Politik skandalös – Teil 12 khd
Stand:  29.1.2009   (22. Ed.)  –  File: Politik/PSK/Politik_skandaloes_12.html




Hier werden einige ausgewählte und besonders interessante Texte zu politischen Skandalen (Korruption, Obskuritäten und Ungereimtheiten) gespiegelt und damit auf Dauer dokumentiert sowie manches auch mit [Ed: ...] kommentiert. Tipp- und Übertragungsfehler gehen zu meinen Lasten.

Ab dem Teil 15 ist der Dokumentation zur globalen „Finanzkrise“ und deren Folgen viel Platz eingeräumt, da das für die weitere Entwicklung der Wirtschaft von erheblicher Bedeutung ist und die ihr zugrundeliegende Politik der Vergangenheit nur als „skandalös“ bezeichnet werden muß.

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I n h a l t :  [01. Teil]   [02. Teil]   [03. Teil]   [04. Teil]   [05. Teil]   [06. Teil]   [07. Teil]   [08. Teil]   [09. Teil]   [10. Teil]  
[11. Teil]   [12. Teil]   [13. Teil]   [14. Teil]   [15. Teil]   [16. Teil]   [17. Teil]   [18. Teil]   [19. Teil]   [20. Teil]  
[21. Teil]   [22. Teil]   [23. Teil]   [24. Teil]   [25. Teil]   [26. Teil]   [27. Teil]   [28. Teil]   [29. Teil]   [30. Teil]  
[31. Teil]   [32. Teil]   [33. Teil]   [34. Teil]   [35. Teil]   [36. Teil]   [37. Teil]   [38. Teil]   [39. Teil]   [40. Teil]  
[Translation-Service]  

  • Noch mehr skandalöse Politik   (13. Teil).
  • 22.12.2007: Manager halten sich für ehrbare Kaufleute.
  • 29.11.2007: Aufschwung ins Lohnminus. (Reallöhne)
  • 16.11.2007: Wenn die Gier das Gehirn beherrscht. (Literatur)
  • 15.11.2007: Streit um Treitschke soll lehrreich werden.
  • 09.11.2007: Siemens ist die Spitze des Eisbergs. (Korruption)
  • 15.09.2007: Panik in Grossbritannien. (Finanzkrise)
  • 25.08.2007: Missstände bei Sachsen LB seit zwei Jahren bekannt.
  • 25.08.2007: Sachsen LB gerät immer schwerer in Not.
  • 24.08.2007: Sachsen LB möglicherweise in noch größerer Not.
  • 00.08.2007: Die Helfer der Heuschrecken.
  • Ältere Dokumentationen  (11. Teil).

    Zur Leitseite Made with Mac


    A L  L E S   I S T   K Ä U F L I C H

    Die Helfer der Heuschrecken

    Ehemalige Spitzenpolitiker wie Theo Waigel, Volker Rühe oder Otto Graf Lambsdorff agieren für private Beteiligungsgesellschaften.

    Aus:
    Cicero – Nr. 8/2007, August 2007, Seite ?? (Dossiers) von DETLEF GÜRTLER, der als freier Autor in Berlin und Marbella lebt. Zuletzt erschien von ihm "Die Dagoberts – eine Weltgeschichte des Reichtums" (Eichborn Verlag). [Original]

    D er Ivory Club gleich hinter den Zwillingstürmen der Deutschen Bank in Frankfurt hat schon viel Prominenz gesehen. Aber dass gleich zwei ehemalige Verteidigungsminister am gleichen Abend zu Besuch kommen, ist sogar dort außergewöhnlich. Für mehrere Stunden verschwanden sie mit ihrem Gastgeber David Knower im Separee des "Elephant and Tiger Room" – zum Arbeitsessen der Cerberus Deutschland Beteiligungsberatung GmbH. Das Unternehmen mit dem Höllenhund im Namen ist eines der größten Private-Equity-Häuser der Welt. Insgesamt bringen es seine Unternehmensbeteiligungen auf einen Umsatz von mehr als 60 Milliarden Dollar. Man scheut sich nicht vor Sanierungsfällen – wie Boxclever, jenem britischen Videovermieter, dessen Pleite der WestLB fast den Hals gebrochen hätte, und wie dem Daimler-Dauerproblem Chrysler, für dessen Sanierung sich Cerberus extra den einzigen Manager engagierte, dem Experten eine Rettung des US-Autobauers zutrauen: Wolfgang Bernhard, zuletzt bei Ferdinand Piëch in Ungnade gefallener VW-Vorstand.

    Den zwei Ex-Ministern Volker Rühe [CDU] und Rudolf Scharping [SPD] wird Cerberus-Deutschlandchef David Knower jedoch keine Konzern-Sanierung antragen. Wie die meisten deutschen Politiker, die bei einem Private-Equity-Unternehmen eingestiegen sind, fungieren sie offiziell als "Berater" – und faktisch als Türöffner. Sie schaffen den Private-Equity-Managern einen Zugang zur politischen Klasse der Republik. Denn in den Clubs und auf den Veranstaltungen, wo sich die Entscheider der Politik mit der Wirtschaftselite der alten Deutschland AG treffen, sind die "Masters of the Universe", wie die Private-Equity-Manager nur halb scherzhaft getauft wurden, bislang praktisch nicht vertreten.

    Die neue Klasse der Firmenjäger ist aber auf solche Zugänge angewiesen; insbesondere bei Privatisierungen entscheiden die jeweils regierenden Parteien in der Regel mit. In Deutschland betraf das in den vergangenen Jahren vor allem den Verkauf großer Wohnungsbaugesellschaften, wie der Berliner GSW an Cerberus und der Gagfah, die Fortress im Jahr 2004 der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte abkaufte und damit die Rentenkassen wieder flüssigmachte. Für die Verhandlungen hatte sich Fortress-Deutschlandchef Matthias Moser die Dienste von Florian Gerster [SPD] gesichert, damals frisch geschasster Präsident der Bundesagentur für Arbeit. Nicht zuletzt dank Gersters Einfluss stach Fortress auf den letzten Metern die von FDP-Urgestein Otto Graf Lambsdorff beratene Beteiligungsgesellschaft Terra Firma aus. Die Leitung des inzwischen börsennotierten Gagfah-Konzerns übertrug Moser dann einem weiteren bewährten roten Strippenzieher: Burkhard Drescher, ehemals Bürgermeister von Oberhausen und RAG-Vorstandsmitglied.

