private Equity Fonds, Opportunity Fonds), die nur etwas vom Geldmachen verstehen, fallen wie die Geier auch über den deutschen Wohnungsmarkt her. Und die dafür eigentlich nicht authorisierten deutschen Politiker sind wg. ihrer Finanznöte bereit, das Sozialgut des städtischen Wohnungsbestands für einen Judas-Lohn an diese „Heuschrecken“ zu verscherbeln – ohne an die wahren Folgen für die Mieter zu denken, geschweige denn die im geheimen getroffenen Vereinbarungen (Kaufverträge) öffentlich zu machen.

In Berlin ist dafür das Parade-Beispiel der Verkauf der gemeinnützigen GSW (Motto bis 2004: „Gut und sicher wohnen“) mit fast 70.000 Wohnungen an die Cerberus-Gruppe. Zwar behauptet der Senat von Berlin, daß der Verkauf städtischer Wohnungen für Mieter keine Nachteile bringe, was sich bei der Wohnungsgesellschaft GSW gezeigt habe. Aber das ist unwahr. Denn die Praxis der Machenschaften vor Ort bei den Mietern sieht seit Mai 2004 völlig anders aus. Dazu und den Hintergründen sind hier dokumentiert und mit [Ed: ...] kommentiert:

  • Älteres zum Privatisierungs-Chaos   (14. Teil)   —   [Gesamt-Übersicht]
  • 31.10.2007: Mieterverein überprüft zu teure Wohnungen. (Berlin)
  • 03.11.2007: Der privatisierte Staat. (Grundsätzliches)
  • 12.11.2007: Das Ende des Übernahmerauschs. (Heuschrecken)
  • 12.11.2007: Die Heuschrecken langten wieder zu. (Heuschrecken)
  • 18.11.2007: Wohnungsverkauf an Mieter funktioniert nicht. (Cerberus)
  • 20.11.2007: Finanzinvestor Cerberus bläst Milliardenprojekte ab. (Cerberus)
  • 23.11.2007: Die Finanzinvestoren kriegen kalte Füße. (Heuschrecken)
  • 29.11.2007: Bawag: Ausverkauf läuft auf Hochtouren. (Cerberus)
  • 30.11.2007: "Jade" dreht an der Mietpreisschraube. (Cerberus & Co)
  • 05.12.2007: Der Riecher des Höllenhundes. (Cerberus)
  • Noch mehr Privatisierungs-Chaos   (16. Teil)   —   [Gesamt-Übersicht]

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    W O H N E N   I N   B E R L I N

    Mieterverein überprüft zu teure Wohnungen

    Etwa 4.000 Wohnungen in Berlin wurden auf ihre Mietpreise untersucht. Mehr als die Hälfte gelten als übertseuert. Haushalte werden dazu aufgefordert ihre "kleine Macht" durch Kündigung zu nutzen, solange sie noch besteht.

    Aus:
    Der Tagesspiegel, Berlin, 31. Oktober 2007, Seite 9 (Berlin) von CHRISTIAN VAN LESSEN. [Original]

    BERLIN (Tsp). Nach der heftigen Kritik am "preistreibenden" neuen Mietspiegel hat der Berliner Mieterverein gestern Berliner Haushalte aufgefordert, sich offensiv gegen Mietpreisüberhöhungen einzusetzen. Die Mieter sollten ihre Marktmacht nutzen, solange sie noch besteht, meinte gestern Hauptgeschäftsführer Hartmann Vetter zum Start der "Aktion Mietpreisüberprüfung" der Mieterorganisation.

    108.000 leere Wohnungen

    Informierte Mieter dürften weder Geld noch Rechte verschenken und sollten ihr "kleines Stück Macht" nutzen, in absehbarer Zeit könne es ganz anders aussehen, sagte Vetter. Wer beweglich genug sei, sollte eine überteuerte Wohnung kündigen und eine billigere gleichen Standards mieten. Noch sei dies möglich, aber es zeichne sich eine Trendwende ab, von 150.000 leer stehenden Wohnungen spreche niemand mehr, und der Wohnungsneubau sei fast gestoppt. Die Senatsbauverwaltung verwies gestern auf eine neue Leerstandserhebung mithilfe der Firma Vattenfall, die den Verbrauch der Stromzähler registrierte: Demnach stehen derzeit rund 108.000 Wohnungen länger als 6 Monate leer.

    Vetter erinnerte daran, dass es beim neuen Mietspiegel – er ermittelte in den letzten 2 Jahren durchschnittliche Steigerungen um 5,9 Prozent – zumindest auf "Teilmärkten" für Westneubauwohnungen auch Mietsenkungen bis über 10 % gegeben habe, bei Altbauten in einfacher Lage um weniger als 5 %s. Wohnungen, die 2003 pro Quadratmeter noch 12 Euro kosteten, seien heute für 7 Euro oder weniger zu haben, meint Vetter und nennt als Beispiel Wohnlagen in Karow.

    Kündigung als Waffe gegen zu hohe Mieten?

    Der schnelle, unproblematische Umzug dürfte nicht mehr an zu langen Kündigungsfristen scheitern; grundsätzlich könne in 3 Monaten ein unbefristetes Mietverhältnis gekündigt werden. Vetter warnte aber vor leichtfertigen Kündigungen, für viele Mieter gäbe es keine echte Alternative.

    Die letzte kostenlose Mietpreisüberprüfung des Vereins ergab, dass mehr als die Hälfte aller rund 4.000 kontrollierten Mieterhöhungen den ortsüblichen Vergleichswert überschritt. Mieter können in diesem Fall rechtliche Schritte einleiten. Für rund 1,2 Millionen Alt- und Neubauwohnungen gilt der Mietspiegel, ausgenommen ist der soziale Wohnungsbau.

    Mit einem frankierten Rückumschlag kann ein Überprüfungsbogen beim Berliner Mieterverein (Behrenstraße 1c, 10117 Berlin) angefordert werden. Fragebogen und Infos im Internet: www.berliner-mieterverein.de.



    G R U N D S Ä T Z L I C H E S

    Der privatisierte Staat

    Transkript der Radio-Sendung vom:
    InfoRadio des RBB, Berlin, 3. November 2007, 13.45 Uhr MEZ (Druck & Blog) von OLIVER REHLINGER. [Original]

    BERLIN (rbb). Privatisierungen von öffentlichen Dienstleistungen liegen im Trend, aber sie stoßen auf immer mehr Kritik. Jüngstes Beispiel: Die Debatte um die Privatisierung der Bahn. Mit ihrem Beschluss zur Volksaktie hat die SPD versucht, der angestrebten Privatisierung die Schärfe zu nehmen – nach dem Willen der Sozialdemokraten soll der Bahn-Konzern nur über den Verkauf stimmrechtsloser Vorzugsaktien privatisiert werden dürfen. Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee begründete den Beschluss so:

    "Wir werden ausschließen, dass die Heuschrecken sich der Strategie der Bahn bemächtigen. Die Vorzugsaktie hat den Vorzug, dass sie eindeutig ausschließt, dass das geschieht."

