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I N T E R N E S B R I N G T E S A N D E N T A GBahn zieht Logistik aus Berlin ab
[Ed: und Berlins Güterbahnhöfe gammeln immer noch vor sich hin...]
Aus: Berliner Morgenpost, 23. Juli 2009, Seite ?? (Wirtschaft). [Original]BERLIN (BM). Gerade mal eine gute Woche ist es her, da legte Bahn-Chef Rüdiger Grube ein "klares Bekenntnis" zum Standort Berlin ab und der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) nahm das "dankbar" auf. Das war beim S-Bahn-Gipfel, und Grube hatte allen Anlass für einen Schmusekurs und Versprechungen, Berlin treu zu bleiben.
Doch gleichzeitig laufen bei der Deutschen Bahn die Vorbereitungen auf Hochtouren, Teile der Konzernsteuerung aus Berlin wegzuverlegen. Die Pläne von Ex-Vorstandschef Hartmut Mehdorn sind nicht aufgegeben worden.
Nach Informationen der Berliner Morgenpost soll die Zentrale des Ressorts Transport und Logistik an einem Standort gebündelt werden. Im Rennen sind derzeit noch Duisburg und Frankfurt am Main. Im Gespräch war auch Hamburg, doch die Hansestadt ist inzwischen als Standort für das künftige Headquarter des Logistikgeschäfts ausgeschieden. Klar ist, dass Berlin künftig nicht mehr Sitz der Sparte sein wird. "Allenfalls das zuständige Vorstandsmitglied wird in Berlin noch ein Büro haben", sagt ein Bahn-Manager. Derzeit hat die Sparte ihren Sitz am Leipziger Platz.
Das Unternehmen ist mit etwa 19.000 Beschäftigten Berlins größter Arbeitgeber. Grube hat zwar Investitionen in die Standorte am Nord- und Hauptbahnhof zusagt. Doch dorthin sollen vor allem Mitarbeiter aus anderen Teilen der Stadt verlagert werden. Die sind derzeit auf 15 Standorte verteilt, ein Umstand, den die Bahn schon lange abstellen will. Die Zahl der Arbeitsplätze, die Berlin mit der Verlegung verliert, ist überschaubar. 200 Beschäftigte sind hier betroffen. Härter trifft es Essen, den Sitz der Bahn-Transporttochter Schenker AG. Dort müssen 450 Mitarbeiter wechseln. In Mainz, dem Sitz der Güterbahn, müssen sich rund 100 Beschäftigte auf einen Wechsel einstellen.
Entscheidender als die Jobfrage ist das Pfund, mit dem ein Standort wuchern kann, wenn er Sitz der DB-Transport- und Frachtsparte wird. Die Bahn ist einer der größten Logistikkonzerne der Welt. Im europäischen Schienengüterverkehr ist der DB-Konzern die Nummer 1, ebenso im Landverkehr, zudem auf Platz 2 im Bereich Luftfracht und auf Rang 3 bei der Seefracht. Knapp 60 Prozent ihres Umsatzes hat das 240.000-Mitarbeiter-Unternehmen 2008 im Bereich Transport und Logistik erwirtschaftet und circa die Hälfte des Ergebnisses.
Entsprechend haben sich die beteiligten Bundesländer und Städte ins Zeug gelegt, Duisburg beispielsweise hat der Bahn begehrte Grundstücke am Duisburger Hafen in Aussicht gestellt. "Die Stadt punktet mit ihrer Wasseranbindung, sie hat Europas größten Binnenhafen und ist ein internationaler Logistikstandort. Frankfurt ist ein Schienenknotenpunkt und ein Luftdrehkreuz", zählt ein Bahn-Manager die Vorteile der beiden Städte auf. Berlin dagegen liegt geografisch ungünstig, hat bislang die schlechtere Anbindung und zudem einen Senat, der sich zumeist mit dem Unternehmen in den Haaren liegt. Noch gibt es keine endgültige Festlegung in der Standortfrage, heißt es offiziell bei der Bahn. "Bis Herbst soll entschieden sein", heißt es.