    Nicht jedes Private-Equity-Haus braucht Berater aus der Politik. Wer nur fernab der öffentlichen Hand auf Einkaufstour geht, ist besser beraten, wenn er sich die Dienste von alten Haudegen der Wirtschaftselite sichert: Wer, wie Branchenriese KKR, nach der einen oder anderen Investment-Chance auf heute noch zu Siemens gehörendem Terrain sucht, braucht ein Siemens-Urgestein wie Ex-Finanzvorstand Karl-Heinz Neubürger, um sich in den Entscheidungsstrukturen von Deutschlands letztem Kombinat zurechtzufinden.

    Besonders interessant sind natürlich jene Fälle, in denen diejenigen Private-Equity-Fonds Politiker engagieren, die eigentlich keine bräuchten – weil das darauf hindeutet, dass sie Ziele im Auge haben, für die sie sich schon mal vorsorglich politische Rückendeckung holen. In Deutschland verhält sich vor allem die Texas Pacific Group entsprechend. Das bislang eher politikfern bei den Unternehmen Grohe und Freenet investierte Unternehmen leistet sich nicht nur Ex-Finanzminister Theo Waigel [CSU] als Berater, sondern auch Ludolf von Wartenberg, langjähriger CDU-Bundestagsabgeordneter und Ex-Geschäftsführer des Industriellenverbandes BDI. Nur für die Beratung bei der gescheiterten Übernahme der Bankgesellschaft Berlin wäre diese Besetzung doch ein wenig sehr prominent.

    Nicht nur bei den Private-Equity-Häusern selbst, sondern auch bei den sie beratenden Investmentbanken erhalten altgediente Politiker die Chance auf eine zweite Karriere. Das gilt für Oskar Lafontaines langjährige Wirtschaftsministerin und ehemalige Berliner Finanzsenatorin Christiane Krajewski [SPD], die in der Geschäftsführung der Frankfurter Investmentbank Drueker & Co. arbeitet – die wiederum auf die Beratung bei Wohnungsprivatisierungen spezialisiert ist. Das gilt auch für Gerhard Schröders Kanzleramtsminister Hans-Martin Bury [Ed: SPD und langjähriger Schwätzer in Sachen Internet und Telekommunikation], der bei Lehman Brothers sein Auskommen findet, und für Cleverle Lothar Späth [CDU], der nach dem Abgang bei der Jenoptik AG jetzt in der Geschäftsführung von Merrill Lynch Deutschland tätig ist.

    Aber natürlich ist uns das Mutterland von Private Equity, die USA, bei den Berufschancen für Ex-Politiker einige Schritte voraus. Da machen Politiker sogar ihre eigenen Fonds auf. So wie die ehemalige Außenministerin Madeleine Albright: Der Investmentschwerpunkt ihres mehr als eine Viertelmilliarde US-Dollar schweren Hedge-Fonds Albright Capital Management LLC soll übrigens in Schwellenländern liegen. Wer weiß, vielleicht geht ja auch Joschka Fischer [GRÜNE] demnächst auf Akquise-Tour bei institutionellen Investoren – schließlich sind Heuschrecken grün.



    W E N N   P O L I T I K E R   G E L D   V E R D I E N E N   L A S S E N . . .

    Sachsen LB möglicherweise in noch größerer Not

    [Ed: hier wiederholt sich die Geschichte eines Berliner Banken-Skandals – nur ist die finanzielle Dimension hier offensichtlich sehr viel höher...]

    Aus: Yahoo-News, 24. August 2007, 15.20 Uhr MESZ (Finanzen). [Original]

    LEIPZIG. Die krisengeschüttelte Sachsen LB ist nach einem Zeitungsbericht in noch größerer Not als bisher bekannt. Wie die Süddeutsche Zeitung [24.8.2007] berichtete, sollen sich die Engagements der Dubliner Bank-Tochter auf 65 Milliarden Euro summieren.

    Die Sachsen LB wies dies zurück. Wie ein Sprecher der Bank auf Nachfrage sagte, handelt es sich bei der Zahl lediglich um eine Größenordnung für einen rechnerischen Referenzrahmen.

    Wegen der US-Hypothekenmarktkrise war der von der Bank-Tochter Sachsen LB Europe (Dublin/Irland) gemanagte Fonds Ormond Quay in Bedrängnis geraten. Die Sparkassen-Finanzgruppe stellte eine Kreditlinie von 17,3 Milliarden Euro bereit. Mit der Sachsen LB beschäftigt sich das sächsische Kabinett an diesem Samstag [25.8.2007] auf einer Sondersitzung [Ed: auf der die ‚heiße Kartoffel‘ von den Politikern dann fallen gelassen wurde]. [mehr]



    U S - H Y P O T H E K E N K R I S E

    Sachsen LB gerät immer schwerer in Not

    Die krisengeschüttelte Sachsen LB könnte offenbar noch mehr Geld durch die US-Hypothekenkrise verlieren, als bisher bekannt. Am Wochenende hält das sächsische Kabinett eine Sondersitzung ab – für einen Zusammenschluss sind zwei Landesbanken im Gespräch.

    Aus:
    Der Tagesspiegel, Berlin, 25. August 2007, Seite ?? (Finanzen). [Original=art130,2365006]

    LEIPZIG. Die Engagements der Dubliner Bank-Tochter der Sachsen LB sollen sich auf 65 Milliarden Euro summieren, wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtete. Die Sachsen LB wies dies zurück. Wie ein Sprecher der Bank sagte, handelt es sich bei der Zahl lediglich um eine Größenordnung für einen rechnerischen Referenzrahmen.

    Wegen des Engagements am krisengeschüttelten US-Hypothekenmarkt war der von der Bank-Tochter Sachsen LB Europe (Dublin/Irland) gemanagte Fonds Ormond Quay in Bedrängnis geraten. Die Sparkassen-Finanzgruppe stellte eine Kreditlinie von 17,3 Milliarden Euro bereit. Mit der Sachsen LB beschäftigt sich das sächsische Kabinett an diesem Samstag auf einer Sondersitzung.

    Partnerschaft mit LBBW oder NordLB

    Wie der Bank-Sprecher betonte, liegt das Volumen des von Ausfällen bedrohten Fonds Ormond Quay genau in der Höhe der Kreditlinie von 17,3 Milliarden Euro. Davon sei allerdings noch nichts in Anspruch genommen worden.