    Das Heuschrecken-Szenario einer privatisierten Bahn ist ein Beispiel für die Befürchtungen, die immer häufiger geäußert werden, wenn es um Privatisierungen geht, oder auch um neue Public-Private-Partnerships in Bereichen, die bislang unter nationalstaatlicher Kontrolle stehen. Zwei jüngst erschienene Artikel befassen sich mit den Fragen, die durch solche Strategien aufgeworfen werden – beide möchte ich heute vorstellen.

    DRUCK

    Im jüngsten Heft der Zeitschrift Universitas warnt der Verfassungsrichter Siegfried Broß vor den Folgen einer immer weitergehenden Privatisierung öffentlicher Aufgaben. Die oft verkündeten Vorteile der Privatisierung wie Kostenersparnis, größere Freiräume, mehr Verlässlichkeit, harrten noch des Nachweises, schreibt Broß. Darüber hinaus aber müsse sich der Staat an seine Verantwortung für die Daseinsvorsorge erinnern lassen, die sich aus dem Sozialstaatsprinzip des Grundgesetzes [Ed: Artikel 20 GG] ergebe: Diese Verantwortung privaten Dritten zu übertragen, die vom Staat nicht voll beherrscht werden können, verbiete sich – nicht zuletzt auch aus Selbsterhaltungsgründen:

    "Wenn sich der Staat fortwährend der Erfüllung öffentlicher Aufgaben dadurch entzieht, dass er substanzielle Teile von sich privatisiert und letztlich ungebunden durch private Dritte erfüllen lässt, dann sehe ich das Problem, dass sich der Staat letztlich selbst und – unabhängig von der Souveränität – seine Macht zur Selbstdefinition in Frage stellen könnte. Wofür steht er noch, wenn er sich selbst eines großen Teils seiner Substanz begibt?"

    Ohne diese Substanz, so argumentiert Broß, verliere der Staat einen großen Teil seiner Politikfähigkeit. Nicht er bestimme die Richtlinien der Politik, sondern demokratisch nicht legitimierte private Akteure. Diese aber seien nicht mehr steuerbar. Als Beispiel nennt der Verfassungsrichter u. a. den Einfluss internationaler Rating-Agenturen, die über ihre Bewertung privatisierter öffentlicher Schlüsselbereiche wie Verkehrsnetz oder auch Strafvollzug direkten Einfluss auf diese Bereiche gewinnen könnten und ihn zum Teil schon haben.

    "Man muss sich allen Ernstes fragen, (...) ob es nicht hoch an der Zeit ist, hier energisch gegenzusteuern und durch ein Überdenken der undifferenzierten Privatisierung öffentlicher Aufgaben jedenfalls die Schranken aufzurichten, die national aber auch gemeinschaftsrechtlich noch möglich sind."

    Weitere Gefahren sieht der Verfassungsrichter auch in der Haushaltsentwicklung: Die Privatisierung profitabler öffentlicher Aufgabenbereiche bringe den Staat um Einnahmen, andererseits würden die Ausgaben ausgeweitet. Schließlich könne der Staat auch erpressbar werden – Broß nennt als Beispiel hier u. a. die Energiewirtschaft, wo durch eine künstlich herbeigeführte Stromknappheit das Risiko von Stromausfällen bewusst in Kauf genommen werde.

    Bei all dem versteht sich der Text nicht als Pamphlet gegen die Privatisierung, sondern als Versuch, Kriterien für ein ausgewogenes Verhältnis zwischen staatlichem und privatem Sektor zu entwickeln. Welche staatlichen Aufgaben dürfen von Privaten wahrgenommen und welche nicht? Für den Verfassungsrichter ist die Gestaltungsfähigkeit des Staates das entscheidende Kriterium, deshalb seine Antwort auf die Frage, welche Aufgaben private Akteure übernehmen dürfen:

    "Nichts, was den Staat in Frage stellt und seine Souveränität beeinträchtigt oder gar beschränkt. Diese Prüfsteine gelten wegen des staatlichen Gewaltmonopols für die gesamte Gefahrenabwehr und für die elementaren Bereiche der Daseinsvorsorge."

    Schreibt Siegfried Broß [Ed: und das Wohnen in bezahlbaren Wohnungen gehört ganz klar zum elementarsten Bereich einer staatlichen Daseinvorsorge – oder sollen im 21. Jahrhundert viele Menschen unter Brücken schlafen...].

    Auch der zweite Aufsatz, den ich heute vorstelle, befasst sich mit Problemen der Privatisierung, allerdings anhand eines konkreten Beispiels: Der Aktivitäten der Bertelsmann-Stiftung. Der Bremer Sozialwissenschaftler Rudolph Bauer beschreibt diese Aktivitäten in seinem vor kurzem in den BLÄTTERN FÜR DEUTSCHE UND INTERNATIONALE POLITIK erschienenen Aufsatz "Global Player Bertelsmann". Detailliert geht Bauer den nationalen und internationalen Verflechtungen der Bertelsmann-Stiftung im Verein mit den Konzern-Aktivitäten nach, ihrer Lobby-Arbeit auch in politischen Entscheidungsgremien, und ihrem Engagement für die Privatisierung staatlicher Aufgaben. Vorläufiger Höhepunkt dieses Engagements: Die Übernahme der Verwaltung eines Regierungsbezirks in Nordengland durch eine Bertelsmann-Tochtergesellschaft. Bauers Resumée des Zusammenspiels von Konzern und Stiftung:

    "Diese, so hat es den Anschein, untergräbt einerseits die institutionellen Strukturen und Grundrechte demokratischer Entscheidungsfindung und Willensbildung in Deutschland. Andererseits bereitet sie Europa- und weltweit den Boden vor für die Etablierung und den ökonomischen Erfolg (...) des Global Players Bertelsmann."

    Wie stark beeinflussen solche Aktivitäten privater Wirtschaftsakteure und deren Stiftungen mit ihren Think Tanks nun wirklich staatliches Handeln? Ich habe darüber mit dem Soziologen Oliver Schwedes vom Wissenschaftszentrum Berlin gesprochen.

    Rehlinger: Sind Stiftungen als Ausdruck bürgerschaftlichen Engagements nicht zunächst etwas tief Demokratisches?