Unterdessen kommt auf die Bahn nach dem Chaos bei der S-Bahn weiterer Ärger mit den Achsen zu. Nach mehreren Unfällen bei Güterwagen hat das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) für heute die Deutsche Bahn und die anderen Bahnunternehmen im Land zu einer Anhörung geladen. "Fällt das Ergebnis nicht im Sinne der Sicherheit vollauf befriedigend aus, müssen wir tätig werden", hieß es im Eisenbahnamt. Es könne sein, dass das EBA künftig auch für Güterzugachsen Prüffristen vorgebe. Dann müssten Tausende Güterwagen in die Depots. Der Konzern verfügt über 120.000 Güterwagen, davon rollen 95.000 in Deutschland. Zuvor hatte das EBA die Prüffristen für ICEs und die S-Bahn Berlin verschärft.
B E R L I N E R S - B A H N - K R I S EWie die S-Bahn mit System ins Chaos fuhr
[Ed: und was davon hat Mehdorn gewußt?].
Aus: Berliner Morgenpost, 25. Juli 2009, Seite ?? (Berlin). [Original]
Berliner S-Bahn-Krise:
Fakten und Hintergründe Teil 3
Basiert auf: Eigen-Recherchen ab 25.7.2009. Was wurde eingespart?
Bekannt war bislang, daß die S-Bahn in den letzten Jahren 4 von vorhandenen 7 Werkstätten geschlossen hat. In der aktuellen ZEIT wird nun mitgeteilt, daß allein in den Jahren 2006 bis 2008 die S-Bahn von 3766 Stellen 881 eingespart hat (23,4 %) 324 davon in den jetzt dringend benötigten Werkstätten. Diese Mitarbeiter fehlen nun, um die abgestellten S-Bahnenzüge schnell wieder fahrfähig zu machen. Es verwundert sehr, daß sich das die Gewerkschaften gefallen ließen.
Schon wieder eine Sicherheitspanne:
Wegen nicht ausreichender Wartung mußte am 29. Juli 2009 früh ein Zug der Linie S2 aus dem Verkehr gezogen werden. Er hatte nicht mehr genug Bremssand an Bord. Der Zug konnte nicht mehr richtig abgebremst werden. Die Bahn-Oberen werden wohl erst zur Besinnung kommen, wenn es in Berlin beim Betrieb der S-Bahn Tote gibt, sagen Bahn-Insider. [mehr]
Bahn-Chef Grube wußte vom drohenden Chaos:
Schon im Mai 2009 schrieb Verkehrsverbund- Geschäftsführer Franz einen deutlichen Warnbrief wegen der Betriebsmängel bei der Berliner S-Bahn an den Chef der Deutschen Bahn AG Grube. Dieser wußte zum Vorwurf "es werde größtenteils auf Kosten der Qualität und Sicherheit gespart" wenig zu sagen. Nun könnten auch ein Herr Grube unter Druck kommen. [mehr]
Bahnbauer Bombardier baute Murks:
Im SPIEGEL 33/2009 vom 10.8.2009 sagte Bahn-Chef Grube (Seite 40): Die Firma Bombardier hat uns mit den S-Bahn-Wagen der Baureihe 481 ein Produkt geliefert, das nicht dem entspricht, was verabredet war. Wir haben selbstverständlich keine Produkte mit Konstruktionsfehlern bestellt. Da muss sich der Hersteller mitverantwortlich fühlen. Bislang gibt es aber keinerlei Einlassung oder Entschuldigung des kanadischen Konzerns Bombardier. Es war ein Fehler, solide deutsche Bahnbauer an Bombardier zu verkaufen.
Nun auch die Post:
Die BWL-hörigen Manager der Deutsche Post AG haben nichts aus dem Berliner S-Bahn-Desaster gelernt. Sie wollen bis 2011 alle noch vorhandenen Postämter schließen. Den Postservice sollen vor allem Supermärkte übernehmen! Das Chaos ist mit solchen hirnrissigen Plänen vorprogrammiert. Wo bleibt die Kundenorientierung? Wo bleibt die Politik von SPD und CDU, solchem Schwachsinn Einhalt zu gebieten? [mehr]
Nicht überall wurde gespart:
Die Berliner S-Bahn, deren Sparkurs 2009 zu massiven Betriebsproblemen führte, gab 2008 reichlich Geld für Berater und Repräsentation aus. Nach einem Bericht des Tagesspiegel vom 22.8.2009 sollen es 4,5 Mio. Euro gewesen sein.