    Wie "Die Welt" berichtete, wollen die Eigentümer der Sachsen LB – der Freistaat und die Sachsen Finanzgruppe – an diesem Wochenende über einen Zusammenschluss mit einer anderen Landesbank entscheiden. Favorit soll demnach die Landesbank Baden-Württemberg LBBW sein. Laut "Welt" soll aber auch mit der NordLB gesprochen werden. Grund für die Eile sei ein neues Liquiditätsloch von 400 Millionen Euro, wie "Die Welt" unter Berufung auf Bankenkreise berichtete. [mehr]



    F I N A N Z S K A N D A L

    Missstände bei Sachsen LB seit zwei Jahren bekannt

    Neue Enthüllung im Bankenskandal: Die Probleme der Sachsen LB waren der Bankenaufsicht nach Informationen des SPIEGEL bereits seit 2005 bekannt. Auch die Bundesbank wusste Bescheid. Wie es dennoch zu der Beinahe-Pleite kommen konnte, wird nun untersucht. Die Bank soll noch am Wochenende verkauft werden.

    Aus:
    Spiegel Online – 25. August 2007, ??.?? Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

    BERLIN. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hat bereits 2004 im Rahmen einer Sonderprüfung die Dubliner Tochter der Sachsen LB unter die Lupe genommen - und dabei verheerende Missstände entdeckt. Schon zum Bilanzstichtag 31. Dezember 2003 habe die Bank mit "außerbilanziellen Portfolien im Umfang von 30,7 Milliarden Euro" gemanagt, deren Risiken die Bank "im wesentlichen Umfang" mittrage, heißt es in dem Papier. Wegen eben solcher Geschäfte konnte die Sachsen LB vor knapp 2 Wochen nur durch eine Liquiditätsspritze von 17 Milliarden Euro vor der Pleite gerettet werden. Für den Betrag bürgt der Steuerzahler.

    Dabei hätte das Desaster vermieden werden können. Denn die von der BaFin beauftragte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG stellte in ihrem Bericht vom April 2005 fest, dass in der Dubliner Tochter Großkreditgrenzen verletzt und Buchwerte nicht korrekt ermittelt wurden. Die Bank habe bei einigen der Deals ein "Erstverlustrisiko aus dem gesamten unterliegenden außerbilanziellen Kreditvolumen" übernommen. Zudem seien die internen Kontroll- und Risikofrüherkennungssysteme nicht so überwacht und gesteuert worden, wie es die deutschen Gesetze verlangen.

    Die Geschäfte seien zudem revisionsmäßig nicht im erforderlichen Maße nachvollziehbar – die Risiken obendrein intransparent. Die internen Organisationsabläufe werden als "veraltet, unvollständig, widersprüchlich, nicht umgesetzt" kritisiert.

    Die BaFin verweist darauf, dass auch die Bundesbank damals das Papier erhalten habe. Mitarbeiter der Behörde versichern zudem, dass die notwendigen Maßnahmen eingeleitet und von den Abschlussprüfern des Institutes auch kontrolliert worden seien. Warum es dennoch zu der Beinahe-Pleite kam, soll nun untersucht werden.

    Die sächsische Landesregierung beriet heute Morgen auf einer Sondersitzung über die Zukunft der Landesbank. Finanzminister Horst Metz (CDU), der dem Verwaltungsrat der Landesbank vorsitzt, bestätigte danach Übernahmeverhandlungen unter anderem mit der finanzstarken Landesbank Baden-Württemberg. "Wir sind in laufenden Verhandlungen mit den Landesbanken. Wir gehen davon aus, dass wir am Wochenende eine gute Lösung finden werden", sagte Metz.

    Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) hat die Fraktionschefs von CDU, SPD, Linken, FDP und Grünen für diesen Sonntag [26.8.2007] zu einem Gespräch in die Staatskanzlei eingeladen. Dabei sei auch der Chef der Finanzaufsicht BaFin, Jochen Sanio, hieß es heute aus Fraktionskreisen in Dresden. Im Anschluss soll es eine Sondersitzung des Kabinetts geben. Über die Konditionen des Verkaufs wurden noch keine Details bekannt.

    Wie die Deutsche Presse-Agentur in Dresden erfuhr, soll die BaFin ein Ultimatum bis Sonntagabend 0.00 Uhr für die Übernahme der Sachsen LB durch eine andere Landesbank gestellt haben. Andernfalls drohe eine Abwicklung [Ed: und so ging am Sonntag diese sächsische Skandal-Bank für nur rund 300 Mio. Euro an die reiche LB Baden-Württemberg...].



    F I N A N Z K R I S E 

    Panik in Grossbritannien

    Kaum hat die US-Immobilienkrise eine britische Hypothekenbank erreicht, ergreift Panik die Bankkunden: Heute bildeten sich Schlangen vor den Filialen der Northern Rock. Die Sparer wollen ihr Geld in Sicherheit bringen. Nach SPIEGEL-Informationen könnten auch deutsche Anleger betroffen sein.

    Aus:
    Spiegel Online – 15. September 2007, ??.?? Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

    LONDON. Vor den Filialen einer britischen Hypothekenbank, die durch die US-Immobilienkrise in Schwierigkeiten geraten war, haben sich heute schon vor der Schalteröffnung lange Schlangen besorgter Kunden gebildet. Bereits gestern hatte sich unter den Kunden der Bank Northern Rock Panik breit gemacht, nachdem die Bank of England mitgeteilt hatte, sie habe dem angeschlagenen Baufinanzierer mit einer Finanzspritze unter die Arme gegriffen. Die britische Notenbank hatte die Höhe der Unterstützung nicht genannt und lediglich mitgeteilt, mit der Hilfe solle die Northern Rock über Wasser gehalten werden, "bis ihre Liquiditätsprobleme gelöst sind".

    Unter Berufung auf einen nicht näher genannten Pressebericht wird berichtet, gestern hätten Kunden der Bank bereits 1 Milliarde Pfund (1,44 Milliarden Euro) abgehoben, was etwa 4 Prozent der Einlagen entspreche. Der "Independent" titelte mit der Schlagzeile "Panik auf den britischen Straßen".

    s Northern Rock ist die erste britische Bank, die in Folge der US-Immobilienkrise in Bedrängnis geraten ist. Wegen einer vergleichsweise geringen Höhe an Kundeneinlagen ist die Bank auf Mittel angewiesen, die sich Institute untereinander am Geldmarkt leihen. Dort sind die Zinsen in den vergangenen Wochen aber auf das höchste Niveau seit neun Jahren gestiegen, da die Banken wegen der allgemeinen Unsicherheit nur noch zögerlich Geld verleihen. Dies trieb die Finanzierungskosten für Northern Rock – dem britischen Marktführer bei neuen Hypotheken – enorm in die Höhe und führte letztlich zu dem Engpass.