    Schwedes: Das ist völlig richtig. Stiftungen sind ja auch dem Gemeinwohl verpflichtet. Sie wurden, zumindest vom Bürgertum, immer als Ausdruck bürgerschaftlichen Engagements und sie haben sich ein Stück weit als Gegenmacht gegenüber dem Staat und seinen Eingriffen verstanden. Aber – und das ist eine genauso lange Tradition – die Kritik an den Stiftungen, an ihrem ambivalenten Charakter, einmal dem Gemeinwohl verpflichtet, auf der anderen Seite aber immer auch Ausdruck privater Interessen. Stiftungen waren oder sind ja in der Regel Gründungen von Einzelpersönlichkeiten, insbesondere Unternehmerpersönlichkeiten, die eine eigene Philosophie, ein eigenes Anliegen in diese Stiftung programmatisch einfließen lassen.

    Rehlinger: Aber diese Interessen lassen sich doch austarieren, oder nicht?

    Schwedes: Das ist genau die Frage. Da muss man glaube ich im Einzelfall immer genau hingucken, inwieweit das Gemeinwohlinteresse im Vordergrund steht oder inwieweit die privaten Interessen, die ja auch legitim sind, bis zu einer gewissen Grenze, inwieweit die dominieren.

    Rehlinger: Ab wann wird es gefährlich?

    Schwedes: Ich denke, das hängt letztendlich davon ab, inwieweit bestimmte Partikularinteressen, wie sie zum Beispiel von einzelnen Persönlichkeiten, vermittelt über ihre Stiftungen gesamtgesellschaftlich artikuliert werden, inwieweit die dominieren und programmatische und realpolitische Entwicklungen bestimmen.

    Rehlinger: Wie funktioniert eine solche Bestimmung realpolitischer Entwicklungen? Wie funktioniert solche Einflussnahme?

    Schwedes: Da müssten wir vielleicht wirklich auf die Bertelsmann-Stiftung zu sprechen kommen, weil sie auf der einen Seite zwar eine Stiftung unter vielen ist, auf der anderen Seite aber doch eine sehr exponierte Position hat, an der man sehr schön deutlich machen kann, wann die Probleme der Einflussnahme vermittelt über Stiftungen beginnen. Die Bertelsmann-Stiftung hat eine herausgehobene Stellung, insofern als das sie eben als Unternehmensstiftung, formaljuristisch zwar Bürgerstiftung, praktisch aber Unternehmensstiftung eines der weltweit größten Medienkonzerne, ökonomisch über ungeheure Ressourcen verfügt, das zum Einen. Dann aber über das Medienunternehmen Einfluss nimmt in verschiedenen politischen Gremien, in Institutionen, bei Persönlichkeiten, politischen Persönlichkeiten.

    Rehlinger: Nun könnte man ja sagen, die Politik macht sich das zunutze. Das ist sozusagen ein Beratungsapparat neben vielen anderen und gar nicht gefährlich.

    Schwedes: Richtig, Politikberatung hat es immer gegeben. Und da das immer schon unter dem Stichwort Lobbying viele Akteure gemacht haben, könnte man sagen, ist das nichts Besonderes. Aber aufgrund der exponierten Stellung der Bertelsmann-Stiftung und ihrer besonderen Einflussnahme, denke ich, verdient das besondere Aufmerksamkeit.

    Rehlinger: Hätten Sie da einen Bereich, wo sich das besonders zeigt?

    Schwedes: Ich habe mir das die letzten 10 Jahre kontinuierlich angeguckt im Bereich der Bildungspolitik und habe mir da angesehen, wie über einen Zeitraum von 10 Jahren die Bertelsmann Stiftung hier systematisch Agenda-Setting betrieben hat, indem sie zum Beispiel verschiedene Institutionen gegründet hat, teilweise in Kooperation mit öffentlichen Einrichtungen, teilweise in Kooperation mit Kultusministerien der Bundesländer etc. pp. Denken wir nur an das Zentrum für Hochschulentwicklung, was die Bertelsmann Stiftung Mitte der 90er Jahre schon gegründet hat und was so ein bisschen auch als das geheime Bildungsministerium gilt, einfach aufgrund der Tatsache, dass es so starken Einfluss genommen hat auf die Bildungsreform-Debatten der letzten 10 Jahre.

    Rehlinger: In welche Richtung geht das? Was sind die Ziele?

    Schwedes: Ich denke, dass sich da sehr deutlich macht, dass es sich eben um eine Unternehmens-Stiftung handelt, von einem Unternehmertypen gegründet, der sagt, die Philosophie Wettbewerb in allen gesellschaftlichen Teilbereichen einzuführen, ökonomische Effizienz einzuführen, das löst so ziemlich alle Probleme und führt zu Wohlstand für alle. Das ist gewissermaßen diese ökonomische Philosophie, die die Bertelsmann Stiftung in allen Themenfeldern, in denen sie aktiv ist, und es gibt glaube ich kein gesellschaftspolitische relevantes Themenfeld mehr, in dem sie nicht aktiv ist, diese Philosophie möchte sie überall einführen.

    Rehlinger: Nun scheinen ja staatliche Lenkungsgremien durchaus ein Interesse an zunehmender Effizienz zu haben, in Großbritannien hat eine Bertelsmanntochter die Government Services, die Verwaltung eines ganzen Regierungsbezirkes übernommen – was passiert hier? Wird der Staat hier nur entlastet oder ist das mehr?

    Schwedes: Man muss die Bertelsmann Stiftung auch im gesamtgesellschaftlichen Kontext sehen. Das heißt also auch, in den Entwicklungen, in den Veränderungen, in den Umwälzungen, die in den letzten zwanzig, dreißig Jahren stattgefunden haben. Und die natürlich dazu geführt haben, dass man feststellt, der Staat steht gewissermaßen zur Disposition, öffentliche Einrichtungen jeglicher Art stehen zur Disposition, insbesondere der gesamte öffentliche Bildungssektor. Insofern reagiert die Bertelsmann Stiftung auf einen Reformbedarf, und sie muss auch nicht hausieren gehen mit ihren Konzepten, sondern sie wird auch gerufen, so dass auch öffentliche, insbesondere staatliche Einrichtungen die Bertelsmann Stiftung auch einladen, mit ihren Konzepten Reformen anzustoßen. Und ich denke, dass man das nur vor dem Hintergrund des Legitimitätsverlustes öffentlicher Einrichtungen, die hoffen, wenn die Bertelsmann Stiftung sagt, wir gehen euch jetzt das Siegel ökonomischer Effizienz, wir haben euch evaluiert und sind hier zu positiven Ergebnissen gekommen, dann gewinnen auch diese öffentlichen Einrichtungen an Legitimation, die ihnen in der Vergangenheit verloren gegangen ist.