BERLIN (BM). Top-Manager der Berliner S-Bahn geraten zunehmend ins Zwielicht. Interne Unterlagen belegen, dass es die Anordnung gab, Wagen selbst dann noch auf die Strecke zu schicken, wenn Schäden festgestellt wurden, die jenseits der vorgeschriebenen Toleranzgrenzen lagen. Auch Wartungsfristen wurden systematisch überzogen.
Die Berliner S-Bahn hat bei der Wartung ihrer Fahrzeuge bis zur Ablösung der alten Geschäftführung offenbar systematisch Wartungsfristen überzogen. Selbst wenn in den Werkstätten Schäden und Abweichungen von vorgeschriebenen Toleranzwerten an den Wagen festgestellt wurden, sind die Triebwagen noch in den regulären Streckeneinsatz mit Fahrgästen geschickt worden. Das belegen interne Unterlagen, die der Berliner Morgenpost vorliegen. "Eigentlich ein Wunder, dass da nichts Schlimmeres passiert ist", so ein S-Bahn-Insider.
Besonders beliebt war, die Laufleistung der Fahrzeuge über die vorgesehenen Fristen für die Wartung und die Hauptuntersuchung hinaus zu verlängern. So müssen normalerweise Triebwagen der modernsten S-Bahn-Baureihe 481 nach 1,1 Millionen Kilometern zur Hauptuntersuchung. Dabei müssen zahlreiche sicherheitsrelevante Teile ausgetauscht werden.
Durch den Leiter Fahrzeuginstandhaltung, der direkt dem Technik-Geschäftsführer untersteht, wurden jedoch für zahlreiche Triebwagen Fristverlängerungen bis zu 1,4 Millionen Kilometern erteilt. Schäden und Abweichungen von Grenzwerten wurden regelmäßig per Tolerierungsprotokoll genehmigt. So stellten Werkstattmitarbeiter am 19. Mai im Wagen 885.042-2 (Baureihe 485) Schäden im Fußbodenblech fest. Diese Risse dürfen in der Summe nicht länger als 500 Millimeter sein. Die 3 festgestellten Risse an Schweißnähten hatten zusammen jedoch eine Länge von 590 Millimeter. Am 20. Mai, einen Tag nach der Schadensmeldung, wurde eine Freigabe für den weiteren Einsatz des Triebwagens ohne Reparatur erteilt, befristet für 3 Monate.
Die Deutsche Bahn wollte sich gestern zu Praxis der Fristverlängerung nicht äußern. "Zu Aussagen aus internen Papieren nehmen wir prinzipiell keine Stellung", sagte ein Bahnsprecher.
Die neue Geschäftsführung der Berliner S-Bahn hat diese Vorgehensweise umgehend gestoppt. Seit dem 3. Juli, also einen Tag nach der Ablösung der alten S-Bahn-Geschäftsführung, müssen sich alle Mitarbeiter in der betriebsnahen Instandhaltung schriftlich dazu verpflichten, dass sie ab sofort keine Fahrzeuge an den laufenden Betrieb übergeben werden, für die die Einhaltung der aktuellen Auflagen resultierend aus Bescheiden des Eisenbahn-Bundesamtes bzw. Selbstverpflichtungen der S-Bahn Berlin GmbH nicht garantiert werden kann.
Die neue S-Bahn-Spitze will zudem den Personalabbau zumindest vorläufig stoppen. Auch die für 2010 beabsichtigte Schließung der Hauptwerkstatt in Berlin-Schöneweide sowie die geplante Auslagerung des Kundendienstes und unrentabler Fahrkartenschalter wurden ausgesetzt. Das haben jetzt die 4 erst Anfang Juli eingesetzten S-Bahn-Geschäftsführer in einem gemeinsamen Brief an die Belegschaft erklärt. Die Bahn-Manager räumen damit erstmals indirekt ein, dass der Sparkurs der letzten Jahre zu den vielen Problemen und Engpässen bei der S-Bahn beigetragen hat.