    Außerdem hat Northern Rock wie Branchenkollegen jahrelang Immobilienfinanzierungen an Investoren weiterverkauft. Die komplexen Finanzinstrumente haben so schillernde Namen wie Granite, Dolerite und Whinstone.

    Nach Informationen des SPIEGEL könnte die Krise bei Northern Rock auch deutsche Anleger und Banken treffen, da sich auch deutsche Fonds mit den großzügig verzinsten Papieren eindeckten. So halten etwa DWS-Fonds laut Halbjahresberichten Positionen von Granite. Allianz-Fonds investierten in Granite und Dolerite. "Diese Papiere leiden alle", sagt Dominique Linder, Experte für besicherte Wertpapiere bei der Allianz. Da Northern Rock für die verkauften Hypotheken immer noch die Abwicklung der Zinseinnahmen übernehme, "besteht nun bei Investoren die Angst, dass es dort zu Störungen kommen könnte".

    Auch Landesbanken wie die LBBW und die BayernLB dürften laut Insidern von der Northern-Rock-Krise betroffen sein. In ihren umstrittenen Investmentvehikeln, die außerhalb der Bilanz installiert wurden, stecken milliardenschwere Pakete mit verbrieften, britischen Hypotheken. Zur genauen Zusammensetzung will man aber weder in München noch in Stuttgart eine Stellungnahme abgeben.



    K O R R U P T I O N

    Siemens ist die Spitze des Eisbergs

    Volkswagen, Siemens, der sächsische Landtag: Wenn es um Korruption geht, herrschen in Deutschland offenbar Zustände wie in Palermo. stern.de sprach mit dem Korruptionsexperten Peter von Blomberg über korrupte Strukturen – und wie man ihnen begegnen sollte.

    Aus:
    STERN, Hamburg, 9. November 2007, ??.?? Uhr MEZ (Wirtschaft). Interview von KARIN SPITRA. [Original=602047.html]

    HAMBURG. Eigentlich könnte Siemens-Chef Peter Löscher stolz sein: In den knapp vier Monaten seiner Amtszeit machte das Dax-Schwergewicht erhebliche Fortschritte. Der Konzernumbau läuft nach Plan, er konnte gerade eine glänzende Bilanz vorlegen. Wenn, ja wenn da nicht der vermaledeite Schmiergeld-Skandal und dessen Folgen wären. So musste Löscher bekannt geben, dass sich die Höhe der "dubiosen Zahlungen", die inzwischen von Konzern-Ermittlern entdeckt wurde, verdreifacht hat: von bisher bekannten 449 Millionen Euro auf sagenhafte 1,3 Milliarden Euro. Grund genug, um mit Peter von Blomberg, dem stellvertretenden Vorsitzenden von Transparency Deutschland, über Korruption in Deutschland zu sprechen.

    Transparency International Deutschland e.V., oder kurz Transparency Deutschland, ist ein eingetragener Verein nach deutschem Recht, dessen Arbeit gemeinnützig und politisch unabhängig ist. Die Organisation widmet sich der Bekämpfung von Korruption in Deutschland und der von Deutschland ausgehenden Korruption. Transparency International arbeitet in über 100 Ländern und hat offiziell anerkannte Sektionen in über 70 Ländern.

    STERN: Hat Deutschland mit den Fällen VW und Siemens seine Unschuld verloren?

    Peter von Blomberg: Na, die Frage wäre eher, ob Deutschland jemals unschuldig war. Korruption ist ja nicht eine Erfindung der letzten Jahre. Im Gegenteil: Wir müssen davon ausgehen, dass mindestens die Auslandskorruption – zumindest früher – so lange stärker verbreitet war, so lange sie im Inland noch nicht verboten war.

    STERN: Das hat sich ja geändert...

    von Blomberg: Ja, seit 1999 gilt in Deutschland, wie in den anderen Industrieländern, als fundamentale Rahmenbedingung des Welthandels, das strikte Verbot der Auslandskorruption gegenüber Amtsträgern und ihrer steuerlichen Privilegierung. Seitdem kann in den Industrieländern die Auslandskorruption ihrer Exporteure auch im Inland verfolgt werden – wenn sie denn entdeckt wird. Das führt vermutlich dazu, dass die Korruption in der Breite sicher ein Stück zurückgegangen ist.

    STERN: Es gab also immer schon Fälle wie Siemens, sie wurden nur nicht entdeckt?

    von Blomberg: Ja, aber man hat vorher auch gar nicht versucht, zu entdecken. Vor 1999 hatte die Auslandskorruption die Staatsanwälte in den Stammländern der Exporteure gar nicht zu interessieren. Früher ist in so einem Fall, wenn man Bruchstücke von korruptem Verhalten entdeckt hat, gar nichts passiert.

    STERN: Und jetzt wird Siemens ein Einzelfall bleiben?

    von Blomberg: Nein. Siemens dürfte zwar in seiner Größenordnung ein Einzelfall sein und bleiben. Auch die Gesamtzahl der aufgedeckten Fälle von Auslandsbestechung wird wohl überschaubar bleiben, weil die Aufklärung von Korruption im Ausland mindestens genauso schwierig ist wie in Deutschland. Aber man sollte auch nicht glauben, dass die Auslandsbestechung seit 1999 zum Erliegen gekommen ist. Wir glauben aber, dass deutsche Exporteure immer häufiger auf Korruption verzichten, dass gleichzeitig die Aufklärung auch in anderen Ländern vorankommt und auch die grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Verfolgungsbehörden besser wird. Einstweilen ist aber jeder entdeckte Fall, auch Siemens, nicht mehr als "die Spitze des Eisbergs".

    STERN: Und die Korruption im Inland?

    von Blomberg: Im Inland hat sich die Rechtlage in einem wesentlichen Punkt geändert: Zugleich mit dem Verbot der Auslandsbestechung wurde die Bestechung zwischen den Angestellten privater Unternehmen verboten. Also: Der Verkäufer der Firma A besticht den Einkäufer der Firma B. Das war ein Delikt, das bis 1999 nur als unlauterer Wettbewerb geahndet werden konnte. Erst dann wurde es ins Strafgesetzbuch übernommen und kann seitdem auch mit einer Freiheitsstrafe geahndet werden. Fälle aus der Autoindustrie wie der zwischen BMW und einzelnen Zulieferern wären früher gar nicht auf den Tisch gekommen.