    Rehlinger: Der Verfassungsrichter Siegfried Broß schreibt in seinem Aufsatz: "Mit der Privatisierung öffentlicher Aufgaben gehe der Verlust der Souveränität von Staaten einher." Würden Sie soweit gehen?

    Schwedes: Das ist für mich evident. Wir stellen einfach fest, seit einigen Jahrzehnten im Grunde, und in den letzten 10 Jahren verstärkt, dass öffentliche Einrichtungen privatisiert werden und damit der öffentlichen Einflussnahme über Politik verloren gehen.

    Rehlinger: Ist das eine Entwicklung mit der wir uns abfinden müssen oder bedeutet das den Aufruf zu handeln, Grenzen zu setzen?

    Schwedes: Wir müssen erstmal zur Kenntnis nehmen, dass sich die Aufgaben des Staates sicherlich wandeln und es stellt sich die Frage, wie er in Zukunft Einfluss nehmen kann. Sicherlich nicht mehr wie in der Vergangenheit. Ich würde sagen, dass die Bedeutung der Zivilgesellschaft zunimmt, weiterhin zunehmen wird, auch das ein, sagen wir mal, Megatrend, mit dem man sich auseinander setzen muss, und vor dem Hintergrund stellt sich dann allerdings die Frage, wie der Staat Einflussnahme reorganisieren kann. Zurzeit verliert er sie nur, wir müssen uns, glaube ich, verstärkt darüber Gedanken machen, wenn wir einseitig private Einflussnahme problematisieren, wie wir da staatliche Einflussnahme reartikulieren können.

    Rehlinger: Sehen Sie auf Seiten der Nationalstaaten Bemühungen in diese Richtung?

    Schwedes: Im Moment ehrlich gesagt, nicht. Diese Überzeugung, dass diese ökonomische Philosophie auch für das Gemeinwohl positive Beiträge zeitigen wird, das hat die Bertelsmann Stiftung mit ihrem Agenda-Setting erreicht, dass da weite Teile der Bevölkerung und des politischen Spektrums mittlerweile von überzeugt sind. Es gibt Anzeichen, dass das ein bisschen relativiert wird, aber ich sehe ehrlich gesagt noch keine überzeugenden Entwicklungen, Konzepte, die dagegenhalten zurzeit.

    Soweit der Soziologe Oliver Schwedes vom Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in Berlin.

    BLOG

    Unter Bloggern herrscht eine eher ausgewogene Diskussion zu den Themen Privatisierung staatlicher Aufgaben und die Rolle der Bertelsmann-Stiftung. Auf der Seite Think Tank Alert lesen wir:

    "Dass die Bertelsmann Stiftung für "Wettbewerb, Ökonomisierung und Privatisierung" stehe, ist kein Sündenfall der Politikberatung. Schließlich sind kostengünstige und effiziente Sozialsysteme ein legitimes Ziel der Verwaltung."

    Anders hört es sich einem Artikel an, den Jens Wernicke für Telepolis geschrieben hat:

    "Das Rezept der allgegenwärtigen gemeinnützigen Stiftung ist stets das Gleiche: Die Gesellschaft soll wie ein Unternehmen geführt werden."

    Und im Odenwald Magazin schreibt ein Blogger: Wenn private Firmen hoheitliche Aufgaben übernehmen wollen, erodiere das die Demokratie – gerade auf dem empfindlichen Feld "Sicherheit":

    "Ich halte die Privatisierung sicherheitstechnischer und militärischer Bereiche und Aufgaben für eine gefährliche Tendenz und ein Siebenmeilenstiefelschritt in eine chaotisch-totalitäre Welt. Wer kontrolliert private Kontrolleure?!?"



    H E U S C H R E C K E N

    Das Ende des Übernahmerauschs

    [Ed: Eine Folge der amerikanischen Hypotheken-Krise vom Sommer 2007].

    Aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. November 2007, Seite 23 (Hintergrund – Private Equity) von DANIEL SCHÄFER. [Original]

    Noch vor einigen Monaten schien das Undenkbare machbar: Große Konzerne wie Siemens, Daimler oder Continental wurden von amerikanischen und britischen Beteiligungsgesellschaften mit gierigem Blick beäugt. Es gab schon Sandkastenspiele für ihre Übernahme. Der Gründer des amerikanischen Beteiligungsfonds Blackstone, Stephen Schwarzman, war nach eigener Aussage nicht allzu weit davon entfernt gewesen, ein 50 Milliarden Dollar teures Dax-Unternehmen zu kaufen. Doch seit 3 Monaten ist der Goldrausch der Firmenjäger vorbei. Durch ihr Treiben haben die großen Finanzinvestoren eine Kreditblase aufgepumpt, die nun geplatzt ist. Die Banken bleiben auf Krediten sitzen, die sie den Firmenjägern zugesagt haben.

    Eigentlich ist Beteiligungskapital nichts anderes als eine Art der Unternehmensfinanzierung. Der Anglizismus „Private Equity“ steht für privates Eigenkapital und gilt als Gegenstück zu dem öffentlich an Börsen gehandelten Eigenkapital der Aktiengesellschaften. In Deutschland wird Private Equity meist gleichgesetzt mit großen Unternehmenskäufen, im amerikanischen Raum dagegen werden auch Wagniskapital und Minderheitsbeteiligungen an größeren Wachstumsunternehmen dazugezählt.

    Schnäppchenjagd in Deutschland

    In den vergangenen Jahren haben sich die außerbörslichen Beteiligungskapitalgeber in Deutschland eine Vielzahl von Firmen einverleibt. Aus der Obhut großer Konzerne, von Gründerfamilien oder der Börse wechselten beispielsweise die hinter dem Grünen Punkt, den Märklin-Eisenbahnen und den Brillengläsern von Rodenstock stehenden Unternehmen in den Besitz zumeist angloamerikanischer Beteiligungsgesellschaften. Dadurch hat sich Beteiligungskapital zu einem der größten deutschen Arbeitgeber gemausert. Nach Zahlen des Bundesverbands Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) beschäftigten von Private Equity finanzierte Firmen im Jahr 2006 mehr als 960.000 Mitarbeiter mit einem Umsatz von 188,5 Milliarden Euro.

    Bis vor kurzem konnten sich die zeitweiligen Herrscher der Finanzmärkte ihre Schnäppchenjagd in Deutschland locker leisten. Mehr als 6000 Beteiligungsfonds gibt es weltweit, die schätzungsweise 1,3 Billionen Dollar Eigenkapital im Köcher haben. Nach Zahlen des britischen Forschungsinstituts Preqin versuchen in diesem Jahr mehr als 1000 Fonds, gut 600 Milliarden Dollar an neuem Kapital einzuwerben. Doch einige dürften angesichts der jüngsten Verwerfungen auf den Kapitalmärkten damit wohl scheitern. Durch die Krise wird sich nach Ansicht von Beobachtern die Spreu vom Weizen trennen – die erfolgreichsten Fonds erhalten weiterhin Geld, für die nur mäßig guten wird es schwierig.