B E R L I N E R S - B A H N - K R I S EKonzernchef Grube war vor Berliner S-Bahn-Desaster gewarnt
Das Berliner Nahverkehrschaos hat Bahn-Chef Grube nach SPIEGEL-Informationen keineswegs überrascht. Schon im Mai schrieb ihm Verkehrsverbund-Geschäftsführer Franz einen Warnbrief wegen Betriebsmängeln - es werde "größtenteils auf Kosten der Qualität und Sicherheit gespart", kritisiert er.
Aus: Spiegel Online 1. August 2009, ??.?? Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]BERLIN (spiegel.de). Bahnchef Rüdiger Grube ist frühzeitig auf Missstände bei der Berliner S-Bahn hingewiesen worden. Er wurde schon mehrere Wochen vor der jüngsten Eskalation von Hans-Werner Franz, Geschäftsführer des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg, schriftlich vor Betriebsrisiken gewarnt.
Das Eisenbahnbundesamt hatte kürzlich wegen mangelnder Wartung Hunderte von S-Bahn-Waggons aus dem Verkehr gezogen, so dass in der Hauptstadt nur noch ein Notbetrieb aufrecht erhalten werden konnte. Dabei hatte Franz schon am 12. Mai an Grube geschrieben: "In den letzten Monaten sind leider Verspätungen, Zugausfälle und sonstige Qualitätsmängel an der Tagesordnung." Die Fahrgäste hätten das Vertrauen in die Berliner S-Bahn verloren, und es könne nur durch "einen deutlichen (Wieder-)Anstieg der Qualität" zurückgewonnen werden.
Zu einem von Franz angebotenen persönlichen Gespräch kam es indes nicht. Grube reagierte lediglich 6 Wochen später mit einem allgemein gehalten Brief. Auf die von Franz angesprochenen Missstände ging er mit keinem Wort ein. Für den Chef des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg ist das kein Zufall Franz zufolge setzt Rüdiger Grube den Kurs seines Vorgängers Hartmut Mehdorn ungebremst fort.
Der Nahverkehr werde wegen des geplanten Börsengangs der Bahn "ausgegequetscht wie eine Zitrone", warnt Franz. Allein im kommenden Jahr sollen im Konzern 2 Milliarden Euro eingespart werden. Das gehe "größtenteils auf Kosten der Qualität und Sicherheit im Nahverkehr". Die Betriebsausfälle bei der Berliner S-Bahn seien nur der Anfang: "Wir werden uns im ganzen Land an solche katastrophalen Zustände gewöhnen müssen."
Erneut Sicherheitspanne bei der S-Bahn
Bei der Berliner S-Bahn sind erneut Sicherheitsmängel aufgetreten.
Aus: RBB, Berlin, 1. August 2009, ??.?? Uhr MESZ (Abendschau). [Original]BERLIN (rbb). Bereits am Mittwoch [29.7.2009] musste ein S-Bahnzug aus dem Verkehr gezogen worden, weil er zu wenig Bremssand mitführte. Ein S-Bahnsprecher bestätigte dem rbb am Samstag einen entsprechenden Bericht der Berliner Zeitung (Wochenendausgabe).
Demnach waren die Sandbehälter des Zuges der Linie S2 zu weniger als 30 Prozent gefüllt. Die Fahrgäste mussten gegen 5.50 Uhr aussteigen. Der leere Zug sei dann in die Werkstatt nach Wannsee gefahren worden, wo die Bremssandbehälter wieder aufgefüllt wurden. Der Sand ist für die Bremswirkung erforderlich.
Zuletzt war es im November 2006 auf der Linie S25 zu einem Unfall mit 33 Verletzten gekommen, als eine S-Bahn mit leeren Bremssandbehältern im Bahnhof Südkreuz auf einen Gleismesszug auffuhr.