    STERN: Wieso hat man aber den Eindruck, dass es plötzlich mehr Korruption gibt?

    von Blomberg: Die Sensibilität dafür, was korrupt ist und warum es bestraft werden sollte, hat sich geändert. Die Aufmerksamkeit in den Firmen hat zugenommen. In der Bevölkerung hat sich die Bewertung der Korruption als eine schwere Straftat durchgesetzt und auch die Medien widmen dem Thema mehr Aufmerksamkeit. In diesem Kontext ist die Wahrnehmung eben die, dass die Korruption bei uns zugenommen habe. Aber dafür gibt es keine Belege. Auch das Gegenteil ist nicht belegt. Das Fazit lautet also: Die Korruption hat weder zu-, noch abgenommen, sie scheint auf hohem Niveau zu verharren.

    STERN: Was kostete der Siemens-Skandal bisher?

    von Blomberg: Der Schmiergeldskandal verursachte Siemens bisher Kosten von weit über 1 Milliarde Euro: Nachdem der Konzern bereits im Geschäftsjahr 2006 417 Millionen Euro an Steuern nachzahlen musste, fielen wegen neu entdeckter zweifelhafter Buchungenen weitere rund 340 Millionen Euro an. Im Oktober bekam der Konzern wegen der schwarzen Kassen dann noch eine Geldstrafe in Höhe von 201 Millionen aufgebrummt. Außerdem musste Siemens allein für die externen Ermittler und Berater im abgelaufenen Geschäftsjahr 347 Millionen Euro zahlen.

    STERN: Kann man den Schaden durch Korruption in Deutschland überhaupt beziffern?

    von Blomberg: Alle Zahlen sind doch spekulativ. Es ist bereits unklar, was im Einzelfall den durch Korruption verursachten Schaden ausmacht: Verteuerung durch Korruptionszahlungen, Schäden durch Qualitätsverlust, Vertrauensverlust? Und wir reden wiederum nur von den Fällen, die auch wirklich entdeckt und angezeigt werden. Das Bundeskriminalamt beziffert im "Bundeslagebild Wirtschaftskriminalität" den Schaden durch Wirtschaftskriminalität im Jahre 2005 auf 4,2 Milliarden Euro. Hierin ist Korruption nur eine Teilmenge. Andererseits schätzt der vormalige Staatsanwalt Schaupensteiner allein den jährlichen Korruptionsschaden in der deutschen Bauwirtschaft auf fünf Milliarden Euro.

    STERN: Ist Korruption in anderen Ländern genauso weit verbreitet?

    von Blomberg: Es zeigt sich ein sehr großes Gefälle. Transpareny veröffentlicht ja den CPI (Corruption Perception Index), der die Korruptionsanfälligkeit von öffentlichen Amtsträgern in über 150 Ländern bewertet. Danach steht Deutschland auf einem nicht so schlechten 16. Platz. Wir haben eine klare Werteordnung, wir haben passable Gesetze, wir haben unbestechliche Strafverfolger und Richter – solche Integritätssysteme sind nicht überall selbstverständlich. Dennoch müssen wir auch in Deutschland noch viel tun, um Korruption zurück zu drängen.

    STERN: Welche Strukturen ermöglichen so ein korruptes Verhalten?

    von Blomberg: Gelegenheit macht Diebe... In Politik, Wirtschaft oder öffentlicher Verwaltung können immer Konstellationen entstehen, in denen bestimmte Menschen berufliche und private Interessen vermengen – und sich so einen rechtswidrigen Vorteil verschaffen. Aber oft ist es auch das Unternehmen selbst, das sich durch die führenden Personen Vorteile verschaffen will. Wenn ein Unternehmen Korruption zum Bestandteil der Geschäftspolitik macht, dann findet dort auch kein Angestellter mehr etwas dabei. Eindeutige Verbote, Verhaltensregeln, Kontrollmechanismen und Sanktionen können aber erreichen, dass sich die Kultur im Unternehmen zu Gunsten der Integrität verändert.

    STERN: Künftig will Siemens jedes Jahr bekanntgeben, wie viele Mitglieder wegen Verstößen gegen interne Richtlinien abgemahnt oder entlassen wurden. Ist das hilfreich?

    von Blomberg: Das ist zumindest keine Selbstverständlichkeit. Die Deutsche Bahn veröffentlicht z. B. seit einigen Jahren jedes Jahr einen Bericht über aufgedeckte Korruptionsfälle. Man könnte sich sehr gut vorstellen, dass dies mittelfristig von Dax-Unternehmen übernommen wird.

    STERN: Gibt es eine Lehre aus dem Schmiergeldskandal bei Siemens?

    von Blomberg: Siemens hat in der deutschen Wirtschaft eine Welle produktiver Unruhe ausgelöst. Es ist in der Wirtschaft angekommen, dass Korruption für die Unternehmen ein hoch gefährliches Risiko ist, das durch keinen kurzfristigen Vorteil aufgewogen wird. Deshalb werden wir irgendwann vielleicht die Bilanz ziehen können, dass unsere Wirtschaft vom Fall Siemens viel profitiert hat.

    [25.06.2006: „Unsere Eliten sind dumm oder korrupt“]  (DER TAGESSPIEGEL)



    P R O V I N Z - P O L I T I K E R   O H N E   ( G E S C H I C H T S - )   D U R C H B L I C K

    Streit um Treitschke soll lehrreich werden

    CDU und Grüne legen gemeinsames Gedenkkonzept für Steglitz-Zehlendorf vor / [Ed: Grüne nach 25 Jahren übern Tisch gezogen]

    Aus:
    Der Tagesspiegel, Berlin, 15. November 2007, Seite 14 (Berlin). [Original=;art270,2420304]

    BERLIN-STEGLITZ (Tsp/wvb). CDU und Grüne haben sich in Steglitz-Zehlendorf auf ein Konzept zur Erinnerungskultur geeinigt. Die beiden Parteien, die in einer schwarz-grünen Zählgemeinschaft [Ed: eine Art Koalition] das Bezirksamt gebildet haben, entschärfen in dem Konzept den Konflikt um die Treitschkestraße in Steglitz. Deren Umbenennung war über Jahre [Ed: ziemlich genau 25 Jahre!] Gegenstand heftiger Streitereien zwischen der CDU und den Grünen im Bezirk. Im Bemühen um einen für beide Seiten tragbaren Kompromiss hatten sich CDU und Grüne vor Monaten schon darauf verständigt, den Park an der Treitschkestraße nach dem Widerstandskämpfer Harry Breslau zu benennen [Ed: man beachte die Doppeldeutigkeit des Namens und hm, war der wirklich Widerstandskämpfer...].