    Nicht alle leiden unter dem Abschwung

    Die Branchengröße Blackstone denkt ungeachtet der Finanzmarktturbulenzen schon wieder ans Geldeinsammeln – auch dieses Mal könnten Rekordsummen im Spiel sein, allerdings möglicherweise verteilt auf einige regionale und branchenorientierte Fonds. Erst im vergangenen Jahr hatte Blackstone mit 21,7 Milliarden Dollar einen neuen Rekordfonds auf die Beine gestellt. Dabei hat die Gesellschaft ebenso wie wichtige Wettbewerber wie Kohlberg Kravis Roberts & Co. (KKR), die Texas Pacific Group, Permira, Apax oder Apollo den Vorgängerfonds mehr als verdoppelt.

    Eigenkapital ist zwar noch in Hülle und Fülle da. Aber die Einkaufsmacht der großen Finanzinvestoren nimmt dennoch dramatisch ab. Denn sie finanzieren ihre Übernahmen meist zu mehr als zwei Dritteln mit Schulden. Diese Kredite werden nach dem Erwerb dem gekauften Unternehmen aufgebürdet. Die Banken sitzen aber auf mehr als 300 Milliarden Dollar an Übernahmekrediten, die sie am Markt nur allmählich loswerden. Daher sind sie derzeit selten bereit, neue Darlehen auszugeben. Übernahmen im Volumen von mehr als 1 Milliarde Euro sind kaum mehr möglich. Laut dem Datenanbieter Thomson Financial ist die Finanzierung solcher Übernahmen zwischen Juli und Oktober in Europa gänzlich eingebrochen. Käufe im Wert von einer halben Milliarde Euro oder darunter gibt es dagegen weiterhin häufig. Die auf diesem Feld aktiven Finanzinvestoren haben die Zeit der Übertreibungen nicht mitgemacht und leiden nun nicht unter dem Abschwung.

    Ein Element des Wirtschaftskreislaufs

    Die These, der Markt für große Übernahmen durch Finanzinvestoren drohe zu überhitzen, kursierte schon länger. Jedoch hatte niemand ernsthaft damit gerechnet, dass ausgerechnet die Schwierigkeiten wenig betuchter amerikanischer Hauskäufer die Kreditmaschine zum Stoppen bringen würden. Doch die in Bankkreisen „Subprimemania“ genannte Krise drehte die Stimmung gänzlich. Auf einmal ist „Risiko“ für die Anleger kein Fremdwort mehr und die Zeit des billigen Geldes vorbei. Investmentbanker und Beteiligungsmanager hofften zwar anfangs darauf, dass kein Einbruch, sondern lediglich eine Normalisierung des Marktes bevorstehe. Doch das entpuppte sich alsbald als reiner Zweckoptimismus. Die Zeichen für einen dauerhaften Abschwung sind allgegenwärtig. Der stetige Kapitalstrom in Hedge-Fonds und Spezialanleihen wird immer dünner. Die Banken halten das Heft wieder fester in der Hand und werden restriktiver in der Kreditvergabe an Hedge-Fonds und Beteiligungsgesellschaften. Für die großen Beteiligungsfonds wird das Geschäft schwieriger.

    In Deutschland fehlen ohnehin die ganz großen Fonds. Denn das Geschäft mit der Bereitstellung von Eigenkapital für Unternehmen war hierzulande lange Zeit ein Zubrot für deutsche Banken und Versicherungen. Sie investierten einen Bruchteil ihrer Anlagegelder direkt in Unternehmensbeteiligungen. Selbständige Fondsgesellschaften, wie sie in Nordamerika und Großbritannien seit Jahrzehnten Usus sind, gab es so gut wie nicht. Im angloamerikanischen Raum indes sind die Fonds seit den Zeiten der aggressiven Firmenjäger in den achtziger Jahren zu einem Element des Wirtschaftskreislaufs avanciert. Gesellschaften wie Carlyle oder Warburg Pincus speisen sich aus den sprudelnden Geldquellen wie Pensionsfonds, Versicherungen, Stiftungen oder reichen Privatleuten.

    Asien rückt in den strategischen Blick

    Die deutschen Gesellschaften backen kleinere Brötchen. Die Ausnahme ist der Private-Equity-Arm der Allianz, die Allianz Capital Partners. Sie hat – jedoch bislang fast ausschließlich aus Geldern des Konzerns – auch in größere Unternehmensbeteiligungen wie der Druckmaschinensparte von MAN investiert. Ansonsten verfügen die größten Gesellschaften wie Odewald oder die Deutsche Beteiligungs-AG über Fonds mit weniger als 1 Milliarde Euro. Der Grund: Dank des umlagefinanzierten Rentensystems fehlt es hierzulande an finanzstarken Pensionskassen als Investoren. Auch kapitalkräftige Stiftungen sind rar. Während in Amerika bekannte Pensionsfonds wie die der Universitäten Harvard oder Yale 15 bis 30 Prozent ihres Anlagegeldes Private Equity anvertrauen, investieren die deutschen Versicherungskonzerne noch nicht einmal 1 Prozent in diese Anlageklasse.

    Trotz der jüngsten Finanzkrise sind die Finanzinvestoren zu einem dauerhaften Teil des deutschen Wirtschaftskreislaufs avanciert. Beteiligungskapitalgeber kaufen Unternehmen und versuchen, binnen einiger Jahre deren Wert zu steigern, um sie dann mit hohen zweistelligen Renditen abzustoßen. Sie besitzen hierzulande immer noch große Unternehmen wie Pro Sieben Sat.1, den Yachthersteller Bavaria oder die Pharmasparte von Altana. Und sie nehmen den Konzernen nicht mehr geliebte Sparten ab, wie die Aufspaltung des Autoherstellers Daimler-Chrysler in diesem Jahr beweist. Abnehmer des amerikanischen Herstellers Chrysler war der Finanzinvestor Cerberus.