B E R L I N E R S - B A H N - K R I S ENeuer Vorplatz am Bahnhof Südkreuz
Jahrelanger Streit um Finanzierung beendet: Gut viereinhalb Jahre nach der Eröffnung soll es am Bahnhof Südkreuz in Tempelhof-Schöneberg auch auf der Ostseite einen gestalteten Vorplatz geben.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 20. August 2009, Seite xx (Berlin) von KLAUS KURPJUWEIT. [Original]BERLIN-TEMPELHOF (Tsp). Gut viereinhalb Jahre nach der Eröffnung soll es am Bahnhof Südkreuz in Tempelhof-Schöneberg auch auf der Ostseite einen gestalteten Vorplatz geben. Die Arbeiten beginnen jetzt und sollen Ende 2010 fertig sein. Der nach Angaben der Bahn zweitwichtigste Fernbahnhof in Berlin war Ende Mai 2006 eröffnet worden. Auf dem östlichen Platz entstehen 25 Stellflächen für Taxis, 9 Halteplätze für Autos zum Ein- und Aussteigen sowie zunächst 50 Fahrradabstellplätze. Insgesamt soll der Umbau rund 6 Millionen Euro kosten.
Jahrelang hatten sich der Senat und die Bahn gestritten, wer die Kosten der Vorplätze am Bahnhof Südkreuz übernehmen sollte. Erst fast in letzter Minute war die Bahn vor der Eröffnung bereit, den westlichen Vorplatzbau zu finanzieren, den heutigen Hildegard-Knef-Platz. Den Bau des östlichen Pendants machte jetzt erst das Geld aus dem Konjunkturprogramm der Bundesregierung möglich.
Um den Vorplatz anlegen zu können, muss die General-Pape-Straße auf einer Länge von 375 Metern abgebrochen und 27 Meter versetzt neu gebaut werden. Die Fläche stellt der Senat bereit. Die Stützmauer soll mit Wein und Efeu begrünt werden. Zudem werden entlang der neuen Straße 27 Platanen gepflanzt.
Von der neuen Straße aus könnte auch die Zufahrtsrampe zum nördlichen Parkdeck des Bahnhofs gebaut werden. Da die Bahn nicht selbst investieren will, aber auch immer noch keinen Finanzier gefunden hat, bleibt diese betonierte Parkfläche aber weiter ohne Anschluss ans Straßennetz. Südkreuz war als "Autobahnhof" konzipiert worden; bis auf die Parkebene über den Bahnsteigen wurden die vorgesehenen Etagen aber nicht gebaut.
B E R L I N E R S - B A H N - K R I S EBerliner S-Bahn droht neues Chaos
Nächste Panne bei der Berliner S-Bahn: Nach Problemen bei Bremsversuchen steht nur noch ein Viertel aller Züge zur Verfügung. Ab Mittwoch [8.9.2009] soll ein Notfahrplan das größte Chaos verhindern. Bahn-Vorstand Homburg sprach von einem "schwarzen Tag für Berlin und die S-Bahn".
Aus: Spiegel Online 7. September 2009, 19.20 Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]
Berliner S-Bahn-Krise:
Fakten und Hintergründe Teil 4
Basiert auf: Eigen-Recherchen ab 1.9.2009. Nicht ausgewechselte Schrauben:
Am 7. September 2009 stellten sich erneut Bremsprobleme bei den S-Bahnen heraus. Die Masse der Züge muß erneut stillgelegt werden, bis alle Bremszylinder erneuert worden sind. Nicht nur Berlins Verkehrssenatorin spricht von einem unglaublichen Vorgang bei der Deutschen Bahn. Es kann aber auch als Wahlnachhilfe gesehen werden, auf keinen Fall FDP oder CDU zu wählen. [mehr]
Wer trägt Verantwortung?
Seit Jahren wurde bei der Berliner S-Bahn geschlampt und auf Kosten der Sicherheit gespart. Verantwortlich dafür sind diese Bahn-Manager unter dem Mehdorn-Regime: Ulrich Homburg (53, DB-Vorstand Personen-Verkehr), Tobias Heinemann (38, Ex- S-Bahn-Chef), Hermann Graf von der Schulenburg (47, Geschäftsführer DB-Stadtverkehr), Ulrich Thon (53, Technik- Chef S-Bahn). Sie alle haben dem Nahverkehr und der Stadt Berlin schweren Schaden zugefügt.