    Das Konzept, das die Fraktionen von CDU und Grünen nun vorlegen, vertagt eine Entscheidung über den Straßennamen auf das Ende der Legislaturperiode. Bis dahin soll der Namensstreit genutzt werden, um vor allem Schüler und Jugendliche für die Geschichte der NS-Zeit zu interessieren, wie die Grünen-Fraktionschefin Christa Markl-Vieto am gestrigen Mittwoch erklärte.

    35.000 Euro will sich der Bezirk das Gedenken zusätzlich kosten lassen. Das Geld soll für Veranstaltungen und für die Bildung eines "Expertenpools" ausgegeben werden, dessen Mitglieder Jugendliche über die deutsche Geschichte des vorigen Jahrhunderts informieren. Mit eigenen Veranstaltungen will der Bezirk in Zukunft an 5 Gedenktagen besonders erinnern. Dazu gehören der Holocaust-Gedenktag (27. Januar) und der 9. November mit seiner dreifachen Erinnerung an die Revolution 1918, die Judenpogrome 1938 und den Mauerfall 1989. Wichtig für das Gelingen des Konzepts sei, dass möglichst viele Bürger einbezogen werden, sagte Markl-Vieto.

    Am Ende der Legislaturperiode werde man dann sehen, ob die Treitschkestraße als Anlassgeber für die Befassung mit Geschichte dauerhaft tauge oder ob sie doch noch umbenannt werden soll, so die Grünen-Fraktionschefin. CDU-Fraktionschef Marc Wesser lobte das Konzept: Man habe den "größten gemeinsamen Nenner" formuliert. Und die CDU sei für die Umbenennung der Straße nach wie vor "grundsätzlich offen" [Ed: „nach wie vor“ – tja, und warum wurde dann die Treitschke Straße nicht schon vor 25 Jahren umbenannt?].



    L I T E R A T U R

    Wenn die Gier das Gehirn beherrscht

    Blutgier, Geldgier, Habgier, Raffgier: Was treibt Menschen an, die den Hals nicht voll bekommen, gegen Regeln verstoßen oder korrupt sind? Mehrere Autoren betreiben in diesem Herbst Ursachenforschung. Weil sie unterschiedliche Ansätze wählen, ergibt sich am Ende ein interessantes Psychogramm: Es ist das Bild eines Menschentyps, den niemand mag.

    Aus:
    Handelsblatt, Düsseldorf, 16. November 2007, Seite xx (Journal). [Original=xxx]

    DORTMUND (HB). Autoren wie der amerikanische Journalist Jason Zweig halten der Gesellschaft unverblümt den Spiegel vor. Sein Buch heißt „Gier“. Es beschreibt eine intellektuelle Bankrotterklärung. Wer bisher glaubte, er könne sich in Fragen der Geldanlage auf sein Gehirn verlassen, kommt ins Grübeln. Zweig bemüht Erkenntnisse der Neuroökonomie, einer jungen Wissenschaft, geboren aus Neurologie, Ökonomie und Psychologie. Er selbst habe sein Hirn immer wieder von Neuroökonomen untersuchen lassen, mit erschütternden Ergebnissen: „Der wissenschaftliche Konsens über meinen Schädel ist denkbar schlicht: Es herrscht Chaos darin.“

    Auf launige Weise betreibt Zweig exzellenten Wissenschaftsjournalismus. Sein Buch lässt ernsthafte Zweifel am Grundmuster des rational handelnden Menschen aufkommen. Unter Berufung auf die Neuroökonomie kommt er zu einer Reihe „grundlegender Lektionen“. So seien die neuronalen Aktivitäten eines Anlegers, der mit seinen Investitionen Geld verdient, nicht zu unterscheiden von denjenigen einer Person im Kokain- oder Morphiumrausch. „Nach zwei Wiederholungen eines Reizes – etwa dem Ansteigen eines Aktienkurses um einen Cent zweimal in Folge – erwartet das menschliche Gehirn automatisch, unbewusst und unkontrollierbar eine dritte Wiederholung.“ Der Verlust oder Gewinn von Geld sei nicht nur ein finanzielles oder psychisches Ereignis, sondern eine biologische Änderung, die tiefgreifende Auswirkungen auf das Gehirn und den Körper habe.

    Dieser Ansatz mag erklären, warum Börsianer unbewusst bestimmte Entscheidungen treffen. Aber was ist mit denen, die wissentlich über die Stränge schlagen. Die sich nicht an Regeln halten, frei von jeglicher Moral? Für diese Klientel gibt es einen Wertmaßstab: Ethik. Ein großes, häufig missbrauchtes Wort. Es wird im deutschen Kulturraum oft mit Gutmenschentum gleichgesetzt. Ethik ist weich, nicht kalkulierbar, wischiwaschi. Ethik spielt in Deutschland in der Liga der Moralapostel. Ein Fall für jene, die Wasser predigen und bei denen man nicht weiß, ob sie heimlich Wein trinken.

    Hans Leyendecker gehört zu denen, die Ethik ernst nehmen und sie greifbar machen. Er ist der profilierteste Deutsche unter den investigativen Journalisten. „Die große Gier“ heißt sein neues Buch. Ethik, schreibt er darin, sei eine notwendige Voraussetzung für Profit: „Mit unsauberen Geschäften wird (auf lange Sicht jedenfalls) kein Geld gewonnen, sondern viel Geld verloren.“

    Sein Buch ist ein Sammelband großer Korruptionsskandale der jüngeren Vergangenheit. Siemens, Infineon, VW – die Fälle sind bekannt, aber viele Details neu und in Handarbeit recherchiert. Es sind Fälle, mit denen sich nun die Gerichte befassen, so wie in Braunschweig, wo sich der frühere VW-Betriebsratschef Klaus Volkert und der einstige Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer seit gestern verantworten müssen. Bordellbesuche, Sonderzahlungen, Lust- und Luxusreisen. Brüder zur Sonne, zur Sause. Ein Protokoll deutscher Mitbestimmungsirritationen. Leyendecker fügt die Einzelteile zu einer beeindruckenden Gesamtkomposition zusammen – ein gedrucktes Kunstwerk zum Phänomen der menschlichen Gier.