    Derzeit rückt zwar Asien in den strategischen Blick der Firmenjäger, denn der Markt dort wächst rasant, und zuletzt kauften die Beteiligungsfonds dort einige größere Unternehmen. Doch man wird sich in Deutschland an die Präsenz der Finanzinvestoren dauerhaft gewöhnen müssen. Bedarf für vernünftig eingesetztes Beteiligungskapital wird es immer geben. [Grafik]



    Die Heuschrecken langten wieder zu

    Aus:
    Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. November 2007, Seite 23 (Private Equity). [Original]

    Die größten Übernehmen in Deutschland 2007
    ^   Die größten Übernehmen in Deutschland durch Private-Equity-Fonds in 2007. Im Vergleich zu Großbritannien und Schweden haben diese „Heuschrecken“ in Deutschland noch recht wenig investiert, aber dennoch für viele Menschen reichlich Unheil angerichtet. Und wer bezahlt eigentlich die gegenüber dem Sparbuch fast 5-fach so hohe Rendite?   (Grafik: 10.2007 – FAZ)



    P R I V A T I S I E R U N G

    Wohnungsverkauf an Mieter funktioniert nicht

    Es ist noch nicht lange her, da priesen Finanzinvestoren das immense Potenzial der Mieterprivatisierung in Deutschland. Relativ günstige Preise und niedrige Zinsen sollten den Erwerb der eigenen vier Wände auch Geringverdienern ermöglichen. Doch das Geschäft mit dem Verkauf von Wohnungen an ihre Nutzer funktioniert in Deutschland nicht [Ed: kein Wunder – wer kauft schon (s)eine Wohnung von einer Heuschrecke...].

    Aus:
    Handelsblatt, Düsseldorf, 18. November 2007, 10.02 Uhr MEZ (News) von A. WIKTORIN und R. REICHEL. [Original]

    FRANKFURT / DÜSSELDORF. "Es könnt' alles so einfach sein", texten Deutschlands Hip-Hop-Pioniere "Die Fantastischen Vier" und resignieren: "Isses aber nicht". Ein Refrain, wie gemacht für hiesige Wohnungsunternehmen und ihre Gesellschafter. Denn noch vor nicht allzu langer Zeit priesen insbesondere ausländische Finanzinvestoren, die in großem Stil Wohnungsbestände oder gleich ganze Unternehmen erworben hatten, das angeblich immense Potenzial der sogenannten Mieterprivatisierung in Deutschland.

    Die Argumentation klang wirklich überzeugend: Im europäischen – und weltweiten – Vergleich ist die inländische Wohneigentumsquote mit rund 40 Prozent noch gering. Weil zudem die Renten alles andere als sicher sind, werde, so das Kalkül, Wohneigentum auch als Instrument zur Altersvorsorge immer mehr an Bedeutung gewinnen. Vergleichsweise günstige Kaufpreise und historisch niedrige Zinsen schließlich sollten den Erwerb der eigenen Mietwohnung auch Geringverdienern ermöglichen und ganz neue Käuferschichten erschließen.

    Doch die Erfahrung zeigte: So einfach ist es eben nicht. Die Verkaufszahlen blieben weit hinter den Erwartungen zurück. Die meisten großen, von internationalen Finanzinvestoren erworbenen deutschen Wohnungsgesellschaften haben deshalb ihre Blütenträume weitgehend begraben. Darunter ist auch die Berliner GSW, die das Land Berlin 2004 an ein Investoren-Konsortium aus Cerberus und dem Goldman-Sachs-Fonds Whitehall verkauft hatte. "In diesem Jahr werden wir nur rund 500 Wohnungen privatisieren, ein Viertel dessen, was wir in den beiden vorangegangenen Jahren verkauft haben", beschreibt Thomas Zinnöcker, Vorsitzender der GSW-Geschäftsführung, die Situation. Ein vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag des Zentralen Immobilien Ausschusses (ZIA) erarbeitetes Gutachten geht nun den Fragen nach, wie groß das Interesse von Mietern denn eigentlich ist, die eigene Wohnung zu erwerben und was sie daran hindert, dies zu tun. Die Ergebnisse der in dieser Woche vorgelegten Studie dürften Wohnungsgesellschaften nicht gerade ermutigen: Nur 8,7 Prozent der befragten Mieter gaben an, ihre Wohnung gern kaufen zu wollen. 83 Prozent lehnten dies rundweg ab.

    "Vor allem sorgen sich Mieter darum, die Finanzierung nicht schultern zu können", sagt der Autor der Studie, Michael Voigtländer von der IW-Forschungsstelle Immobilienökonomik. Kein Wunder, mehr als 60 Prozent der befragten Mieter müssen pro Haushalt und Monat mit weniger als 1.750 Euro netto auskommen. Doch ist die Entscheidung gegen den Kauf nicht nur finanziell motiviert: Auch ein schlechtes – und sich verschlechterndes – soziales Umfeld schreckt Mieter ab [Ed: und das ganz real beobachtete Geschäftsgebaren von Heuschrecken-Unternehmen]. ZIA-Vorstandsmitglied Walter Klug will die Ergebnisse der Studie dennoch nicht als Absage an die Mieterprivatisierung verstanden wissen. Im Gegenteil: "Das Potenzial ist da, die Unternehmen müssen nur noch innovativer werden." Die Übernahme etwa der Kaufnebenkosten sei ein möglicher Anreiz, ebenso das Angebot, im Fall von Arbeitslosigkeit die Wohnung zurück zu kaufen oder bei der späteren Weitervermietung zu helfen.

    Manfred Sydow, Mitglied des Vorstands des Bremer Wohnungsunternehmens Gewoba AG, befürchtet indes etwas anderes: Weil die Erträge aus der Privatisierung ausbleiben, werde der Rotstift gezückt. "Und wo sie wirklich sparen können, ist bei der Instandhaltung und bei langfristigen städtebaulichen Investitionen."



    G E L D N Ö T E

    Finanzinvestor Cerberus bläst Milliardenprojekte ab

    Finanzinvestor in Geldnöten: Der US-Beteiligungsriese Cerberus bläst gleich mehrere Milliardenprojekte ab oder verschiebt sie auf später. Hintergrund ist die weltweite Kreditkrise, die die ganze Branche extrem belastet.

    Aus:
    Spiegel Online – 20. November 2007, ??.?? Uhr MEZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

    NEW YORK/LONDON (ase/dpa). Cerberus hat Ärger: Der Finanzinvestor – eine der weltgrößten Beteiligungsgesellschaften – will die Übernahme des größten US-Maschinenvermieters United Rental abblasen und lediglich eine Vertragsstrafe von 100 Millionen Dollar zahlen. United Rental will da aber nicht mitmachen und reichte kurzerhand im US-Bundesstaat Delaware Klage ein, um die Erfüllung des Vertrags gerichtlich zu erzwingen.

    Und das ist nicht der einzige Deal, bei dem Cerberus jetzt abspringt. Auch die Pläne für den Kauf der britischen Northern Rock dürfte Cerberus laut der Londoner Tageszeitung "The Times" gestrichen haben. Northern Rock war im Rahmen der weltweiten Finanzkrise an den Rand des Zusammenbruchs geraten, seitdem wird ein Käufer gesucht.