Privatisierungswahnssinn:
Am 10. September 2009 spricht Berlins Reg. Bürgermeister Wowereit (SPD) im Abgeordnetenhaus vom Privatisierungs- wahnsinn bei der Deutschen Bahn. Solch deutliches Wort hat er zum durch die Wohnungs-Privatisierungen entstandenen Chaos noch nicht gefunden, obwohl auch das geboten wäre.
BERLIN (sp-on). Aufgrund neuer Sicherheitsmängel droht der Berliner S-Bahn wieder ein Chaos: Wie der Mutterkonzern Deutsche Bahn am Montagabend [7.9.2009] mitteilte, kann nach der Entdeckung von "Auffälligkeiten" bei Bremsversuchen vorerst nur noch ein Viertel der S-Bahnen eingesetzt werden. Auf mehreren wichtigen Linien fahren vorerst keine Züge.
Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg sprach von einem "schwarzen Tag für Berlin und die S-Bahn". Ein "verlässlicher Notfahrplan" müsse erst erstellt werden und soll am Mittwoch in Kraft treten.
"Wir sind schockiert über diese Entwicklung, die nicht vorhersehbar war", sagte Homburg. Reisenden wurde empfohlen, in der City U-Bahnen, Busse und Straßenbahnen zu nutzen. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) haben sich laut Senat bereit erklärt, mit der S-Bahn über Nothilfen zu sprechen.
Nach turbulenten Wochen im Sommer hatte die S-Bahn zuletzt mit viel Mühe wieder 60 Prozent der für einen planmäßigen Betrieb notwendigen Züge auf die Schiene gebracht. Nach einem Radbruch Anfang Mai hatte sich herausgestellt, dass die S-Bahn wochenlang wichtige Überprüfungen von Rädern und Achsen hatte schleifen lassen. Zahlreiche Züge wurden vom Gleis genommen und 8 Teilstrecken vorübergehend stillgelegt. In den vergangenen Wochen hatte sich der Takt im S-Bahn-Verkehr allmählich wieder gesteigert.
"Das ist ein Versäumnis der S-Bahn"
Nun der erneute Rückschlag: Bei Bremsversuchen am Montagnachmittag [7.9.2009] seien 4 kaputte Bremszylinder festgestellt worden, sagte Homburg. Zur Sicherheit würden daher alle Zylinder mit einer bestimmten Laufleistung sofort ausgetauscht. Der Schaden sei kein Problem der Konstruktion, sondern der Wartung. "Das ist ein Versäumnis der S-Bahn in der längeren Vergangenheit."Bei der turnusmäßigen Aufarbeitung der Zylinder sei eine Schraube nicht wie vorgeschrieben erneuert worden. Ob die Rückkehr zum normalen Fahrplan wie bisher angestrebt im Dezember zu halten sei, könne man noch nicht absehen. Laut Eisenbahnbundesamt hat die S-Bahn "in eigener Verantwortung entschieden, eine große Zahl von Zügen stillzulegen."
Bei dem neuen Notfahrplan sollen mehrere Teilstrecken nicht mehr befahren werden. Zur kurzfristigen Information der Fahrgäste will die S-Bahn stündlich ihr Internetangebot aktualisieren.