    Aber er leistet noch mehr. Wer gegen Missstände kämpfen will, muss diese erst einmal kennen. Journalisten sind in einer Demokratie geeignet, diese Rolle zu übernehmen. Aber sie brauchen Informanten. Häufig sind es Mitarbeiter in Unternehmen, die Unregelmäßigkeiten öffentlich machen und damit auf dem schmalen Grat wandeln zwischen Verrat und Verantwortung, zwischen Verachtung und Verehrung. „Whistleblower“ nennt man diese Personengruppe. Menschen, für die Leyendecker mehr gesetzliche Absicherung fordert. „In Deutschland ist der arbeits- und dienstrechtliche Schutz für Whistleblower, die aufgefallen sind, völlig unzureichend“, schreibt er. Und damit wird die wichtigste Informationsquelle für Korruption, für Fehlverhalten von vornherein geschwächt. Ein starkes, überzeugendes Plädoyer.

    Den kompletten Gegenentwurf zur Gier-Fraktion präsentiert der Londoner Lifestyle-Journalist Neil Boorman. In einer spektakulären Aktion verbrannte er seine Habitat-Stühle, Calvin-Klein-Unterwäsche und Adidas-Schuhe. Werte von mehr als 30.000 Euro stiegen an einem Sommertag 2006 als Rauch in den Himmel. Die Feuerwehr am Finsbury Square im Londoner Osten bewachte das Spektakel. Boormans Buch „Good bye, Logo“, dokumentiert die Zeit vor und nach diesem Ereignis. Er beschreibt, wie er selbst neue Standards entwickeln muss, um Menschen zu beurteilen – jenseits von Markennamen. Es ist ein Aussteigerbuch. Boorman schreibt, als sei er auf Entzug. „Ich vermisse die Aufregung beim Einkaufen, den Glamour der Mode, den Luxus, Dinge mein Eigen zu nennen, die mir das Gefühl geben, etwas Besonderes zu sein.“ Boorman praktiziert die Anti-Gier. Er hat sich ein Jahr als Limit für seine Marken-Abstinenz gesetzt, um durchzuhalten. Mit Erfolg. „Ich bezweifle, dass ich je wieder unbefangen eine der ganz großen Marken anziehen oder in meiner nächsten Umgebung haben kann.“



    R E A L L Ö H N E

    Aufschwung ins Lohnminus

    Die Lohnabschlüsse sind so hoch wie lange nicht mehr – ein Großteil der Arbeitnehmer hat dieses Jahr aber nach Abzug der Inflation netto weniger in der Tasche. Wirtschaftswissenschaftler streiten sich: Darf man die Menschen in Zeiten des Aufschwungs derart frustrieren?

    Aus:
    Spiegel Online – 29. November 2007, ??.?? Uhr MEZ (nur elektronisch publiziert). [Original]

    HAMBURG. In der Zeitung wir der Aufschwung gefeiert, aber in der Haushaltskasse ist Ebbe: Allerorten ist von sagenhaften Wachstumsraten zu lesen – und von sagenhaften Tarifabschlüssen. "Größte Lohnerhöhung seit 15 Jahren", titelte die "Bild" im Mai, als die IG Metall für die Metall- und Elektrobranche Tariferhöhungen von 4,1 % herausschlug. Aus anderen Branchen wurden ähnlich gute Abschlüsse vermeldet. 3,6 % in der Chemischen Industrie, 3 % in der Druckindustrie, 3,5 % für die Gebäudereiniger. Doch das Gefühl, plötzlich im Luxus zu schwelgen, hat kaum jemand.

        Stundenlohn-Entwicklung seit 2000
    ^   Entwicklung der Stundenlöhne in Deutschland seit 2000 lt. Angaben des Statistischen Bundesamts.  
    Kein Wunder, warnt Gustav Horn von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Seinen Berechnungen zufolge werden die Bundesbürger übers Jahr gerechnet netto nicht mehr, sondern sogar weniger zur Verfügung haben als 2006. Zwar sind die Löhne 2007 im Durchschnitt um etwa 1,9 % gestiegen – gleichzeitig aber sind Lebensmittel und Energie sehr viel teurer geworden. Im November stieg die Inflation auf 3 %, der Jahresdurchschnitt wird Horn zufolge immer noch über 2 % liegen. Im Klartext: Tatsächlich können sich die Bürger mit ihrem Gehalt weniger leisten, auch wenn es auf dem Papier nach mehr aussieht: "Die Reallöhne sinken dieses Jahr um 0,3 % – ein rote Null", fasst Horn zusammen.

    So geht es seit Jahren. Laut Statistischem Bundesamt sanken die realen Nettomonatslöhne in Deutschland seit 1991 um insgesamt 5 %. Allein 2005 und 2006 mussten die Deutschen Einbußen von real 1,5 und 1,8 Prozent hinnehmen. Auch wenn aus der Statistik Einkommensteuerrückzahlungen oder geänderte Freibeträge nicht herausgerechnet wurden - Horn ist sicher: Die Zahlen zeigen in der Tendenz die frustrierende Realität.

    Selbst Hagen Lesch vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) sagt: "Es stimmt, die Reallöhne sind zurückgegangen in den vergangenen Jahren." Allerdings will er keine Alarmstimmung verbreiten: Oft würden bei der Einschätzung, wie stark die Reallöhne steigen oder sinken, die Monatslöhne und nicht die Stundenlöhne betrachtet. "Die durchschnittliche Arbeitszeit ist aber in den vergangenen Jahren zurückgegangen", sagt Lesch. Dann sinke natürlich auch die Bezahlung. Der Grund: Die Zunahme der Zeitarbeit, die Einführung von Ein-Euro-Jobs oder aber Tarifabkommen, die die Wochenarbeitszeit beschränken. "Das mag man beklagenswert finden, aber das ist ein anderes Thema." In seinen Prognosen für das nächste Jahr liegt Lesch aber trotzdem wieder nahe bei Horn: Es werde 2008 – wenn überhaupt – dann ein kleines reales Plus geben, sagen beide.