    Der Grund für die Probleme bei Cerberus seien vor allem hohe Belastungen durch die 51-prozentige Beteiligung an GMAC, der ehemaligen Finanzierungssparte des Autobauers General Motors , heißt es in dem "Times"-Bericht.

    Auch bei der Refinanzierung der im Sommer erfolgten Übernahme des Autobauers Chrysler kämpft die Private-Equity-Firma Medienberichten zufolge mit neuen Problemen. Der für diese Woche geplante Verkauf von Krediten in Höhe von 4 Milliarden Dollar müsse verschoben werden, berichtete das "Wall Street Journal". Cerberus finde bislang nicht genug Käufer für die Kreditpapiere.

    Die Finanzmarktkrise hat das vor einem halben Jahr noch boomende Geschäft mit Übernahmen in Milliardenhöhe deutlich erschwert. Auch eine Reihe anderer prominenter Finanzinvestoren will sich aus bereits vereinbarten Käufen zurückziehen oder den Preis neu verhandeln.



    P R I V A T E   E Q U I T Y

    Die Finanzinvestoren kriegen kalte Füße

    Aus:
    Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. November 2007, Seite 26 (Wirtschafts-Kommentar) von DANIEL SCHÄFER. [Original]

    Die Krise auf den Kreditmärkten hat absurde Folgen: Per Gerichtsbeschluss will der amerikanische Beteiligungsfonds Cerberus verhindern, dass er einen Baumaschinenverleiher namens United Rentals übernehmen muss. Verkehrte Welt, mag man meinen.

    Große Beteiligungsgesellschaften haben in den vergangenen Jahren gar nicht genug Unternehmen kaufen können – "immer größer, schneller und spektakulärer" lautete die Devise der vor Geld strotzenden Firmenjäger.

    Die Banken knausern

    Nun aber bekommen die Finanzinvestoren kalte Füße, weil die Banken ihnen kein Geld mehr leihen wollen. Doch die Manager der Kaufobjekte wollen sie so leicht nicht aus der Verantwortung lassen. Die Vorstände haben im Übernahmerausch der vergangenen Jahre erkannt, dass sie unter der Ägide eines Beteiligungsfonds weitaus mehr verdienen können und dabei nicht mehr dem kritischen Licht der Öffentlichkeit ausgesetzt sind.

    Wer wie United Rentals den Wert des Unternehmens nicht aus eigener Kraft steigern konnte, der heizte den Aktienkurs einfach an, indem er sich flugs selbst zum Verkauf stellte. Diese Zeiten sind angesichts der Kreditkrise vorbei. Die Zeit der Rechtsstreitigkeiten dürfte dagegen gerade erst begonnen haben. [Cerberus ruft das Gericht zu Hilfe]



    H E U S C H R E C K E N   A T   W O R K

    Bawag: Ausverkauf läuft auf Hochtouren

    Die Bawag macht unter ihrem neuen Eigentümer, dem US-Investmentfonds Cerberus, mächtig Tempo beim Abverkauf ihres Familiensilbers.

    Aus:
    Wiener Zeitung, Wien, 29. November 2007, Seite ?? (Unternehmen). [Original]

    WIEN. Die Bawag macht unter ihrem neuen Eigentümer, dem US-Investmentfonds Cerberus, mächtig Tempo beim Abverkauf ihres Familiensilbers. Nachdem sich die frühere Gewerkschaftsbank erst vor kurzem von ihren Anteilen an den Lotterien und dem Fernsehsender ATV getrennt hat, geht es nun Schlag auf Schlag weiter.

    Am Donnerstag [29.11.2007] gab die Bawag bekannt, dass sie beim Verkauf von Bösendorfer mit dem japanischen Weltkonzern Yamaha exklusive Verhandlungen aufgenommen habe. Damit sind die Weichen für Yamaha als neuen Eigentümer des renommierten, aber defizitären Wiener Klaviererzeugers gestellt. Schon in Kürze sind die Unterschriften unter dem Kaufvertrag zu erwarten. Das österreichische Konsortium rund um das Klavierhaus Brodmann geht offensichtlich leer aus.

    Bereits besiegelt ist der Verkauf der Top-Immobilien der Bawag. Den Zuschlag für die begehrten Liegenschaften (darunter die Bawag-Zentrale in der Wiener Innenstadt) erhielt die Signa Holding des Tiroler Investors Rene Benko. Obwohl Benko die Immobilien weit unter ihrem Wert erworben haben soll, zeigt sich Bawag-Chef Ewald Nowotny mit dem Deal zufrieden. Anfang 2008 wird die Bank unter Nowotnys Nachfolger, David Roberts, ein weiteres Immobilien-Paket auf den Markt bringen.



    H E U S C H R E C K E N   A T   W O R K

    „Jade“ dreht an der Mietpreisschraube

    Die Wohnungsbaugesellschaft Jade erhöht zum 1. Januar kräftig die Mieten. Rund 670 Wohnungen im Wiesenhof und Europaviertel sind betroffen. Der Unmut der Mieter ist groß.

    Aus:
    Wilhelmshavener Zeitung, 30. November 2007, Seite ?? (Wilhelmshaven) von CLAUDIA EHRECKE-SCHIMANSKI. [Original]

    WILHELMSHAVEN. Vor wenigen Wochen flatterte Klaus Spies ein Brief von der „Jade“ ins Haus. Doch statt netter Weihnachtsgrüße wurde ihm eine saftige Mieterhöhung mitgeteilt. Ab dem 1. Januar soll der 68-Jährige für seine 71 Quadratmeter große Wohnung im Europaring monatlich 30 Euro mehr Grundmiete zahlen – also 310,90 Euro statt bislang 280,90 Euro. Ein Plus von knapp 11 Prozent. Warm kostet ihn dann die Dreizimmerwohnung monatlich 527 Euro.

    „Erst 2004 wurde die Miete um fast 40 Euro erhöht. Die jetzige Preisrunde mitgerechnet, macht das in 5 Jahren eine Mietpreiserhöhung um sagenhafte 28,95 Prozent“, rechnet Spies vor. „Da fragt man sich doch, in welchem Tempo das wohl weitergeht und wie lange man noch hier wohnen bleiben kann.“

    Die Forderung der „Jade“ hält der Rentner für viel zu hoch. „Meiner Meinung nach nutzt die „Jade“ ihre marktbeherrschende Stellung in Wilhelmshaven brutal dafür aus, höchstmögliche Mieterhöhungen durchzusetzen. Der kleine Mann soll die Renditen für die Global Player zahlen“, schimpft er.

    Hintergrund: Im Jahr 2000 verkaufte die Stadt Wilhelmshaven ihre Wohnungsbaugesellschaft „Jade“ mit den mehr als 7000 Wohnungen an ein Tochterunternehmen der Deutschen Bank. Dieses wiederum verhökerte es an die amerikanische Fondmanagementgruppe Cerberus. Seit Mai 2006 hat die „Jade“ wieder einen neuen Besitzer, die australische Investmentgesellschaft Babcock & Brown. Das Ziel aller 3 Eigentümer: maximaler Profit.