Senatorin: "Unglaublicher Vorgang"
Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) hat die neuen massiven Probleme bei der Berliner S-Bahn scharf kritisiert. Es sei "ein unglaublicher Vorgang", dass das Unternehmen und der Bahn-Mutterkonzern nach einem gemeinsamen Treffen am Montag am Abend weitere extreme Einschränkungen verkündet hätten, sagte Junge-Reyer.Von diesem Dienstag [8.9.2009] an würden "nur noch ganz wenige Züge verkehren". Sie habe Bahn-Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg für diesen Dienstag zu einem sofortigen Krisengespräch gebeten. [Kommentar]
Ein Fall für den Staatsanwalt
Bei der Berliner S-Bahn herrscht das Chaos. Mit krimineller Energie ließ man die Wagenflotte verkommen. Jetzt muss der Deutschen Bahn ihr Tochterunternehmen so schnell wie möglich entrissen werden.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 9. September 2009, Seite 6 (Meinung) von ULRICH ZAWATKA-GERLACH. [Original]D er öffentliche Personennahverkehr ist das Grundgerüst jeder modernen Großstadt. Wer das leugnet und zärtlich auf das Blech seines Autos klopft, muss nur einmal dorthin fahren, wo es kein funktionierendes Netz von Bussen und Schienenverkehr gibt. Johannesburg zum Beispiel wurde zur Auflage gemacht, für die Fußball-WM in neue Schnellbusse zu investieren. Die Südafrikaner können glücklich sein, dass ihnen nicht die S-Bahn verkauft wurde.
Nein, Berlin wird darauf sitzen bleiben auf diesem ehemals revolutionären Verkehrssystem, das mit der Expansion Berlins zur Industrie- und Weltstadt genauso verbunden ist wie Siemens oder Borsig. Erst war die Reichsbahn, dann die Deutsche Bahn der Eigentümer. Das S-Bahnnetz in staatlicher Regie wurde von Anfang an weltweit bewundert und hat sogar nach dem Mauerbau 1961 die Stadt ein wenig zusammengehalten. Auch wenn sich so mancher West-Berliner weigerte, den Kommunisten Fahrscheine abzukaufen [Ed: weil die Politik zum Boykott aufgerufen hatte].
Der bundeseigene Konzern Bahn, auch das gehört zur Wahrheit, hat den Fuhrpark und das Netz 1995 nicht gerade im besten Zustand übernommen. Und er hat anschließend investiert. Aber seit einigen Jahren wird die S-Bahn nur noch als Gewinnausschüttungsmaschine missbraucht. Aus dem alten Blech haben Mehdorn & Co. hemmungslos alles herausgepresst. Als fetten Beitrag für einen Börsengang, der nicht stattgefunden hat. Jetzt sehen wir das Ergebnis, und wir spüren die Folgen: Eine mit krimineller Energie heruntergewirtschaftete Wagenflotte kann kaum noch auf den eigenen Rädern stehen, geschweige denn Menschen transportieren. Selbst richtig bremsen können die Fahrzeuge kaum noch. Nicht einmal die DDR hätte es sich erlauben dürfen, die S-Bahn so kaputt zu machen.
Der Schaden ist enorm. Für die Volkswirtschaft, für die Berliner und für das Image der Stadt. Gäbe es nicht die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) mit ihrem dicht geknüpften Netz aus U-Bahn, Tram und Bussen, würde Berlin vermutlich wirklich im Chaos und im Autoverkehr versinken. Wir werden auch dies überstehen, und irgendwann ist alles repariert. Ein Zustand auf Dauer ist das aber nicht. Also, was tun über ein aktuelles Krisenmanagement hinaus, das BVG und Senat einigermaßen im Griff haben?
Erstens: Die S-Bahn muss der Deutschen Bahn als Tochterunternehmen so schnell wie möglich entrissen werden. Sie könnte zum Beispiel unter das Dach der landeseigenen Verkehrsbetriebe schlüpfen. Preiswert wird das aber nicht.
Zweitens: Der Senat muss alle rechtlichen und politischen Mittel ausschöpfen, um die Bahn zu einem angemessenen Schadenersatz zu zwingen, und er muss den bis 2017 laufenden Verkehrsvertrag mit der S-Bahn vorzeitig auflösen oder korrigieren [Ed: wie wär’s mit ’ner Änderungskündigung?].
Drittens: Um die Verantwortlichen bei S-Bahn und Deutscher Bahn muss sich sofort die Staatsanwaltschaft kümmern.
Viertens: Die Senatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) sollte endlich Verkehrspolitik [Ed: und Stadtentwicklungspolitik] lernen.
[Links zum Berliner S-Bahn-Chaos]
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