    Die Unternehmensberatung Mercer stellte auf Basis von Zahlen des Internationalen Währungsfonds (IWF) kürzlich ebenfalls eine Prognose für 2008 auf. Demnach werden die Löhne auf dem Papier in Deutschland im kommenden Jahr um 2,7 % steigen – die Inflation aber wird bei 1,6 % liegen. Bereinigt gibt das ein Lohnwachstum von 1,1 Prozent. Das ist mehr als Horn und Lesch voraussagen – aber im internationalen Vergleich immer noch ziemlich mies, wie aus der Studie hervorgeht: Der durchschnittliche Reallohnanstieg in Westeuropa wird demnach im kommenden Jahr bei rund 3,4 % liegen, weltweit werden es im Schnitt rund 1,9 % sein.

        Monatslohn-Entwicklung seit 2000
    ^   Entwicklung der Monatslöhne in Deutschland seit 2000 lt. Angaben des Statistischen Bundesamts.   [Die Entwicklung seit 1991]
    So ärgerlich für Arbeitnehmer die Lohnentwicklung ist, hat der Verzicht nicht auch sein Gutes? Einigkeit besteht unter Ökonomen darüber, dass die Lohnzurückhaltung der Deutschen in den Jahren der Krise angemessen war. Doch was, wenn der oft bejubelte Wirtschaftsboom an vielen einfach vorbeigeht? Horn ist der Überzeugung: Eine Volkswirtschaft, die die Arbeitnehmer derart wenig vom Aufschwung profitieren lässt, nimmt Schaden. Wer kein Geld in der Tasche hat, geht nicht einkaufen – der Binnenkonsum aber ist ein wichtiger Wachstumsfaktor.

    Der gestern bekannt gegebene Konsumklimaindex, den die Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) allmonatlich ermittelt, scheint ihm Recht zu geben: Die gestiegenen Energie- und Lebensmittelpreise haben den Deutschen die Einkaufslust verdorben und drohen dem Einzelhandel nun das wichtige Weihnachtsgeschäft zu vermasseln. Allerdings war die Einkaufslust im Sommer besonders groß – und das genau zu dem Zeitpunkt, als die Lebensmittel immer teurer wurden.

    IW-Ökonom Lesch ist sowieso überzeugt: Die moderate Lohnentwicklung auch in diesem und im nächsten Jahr ist aus wirtschaftlicher Sicht erfreulich. Denn nur so könnten Unternehmen mehr Gewinne machen, Jobs schaffen – denn der Zuwachs von Beschäftigung hat seiner Ansicht nach langfristig einen um ein Vielfaches größeren Effekt auf den Konsum als Lohnsteigerungen bei gleichbleibend hoher Arbeitslosigkeit.

    Dass zumindest die Rechnung, mehr Wachstum führt zu mehr Beschäftigung, noch aufgeht, bestätigen die heute veröffentlichten Arbeitslosenzahlen. Mit rund 3,38 Millionen Erwerbslosen beziehungsweise einer Quote von 8,1 % ist die Arbeitslosigkeit so niedrig wie seit 14 Jahren nicht mehr. So müsse es weitergehen, findet Lesch.

    Hinzu komme, dass die Arbeitnehmer im nächsten Jahr im Vergleich zu 2007 in verschiedener Hinsicht geschont würden, sagt Lesch: Keine Mehrwertsteuererhöhung wie in diesem Jahr, der Beitrag zur Arbeitslosenversicherung sinkt. Nach höheren Lohnabschlüssen zu rufen, ist dieser Argumentation zufolge falsch – egal was in der Zeitung steht.

    [18.09.2007: Zukunftskonto statt Lohnraub – Gewerkschaften nicht auf der Höhe der Zeit]  (khd-Page)



    Manager halten sich für ehrbare Kaufleute

    Gesetzliche Regelungen lehnt Bundestagspräsident Norbert Lammert ab. Der CDU-Politiker rät den Top-Managern in Deutschland jedoch zum Maßhalten. BDI-Chef Thumann will von zu hohen Bezügen aber nichts wissen.

    Aus: Stern, 22. Dezember 2007, ??.?? Uhr MEZ (Wirtschaft). [
    Original]

    BERLIN. Bundestagspräsident Norbert Lammert hat sich besorgt über die wachsende Kluft zwischen Managergehältern und Durchschnittseinkommen in Deutschland geäußert. "Das Problem besteht darin, dass die Proportionen aus dem Ruder geraten: Die Bezüge von Managern erhöhen sich spektakulär, während die Durchschnittsgehälter der Erwerbstätigen stagnieren", sagte der CDU-Politiker der "Bild am Sonntag". "Da darf man sich nicht wundern, wenn das Gerechtigkeitsempfinden der Menschen berührt ist."

    Eine gesetzliche Begrenzung von Managerbezügen lehnte Lammert allerdings ab. "Diese Frage kann von der Politik nicht überzeugend gelöst werden", betonte er. "Meine dringende Empfehlung richtet sich an die Wirtschaft selbst: Die Unternehmen sollten bei den Vorstandsbezügen mehr Fingerspitzengefühl zeigen."

    Mindestlöhne hält Lammert nach der Einigung bei der Post in weiteren Branchen für denkbar. "Die Koalition hat eine klare Vereinbarung getroffen, unter welchen Bedingungen das Entsendegesetz auf weitere Branchen ausgedehnt werden kann. Ich sehe keinen Grund, davon abzuweichen", sagte der Präsident.

    BDI wehrt sich gegen Kritik

    In einem Brief an 15.000 Unternehmer wehrt sich nach einem Bericht der "Bild"-Zeitung der Chef des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Jürgen Thumann, gegen Vorwürfe aus der Politik, die Manager-Gehälter in Deutschland seien zu hoch. In dem Schreiben heißt es: "Wir Unternehmer und Manager orientieren uns an klaren Werten. Moral lässt sich nicht in Zahlen gießen, aber wir folgen dem Leitbild des ehrbaren Kaufmanns."

    Thumann schriebt nach Angaben der Zeitung weiter: "Die große Koalition sollte sich von den Wahlkämpfen in den Bundesländern nicht auf den Holzweg führen lassen, Vorstandsvergütungen gesetzlich zu begrenzen." Der BDI-Präsident forderte die Unternehmer auf: "Lassen Sie uns gemeinsam klarmachen, wer in Deutschland Wohlstand und Wachstum erwirtschaftet: die vielen ausgezeichneten Unternehmen mit ihren hoch qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern."



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      Zum Teil 13

    © 2007-2009  – Dipl.-Ing. Karl-Heinz Dittberner (khd) – Berlin   —   Last Update: 15.12.2009 19.03 Uhr