    Spies ist nicht der einzige „Jade“-Mieter, der ab Januar mehr fürs Wohnen blechen soll. Der Unmut bei seinen Nachbarn, alles langjährige Mieter, sei groß, erzählt der 68-Jährige. Erst habe man überlegt, sich gemeinsam gegen die Erhöhung zu wehren, „aber die Leute haben Angst, sich zu outen“. Stattdessen hätten viele der Erhöhung mittlerweile zähneknirschend zugestimmt.

    Doch Spies bleibt dabei: „Nach marktwirtschaftlichen Gründen ist die Erhöhung nicht gerechtfertigt, sondern willkürlich festgelegt worden, und das Fehlen eines amtlichen Mietspiegels unterstützt diese Vorgehensweise auch noch.“

    Alois Klene, einer der drei Geschäftsführer der Wobau Jade, versucht, das Drehen an der Preisschraube zu rechtfertigen. Betroffen seien die Mieter von rund 670 Wohnungen, insbesondere im Europaviertel und im Wiesenhof. Diese Wohnungen seien jahrzehntelang vom Bund gefördert worden. Die Mieter zahlten nur geringe Mieten. Der Quadratmeterpreis habe „teilweise bei unter 2 Euro“ gelegen, sagt Klene. Ende 2003 habe die „Jade“ diese „Förderarie“ beendet. „Wir wollten gerne höhere Mieten haben“, gibt der Geschäftsführer freimütig zu.

    2004 wurde das erste Mal erhöht, jetzt das zweite Mal. Dieses Mal verlange man maximal 30 Euro monatlich mehr. „Das ist ’ne Menge Geld, aber die Mieten kommen ja auch aus dem Keller“, so Klene. Er schließt weitere „Anpassungen“ nicht aus. Willkürlich aber würden die Mieten nicht erhöht. „Wir halten uns da an die gesetzlichen Grundlagen.“ In Fällen, wo der Mieter der Preisanpassung widerspreche, werde das Amtsgericht bemüht. „In 98 von 100 Fällen bekommen wir Recht“, sagt Klene.



    C E R B E R U S

    Der Riecher des Höllenhundes

    Als Investor, der auf Notverkäufe spezialisiert ist, hat sich Cerberus einen Namen gemacht. Jetzt lässt der dreiköpfige Höllenhund einige traditionelle Übernahmen fallen. Das ist klug, besonders wenn der Bereich Notverkäufe viel versprechender aussieht. Aber die Anleger sollten hoffen, dass der Höllenhund dieses Mal einen besseren Riecher für Schnäppchen an den Tag legt als bei GMAC.

    Aus:
    Handelsblatt, Düsseldorf, 5. Dezember 2007, 8.31 Uhr MEZ (Breakingviews-Kommentar) von LAUREN SILVA. [Original]

    Es steht nicht zum Besten bei Cerberus Capital Management. Die Übernahme-Firma, die ihren Namen von dem dreiköpfigen Hund ableitet, der die Pforte zur Hölle bewacht, hat sich auf Notverkäufe spezialisiert und sich so eine Nische geschaffen. Jetzt dreht das Unternehmen einer Handvoll traditioneller Übernahmen den Rücken zu. In einer Branche, die stolz darauf ist, ihre Deals durchzuziehen, ist das für den Ruf der Firma nicht gerade zuträglich.

    Aber müssen sich die Investoren jetzt Sorgen machen? Nicht unbedingt. Es ist klug, wenn Cerberus noch nicht abgeschlossene Offerten noch einmal überdenkt, wenn sie heute schlechter aussehen als noch vor ein paar Monaten. Das trifft ganz besonders dann zu, wenn man bedenkt, dass die wirtschaftlichen Aussichten kaum rosig zu nennen sind und die traditionelle Nische von Cerberus die Umstrukturierung ist. Das Unternehmen könnte auf ein paar günstige Gelegenheiten warten. Trotzdem sollten die Investoren hoffen, dass der Höllenhund jetzt einen besseren Riecher für Schnäppchen hat als in jüngster Zeit.

    Cerberus hat sich bei einigen Abschlüssen wirklich erfolgreich gegen die Marktbewegungen abgesichert. Als der Investor zum Beispiel im April zugestimmt hatte, die Hypothekentochter Option One von H&R Block zu kaufen, hat er sich nicht auf einen genauen Preis festlegen lassen. Stattdessen hat er sich bereit erklärt, bei Abschluss der Transaktion den Buchwert abzüglich 300 Mill. Dollar zu zahlen. Das sieht jetzt sehr clever aus, denn die Probleme auf dem Markt für US-Hypothekendarlehen zweitklassiger Bonität haben sich so verdichtet, dass Option One praktisch wertlos geworden ist. Zudem wurde mit United Rentals eine Gebühr für den Abbruch der Transaktion über 100 Mill. Dollar ausgehandelt, so dass Cerberus zahlen und gehen kann. Genau das versucht das Unternehmen jetzt.

    Das bedeutet allerdings nicht, dass Cerberus im vergangenen Jahr ungeschoren davon gekommen ist. Es irritiert ein wenig, dass Cerberus Zeit und Energie – und in den Fällen, in denen eine Break Fee fällig wird, auch Geld – auf Abschlüsse verschwendet hat, die die Firma dann kurz danach nicht mehr zu Ende bringen will. Darüber hinaus sitzt die Buyout-Firma auf einem Anteil von 51 Prozent an GMAC fest, den sie zusammen mit Partnern von GM gekauft hatte. Auch die Hypothekentocher ResCap – einst das Kronjuwel der Finanzgesellschaft – sieht recht mitgenommen aus. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann Cerberus bei diesem Deal eigentlich nur Verluste schreiben.

    Es ist zu früh, um sagen zu können, ob ResCap noch einmal die Kurve kriegt. Während Cerberus den zeitlichen Ablauf des Abschlusses nicht vorgegeben hat, so ist doch klar, dass die Firma nicht damit gerechnet hat, dass sich der Hypothekenmarkt in einem solchen Ausmaß verschlechtert, wie es sich jetzt herauskristallisiert. Und es ist schwer vorstellbar, dass Cerberus heute für die Beteiligung an GMAC noch einmal auch nur annähernd so viel Geld hinlegen würde. Bei der Jagd nach Umstrukturierungschancen ist das Timing wichtig. Vielleicht muss der dreiköpfige Höllenhund noch einmal an seinen Instinkten arbeiten. [Höllisch überfressen]



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